Udo in England: Eine Reiseerzählung
Part 5
Jetzt schreibe ich aus einem getäfelten Gemach mit eingefaßten, epheuumrankten Bogenfenstern und einem riesigen, rothen, damastnen, catafalkartigen Himmelbett, welches zum Andenken an die einstigen erlauchten Insassen das „~Queen's bed~“ genannt wird und mit güldenen Kronen bedeckt ist. Außerdem spukt es noch in diesem durchaus hochherrschaftlichen Gemach in der beglaubigtsten Weise. Allnächtlich hört man dumpfe Töne und tiefe, langgezogene Seufzer, während von Zeit zu Zeit schwere Gegenstände (doch wohl Särge) geschleppt werden. Dies Alles habe ich auch wirklich gehört, war aber dermaßen von meinen Cambridger Wanderungen erschöpft, daß ich nach einer gruseligen halben Stunde wieder einschlief. Feinfühlendere Seelen nehmen das „~Queen's-Room~-Gespenst“ weniger leicht, und als vor einigen Jahren ein ehrwürdiger Bischof hier zu Gast war, entdeckte ihn Morgens das Hausmädchen, wie er mit wild umhergeworfenen Bettsachen da lag, in den Händen eine große Feuerzange wehrhaft umklammernd!
Von diesem anregenden Zimmer aus sieht man den ummauerten Garten, den träge vorbeiziehenden Strom, die endlose Reihe schattiger Parks und alte, sich im Wasser spiegelnde College-Gebäude. Die Empfangsräume haben monumentale, geschnitzte Kamine, eichene Paneele und vergilbte, lebensgroße Bilder vergangener Könige, Staatsmänner und Gottesgelehrten. Von den Erkerfenstern blickt man auf Trinity-Square mit seinem steinernen, plätschernden Brunnen und großen gothischen Portalen; gerade gegenüber vom Lodge liegt Newton's einstiges Zimmerchen, dicht daneben die von Byron und Tennyson und Macaulay und Thackeray.
In freundlichster Weise hat man mich herumgeführt; ich wohnte einer Uebung der Ruderer bei, einem ~Football Match~, ließ mir den Studiengang, die Examina erklären und trank Thee im künstlerisch raffinirt eingerichteten Zimmer eines Studenten. Recht deutlich scheint mir hier der Typus des modernen Englands entgegenzutreten, auf der einen Hand eine alte, verfeinerte Cultur mit ihrem Ballast von verzopften, von keinen Katastrophen je unterbrochenen Traditionen; auf der andern Hand die unangekränkelte, naturwüchsige Kraft, welche vor den Consequenzen der Gegenwart nicht zurückschreckt. Dieses englische Universitätsleben hat eine ganz eigene Luft; ebenso ausgesprochen wie bei uns, ist sie doch radical verschieden, und der Contrast gibt ernstlich zu denken. Ganz gewiß möchte ich das Heimathliche nicht heruntersetzen, ganz gewiß hänge ich mit ungetrübter Liebe an meinen Heidelberger und Leipziger Erinnerungen; male ich mir aber -- von äußerlichen Umständen ganz abgesehen -- die idealste, wünschenswertheste Existenz für meinen (eventuellen) Herrn Sohn aus, so könnte nicht unmöglicher Weise die Wahl auch auf Cambridge oder Oxford fallen!
Vorläufig ist das ja aber eine akademische Erörterung!
Uebrigens habe ich den besonderen Anlaß meines hiesigen Besuches noch nicht erwähnt: jetzt, zum Semesterschluß, findet die „Commemoration“-Feier statt, Eltern, Schwestern und Cousinen sind von weit und breit hergeströmt, das ehrwürdige Cambridge ist ganz frivol.
Gestern Nachmittag zog Alles stromaufwärts; ein dunkler Himmel, sattgrüne Wiesen, weit ausladende Bäume, ein grauschimmernder, spiegelglatter Fluß und ein Schwarm von weiß oder bunt gekleideten Jünglingen. An diesen kräftigen Gestalten in den -- äußerst -- kurzen, die Farben ihrer Colleges tragenden Rudercostümen, haftete weder Bücherstaub noch Lampengeruch. Sie erschienen heiter, aber immerhin der ernsten Bedeutung der Stunde gewahr. Dann ertönten zwei Schüsse, darauf anschwellendes Jubelgeschrei und die unheimlich langen, dünn und zerbrechlich aussehenden Rennboote flogen heran. Heiser erklangen die Befehle und Warnungen des Steuermanns, fast krampfhaft spannten sich die Züge der Ruderer und mit dem wildesten Freudengeheul ermuthigten die zu beiden Seiten entlang stürzenden Mitglieder eines jeden College ihr Boot. Wegen der Schmalheit des Flußbettes ist das Cambridger Wettrudern ein sogenannter „~bumping race~“.... offengestanden laß ich mich lieber nicht in weitere Erläuterungen ein. Dazu bin ich auch wahrscheinlich zu alt. Neben mir prallten zwei kleine zehnjährige Mädchen in rosa und weißen ~Kate Greenaway~-Kleidchen aneinander. „~Cain's has bumped King's~,“ rief vor Aufregung stotternd die eine. „Das dacht' ich mir, es ist entschieden das bessere Boot,“ lautete die triumphierende Antwort. =So= muß man anfangen.
Heute früh gab es die feierliche Einführung des neuen Kanzlers, des bekannten Herzogs von Devonshire. Durch das nur dem Monarchen und dem Kanzler geöffnete steinerne, mit alten Bildwerken geschmückte Portal fuhr der Herzog in den malerischen Hof von Trinity ein. Es ist das wichtigste und stattlichste aller Cambridger Colleges und von Heinrich dem Achten gegründet. An des Kanzlers Seite saß der Herzog von Edinburg, der zweite Sohn der Königin, welcher jedoch hier in der Universitätsstadt dem Kanzler den Ehrensitz einräumen muß. Im großen Saal der Wohnung des Master of Trinity erfolgte dann, was man auf gut deutsch eine Defilir-Cour, auf gut englisch aber eine ~Levée~ benennt. Vor dem mächtigen Renaissance-Kamin, umgeben von lebensgroßen nachgedunkelten Bildern vergangener Könige, Königinnen und Gottesgelehrten stand der neue Kanzler im schleppenden golden und schwarzen Ornat. Der eigene Vater, seinerzeit der beste Mathematiker in Cambridge, war sein Vorgänger in dieser Würde, welche nur den bedeutendsten Mitgliedern des höchsten Adels verliehen wird. Wohl nie vorher hat sich dieses Ehrenamt vererbt und, da so wie so das englische Volk seine Herzöge über alles verehrt, wurde in diesen Tagen das Lob des Hauses Cavendish in allen Tonarten, gereimt und ungereimt, auf englisch wie auf lateinisch gesprochen und gesungen. Der große, schlanke, Ende der Fünfziger stehende Mann nahm die Verbeugungen der in ihren rothen und schwarzen Talaren vorbeiziehenden Doctoren und Honoratioren mit gewohnter Gelassenheit entgegen. Vor langen Jahren, bei seiner Jungfernrede im Parlament, hatte er halbwegs innegehalten und vernehmlich gegähnt. Als seine Freunde ihm dies nachher vorhielten, meinte er, das Ganze wäre ja doch auch schauerlich langweilig gewesen -- und greise Politiker weissagten dem Jüngling eine glänzende Zukunft.
Bald wurde mir aber dieser Akt etwas eintönig und ich schlenderte nach dem Senatsgebäude, wo die Feierlichkeit stattfinden sollte. Hier drängte sich bereits eine Menschenmenge auf Tribünen, auf Dächern, und da mir ein guter Platz im Innern gesichert war, blieb ich draußen, um das Herannahen des Zuges nicht zu versäumen. Er war auch recht malerisch: Kanzler, Ehrengäste und Professoren, alle in ihren schweren Talaren und sammtenen Barretten. Den Schluß bildeten die berühmten Pedelle, die „Bulldoggen“, in dunkelblauen, goldbetreßten Mänteln, jeder mit einem schweren, alten Bibelbuch an einer Kette in der Hand. Nun schlüpfte ich schnell herein. Auf dem Podium die Honoratioren, unten alle Gattinnen, Mütter, Schwestern und Cousinen, anscheinend besonders viele dieser letzteren, alle hell und hübsch angezogen und einige allerliebst. Auf den Gallerien waren die Studenten zusammengepfercht und diese sorgen nach uraltem Herkommen für Abwechslung und Zerstreuung. Jede bekannte oder irgendwie auffallende Persönlichkeit wird mit lautem Beifall oder Jodeln begrüßt. So nötigte ein minutenlanges Getöse und „Hutab“-Rufen einen hereingeschneiten indischen Prinzen, in blausammtenem Rock und goldbesticktem Turban, sich in die entlegenste Ecke des Saales zu verziehen, hingegen verursachte eine schlanke, weißgekleidete, ungewöhnlich hübsche Erscheinung „~three cheers for the young lady in white~“.
Nun aber begann der Festredner mit seiner lateinischen Begrüßung des Herzogs von Edinburg, des ersten der heute zu promovirenden Ehrendoctoren. Nach seiner Ansprache geleitete er den Prinzen zu dem in der Mitte thronenden Kanzler, welcher ihm mit einer lateinischen Formel die Hand zum Willkommen reichte. Dieses wiederholte sich über ein Dutzend Mal, aber die Würdenträger beherrschten keineswegs die Situation; trotz des Kanzlers und der Pedellen, trotz aller scharlachgewandeten Honoratioren, trotz des tönenden Schwunges dieser vollen lateinischen Sentenzen -- den Ton gaben die Gallerien an. Besonders dornig ist das Amt des Redners. Alle Augenblicke hieß es: „Grade stehn -- Lauter sprechen -- Haben wir bereits mehrfach gehört -- Nur gemüthlich bleiben“; bei einem etwaigen Versprechen kann sich die Freude all dieser Studenten mit den knabenhaften, frischen Gesichtern und ihren ehrbaren Talaren kaum halten. Der königliche Prinz wird mit loyalem, minutenlang anhaltendem Beifall begrüßt, aber auch bei Chamberlain's Auftreten ertönt ein Freudengeheul. Nachdrücklichst bittet die Gallerie den Festredner zu schweigen und „unserem Joe“ das Wort zu überlassen, als die Schwäche des Staatsmanns für seltene Orchideen erwähnt wird, erneut sich der Jubel. Sein fortschrittlicher Nebenbuhler, John Morley, wird ebenfalls freundlich begrüßt, nur scheint sein Auftreten die Herren Studenten humoristisch zu berühren. „Wackle nicht -- Ruhig stehn -- Vergnügter aussehn“ ertönt es von oben; als er sich vor dem Kanzler verbeugt, hört man ein lautes „Küß ihn doch“, wobei unwillkürlich die hohe Gestalt des Herzogs sich emporreckt. Schließlich wurden die preisgekrönten Gedichte von den sorgfältig angezogenen, reingewaschenen Dichtern höchsteigen vorgetragen. Es war jedoch dermaßen wohlgesetzt und selbstverständlich, daß sogar der Eifer der Gallerien erlahmte. Die -- recht lange -- lateinische Ode wurde mit den allerneuesten Witzchen ausgesprochen, nicht nur „Kikero“ sondern „~uictoria~“. Dies ist ein unerhörter Bruch mit der Vergangenheit, denn im Allgemeinen wird hierzulande griechisch und lateinisch, als wäre es das biederste Englisch gesprochen.
Nachmittags traf man sich wieder in einem der großen, schattigen College-Gärten. Mit gewohnter Königstreue hingen die Blicke Vieler an jeder Bewegung des Prinzen; andere Menschen lustwandelten zwischen den blühenden Sträuchern oder bewunderten die vielen hübschen Erscheinungen, deren helle Kleider selbst gegen die imposante Pracht der blutrothen Talare aufkommen konnte. Zwei einheimische Damen wurden viel bemerkt. Die eine war meine gütige Wirthin, die Gattin des ~Master of Trinity~; aus vornehmer schottischer Familie stammend, hatte sie unlängst, als einundzwanzigjähriges junges Mädchen, im großen philologischen Examen, an welches sich immer nur Wenige heranwagen, ihre sämmtlichen männlichen Nebenbuhler geschlagen, und zwar dergestalt, daß sie sich als Einzige in der ersten Abteilung befand. So war plötzlich ihr Name in Jedermanns Mund, die „Times“ brachte einen Leitartikel und die Königin schenkte ihr ein Armband. Aehnliches Aufsehen erregte vor kurzem die zweite junge Dame, welche, weißgekleidet, sich mit Bekannten unterhielt. Das Ergebniß der Examina wurde öffentlich verlesen, die Liste der Männer war beendet, nun begann die der Frauen, und unter stürmischem Beifall wurde verkündet, daß Miß Fawcelt sich die erste Stelle in Mathematik erobert habe, der „~Senior Wrangler~“ des Jahres sei. Jetzt unterrichtet sie an einem der beiden Cambridger Frauen-Colleges.
Unlogischerweise nahmen jedoch auch die berühmtesten weiblichen Leuchten der Universität an dem abendlichen Festessen keinen Theil! =Sonst= war es ja ein sehr schöner Anblick. In der mittelalterlichen Halle von Trinity saßen die echten, wie die neugebackenen Doctoren an langen eichenen Tischen. Ueber den Häuptern tief nachgedunkeltes Gebälk; rings herum alte Bilder der berühmten Vorgänger. Durch Spitzbogenfenster sah man auf den großen historischen Hof und jenseits vom plätschernden, mattbeleuchteten Springbrunnen wies man mir ein Fenster, dort hatten ihrerzeit Sir Isaac Newton, Macaulay und Thackeray als Studenten gewohnt.
Ich weiß nie recht, ob mir England fortschrittlich modern oder traditionsvoll uralt erscheinen soll. Es ist Beides in so hervorragendem Maß!
Herzliche Grüße an Alle -- treulichst
Euer
Udo.
XII.
Noxcombe Castle, Buckinghamshire.
Liebe Eltern!
Hier bin ich seit vorgestern bei Sir Arthur und Lady Ascard, dem jungen Ehepaar, mit welchem ich in Tarasp so viel verkehrte und das mich so freundlich nach England einlud.
Sie müssen verboten reich sein, und zwar stammt das Vermögen von ihr, der Erbin eines großen Fabrikherrn, welcher in der Gesellschaft sehr bekannt war und, wenn er noch lebte, sicherlich Pair des Reiches sein würde. Sir Arthur ist der jüngere Sohn einer guten, alten Buckinghamshire-Familie und wurde kürzlich vom conservativen Ministerium durch den Baronetstitel für seine Bemühungen und Geldopfer während der Wahlen belohnt.
Das von seinem Schwiegervater hinterlassene Noxcombe Castle ist äußerst anspruchsvoll, feudal und luxuriös. Von einer Anhöhe herunter beherrscht es, im ungeheuren Park stehend, die ganze Grafschaft; selbstverständlich ist es gothisch, und zwar in der Gothik der sechziger Jahre gebaut. Wenn man etwas näher zusieht, unterscheidet man in England etwa ein halbes Dutzend imitirt gothischer Stilepochen des neunzehnten Jahrhunderts. Hier und da reißt schon diese Generation die jetzt theaterdecorativ erscheinenden Thürme und Burgen der Großväter nieder. Was wird sich erst das zwanzigste Jahrhundert an diesen Similistilen erfreuen! Häßlich sind die Gebäude aber ganz und gar nicht, sondern haben meistens einen entschieden malerischen, flotten Zug und bekommen in diesem Klima eine feine Patina, welche sich harmonisch mit dem Epheu verbindet. Die Einrichtung ist selbst für hiesige Begriffe ganz ungewöhnlich prächtig, die kostbarsten Gemälde, Bücher und Raritäten aller Art füllen die schönen, großen Wohnräume und fluthen in die Gänge und Schlafzimmer über.
Die anwesenden Gäste bestehen aus vier verhältnißmäßig jungen Ehepaaren, einer im ungewissen Alter stehenden schönen Strohwittwe mit unverheiratheter Schwester und drei bis vier Herren. Alle sind sehr elegant, sehr ungezwungen, sehr lustig und ziemlich laut. Sie gehören anscheinend zu den Kreisen innerhalb der Londoner Gesellschaft, die bei Newmarket am meisten wetten, in denen eine gewisse hochgestellte Persönlichkeit sich besonders wohl fühlt und welche für die Erhaltung der nationalen altenglischen Ehescheidungs-Scandalprocesse sorgen.
Gleich nach unserer Ankunft fuhren wir im vierspännigen Coach und zwei Landauern in das nächste Städtchen zu einer landwirthschaftlichen Ausstellung, wo Sir Arthur Vorsitzender ist und Lady Ascard die Preise vertheilte. Obgleich viele Familien der Umgegend dort waren, hielt unsere entschieden auffällige Gesellschaft fest zusammen und trug vermuthlich lebhaft zur Unterhaltung der Mitmenschen bei. Die Ascards geben der Nachbarschaft alljährlich einige „Abmachungsfeste“, pflegen eigentlichen Umgang aber nur mit ihrer ins Haus geladenen Londoner Clique, welche vielleicht etwas „gemischt“, aber äußerst Chic ist und dieselben Interessen, respective denselben Interessenmangel bekundet.
Gestern früh meinte einer der älteren Gäste, man müsse mir doch Richbourne Cathedral oder Stradford-on-Avon zeigen; aber sofort hieß es einstimmig, Sehenswürdigkeiten seien schaurig stumpfsinnig, in Wirklichkeit möge sie auch Niemand, höchstens thäten Amerikaner und Spießbürger so, als ob es sie interessire. Natürlich winkte ich ab, und man unternahm ein großes Wettschwimmen im See. In winzigen Booten saßen je ein Herr im Tennisanzug und eine Dame im kurzen Badekleid und rothen Strümpfen; auf ein gegebenes Zeichen wurden die Boote umgekippt, und man schwamm so gut man konnte nach der Landungsbrücke, wo die übrige Gesellschaft sich auf die Planken lagerte. Der Spectakel war colossal, vermuthlich hörte man uns meilenweit. Meine Partnerin, die berühmt schöne Mrs. Simpkinson, Strohwittwe von Beruf, verlor den Athem oder den Kopf, und ich hatte die Ehre, ihre nasse Gestalt in meinen Armen an das Ufer zu tragen. Nachher waren wir Alle etwas kalt, und so schlug man Sacklaufen vor. Dieses hatte einen ungeheueren Erfolg, wahrscheinlich auch bei den in der Nähe arbeitenden Gärtnern und den ernsten, reich betreßten Dienern, welche im Hintergrunde auf der Terrasse den Theetisch deckten. Wir stolperten und purzelten, erreichten aber schließlich Alle das Ziel, wo Preise vertheilt wurden; wir Herren erhielten Photographien von Lady Ascard im Odaliskencostüm, und für die Damen hatte man alte silberne Nadeln und Spangen aus den Bric-à-Brac-Sammlungen des Hauses geholt.
Als wir so schön in der Stimmung waren, erschien in der Ferne auf der hinteren Allee ein Fleischerwagen, der mit Begeisterung herangerufen wurde. Der blaubekittelte Geselle mußte aussteigen; wir kletterten hinauf, zwängten uns knäuelartig in die Bänke, wippten auf den Rädern oder ritten zu Dreien auf dem überraschten Gaul. Sir Arthur schleppte seinen photographischen Apparat heran und ermahnte uns pathetisch zur Einkehr und Sammlung. Das Resultat wird aber die bei Dilettantenbildern übliche Gruppe ältlicher, grinsender Mulatten sein, und Ihr müßt mir auf mein Ehrenwort glauben, wie niedlich wir uns machten. Auf dem vordersten Sitz ist Lady Ascard, welche sich an Colonel Fitzstuart's Schulter klammert, von Charlie Israels (Sohn des bekannten Sir Abraham Israels), der im kritischen Augenblick rücklings in den Wagen sank, erblickt man nur die gen Himmel gestreckten Beine.
Abends wurden Roulettetische hereingetragen, man setzte bedenklich hoch, und anfänglich ging es mir schlimm. Schon drohte meinem englischen Aufenthalte eine vorzeitige Kürzung, da klärte sich die Lage, und ich kam mit einem blauen Auge davon. Mrs. Simpkinson spielte wie eine Besessene, hatte natürlich keinen Heller bei sich, was dem neben ihr sitzenden jungen Lord Caldoun theuer zu stehen kam und ihm später im Rauchzimmer einige lieblose Aeußerungen entlockte. Sir Arthur hielt die Bank und gewann, wie ebenfalls nachher bei der Cigarre berechnet wurde, genug, um die Unkosten der heutigen Bewirthung zu decken....
So weit hatte ich gestern Abend geschrieben; jetzt beim Ueberlesen berührt mich, und vielleicht auch Euch, ein gewisser Mangel an Pietät gegen meine Gastgeber. Aber man muß auch nicht allzu „geschwollen“ thun; in Tarasp war ich zufällig der einzig „mögliche“ Verkehr für Lady Ascard, welche ohne Herrengesellschaft einfach umkommen würde. Nun, da sie das Haus voll Gäste hatten, war ich ganz gut zu gebrauchen, sie luden mich ein, und ich bin ihnen aufrichtig dankbar für die erwiesene Freundlichkeit, ohne mich deswegen in zu patriarchal gefühlvollen Gesinnungen zu ergehen. Seitenstücke zu dieser „~fast London set~“ gibt es in jedem Lande; unsere guten Massenstein's und Bornekow's z. B. würden sich hier außerordentlich gefallen, und wenn das Treiben mir nicht so recht zusagen will, ist das eine ganz persönliche Geschmacksverirrung.
Hoffentlich geht es Euch Allen und auch Eurer Gesundheit so gut wie mir, dank Mama's geliebten Matteimitteln, die, unberührt im Koffer liegend, mich wahrscheinlich vor manchem Uebel bewahrt haben. Ich küsse ihr die Hand und bin herzlichst
Euer
Udo.
XIII.
Richbourne.
Liebe Eltern!
Um Gotteswillen laßt diesen Brief nicht herumliegen, für Thilda ist er auch nicht bestimmt, doch muß ich mir die gestrigen Ereignisse von der Seele herunterschaffen.
Heiterer und ungebundener als je war es zugegangen. Erst spielten Lady Ascard, Mrs. Simpkinson und Charlie Israel einen ebenso witzigen wie gewagten Einacter auf der kleinen Bühne, nachher sang Lady Ascard einige recht freimüthige Yvette Guilbert'sche Lieder. Sie hat wenig Stimme, aber einen kecken, geistvollen Vortrag, und „~ma p'tit sœur~“ mußte sie später, auf dem Billardtisch stehend, wiederholen. Ihr Gatte begleitete sie auf seiner Banjoguitarre; frenetisch war der Beifall der Herren, nur Colonel Fitzstuart lächelte verlegen -- mir wurde es schwül.
Als wir gegen zwei Uhr Morgens in unser Zimmer gelangten, konnte und konnte ich nicht einschlafen, blätterte vergebens in den herumliegenden Büchern nach etwas Lesbarem und wollte schließlich hinuntergehen, um mir aus der Bibliothek ein angefangenes Heft der ~Nineteenth Century~ zu holen. Auf dem oberen Treppenflur angelangt, hörte ich plötzlich in der dunkeln Einsamkeit des nächtlichen Hauses heftige Stimmen, einen Aufschrei -- dann wieder lautlose Stille. Verdutzt blieb ich stehen; es schellte -- nach einer langen Minute eilten Tritte über die Halle, Thüren wurden geöffnet und eine Stimme gab Befehle. Dann unterschied ich die Schritte mehrerer Menschen, schwere, regelmäßige Schritte, als schleppe man eine Last; die Treppe besteigend, näherten sie sich, zwei Diener trugen den Colonel Fitzstuart, sein Gesicht war blaß und verzogen, bei der Wendung der Treppe zuckte er mit leisem Aufschrei zusammen. „Langsam, langsam, so seid doch vorsichtig,“ mahnte der den Zug beschließende Sir Arthur; aber im nächsten Augenblick fiel ein haßerfüllter Blick auf den Colonel -- ich sah es wohl. Unschlüssig blieb ich stehen, jetzt erkannte mich der Hausherr und fuhr etwas zurück. Mit möglichst harmloser Stimme erklärte ich meine Absicht, ein Buch von unten zu holen und bot meine Hülfe an. „Es ist weiter nichts,“ erwiderte er trocken, „nur ein Fehltritt im Dunkeln gegen die Stufen im Erkerzimmer.“ Fitzstuart sah mich feindselig an und fluchte ganz leise vor sich hin. Ich wünschte verlegen recht baldige Besserung und ging die Treppe hinunter, nach der Bibliothek zu, um meine vorigen Worte nicht Lügen zu strafen. Als ich zurückkehrte, war die Thür des Erkerzimmers halb geöffnet; da stand Lady Ascard im ausgeschnittenen Spitzenkleid mit all' ihren funkelnden Diamanten und starrte aschgrau und verstört nach der Treppe hinauf.
Meine Nachtruhe war recht mäßig, und zwar keineswegs nur wegen der oftmals vernehmbaren Schritte und Stimmen im Flur. Um sieben Uhr hielt ich meine Ungeduld nicht länger zurück und klingelte. Nachdem ich mir heißes Wasser erbeten, fragte ich ganz unschuldig, ob Jemand heute Nacht über erkrankt wäre und hörte, daß der Colonel im Dunkeln gestürzt sei, und daß der herbeigezogene Doctor einen langwierigen, aber ungefährlichen Schenkelbruch constatire. Ich zog mich an, um frische Luft im Garten zu schöpfen. Auf dem Flur überhörte ich, wie ein Dienstmädchen dem anderen erzählte, Sir Arthur hätte im rothen Thurmzimmer geschlafen und ließe sich seine Sachen dorthin und nicht ins Ankleidezimmer bringen; vor den Ställen bemerkte ich Gruppen von Reitknechten und Dienern im lebhaften Gespräch.
Als ich durch die Rosenbeete schlendernd nach der Vorderseite des Schlosses herumkam, fuhr ein Jagdwagen mit Gepäck und einer Jungfer an mir vorüber, und vor der Hausthür erblickte ich Lady Ascard's schimmelbespannte Victoria. Instinctiv wußte ich, wer jetzt -- auf immer -- ihr Heim verließ. Am Dienerschaftsflügel erschienen erschrockene Frauengesichter an den Fenstern, durch die offene Hallenthür erkannte ich den Haushofmeister und die Wirthschafterin, welche augenscheinlich mit ihrer Herrin sprachen -- sie hat eine sehr freundliche Art und Weise mit ihren Leuten. Dann trat sie hastig und sicher über die Schwelle, bestieg den Wagen und lehnte sich in die Kissen zurück. Die Pferde zogen an, da erschien am offenen Fenster die ~Nurse~ mit den drei kleinen Kindern; einen Augenblick sah Lady Ascard hinauf -- wie sie an mir vorüber fuhr, starrte sie leichenblaß vor sich hin; ich grüßte, aber sie erkannte mich nicht. Die Kinder klatschten in die Hände und kreischten vor Freude: „Mama, Mama!“ Ich will offen gestehen, daß ich mich hastig wegwandte.