Udo in England: Eine Reiseerzählung
Part 1
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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der 1899 erschienenen Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und altertümliche Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert; fremdsprachliche Zitate und Ausdrücke wurden ohne Korrektur übernommen.
Umlaute in Großbuchstaben (Ä, Ö, Ü) werden als deren Umschreibungen (Ae, Oe, Ue) dargestellt.
Besondere Schriftschnitte wurden in der vorliegenden Fassung mit den folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:
fett: =Gleichheitszeichen= gesperrt: +Pluszeichen+ Antiqua: ~Tilden~
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UDO in ENGLAND
von
Marie von Bunsen
Verlag von Carl Krabbe Stuttgart
~Udo in England.~
Eine Reiseerzählung
von
Marie von Bunsen.
Illustriert von M. von Bunsen und H. Hübner.
Stuttgart
Verlag von Carl Krabbe.
Alle Rechte vorbehalten.
Druck der Stuttgarter Vereins-Buchdruckerei.
Umschlag und Illustrationen reproduziert von +A. Schuler+ in Stuttgart.
I.
London, 82 North Audley Street.
Liebe Eltern!
So wäre ich ja glatt und glücklich angekommen. Während der Ueberfahrt schlief ich, ahne deswegen nicht wie sie ausfiel, als ich aber zu einer verboten frühen Stunde auf Deck kam, machte das Meer einen recht harmlosen Eindruck und wir näherten uns einer schmalen, flachen Küste. Von den erwarteten weißen Kreidefelsen war auch nicht das Geringste zu sehen, sie scheinen um Queenborough herum nicht zu gedeihen, und so entgingen mir alle darauf bezüglichen Gefühle. Dagegen gab es malerische, rothbraun besegelte Fischerboote und sattgrüne Wiesen. Dann erschienen Häuser und Schuppen und Werfte; wir legten an, ein prachtvoller, blonder Seemann in blauem Wams ergriff meine Sachen, und ihm folgend, gelangte ich in einen Wagen des bereitstehenden Londoner Zuges. Er sowohl wie der Schaffner schienen, Gott sei gelobt, mein Englisch auf das Bequemste zu verstehen, und dankbar gedachte ich unserer guten Miß Stevens. All' die Jahre über hatten sie und ich uns so gern und so oft geneckt und gestritten, daß ich doch heute im Stande war, ruhig und fließend Wetter und Ernteaussichten mit einem Reisegefährten zu besprechen. Zu weiterem Gedankenaustausch kam es nicht, dazu waren wir beide wohl noch zu verschlafen, auch interessierte mich die vorüberfliegende Landschaft. Besondere Freude machte mir der bewußte, über Baumwipfeln emporsteigende niedrige Kirchthurm unter dem bewußten weißwolkigen Himmel; von „~Christmascards~“ her kannte ich das Alles so genau. Und dann gefielen mir diese einzeln und gruppenweise herumwuchernden Bäume; sie haben etwas ganz eigenartig Breites und Ueppiges und weich Verschwommenes.
Das ganze Land erschien parkartig, und die wohlgepflegten, blumenumrankten „~homes~“ wollten gar nicht aufhören; hier waren es kleine, originelle Backsteinbauten, hier schlichte, weiße Landhäuser mit altmodischem Säulenportal, hier stattliche Schlösser. Einen recht behaglichen, recht ländlichen Eindruck machten die Dörfer und Gehöfte, wogegen die meisten Städtchen neu und nüchtern erschienen und die meisten Bahnhöfe kahlen, mit Annoncen beklebten Schuppen glichen. Dann begannen die Londoner Vororte; saubere, etwas banale Villen, endlose Reihen eintöniger Häuschen, dann Fabriken, ein Meer von schwärzlichen Dächern und Schornsteinen, darauf ein breiter, schimmernder Fluß und in der dunstigen Sonne Schiffe und Thürme und gewaltige Gebäude.
Im Bahnhof stand der gute Willy Hoyen mit seinen eingekniffenen Augen und der berühmten, aufgestülpten Nase. Augenscheinlich befürchtete er eine zu demonstrative Begrüßung, streckte mir vorsichtig die Hände entgegen, sprach über sein akut frühes Aufstehen -- es war acht Uhr Morgens -- wurde dann aber gemüthlich und herzlich und ganz der Alte. Er billigte gnädigst, daß ich während meines hiesigen Aufenthalts mich ihm blindlings anvertrauen wollte und versprach, wie ein Vater für mich zu sorgen. Er ist genau sieben Jahre älter als ich, behauptet aber der Erfahrung nach ein Greis zu sein. Auch billigte er meine offenkundige Bewunderung für das fixe, ruhige, höfliche Wesen der Gepäckträger, wie für die respectvolle, wohlwollende Haltung der Schutzleute; diese beiden englischen Menschenclassen wären sein höchstes ethisches Ideal.
Unterdessen fuhren wir durch stattliche einsame Squares in ältere Seitenstraßen und hielten vor einem winzigen, etwas zurückgebauten, tiefroth angestrichenen Häuschen. An der Thür stand knicksend eine würdige Matrone in rauschender schwarzer Seide, und ein beängstigend imposanter Herr mit glatt rasirter Oberlippe geruhte höchst eigenhändig meine Koffer heraufzutragen. Eine schmale Treppe führt an alten Kupferstichen vorbei in meine oben gelegenen Zimmerchen, die allerliebst eingerichtet und mit Porcellansächelchen und altmodischen Bildchen geschmückt sind. Unter mir wohnt Willy und unter diesem ein entfernter Vetter, ~the Honourable~ Guy Wootten, bei dessen Eltern unsere Wirthsleute Jahre lang als Kammerfrau und Haushofmeister dienten. Auch jetzt noch rechnen dieselben sich mit zur „Familie“, die Wootten'sche Dynastie beherrscht ihr Gespräch und deren Photographien bedecken die Wände. Sie nehmen nur Junggesellen aus „ihren“ Kreisen, und für Wohnung und ein vorzügliches Frühstück zahlt man angemessene, keineswegs übertriebene Preise.
In einer großen englischen Badewanne erfrischte mich das bereitstehende kochheiße Bad -- kalte Bäder, so erklärte mir Willy, wären hier so veraltet wie Croquet oder Schnupftabak. Dann ging es zum Schneider, und dann verließ ich meinen Begleiter vor seiner Botschaft, nachdem er mir mit Segenswünschen Bädeker in die Hände gedrückt. So fuhr ich dann hoch oben auf einem riesigen Omnibus in das Getöse der City hinein, und als ich befriedigt und erschöpft gegen sechs Uhr zurückkam, hatte ich St. Pauls und den Tower und London Bridge und das Mansion House und die Bank of England gesehen. Glaubt aber nur nicht, daß ich Euch hierüber oder über irgend etwas Aehnliches gewissenhafte Beschreibungen zu schicken gedenke, sondern thut mir die Liebe und holt Euch ein halbes Dutzend englischer Reiseberichte und lest hübsch nach. Das ist weit gründlicher, weit zuverlässiger und weit, weit bequemer!
Ohnehin war der Tag noch lange nicht aus; etwas vor Acht weckte mich Hoyen's Franz, half mir beim Anziehen und überreichte mir einen dieser allerliebsten Knopflochsträußchen aus Stephanotis und Venushaar, wie die hiesigen Herren sie fast sämmtlich tragen. Dann schlenderten Willy und ich zu Fuß durch hell erleuchtete, von schönen Wagen durchsauste Straßen bis zu einem großen steinernen Portal. Meine Einführung in die Londoner Gesellschaft begann ganz stilvoll beim Marquis of Southerley; Hoyen verkehrt viel bei dessen Schwiegertochter und konnte mir daher leicht diese Einladung erwirken. Gepuderte Diener mit weißseidenen Wadenstrümpfen und hellgrau und gelber Livree erwarteten uns in der steifen, prächtigen Marmorhalle; Gobelins und Ahnenbilder hingen an den Wänden, und schwere, kostbare Tische und Sessel umstanden den Raum. Sehr freundlich empfing mich die Lady, eine stattliche, vornehme Frau mit altmodisch glattem Haar, altmodischem Sammetkleid und einem reichen Smaragdschmuck. Die mit Treibhausblumen geschmückten Zimmer füllten sich allmälig mit würdigen Herrschaften in großer Gala, das einzige junge Mädchen wurde mir zu Theil. Wie sie hieß, ahne ich nicht; sie war groß und schlank und erzählte mir, wie ungeduldig sie das Ende der ~season~ erwarte, um mit Vater und Bruder in ihrer Yacht um die schottische Küste zu segeln. So immer in Wind und Wetter draußen zu sein, ohne Handschuhe herumzulaufen, braun einzubrennen und keine langweiligen Besuche machen zu müssen, sei doch das Schönste in der Welt!
Die Gäste um diese mit rosa Orchideen und altem Silber geschmückte Tafel schienen sich gut zu kennen, und Alle sprachen lebhaft, wenn auch mit englisch gedämpfter Stimme. Ziemlich ununterbrochen kannegießerten sowohl Herren wie Damen, und trotzdem die Southerley's zu den alten Whigfamilien gehören, wurde Gladstone's Name nur mit leidenschaftlichster Erbitterung genannt. Wo ich nur hinhörte, schwirrte es von Rosebery und Chamberlain, von Neuwahlen und Versammlungen, doch einmal vernahm ich einen warmen Gedankenaustausch über Canalisation und sonstige sanitäre Fragen und einmal eine begeisterte Schilderung neuer Gladiolen. Das Mittagessen war schnell vorüber, man nahm sehr wenig von den vorzüglich bereiteten Gerichten und genoß nur ganz wenige der ausgesucht guten Weine. Augenscheinlich hatten alle Anwesenden es ziemlich ebenso Tag für Tag zu Hause.
Nach dem Dessert erhoben sich die Damen, der alte Southerley öffnete ihnen selber die Thür und stand, mit der Klinke in der Hand, bis die Letzte an ihm vorbeirauschte. Dann rückten die Herren zusammen, tranken ein Gläschen Port, rauchten ein Cigarrettchen und politisirten erst recht darauf los. Begreiflicherweise langweilte mich dieses auf die Dauer, und ich war froh, als wir uns hinauf zu den Damen begaben. Dort ergriff mich die nette Schwiegertochter und zeigte mir die in den großen Räumen herumhängenden Rembrandt's, Veronese's, Sir Joshua Reynold's und andere Herrlichkeiten. Darauf verabschiedete man sich bald, da Alle, auch die Gastgeber, noch mehrere gesellige Pflichten zu erledigen hatten. Hoyen sah nach der Uhr, es war halb Elf. „Zu einem Ball ist es noch zu früh, sollen wir einige Abendempfänge noch mitmachen oder in den Club?“ Ich optirte für das Letztere, und so fuhren wir vor das ernste Gebäude in St. James's-Street, dieser classischen Stätte der historischen Clubs.
In den mit anspruchsloser Vornehmheit eingerichteten Räumen befanden sich eine Unmenge Herren im Frack und weißer Binde; tiefernst lasen sie Zeitungen, kritzelten mit affenartiger Geschwindigkeit ihre Briefe oder saßen um die Tische der Spielzimmer. In den Fluren und an der Treppe streckten sich zahllose Jünglinge auf den dunkeln ledernen Divanen und schwatzten und kicherten mit gedämpfter Stimme. Hier und da trank einer ein Täßchen Kaffee, einen Cognac oder Selterswasser, die Meisten, wie auch wir, nahmen nichts. Zum Rauchen gab es getrennte Zimmer, die übrigen Räume waren musterhaft gelüftet. „Ja,“ meinte Hoyen auf meine Bemerkung, „die Engländer vergöttern die Aristokratie, sind aber keineswegs exclusiv und nehmen leicht einen Gentleman, was auch sein Vater gewesen, in ihre Kreise hinüber. Zum Gentleman aber gehört, daß man eine vornehme Schule besucht hat, Abends zum Mittagessen sich in einen Frack wirft, peinlich die Wahrheit spricht, ohne tägliche Bäder umkommt und stickige, verbrauchte Luft wie den Tod verabscheut. Also ein bißchen Nietzschianerthum.“ Hier trafen wir auch mehrere Hoyen'sche Bekannte, welche ebenfalls gesonnen waren, den Levinsohn'schen Ball mit ihrer Gegenwart zu beehren. Augenscheinlich verkehrt ganz London bei diesem ursprünglich deutsch-semitischen Bankiers, auch die königliche Familie, was der nur für solche Gelegenheiten bestimmte, auf die Straße gelegte scharlachrothe Teppichläufer schon von Weitem bekundet. Doch bekam ich weder den Prinzen von Wales noch die Wirthe zu sehen. Um uns drängte sich eine dicht gekeilte Menge, es stauten sich die tadellos angezogenen jungen Herren und die Damen in ihrer blitzenden Diamantenpracht und den schneeweißen Schultern. Im Stimmengeschwirr hörte man von der auf zwölfhundert Pfund geschätzten Blumendecoration schwärmen, Andere jammerten über die „Ananastreibhaushitze“ und Andere wieder erzählten von den fünf berühmtesten Schönheiten Londons, welche die Festlichkeit krönten. Aber unser erneuter, mannhafter Versuch, die mit verschwenderischer Rosenfülle umkränzte Treppe hinauf zu gelangen, schlug fehl, auch das Eßzimmer war undurchdringlich dicht belagert, und so standen wir nach einer halben Stunde wieder auf der Straße. Einige Häuser weiter gab es ebenfalls vorfahrende Wagen, Treppenläufer und dichte Scharen wartender Diener. Einen derselben frug Hoyen nach dem Namen der gesellschaftgebenden Herrschaft, erinnerte sich dunkel, mit einer der Töchter 'mal getanzt zu haben, vermuthete zu diesem Abend eingeladen zu sein, ging mit mir hinein und dann aus der Garderobe schnurstracks in das Eßzimmer. Dort traf er mehrere Bekannte, zu denen wir uns an einen der kleinen Tische setzten und höchst gemüthlich abendbroteten. Darauf machte sich Hoyen noch etwas liebenswürdig und geleitete alte Damen an ihre Wagen; schließlich holten wir unsere Sachen und verließen, ohne unsere Gastgeber auch nur erblickt zu haben, das Haus. Als aber mein Willy hierauf noch einen Stoß Einladungskarten herausholte und mir kaltblütig noch weitere Gesellschaften vorschlug, krümmte sich denn doch selbst der Wurm, und störrisch verlangte ich nach Hause zu gehen.
Chaotisch confus, schlief ich ein, und ebenso wachte ich heute wieder auf. Sagt mal, ist es unbedingt nothwendig, Onkel Krastenow zu schreiben? Als er mir die hochanständige Donation zur Reise verlieh und mir den zweimonatlichen Urlaub von der Regierung erwirkte, gelobte ich mir, ergriffen und dankerfüllt, ihm recht regelmäßige und ausführliche Briefe zu schicken. Und nun kritzle ich Euch statt dessen zwangloses Zeug, und mir graut vor schön geschriebenen ehrpusseligen Reiseberichten.
Darf ich vorschlagen, ihm statt langweiliger Schilderungen später in Naudorf bei einer Cigarre Alles mündlich vorzuerzählen? Kann man das wohl bei einem ergrauten Erbonkel riskiren?
In Eile und Liebe
Euer
Udo.
II.
London.
Noch heute muß ich Euch, liebe Eltern, schreiben, sonst hole ich den Faden in meinem Leben nicht ein.
Mein Vormittag verfloß also im British Museum, in der Nationalgalerie und in Westminster Abbey (siehe Bemerkungen im letzten Briefe); dann weihte ich meinen neuen ewiglangen Ueberrock ein, machte mich überhaupt sehr schön und fuhr mit Hoyen nach St. George's Chapel. Hier finden die meisten vornehmen Hochzeiten statt, und hier wurde heute der eben großjährig gewordene älteste Sohn des Eisenbahnkönigs Hughes mit der eleganten, etwa vierundzwanzigjährigen Honourable Mabel Carleton getraut. Die bekannten „~Sacs et Parchemins~“, eine nirgends mehr auffallende, hier in England, wo neugebackener Reichthum sich schnell und gründlich mit der Landesaristokratie verschmilzt, eine besonders beliebte Mischung. Schutzleute hielten die herumstehende Menge zurück, und nur nach Vorzeigung der Einladungskarte gelangte man in die dichtgedrängte Kirche. Ueberall eine entzückende Blumenfülle, riesige weiße Clematis und stark duftende Lilien verdeckten fast die Stickereien und Gefäße des Altars. Dort harrte, blaß, verlegen und unglücklich, der Bräutigam, während neben ihm sein „~best man~“, welcher die Stelle unseres Brautführers vertritt, in höhnischer Ruhe die Versammlung musterte. Ich that dasselbe, nur in bescheidener Bewunderung, denn wie gestern Abend, wie heute im Park erstaunte mich die Schönheit dieser Leute. Zwar hatte ich die unteren Classen bei meinen Wanderungen durch die City so unansehnlich wie andere Großstadtbewohner gefunden, aber unter den Ladenverkäuferinnen, unter den Mädchen und Frauen des kleinen Mittelstandes sah ich eine Menge entzückender Gesichter und schön gewachsener Gestalten, und hier in der „Gesellschaft“ waren diese prachtvollen interessanten Männerköpfe, die vornehmen, älteren Frauengesichter und diese vielen jugendlichen schönen Erscheinungen mit den sensitiven, feingeschnittenen Zügen im höchsten Grade auffallend. Dazu diese kostbaren, seidenknisternden Damenkleider, die vollendete Einfachheit der Herren und nirgends die Spur jenes Aufgeputztseins, welches so manche festliche Gelegenheit bei uns kennzeichnet.
Auf einmal schwieg das leise Stimmengesumme, zu den Klängen des Lohengrin'schen Brautmarsches (!) zog feierlich der weißgekleidete Kirchenchor, die Geistlichkeit und der Bischof in vollem Ornat herein. Dann erschien im Spitzenschleier und reichem Diamantschmuck die niedliche, von ihrem Vater geführte Braut. Zwei in rosa Sammet gekleidete Pagen trugen ihre Schleppe, dann folgten paarweis schreitende Brautjungfern, Alle gleich, in irgend etwas Hellgelbem gekleidet und mit Marschallnielrosen in den Händen. Es gab keine Predigt, aber eine feierliche, wenn auch hier und da etwas sehr mittelalterlich deutliche Liturgie. Die Rührung war mäßig, Thränen sind wohl altmodisch; nur einmal, als die Braut mit zitternder Stimme nachsprach, „bis daß der Tod uns scheide,“ wurden einige Matronen sichtlich ergriffen. Zum Schluß wurde, wie bei uns, die junge Frau ziemlich allseitig abgeküßt, und dann begab sich Alles zur Lady Carleton, wo großer Nachmittagsempfang stattfand. Die Braut zerschnitt einen monumentalen, kunstvollen Hochzeitskuchen, man trank herben Sect, aß Treibhauspfirsiche und bewunderte die nach unseren Begriffen unglaublich zahlreichen und kostbaren Hochzeitsgeschenke. Zwei Cousinen erzählten sich, daß „die arme Mabel“ ganz trostlos über ihre achtundzwanzig silbernen Sahnentöpfchen und fünfundvierzig Armbänder sei und berathschlagten, wie man diesen Ueberfluß am zweckmäßigsten verwenden könne. Das eine junge Mädchen war bildhübsch: blond, zart und mit einem süßen, etwas kecken Profil. Auch erwies sie sich ganz gnädig, und ich klettete mich an sie, bis Hoyen mich zur Abfahrt des Paares fortholte. Alle jüngeren Damen und Herren drängten sich bis an den „Square“ herein, die Hausthüre umstanden sämmtliche Brautjungfern -- ein hübsches Bild -- und als die jungen Eheleute vergnügt und strahlend fortfuhren, bewarf man sie mit einem Regen von Reiskörnern und einigen weißen, seidenen Schühchen.
Nun verabschiedeten wir uns und gingen durch den schönen, alten St. James's-Park nach dem Parlamentshaus, da Hoyen, Dank vieler Anstrengung, in den beneideten Besitz von Karten zur großen irischen Debatte gelangt war. Vorzeitig erreichten wir die mächtigen, thurmreichen Gebäude, und ehe ich es ahnte, führte mich Hoyen in den vielleicht geschichtsreichsten Raum der Welt, Westminster Hall. Kein Mensch war da, es hallten unsere Schritte, vernehmlich sprachen die Steine und die dunkeln Wände. Wie hypnotisirt starrte ich umher und lauschte dem Spuk. Auch Hoyen schwieg; dann sah er nach der Uhr, und wir gingen hinaus in das Lärmen der Wagen, in das rastlose Gewirr der vorbeiströmenden Menge.
Durch gothische Portale und schmale steinerne Gänge gelangten wir auf unsere Plätze in der Galerie. Die Verhandlungen nahmen eben ihren Anfang; herein kam der „Sprecher“ (Vorsitzende) mit weißer, wallender Perücke, schwarzseidenem, schleppendem Mantel, Kniehosen und seidenen Strümpfen; ihm folgten zwei Beamte, ebenfalls in Perücken und Talaren, und dann der Caplan. Am Tisch des Hauses begann dieser die vorgeschriebene Litanei, an seiner Seite stehend las der Sprecher mit geschäftsmäßig lauter Stimme die Responsorien, dann fuhr der Geistliche fort: „Laßt uns beten,“ und wie automatische Holzpuppen drehten sämmtliche Abgeordnete sich um und betrachteten die Wand. Schließlich verbeugten der Caplan und der Sprecher sich tief gegen einander, der Caplan zog mit seinem Gebetbuch ab und der Sprecher setzte sich bequem in seinen hohen geschnitzten Baldachinsessel zurück. Man erledigte einige geschäftliche Mittheilungen, dann wurde die zweite Lesung der irischen Vorlage beantragt, und zusehends füllte sich jeder Sitz-, ja fast jeder Stehplatz dieses verhältnißmäßig kleinen Raums.
Den Reigen eröffnete Mac Swiney, ein Nebenbuhler Parnell's, und mit geballter Faust schmetterte er leidenschaftliche Anklagen gegen die Regierung, gegen Balfour (den irischen Staatssecretär) heraus. In immer heftigeres Feuer gerieth der kleine, etwas aufgedunsene Celte, er schäumte vor dem Mund, es zuckten ihm die Glieder.
Auf der Ministerbank dehnte sich der lange irische Staatssecretär; sein überkreuzter, sorgfältig beschuhter Fuß war in gleicher Höhe mit dem hintenüber gesunkenen vergeistigten, etwas blasirten Gesicht, sanft waren die Augen geschlossen.
Da hörten die schrill geschrienen Perioden auf, und nachdem der frenetische Jubel der Iren verbraust war, erhob sich langsam Balfour's schlanke, noch jugendliche Gestalt. Mit gedämpfter, nachlässiger Stimme bat er um Entschuldigung, wenn er den persönlichen Anklagen des verehrten Mitgliedes für X..... augenblicklich nicht die nöthige Aufmerksamkeit zuwenden sollte. Es wäre manchmal etwas schwer, mit der nöthigen Frische zu reagiren, unwillkürlich stumpfte das Gefühl sich ab. Und aus der Tasche einige Zeitungsabschnitte irischer Localblätter ziehend, verlas er mit milder, matter Stimme einige gegen ihn geschleuderte rabiate Beschuldigungen, die in ihrer unfreiwilligen Komik geradezu zündend wirkten. Dann reckte er sich etwas in die Höhe und widerlegte an der Hand statistischer Zahlen und officieller Berichte die Behauptungen des Vorredners.
Unterdessen war Gladstone hereingetreten und saß Balfour gegenüber, weit vorgebeugt, die Hand am Ohr, seinen jungen Nebenbuhler mit den tief auflodernden Augen verschlingend. Dann erhob er sich zum Wort, nur der Tisch des Hauses trennte die Beiden, trennte den gewaltigen Führer vergangener Generationen von dem Führer einer kommenden. Gemessen und würdevoll rollte das reiche Gefüge der glänzenden, tönenden Sätze dahin, den berühmten „goldenen“ Klang seiner Stimme hatten die mehr als achtzig Jahre nicht gedämpft; er ist ein imponirender Greis. Es war eine prachtvolle oratorische Leistung, und ich weiß nicht, weshalb sie mich nicht so hinriß wie die schneidende, geistvolle, jetzt leidenschaftlich bewegte Entgegnung Balfour's.
Was nun noch folgte, fiel außerordentlich ab; gern nahmen wir die Einladung eines Abgeordneten an und gelangten durch lange, gothische Gänge in die natürlich ebenfalls gothischen Speiseräume, wo man zwischen acht und neun zu Mittag ißt, während im Sitzungssaal einige redebegierige Lückenbüßer die Stenographen beschäftigen. Da Lord Randolph Churchill, auf den ich mich gespitzt hatte, schließlich doch nicht sprechen wollte, empfahlen wir uns nach Tisch, und wieder kramte Hoyen aus seiner Tasche eine Menge Einladungskarten zum heutigen Abend hervor, um einen sinnreichen Schlachtplan zu entwerfen. Dann fiel ihm ein, daß er einer guten Bekannten schon lange versprochen hatte, ihre Schöpfung, ein „~Music Hall~“ im Osten Londons, zu besuchen, und da dieses mir durchaus einleuchtete, gelangten wir auf der Stadtbahn in eine der schlimmsten Gegenden des schlimmen Londoner Ostens.