Um die Erde: Eine Reisebeschreibung

Part 11

Chapter 113,405 wordsPublic domain

Als am andern Morgen der Krieger zum Selbstbewusstsein seiner ehrlosen That kommt, ergreift er -- nicht das Schwert, sondern zunächst den Schreibpinsel, um seine Abschiedsworte in zierlicher Sprache der Nachwelt zu überliefern.

Jetzt muss ich noch erwähnen, dass das ganze Spiel von einem zwar nicht überlauten, aber durchaus eintönigen Guitarrengeklimper aus einem Verschlag rechts von der Bühne, begleitet wird. Aber bei bedeutenden Scenen setzen kräftigere Akkorde ein; jede hervorragende Person des Stückes hat sozusagen ihr Leitmotiv. Selbstgespräche aber werden nicht gesprochen, sondern durch Geberden dargestellt, während gleichzeitig aus einem Verschlag +links+ von der Bühne ein Sänger der gewissermassen den Chor des griechischen Theaters vertritt, in etwas meckernder Fistelstimme, dem geehrten Publico die Gedanken, Befürchtungen, Vorsätze des Helden auseinandersetzt und ferner seine eignen Rathschläge hinzufügt.

Dazu kommt noch bei besonders packenden Scenen ein lautes Geräusch von Holz-Klappern, ähnlich wie in buddhistischen Tempeln, und ein kurzes einsilbiges Beifallsgeheul des Publicums!

Nachdem also der Samurai unter Gesangbegleitung seine „Lebensabiturientenrede“ niedergeschrieben, ergreift er das Schwert, das scharfe, und setzt es -- nicht gegen die Brust, das ist nicht fein in Japan, sondern etwas tiefer; aber in demselben Augenblick stürzt der getreue Ekkehard herein, entreisst ihm das Schwert und holt einen Freund und Biedermann, der nach längerer Vermahnung aus eigenen Mitteln den Kassen-Fehlbetrag ausgleicht.

Soweit wäre nun Alles gut, und das Lustspiel zu Ende. Aber dann wäre Danyūro um seine Kraftleistung gekommen. Das Theater würde nicht ausverkauft sein. Also, der Samurai geht noch einmal in das Wirthshaus und fordert sein Geld zurück. Wirth, Frau und Mädchen behandeln ihn ausnehmend schlecht; sie leugnen Alles, sogar die Anwesenheit von Nummer vier, die er doch mit eignen Augen eintreten sah. Man behandelt ihn, wie einen unzurechnungsfähigen Trunkenbold, ja wie einen Betrüger. Wüthend geht er ab. Sein Fächer, den er vergessen, wird ihm auf die Strasse nachgeworfen! Diese Verletzung der japanischen Höflichkeit ist schlimmer, als ein Faustschlag ins Gesicht. Wüthendes Geschrei der Zuschauer, höchste Töne des Vorsängers, stummes Geberdenspiel des Helden auf dem Holzbrett, zwischen Sperrsitz und Logen. Schon will er zurückstürzen und blutige Rache nehmen. Aber er stösst das Schwert in den Gürtel und enteilt mit beflügelten Schritten.

Der Vorhang -- er fällt nicht, er steigt nicht; oben in Oesen befestigt, wird er von discret durchschimmernden Männern rasch von der Seite her vorgeschoben.[161] Er zeigte Riesenblumen im Wasser, nach altägyptischer wie neujapanischer Perspective, das Nebeneinander übereinander gestellt. Ein gutes Theater braucht den Vorhang nicht zu kaufen, er wird von Verehrern gestiftet.

Die Zwischenmusik ist jetzt zu Ende. Auch unser Abendessen, das uns in einem Nebenzimmer, allerdings unter harmlosem Zuschauen des ganzen ersten Ranges, aufgetischt worden, sogar mit Bier, welches die Japaner ganz gut zu brauen von Deutschen gelernt haben.

Es ist Nacht auf der Bühne. Der Samurai erscheint vor dem Wirthshaus. Unklar scheint, warum er nicht eindringt. Denn ein gewöhnliches Haus in Japan kann man fast mit einem Federmesser öffnen.

Aber nun kommt ein realistischer Kniff. Woher kann er wissen, dass die ganze Gesellschaft, die er so ingrimmig hasst, zu Hause ist? Er verbirgt sich hinter einem Brunnen; eine Magd kommt heraus und erzählt einem Nachbar, dass sie alle fröhlich beisammen seien. Nun hat der Samurai es gehört. Auf den Zehen schleicht er näher und zieht sein Schwert.

Jetzt werden wir vertraut mit einer neuen Eigenheit der japanischen Bühne. Der grösste Theil derselben ist eine Kreisfläche, die auf einem Zapfen sich dreht.[162] Bei der nunmehr folgenden Haupthandlung, wo der Samurai seine fünf Opfer (Wirth, Wirthin und Mädchen Eins, Zwei, Drei) erschlägt, und die Erregung des Publicums auf das höchste gesteigert ist, dreht sich die Bühne langsam um die Achse, so dass man jetzt den Krieger draussen sieht, dann drinnen und in den verschiedenen Gemächern. Der Würgeengel ist unerbittlich. Der Dichter auch. Nicht bloss wird Jeder der Fünf vor unsern Augen abgeschlachtet; sondern nach dem ersten Stoss oder Schlag, wobei das Blut vor unsern Augen fliesst, da die Schauspieler Gummiblasen mit rother Flüssigkeit in den Händen halten,[163] folgt noch das Bauchaufschlitzen und Halsabschneiden in der natürlichsten oder, wenn man diesen Ausdruck vorzieht, in der allerkünstlichsten Weise! Der Realismus feiert seinen höchsten Triumph. Das Knacken der Knochen bei Vertretern unsrer jüngsten Schule ist Kinderspiel gegen die anämischen Krämpfe des blutüberströmten, sterbenden Kneipwirths, dessen Darsteller offenbar im Schlachthaus erfolgreiche Studien angestellt hat.

Wir kommen zu der letzten Scene. Japan’s stärkste Seite ist die +Polizei+. Es ist vielleicht die gründlichste der Welt. Ein Mörder +darf+ nicht unentdeckt, nicht unbestraft bleiben. Da kommt die ganze Schaar, mit kurzen Schwertern bewaffnet. Es ist am steilen Flussufer in der Nacht. Aber der kühne Krieger ist ihnen entkommen. Er rudert kräftig sein Schifflein zum andern Ufer. Hier vollendet er sein Geschick.

Die ganze Scene ist sprachlos.

+Harakiri+ nennen es die Europäer. Er stösst sich das Schwert in den Leib, ein Blutstrahl spritzt heraus und färbt das Hemd tief dunkelroth, sein Gesicht verzerrt sich; er zieht das Schwert, wie man glauben möchte, aus dem Leib und zerschneidet kunstvoll seine linke Halsschlagader. Dann sinkt er ins Boot und stirbt den stolzen Kriegertod, unerreichbar der Wuth seiner Verfolger.

Jetzt schien mir das Stück wirklich zu Ende zu sein, nachdem ich, wie ich zu meiner Schande gestehen muss, schon zweimal vorher das Ende zu sehen geglaubt hatte. Der Sicherheit halber gehe ich hinter die Bühne und höre, dass es wirklich vorbei ist.

Das zweite, weniger erschütternde und mehr zeitgenössische Stück, worin eine Frau mit zwei Männern vorkam, habe ich nicht bis zu Ende gesehen; es war inzwischen 9 Uhr Abends geworden.

Ist nun das japanische Theater aus dem griechischen hervorgegangen, wie das unsrige? Wer weiss das zu beantworten? Meine japanischen Freunde sicher nicht. Und die Werke europäischer Gelehrten schweigen über diese Frage.[164]

Ein +gewisser+ Einfluss des +griechischen+ Drama’s auf das +indische+ ist nicht von der Hand zu weisen, darf aber [nach +Klein+,[165] gegen +Weber+] nicht überschätzt werden. Sendlinge der Buddha-Lehre sind dann als Culturträger von Indien nach China, von China nach Japan vorgedrungen. Kalidâsa, der Verfasser des auch uns bekannten indischen Drama’s Sakuntula, lebte im 3. Jahrhundert n. Chr.; über 400 Jahre später der Kaiser Hiuentsong, der Urheber des chinesischen Drama’s. Andrerseits fanden die spanischen Eroberer in Peru ein einheimisches geschichtliches Schauspiel vor, das +offenbar an Ort und Stelle+ entstanden war.

Jedenfalls hat +das japanische Drama[166] einen nationalen+ Ursprung in uralten religiösen Tänzen, die von Chorgesängen begleitet wurden. Im Beginn des 15. Jahrhunderts n. Chr. wurde durch den kunstliebenden Shogun Yoshimasa ein Fortschritt begründet: neben dem Chor traten zwei Schauspieler auf, die mehr in dramatischer Weise Theile der Dichtung vorführten und vortrugen. Diese Aufführung heisst +No+. Sie ist geschichtlich oder halbreligiös und in gewisser Beziehung dem ältesten Drama der Griechen nicht unähnlich. Scenerie ist nicht vorhanden, aber die Anzüge sind prachtvoll und von geschichtlicher Treue. Darum ist es ein kostspieliges Vergnügen der Grossen. Der letzte Mikado, der vor der Revolution in Kyoto Hof hielt und mit der Regierung des Landes nichts zu thun hatte, soll einen grossen Theil seiner Zeit auf das No-Spiel verwendet haben.

In Osaka bei Kyoto haben auch meine Freunde mir eine solche Aufführung veranstaltet, die der gewöhnliche Reisende nicht leicht zu sehen bekommt.

Drei Personen traten auf, der Held, die Prinzessin, ihre Dienerin, -- alle in der echten Pracht der alten Zeit, der Held mit einem Riesenschurz, die Prinzessin mit Riesen-Aermeln und Puscheln. Der kleinste Fehler in der Tracht würde den japanischen Kenner um jeden Kunstgenuss bringen. Unter der langsam feierlichen Musik kehrt der Held heim von seinem Siegeszuge. Er kam, er sah, er siegte über die Prinzessin, die vergeblich von der treuen Dienerin zurückgehalten wird. Erst bleibt der Held stolz, dann wird er weich und ergriffen, die Liebe triumphirt, und das glückliche Pärchen schreitet würdevoll nach dem Hintergrund. Hier wurden die weiblichen Rollen von Mädchen (Tänzerinnen) gegeben; wenn ich nicht irre, auch die eine männliche.

Es wird gewiss auch +inhaltreichere+ Stücke der Art geben; aber ich habe andere nicht gesehen.

Das +Volkstheater+ (Shibai oder Kabuki) nahm im 17. Jahrhundert n. Chr. seinen Ursprung aus jenen kleinen Lustspielen, welche die Reihe von 6-7 No-Aufführungen zu unterbrechen pflegten, -- gerade wie die alten Griechen auf die tragische Trilogie ein Satyrspiel folgen liessen.

Die Stücke sind entweder Geschichts- oder Sittenbilder.

Die beiden grössten Schauspieldichter[167] der Japaner lebten im 18. Jahrhundert und versuchten sich in beiden Arten; beide brachten die „Rache der 47 Knappen“[168] auf die Bühne. Im Volkstheater liebt man Scenerie und benutzt die Drehbühne, um zwei verschiedene Scenen unmittelbar auf einander folgen zu lassen. Das Volkstheater ist der einzige Platz, wo das +alte Schopf-Japan+ noch naturgetreu vorgeführt wird, und gleichzeitig das +heutige+ Leben des Völkchens, an den +Zuschauern+, studirt werden kann. Dass das japanische Theater sittenloser wäre als das unsrige, ist die vorschnelle Behauptung einer Unmöglichkeit.

Vor der neuen Verfassung waren die Schauspieler des No geehrt, die des Kabuki verachtet. Das hat sich jetzt auch geändert.

Ein Gastmahl und ein Fest im Clubhaus.

Auf eine wissenschaftliche Sitzung, die im Hause eines meiner Fachgenossen abgehalten wurde, folgte ein +Festmahl+. Die +Speisekarte+, welche jeder Gast erhielt, befand sich auf einem schön bemalten +Fächer+, der sinnbildlich den Namen des Gastes und des Wirthes (Sikayama = +Hirschberg+, Inouye = Ueber dem +Brunnen+), vereinigte. Wir sassen auf europäische Art an einer langen Tafel; auch die Frau des Wirthes, die zwar keine europäische Sprache verstand, aber, wiewohl schüchtern, so doch zierlich, ihr Glas gegen das unsrige erklingen liess. Es gab Fischsuppe, gefüllten Fisch, Lotos- und Lilienwurzel, Süssigkeiten, gebackene Vögel, Krabben, Polypen, Reis und noch vieles Andere.

Die Gerichte sind klein und zahlreich und werden jedem Gast besonders aufgetragen, immer mehrere zusammen auf einem lackirten Brettchen oder vielmehr +ganz niedrigen+ Tischchen (Zen) angeordnet. Ein volles Mahl besteht aus zwei bis drei Gängen (+Tischen+), und jeder Gang aus sechs bis acht Gerichten. Alles sieht sehr appetitlich aus, schmeckt uns aber weniger gut, als den Japanern. Auch können wir mit den zwei Ess-Stäbchen, die wie ein Storchschnabel oder eine Zange zusammenwirken, nicht geschickt genug umgehen, was bei unsern Wirthen harmloses Lächeln hervorruft. Gabeln, Messer, Löffel giebt es nicht. Suppe wird aus dem Tässchen getrunken, alles Uebrige ist so zerkleinert, dass die mit den zwei Ess-Stäbchen bewehrte Rechte es zum Munde führen kann. Unangenehm ist kein Gericht. Der +rohe Fisch+, ganz fein geschnitten und mit den Stäbchen in eine würzige Tunke getaucht, schmeckte mir besser, als -- eine lebendige Auster. Natürlich, in einem gewöhnlichen japanischen Gasthaus wird gerade +dieses Fisch-Gericht+ nicht so vortrefflich sein und alle die Verwünschungen verdienen, mit welchen es von europäischen und amerikanischen Reisenden überhäuft worden ist.

Getrunken wurde dazu Saki, der dünne japanische Reisschnaps, von dem es zahlreiche Arten giebt.

Doch will ich, zur Beruhigung wissenschaftlicher Seelen, die +Uebersetzung der Speisekarte+ beifügen, die Herr Tsurutaro Sengo, Lector des Japanischen an unserm Seminare für orientalische Sprachen, für mich anzufertigen die Güte hatte.

A. Der erste Tisch.

1) +Suimono+: (Suppe mit Tai-Fisch und Iwatake-Pilz).

2) +Kuchitori+, dessen Materialien: a) Wildes Geflügel, b) Krebse, c) Eier, d) Essbare Kastanien, e) Süsse Citrone.

3) +Sashimi+, dessen Materialien: a) Suzuki-Fisch, b) Aralia edulis, c) Junge Gurken. Gewürz: Meerrettig.

4) +Hachizakana+, dessen Material: Karei-Fisch, mit Gewürz, frischem Ingwer.

5) +Donburi+, dessen Material: Anago-Fisch.

6) +Mizubachi+, dessen Materialien: a) Namami-Fisch, b) Nori (Meerpflanze). Gewürz: Frischer Ingwer.

7) +Chawanmushi+, dessen Materialien: a) Geflügel, b) Krebse, c) Essbare Kastanien. Das Verbindungsmittel bilden Eier.

B. Der zweite Tisch.

8) +Namasu+, dessen Materialien: a) Akagai-Muscheln, b) Melonen, c) Iwatake-Pilz.

9) +Shiru+ (Suppe).

10) +Komono+, dessen Bestandtheile: a) Narazuke, Wurzel und Früchte, b) Misozuke, Wurzel und Früchte, c) Der grüne Salat (natürlich in japanischer Weise).

11) +Hira+, dessen Bestandtheile: a) Grosse Krebse (eine Art von Hummern), b) Shiitake-Pilz, c) Gemüse. Gewürz: Süsse Citronen.

12) +Choko+, dessen Material: Awabi-Muscheln.

13) +Tsubo+, dessen Materialien: a) Tai-Fisch, b) Essbare Kastanien, c) Eier.

14) +Hikimono+, dessen Bestandtheile: a) Tai-Fisch, b) Hummer, c) Hamaguri-Muscheln.

=Getränke:=

1) +Kamenotoshi+, } 2) +Shisoshu+, } 3) +Umeshu+, } 4) +Awamori+, } japanisch. 5) +Mirin+, } 6) +Jōrōshu+, } 7) +Irozakari+, } 8) +Hōmeishu+, } 9) +Champagner+, europäisch.

Der Uebersetzer bemerkt: +Alle+ vierzehn Teller stellen verschiedene Kocharten dar. Aber es ist unmöglich, dieselben zu erklären oder zu übersetzen. Es ist auch unmöglich, die Namen verschiedener Fische zu übersetzen. Es sind im Ganzen: a) Fünf Arten feinster Fische, b) zwei Arten Hummern und eine Art Krebs, c) drei Arten feinster Muscheln, d) zwei Arten Geflügel, e) Eier, f) zwei Arten feinster Pilze, g) essbare Kastanien, h) Melonen, i) junge Gurken, k) Aralia edulis, l) Nori (Meerpflanze), m) verschiedene Gemüse und Früchte, n) Gewürze, süsse Citronen, frischer Ingwer, Meerrettig etc. Ich möchte darauf aufmerksam machen, dass das Fleisch irgend eines vierfüssigen Thieres (sei es Kalb, sei es Rind, sei es Hammel, sei es Reh,) vollständig fehlt. Der Grund ist der, dass es bei uns nicht als feines Fleisch gilt. Es darf auf einem feinen Diner nicht vorgesetzt werden, es sei denn ein europäisches. Auch die in Europa ausserordentlich hoch geschätzten Austern und Lachse gelten bei uns nicht als sehr fein, obgleich sie manchmal auf den Tisch der vornehmen Leute gebracht werden. Uebrigens sind die Austern bei uns (insbesondere in den südlichen Provinzen) sehr billig und werden auch von den armen Leuten gegessen. --

Ergötzt wurden beim Gastmahl Aug’ und Ohr durch Musik und Tanz. +Musik+ ist nach +Montesquieu+ ein +angenehmes+ Geräusch; ein +unangenehmes+ aber wird es für den Europäer, wenn es von Einwohnern der andern Erdtheile verübt wird, seien es „Araber“ in Tunis oder Aegypten, oder Türken in Constantinopel oder Smyrna, oder Hindu, Singalesen, Chinesen, Japaner; seien es zum Tanz singende Rothhäute in den Vereinigten Staaten oder in Canada.

Die Japaner haben Musik seit uralter Zeit besessen, aber ihre jetzige mit Harfen, Lauten, Leiern (Koto), die mittels eines dreieckigen Elfenbeinstabes gespielt werden, Fiedeln, Flöten, Trommeln haben sie von den buddhistischen Priestern aus China erhalten; höchstens die Guitarre (+Samisen+), das Lieblingsinstrument der Sängerinnen, von dem spanischen Manila.

Für die Guitarre giebt es auch keine Noten, wie für die heilige Musik. Es besteht noch grosser Streit unter den Gelehrten, ob die Japaner fünf Töne haben (ohne Quart und Septime des Grundtones) -- wie „fünf Elemente“, oder unsre kleinere Tonleiter.

Einer meiner jüngeren Freunde, der mehrere Jahre in Europa gelebt, erklärte mir, dass er die Musik von +Richard Wagner+ für sehr schön halte, aber gleichzeitig für sehr schwer; und dass die japanische Musik seinem Ohr angenehmer klinge, wegen der langen Gewöhnung, gerade so wie ihm die japanischen Speisen besser schmeckten, als die europäischen.

Auf unserm Gastmahl wurde unter Harfenbegleitung von den Töchtern des Hauses und deren Verwandten und Freundinnen, kleinen Mädchen von 5-10 Jahren, die auf das prachtvollste mit geblümten Seidengewändern bekleidet und geschmückt waren, ein eigens für diesen Zweck erfundener und sorgsam eingeübter Geberdentanz aufgeführt. Soweit ich es verstehen konnte, war es ein Tanz von Fischerinnen, die am Gestade des Meeres den aus der Ferne gekommenen Gast begrüssten und unter Schwenken von Segeln und Netzen auf das freundlichste willkommen hiessen.

Von oberflächlichen Globetrottern ist die Meinung verbreitet worden, dass in Japan der Tanz nur von niedrig stehenden Mädchen geübt werde. Das ist ganz falsch. Erstlich giebt es auch wirkliche Künstlerinnen, die der gewöhnliche Reisende allerdings nicht so leicht zu sehen bekommt, da diese Veranstaltungen sehr kostspielig sind. Zweitens wird im Bannkreise des eignen Hauses, allerdings nur für die Angehörigen und Freunde, der +kunstgemässe+ Tanz von den Töchtern vorgeführt.

Nach dem japanischen Mittagsessen wurde mir noch ein europäisches vorgesetzt, mit Messer und Gabel und mit europäischen Weinen.

Wenn der Gast schliesslich seinen Wagen besteigt, so findet er als +Gastgeschenk+ einen zierlichen Korb vor, worin, gut zubereitet und höchst geschmackvoll ausgelegt, ein grosser Fisch und eine Languste, die Sinnbilder für Glück und langes Leben, sich befinden.

Natürlich bekommt der +gewöhnliche+ Japaner nicht ein solches Mittagsmahl, wie ich es soeben beschrieben. Er isst drei Mal am Tage, Morgens, Mittags, Abends. +Reis+ ist die Hauptsache. Deshalb heissen die drei Mahlzeiten Morgen-, Mittag- Abend-+Reis+, wie bei uns Morgen-, Mittag-, Abend-+Brod+.

Dazu kommen +Bohnen+ und andere Hülsenfrüchte[169], Hirse, Fisch[170], und +Früchte+. Unter letzteren sind besonders beliebt Rettig und Eierpflanzen (Solanum melongena), Dattelfeigen sowie Birnen, die sehr gut aussehen, von jedem Japaner höchst geschickt geschält werden, aber schlecht schmecken. +Brod+, +Butter+, +Käse+, +Milch+ fehlen; Eier werden genossen.

Jedem Japaner wird ein eignes, ganz niedriges Tischchen mit den Speisen vorgesetzt. Er kniet auf den Matten, trinkt die Suppe und isst die festen Speisen, die alle zerkleinert und sehr sauber hergerichtet sind, mit zwei Holzstäbchen, die er zwischen den Fingern der rechten Hand hält und geschickt wie eine Zange anwendet.

Die drei +Genussmittel+ der Japaner sind 1. +cha+ (Thee), ein leichter Aufguss, grün, lau, bitter; 2. +sake+ (Reisschnaps), dünn, nicht sehr berauschend, aber für uns nicht wohlschmeckend. Der Japaner ist im Räuschchen nicht unliebenswürdig. Die Sake-Steuer brachte 1889/90 an 14 Millionen Yen. Die Einführung unseres Bieres bewirkte einen Rückgang in der Sake-Erzeugung. (1885: 244 Millionen Gallonen, 1887: 128 Millionen.) 3. +tabako+, der im Anfang des 17. Jahrhunderts von den Portugiesen aus Manila eingeführt wurde, und aus Pfeifchen mit einem fingerhutgrossen Kopf geraucht wird, von Jung und Alt, Mann und -- Weib.

Der Europäer, namentlich der englische Rindfleischvertilger, verlässt das japanische Mahl zwar gefüllt, aber nicht befriedigt.

Die japanische Nahrung ist ärmer an Stickstoff (und besonders an Fett), aber doch reich an Kohlenstoff und ganz genügend, um davon gut zu leben, namentlich bei genügender Muskelthätigkeit. Die Kulis sind kräftig, die Mitglieder der höheren Classen aber schwach, da sie nicht hinreichend Bewegung haben.

In der +Ernährung der japanischen+ (und chinesischen) +Arbeiter+ spielt der Reis die hervorragendste Rolle; er macht nach +Scheube+ etwa 72 Procent der Gesammtnahrung aus und wird von der arbeitenden Classe zu 750-1050 g, nach Wernich zuweilen sogar bis zu 1400 g täglich aufgenommen. Daneben werden Gerste, Sojabohnen, Rüben, Rettig, Kartoffeln, aber auch Fische (zuweilen etwas Rindfleisch) genossen. Diese Kost bietet nach +Scheube+, +Kellner+ und Y. +Mori+ und, nach den neuesten Bestimmungen von R. +Mori+, +Oi+ und +Jhisima+[171] an der Truppenreiskost, 78-100 g Eiweiss, 10-17 g Fett und 335-620 g Kohlehydrat[172]. Dabei ist zu beachten, dass die Japaner kleine, meistens nur 42-58 kg schwere Leute sind!

Bei dieser vorwiegenden Reiskost ist die Leistungsfähigkeit der japanischen, wagenziehenden Kulis, wie bekannt, geradezu erstaunlich. +Scheube+ will an sich selbst die Erfahrung gemacht haben, dass er unmittelbar nach einer, vorwiegend aus Reis bestehenden Mahlzeit einen grösseren Marsch ohne Beschwerden ausführen kann, während es nach einer reichlich Fleisch und Fett enthaltenden Mahlzeit ihm nur viel schwerer und mit Unbehagen möglich sei. Er spendet daher dem leicht verdaulichen, den Darm wenig belastenden, ziemlich eiweissreichen Reis (7-8 Procent Eiweiss) ein hohes Lob und betont, dass im wesentlichen das Ueberwiegen dieses Nahrungsmittels in der Kost der japanischen Kulis die grosse Ausdauer derselben bei schwerer Arbeit bedinge. Allen Erfahrungen zufolge ist gut gekochter Reis leicht bekömmlich, belästigt nicht die Verdauungsorgane und wird sehr gut verwerthet.[173]

Dies Hauptnahrungsmittel, der +Reis+, wird in China seit 5000 Jahren angebaut und in Indien seit den ältesten Zeiten. Von China kam er nach Japan. Von Indien seit Alexander dem Grossen zu den Griechen.[174] (Der Sanscrit-Name vrihi ward iranisch zu brizi, daraus machten die Griechen oryza; dieses Wort liegt allen neueuropäischen Benennungen zu Grunde.) Aber erst die Araber brachten den Reisbau nach dem Nildelta und nach Spanien; seit 1530 wurde er durch die Spanier auch in Italien eingeführt, und 1701 auch nach Amerika (Carolina, Florida). Das Reisgericht herrscht von Florenz bis Pecking. 750 Millionen Menschen leben hauptsächlich von Reis, darunter unsere 40 Millionen Japaner: bis 70 Millionen hl. werden jährlich in Japan geerntet, 2 Millionen (in guten Erntejahren) ausgeführt. --

Am 24. September 1892 war das +Festessen+, welches die +Aerzte+ von Tokyo mir gaben. Von den Mitgliedern des Ausschusses werde ich Mittags abgeholt, alle sind auf das festlichste gekleidet, in ihrer volksthümlichen Tracht, ich selber natürlich in Frack und weisser Binde, mit Klapphut. Zuerst werde ich mit ihnen zusammen photographirt, einmal mit dem Ausschuss der Augenärzte; dann mit dem der praktischen Aerzte, doch finden die ersteren soviel Vergnügen an der Sache, dass sie ihren Platz nicht räumen und auch auf dem zweiten Bilde mit den andern zusammen erscheinen. Der japanische Künstler[175] macht seine Sache ausgezeichnet.

Danach besuchen wir den Shinto-Tempel +Shokonsha+,[176] der zum Andenken an die für die Sache des Mikado im Bürgerkriege gefallenen Soldaten 1868 errichtet ist.

Auf ein einfaches, aber gewaltiges Bronze-Thor (Torij) folgt ein gepflasterter Weg, zu beiden Seiten mit Laternen besetzt. Vor dem Eingang steht ein mächtiger Steintrog mit geweihtem Wasser, ein Opferstock zur Aufnahme der von den Frommen gespendeten Münzen, eine Glocke. Das Innere des Tempelhauses ist, nach strengstem Shinto-Brauch, ganz einfach und leer. Nur einige Schwerter und Schlachtenbilder sollen den Besucher in die weihevolle Stimmung vaterlandsliebender Erinnerung versetzen.

Daneben ist ein Garten, den die Japaner besonders schön finden. Ganz entzückt sind sie von einem Baum, dessen Laub gruppenweis zu erhabenen Schilden zusammengedrängt ist.