Udo in England: Eine Reiseerzählung

Part 2

Chapter 23,276 wordsPublic domain

Vor einem großen, hell erleuchteten Gebäude hielten wir an, lösten Billete (Fremdenloge zu einer Mark) und befanden uns in einem stattlichen roth und gold ausgemalten Theaterraum. Auf der offenen Scene sang eine Dame im Ballstaat ein gefühlvolles Lied, den Zuschauerraum füllte eine ärmlich gekleidete Menge, welche aufmerksam lauschte und am Schluß der Ballade lebhaften Beifall spendete. Die Schriftführerin, Miß Mount Dawling, hatte Hoyen erkannt, setzte sich zu uns und erzählte, wie einige wohlhabende Bekannte sich vor etwa fünf Jahren zusammengethan und dieses im allerschlimmsten Verruf stehende „~Music Hall~“ (Tingel-Tangel) aufgekauft hätten. Sie wünschten recht allmälig vorzugehen und deshalb Theile des alten Repertoires mit herüberzunehmen, doch war unter den Hunderten von Liedern kein einziges unanstößiges zu finden. Jetzt gibt es dreimal wöchentlich richtige ~Music-Hall~-Vorstellungen mit leichten, aber anständigen Liedern, mit Tausendkünstlern und Specialitäten aller Art; an einem Abend findet, wie heute, ein besseres Concert statt, zu dem man oft recht bedeutende Künstler heranholt, an einem anderen Abend gibt es populäre wissenschaftliche Vorträge mit Transparentbildern, einmal wöchentlich veranstalten vornehme Damen und Herren aus dem Westen ein Dilettantenconcert, und jeden Sonntag gibt es geistliche Musik. Alle Vorstellungen werden von der nur den untersten Schichten angehörenden dichtbevölkerten Nachbarschaft gut besucht, das geringe Eintrittsgeld wird gern bezahlt und in ganz auffallender, unverhoffter Weise hat sich das Benehmen dieser Leute verändert. Während sonst tumultuarische Auftritte und der schlimmste „Radau“ in einem fort die frühzeitige Schließung der Vorstellungen bedingte, während sonst, trotz einer ständigen Polizeiabtheilung, mehrere Morde alljährlich in diesen nämlichen Räumen stattfanden, wird jetzt auch die kleinste Ruhestörung, auch die geringste Unschicklichkeit von den Zuschauern selbst durch unweigerliche Entfernung des Schuldigen bestraft. Früher war es durchgängig Sitte, daß die jungen Fabrikarbeiterinnen auf dem Schoß ihrer Begleiter saßen, nachdem ihnen aber Seitens der stets anwesenden Vorstandsdamen nahegelegt wurde, daß solches Betragen nicht recht „~ladylike~“ und hübsch sei, unterblieb es. Während einer Pause gingen wir in den breiten Gängen und Erholungsräumen, wo leichte Erfrischungen zu kaufen waren, herum, und unsere Begleiterin unterhielt sich mit einigen ihrer besonderen Freunde, Waschfrauen, Briefträgern, Ladenmädchen, Werftarbeitern und dergl. Die größte Ueberraschung des Abends war aber vielleicht die spontane Begeisterung, welche eine neu aufgefundene, verzopfte Händel'sche Arie erweckte. Dieselbe war in der That schön, doch hätte man sie bei uns nur etwa einem Singakademie-Publicum zu bieten gewagt, und ich constatire diesen Geschmack des als unmusikalisch verschrieenen englischen Volkes, ohne eine Erklärung zu bieten. Auch ist es Zeit, zu schließen -- ich umarme Alle, und Thilda ganz besonders.

Euer

Udo.

III.

London.

Vielen Dank, ~cara~ Mutter, für Deinen lieben Brief, auch für die willkommene Nachricht, daß Onkel Krastenow gern auf Reiseberichte verzichtet und sie für Unfug hält. Wie recht hat der Mann!

Eben werden meine sieben Sachen gepackt, da wir den Sonntag über einen Künstler in Surrey, etwa zwei Stunden von hier, zu besuchen gedenken. Wir hatten mehrere solcher freundlichen Aufforderungen erhalten, denn viele bekannte Familien haben eine Besitzung in der Nähe von London und füllen während der ganzen „Season“ allwöchentlich von Sonnabend bis Montag ihr Haus mit Gästen. Als aber Hoyen eine, sich auch auf mich erstreckende Einladung zu einem jungen Ehepaar in kleinen Verhältnissen erwähnte, optirte ich für diese, denn der Abwechslung halber sehnte ich mich nach Leuten mit weniger als zwanzigtausend Thaler Einkünften. Dies wäre nach Hoyen das Minimum für Londoner gesellige Verhältnisse, darunter kann man gerade zur Noth „existiren“, aber absolut nichts „mitmachen“.

Es liegt aber bereits ein gutes Tagewerk hinter mir; ganz früh, d. h. um zehn Uhr, ritten wir mit dem hierher auf ein Jahr commandirten Hans Quilow im Hyde-Park, ich auf einem mir vom Botschafter gütigst zur Verfügung gestellten Rappen. Hoyen wurde elegisch und klagte über ~fin de siècle~, Verkommenheit. Bis vor wenigen Jahren ritt man nämlich zwischen halb zwölf und halb zwei im Cylinder und tadellosen, fest anschließenden Reitanzug; wie er behauptete, ein Anblick für Götter. Jetzt thun das nur noch zurückgebliebene Leute aus der Provinz, und Alles, was etwas auf sich hält, reitet frühmorgens, die Herren in bequemen, ausgetragenen, grauen Röcken, die Damen in Blousen und flatternden Jäckchen -- Alle aber in Filz- oder Matrosenhüten -- „complete Demoralisation“. Quilow und ich waren jedoch harmlos genug, um uns rückhaltlos an den wundervollen Pferden und an dem für unsere Begriffe fast unerlaubt naturwüchsigen, aber doch famos sicheren Sitz dieser Hunderte von Reitern und Reiterinnen zu freuen. Uebrigens erklärte man mir später, daß die Ursache eines frühen, zwanglosen Reitens in dem wachsenden Einfluß der beschäftigten jungen Männer zu suchen sei. Als die Damen merkten, daß die Mehrheit ihrer Tänzer und guten Bekannten früh, d. h. vor ihrer Arbeit in den Ministerien, in der City oder in den Justizgebäuden, ritten und daß nur die kleine Minderheit der Nichtsthuer später im Park zu haben sei, änderten auch sie ihre Gewohnheiten. Ohnehin ist es für unsere Anschauungen etwas anwidernd, Mittags, um die schönste Tageszeit, dieser Anzahl sorgfältig angezogener herumschlendernder Herren im Park zu begegnen. Und so hat diese „Verwilderung“ des Reitanzugs vielleicht sogar etwas für sich!

Bald trennte ich mich vom „corrupten Westen“ und begab mich wieder nach einem armen, verkommenen Stadttheil im Osten. Die Miß Mount Dawling hatte mich gestern Abend mit einem jungen Juristen bekannt gemacht, der nun in Toynbee Hall mich erwartete. In diesem Institut verleben mehrere Dutzend junger Männer aus den gebildetsten, auch aus den vornehmsten Ständen einige Jahre nach der Universitätszeit, verfolgen ihr Studienfach, widmen jedoch ihre freien Stunden den verschiedensten philanthropischen Bestrebungen. Hier unterrichten sie Abends die Knaben und Männer dieser hauptsächlich aus Fabrikarbeitern bestehenden Bevölkerung in den Schulfächern, in Nationalökonomie, Religion oder Kunstgeschichte. Hier leiten sie Gesang-, Schwimm-, Turm-, Cricket- und Fußballvereine, hier werden „historische Gänge“ durch London, sowie Ausflüge in der Umgegend vorgenommen, normale Arbeiterwohnungen verwaltet und Krankenkassen errichtet. Kurz, diese freiwilligen Arbeiter wollen praktische Fühlung mit ihren ärmeren Mitmenschen gewinnen und einen festen Mittelpunkt für die philanthropischen Bestrebungen bilden.

Als ich Mr. Julian Gard, einem hübschen, eleganten, jungen Menschen, meine Bewunderung aussprach, wies er mein Lob sehr bescheiden von sich und behauptete, daß er und seine Freunde weit mehr gelernt als gelehrt hätten, daß, wenn auch dieses jetzt etwa fünfzehn Jahre bestehende Toynbee Hall einen erfreulichen, manchmal überraschend günstigen Einfluß auf die Umgegend ausgeübt hätte, der Nutzen auf die jungen künftigen Politiker, Geistlichen, Juristen oder Nationalökonomen ein ebenso ausgesprochener wäre. Etwas verlegen fuhr er fort: „Diese manchmal etwas ungeschlacht und verwildert aussehenden Männer und Knaben machen einem auch größere Freude als Sie vielleicht denken; es ist unglaublich, wie anhänglich sie sich oft erweisen, wie schnell man sich an einander gewöhnt.“ Dabei ist dies die verrufenste Gegend von ganz London, aus Gard's künstlerisch eingerichtetem Zimmer sah man auf den Schauplatz des einen „Whitechapel-Mordes“, und vom Tennisplatz, im hinteren von Epheu bekleideten Hof des schlichten, aber geschmackvoll vornehmen Backsteingebäudes erblickte man die Fenster, hinter denen eine andere dieser Scheußlichkeiten geschah. Gard fuhr fort: „Unsere Thätigkeit ist vielleicht nur ein Tropfen, aber der ist von intensiver Farbe und färbt weithin das Wasser. Wir sind auch keineswegs muthlos, und überall, inmitten dieser entsetzlich großen, zusammengepferchten Bevölkerung arbeiten ähnliche Genossen und Genossinnen.“ Er gefiel mir recht gut, und gern hätte ich manche Frage mit ihm erörtert, um statt blutloser Theorien diese eigenen Beobachtungen und Erfahrungen zu hören, aber schon mußte ich nach der Uhr sehen und mich schleunigst in die Bahn setzen, da mich ein verabschiedeter indischer Oberst in South Kensington zum Luncheon erwartete.

So kam ich denn auch in diese beliebte Gegend, wo um das altmodische Schloß und den gradlinigen, schattigen Park ein nagelneues Viertel roth backsteinerner, „stilvoller“ Gebäude sich erhebt.

Im Wohnzimmer des Obersten angelangt, prallte ich zurück; denn vor mir erhoben sich drei ältliche Fräuleins, und nur zu gut erkannte ich die eiserne Unerbittlichkeit dieser schnurgeraden, sogenannt weiblichen Gestalten, das mechanische Lächeln dieser großen, blassen Lippen. Es waren dieselben Engländerinnen, welche in Mürren mich an das jüngste Gericht mahnten, als ich Sonntags einen Ausflug unternahm; welche mir, höchst unpassender Weise, eigenhändig Tractate in mein Schlafzimmer brachten und mich erfolglos anflehten, einen Temperenzlerverein in Deutschland zu gründen. Auch ihnen schien die Begegnung eine ebenso unerwartete, wenn auch leider nicht so unliebsame wie mir. Jedes, auch das geringste Opferlamm mag ihnen willkommen sein, und sie setzten mir armen Wurm auf das Weidlichste zu. Religion und Wassertrinken wurde zwar auch während des ewiglangen Frühstücks breit getreten, doch war augenblicklich Vivisection das beliebteste Steckenpferd, und daß ich trotz aller haarklein geschilderten Greuel des Secirtisches doch noch Lammrücken mit ~mint sauce~ herunter kriegte, spricht entschieden für meine unangekränkelte Natur. Der Oberst versuchte mehrmals das Gespräch an sich zu reißen, doch erwies sich die Phalanx der Töchter zu stark; er mußte den augenscheinlich besonders geliebten Klang der eigenen Stimme entbehren bis er mich den Fräuleins entwand und nach der indischen Abtheilung von South Kensington-Museum entführte. Das war nämlich die Verabredung gewesen und erfüllt, wie ich von meinem Rudyard Kipling nun einmal bin, hatte ich mich ganz besonders auf eine sachkundige Leitung durch diese märchenhaften Schätze gefreut. Allerdings erzählte er viel -- +sehr+ viel -- über Indien, als er aber die Ränke, welche seine frühzeitige Pensionirung zur Folge hatten, die Günstlingswirtschaft der Behörden und die Ungerechtigkeit der Rupee-Währungsverhältnisse in genügender Vielseitigkeit beleuchtet hatte, flüchtete ich, gänzlich erschöpft.

Und jetzt ertönt schon Hoyen's mahnende Stimme. -- Zärtlichst küßt Dir die Hand

Dein

Udo.

IV.

Liebste Mutter! Also, ich fahre fort. Gestern Nachmittag war ein großes Gartenfest in Holland House und das bedeutet viel; denn Holland House ist vielleicht das berühmteste, traditionsreichste Privathaus Londons.

Mitten aus dem Straßengewimmel gelangt man durch ein schmiedeeisernes Thor in Lord Ilchesters Herrschaft und befindet sich augenblicklich auf dem Land. Allerdings war es eine recht städtische, gedrängte Wagenreihe, welche durch die uralte Ulmenallee dahinfuhr und nur über und zwischen den hellen Federn und Blumen der großen Damenhüte erblickte man weite Wiesen und ferne Bäume. Dann hielten wir vor dem verwitterten, rothgrauen, backsteinernen Gebäude, das man anderswo ruhig ein Schloß benennen würde; lange, in Stein gefaßte Fenster, monumentale, mit gebrannten Thonornamenten verzierte Schornsteine, Vieles an- und dazu gebaut, das Ganze etwa aus der ersten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts. Durch ein weißmarmornes Greifenthor gingen wir gleich in den Garten hinein, unter einer gewaltigen, tiefdunkeln Ceder empfing die Lady ihre immer neu heranfluthenden Gäste, und dann erging man sich in den Lindenalleen, zwischen den Buxbaumbeeten des „holländischen Gartens“, auf den frisch grünen Rasenplätzen, an hellen Statuen vorbei. Mich zog es aber in das Haus hinein; denn eine junge Nichte (es ist zu nett -- überall giebt es hier zu Lande Nichten) versprach mir, Alles zu zeigen und zu erklären.

Ein liebenswürdiger, etwas geckenhafter Höfling Karls des Ersten hatte Holland House damals, fern von London, erbaut. Nicht ganz gesinnungsecht, wechselte er während der Bürgerkriege öfter die Farbe. Von dieser Besitzung aus versandte er mit dem General Farifax und andern Parlamentariern einen Erlaß an die Armee, das Jahr darauf ging er wieder zu den Königlichen über und wurde schließlich von den Rebellen zum Tode verurtheilt. Bei Westminster -- über den Platz war ich Vormittags gegangen -- bestieg er das Schaffot; bis zuletzt hielt er auf's Aeußere, war in weiß Atlas gekleidet, so spukt er auch zeitweise hier herum. Das Haus wurde dann von mehreren parlamentarischen Generalen bewohnt; Cromwell soll auf einem der Felder mit dem schwerhörigen Ireton sich ausgesprochen haben (hundert und zwanzig Morgen zählt noch heute der Besitz!); schließlich erhielt es die Wittwe zurück. Die Dame war anscheinend lebenslustig und temperamentvoll; denn mitten in der puritanischen Herrschaft, in der alles Theaterwesen in Acht und Bann erklärt wurde, ließ sie hier ruhig Komödie spielen. Ihr Sohn erbte den Titel eines Earl of Warwick und dessen verwittwete Schwiegertochter heirathete den Dichter Addison. Nach Johnson's Behauptung erinnerten die Ehebedingungen an die Trauungsfeierlichkeiten einer türkischen Prinzessin, bei denen der Sultan erklärt: Tochter, hier gebe ich Dir diesen Mann zum Sklaven! Uebertrieben angenehm hatte es Addison auf jeden Fall nicht.

Dann später erwarb die Fox'sche Familie, die Vorfahren der jetzigen Besitzer, Holland House. Auch sie waren durch Hofgunst gestiegen, ein Fox hatte in Brüssel dem Tennis spielenden Karl dem Zweiten, als erster, den Tod des „Ungeheuers“, des Cromwell, gemeldet. Seit über einem Jahrhundert stand allzeit ein Fox in der vordersten Reihe der englischen Staatsmänner. Der erste Politiker dieser bedeutenden Familie wurde außerdem noch durch einen viel Staub aufwirbelnden Roman mit der Lady Caroline Lennox, Enkelin Karls des Zweiten, berühmt; da die Eltern sie ihm nicht freiwillig gaben, entführte er sie, und die Ehe schlug tadellos aus. Ihr zweiter Sohn war der berühmte Redner und Staatsmann Charles James Fox. Er muß eine fesselnde, widerspruchsvolle Persönlichkeit gewesen sein. Von lockerem Lebenswandel, ein berüchtigt leidenschaftlicher Spieler, war er der warmherzigste Freund und auch ein feingebildeter Mensch, welcher z. B. alljährlich den Homer von Anfang bis zu Ende in der Ursprache las. Von ihm wurde 1831 geschrieben: „Noch jetzt, nach fünf und zwanzig Jahren, giebt es Leute, welche keine Viertelstunde über Charles Fox sprechen können, ohne Thränen zu vergießen.“ Aus dem Fenster zeigte man mir die Stelle, an der damals eine alte Steinmauer stand. Der zum Lord Holland erhobene Vater versprach dem Knaben, bei dem Niederreißen derselben zugegen zu sein. Aus Versehen geschah es jedoch in Charles Abwesenheit, und um selbst einem Kind gegenüber das Wort zu halten, gab der Vater den Befehl, die Mauer wieder aufzuführen und in der Gegenwart des Sohnes noch einmal niederzureißen. Mit feinsinniger Liebe zur Natur ausgestattet, hing Charles zeitlebens an der schönen Familienbesitzung; kurz vor seinem Tod wanderte er in den Alleen umher, wehmüthig die erinnerungsreichen Stätten betrachtend.

Dann zeigte man mir eine der Perlen unter den Gemälden, einen berühmten Sir Joshua. Eben derselbe Charles Fox steht als vierzehnjähriger Knabe vor einem Fenster von Holland House, aus welchem die schöne, blutjunge Schwester seiner Mutter, die Lady Sarah Lennox herausblickt, während ihre Freundin, Lady Susan Strangways ihr eine Taube heraufreicht. Auch diese jungen Mädchen wurden ihrer Zeit viel genannt, auf beiden ruht der Schimmer einer romanhaften Neigung.

Nach dem Tode ihrer Eltern war Lady Sarah zur Schwester gezogen. Hier, auf einem jener Felder, an denen Hoyen und ich eben vorbeigekommen waren, machte sie am Junimorgen Heu in phantastisch ländlicher Tracht, und der junge König Georg der Dritte ritt vorbei und verliebte sich sterblich. Auf das Ernsteste bemühte er sich, sie zur Gattin zu erringen, brachte die Angelegenheit vor den Thronrath, doch mahnte dieser energisch ab. Aber auch jetzt noch hätte die schöne Lady Sarah wahrscheinlich die Krone erringen können, wäre sie ehrgeiziger oder temperamentvoller gewesen. Sie that nichts, gab kein Zeichen und der König verlobte sich mit der mecklenburgischen Prinzeß. Vielleicht, da es wirklich zu spät war, bedauerte sie ihre Kälte, aber sie plaudert mit gutem Humor über die Unbeständigkeit des Souverains in ihren Briefen. (Ein großes Prachtwerk über Holland House gab mir meine liebenswürdige Führerin zum Nachlesen und Nachschlagen mit.) Bei der feierlichen Hochzeit und Krönung war sie natürlich die meist beachtete Brautjungfer, war, wie Horace Walpole schreibt, „engelhaft schön.“ Der junge König wandte während der ganzen Feierlichkeit seine Blicke nicht von ihr. Das Jahr darauf heirathete sie einen Landjunker aus Suffolk, fand ein ruhiges Glück.

Anders verlief der Roman ihrer Freundin, der Lady Susan, aber auch in diesem spielte Holland House eine Rolle. Eines schönen Tages verließ sie dasselbe, um, von einem Diener begleitet, spazieren zu gehen; um etwas Vergessenes zu holen, schickte sie ihn in das Haus zurück und gab vor, auf der Straße ihn erwarten zu wollen. Hier harrte ihrer aber ein schöner Schauspieler, O'Brien, mit einem Miethswagen, fort fuhren sie nach einer Kirche und ließen sich trauen. Hatte Harry Fox damals eine gesellschaftlich über ihm stehende junge Dame entführt, wurde das Vergehen an seiner Nichte gerächt! Weder meine Führerin, noch das Foliobuch konnten mir jedoch mittheilen, ob auch diese Ehe so befriedigend verlief.

Aber die berühmteste Epoche von Holland House ist die Zeit von etwa 1800-1840, in welcher der dritte Lord Holland und seine Gemahlin die geistig bedeutendsten Londoner Kreise um sich versammelten. Alle Bedingungen zu der schönsten Geselligkeit waren da. Den Rahmen lieferte die fürstliche Pracht, die wohlthuend ländliche und doch erreichbare Lage des Hauses. Auf Reisen im Ausland, im Verkehr mit den meisten europäischen Berühmtheiten hatten sich die Wirthe eine kosmopolitische Gewandtheit erworben; begabt und angeregt, fesselten sie die hervorragendsten Menschen an ihr Haus, schlossen echte, langjährige Freundschaften. Ich muß sagen, es sind Menschen und Verhältnisse, deren man gern gedenkt. Vielleicht erinnert Ihr Euch aus der Macaulay'schen Biographie, wie oft er diesen glänzenden, ästhetisch anregenden Kreis erwähnt. Der Hausherr war, der Familientradition folgend, ein Whig; mehrere hohen Aemter wurden ihm zu Theil, Ende des vorigen Jahrhunderts befürwortete er bereits die erst lange nachher durchgedrungene parlamentarische Reform, wie auch die Emanzipation der Katholiken. Ein leidenschaftlicher Literaturfreund, interessirte er sich ganz besonders für die spanischen Klassiker und übersetzte mehrere derselben. Den Kaiser Napoleon kannte und verehrte er, auch nach dessen Sturz bewahrte er ihm die treuste Bewunderung; vorhin war ich auf der Terrasse, neben altmodischen Taxushecken, auf seine Statue gekommen. Er galt für den feinsten, geistvollsten Gesellschafter, für den denkbarst gütigen Wirth. Seine Gattin war ebenso bedeutend, wenn auch entschieden schwierig. Sie war schön, begeisterungsfähig, witzig, aber herrisch, launenhaft und von einer berüchtigten Offenheit der Sprache. Noch intimer als in seinem Aufsatz, weniger diskret, aber um so unterhaltender beschreibt Macaulay in seinen Briefen an die Schwester seine etwas gefürchtete Gönnerin, die Lady.

Nennt man die Gäste des Hauses, so hat man fast alle litterarischen und politischen Größen jener Tage genannt. Sheridan, Byron (welcher dem Lord Holland seine Braut von Abydos widmete), Frau v. Staël, die beiden Humboldt waren gern gesehene Gäste. Hier übernachtete Brougham vor seiner großen Vertheidigungsrede der unglücklichen Königin Karoline, eine der liebenswürdigsten Politikerinnen, die Fürstin Liewen, war eine intime Freundin des Hauses. Die Nachfolger dieses Ehepaares, der vierte Lord Holland und seine erst vor kurzem verstorbene Gemahlin waren weniger bedeutsam, pflegten jedoch in würdigster Weise die Familientraditionen. Die eine lange Schloßterrasse, wo jetzt die Kapelle spielte, heißt die Louis Philippe-Allee zum Andenken an den 1848 dort in trüben Gedanken auf und ab gehenden verbannten König. Mit dem Herzog und der Herzogin von Aumale wurde im kleinen, steingefaßten Teich hinter den umwachsenen Arkaden, wo jetzt Theetische aufgeschlagen waren, gefischt, Thiers und Guizot waren oft hier zu Gast.

Ich habe aber fast einen Schreibkrampf bekommen und höre auf. Den prächtigen Bibliotheksaal, in dem Addison dichtete, habe ich vergessen. Besonders schön ist auch der „goldene Ballsaal“ mit modernen Fresken von Watts, der in diesem Hause seine frühesten Gönner fand. Sonst hat er sich wenig verändert, seitdem anläßlich der Vermählung Karls des Ersten und der Henrietta Maria der erste Ball darin gegeben wurde. Jede Generation hat hier seither getanzt und wie viele Hunderte noch ungeborener Menschen werden sich wohl noch auf diesen dunkeln, glatten Eichendielen ergehen!

Nein, das Haus war wirklich unglaublich interessant! Herzlichst und treulichst

Euer

Udo.

V.

Marwood Cottage, Haslemere.

Liebe Eltern!

Hier ist es fabelhaft hübsch, durch das winzige Fenster klettern Rosen, dann kommen jenseits vom Rasen lange Rabatten von Lilien und Mohnblumen, dann saftige, sonnige Wiesen und schattige Bäume, und dann wieder Viehweiden und Hecken und immer dunstiger werdende Bäume, und endlich ferne, umflorte, blaßblaue Berge. Die Gegend erscheint still und weltentrückt, und erst beim längeren Herumspazieren zeigen sich die von Bäumen und Büschen umstandenen malerischen Gehöfte und die vielen neuen Häuschen im gefälligen, anspruchslosen „~cottage~“-Stil, d. h. rother, leicht verwitternder Backstein, unregelmäßige Giebel, Erkerfensterchen, ein kleines Hauptportal, Alles von Jelängerjelieber, Clematis und Heckenrosen umrankt. Hier und da gibt es auch alte herrschaftliche Landhäuser, hier und da haben reiche Londoner Kaufherren sich prachtvolle Besitzungen geschaffen, aber besonders häufig und für die Gegend besonders charakteristisch sind diese anheimelnden „~cottages~“, in welche Maler, Schriftsteller und Gelehrte sich aus der Großstadt herausflüchten. Jeder sich neu anbauende Mensch gilt natürlich anfänglich als Volksfeind, der aus krassem Egoismus diese unberührte Ländlichkeit zu zerstören gedenkt. Die Gefahr liegt ja auch nahe, aber noch verbergen die üppigen Bäume jedwede Londoner Eindringlinge, und der hier bestehende geistig angeregte Verkehr kommt wohl sonst auf dem Lande nicht leicht wieder vor.