Um die Erde: Eine Reisebeschreibung
Part 10
Die +Römer+, gross als Staatenbildner, in der Kunst und Wissenschaft waren sie klein und unselbständig. Wie viel sie den Etruskern verdanken, können wir nur vermuthen. Aber bedeutend war sicher der Einfluss der Griechen von Unteritalien oder Grossgriechenland. Aeusserlich sieht der römische Tempel dem Laien fast ebenso aus, wie der griechische. Im Innern sind Unterschiede. Die Vorhalle ist grösser. Die Hinterhalle fehlt. Das Cultbild steht im Hintergrund des Hauptgemaches, unmittelbar davor der Altar.
Trotzdem +diese+ Eigenthümlichkeit auch in der altchristlichen Kirche des Römerreiches, der +Basilica+, auftritt, scheint die letztere nicht aus dem römischen Tempel hervorgegangen zu sein, sondern aus der römischen Gerichtshalle. Zwei Säulenreihen tragen das platte Dach und theilen den Raum in drei Schiffe; dann kommt der erhöhte Chor, der prächtig geschmückte Altar und in der nach +Osten+ gerichteten Nische das Bild der Verehrung. Wohl die herrlichste Basilica der Erde ist San Paolo fuori le mura im ewigen Rom.
Noch zwei Typen hat die christliche Baukunst geschaffen, den +centralen Kuppelbau+, für den im heidnischen Pantheon zu Rom ein Vorbild gegeben war, und den +gothischen Dom+. Den ersteren bewundern wir in der heiligen Sophia zu Constantinopel, den letzteren in unserem +Köln+.
Zweifellos ist die Kuppel ein Sinnbild des +Himmelsgewölbes+, während die kühn emporstrebenden Säulen des gothischen Domes und die Spitzbogen den Blick gewissermassen in eine +unergründliche+ Höhe emporlenken.
Die +Mohammedaner+ haben in der ersten Zeit sicher die Basilica nachgeahmt, wie in der Moschee des Amr zu Kairo (aus der Mitte des 7. Jahrhunderts n. Chr.) deutlich zu sehen.
Den Kuppelbau der heiligen Sophia zu Constantinopel haben sie einfach in eine Moschee +umgewandelt+: die prachtvollen Mosaiken übertüncht, da sie im Gotteshaus Bilder nicht dulden; ferner eine Gebetnische (Michrab) nach +Südosten+,[148] in der Richtung auf das Grab Mohammed’s, eingebaut, so dass jetzt alle Gebet-Teppiche auf dem Fussboden +schräg+ gegen die Hauptachse des Tempels verlaufen; sodann eine steile Kanzeltreppe (Mimbar) errichtet, und +vor+ dem Tempel ihre schlanken Spitzthürme (+Minaret+) erbaut, von deren Höhe der Muezzin mit wohllautendem Gesang die Gläubigen zu Gebet ruft.
Die Mohammedaner haben zu Stambul nach diesem Vorbild andre Moscheen erbaut, deren Kuppeln weit schöner sind, als die der heiligen Sophia. Aber den Gipfel der Vollendung erreichten die +Kuppel-Bauten der Grossmogul zu Agra und Delhi+, die dem Parthenon ebenbürtig zur Seite stehen und des grossen Vortheils sich erfreuen, dass sie ziemlich unversehrt auf unsere Tage gekommen sind.
Voll dieser Gedanken, die ich am ersten Abend zu Nikko, nach dem ersten vorläufigen Besuch der Tempel, in meinem Tagebuch verzeichnet, trat ich am nächsten Morgen den Weg an zur genaueren Besichtigung.
Ob die Japaner +Religion+ besitzen, darüber lass’ ich die Gelehrten streiten. +Tempel+ haben sie; ihre schönsten in Nikko,[149] die Grabestempel der göttlich verehrten Herrscher. +Sie weichen wesentlich ab+ von den vorher geschilderten der andern Völker. Aber +Natur und Kunst+ haben die Japaner hier geschmackvoll vereinigt, um den +Eindruck des Feierlichen+ hervorzurufen.
Schon durch die meilenlange, zu beiden Seiten mit Cryptomerien besetzte +Zugangsstrasse+ wird die Aufmerksamkeit des Pilgers gefesselt und auf das Kommende vorbereitet.
Am oberen Ende des Dorfes liegt +Mihashi+, eine lebhaft roth lackirte Holzbrücke, welche, auf Steinpfeilern ruhend, den 40 Fuss breiten Fluss (Daiya-gawa) überspannt und den kundigen Wandrer an das Wunder mit Shōdo-Shōnin erinnert, um so mehr als sie zu beiden Seiten durch Gitter für +gewöhnliche Sterbliche+ stets verschlossen ist. Hundert Fuss flussabwärts findet man die +gangbare+ Brücke und kommt über dieselbe in die +heilige Strasse+. Dieselbe führt, tief eingeschnitten, so dass die Wurzel-Enden der mächtigen Bäume in der Höhe unseres Hauptes liegen, durch einen Cryptomerienhain, der von wunderbarer Schönheit und, weil besser gehalten, noch eindrucksvoller ist, als der berühmte Cypressenhain von Skutari.
Vorbei an einem Kloster und einer 42 Fuss hohen Kupfersäule mit dem Tokugawa-Wappen, erreicht man den Eingang zum +Mausoleum des Jeyasu+.
Eine breite Treppe zwischen zwei Cryptomerien-Reihen führt hinauf zu einem Steingatter (Torij) von 27 Fuss Höhe und 3½ Fuss Dicke der Säulen. Sowie man eingetreten, erscheint zur Linken ein höchst anmuthiger fünfstöckiger Thurm (+Pagode+),[150] der in lebhaften Farben prangt, 104 Fuss emporsteigt und oben 18 Fuss Seitenlänge hat. Rings um den ersten Stock sind, wie gewöhnlich, bemalte Holzschnitzbilder der chinesisch-japanischen zwölf Zeichen des Thierkreises.
Ein gepflasterter Weg führt zum +ersten Thor, Ni-o-mon+, d. h. Thor der beiden Könige. Doch sind diese „Schutzgeister“ aus ihren Nischen entfernt und durch zwei Fabelthiere ersetzt. Höchst kunstvolle Schnitzereien schmücken diesen Holzbau: Tapire, die als Zauber gegen Pestilenz gelten, Einhörner und andere Ungeheuer, Löwen und sehr gut ausgeführte Tiger.
Jetzt folgt der +erste Hof+ mit drei lebhaft gefärbten, hübschen +Schatzhäusern+, worin heilige Geräthe und Andenken vom grossen Jeyasu aufbewahrt werden. An dem einen sind bemalte Reliefs, Elephanten mit falscher Beugung der Hinterbeine. (Ein lebendiger Elephant war gewiss eine grosse Seltenheit in Japan.) Links vom Thor steht, innerhalb eines Steingitters, eine stattliche +Fichte+, dieselbe, welche Jeyasu, als sie kleiner war, stets in einem Blumentopf mit sich zu führen pflegte. Daneben befindet sich der (ehemalige) +Stall+ für die heiligen weissen Pferde, welche die Wagen der Götter an den Festtagen zu ziehen hatten. Ueber dem Thor sind drei bemalte Holzschnitzereien, +Affen+, welche mit ihren Händen den Mund, andere, welche die Ohren, noch andere, welche die Augen zuschliessen.
Sie werden wohl die Affen der drei Länder (Japan, China, Indien) genannt, bedeuten aber sinnbildlich die Enthaltsamkeit von Lügen, Verläumdungen, Begehrlichkeiten.
Ein schön überdachter, mächtiger, ausgehöhlter Granitwürfel dient als +Weihwasser-Becken+ und ein Gebäude daneben enthält eine achteckige Dreh-+Bücherei+ mit der vollständigen Sammlung der buddhistischen Schriften.
Ueber eine kleine Steintreppe gelangen wir empor zu einem +Vorhof+. Hier stehen +Huldigungsgaben+ der Lehns-Staaten: ein Bronzecandelaber vom König von Loochoo (Riukiu), eine grosse Glocke vom König von Korea, von demselben eine Riesenlaterne, von den Holländern ein etwas schäbiger, werthloser Candelaber. 118 Laternen, zum Theil von grosser Schönheit, haben die Daimio gestiftet.
Eine weitere Treppe führt empor zu dem +zweiten Thor+ (Yomei-mon). Dieses ist von wunderbarer Schönheit -- „und doch bloss ein Thor.“ Die Säulen sind weiss, mit geschnitzten geometrischen Figuren. Die letzteren kehren die Concavität nach oben; aber auf einer, jenseits des Thores, -- +nach unten+, um den Neid des Himmels abzuwenden. In den äusseren Nischen stehen mit Pfeil und Bogen bewaffnete Helden, in den inneren Unthiere, oben sieht man Einhörner, Drachen, Balcone mit Putten und mit weisen Chinesen. Das weit ausladende Dach hat anmuthige Formen.
Rechts und links von dem Thor erstrecken sich lange Gänge, deren Aussenwände mit naturgetreuen, bemalten Schnitzereien von Vögeln, Bäumen und Blumen geschmückt sind. Durch ziemlich einfache Innen- und Zwischenwände hat man eine Reihe von Gemächern für genügsame Priester geschaffen. +Ich+ sah aber hier einen +japanischen Maler+ eingerichtet, der in vollkommen richtiger Perspective und sehr naturgetreu +Oelbilder+ dieser klassischen Stätte für die Weltausstellung in +Chicago+ anfertigte. Auf Befragen gab er an, dass er nie einen europäischen Lehrmeister gehabt.
Der +zweite Hof+, den wir nunmehr betreten, enthält zur Rechten ein Gebäude zum +Verbrennen+ des duftenden, heiligen Cedernholzes und eines für den +heiligen+ Tanz. Ich sah den letzteren und merkte es nicht: eine Jungfrau, mit Fächer und Klapper, ging, sich neigend und beugend, auf einer niedrigen Bühne auf und nieder. Links ist ein Gebäude mit den +heiligen Wagen+, die im Festzug am 1. Juli umhergeführt werden, wenn (nach der Annahme) die göttlichen Seelen von Jeyasu, Hideyoshi und Yoritomo darin verweilen.
Geradeaus kommt man an den eigentlichen +Tempelbezirk+, der von einem niedrigen Gitter (mit schön geschnitzten Vögeln) umgeben ist. Hinein führt ein Thor aus chinesischen Hölzern mit eingelegter Arbeit.
Der Tempel hat ein prachtvolles Dach mit geschnitzten Drachen als Stützbalken. Der Innenraum (haiden) misst 42×27 Fuss, mit einem Nebenraume zu jeder Seite. Die Wände sind aus Goldlack mit farbigen Figuren in blau, roth und gold. An den Thürpfosten sind dicke Säulen von Lack, an den Wänden Gemälde von Einhörnern und Adlern auf Goldgrund, die Decke cassettirt mit Drachenfiguren. Man steigt einige Stufen hinab und sieht vor sich eine Treppe, und jenseits derselben eine goldige Thür, welche die Kapelle mit den heiligen Bildnissen -- verschliesst.
Der Tempel ist prachtvoll und feierlich, besonders in dem beliebten Halbdunkel. Fällt dann ein Sonnenstrahl durch die Spalten der Fenstervorhänge (aus Bambusstäben und Seide), so beleben sich die Farben auf das anmuthigste.
Wunderbar ist der +Zugang zu dem Grabmal+. Erst kommt man an ein Thor, mit dem vorzüglichen und von den Japanern hochgepriesenen Schnitzwerk einer schlafenden +Katze+ (von +Hidari Jingorō+) und steigt empor über eine feierliche Steintreppe, 240 Stufen, von Moos bewachsen und überschattet von geradezu herrlichen Cryptomerien. Das +Grabmal+ selbst ist eine kleine Pagode aus heller Bronze, davor steht (auf einer Schildkröte) ein Bronzekranich[151] mit einem Leuchter im Schnabel und ein Bronze-Lotosblumentopf, alles umgeben von einem Steingitter.
Etwas weiter liegt das +Grabmal+ des +Jemitsu+, des dritten Shogun aus der Tokugawa-Familie († 1651).
Wieder sind drei durch Höfe geschiedene Thore vorhanden. In den inneren Nischen des zweiten steht der Gott des Windes mit einem Schlauch[152] und der Gott des Donners mit Hantel-ähnlichen Trommelstöcken.
Sowie man durch das dritte Thor getreten, erscheint ein liebliches Landschaftsbild, der bis oben hin bewaldete Hügel des Grabmals. Halle und Kapelle sind weniger prächtig als die des Jeyasu, das Grabdenkmal ähnlich.
Der Zutritt zu dem Tempelbezirk ist +bequem+. Man ersteht eine Einlasskarte für 35 Sen. Die Japaner lassen ihre Schuhe beim ersten Gitter und miethen sich für eine kleine Münze ein +heiliges Paar+ Holzschuhe, das allein würdig ist, diesen Weg zu betreten. Das Innere der Kapellen ist natürlich nur nach dem Ablegen der Stiefel oder nach dem Ueberziehen von weissen Leinwandschuhen zugänglich. In dem Tempelbezirk darf nicht geraucht werden. --
Nachmittags machte ich in Jinrikisha (mit zwei Mann) einen Ausflug nach dem +Urami-ga-taki+ oder Hinten-Schau-Wasserfall. Leichter als bei dem Niagara, aber mit demselben fragwürdigen Genuss, kann man zwischen Felswand und den 50 Fuss hohen Wassersturz treten. Weit schöner sieht der Fall von vorn aus. Die vorsorglichen Japaner haben ein niedliches Theehaus in die Felsblöcke eingenistet. Bewunderungswürdig ist die Geduld und das Geschick der Wagen-Männer oder -Jünglinge. Sie keuchen und feuern sich gegenseitig an, klagen aber nicht. Steigt der Europäer aus, dem es unangenehm ist, dass Mitmenschen für ihn so sich plagen; so leiden sie das nicht lange und laden sehr bald mit freundlicher Geberde zum Einsteigen ein. Sie stützen den Schwerpunkt des Wagens, verhüten das Umfallen, leiten ihn sanft über Steine und kleine Abgründe. Kein Ponny würde den Wagen über diesen Weg befördern.
Auf dem Rückweg besuchen wir +Kamman-ga-fuchi+, wo über den Stromschnellen auf einem anscheinend unnahbaren Felsen ein Sanscrit-Wort (Hammam) eingemeisselt ist, -- +angeblich+ durch den heiligen Kobo Daishi, der seine Feder gegen den Fels schleuderte. Am Ufer stehen Hunderte von Amida-Bildsäulen, die +angeblich+ kein Mensch richtig zählen könne.
Der Aberglauben ist etwas +einförmig+, auch -- in Japan. Doch +lächeln+ die Japaner über den ihrigen, auch die gewöhnlichen Kulis.
Nachdem ich noch zum dritten Mal die Tempel besucht, -- die Priester schüttelten schon den Kopf über den hartnäckigen Fremdling, -- fuhr ich nach Tokyo zurück und machte am folgenden Tage den +zweiten Ausflug+, nach +Miyanoshita+.
Da dies nur eine „schöne Gegend“ ist, südwestlich von Tokyo, nicht weit von dem 12000 Fuss hohen, ruhenden Vulkan Fuji, ohne erhebliche Besonderheiten und namentlich ohne Alterthümer; so will ich mich ganz kurz fassen. Von Tokyo fährt man mit der Eisenbahn über Yokohama nach Kozu. Von hier mit der Pferdebahn weiter nach Odowara und Jumoto (1 Stunde). Mein Führer, den ich leider noch hatte, behauptete, es schicke sich nicht für mich, im gewöhnlichen Pferdebahnwagen mit dem Volk zusammen zu sitzen, und miethete für mich einen besonderen Wagen. Doch zeugte der Preis (1½ Yen) von japanischer Genügsamkeit.
+Odowara+ war früher Sitz der Hojo-Familie, im Jahre 1590 wurde ihre Macht durch den Taikō Hideyoshi gebrochen. Als sie in ihrem festen Schloss zu Odowara endlos darüber beriethen, ob sie angreifen oder auf Vertheidigung sich beschränken sollten, überfiel Hideyoshi das Schloss und nahm es durch einen Handstreich. Daher ist bei den Japanern die +Odowarasitzung+ sprichwörtlich geworden.
Von Yumoto bringt die Jinrikisha den Reisenden durch eine romantische Schlucht bergaufwärts nach +Miyanoshita+. Das beste Gasthaus ist +Fuji-ya+.
Mein Führer behauptete aber, wir müssten nach +Nara-ya+. Das Haus war auch gross, aber ganz leer. Ausser mir waren nur zwei Parsi und ein nervenkranker Engländer da, und -- zahlreiche +Ratten+, die man Nachts über der Decke nur allzu deutlich hörte.
Da ich den Wunsch äusserte, einen von den berühmten Spaziergängen kennen zu lernen, brachte mich mein Führer in ein nasses Bambusdickicht, um dem Fremdling bündig zu beweisen, dass man in Japan nicht -- zu +Fuss+ gehen soll.
An einen Ausflug nach dem Hakone-See war wegen des Regens, an eine Besteigung des Fuji ebendeswegen und wegen der vorgerückten Jahreszeit gar nicht zu denken. Berge, Seen und Wasserfälle hatte ich in Europa schon oft genug und mit grösserer Bequemlichkeit betrachtet. So kehrte ich denn baldigst nach Tokyo zurück, wo die Zeit der Feste für mich anhob.
Der dritte Ausflug ist der nach +Kamakura+ und +Enoshima+. Kamakura, südwärts von Yokohama,[153] an der Sagami-Bucht gelegen, ist jetzt ein Dorf, mit Sommerwohnungen für die Europäer von Yokohama; einst war es die mächtige Hauptstadt von Ost-Japan.
+Yoritomo+ (1192 n. Chr.), der Schöpfer des Shogunats und der Feudalverfassung, die bis 1868 angedauert, verlegte den Sitz der Regierung hierher. Hier wurden die Gesandten des Mongolen Kublai Khan, die Unterwerfung Japan’s gefordert, enthauptet. In der Blüthezeit des Mittelalters soll die Stadt über eine Million Einwohner gezählt haben. Die Gründung von Yedo (1603) versetzte ihr den Todesstoss.
Die Sehenswürdigkeit von Kamakura ist +Dai-butsu+, der grosse Buddha. Auf einer riesigen Lotosblume sitzt der beschauliche Weise von 49 Fuss Höhe, aus Bronze gegossen,[154] seit dem Jahre 1252 n. Chr. und hat den Tempel lange überdauert, der einst ihn überdachte, aber 1494, also kurz nach der Entdeckung Amerika’s, durch eine Springfluth zerstört wurde. Diese Bildsäule soll die wahre Idee des Buddhismus am reinsten darstellen, nämlich die geistige Ruhe, welche hervorgeht aus Erkenntniss und Bezwingung der Leidenschaften.
Jedenfalls ist es die beste Bildsäule von Shaka, die +ich+ zu sehen bekam. Aber seltsam berührt uns doch die Weisheitswarze auf der Mitte der Stirn und das verlängerte Ohrläppchen.
In Japan trägt kein Mensch Ohrringe; in Indien, woher die Grundform Shaka’s stammt, alle, Männlein und Weiblein; es giebt auch dort keine kleinen, einige sind aber grösser und die entsprechenden Ohrzipfel bedeutend länger.
Das Reisebuch sagt, dass die stille Grösse des Bildwerkes erst bei wiederholtem Besuch empfunden werde. Das ist möglich, aber für uns gleichgiltig, da wir nicht wiederkehren können. Jedenfalls sind solche Bildsäulen für den Reisenden lohnender, die man nur zu +betrachten+ braucht, um sie zu verstehen und zu +bewundern+.[155]
Weit schöner, als der Daibutsu, ist in dem benachbarten Tempel der Kwannon eine sitzende Bronzefigur aus dem 15. Jahrhundert, in kaum halber Lebensgrösse: wenn man von den halbgeschlossenen, etwas schläfrigen Augen absieht, könnte man sie für das Werk eines Griechen halten. Die vergoldete Riesen-Bildsäule der Göttin selber (von 30 Fuss Höhe) lohnt kaum das Ansehen und das Trinkgeld an den Priester. Desto schöner ist die Aussicht von dem ragenden Tempel über das Gestade und das Meer. Auch in diesen friedlichen Gefilden waren kriegerische Uebungen. Japanische Soldaten, die etwa so aussahen wie deutsche Rekruten in nicht passenden Uniformen und mit falschen Mützen, ruhten gemächlich vor einem Theehaus und schäkerten mit den Mädchen.
Die liebliche, immergrüne Insel +Enoshima+, seit alter Zeit der +Göttin der Liebe+ (Benten) geweiht, hängt durch eine schmale Düne mit dem Festland zusammen. Wenn man die steile Strasse emporsteigt, wo Haus bei Haus alle möglichen Meereserzeugnisse, Fische und Muscheln zum Essen, Glasschwamm (Hyalonema Sieboldi) und Muschelschalen, rohe wie künstlich verarbeitete, als Andenken, feilgeboten werden, glaubt man ein +japanisches Santa Lucia+ vor sich zu sehen. Ich raste oben auf der Höhe in einem Theehaus, mit einem zufälligen Reisegefährten, dem deutschen Pastor Schmiedel, der von allen englisch redenden Missionären, die ich in Ostasien getroffen, höchst vortheilhaft durch zwei Vorzüge sich auszeichnete, nämlich durch Gelehrsamkeit und Duldsamkeit.
Eine Theater-Vorstellung in Tokyo.
Pünktlich, wie verabredet, um 3 Uhr Nachmittags, holt mich mein Freund ab. Trotz der frühen Tageszeit war es keineswegs eine Vorstellung für Kinder. Denn das Hauptstück enthielt, wie mir gleich mitgetheilt worden, -- einen fünffachen Mord sowie den Selbstmord des Mörders unter erschwerendsten Umständen, Alles auf offener Bühne.
„Nehmen Sie lieber Ihre Pantoffeln mit!,“ sagte mein Freund; und rasch bestieg Jeder von uns seine zweirädrige Droschke, die, von zwei hintereinander eingespannten Männern gezogen, schneller und sanfter dahineilte, als so manches Fuhrwerk, das bei früherer Gelegenheit mich zu den Brettern, die die Welt bedeuten, hinbeförderte.
Wir sind angelangt. Höfliche Männer ziehen mir die Stiefel aus, meine gelbledernen, zum Glück ganz neuen Pantoffeln an. Auf weichen Matten, mehr gleitend als schreitend, gelange ich vorwärts in ein kleines Zimmerchen, wo freundlich lächelnde Mädchen in tadelloser Schmetterlingsfrisur, in buntseidenen Gewändern mit breitem rothen oder violetten Gürtel, auf den Knien und das Haupt zur Erde neigend, uns winzig kleine Schälchen voll klarer, heisser, hellgrüner, bitterer Flüssigkeit überreichen, die Thee sein soll. Wir sind in dem +Theehause+ des Theaters, welches in ortsüblicher Weise den Verkauf der Einlasskarten verwaltet.[156] Aber wir verweilen hier nicht lange. Rasch weiter gleitend, auf Matten, lackirtem Fussboden und kleinen Treppchen, befinde ich mich bald in einer der vornehmsten Logen des grossen, aus Holz erbauten und durch die breit durchbrochenen Wände hindurch vom Tageslicht hell genug erleuchteten Theaters. Ich selber (und ich allein im ganzen Theater) sitze auf einem Stuhl, umgeben oder besser umlagert von all’ meinen jungen Freunden, die, um mich zu erfreuen, ihre kleidsame Volkstracht angelegt, einen dünnen, seidenen, hellfarbigen, kurzen Schlafrock, geziert mit dem Wappen der Familie, das aber nach dem liebenswürdigen Geschmack des Landes, nicht wie bei uns aus grimmen Leuen und solchem Gethier, sondern aus freundlichen Blumen zusammengesetzt ist. Sofort wird mir die Cigarette gereicht und das Kästchen mit glimmender Kohle, dazu sprudelndes Getränk und vielerlei Süssigkeiten.
Wir befinden uns in dem +Haupttheater+ zu +Tokyo+, der Residenz des Mikado.
Das Gebäude stellt eine riesige, mit Holz überdachte Halle dar. Drei Seitenränge sind vorhanden, aber die Wände zeigen die japanische -- Offenheit. Unsere Wagenmänner können von draussen bequem über die Köpfe der Sperrsitz-Gäste hinweg +umsonst+ zusehen; und ausser ihnen Jeder, der Lust hat. Der Sperrsitz zu ebener Erde ist schachbrettartig in kleine Verschläge eingetheilt. In jedem kauern ihrer vier Personen auf den Matten. Man sieht hie und da eine ganze Familie, die mit Reisnapf, Theetopf, Zuckerwerk, Tabaksgeräth sich häuslich niedergelassen hat. Zwischenwege giebt es nicht. Um zu ihren Plätzen zu gelangen, müssen sie auf den Zwischenbalustraden, die man -- Blumenpfade nennt, entlang turnen. Das thun auch die Damen und zwar ganz geschickt. Alle Welt ist in Strümpfen; und in sehr weissen. Alle Welt, einschliesslich der Damen, raucht Tabak aus der winzig kleinen japanischen Pfeife und ist kreuzfidel. Die Damen sind prachtvoll geputzt in den buntesten Gewändern; das schwarze glänzende Haar, das wie lackirt aussieht, ist in der phantastischen Schmetterlings-Frisur geordnet. Die heitere Abwechslung, welche durch die Anwesenheit der Damen auf allen Plätzen hervorgerufen wird, die ungezwungene Unterhaltung während der Zwischenakte (und zum Theil auch während des Spiels) unterscheidet ganz wesentlich das japanische Theater von dem verwandten chinesischen.[157]
Das Stück beginnt. Den +Namen+[158] zu erfahren war schon recht schwierig, obgleich meine jungen Freunde und ehemaligen Schüler, des Deutschen mächtig, grosse Mühe mit der Erklärung sich gaben. Die wörtliche Uebersetzung des Titels lautet: „Der frischgeschnittene Satsuma“. Das letztere Wort bedeutet einen südlichen Clan von der Insel Kiuschiu, der eine grosse Rolle in der Geschichte Japans gespielt hat und noch heute in der constitutionellen Entwicklung zu spielen scheint. Das Wort bedeutet auch ein Kleidungsstück, das diesem Clan eigen ist. In unserem Stück, welches vor etwa 130 Jahren geschrieben, aber für die Zwecke des heutigen Theaters neu hergerichtet ist, bezeichnet es den Helden, den der berühmte Schauspieler Danyūro[159] spielt, einen Samurai oder Krieger mit zwei Schwertern im Gürtel, der in einem Lokal mit Damenbedienung aus einem nüchternen Weiberfeind in einen Trunkenbold, Verschwender und Mädchenjäger umgewandelt wird. Für unsere Begriffe ist die Entwicklung unklar, der Gang schleppend, die Fabel des Stückes arabeskenartig verflochten. Aber +wir+ sind hier nicht massgebend. Der Japaner hat unendlich viel mehr Geduld, als der Europäer.
Zuerst kommt eine vergnügte Kneiperei in dem Wirthshaus. Der Samurai, von seinem Vorgesetzten mit Geld ausgestattet, um eine kostbare Uhr in der Stadt ausbessern zu lassen, geräth in das liederliche Wirthshaus und wird von dem Wirth, dessen Weib und drei Mädchen[160] bearbeitet. Plötzlich tritt ein junger Liebhaber auf und schleudert ein viertes Mädchen zu Boden. Er scheint Grund zur Eifersucht zu haben. Dann wird er von seinem Vater verstossen, weil er von dem Mädchen doch nicht lassen will. Diese beiden Motive verschwinden im Fortgang des Stückes.
Der Samurai tritt in den Vordergrund. Er liebt das Mädchen Nummer Vier. Gegen ihn ist sie spröde. Er schickt ihr von dem anvertrauten Gelde fünfzig Thaler durch den Wirth. Dieser unterschlägt das Geld und leugnet seine Unterschrift. Denn die Japaner sind so schreibwüthig, wie einst die alten Aegypter; sie schreiben +Alles+ auf, auch Hamlet’sche Monologe: „Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage.“
Der Held betrinkt sich. Sein treuer Diener schleppt ihn fort, und zwar „auf dem Wege in die Ferne;“ das ist ein von der nur mässig erhöhten Bühne aus mitten zwischen Sperrsitz und den entsprechenden Logen hindurch geleiteter Holzsteg.