Über die weiblichen Brüste

Part 6

Chapter 63,545 wordsPublic domain

An einem oder mehreren Orten des vorher entzündeten Theils wird nun die Haut weiß und erhebt sich in einen kleinen Hügel. Wenn man mit dem Finger darauf fühlt, so bemerkt man deutlich die Bewegung, das Schwappern einer Flüssigkeit, nämlich des Eiters. Der Schmerz hört auf, und statt dessen empfindet die Kranke einen Druk, ein Jukken. Unter diesen Umständen muß man sogleich von dem Gebrauch jener zertheilenden Mittel abstehen, und die etwas reizende, oder sogenannte zeitigende Methode an ihre Stelle sezzen. Man nimmt z. B. gequetschten Leinsaamen und Safran, ein Loth von jenem, ein halbes Loth von diesem, oder aber eine Handvoll Malven- und Hollunderblüthen, ebenfalls mit etwas Safran, kocht sie mit Milch und weißen Brodgrumen zur Dikke eines Breies, streicht sie auf ein Tuch, und legt sie so warm, als es die Kranke vertragen kann, auf den leidenden Theil. Diese müssen noch öfters als die vorhergehenden erneuert werden; man muß sie nie kalt oder trokken werden lassen. Dadurch wird die Haut erschlafft, Krampf und Schmerz vermindert, und die örtliche Transpirazion befördert. Diese einfachen, nicht sehr reizenden Kataplasmen thun hier alles; sie befördern sogar zuweilen noch eine Zertheilung, wo man die Eiterung fast für unvermeidlich hielt. Nur bei Pazienten, welche ohne alle nöthige Wartung sind, muß man sich manchmal begnügen, ihre in Eiterung gehende Brust mit einem einfachen, über der Warze ausgeschnittenen, Pflaster und einer Kompresse darüber bedekt zu halten.

§. 61.

Freiwillige Öffnung des Abszesses.

Gewöhnlich ist der Siz des Eiters tief in dem drüsigten Körper der Brust, seltener und später in dem darauf liegenden Zellgewebe und Fette. Die erweichenden Umschläge müssen aus dieser Ursache unermüdet fortgesezt werden, so lange, bis daß gar keine Härte mehr übrig ist, bis sich alles ganz weich anfühlen läßt, mit einem Wort, bis der Eiter sich von Natur selbst eine Öffnung, einen Ausweg bahnt. An der Stelle, die vorher am röthesten war, zuerst in einem Hügel sich erhob, zuerst weiß wurde, wird die Haut dünner, und es entsteht ein kleiner Riß, durch den der Eiter ausfließen kann. Immer muß dieser Zeitpunkt abgewartet werden; nie muß man zu voreilig seyn, und durch einen Schnitt eine künstliche Öffnung machen wollen. Ich habe in Hospitälern und Entbindungshäusern so oft diese Erfahrung gemacht, daß ich aus voller Überzeugung sagen kann: Man überlasse die Öffnung eines Brustabszesses der Natur. Nur sie weiß diesen Zeitpunkt genau anzugeben, nur sie kann am besten durch das schiklichste Mittel den Eiter, die Härte zerschmelzen und zur Reife bringen. Bei einer künstlichen Öffnung kostet dieses weit mehr Mühe; es wird eine viel längere Zeit dazu erfordert, und doch bleiben nicht selten nach der Heilung Knoten zurük. Auch giebt diese eine breite, häßliche Narbe; jene von der Natur hingegen, eine fast ganz unmerkbare, nachdem sie überhaupt geschwinder zugeheilt ist.

§. 62.

Künstliche Öffnung.

Seltenere Fälle von einer besondern Schwäche der Kranken, machen jedoch auch hierinnen, so wie bei allen Krankheiten, eine Ausnahme. Sie müssen sie Ihrem, wie ich hoffe, vernünftigen Wundarzte überlassen, der alsdann der Natur durch einen oder mehrere Schnitte mit dem Bistourie, an dem untern Theil der Brust, und nicht zu nahe an der Warze gemacht, zu Hülfe kommen wird. Indessen sind Chirurgen, welche gerne als Operateurs passiren möchten, ohne die Kenntnisse und Geschiklichkeit zu besizzen, gemeiniglich in solchen Fällen sehr eilfertig, ihre Kunst mit der Lanzette zu zeigen. Sehr dreist und unwissend muß man seyn, etwas dergleichen ohne Nothwendigkeit zu thun, und somit die Krankheit nur schmerzhafter, langwieriger und bösartig zu machen.

§. 63.

Verband.

Man hat nachher weiter nichts zu thun, als den Ausfluß des Eiters zu unterhalten. Dieses geschieht am besten, wenn man ungesalzene Butter, oder das Gelbe von dem Ei, mit einigen Tropfen Terpentinöl vermischt, oder eine andre einfache Digestivsalbe auf Charpie gestrichen, auf und in die Öffnung legt, mit Heftpflastern befestigt, und darüber her die Brust mit einer Kompresse und Binde leicht bedekt. Diese darf aber keineswegs fest angezogen werden, sondern der kranke Theil muß in ihr, so zu sagen, wie in einem Tragebeutel ruhen. So wird der Ausfluß des Eiters von Tag zu Tage geringer, und nach diesem Vorgang richtet sich auch die Wiederholung des Verbandes, ob sie in längern oder kürzern Zwischenräumen geschieht. Anfangs ist es vielleicht in zwölf, nachher in vier und zwanzig, und noch später in sechs und dreißig Stunden einmal nöthig. Zulezt, wenn gar kein Eiter oder nur wenig noch ausfließt, wenn alle Härte und Schmerzen verschwunden sind, verbindet man blos mit trokkener Charpie. Mit den erweichenden Breiumschlägen fährt man zu gleicher Zeit so lange fort, bis alle Eiterstellen von selbst sich geöffnet und ausgeheilt haben. Sind auch anfänglich die Öffnungen noch klein, so vergrößern sie sich nach und nach von selbst. Nachdem dabei der Ausfluß der Milch oder des Eiters beträchtlich ist, müssen Kompressen und Überschläge öfter gewechselt werden. Die Unterhaltung der Reinlichkeit ist während der ganzen Kur eine der hauptsächlichsten Bedingnisse.

§. 64.

Überbliebene Verhärtungen.

Zuweilen bleiben nach der Heilung der Geschwüre noch harte Stellen in den Brüsten zurük. Sie verlieren sich insgemein von selbst, geschwinder aber zertheilen sie sich noch bei dem Gebrauch von Schierlingspflaster. Mit Nuzzen bedient man sich auch zu ihrer Heilung einer, auf folgende Art bereiteten Salbe: Man löse Seife zu einem dünnen Brei in Wasser auf, und gieße zu einer halben Kaffeetasse voll davon, zwei Löffel voll Kampferspiritus, und lege diese Salbe täglich zweimal frisch auf. Sollten jene leichten Verhärtungen niemals ganz wieder vergehen, so arten sie doch in der Folge nicht in schlimmere Übel aus, besonders wenn keine vorzüglich fehlerhafte Anlage des Individuums vorhanden ist, wenn die ursprünglichen Geschwüre nicht mit dem Messer geöffnet, und die Sachen überhaupt nicht zwekwidrig getrieben worden sind.

§. 65.

Weitere Rüksichten bei der Behandlung dieser Krankheit.

Unter den hier in diesem Abschnitt angegebenen Verhältnissen und Verhaltungsregeln wird dieses schmerzhafte Naturgeschäft sehr bald und glüklich zu Ende gebracht. Dabei geht die Mutter allmählig zu einer nahrhaftern, leichtverdaulichen Diät, zu dem Genuß von Gerste, Reiß, Sagosuppen, Chokolate ohne Gewürz, leichtem Fleisch, Geflügel, u. dgl. über. Sie sorgt für ungehinderte Ausleerung durch Schweis, Urin und Stuhl. Zufällige Nebenumstände, andre damit verbundene Krankheiten können hingegen die Sache, und also auch die Behandlung ändern. Nähmen z. B. die Kräfte ab, stellte sich Abends Fieber ein, d. h. Frösteln, Hitze und Schweis, mit einer umschriebenen Röthe der Wangen; so müßte man zu stärkender Arznei, zu China u. dgl. seine Zuflucht nehmen. Dieses ist die Sorge des Arztes.

Der Umstand, daß eine Brust sich entzündet und in Eiterung übergeht, macht es nicht in jedem Falle unmöglich, daß die Mutter ihr Kind dabei fortsäuge. Das Stillen aus der andern gesunden Brust trägt vielmehr, so lange es Statt haben kann, wesentlich zu der Linderung der Zufälle bei, und befördert die Heilung überhaupt.

Auch die Brustwarzen können in dem Kindbett anschwellen, heiß, roth und schmerzhaft, d. h. entzündet werden. Sobald die Wöchnerinn einen ähnlichen Zufall verspürt, so muß mit den ernstlichsten Mitteln die Entzündung zertheilt, und somit der Eiterung vorgebeugt werden.

Bei neugebohrnen Kindern weiblichen Geschlechts findet man oft die kleinen Brüste verhärtet, und bis zu einer ansehnlichen Größe geschwollen. Die Stelle schmerzt, entzündet sich, und geht nicht selten in einen Abszeß über. Durch Vernachlässigung dieses Übels können solche Personen in spätern Jahren weder Kinder säugen, noch Milch absondern; ja es kann sogar dadurch die Anlage zu dem Krebs gebildet werden. Oft entsteht diese Verhärtung aus der dummen Gewohnheit alter Hebammen, welche die Brüste ansaugen, um, wie sie wähnen, dieselben zu ihrer künftigen Bestimmung vorzubereiten. Auch kann das feste Einwikkeln und Pressen dazu Veranlassung geben. Man kann jene Verhärtungen durch erweichende Salben, Öle und Umschläge leicht zur Zertheilung bringen, und wir müssen es uns zu einer besondern Angelegenheit machen. Fänden sich dennoch Zufälle von einem höhern Entzündungsgrad ein, oder entstünde Eiterung, so behandle man die Krankheit nach den oben im Allgemeinen empfohlenen Regeln. Bliebe die Geschwulst kalt und hart eine geraume Zeitlang stehen, so kann man sich von dem Auflegen des Merkurialpflasters Nuzzen versprechen.

VII.

Selbststillen.

§. 66.

Empfehlung desselben.

Die Frau soll ihr Kind selbst stillen; dieses ist ein von der Natur fest gegründeter Saz, welcher nur selten Ausnahmen leidet. Möchten ihn doch alle Mütter, deren Körperbau es nur einigermaßen erlaubt, beherzigen! Möchten sie doch alle der lauten Stimme der Natur Gehör geben, und ihren eignen Busen ihrem eignen Kinde, ihrem zweiten Ich, nicht versagen; möchten sie doch alle fühlen, welche erhabene Würde es ist, Mutter zu seyn, und diese ihre heiligste Pflicht erfüllt zu haben! Das kleine Geschöpf schreit und weint sogleich bei seinem Eintritt in die Welt, es will Mitleid und die Dauer seines Daseyns erflehen. Welche Mutter kann dabei kalt und unempfindlich bleiben; wer könnte es noch ohne gegründete Ursache einer gemietheten Säugamme überlassen, welche, so gute Eigenschaften sie auch immer haben mag, doch die Verrichtungen einer wahren Mutter nie über sich nehmen kann! Bemerkt man dann die stufenweise erfolgende Vermehrung der Kräfte des Kindes, die rührenden Proben von seiner Zuneigung; wer wird wohl da noch an die gehabte Mühe und Unruhe denken; wer wird da nicht bald die Gesellschaften vergessen, welche man vielleicht seinetwegen entbehren mußte?

§. 67.

Die in Hinsicht auf das neugebohrne Kind rohen Nahrungsmittel, blos geschikt zu der Ernährung der schon zu einem gewissen Alter erwachsenen Menschen, können demselben durchaus nicht angemessen seyn; es kann sie nur schwer verdauen und seiner Natur angleichen. Es bedarf in seiner neuen Lebensbahn eines Nahrungsmittels, welches jenem noch vor kurzem im Mutterleibe erhaltenen, am nächsten kommt; es bedarf der Milch aus den Brüsten seiner Mutter vornehmlich von ihm selbst gesogen. Nichts kann an diesem Naturgesez geändert, nichts davon unterlassen werden, ohne Nachtheil für Mutter und Kind, wenn anders die Bedingnisse vorhanden sind, welche eines und das andere für dasselbe eignen. Das Säugungsgeschäft, diese mütterlich süße Pflicht, ist leider durch Vorurtheile und falsche Begriffe fast überall so sehr herabgesezt worden, daß für Mutter und Kind, selbst für die Menschheit im Ganzen, daraus sehr vieles Unheil erwachsen mußte. Jede Mutter, welche stark genug war, ihr Kind viele Monate in dem Leibe zu tragen und zu ernähren, ist auch stark genug, demselben, nachdem sie es zur Welt gebohren, noch einige Zeit hindurch die Brust zu geben. Die wirklichen Ausnahmen von dieser Naturregel sind wenigstens höchst selten. Sobald das Kind gebohren ist, und sich wohl befindet, so sucht es schon die Brust seiner Mutter, und findet es sie nicht, so säugt es an allem, was ihm vor den Mund kommt, an seinem eignen Fäustchen, an dem Finger, den man ihm in den Mund stekt. Wessen sich die Thiermutter schämen würde, das erlaubt sich wohl eine ausgeartete Mutter des Menschenkindes; sie sieht es, und fühlt nicht in ihrem Herzen, daß es Zeit ist, ihrer Frucht die Brust zu reichen: nein, der reiche Busen muß verwelken, und das unglükliche Kind kommt nie zu der vollkommenen Reife, oder muß vielleicht gar sterben, ehe es anfieng, seines Lebens bewußt und froh zu werden.

§. 68.

Vortheile des Selbststillens.

Durch das Selbststillen wird unzähligen Übeln, schweren Wochenbetten, entzündeten Brüsten, Milchversezzungen, welche leicht tödtlich werden können, vorgebeugt, sogar manche andere Krankheit, welche vorher da war, geheilt. Man vergleiche nur die Gesundheit, die Stärke, die Munterkeit der stillenden Mutter mit dem schmachtenden, ängstlichen und kranken Zustande, in welchem sich diejenigen zu ihrer Quaal befinden, die nicht stillen. Erstere sind aller Beschwerlichkeit überhoben, die Absonderung der Milch geschieht bei ihnen in der natürlichsten Ordnung, sie haben keinen Feind zu fürchten. Die Frauen, welche glüklich genug sind, der ganzen Mannichfaltigkeit jener Übel zu entgehen, bezahlen dieses seltene Vorrecht mit der Vervielfältigung ihrer Schwangerschaften oft sehr theuer. Kaum von einem Wochenbette wieder auflebend, konzipiren sie abermals, und diese gegen die Absicht der Natur zu oft und zu schnell wiederholte Schwangerschaften, sind eben nicht einer jeden Konstituzion zuträglich. Es bestätigt sich aus der Geschichte aller Nazionen, daß bei den Müttern mit dem zunehmenden Luxus die wahre Liebe zu ihren Kindern abnahm, daß sie ihnen dann oft aus Eitelkeit oder Gemächlichkeit ihre eignen Brüste zu reichen versagten. Der Geschichtschreiber TACITUS sagt von den alten Deutschen, um sie ruhmvoll von seiner Nazion, der römischen, auszuzeichnen: Dort säugt jede Mutter ihre Frucht selbst, und die Kinder werden nicht zu Säugammen und Mägden verdingt. Wie rührend ist nicht das von mehreren Reisebeschreibern bestätigte Beispiel der Kanadienserinnen, jener wilden Amerikanerinnen! Sie dehnen den Beweis ihrer mütterlichen Sorgfalt sogar auf diejenigen Kinder aus, die an ihrer Brust starben. Sie kommen noch täglich einmal mehrere Wochen hinter einander, und drükken aus ihren Brüsten einige Tropfen Milch auf den Grabhügel ihres verstorbenen Säuglings.

§. 69.

Seltene Beispiele von Säugenden.

Wie allgewaltig die Natur ist in allem, was Erzeugung, Gedeihen und Wachsthum des Menschen und aller Geschöpfe betrifft, davon hat man die auffallendsten Beweise. Um ein Kind, welches eine sechzigjährige Wärterin besorgen sollte, des Nachts zu besänftigen, bestrich sie ihre Brüste mit Milch, und legte das Kind an. Nach einigen Tagen bemerkte sie, daß sie selbst Milch in den Brüsten hatte, mit welcher sie das Kind drei viertel Jahre ernährte. Herr SCHMIDTMANN sah in Westphalen, in der Bauerschaft Kaukum in dem Osnabrükkischen Kirchspiel Riemsloh, in dem Jahr 1790 eine Frau, welche vier und sechzig Jahr alt war, vor zehn Jahren ihr sechstes und leztes Kind gebohren, und dasselbe fünf Jahre hindurch gestillt hatte; deren monatliche Reinigung zwischen dem acht und vierzigsten und funfzigsten Jahr verschwunden war, und die dabei immer eine seröse Feuchtigkeit in den Brüsten behielt. Vor drei Jahren starb ihre Tochter in dem Kindbette; das zurükgebliebene Mädchen ward einer Säugamme übergeben, welche es aus kärglichem Milchvorrath hungern ließ. Aus Mitleid, und weil es ihr schwer gehalten hätte, es sonst aufzufüttern, hatte sie sich entschlossen, es aus ihrem eignen Busen zu nähren. Sie legte es an, und zu ihrer Verwunderung und Freude verwandelte sich schon nach einigen Tagen jener Wasserquell in eine strozzend reiche Milchquelle. Sie säugte nun schon drei Jahre lang das Kind, und dachte damals noch ein Jahr hinzuzufügen, um ihrer Enkelin das nämliche zu leisten, was sie ihren Kindern geleistet hatte. Dieses alte Mütterchen hatte noch eine blühende Gesichtsfarbe, sagte aber doch, sie sey durch das dreijährige Trinken ihrer Enkelin sehr gealtert, obgleich sie keinen Abgang von Kräften spüre; sie hatte stärkere Eßlust als sonst, und verdaute gut. Ihre Brüste waren prall, gerundet, aufgequollen und glichen fast dem reizenden Busen einer jugendlichen Schönen. Die Milch konnte sie weit weg aussprizzen, und ihr milder Geschmak, ihre in das Bläulichte spielende Farbe waren auf keine Weise von den Eigenschaften der Milch einer jungen stillenden Mutter verschieden. Die damals vorhandene Quantität war für die Hälfte der nöthigen Nahrung des dreijährigen Kindes hinreichend. Es war ein seltenes, angenehmes Schauspiel zu sehen, wie dieses blühende, rothbakkigte, kerngesunde Mädchen, lüstern und vergnügt den nämlichen Busen sog, woran seine eigne Mutter vor dreißig Jahren sich gelabt hatte!

§. 70.

Fälle, wo das Selbststillen nicht geschehen kann und darf.

Indessen darf man doch auch mit der Anempfehlung jener Regel, daß eine Mutter ihrem eignen Kinde, ihren eignen Busen reichen soll, nicht zu weit gehen. Sie hat, wie jede Regel, ihre Ausnahmen. Es giebt allerdings Fälle, wo man vernünftigerweise das Selbststillen abrathen muß. Hat eine Wöchnerin das Unglük, ein todtes Kind gebohren zu haben, so versteht sich das Unterbleiben desselben leider von selbst. Örtliche Krankheiten an den Brüsten, deren wir schon einiger in diesen Blättern erwähnt haben, verbieten es zuweilen. Ferner auch einige allgemeine forterbende oder anstekkende Krankheiten. Dahin gehören die Kräzze, die Lustseuche, die Lungenfehler u. a. m. Viele Weiber in den hohem Ständen sind nervenkrank, oft zu zart und zu schwächlich, als daß sie ihr Kind selbst säugen könnten. Dieses Schiksal trifft beinahe alle hysterische; und ich erinnere mich einer solchen Wöchnerin, welche troz meiner Warnung immer ihr Kind an die Brust legte, und saugen ließ; sie wurde zusehens schwächer und elender, sie bekam sogar die gefährlichsten Krämpfe und Konvulsionen, wodurch sie dann endlich gezwungen ward, von ihrem Vorhaben, ihr Kind selbst zu nähren, abzustehen. Was uns hauptsächlich zu dem Nichtstillen nöthigt, ist der gänzliche Mangel an Milch, ein Umstand, der sich zwar sehr selten ereignet, daß die Wöchnerinnen, troz ihrem guten Willen oder allen Bemühungen des Arztes, nicht so viel Milchvorrath bekommen, daß das Kind davon genährt werden könnte.

§. 71.

Kränkliche Frauenzimmer thun sehr wohl daran, sich bei Zeiten eine gesunde Amme anzuschaffen, um dadurch ihrem Erben, eine gute Nahrung und die nöthige Stärke zu geben. Manche Mutter aus den höhern Ständen ist auch wohl zu sehr an zerstreuende Gesellschaften gewöhnt, als daß sie ihre Pflichten durch Vermeidung derselben genau erfüllen könnte. Sie möchte gerne das leztere thun, und doch auch jene nicht entbehren. Die Vernunft befiehlt der säugenden Mutter, sich dem Kinde ganz und allein zu widmen; die Mode erlaubt alle rauschenden Vergnügungen, wenn sie sich nur dann und wann mit dem Kinde abfindet. Beide, Mutter und Kind, müssen aber nothwendig durch diese Mode leiden. Die Mutter, welche ihre Pflicht ganz erfüllt, lebt häuslich und ruhig, wird nicht durch Leidenschaften und Anstrengungen zerrüttet, reicht ihrem Kleinen den Tag über reichliche, milde und gesunde Nahrung, damit er ihre und seine Ruhe des Nachts gar nicht oder selten unterbreche, und gewöhnt ihn so an eine ordentliche und der Gesundheit zuträgliche Diät. Einerlei Nahrung zu einer bestimmten Zeit gereicht, erhält und stärkt hier das Leben und die Kräfte beider, des Kindes und der guten Mutter. Beobachtet hat man in einzelnen Fällen, daß die Brüste säugender Mütter der Aufenthalt von Unreinigkeiten der Säfte werden, aus welchen sich diese in den Körper des Säuglings hinüberziehen, und sich an ihm unter mancherlei Gestalten äußern, während die Mütter mehr als je von Hautschärfen und andern Zufällen frei sind. Vorzüglich soll dieses der Fall bei der venerischen Krankheit seyn, wobei sich zugleich die besondere Verbindung der weiblichen Geschlechtstheile mit den Brüsten auf eine auffallende Art äußert. So sollen sich z. B. venerische Geschwüre, der weiße Fluß u. dgl. während der Säugezeit sehr vermindern, und beinahe ganz verlieren, und dagegen andere wunde Stellen und Geschwüre an dem Säugling erscheinen.

§. 72.

Vertreiben der Milch.

Ob eine Wöchnerinn ihre Frucht selbst stillen soll oder nicht, dieses bleibt allemal der Bestimmung des Arztes, welcher die individuellen Gesundheitsumstände in genaue Erwägung zieht, überlassen. Könnte es nun nicht geschehen, so muß die Mutter wo möglich, doch wenigstens einige Tage oder Wochen dem Kinde die Brust reichen. Beide gewinnen auch dabei: die erstere, indem alsdann die Milch sich leichter und mit weniger Gefahr vertreiben läßt, und das leztere, weil die erste Milch, welche eine abführende Eigenschaft besizt, ihm zuträglich ist. Hierauf muß nun der Zufluß der Milch nach den Brüsten abgeleitet, und ihr ein anderer Ausweg, hauptsächlich durch den Stuhlgang, bei dem Gebrauch von Laxiermitteln, Doppelsalz u. dgl. verschafft werden. Das eigentliche Vertreiben der Milch ist, wegen mancherlei dabei obwaltenden Umständen, ebenfalls die Sache eines Arztes. Es darf ja nicht zu schnell geschehen; die Gliedmaßen, besonders die untern, müssen sehr warm gehalten werden. Alle Auswege aus dem Körper müssen frei und offen seyn. Äußerst nachtheilig ist die Gewohnheit, die Brüste mit Binden fest zu umwikkeln, um dem Eintritt der Milch in dieselben Einhalt zu thun, und die Gestalt und Schönheit des Busens zu erhalten. Dergleichen Personen bezahlen fast immer diese vergängliche Annehmlichkeit mit dem Verlust ihrer Gesundheit. Man sah sogar tödtliche Schlagflüsse, oder fürchterliche Beängstigungen bis zu dem Erstikken, heftige Kopfschmerzen und Zukkungen entstehen. Diese Zufälle hörten nicht eher auf, als bis die Milch, durch Wegnahme der Binden, sich in die Brüste begeben, und den Busen frei entwikkeln konnte. Eben so schädlich sind die sogenannten Milchpflaster, welche man in der nämlichen Absicht als die Binden, oder aber um Milchknoten zu vertheilen, anwendet, besonders wenn ihnen Bleikalche zugemischt sind. Sie geben häufig Veranlassung zu Milchversezzungen. Bei Gelegenheit des Entwöhnens (§. 55.) ist schon ausführlich über diesen Gegenstand gesprochen worden.

VIII.

Säugammen.

§. 73.

Bestimmung und Wahl derselben.

Mütter, deren Körperbau, deren Gesundheit es nicht erlaubt, dem Kinde ihre eigne Brust zu reichen, schreiten nun zu der Wahl einer Säugamme, oder ernähren das kleine Geschöpf mit Thiermilch. Nur in dem höchsten Nothfalle, ich wiederhole es, nur dann, wenn es der Geburtshelfer als unvermeidlich anräth, dürfte dieses geschehen. In der Wahl der Säugamme kann man nicht zu vorsichtig seyn, weil beide, sowohl die körperlichen als Seeleneigenschaften derselben, den stärksten Einfluß auf den Säugling haben. Nicht allein Krankheiten, besonders die anstekkenden, pflanzen sich auf diesen fort, sondern auch Leidenschaften. So sind z. B. die meisten in einem höhern Grade wollüstig, weil eben Wollust sie zur Amme machte. Der Kummer einer solchen Person über den vielleicht verlohrnen Liebhaber, oder die unbefriedigte Sehnsucht nach demselben, kann schon viel Schaden anrichten. In Findelhäusern hat man die richtige Erfahrung gemacht, daß die Anzahl der darinnen verstorbenen Kinder durch die Ammen um vieles vergrößert wurde. Eine Amme muß eine vollkommene Gesundheit genießen, in dem besten jugendlichen Alter seyn, und muß, wenn sie eben stillen will, noch nicht lange niedergekommen seyn. Sie darf nicht jähzornig, eigensinnig seyn, sie muß überhaupt bei einer gewissen Empfänglichkeit für das Gute, auch Liebe zu dem Kinde veräußern können. Sie sollte eigentlich nur ein- höchstens zweimal gebohren haben. Ihre Brüste müssen groß genug, derb, feste anzufühlen seyn, die Warzen gehörig erhaben, zylindrisch und nicht aufgesprungen seyn, sich auch bei der Berührung mit dem Finger in die Höhe richten und steif werden. Beide Brüste müssen zu dem Stillen gleich tauglich seyn. Frauenzimmer, welche ihre Kinder nicht selbst stillen können, müssen noch, ehe sie entbunden werden, für eine Säugamme sorgen, und haben dabei, wie oben schon erinnert worden, auch besonders auf den moralischen Karakter derselben zu sehen. Sie darf eben deswegen nicht gar zu jung seyn, und muß, wo möglich, von dem Lande hergenommen werden.

§. 74.

Verhaltungsregeln für Säugammen.