Um die Erde: Eine Reisebeschreibung
Part 12
Der kleine japanische Ziergarten zeigt gewöhnlich einen ganz kleinen Teich, worin Goldfische und Schildkröten sich tummeln, einen brückenartigen Steg zu einem Inselchen, einen künstlichen Fels, eine Steinlaterne und wunderliche Künstelei in der Behandlung der Bäume und Sträucher, die theils zwerghaft gehalten, theils zu sonderbaren Gestalten gezwungen werden.
Unter den Blumen und Blüthengewächsen sind am beliebtesten die Pflaume, wilder Kirschbaum, Päonien, Fuji (Wistaria chinensis), Pawlonien, Azaleen, Lotos, +Chrysanthemum+. (+Kiku+, von dieser Blume stammt das Regierungswappen des Mikado, Kiku-no-hana-mon.)
Der +Versammlungsort+ ist Kojo-kan, das Haus des rothen Ahornblattes. Das letztere erscheint, gewissermassen als Wappen, allenthalben, sowohl an den Wänden, wie auf den Tellern, wie auch auf der zierlichen Tracht der aufwartenden Mädchen. Das ganze erste Stockwerk des Hauses, von dem aus man eine schöne Aussicht hat (auf den Hafen und die umgebenden Gärten, aber nicht auf den Berg Fuji) ist durch Fortnahme der hölzernen Zwischenwände in +einen+ ungeheuren Saal mit rings herumlaufender, offener Halle umgewandelt und mit +deutschen+ und +japanischen Fahnen+ (der rothen Sonne in weissem Felde) reich geschmückt. Es herrscht ein ungeheures Gewühl. Ueber 100 Aerzte sind zugegen, darunter die ersten des Landes. Zuerst kommt ein Begrüssungs-Saki und die Vorstellungen. Der Japaner liebt es hierbei, seine +Besuchskarte+ zu überreichen und die des Gastes entgegenzunehmen. Mein eigner Vorrath war bald erschöpft. Um nicht unhöflich zu erscheinen, liess ich durch einen meiner Zuhörer neue anfertigen, mit einer kurzen Unterschrift in japanischer Sprache, und dieselbe später den Theilnehmern des Festes übersenden.
Die +Festordnung+ war sehr reich und abwechselnd. Zunächst kommt ein +Schnellmaler+. Der Künstler breitet einen Bogen Seidenpapier von etwa 1 Meter Länge und ⅔ Meter Breite auf den Fussboden und malt mit wenigen Pinselstrichen und Farben zunächst einen Hirsch. Das ist ein Gruss für mich. Er beginnt mit einem Auge und dem Kopf, malt dann einen Fuss, den Stummelschwanz, zuletzt den Fussboden; er wird aber sehr gut fertig. Dann malt er einen Kranich, das ist der Glücksvogel. Hierauf einen Affen, einen Tiger; der letztere ist nicht ganz so naturgetreu, wie wir ihn heutzutage zu sehen gewohnt sind: offenbar fehlt dem Künstler die Anschauung des Thieres, das ja bekanntermassen in Japan’s Wäldern nicht vorkommt und auch nicht in Thier-Gärten gehalten wird. Dann folgt, was unerlässlich ist, eine Landschaft mit dem Berge Fuji. Endlich malt er mich selbst. Er hat wohl noch nie einen Europäer in Frack und weisser Binde, mit Klapphut in der Hand, gelben Lederpantofffeln an den Füssen, gemalt; trotzdem entledigt er sich seiner Aufgabe mit grossem Geschick, nur konnte ich das Gesicht nicht sehr ähnlich finden. Uebrigens stempelte er jedes Stück. Wie ich nachträglich erfuhr, ist er ein sehr berühmter Maler (+Kuboto Beisen+). Ich fand später zu Kyoto Kunstwerke von seiner Hand.
Die japanischen Maler kennen nicht die Perspective, sondern malen hockend Alles auf das liegende Papier aus einer Art von Vogelschau. Sie glauben, besser zu zeichnen, als die Europäer, und sind liebe- und geschmackvolle Naturbeobachter. Was sie leisten werden +mit Perspective+ und +Oel+malerei, entzieht sich heute noch unserer Beurtheilung.
Hierauf folgte das +Festessen+. Die Japaner nahmen in der landesüblichen kauernden Stellung ringsum an den Wänden Platz. Ich selber erhielt ein Kissen, um bequemer zu sitzen.
Die +Speisekarte+ für Jeden war wieder ein bemalter Fächer, worauf, unter deutscher und japanischer Flagge, der Hirsch und der Berg Fuji erschien. Die Zahl der Gerichte war ungeheuer. Ich musste reichlich in Saki Bescheid trinken. Ein Herr kommt mit dem winzigen Schälchen voll Reisschnaps und leert es auf das Wohl des Gastes; letztrer nimmt dies Schälchen, taucht es in ein kleines Gefäss voll Wasser, das vor Jedem steht, und hält es leer der knieenden Hebe hin, die es aus einem kleinen Fläschchen von Neuem füllt. Meine Freunde waren zufrieden, wenn ich nur daran nippte; nicht aber, wie es eigentlich der Brauch heischt, austrank.
Uebrigens erhielt ich auch europäische Gerichte sowie Bier und Rothwein.
Die +Festreden+ behandelten den Dank der japanischen Aerzte an die deutschen Lehrer der Heilkunde. Die +Musik+ war die übliche. Die +Tänzerinnen+ in prachtvoller Gewandung führten einen eigens für diesen Zweck erfundenen Flaggentanz aus, jede einzelne hatte eine deutsche und eine japanische Flagge an kurzem Stiel in den Händen; ferner einen echtjapanischen Fächertanz; endlich einen Tanz der Wäscherinnen, mit sehr kunstvoller Verschlingung von langen Leinwandtüchern.
Der +Taschenspieler+ war höchst geschickt und unterhaltend. Sein Gehilfe legte mir und meinen Nachbarn einen geschlossenen Kasten vor, gefüllt mit zahlreichen Fächern, von denen jeder mit einer andern Blume geschmückt war. Drei Fächer wurden gezogen, er bildete jedesmal aus gefärbtem Reismehlteig die entsprechende Blume mit Blättern. Dass er die Blume richtig errieth, war ja ganz hübsch; aber wunderbar fand ich die Schnelligkeit, mit welcher er eine gefüllte Aster mit allen grünen, gerippten Blättern ohne Werkzeug, lediglich mit seinen Fingern, bildete und an dem in einem Blumentopf befindlichen Stengel befestigte. Aus einem abgerissenen Stück Papier entwickelt er viele Ellen Band, ein Feuerwerk und ein lebendes Huhn. Aus einem kleinen Stück Malzteig bläst er eine ungeheure Hohlkugel und holt aus dem Innern derselben zehn brennende Papierlaternen heraus, eine nach der andern, jede folgende grösser, als die vorhergehenden, die letzte von 1½ Fuss Höhe. Und das Alles macht er vor uns, in dem Clubsaal auf der Erde hockend, mit der freundlichsten Miene und dem heitersten Geplapper, ohne besondern Apparat. In allen diesen „brodlosen Künsten“ sind uns die Japaner weit überlegen.
Um 7 Uhr empfahl ich mich, nachdem ich zuvor noch die zahlreichsten Einladungen erhalten.
Deutschland in Japan.
Der deutsche Arzt, welcher nach der zweiwöchentlichen Seereise über den stillen Ocean, wo er keinem einzigen Schiffe begegnete, seinen Fuss auf den Boden des japanischen Reiches setzt, sieht vor sich ein +liebliches Märchenland+, wo Alles ungewöhnlich und seltsam, aber in seiner Eigenart doch höchst +anmuthig+ und gefällig erscheint. Um so freudiger ist er überrascht, dass sogleich an sein Ohr der Laut der +Heimathsprache+ klingt, die er auf der Fahrt über den nordamerikanischen Continent und über den stillen Ocean nur selten vernommen. +Deutsch ist Lieblingssprache japanischer Aerzte.+
Von Deutschen vernahmen sie zuerst die frohe Botschaft einer neuen Heilkunde, die sie aus den verknöcherten Formeln ostasiatischer Grübelei erlöste. Deutsche Professoren wirkten und wirken zum Theil noch heute an ihrer Universität zu Tokyo. Deutsch sprechen deren japanische Nachfolger und Collegen. Deutsch lernt schon auf dem Gymnasium der zukünftige Student der Heilkunde; und glücklich wird von seinen Freunden gepriesen, wem es vergönnt ward, in Deutschland seine Studien zu vollenden. Deutsch spricht so mancher Generalarzt der Armee, nur die der Flotte ziehen das Englische vor. Mit der deutschen Lesefibel werden sogar diejenigen Soldaten unterrichtet, welche im Lazaret des rothen Kreuzes zu Heilgehilfen herangebildet werden sollen.
Ich werde meine Leser nicht ermüden mit einer Beschreibung der Festlichkeiten, welche auf Veranlassung meiner ehemaligen Zuhörer die japanischen Collegen mir gewidmet haben. Aber gegenüber der in Europa ziemlich verbreiteten Ansicht, dass der Japaner zu Hause rasch seine Gesinnung gegen die früheren europäischen Lehrer ändere, gebietet mir die Gerechtigkeit, anzuerkennen, dass, obwohl ich schon oft auf Reisen von ehemaligen Zuhörern und werthen Collegen Freundlichkeit erfahren, doch mein Empfang in Japan alles Frühere in Schatten gestellt hat. Allerdings hatte ich besonderes Glück. Zufällig war ich der erste Universitätslehrer aus Deutschland, welcher eine Vergnügungsreise nach dem fernen Reich der aufgehenden Sonne unternommen: so hatte ein Sonderausschuss sich gebildet, welcher in jeder japanischen Stadt mich empfing und geleitete. Auf diese Weise lernte ich Land und Leute, die heimische Kunst, sowie auch den Zustand der Heilkunde besser kennen, als es sonst dem gewöhnlichen Reisenden beschieden ist.
Auf dem ersten Festessen zu Tokyo, in Koyo-kan, dem Haus des rothen Ahorn, hielt mein ehemaliger Zuhörer, der Augenarzt Dr. +Miyashita+, eine Ansprache, deren ersten allgemeinen Theil ich hier, nach seiner eigenen Handschrift, mittheilen möchte.
„Hochverehrte Anwesende, liebe Freunde und Collegen!
Von Seiten des Comité’s der hiesigen Ophthalmologen ist mir ein ebenso ehrenvoller, wie angenehmer Auftrag zu Theil geworden. Ich soll im Namen des Comité’s unseren hochgeschätzten Collegen, Herrn Prof. +Hirschberg+, der uns heute durch seine Anwesenheit beehrt hat, begrüssen und willkommen heissen.
Gestatten Sie mir, wenn ich die geschichtliche Entwicklung der freundschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Japan in kurzen Worten schildere.
Unser Vaterland Japan war lange Zeit verschlossen. Erst seit dem Jahre 1854, wo wir mit den europäischen und amerikanischen Staaten Verträge geschlossen, ist der Verkehr mit den Fremden allmählich rege geworden. Vor dieser Zeit hatten allein die Holländer das Vorrecht, in Nagasaki vor Anker gehen und Handel treiben zu dürfen. Ohne Zweifel gebührt den holländischen Aerzten das grosse Verdienst, die damaligen Aerzte von Japan, welche theils der chinesischen, theils der altjapanischen Schule angehörten, aus dem tiefsten Traum aufgeweckt und ihnen ein ganz neues Heilverfahren in die Hände gegeben zu haben. Aber erst mit der Eröffnung der drei Häfen siedelten verschiedene Aerzte aus Amerika und Europa in Japan sich an. Damals hörte man bei uns noch sehr wenig von Deutschland und man glaubte, England, Frankreich und Holland seien die einzigen Länder, wo die moderne Medicin in voller Blüthe steht.
Mit dem bekannten Kriege von 1870-1871, den Deutschland glorreich erfochten, ist dieses mächtige Kaiserreich weit und breit bekannt geworden. Kurz darauf kamen zwei Doctoren aus Deutschland hierher, es waren +Müller+ und +Hoffmann+.[177] Nachdem diese Herren glänzende Erfolge gehabt, sah man ein, dass Deutschland in der Medicin mit an der Spitze steht. Darauf kamen verschiedene andere Aerzte aus Deutschland nach Japan, und die medicinische Facultät der Universität Tokyo wurde nach dem deutschen Muster reorganisirt. Wie viele jüngere Collegen fahren heutzutage Jahr aus Jahr ein nach Deutschland, die sich bald in diesem, bald in jenem Fache ausbilden wollen. Wohl giebt es jetzt keine einzige Universität in Deutschland, wo nicht ein Japaner gewesen war. Ueberall, wo wir nur hingehen, werden wir mit offenen Armen empfangen. Wie viele medicinische Werke sind aus dem Deutschen in das Japanische übersetzt, die so viel Nutzen gebracht haben! Genug, das Verhältniss zwischen Deutschland und Japan ist ein so inniges, wie es wohl sonst nirgends der Fall sein wird. Wir haben Deutschland sehr viel, unendlich viel zu verdanken.“ --
Am 23. September 1892 war eine Hauptversammlung der ophthalmologischen Gesellschaft anberaumt worden, im Hause ihres Gründers T. +Inouye+. Der letztere hat vor einigen Jahren eine Studienreise durch Europa gemacht und in Berlin einen längeren Aufenthalt genommen.
Die von ihm gegründete Gesellschaft zählt 200 Mitglieder, die ziemlich vollständig erschienen waren, und hat deutsche Vortragssprache, die allerdings im Munde einzelner Japaner rührend-kindlich sich ausnimmt, und natürlich auch deutsche Berichte, von denen bisher elf Hefte erschienen sind. Das letzte Heft enthält, ausser der Begrüssungsrede, verschiedene Vorträge, auch meinen eigenen +über Wundbehandlung in der Augenheilkunde+, den ich in dieser Sitzung auf Wunsch und nach Wahl der japanischen Collegen gehalten. +Mein Vortrag ist so fehlerfrei zu Tokyo gedruckt, wie ich es vielleicht in London oder Paris nicht hätte erzielen können.+
Die +Universitätskliniken+ besuchte ich unter freundlicher Führung des Herrn Collegen +Scriba+. Bei diesem Besuch der Krankenhäuser fiel mir gleich die hippokratische Vorschrift ein, dass der Arzt, der in eine fremde Stadt kommt, sowohl die Gegend als auch die Lebensweise des Volkes genau erforschen müsse, um die verbreiteten Krankheiten zu verstehen. Ich sah nämlich 1. solche Krankheiten, die bei uns gar nicht vorkommen; 2. solche, die bei uns ganz ausserordentlich viel seltener sind; 3. solche, die hier bei uns auch vorkommen, aber dort eine ganz eigenartige Gestalt annehmen.
Die chirurgische Klinik hat 100 Betten. Der Operationssaal harrt der Bewilligung für einen Neubau. Denn Japan ist neuerdings in die Reihe der Staaten eingetreten, die eine Verfassung und Volksvertretung besitzen.
Die innere Klinik wird von Prof. +Baelz+ verwaltet, der zur Zeit gerade nach Europa gereist war. Beiden zur Seite stehen noch japanische Professoren mit gleichberechtigten Kliniken. Die Frauenklinik, dereinst von unserem Berliner Collegen +Wernich+ begründet, steht unter einem Japaner. Ebenso die Augenklinik.
Die +Körnerkrankheit+ (Trachoma, aegyptische Augenentzündung) ist ziemlich verbreitet in Japan, auch im Innern, wohin Europäer kaum vorgedrungen; und +sicher nicht erst von den Europäern ins Land gebracht+. Es ist genau dieselbe Krankheit wie bei uns, wovon ich mich persönlich überzeugt habe. 14 Procent der Augenkranken, welche die Universitätsaugenklinik zu Tokyo besuchen, leiden an Trachom. Zu Nagasaki ist die Krankheit noch häufiger.
Bei dieser Gelegenheit möchte ich gleich beifügen, dass in den chinesischen Südprovinzen das Trachom bis auf 70 Procent der Augenkranken ansteigt; dagegen in Vorderindien ganz erheblich absinkt: nämlich auf etwa 6 Procent in Calcutta; auf 10 Procent in Bombay, wo ich aber einen grossen Zufluss aus Trachomgegenden, wie Bagdad und Persien, feststellen konnte; auf nahezu Null in Ceylon, trotz der so grossen Hitze und Feuchtigkeit.
Bei mir in Berlin sind es 4 Procent, darunter aber viele Ausländer, namentlich aus Russland, den slavischen Ländern und der Levante.
Die Klinik für Geisteskranke liegt, getrennt von der Universität, in einem Garten und enthält in verschiedenen einstöckigen Gebäuden 300 Betten. Sie wird von Prof. +Hasime Sakaki+ verwaltet, der ein Schüler meines Freundes +Mendel+ war und bei mir in gutem Andenken steht ob seiner Ausdauer und Geschicklichkeit im Anfertigen von Augenspiegelbildern.
Die Kranken werden mit +ausgesuchter Höflichkeit+ behandelt und benehmen sich auch recht höflich, mit vereinzelten Ausnahmen. Die Zellen für Tobsüchtige fand ich leer.
Eine ganz eigenthümliche Art japanischer Geistesstörung ist die +Fuchskrankheit+ oder Fuchsbesessenheit.[178] Nach einem alten, von China her eingedrungenen und weit verbreiteten Volksaberglauben kann der Fuchs in einen Menschen fahren.[179]
Befallen werden in Japan nur Weiber, hauptsächlich schwachsinnige, stark abergläubische, gelegentlich nach erschöpfenden Krankheiten, immer aber nur solche, welche jene Wahnvorstellung kennen und von der Wirklichkeit des Besessenseins überzeugt sind. Heilungen kommen vor, wenn die Kranke von der Möglichkeit einer solchen überzeugt wird; am tüchtigsten sind dazu die Priester der buddhistischen Nichiren-Secte.
An die Besprechung der Kliniken möchte ich einige Bemerkungen über die +Universität zu Tokyo+ anschliessen.
Meine Darstellung stützt sich auf den officiellen Kalender der Kaiserlichen Universität zu Japan für das Studienjahr 1891/92.
Die Universität hat vier Zweige: Heil-, Rechts-, Natur-Wissenschaft, Literatur.[180] Der Grundstock für die drei letzten war eine alte Schule der früheren Regierung (des Tokugawa Shogunat), nach der Wiederbelebung der Kaiserlichen (Mikado)-Herrschaft 1868 von dieser neugestaltet, sowie verschiedentlich verändert und verbessert. Die ärztliche Schule, gleichfalls einer älteren Einrichtung des Shogunat entsprungen, wurde 1876 mit den drei übrigen Facultäten zu einer Voll-Universität vereinigt, und die letztere dem Unterrichts-Minister unterstellt.
Die zahlreichen Aenderungen, welche der Neuerungsdrang von Jung-Japan geschaffen und zum Theil wieder vernichtet hat, kann ich nicht im Einzelnen verfolgen.
Es genügt hervorzuheben, dass die Lernzeit für die drei andern Facultäten je drei Jahre umfasst, für die Heilkunde aber vier Jahre, bevor der Titel eines Arztes (Igakushi) erlangt werden kann.
Die Studenten (auch die der Heilkunde) leben in besonderen Gebäuden[181] innerhalb des Universitätsbereiches und erhalten gegen eine geringe Zahlung (von ungefähr 10 Yen oder 30 Mark für den Monat) die vollständige Verpflegung. Auf Lehren und Lernen wird viel Zeit und Mühe verwendet. +Dem Professor bleibt wenig Musse für die Privatpraxis.+ Die Ferien betragen im Winter zwei Wochen, im Frühling eine Woche, im Sommer zwei Monate. Jährlich finden Prüfungen statt. Der japanische Student, der von Allen als geduldig, aufmerksam, gehorsam, fleissig gerühmt wird, ich möchte ihm auch noch das Beiwort geschickt zusprechen, +wird ausserordentlich strenge+ gehalten. Auf seinem Zimmer darf er weder geistige Getränke trinken, noch Tabak rauchen, und muss an Wochentagen Abends um 8 Uhr zu Hause sein. Aber in Japan steht man auch recht früh auf. Einer meiner Freunde beginnt seine Sprechstunden um 5 Uhr Morgens. Die künstliche Beleuchtung ist oft mittelmässig und zum Studium weniger geeignet; allerdings in den grösseren Städten des Landes trifft man schon elektrische Glühlampen, sogar in alten Klöstern von Buddhisten, die nicht so unduldsam sind, wie Manche in Europa.
Auf körperliche Uebungen legen die japanischen Studenten leider zu wenig Werth. Viele sind nicht bloss klein, sondern sogar von dürftiger Entwicklung der Muskulatur.
Lungenschwindsucht und Kurzsichtigkeit sind leider ziemlich häufig unter ihnen und werden durch das übertriebene Bücherlesen gefördert.
Dabei ist das japanische Volk in seiner Gesammtheit durchaus nicht schwächlich. Sie haben vor 300 Jahren in Osaka und an andern Orten die gewaltigsten Granitblöcke der Erde, die selbst den altägyptischen überlegen sind, zu Festungsbauten aufgethürmt; ihre Krieger (Samurai) waren voll Kühnheit und Todesverachtung und höchst gewandt in der Handhabung der Schwerter; die Wagen- (Jinrikisha-) Männer ziehen eine oder mehrere Stunden lang im Trabe ohne Athembeschwerden und ohne Ermüdung den Wagen mit einem Insassen von 150 Pfund Schwere und zeigen eine Entwicklung der Wadenmuskulatur, welche dem Bildhauer zum Muster dienen könnte; die Bauern tragen ungeheure Lasten, da sie nur wenige Zugthiere besitzen; die nackten Schiffer am Landungsplatz springen kühn in’s Wasser und befestigen ebenso geschickt wie kraftvoll das mächtige Tau des Dampfschiffes an der Boje. Aber die Studenten entstammen hauptsächlich den weniger starken Städtebewohnern. Um so freudiger ist der neu begründete Universitäts-Turnverein zu begrüssen.
22 Professoren wirken an der medicinischen Facultät zu Tokyo, darunter zwei deutsche, Dr. +Bälz+ für innere Krankheiten, Dr. +Scriba+ für Chirurgie.
Der Lehrplan ist ähnlich dem unsrigen, eher etwas reicher.
Das Staatsexamen ist im Wesentlichen nach deutschem Muster eingerichtet. Die Zahl der Studirenden der Heilkunde betrug im letzten Jahre 144, die aller Studirenden zu Tokyo 1373. Es giebt auch Wiederholungs- und Fortbildungskurse für praktische Aerzte, eine Berliner Einrichtung, welche sich über die ganze Erde verbreitet hat.
Ein Band von +Mittheilungen aus der medicinischen Facultät zu Tokyo+ und einer von den +Arbeiten der Kaiserlich militärärztlichen Lehranstalt+ ist 1892 zu Tokyo in deutscher Sprache erschienen.[182]
Obwohl die Lehrmittel zu Tokyo mit denen einer deutschen Universität nicht verglichen werden können, (nur das Krankenmaterial ist ausreichend, 346 Betten im ersten, 129 im zweiten Krankenhause, dazu 300 in der Irrenklinik,) so muss man doch billig staunen, was in einem einzigen Menschenalter geschaffen worden. Wie weit stehen z. B. die Medicinschulen zu Constantinopel und Cairo, die ich besucht, hinter der von Tokyo zurück! Und in China giebt es eigentlich gar keine, in der Heil+wissenschaft+ gelehrt wird. Dabei sind die Türken, Aegypter, Chinesen soviel längere Zeit schon in Verkehr mit Europäern. +Uebrigens lieben die Japaner gar nicht, mit den genannten Völkern zusammengestellt zu werden.+
Ausser den Universitäts-Krankenhäusern finden sich in der Millionstadt Tokyo noch zahlreiche andere. Die hauptsächlichsten habe ich besucht.
+Das Lazaret des rothen Kreuzes+, welches unter dem in der deutschen Literatur genügend bekannten und sehr liebenswürdigen Staatsrath, Professor und Generalarzt +Hashimoto+[183] steht, ist ausserordentlich reinlich und gut eingerichtet;[184] es gehört zu den besten, welche ich in Asien gesehen habe, und ist z. B. nach meiner Ansicht den englischen Universitätskliniken zu Calcutta entschieden überlegen, was ausdrücklich hervorgehoben werden soll gegenüber der bei uns so grossen Neigung zur Ueberschätzung englischer Einrichtungen.
Im Leichenhaus war gerade +Cursus der Stabsärzte+, nach deutschem Muster. Sectionen kommen in Japan nur selten vor, in Süd-China aber und vollends in Indien so gut wie gar nicht; die Leichen der Hindu müssen verbrannt, die der Mohammedaner und Juden begraben, die der Parsi von Geiern abgefressen werden; darüber wachen die Religionsgenossenschaften mit der allergrössten Sorgfalt und Peinlichkeit.
Auch das +Charitékrankenhaus+ (Sikeïn) zu Tokyo macht einen sehr günstigen Eindruck. Die dicken Strohmatten, welche in jeder japanischen Wohnung von der Hütte bis zum kaiserlichen Palast[185], den Fussboden vollständig auskleiden und die Stelle unsrer Betten, Sofa’s, Tische gleichzeitig vertreten,[186] (weshalb man ja auch seine Schuhe stets am Eingang des japanischen Hauses auszieht,) hat der thatkräftige Director vollständig und für immer verbannt; der hölzerne Fussboden blitzt nur vor Sauberkeit.
Ein eigenthümliches Krankenhaus ist das für die +Leprösen+. Die Aufnahme geschieht nicht durch gesetzlichen Zwang, sondern nach freier Entschliessung der Kranken, die mit Weib und Kind einziehen, wenn ihnen das Leben im heimischen Dorfe durch den Abscheu der Nachbarn unerträglich geworden. Jederzeit können sie wieder die Zufluchtstätte verlassen. Merkwürdigerweise sagte mir der Arzt, dass in Japan Uebertragung der Lepra von Mensch auf Mensch niemals festgestellt sei; aber in seiner eignen Inaugural-Dissertation[187] giebt er zu, dass Lepra contagiös sei, nur nicht so leicht und nicht so rasch, wie manche andre Krankheiten, anstecke; die angeborene erscheine selten vor der Pubertät.
Nur durch grosse +Zähigkeit+, wie vielfach bei anderen Gelegenheiten auf Reisen, setzte ich es durch, in +diesem+ Krankenhaus wirklich etwas zu +sehen+. Die Fälle, die mir schliesslich gezeigt wurden, waren fast alle, so zu sagen, erträglich. Sie sollten die Vorzüglichkeit einer specifischen Behandlung mit einem +Eucalyptus-+Präparat darthun. Ein Mann wurde mir gezeigt, dessen faustgrosse, schwärende Stirnknoten ganz rasch geschrumpft und vernarbt waren.