Ueber die Wirkung des Nordsee-Bades: Eine physiologisch-chemische Untersuchung

Part 10

Chapter 103,003 wordsPublic domain

Es bleibt mir übrig, die Verhältnisse der ~Phosphorsäure~ und des ~Chlors~ in der vorliegenden Periode noch besonders zu besprechen. Was die erstere betrifft, so war sie im Verhältniss zu Oldenburg absolut und relativ, im Verhältniss zur badefreien Zeit in Wangeroge nicht absolut, aber doch relativ zur Harnsäure ~vermindert~. Dieses Resultat lässt sich sehr wohl mit der obigen Annahme absolut vermehrter Harnsäureproduction, und bei Berücksichtigung der oben erwähnten Abhängigkeitsverhältnisse beider Stoffe, in Einklang bringen. Wir fanden, dass durch das Bad die Stoffmetamorphose (die Oxydationsvorgänge u. s. w.) noch gesteigert sei. Wäre die Harnsäureproduction in dieser Periode nicht absolut grösser gewesen, als zur badefreien Zeit, so würde ohne Frage eine noch grössere Quantität derselben dem Zerfallen in Oxalsäure und Harnstoff unterlegen sein und die Oxalsäure im Organismus eine noch raschere Oxydation erfahren haben, eventuell also auch noch weniger Harnsäure und noch weniger Phosphorsäure, als zur badefreien Zeit, zur Ausscheidung gelangt sein.--Allein es war die Production der Harnsäure ohne Frage absolut um ein Beträchtliches gesteigert. Immerhin mochte unter solchen Umständen während der Badezeit eine noch grössere Quantität Harnsäure zu Oxalsäure und Harnstoff zerfallen und eine grössere Quantität von Oxalsäure zu Kohlensäure oxydirt werden, als in jener vorhergehenden Periode; aber die Production der Harnsäure war so sehr vermehrt, dass dennoch eine grössere Quantität der aus ihr hervorgehenden Oxalsäure ihre Einwirkung auf die Phosphate im Organismus entfalten und somit nach der oben gegebenen Erklärung, auch eine grössere Quantität Phosphorsäure zur Ausscheidung bringen musste, als zu jener Zeit, wo nicht gebadet wurde. Die Harnsäureproduction übertraf jetzt, mit einem Worte, die mögliche Grösse der Oxydationsvorgänge, die ja unter allen Umständen nur ein gewisses Maximum erreichen kann. So konnte es denn geschehen, dass absolut mehr, im Verhältniss zur Harnsäure aber weniger Phosphorsäure entleert wurde, als zur badefreien Zeit.--Welches Verhältniss stellte sich aber in dieser Weise zur Oldenburger Zeit heraus? Kein andres, als dass der Organismus täglich noch einen Gewinn an Phosphorsäure, absolut sowohl als relativ, erfuhr. Während in den 4 Tagen des ausschliesslichen Luftgenusses im Verhältniss zu Oldenburg ein absoluter Gewinn von circa 2 Grm. Phosphorsäure Statt hatte, fand während der Badezeit in 7 Tagen ein ähnlicher Gewinn Statt. Veranschlagt man dazu den relativen Gewinn,--denn in gleichem Verhältniss, wie die Harnstoffausgabe wuchs, musste Nahrungsmaterial und mit diesem auch Phosphorsäure in vermehrter Quantität eingeführt werden--, so berechnen sich dafür in 11 Tagen etwa ebenfalls 4-5 Grm. und es ergiebt sich damit, dass der Organismus in den ersten 11 Tagen des Aufenthaltes und Bades auf der Insel circa 8-9 Grm. an Phosphorsäure gewann.--Die fast immer, und namentlich bei Kindern, im Seebade schon durch einfache Anschauung zu beobachtende Steigerung des Ernährungsprocesses, kann darnach nicht mehr auffällig erscheinen. Wir wissen, dass die phosphorsauren Salze (insonderheit der phosphorsaure Kalk) nothwendige Requisite für denselben sind, dass ihr Verlust mit Abmagerung, ihre Zunahme mit Gewinn an Körpersubstanz verbunden ist. In der That nahm aber mein Körpergewicht, ebenso wie in der Zeit wo nicht gebadet wurde, täglich um 57,7 Grm., im Ganzen um 403,9 Grm., zu, so dass sich das Gesammtgewicht des Körpers jetzt um etwa 1-1/4 [Pfund] höher belief, als zu Anfang des Aufenthaltes auf der Insel. Wie verhält sich solchen Thatsachen gegenüber Mühry's Angabe, dass das Bad allemal anfänglich eine Abmagerung herbeiführe? Es ist das eben eine Angabe, der jede experimentelle Prüfung fehlt. Und ich darf es obendrein nicht unerwähnt lassen, dass bei mir in den eben durchlebten 11 Tagen die Körpergewichtszunahme im Verhältniss zu andern Individuen gewiss nur eine geringe war, da ich mich viel mehr, als diese, in einem engen Zimmer und weniger in der freien, in dieser Beziehung so überaus wirksamen Seeluft aufzuhalten gezwungen war. Ich vermuthete das, und dass die Vermuthung keine unrichtige war, ergab sich alsbald, als ich ein den Patienten möglichst ähnliches Verhalten beobachtete.--

So viel in Betreff der Phosphorsäure.--Wie verhielt sich das Chlor? In allen Seebade-Schriften spielt der Salzgehalt des Seewassers und der Seeluft eine bedeutende Rolle; es scheint die Ansicht ziemlich allgemein verbreitet, dass der Körper Salz, und namentlich Kochsalz, in wirkungsfähiger Menge aufnehme[12]. Nach meinen Untersuchungen ist solches jedoch nicht der Fall, und nach dem, was wir kürzlich durch L. Lehmann's sehr genaue Untersuchungen über die Wasserresorption im Sitzbade[13] erfahren haben, liess es sich auch nicht anders erwarten. Während in Oldenburg täglich 10,2 Grm. Chlor mit dem Urin ausgeschieden wurden, wurden in Wangeroge ohne Bad 10,5, während des Badens aber nur 9,3 Grm. ausgeschieden. Das Minus des gefundenen Chlorgehaltes beruht vielleicht auf Zufälligkeiten in der Nahrung, wahrscheinlicher aber darauf, dass ein Theil des Chlornatriums mit den Schweissen durch die Haut entwich. Dass aber der Chlorgehalt des Urins nicht im Plus steht, weist mit Bestimmtheit darauf hin, dass wenigstens keine irgend erhebliche Menge von Salz im Bade resorbirt wird. Beruhete darauf die Wirkung des Bades, so würden wir auch ähnliche Resultate durch den etwas reichlichern Genuss von Kochsalz erhalten müssen; das ist aber bekanntlich nur in ~sehr~ beschränktem Maasse der Fall, d. h. nur in grössern Quantitäten genossen bedingt das Kochsalz eine Beschleunigung des Stoffwechsels.--In anderer Beziehung möchte ich jedoch den Kochsalzgehalt des Meerwassers ~nicht~ für gleichgültig halten. Wir wissen, dass das Blutserum durchschnittlich einen Salzgehalt von nur 0,85 p. c.[14] hat; das Meerwasser hat aber einen solchen von 3-4 p. c.--Physikalische Untersuchungen haben längst dargethan, dass, wenn man 2 derartige Flüssigkeiten, nur durch eine thierische Membran getrennt, zusammenbringt, sie sich gegenseitig auszugleichen streben, und Jolly und Graham haben dargethan, dass die wasserreichere Flüssigkeit für jedes eintretende Aequivalent Salz circa 14 Aequivalente Wasser abgiebt. Sollte nun, wenn den Körper und sein verhältnissmässig salzarmes Serum das salzreiche Meerwasser umgiebt, nicht in dieser Weise ein Diffusionsstrom entstehen, ein Diffusionsstrom, der uns die vermehrte Blutzufuhr nach der Haut, die nachfolgenden Schweisse, den oftmals zu beobachtenden s. g. Badefriesel erklärt? Wir sehen diesen Friesel namentlich bei blonden Individuen mit zarter Haut entstehen[15]; es ist durchaus nicht unwahrscheinlich, dass die zartere Epidermis das Zustandekommen des Diffusionsstromes weniger Schwierigkeiten entgegenstellt, als die derbere Haut der dunkel Gefärbten. So betrachtet ist allerdings der Salzgehalt des Meerwassers nicht ohne Bedeutung und greifen diese Verhältnisse Platz, so darf auch der Einwirkung nicht vergessen werden, welche die Application einer Salzlösung auf den einzelnen Nerven hat. Ebenso, wie bei Application starker Salzlösungen der Nerv wasserärmer wird und dadurch bedeutende functionelle Störungen, die sich in Zuckungen und später in Lähmungen der zubehörigen Muskeln zu erkennen geben, erfährt, so mag auch das salzreiche Meerwasser auf das peripherische Nervensystem eine Einwirkung äussern, die, bei Weitem schwächer als in den eben erwähnten Experimenten, sich doch in einer vermehrten Thätigkeit (sit venia verbo) der betreffenden Nerven kund giebt und damit diejenige Wirkung steigert, die ohne Frage der kräftige Wellenschlag auszuüben vermag. Wer die rasche und intensive Wirkung von Umschlägen mit Seesalzwasser, die dabei stattfindende rasche Bildung von Hautröthe, Pusteln u. s. w. beobachtet hat, der wird sich diese Wirkung schwerlich anders, als durch die beregten Diffusionsstörungen erklären können, aber auch zugeben müssen, dass das wenn auch nur 5-10 Minuten lange Verweilen im Seebade eine ähnliche Wirkung haben kann.--Es würde der obigen Negation der wirklichen und irgend beträchtlichen Salzaufnahme in den Blutkreislauf widersprechen, wollte man annehmen, dass die Diffusion zwischen Blut- und Seewasser in der That im Bade in nachweisbarer Stärke Platz greife. Das hindert uns aber nicht, die Einleitung des Diffusionsstromes, d. h. also in Bezug auf den Körper, die vermehrte Strömung des Blutes gegen die Peripherie hin, als wirklich vorhanden anzunehmen. Somit wollen wir dem Salzgehalt des Seewassers seine Theilnahme an der Gesammtwirkung des Bades nicht absprechen, aber es scheint sehr unwahrscheinlich, dass das Salz als chemisches Agens irgend eine Wirkung im Körper entfaltet.--

[12] Vrgl. u. A. Chemnitz: Wangeroge u. das Seebad. Jever 1853. pag. 81.

[13] Vrgl. L. Lehmann: Ueber die Wirkung 15-28° R. warmer Sitzbäder, im Archiv des Vereins für gemeinschaftl. Arbeiten. Bd. II. Heft 1.--L. fand, dass in 15-20 Min. nur circa 10 Grm. Wasser resorbirt wurden.--

[14] Cf. Lehmann: Handbuch d. physiol. Chemie. Leipzig 1854. pag. 121.

[15] C. Mühry l. c. pag. 17.

Diese sämmtlichen Schlüsse und Betrachtungen finden nun eine weitere Unterstützung, wenn wir die Ergebnisse der Untersuchungen des am Morgen nach dem Bade und des während der übrigen Tageszeit entleerten Urins näher betrachten. Zunächst wurde schon oben darauf hingewiesen, dass die Urinsecretion namentlich in den Morgenstunden im Verhältniss zu den frühern Perioden vermindert, die Hauttranspiration aber gerade in ihnen am stärksten war. Ich glaubte vor Beginn der Untersuchungen erwarten zu dürfen, dass namentlich in den unmittelbar auf das Bad folgenden Stunden eine Beschleunigung der Urinsecretion eintreten würde, entsprechend der Wirkung kalter Sitzbäder, kalter Begiessungen, anregender psychischer Bewegungen u. s. w.--Allein war das auch in den ersten drei Tagen der Fall, so war es in den letzten 4 Tagen ganz umgekehrt, und das Ergebniss jener hatte seinen Grund sehr wahrscheinlich in dem ausnahmsweise unmittelbar vor oder nach dem Bade genossenen Bier. Ein Vergleich der in den verschiedenen Stunden entleerten Quantitäten wird die Richtigkeit dieser Angaben leicht erkennen lassen. Nach wie vor wurden Morgens früh 600 CC. Fluida genossen, und in Oldenburg pflegte sich dann in der Regel in der 3ten oder 4ten Stunde nach dem Frühstück die reichlichere Urinsecretion einzustellen. Beim Baden war es anders, und einerlei, ob das Bad nach dem Genuss von Wasser oder vor demselben genommen wurde, die Harnmenge war in den nächsten Stunden nicht vermehrt, sondern vermindert. Es geht daraus und aus der gleichzeitigen stärkern Hauttranspiration hervor, dass sich unmittelbar nach den ersten Seebädern der Blutstrom mehr nach der Peripherie des Körpers, der Haut, als nach den innern Organen hinwendet, und eben dort einen vermehrten Secretionsakt bedingt.--Vergleichen wir ferner die einzelnen Bestandtheile des Urins der badefreien Zeit mit denen der letzten 4 Tage, so wurden während der 7 Morgenstunden entleert:

Harnstoff. Harnsäure. Schwefelsäure. Phosphorsäure. Chlor. ohne Bad: 9,219 Grm. 0,025 Grm. 0,490 Grm. 0,786 Grm. 4,542 Grm. mit Bad: 8,257 " 0,094 " 0,476 " 0,710 " 3,288 "

Diese Verhältnisse geben uns ebenfalls eine weitere Bestätigung der oben angestellten Betrachtungen. Der Harnstoff war im Verhältniss zur badefreien Zeit vermindert. Sollte aber nicht, der beträchtlichen Vermehrung der Harnsäure gegenüber, die Bildung von Harnstoff durch das Bad ebenfalls vermehrt gewesen und nur deshalb weniger im Urin erschienen sein, weil ein Theil desselben in der Form von kohlensaurem Ammoniak durch die Haut entwich? Ist eine solche Annahme nicht wieder unterstützt durch die verhältnissmässig bei Weitem geringere Abnahme der Schwefelsäure, in Betreff derer wir auch hier wieder daran erinnern müssen, dass in dieser Periode sicher ein grösserer Theil des Schwefels, als in der vorhergehenden, den Organismus mit den Faeces verliess? Muss nicht, wenn wir Nachmittags und Nachts 2 Grm. Harnstoff mehr ausgeschieden sehen als zur badefreien Zeit, ebenfalls für die Morgenstunden eine vermehrte Production von Harnstoff als wahrscheinlich statuirt werden? Die fast auf das 4fache gesteigerte Quantität der Harnsäure giebt einen Beweis für die beschleunigte Metamorphose stickstoffhaltiger Bestandtheile; ihre unverhältnissmässige Steigerung gerade in den Morgenstunden sehe ich als einen Beweis meiner Annahme an, dass das Bad eine absolute Steigerung der Harnsäureproduction bedinge; dass aber dennoch weniger Harnstoff im Urin zum Vorschein kam, als zur Zeit, wo nicht gebadet wurde, lässt mich, bei der offenbar gesteigerten Hautthätigkeit, schliessen, dass ein grösserer Theil desselben, als sonst, den Organismus in der bezeichneten Form verliess. Anders, als in dieser Weise, weiss ich mir die Thatsachen nicht zu deuten.--Der Chlorgehalt des Urins war nicht vermehrt, im Gegentheil vermindert. Auch darin finde ich eine Bestätigung des oben aus den 24stündigen Mittelwerthen gezogenen Resultates, dass nämlich eine Salzaufnahme in den Blutkreislauf im Bade nicht Statt habe; die absolute Verminderung mag aber in der vermehrten Hautausgabe sehr wohl ihre Begründung finden. Die Phosphorsäure endlich war um ein Geringes (0,076 Grm.) vermindert. Hatte ein lebhafterer Stoffwechsel (Oxydationsprocess) Statt, so kann uns dieses Factum nicht befremden; die absolut gesteigerte Harnsäureproduction steht demselben nicht entgegen, weil die Harnsäure ~als solche~ rasch aus dem Körper entfernt wurde.

Dem gegenüber waren in den Nachmittags- und Nachtstunden fast alle Verhältnisse der Art, dass der Beweis beschleunigter Metamorphose ohne Frage aus ihnen hergeleitet werden kann.

Harnstoff. Harnsäure. Schwefelsäure. Phosphorsäure. Chlor. Ohne Bad: 18,293 0,189 1,191 1,593 6,057 Mit Bad: 20,308 0,231 1,499 1,852 5,146.

Der Harnstoff war vermehrt; die für die Morgenstunden statuirte Ausgabe von Harnstoff in Form von kohlensaurem Ammoniak, fand jetzt bei weniger intensiver Hautfunction nicht mehr Statt; es fand sich also auch die Vermehrung des Harnstoffs im Urin ausgesprochen. Die Schwefelsäure war, ihm entsprechend, ebenfalls vermehrt. Die Harnsäure war ebenfalls vermehrt, aber doch nicht in so beträchtlicher Weise, wie am Morgen. Wir dürfen vielleicht annehmen, dass ein grösserer Theil derselben, als am Morgen, einem weitern Zerfall im Organismus unterlag, demgemäss auch mehr Oxalsäure producirt wurde, und ist dieser Schluss nicht unrichtig, so findet damit auch das Verhältniss der Phosphorsäure, die jetzt in vermehrter Quantität ausgeschieden wurde, seine Erklärung.--

Man wird vielleicht einwenden, dass sich diese sämmtlichen Verhältnisse der einzelnen Stoffe auch durch die veränderten Quantitäten des Urins erklären lassen. Es wurden ausgeschieden

Morgens übrige Tageszeit ohne Bad: 752 CC. 717 CC. mit Bad: 436 " 675 "

Allein wie würde damit die unverhältnissmässige Steigerung der Harnsäure im Morgenurin stimmen? wie ferner die Vermehrung fast sämmtlicher fester Bestandtheile in dem Urin der übrigen Tageszeit? Ich zweifle nicht, dass die vermehrte Hautfunction während des Bades auch auf die Quantität der festen Bestandtheile einen Einfluss hatte; einmal dadurch, dass sich der Blutstrom überhaupt mehr nach der Peripherie hinwandte, und andrerseits dadurch, dass mit den Schweissen allemal auch unorganische Verbindungen (Salze) den Körper verlassen. Allein diesem Umstande ist in den obigen Betrachtungen auch volle Rechnung getragen, und namentlich in Betreff des Kochsalzes, das ja hauptsächlich unter den unorganischen Stoffen im Schweisse vertreten ist, mag es hier wiederholt werden, dass seine Verminderung im Urin während der ersten Badezeit vielleicht durch eine vermehrte Ausgabe durch die Haut erklärt werden kann.--

Damit schliessen wir für jetzt diese Untersuchungsreihe ab.--Es folgte ihr die schon Eingangs erwähnte arbeitsfreie Zeit: die sich vom 24. Juli--4. August erstreckte.--In den ersten 6 Tagen derselben notirte ich noch täglich die Quantität genossener Fluida und Quantität, Reaction, specifisches Gewicht und Farbe des Urins; in den übrigen 5 Tagen geschah aber gar nichts; ich entzog mich absichtlich jeder Beachtung des eigenen Befindens und der Functionen meines Körpers und beobachtete ein den Patienten im Seebade durchaus ähnliches Verhalten. Am 30. und 31. Juli wurde eine Ausflucht zur See nach Norderney gemacht; mit Ausnahme dieser beiden Tage ward täglich gebadet.--

Das Befinden war in dieser Zeit frischer, als in der ersten Zeit der Bäder. In den einzelnen Verhältnissen zeigte sich jedoch gegen die erstere Zeit keine wesentliche Verschiedenheit. Ich unterlasse es die einzelnen Tagesberichte und Urinuntersuchungen dieser Periode mitzutheilen, da sie zu keinen wesentlichen Schlüssen führten. Nur die erhaltenen Mittelwerthe werde ich zum nähern Verständniss hinzufügen.--

Das wichtigste Resultat der ganzen Periode war zunächst das, dass das Körpergewicht in den 11 Tagen um 1048 Grm., also um mehr als 2 [Pfund] zunahm. Ich schliesse daraus, dass auch in dieser Zeit der Organismus einen Gewinn an Phosphorsäure erfuhr, da mir für alle Fälle der Satz festzustehen scheint, dass bleibende Körpergewichtszunahme nicht ohne Gewinn an Phosphorsäure (phosphorsauren Kalk) stattfinden kann.--Die Zunahme war aber um so auffallender, als der längere Gebrauch des Bades eine immer stärkere Einwirkung auf die Darmfunctionen ausübte, und täglich regelmässig 2-3 reichliche, fast an Diarrhoe gränzende Entleerungen Statt hatten.--Die Hautthätigkeit war dabei nicht so bedeutend gesteigert, wie in der letzten Untersuchungsperiode; zum Theil war das Folge einer weniger hohen Lufttemperatur. Immerhin war sie aber noch beträchtlicher, als in Oldenburg und dem entsprechend denn auch die Urinsecretion quantitativ geringer, als dort. Auch hier war es insonderheit wieder auffallend, dass das Bad nichts weniger, als einen beschleunigenden Einfluss auf die Urinsecretion ausübte. Trotzdem, dass nach wie vor Morgens 600 CC. Fluida genossen wurden, belief sich die während der Morgenstunden entleerte Quantität des Urins viel weniger hoch, als in Oldenburg und in Wangeroge zu der Zeit, wo ~kein~ Bad genommen wurde. In den 24stündigen Zeiträumen wurden im Mittel 1792 CC. Fluida genossen und 1251 CC. Urin entleert; davon fielen aber 411 CC. auf die 6-7 Vormittagsstunden und 840 CC. auf Nachmittag und Nacht. Wir schliessen daraus mit Recht auch hier auf eine durch das Bad gesteigerte Hautfunction; die Quantität des Wassers, welche die vermehrten Darmentleerungen in Anspruch nahmen, war nicht bedeutend genug, um das Deficit in der Urinmenge erklären zu können.--In dem specifischen Gewichts-Verhältnissen fand ich keinen wesentlichen Unterschied von den frühern Tagen; die Reaction blieb beständig sauer oder stark sauer, oder sehr stark sauer; während der ganzen Untersuchungszeit in Wangeroge war er auch nicht ein einziges Mal nur schwach sauer oder neutral. Seine Farbe wurde dagegen in der letzten Zeit offenbar etwas heller; die Nr. II. der Vogel'schen Farbentabelle (im Arch. des Vereins für gemeinschaftl. Arb.), fand sich oft vor, und der gesammte Urin von 24 St. hatte in der Regel eine Farbe von II-III. Die vermehrten, gallereichen Darmentleerungen mochten dies Verhältniss zum grossen Theil bedingen.--In der Diät änderte ich in so fern etwas, als ich Morgens den Caffee mit Thee vertauschte und Abends statt Thee und Butterbrod mehrmals Fleischspeisen genoss. Des Morgens nach dem Bade wurde in der Regel ein Butterbrod mit Caviar oder Schinken und ein Glas Portwein (60 CC.) genossen.--

Am 4ten August kehrte ich jedoch ganz zu der frühern Lebensweise zurück und mit diesem Tage nahm ich auch die genauern Beobachtungen wieder auf. Es kam darauf an, die Wirkungen des Bades und des Aufenthaltes auf der Insel auch gegen den Schluss einer Curzeit kennen zu lernen, und dazu sollten mir die nächsten 8 Tage dienen.--Am 2ten Tage dieser Untersuchungsreihe war mein Befinden matter, als gewöhnlich. Ich setzte deshalb 2 Tage das Bad aus, und lernte somit auch die Wirkung eines solchen Verfahrens kennen. Die Mittelzahlen habe ich für diese Periode aber dennoch aus allen 8 Tagen der Untersuchung gezogen, da die Differenz der Resultate an den Tagen wo gebadet und wo nicht gebadet wurde so unbedeutend war, dass die Mittelwerthe doch richtige Anschauungen gewährten. Ich führe zunächst wieder die Resultate der einzelnen Tages-Beobachtungen vor:

VI. UNTERSUCHUNGSREIHE.

4-5. ~August~.