Ulrich Schmidel Der erste Geschichtschreiber der La Plata-Länder (1535-1555)
Part 2
»Über die Gründe,« fährt Mondschein fort, »die Ulrich Schmidel bewogen, an der Expedition Mendozas teilzunehmen und wie er nach Antwerpen kam, gibt er selbst keinen Aufschluß, die Angabe Gumpelzhaimers, er sei als =Handelsbeflissener= dahin gekommen, entbehrt zwar nicht der Wahrscheinlichkeit, ist aber nur mit dem allgemeinen Hinweis auf die vorhandenen Akten (wo?) und auf seine Reisebeschreibung begründet.« Ich füge ergänzend zu, daß auch Dominguez im Vorworte zu seiner englischen Übersetzung auf die gleiche Vermutung kam. »Dafür, daß ihn die Lust an Abenteuern vom stillen Strand der Donau in die Ferne trieb, spricht auch, daß er als gemeiner Soldat Dienste nahm, wie er denn auch nie ein Kommando inne hatte ...... Aber wenn auch nur gemeiner Soldat, war Ulrich Schmidel gewiß ein tüchtiger Kriegsmann, wie niemand in Abrede stellen wird, der sein Werk zur Hand genommen. Als Hauptmann Gonzalo Mendoza sich sechs tüchtige Soldaten zu einer Meerfahrt auswählte, nahm er Schmidel nebst fünf Spaniern, und während einer Unternehmung wird er einmal neben dem Hause des befreundeten indianischen Häuptlings »einfuriert«. Bei dem späteren Zuge nach Perú waren viele Leute vor Durst umgekommen und als die Eroberer in ein Dorf kamen, wo nur ein einziger Brunnen vorhanden war, wurde Schmidel die Wache an demselben übertragen, wobei er bei Edel und Unedel, bei männiglich große Gunst und Gnade erlangte, denn er war damit nicht zu »genausichtig«. Als er endlich nach 19jährigem Aufenthalte im Lande, wobei er anscheinend noch keineswegs an die Heimkehr dachte, einen Brief seines Bruders Thomas aus Straubing erhielt und daraufhin Urlaub begehrte, wollte ihm der Befehlshaber Irala denselben anfangs nicht gewähren, offenbar weil er den kriegserfahrenen Schmidel ungern entbehrte. Welch verwegene Kühnheit aber in diesem Manne steckte, das zeigte er in dem Entschlusse, den er auch glücklich durchführte, den Weg von Asunción nach San Vicente, wo eben ein portugiesisches Schiff lag, zu Lande zu nehmen. Ein einzelner Mann und 20 Indianer, wozu sich noch vier Deserteure gesellten, zog er ohne Weg noch Steg über Berg und Tal, durch dichte Urwälder und zahlreiche Sümpfe mitten durch Indianerstämme hindurch, die zwei seiner Gefährten auffraßen, ein Schicksal, das auch ihm drohte, 376 Meilen weit an die Küste. Sein früherer Oberbefehlshaber, Alvar Nuñez Cabeza de Vaca hatte mit 250 Mann fast denselben Weg genommen, dabei aber nahezu die Hälfte infolge der Strapazen verloren. Schmidel war in der Tat vom Glück in hohem Maße begünstigt.« ....
Am 24. Juni 1553 verließ dann Schmidel in San Vicente an der brasilianischen Küste die Länder, in welchen er durch achtzehn seiner besten Jahre ein rauhes Kriegsleben geführt. Nach viermonatlicher Überfahrt, auf welcher Spiritu Santo in Brasilien und die Azoreninsel Tercera angelaufen wurde, ward Lissabon erreicht. Schmidel begab sich von hier per Post nach Sevilla zu den Räten Sr. Majestät (des Indienhauses), der berühmten Casa de Contratación, seinen Auftrag auszurichten und seinen Brief Iralas abzugeben. Nach vierwöchentlichem Aufenthalt reiste er über San Lucar nach Cadix, um sich hier auf einem holländischen Fahrzeuge nach Antwerpen einzuschiffen und ließ alle seine Habe an Bord bringen. Der Schiffer, der dieselbige Nacht etwas zu viel gezecht hatte, stach ohne ihn in See, das Schiff ging aber durch ein merkwürdiges Mißgeschick bei Cadix zugrunde. »Durch einen glücklichen Zufall kam so zwar Schmidel mit dem Leben davon, aber er verlor durch diesen Schiffbruch all sein Hab und Gut, Papageien und was er sonst seiner staunenden Vaterstadt zu zeigen vorhatte, so daß er nach der glücklich vollbrachten Seefahrt über die Insel Wight und die Stadt Arnemniden den Boden des Vaterlandes zu Antwerpen, am 26. Januar 1554, ebenso arm betrat, wie er war, als er 20 Jahre früher davon wegfuhr.« »Er kam gerade noch rechtzeitig genug, um den Bruder am Leben zu treffen, der schon am 20. September desselben Jahres das Zeitliche segnete.«
Schmidel wurde durch die Erbschaft wohlhabend und blieb nun die nächsten Jahre in Straubing, wo er seine Muße mit der Abfassung seiner Reisebeschreibung ausfüllte. Wenigstens ist dies wahrscheinlicher, als daß er 1562 bis 1563 in Regensburg daran schrieb. 1562 wurde er nämlich als Anhänger der Lehre Luthers nebst anderen Straubinger Bürgern von Herzog Wilhelm ausgewiesen; »als der letzte seines Stammes verließ er die Vaterstadt, in der Brüder, Vater, Großvater, alle seine Ahnen, soweit sie bekannt, die einflußreichsten Stellen bekleidet hatten, und begab sich mit anderen nach der benachbarten duldsamen freien Reichsstadt Regensburg.«
Am 21. Mai 1563 wurde er in Regensburg als Bürger aufgenommen. Er war sehr geachtet und kaufte sich ein Haus, das heute noch steht und durch eine Denktafel gekennzeichnet ist. Noch heute werden von dem jetzigen Besitzer desselben eine Anzahl Kuriositäten aufbewahrt, die wohl aus dem Nachlasse Schmidels stammen. Hier in Regensburg nun »verlebte Ulrich Schmidel, der letzte seiner Familie, in Ruhe den Rest seines vielbewegten Lebens, in Regensburg muß er auch begraben sein. Sein Todesjahr ist ebensowenig bekannt wie sein Geburtsjahr.«
Lassen wir nun inhaltlich Schmidels Buch an uns vorüberziehen; genauer darauf einzugehen ist bei dem langen Zeitraum von 20 Jahren, den es behandelt, und bei der Fülle der Vorkommnisse gar nicht möglich; wir wollen ja auch nicht die älteste Geschichte der La Plata-Länder schreiben, sondern auf die fundamentale Wichtigkeit von Schmidels Werk hinweisen. Ich lasse mich im folgenden hauptsächlich von Mondschein und Langmantel führen.
Schmidel reiste 1535 von Antwerpen nach Cadix. »Bei ernennter Stadt Cadix sind gewest 14 große Schiff, von aller Munition und Notdurft wohl gerüst, die haben wollen fahren nach Rio de la Plata in Indiam. Auch sind allda gewesen 2500 Spanier und 500 Hochdeutsche, Niederländer und Sachsen und unser aller oberster Hauptmann, welcher mit seinem Zunamen geheißen Don Pedro Mendoza.
Unter diesen 14 Schiffen hat eins gehört den Herren Sebastian Neithart und Jakoben Welser zu Nürnberg, so ihren Factor Heinrich Paimen mit Kaufmannschaft nach Rio de la Plata geschickt. Mit denen bin ich und andere Hochdeutsche (und) Niederländer, ungefähr bis in die 80 Mann, wohl gerüst mit Büchsen und Gewehr, nach Rio de la Plata gefahren.«
Wir Deutsche hier am La Plata lesen mit Rührung die schlichte Nachricht vom =ersten deutschen Handelsschiffe=, welches herkam; der Anteil der Welser an der Entdeckung Südamerikas und ihre Besetzung Venezuelas ist ja bekannt.
Nachdem so Mendoza die Streitkräfte für sein Unternehmen in Cadix gesammelt, fuhr die Flotte am 24. August 1535 von Sevilla ab, mußte aber noch einen achttägigen, durch ungünstigen Wind veranlaßten Aufenthalt in San Lucar de Barrameda nehmen. Auf den Kanarischen Inseln blieben sie ebenfalls vier Wochen; eine Liebesgeschichte brachte hier das deutsche Schiff und den Heinrich Paimen in Gefahr; Don Jorge Mendoza, ein Vetter des Oberbefehlshabers, der sich an Bord desselben befand, entführte nächtlich ein Mädchen und die Kanarier beschossen darauf das Schiff mit Kanonen; nur dadurch, daß der Entführer das Mädchen für seine legitime Frau erklärte und zurückbleiben mußte, wurde die Sache beigelegt; »nach dem ließen wir Don Jorge Mendoza und seine Hausfrau an Land, denn unser Hauptmann wollt ihn nit an seinem Schiff mehr haben.« Endlich geht es weiter zu den Capverdischen Inseln, zur Insel Fernando Noronha und nach Rio de Janeiro; hier ernennt der Oberbefehlshaber den Juan de Osorno, seinen »geschworenen Bruder«, zum Maestro de Campo, da er selbst »allzeit contract, schwach und krank war«, läßt ihn aber auf falsche Anschuldigung hin bald darauf töten.
Die Reise geht nun weiter in die Mündungsbucht des Río de la Plata; bei San Gabriel (heute Colonia) im Gebiete der Charrúas landen sie am 6. Januar 1536, suchen aber bald eine neue Stelle auf der Südseite des Golfs im Gebiete der Kerandís (März 1536); an der Mündung des Riachuelo, der damals diesen Namen bekam, »haben wir eine Stadt gebaut, hat geheißen Buenos Ayres, das ist auf deutsch: =Guter Wind.= Wir haben auch 72 Pferd und Stuten aus Hispanien auf den 14 Schiffen gebracht.« Es ist bekannt, daß diese Pferde sich zahllos vermehrten und in wilden Herden sich bald im ganzen Land verbreiteten. Der Name der Niederlassung, ehemals vollständig =Nuestra Señora Santa Maria de Buen Ayre= oder =Nuestra Señora de Buenos Ayres=, wurde ihr gegeben zu Ehren von »Nuestra Señora de Buen Ayre«, welcher schon vor der Entdeckung Amerikas in der Triana genannten Stadtgegend Sevillas und am Ufer des Guadalquivir ein Hospital nebst Kapelle geweiht war und deren Kultus eine »Bruderschaft der Seeleute« übernommen hatte; hatten ja Seeleute bei der damaligen Schiffahrt ein berechtigtes Interesse an günstigen Winden! Die in deutschen Kreisen übliche Übersetzung als »Stadt der guten _Lüfte_« ist daher unsinnig, wird allerdings entschuldigt durch die weitbekannte, phantastische Angabe des Dichters Ruy Díaz de Guzmán (der auch sonst unzuverlässig ist): der erste, welcher an Land sprang, ein gewisser Sancho del Campo, habe angesichts der Reinheit und Frische der Luft ausgerufen: »Qué buenos aires son los de este suelo!« (Wie gut sind die Lüfte in diesem Lande!)
Der Tag dieser ersten Gründung der Stadt ist nicht bekannt, es war etwa Mitte März 1536 (Schmidel rechnete nach einem anderen Kalender und schreibt 1535, wie man es noch irrtümlicherweise vielfach antrifft; die meisten Jahreszahlen Schmidels müssen um ein Jahr weiter datiert werden, wie es Lafone Quevedo festgestellt hat).
Der Verkehr mit den Eingeborenen, den Kerandís, war anfangs friedlich; als diese aber einmal nicht ins Lager kamen, wurde der Oberrichter Pavón mit zwei Knechten zu ihnen geschickt, »hielten sich aber dermaßen, daß sie alle drei wohl abgebläut wurden und schicktens alsdann wieder heim in unser Lager«.
»Daraufhin«, excerpiert Mondschein, »schickte Mendoza seinen Bruder mit 300 Landsknechten (unter ihnen auch Schmidel) und 30 Reitern gegen die Indianer mit dem Befehle, sie alle tot zu schlagen. Diese, in einer Anzahl von 4000, stellten sich derartig zur Wehr, daß sie den Spaniern sechs Edelleute mit ihrem Führer, dem Admiral Don Diego de Mendoza, und zwanzig Knechte erschlugen. Die Reiter überwanden sie vermittelst steinerner Kugeln, die an einer langen Schnur befestigt waren (Boleadoras) und mit denen sie die Pferde zu Falle brachten, die Knechte erschossen sie mit Speeren. Die Indianer ergriffen zuletzt, nachdem sie tausend der Ihrigen verloren, die Flucht und die Spanier drangen, ohne Gefangene zu machen, in den Flecken ein. Nach der Rückkehr ins Lager wurde die Mannschaft in Arbeitsleute und Kriegsleute abgeteilt. 'Und man bauet daselbst eine Stadt und eine erdene Mauer eines halben Spieß Länge hoch darum, und ein stark Haus für unsern Obersten, die Stadtmauer breit drei Schuh, und was man alles bauet, das fiel alles wieder ein, denn das Volk hatte nicht zu essen, starb vor Hunger, hatten also große Armut.'
Die Not wurde derart, 'daß weder Katzen noch Mäuse, Schlangen noch ander Ungeziefer nit genug vorhanden waren zur Ersättigung des großen jämmerlichen Hungers und unaussprechlicher Armut, auch Schuh und Leder, es mußt alles geessen sein.' Drei Spanier hatten ein Roß gestohlen und heimlich verzehrt. Durch die Folter zum Geständnis gezwungen, wurden sie alle drei gehenkt. 'Auf die Nacht sind andere Spanier zu diesen dreien Gehenkten zum Galgen kommen und haben ihnen die Schenkel abgehaut und Stücke Fleisch aus ihnen geschnitten zur Ersättigung ihres Hungers. Item ein Spanier aß seinen Bruder, der da gestorben war in der Stadt Buenos Aires.'«
In dieser Not »sandte Mendoza den Hauptmann Luján mit 7 Fahrzeugen und 350 Mann stromaufwärts, Lebensmittel von den Indianern zu holen; aber diese verbrannten ihre Wohnstätten und Lebensmittel und flohen davon, so daß Luján ohne jeden Erfolg umkehren mußte, nachdem er die Hälfte seiner Leute durch Hunger verloren.
Da, es war am 27. Dezember 1536, erschienen plötzlich 23000 Indianer von den Stämmen der Kerandís, Guaranís, Charrúas und Chaná Timbús vor der Stadt, schossen mit brennenden Pfeilen die strohgedeckten Lehmhütten in Brand und liefen Sturm gegen die Stadt. Es gelang ihnen sogar, vier Schiffe, die eine Meile vom Ufer vor Anker lagen, in Brand zu schießen, so daß sie von der bestürzten Besatzung verlassen werden mußten. Erst als die Schiffskanonen gegen sie abgefeuert wurden, zogen sie ab, nachdem sie dreißig Europäer erschlagen.
Daraufhin wurde beschlossen, die Unglückstätte zu verlassen. Mendoza übergab den Oberbefehl dem Don Juan Ayolas, der eine Musterung hielt, wobei sich von den 2500 Mann nur mehr 560 am Leben erwiesen, alle übrigen waren durch Hunger umgekommen! Ayolas ließ 180 bei den vier großen Schiffen unter Juan Romero mit Proviant zurück, er selbst und mit ihm Mendoza fuhr auf Brigantinen 84 Meilen weit den Strom hinauf zu den Timbús ....... in den Flecken der Indianer, den sie Buena Esperanza hießen.
Vier Jahre lang blieben sie in Buena Esperanza, also von 1536 bis etwa 1539; während dieser Zeit beschloß Mendoza, der vor Schwachheit weder Hände noch Füße rühren konnte und wohl am Erfolge der Unternehmung gänzlich verzweifelte, nach Spanien heimzukehren. Mit zwei Schiffen und 50 Mann trat er die Rückfahrt an, aber ungefähr auf halbem Weg 'da griff ihn Gott der Allmächtige an, daß er armselig starb, Gott sei ihm gnädig!'«.
Absichtlich haben wir die ältesten Vorgänge etwas ausführlich gehalten, da sie sich in Buenos Aires abspielten und uns am meisten interessieren. Nun müssen wir uns kürzer fassen.
Ayolas, der in Buena Esperanza geblieben war, was auch Corpus Christi genannt wurde und nicht weit von jenem früheren Fort Sancti Spiritus lag, fuhr auf Mendozas Befehl den Paraná und Paraguay herauf bis zum 21° s. Br., überall von den Indianern freundlich aufgenommen und mit Lebensmitteln unterstützt; hier ließ er Domingo Martínez de Irala zurück, der auf ihn warten sollte, während er selber nach Westen zur »Sierra de la Plata« aufbrach, geführt von einem Indianer, der ehemals jenem früher erwähnten Alejo García gedient hatte. Mendoza, der damals noch in Buenos Aires weilte, schickte den Juan de Salazar aus, um Nachrichten den Ayolas betr. einzuholen. Salazar traf auch den wartenden Irala und kehrte wieder flußabwärts zurück und auf der Heimreise gründete er am 15. August 1537 neben dem Indianerdorfe Lambaré ein Fort, genannt Nuestra Señora de Asunción. Hier ließ er einige dreißig Mann und reiste zurück nach Buenos Aires, wo er den Mendoza nicht mehr antraf. Die folgenden Monate vergingen mit Hin- und Herreisen zwischen Buenos Aires, Corpus Christi und Asunción; Irala wartete unterdessen immer noch auf Ayolas.
Ende des folgenden Jahres (1538) kam aus Spanien ein Gesandter mit der Nachricht vom Tode Mendozas und dem Auftrage, die Conquistadores sollten selber einen Führer wählen, falls Mendoza vor seiner Abreise keinen solchen ernannt hätte. In Asunción vereinigten sich nun die hauptsächlichsten Persönlichkeiten; es kam auch Irala herunter und zeigte eine von Ayolas ausgestellte Vollmacht, wonach ihm die gleichen Befugnisse zuerkannt wurden, die er selber besaß (Juni 1539). Alle mußten ihn daraufhin als Führer anerkennen.
Irala kehrte nun wieder auf seinen Warteposten weiter nordwärts zurück und erfuhr schließlich das Schicksal des Ayolas: der war wirklich bis zur Sierra de la Plata gelangt und hatte Reichtümer erbeutet, wurde aber auf der Rückkehr von den Payaguás überfallen und mit allen seinen 120 Leuten niedergemacht. Irala kehrte nun nach Asunción zurück und beschäftigte sich mit administrativen Angelegenheiten; um seine Besatzung zu verstärken, reiste er nach Buenos Aires und hob die dortige Niederlassung auf, da auch die Zerstörung des Forts Corpus Christi durch die Indianer eine kritische Lage geschaffen hatte; ein Schiff, welches er nach Santa Catalina sandte, um neue Lebensmittel zu holen, scheitert, Schmidel wird aber glücklich gerettet. Irala nahm nun die ganze Mannschaft nach Asunción, wo er seinen Kommandoposten bis zur Ankunft des Alvar Núñez Cabeza de Vaca inne behielt; Buenos Aires wurde also fünf Jahre nach seiner ersten Gründung aufgegeben (Mai 1541).
Alvar Núñez, in Spanien zum Oberbefehlshaber der La Plata-Länder ernannt, reiste November 1540 von Cadix mit vier Schiffen und 400 Soldaten ab. Im März 1541 kam er in Santa Catalina an der brasilianischen Küste an und sandte von hier aus seinen Neffen zu Schiff nach Asunción, während er selber dorthin über Land zog, wie zuerst Alejo García. In Asunción übernahm er das Kommando; den Irala sandte er flußaufwärts zur Erforschung des Landes und ackerbautreibender Stämme; nach dessen Rückkehr unternahm er selber einen Zug nach Perú, mußte aber auf Anraten seiner Offiziere und durch Krankheit genötigt wieder umkehren. Darauf sendet er eine kleine Schar unter Befehl des Hernando Rivero den Paraguay weiter hinauf, die Expedition kehrte auch goldbeladen glücklich zurück. In Asunción hatte sich inzwischen eine Strömung gegen Núñez gebildet; zwischen seinen und des Irala Anhängern kam es zur Revolution, die damit endete, daß Alvar Núñez gefangen und jener zum Oberbefehlshaber ernannt wurde (April 1544). Nach zehnmonatlicher Haft wurde er nach Spanien zurückgeschickt und dort zu Verbannung verurteilt, erhielt aber später seine Rechtfertigung wieder. Die Unruhen zwischen den beiden Parteien dauerten in Asunción noch länger fort. Die Indianer benutzen die Gelegenheit zu Überfällen und Irala hat viel damit zu tun. Nach Herstellung der Ruhe beschließt er gleich seinem Vorgänger das Silberland aufzusuchen; er reist mit einer starken Schar Spanier und Indianer Paraguay aufwärts bis San Fernando, läßt hier bei den Schiffen eine Bedeckungsmannschaft mit Proviant für zwei Jahre zurück und zieht landeinwärts weiter. Sie treffen mit den verschiedensten Indianerstämmen zusammen, die Schmidel alle nennt; der bei den Paresís herrschende Wassermangel macht bei dem einzigen Brunnen eine Wache nötig, welche Schmidel übertragen wird. Die Entscheidung des Loses, welches jetzt befragt wird, fällt auf Weitermarsch; das geschieht auch, aber Landboten des Vizekönigs von Perú, de La Gasca, der eben den Pizarro hatte hinrichten lassen, verbieten den Weiterzug, und auch eine Gesandtschaft, die Irala nach Lima sandte, richtet nichts aus! (Wie doch schon zu Beginn der spanischen Kolonialherrschaft der Keim ihres Zerfalles zu finden ist!) Irala kehrt also auf dem gleichen Wege wieder um und gelangt nach anderthalbjähriger Abwesenheit wieder zur Schiffsstation San Fernando, wo er die Usurpation des Abrigo vernimmt. Dieser hatte sich in der Zwischenzeit zum Oberbefehlshaber aufgeworfen, da er der Meinung war, Iralas Unternehmen sei in gleicher Weise gescheitert wie das des Ayolas; den von Irala zum Befehlshaber von Asunción ernannten Francisco Mendoza, der ihm die Anerkennung versagte, hatte Abrigo hinrichten lassen. Irala belagerte nun Asunción, da sich aber bald der größere Teil der Besatzung für ihn erklärte, so flüchtet der Empörer mit 50 Mann in die Wälder und es beginnt ein zweijähriger Kriegszustand, der mit einem »Convenio« endet.
Zu dieser Zeit erhielt Schmidel, der alle diese Vorgänge miterlebt, einen Brief seines Bruders, der ihn zur Heimkehr bewog. Irala läßt ihn ungern ziehen und beauftragt ihn, ein Schreiben für die Casa de las Indias mitzunehmen. In der Beschreibung von Schmidels Leben haben wir seine weiteren Schicksale schon behandelt: er reist über Land an die brasilianische Küste, von hier nach Spanien, richtet seinen Auftrag aus und gelangt glücklich wieder in seine Heimatstadt Straubing. --
Schluß.
Die »Warhafftige und liebliche Beschreibung etlicher furnemen Indianischen Landschafften und Insulen, die vormals in keiner Chronicken gedacht, und erstlich in der Schiffart Ulrici Schmidts von Straubingen, mit großer gefahr erkundigt, und von ihm selber auffs fleissigst beschrieben und dargethan« (zum ersten Mal gedruckt Frankfurt a. M. 1567) wird von den Geschichtschreibern hochgeschätzt. Wir kennen etwa 20 verschiedene Ausgaben; übersetzt wurde sie schon sehr früh ins Lateinische, später ins Holländische, Französische, Englische, Spanische. Letztere Übersetzung, von 1742, wurde 1836 von Angelis in seiner berühmten Sammlung in Buenos Aires wieder aufgenommen, welche 1901 zum Teil neu gedruckt wurde. Ich beschränke mich auf die Wiedergabe argentinischer Urteile über ihn. Azara Ende des 18. Jahrhunderts nennt das Buch »la mas puntual de todas las historias antiguas en las situaciones y distancias de los lugares y naciones que describe«. Angelis bezeichnet es als »das erste Denkmal unserer Geschichte und die einzige Quelle, aus der alle die schöpfen müssen, welche die ersten Schritte der Europäer in diesen fernen Gegenden verfolgen wollen«; den Verfasser charakterisiert er als den »escritor mas circunspecto de su época«.
Pelliza in seiner Schmidelausgabe, welche 1881 in Buenos Aires erschien, nennt ihn einen »hombre de admirable fortaleza de ánimo y de no vulgar inteligencia«, »prudente y valeroso en toda la série de campañas«; »su libro contiene las primeras y mas exactas noticias que se han consignado sobre la colonización de esta parte de América«.
Im Jahre 1891 erschien zu London eine englische Übersetzung, besorgt für die Hakluyt Society von dem dortigen argentinischen Gesandten Luis L. Dominguez. In einem prächtigen Foliowerke hat im Jahre 1890 der berühmte General Mitre Schmidels Verdienste hervorgehoben. Er nennt ihn einen »observador atento y tranquilo de la naturaleza, sin imaginación y despreocupado« ... »narra seca y concisamente los hechos, establece las fechas, determina las distancias, describe lo que ve como comprende, sin ornamentos de estilo ni divagaciones«, und regt eine mustergültige spanische Ausgabe an. Dies geschieht denn auch im Jahre 1903; die Junta de Historia y Numismática Americana zu Buenos Aires gab sie als ersten Band ihrer Veröffentlichungen in wundervoller Ausstattung heraus, reichlich kommentiert und beleuchtet von Lafone Quevedo; befriedigt schreibt dieser am Schlusse seiner Arbeit: »Se ha llegado al fin de la tarea .... si nos faltase nuestro _Ulrico Fabro_, ello dejaría un vacío irreparable entre las crónicas de su época«.
Ja, Schmidels Wertschätzung geht in Argentinien noch weiter. Im Jahre 1906 legte der argentinische Statistiker Carrasco der schon genannten Junta den Entwurf zu einem Wettbewerbe für ein Denkmal vor, das den Gründern der Stadt Buenos Aires gewidmet werden sollte. Auf der Westseite sollte Schmidels Medaillonbildnis eingelassen sein mit der Überschrift: »A la memoria de Ulrich Schmidel, Primer historiador del Rio de la Plata, 1535 bis 1555.« Wenn auch der Plan damals nicht zur Ausführung gelangte, so ist er doch für Schmidels Wertschätzung in argentinischen Kreisen bezeichnend.