Über die Schönheit häßlicher Bilder. Ein Vademecum für Romantiker unserer Zeit

Part 8

Chapter 83,520 wordsPublic domain

»Gewiß wird ein Zug auf die Bühne kommen, ein Schnellzug. Das wird schön sein! Ich freue mich schon so sehr!« Wie ein Baby klatscht Martha in die Hände. Carus, sorgenvoll: »Wer weiß, vielleicht wird er nur hinter der Szene pfeifen.«

... Aber mir nichts dir nichts tauchen jetzt struppige Gesellen auf, langsam, aber die Hände vorgestreckt wie Leute, die aus dem Wirtshaus herausgeworfen werden, mit beschwörend eingeknickten Knien schleichend. Ah, Räuber! Nein, es ist nur eine wandernde Schauspielergesellschaft! Und nichts in der Welt ist selbstverständlicher, als daß sie genau hier im Walde ihre Probe abhält, wo zwei zerrüttete Liebespaare auf den Schnellzug warten. Natürlich strömen Bauern und Bäuerinnen aus dem benachbarten Dorfe herbei; slawische, ungarische, sizilische, spanische Kostüme, selbst Zigeuner, alles, was farbig und phantastisch ist. Und wie sorglos und anheimelnd wirkt auch die Art, in der windesschnell eine Bühne aufgezimmert, eine Zuschauerbank herbeigeschafft wird! Kurz und gut, alles ist bei der Hand, die Vorstellung kann beginnen ... Und nun ereignet sich in kaum möglicher Steigerung, daß diese auf der Vorstadtbühne dargestellte Landschaft noch einen Grad primitiver sein soll. Mit ihr verglichen, muß alles übrige auf der Szene als elegante Welt erscheinen. Was für Dekorationsruinen erfordert diese Schmiere auf der Schmiere, wie puppenhaft geschminkte Komödianten, welch ein exotisch unsinniges Theaterstück. Auf der höchstens quadratmetergroßen Szenenfläche pressen sich die Darsteller, mit übertrieben linkischen Gesten, von roten Flammen bengalischer Streichhölzer geblendet. Und jetzt spielen sie absichtlich, weil sie eben Dorfmimen spielen, nicht etwa von Natur aus, schlecht. Ihre Ungeschicklichkeit wird zur Kunst; wenn einer gierig eine Knackwurst ißt, so soll man seinem Hunger die Ironie glauben; einen Zerlumpten für einen Dandy sonst halten, eine komisch-alte Naive für nur heute häßlich. Und das Bauernpublikum auf der Bühne lacht und applaudiert ... Da verkennt das reale Publikum auf der Galerie die Sachlage, stimmt fröhlich in den Applaus ein und lacht mit, bitte, nur keine Umstände, lacht mit und zeigt sich in den Strahlen seiner wahrhaft volkstümlichen, unbeschränkten Toleranz. Nun ist alles verwirrt und versöhnt, man kennt sich nicht mehr aus, man muß einfach ein braver Mensch sein und mitlachen, lachen ohne Grund und Gnade und die Hände in einen ziellosen Himmel ausstrecken ... Und da wird noch schnell, unten auf der Bühne, entdeckt, daß der Cousin eigentlich ein lange vermißtes Kind der stolzen Baronin ist. Somit adelig, darf er Ilka heiraten, der Baron nimmt indes die Fee zur Frau. Martha schluchzt am Hals Carus', der vor Lachen gleichfalls außer sich ist, und nur durch Tränen sehen sie noch, daß als imposanter Schlußeffekt der Eisenbahnzug einfährt. Die übermenschlich große Lokomotive mit feuriger Laterne am Rauchfang bäumt sich an einigen Bäuerinnen empor, die keinen Platz haben, aus dem Wege zu gehen, stockt, macht noch einen Schritt und bleibt dann endgültig stehen. Die Liebenden bereiten sich zum Einsteigen, Carus und Martha wollen ihnen nachwinken, da fällt der Vorhang ...

* * * * *

In dieser Nacht gehörten sie einander zum erstenmal.

Das Wunderkind

Es gibt eine Stufe im Jahr, nur wenige Tage, da scheint alles in Klarheit zu erstarren. Du mußt sie bemerkt haben, fühlender Freund, wenn du durch die erfrorenen Parkanlagen mit langsamem Nicken schreitest, wenn dein Herz urplötzlich der Seltsamkeit dieser einzigen Stunden so hingegeben ist, daß es in entfernte Gegenden entrückt scheint, auf kostspieligen Eisenbahnfahrten ... Der Herbst ist vorbei. Der Winter hat alles zerstört, entlaubt, verwühlt. Und auch dein Ach, mit dem du notwendig diesen Untergang akkompagniert hast, verhallte schon, du Lieber. Aber zum Vorfrühling ist noch weit, zu diesen nach allgemeiner Übereinkunft schicksalsvollen Erweckungen. Denn du siehst noch den Schnee in soliden, beinahe ewigen Flächen über die Wiesenbeete gehüllt, schollig aufgeschaufelt zu beiden Seiten des Parkweges und ein wenig angeschmutzt, ganz weiß aber in den Ästen. Er scheint flockig vor lauter Frische, du greifst ihn an, da pocht er dir steinhart in die Hand. Zwischen Winter und Vorfrühling trifft dich dieser Schlag wie mit Klang einer Glocke. Und nun verstehst du es: alles ruht ringsum, eine Pause von unendlicher Bedeutung ist eingetreten. Wenn du auch im wissenschaftlichen Bewußtsein hast, daß die Säfte in diesen Stämmen weiterkreisen: du siehst es nicht, nichts geschieht, weder verfällt etwas, noch lebt es wieder auf, der Tod ist vorüber und die Auferstehung noch nicht einmal angekündigt. Was will die Sonne? Sie strahlt gelblich zwischen Schatten der Zweige hindurch, etwas geht von ihr aus, was man eisige Wärme nennen möchte. Aber nicht vermag sie, und nicht vermag die milde, schnobernde Luft diesen harten, stillen Baumstämmen irgendwie Leben zu entlocken. Fremdartig wie ein körperlicher Gegenstand an einen andern Gegenstand fällt, so fällt das Sonnenlicht, mit Luft gemischt, an den hölzernen Baum, ohne Reizung. Baum und Sonne haben einander nichts zu sagen ... O einzige Stunde im Jahr, reinste, keuscheste, unausgesprochenste! Und auch du, Freund, halte die Tränen nicht länger zurück, geh' in Rührung den schräg geneigten Weg herab, der heute, da nichts wirkt, da auch die Schwerkraft aufgehoben scheint, deine Schritte nicht um ein Gran beschleunigen wird. Wie an einem kleinen schwachen Luftballon befestigt schreitest du herab, im Gleichgewicht. Vergiß es niemals, wie deutlich heute alle Dinge waren, innerlich ohne Zweck, ohne Beziehung aufeinander, wie ähnlich Kristallen. Daß eine Amsel vorbeihüpft, ist ein bloßes Naturschauspiel. Denn sieh, sie frißt nichts, sie sucht nichts, sie will nichts, sieht nicht ihr braunes Weibchen nebenan. Mit einem saubern Schnitt hat sich jedes Wesen heute aus dem Gemenge der Welt losgelöst, einzeln nun und friedlich blickt es in den lautern wolkenlosen Himmelsäther, entschlossen, für eine Zeit unverändert so zu bleiben.

* * * * *

Der zwölfjährige Klaviervirtuose Széll springt aus der Kulisse, förmlich befreit von etwas, was ihn dort festgehalten hat. Er ähnelt einem kleinen, aber festen Fußballspieler. Seine Schenkel in den kurzen Hosen sind dick. Eine Hand wirft er im Gehen vor und zurück wie ein Pendel, die andre wie ein Quirl beschreibt enge Kreise am Körper. Kaum kann er es erwarten, am Klavier zu sitzen, den Sessel in die richtige Höhe aufzukurbeln. Wie sehr kennt man diesen Eifer an wohlgeratenen Kindern bei ihren Spielen und Hetzen, wie natürlich dies alles ... Und nun, während das Orchester schon dem feurigen Schmerze des F-Moll-Konzerts von Chopin sich preisgibt, hält er sich mit den Fingern heftig an dem gekrümmten Holzprofil unterhalb der Klaviatur fest, förmlich um nicht gegen seinen Willen ins Spielen zu kommen. Den Kopf bewegt er im Takt, und sein Gesicht ist so zart und weiß, daß man es in der Luft verschwimmen sieht, nur von den blonden Haaren zurückgehalten ... Nun setzt er ein, fröhlich wie ein Kind, dem endlich in Gesellschaft Erwachsener zu reden erlaubt wird. Seine Läufe rutschen gesund und klar aus dem Gelenk ... Jemand flüstert neben mir: »So soll Chopin gespielt werden.« Nein, das ist natürlich falsche Begeisterung. Aber ich denke mir: »So soll von Kindern Chopin gespielt werden.« Oder noch deutlicher und wahrhaftiger wird es zum Gefühle »So mag Chopin, als er noch ein Knabe war, wie dieser hier, in kurzen, weißen Hosen, so mag er die Keime seiner zukünftigen Musik, seines zukünftigen Leidens mit ahnungsvollen Regungen in sich gespürt haben.« ... Der zerlegte Dreiklang, mit dem das Adagio beginnt und schließt, wie breitet er so sehnsüchtig die Arme aus nach einer Geliebten, die ihm immer ferner ins Höhere entschwindet. Noch einen Ton, noch einen gibt er zu, klettert zögernd empor, vergebens ... So pflege ich diese Stelle zu spielen, manchmal an Abenden, wenn die ganze mühevolle Erfahrung meiner Jahre sich in mir angesammelt hat. Ich übertreibe es vielleicht und bleibe minutenlang bei diesen süßen Noten ... Keine Spur davon heute. Und recht so, und bravo, lieber Széll, wackerer Knabe, du bringst das vorgeschriebene Diminuendo und das vorgeschriebene Ritardando, aber ist es deine Sache, vergiftete Tropfen von Liebe den zerlegten Dreiklängen zu injizieren, die musikalische Figur am Ende durch Überschwang zu zerstören? Und du springst im letzten Satz tapfer und richtig auf die weit entfernte F-Taste, aber ohne wahnsinnigen Zorn, denn wer sollte dich in deinem talentierten Leben gekränkt haben? Kurz, du spielst das ganze Stück so vorzüglich sauber, so freundlich und durchaus nicht ohne die angemessenen Betonungen, daß es mir heute in großen Formen entgegentritt und über allem Dampf menschlicher Leidenschaften. Ja, man sollte sich alle Musikwerke einmal von Wunderkindern vorspielen lassen. Das ist etwas ganz andres als das Spiel erwachsener Virtuosen, gereifter Männer, die ihre eigenen Erlebnisse kommentierend in die Akkorde einflechten, deren zerrissenes Herz schreit, getröstet wird und wieder schreit ... Heute erinnert mich das Konzert an die hellen kühlen Tage, die weder dem Winter noch dem Vorfrühling gehören. Wie im Park draußen die Sonne wirkungslos um die Baumstämme steht, so kann die Hitze dieser Komposition nicht in die Hand des kleinen Spielers dringen. Die Hitze ist hier, und die Hand ist hier, aber zwischen den beiden gibt es keinen Zusammenhang, sie grenzen aneinander, aber sie berühren einander nicht. Und gerade dadurch entstehen so genaue reine Konturen, eine Freude für jeden Menschen, der das Seltene liebt ... Er ist zu Ende. Er verbeugt sich vor dem applaudierenden Publikum und, wie man ihn belehrt hat, leitet er einen Teil des Beifalls, indem er die drei-, viermal kurz zusammenschlagenden Hände erhebt, dem Orchester zu. Auch diese Form des nervösen Maestro, den man gejagt durch alle Länder, alle Orchester der Großstädte sich vorstellt, heute hier, morgen dort, erfüllt er mit schöner fremder Sicherheit, ohne Selbstüberwindung oder etwas derartiges Nervöses durch sie äußern zu wollen. Er setzt sich wieder und, da man weiter applaudiert, steht er wieder auf, um mit einem Ruck sich zu bücken. Während aber andre, die Gereiften, während des Beifalls im Sitzen so tun, als beschäftige sie schon wieder das Klavier und ihr nächstes Stück und als schrecke sie nur der gesteigerte Lärm zu noch einer Verbeugung auf: sitzt der Knabe ruhig da, die Arme über der Brust gekreuzt, schaut dem klatschenden Publikum ins Gesicht, wartet in dieser Stellung eine passende Weile, ehe er wieder vortritt. Man hat ihn eben belehrt, er solle zwischen den Verbeugungen warten. Vielleicht zählt er inzwischen bis dreißig.

Im Chantant

Ich habe eine Entdeckung gemacht: Sämtliche Soubretten der Welt haben genau eine Art, auf dem Podium zu gehen. Wie oft habe ich darüber gesonnen, in dieses scheinbar so zackige Hin- und Hermarschieren eine Regel zu bringen. Da ist sie nun (und ich bitte Sie, lieber Herr Verleger, keine Kosten zu scheuen, um ihren Lesern durch eine kleine Reproduktion zu zeigen, was ich meine):

Nämlich: die normale Chansonette singt zuerst einige kleine Zeilen rechts auf der Bühne, rechts vorn, das Gesicht gegen die Zuschauer gekehrt; dann geht sie gegen den Hintergrund, geht jedoch mit dem Rücken voran, immer noch uns zulächelnd; nicht ganz erreicht sie die Wand und doch, als würde sie elastisch von dort (nach den Gesetzen unseres Physiklehrbuches) zurückgeschleudert, kommt sie jetzt mit schnellerem Schritt energisch auf uns zu, immer singend, nach links vorn, mit wachsendem Lächeln. Von hier aus wiederholt sich vielleicht dieselbe Kurve in der entgegengesetzten Richtung, das ist unabwendbar. Ich bin wirklich froh, daß mir nach vielen Beobachtungen dieses wissenschaftliche Gesetz klar geworden ist. Vielleicht gebe ich jetzt, mit einem befreundeten Mathematiker, bald eine »Geometrie des Chantants« heraus. Ich weiß ja auch schon, daß von den beiden Ästen der heute entdeckten Kurve der erste immer weniger steil als der andere sein muß; natürlich, weil die Dame vorsichtiger mit dem Rücken gegen die Wand losgeht als mit dem Gesicht gegen das Publikum nach vorn.

Und solche Dinge weiß ich noch viele. Ich sitze so gern im Chantant, es ist mein liebstes Theater. Das Zimmer ist eng, heiß, und noch am nächsten Vormittag wird dieser Zigarrenrauch meine Augen zwicken. Der Klavierspieler brilliert. Das heißt nicht etwa: brillant spielen. Er hat seine eigene Technik: »brillieren«, er läßt stets die Schwierigkeit seiner Ouvertüren durchschimmern und namentlich auch seine Ohnmacht auf diesem (ach! zufälligerweise) so miserablen Pianino. Fast ebenso laut, wie die Leute reden, spielt er. Wieso ermüdet er nicht? Vielleicht hofft er, von einem dieser Gäste eines Abends entdeckt, zu einem bessern Klavier hingeführt zu werden. -- Die Mädchen kommen, die lieben Mädchen, und man vergißt ihn. Sie haben ihre Metallschuppen an, ihre Trikotstrümpfe, wie zu unserer Väter Zeit, sie zeigen auf ihre Frisur, auf ihren Schuh, den sie vorstrecken, während sie sich vorbeugen; all dies, um anzudeuten, daß sie »von Kopf bis Fuß« einfach die »Brettlkönigin« sind. Es sind geheiligte Bewegungen, die sie ausführen, Stiltraditionen: dieses Vorhalten eines Spazierstocks soll »gigerlhaft« sein; Seidenhosen, noch so kurze über noch so dicken Schenkeln, deuten den »Gassenbub« an; das Wort »ich bin noch =jung=« wird viele Strophen hindurch immer wieder mit demselben Geheul neuer Erkenntnisse ausgestoßen; der Kakewalkschritt, als wate man knietief durch Sand, so mit Aufgebot aller Kraft, ist »Amerika«; wird der steif abstehende Rock ans Knie vorn mit beiden Händen gepreßt, so daß er hinten sich hebt, bei seitlich geneigtem Köpfchen, so ist »Unschuld« gemeint; aber »Paris« selbst, Metropole des Lasters, rauscht über die Szene, wenn dann die Kleine die Röcke aufhebt, den gebückten Kopf an sie legt, als wolle sie in diesem Polster ausruhen, und nun von hier aus lächelnde Blicke schickt -- als Halbmond füllen die Dessous schön den Raum aus zwischen Bein und Hals, wie ein geöffneter Fächer; oder in geänderter Figur mischt sie jetzt alles durcheinander, beugt sich noch tiefer zu ihren Spitzen, wie eine Wäscherin über die Wäsche, hebt schnell abwechselnd ein Bein, das andere, und mit eiligen Händen rührt sie die schäumenden Falten, wirft sie hin und her, während ihr Blick beschäftigt auf diesem Schaukeln ruht. Weisheit des Chantants! Sie singt: »Was die Französin kann. Das kann auch ich. Es ist nicht so viel dran. Ganz sicherlich. Nur weil's Franzosen sind. Drum hamm's mehr Glück. Doch hat die Wienerin denselben Chic.«

Liane de Vriès

Der Reklamograph: interessanter, als man glaubt. Dann schnellte eine »akrobatische Neuheit« über die Varietébühne, dann hielten Clowns Violinen und Glocken an Drehbänke, und es klang wie eine Art von Musik, so sollte es auch sein. Die Kulisse oft benutzten Herbstlaubes erzitterte vom Urwaldgekreisch dressierter Kakadus und von ihren springenden Farben. Gut, gut, all das sind Versprechungen -- kommt sie noch nicht? Ich sah sie verdeckt hinter den turnenden Arabern, hinter dieser temperamentvollen Wüste, hinter synkopischen Engländerinnen, hinter der Pause, die den Riesensaal hell machte und all die blauen schönen Zigarrenrauchwolken zu den Wolken des Plafonds trieb, zu den Fächerspiegeln, den Verzierungen. Aber sie zeigte sich nicht. Noch diese Germania mit kantigen Hüften mußte auftretend sie verdecken und Zigeunerweisen geigen, mit ihrem Bogen alle Ziehbrunnen der Pußta heben, pizzicato und im Flageolet, wobei passenderweise ihre Postichen kräuselnd in Unordnung gerieten, während zur nächsten Cantilene doch wieder schon der gehörige Augenaufschlag in Bereitschaft war. Geh schon weg! Und auch du, ade, Amerikanerin, die den Kunststücken der Brüder hilft, auf sie zeigt, im tiefsten Mundwinkel ihren Goldzahn aufblitzen läßt. Ade, geh schon weg ...

Dann trat Liane de Vriès auf. (»Während dieser Nummer wird nicht serviert.« Das Plakat ist von Damaré in Paris gedruckt und schlecht. Ein Freund hat mir erzählt, er habe in der Nacht, nachdem er sie gesehen, nicht schlafen können ... So sammle ich schnell noch, vor dem erregten Moment, alles, was ich bisher von ihr weiß.) Musik. Ich schließe die Augen. Und dann sehe ich sie, sie steht da auf der Bühne, und ich höre sie, und es ist die Sprache, die Sprache Flauberts. Da steht sie, so wie ich mir immer die Pariserin meiner Legenden vorgestellt habe, ich habe Paris noch nie gesehen: da ist nun das Vorbild der mondänen Wochenschriften, der Bilder von Fabiano, Gosé, Galanis, de Mouvel, das Vergnügen meiner einsamen Abende im Kaffeehaus, nächstens werde ich davon schreiben. Da ist sie, und es ist keine Enttäuschung, nein, eher war das Erwarten eine Enttäuschung, denn ich hätte sie sehnsüchtiger erwarten sollen ... Ihr Hut, das Kleid mit Flittergold, und dazu geben die vielen echten Perlen eine Harmonie, eine Harmonie im höheren Sinne, o jenseits, dort wo auch die Wurzeln von Minus-Eins schweben! Die Perlen, die solitären Brillanten und an Ketten die Schmuckstücke, neben ihrer Schönheit sagen sie tautologisch noch einmal dasselbe: »Man muß mich lieben, alle lieben mich.« Das sagen die Schmuckstücke, das sagt die Schönheit auch allein. Denn sie ist schön. Hab' ich's noch nicht gesagt?... Sie ist schön und so weiß, andere werden vom elektrischen Reflektor beleuchtet, sie wirft ihr Licht in den Reflektor, beleuchtet ihn. Toilettekünste, wendet eine ein. Aber mach' es ihr doch nach, kleine Hausfrau, eben wirst du von der Bühne her aufgefordert, nicht eifersüchtig auf deinen Mann zu sein; denn dieser Kuß gilt gerade ihm. Sie ist schön -- können diese Hände auch Wärme geben? Unmöglich, daran zu glauben!... Ganz ruhig nun betrachtet, denn es ist höchste Zeit, einige wertvolle Beobachtungen zu machen: ihre Brust liegt im oberen Fünftel etwa des Leibes, das macht ihn stark und schlank zugleich, schafft Raum für männerartige Freiheit des Unterkörpers, für die in Müllers System beliebten Korsettmuskeln. Wie gesund sieht sie aus, wie schön und gesund. Lieber noch als mit ihr sein ... möchte man sie sein! Sie ist so rein, gewaschen, überwacht, Sündfluten von Reinigungsbädern förmlich müssen durch ihre Haare gegangen sein, daß sie so naß glänzen und so trocken sind. Das ist unbegreiflich, obwohl nichts unbegreiflich ist. Alles andere war Schweinerei bisher, Brunst. Hier beginnt meine Liebe. Und diese freie Stirn, das intelligente Achselzucken, dieses Sich-wenden einer großen Dame, wobei der nackte Rücken mit Grübchen, Schatten, Sehnen, Anhöhen erscheint. Gewiß ist sie witzig, das sehe ich an ihrem nackten Rücken, und gut, brav. Alle schönen Frauen sind brav, nur bei Maupassant und andern schlechten Autoren (Wiener Schule!) sind sie's nicht. Und siehst du, sehen Sie ... ich habe recht gehabt, sie hat Deutsch und Tschechisch gelernt, um uns etwas zu sagen. Was ist das für eine Szene? Ein Kellner kommt auf die Bühne, bringt ihr einen Brief. Jetzt fetzt sie den Brief auf, ihr Zeigefinger als Messer, wie der sich ins Seidenfutter wühlt und einen Schlitz macht, um den sich Locken des Papiers aufbäumen! Sie erklärt uns alles: jemand möchte sie zum Souper einladen: »Sind Sie es? Oder Sie in der Loge, auf der Galerie?« Strophenweise antwortet niemand, natürlich, weil alle wie im magischen Banne liegen und vielleicht auch nicht so perfekt die Sprache Flauberts beherrschen, und das gibt ihr Gelegenheit zu ihren aufreizenden Mienen, zu dieser ewig lügnerischen, ironischen Geste: »Niemand will mich, ach, warum will mich niemand?« Den Finger an der Lippe steht sie da, weinerliche Vorwürfe heuchelnd.

Ihre andern Couplets. O schönster Abend meiner Saison heuer, neben Variationen von Reger ... Die andern Couplets: Sie ist Masseuse und streichelt ihre Umrisse, modelliert sich, zu unserer größeren Aufmerksamkeit. Oder sie hat was Schönes, sie gefällt und weiß nicht warum. »Fragt nur eure Söhne, die wissen's.« Oder sie muß lachen, von unsichtbarer Hand gekitzelt. Oder das kleine Erschrecken, die Halbkreise (statt Halbellipsen) der Augenbrauen, der Mund, der ein o sagt, weil er einmal rund sein möchte, nach seiner sonst so sanft geschwungenen Form. Die Klappen des Kleides an ihrem Busen und zwischen diesen Klappen, das feste Licht im Ausschnitt locker, doch nicht schwankend. Nun verteilt sie Blumen und ist einfach das, was sie ist, ohne Gesang und Pointen: eine schöne, gutartige, gescheite Frau, ein Aktivum des Weltalls ... Zum Schluß verbeugt sie sich tief. Achtung, die Klappen!... ein Kollektivkuß, den sie in ihre hohle Hand gibt und ausstreut; dennoch bin ich in Dankbarkeit beschämt ...

Mein lieber Freund, auch ich habe die Nacht darauf nicht geschlafen. Aber aus einem andern Grunde. Ich mußte das da schreiben. (In erster Linie nämlich bin ich Schriftsteller, nicht Liebhaber.)

Höhere Welten

1.

Ich bin weder Spiritist noch Antispiritist, weder Antitheosoph noch Theosoph. »Welcher Weltanschauung gehören Sie also an?« Ich bin Literat.

Man wird sich doch endlich angewöhnen müssen, die Literatur als eine vollgültige alles umfassende Weltanschauung anzusehen, nicht als einen Beruf. Der Schriftsteller hat seine ihm eigentümliche Art, die Dinge zu sehen, er sieht eben das Literarische an ihnen, also das künstlerisch Beschreibenswerte, das den an diesen Dingen anderweitig Beteiligten freilich sehr oft nur einen Nebenumstand darstellen mag ... Hierdurch gerät er allerdings in den üblen Verdacht, zu ironisieren, d. h. von den Dingen nicht ergriffen zu sein ... Ganz falsch: er ist in seiner Art ergriffen, literarisch ergriffen von ihnen. -- Einem Dichter vorwerfen, daß er sich von der Welt nur literarisch beeinflussen läßt, ist genau dasselbe, wie einem Politiker vorwerfen, daß er sich nicht um den Knochenbau seiner Wähler kümmert, oder einem Anatomen, daß ihm einerlei ist, ob die Skelette seines Kabinetts zu Lebzeiten der konservativen oder freisinnigen Partei angehört haben.

Ich gestehe von vornherein und mit Stolz, ich bin Literat, ich interessiere mich auch für »Höhere Welten« nur literarisch. -- Kommt einer und predigt mir, daß die ganze sinnliche Welt nur Schein ist, daß es ganz andere Dinge gibt, die zu sehen für mich von der allerhöchsten Wichtigkeit ist, ja die nicht sehen mich in ewige Verdammnis stürzen wird, -- so werde ich nicht umhin können, die seltsame Haarformierung und Frisur etwa dieses Drohenden in erster Linie, als Hauptsache zu beobachten und im Geiste unwillkürlich die treffendsten Worte und Vergleiche dafür zu suchen. Ganz einfach: er stellt mich in seine übersinnliche Weltanschauung, ich ihn in meine literarische. Niemals werde ich zugeben, daß die literarische Weltanschauung irgendeiner anderen, noch so erhabenen, nicht ebenbürtig ist. -- Dieses Gejammer über die »Lebensschwäche des Künstlers«, über die »Minderwertigkeit der Literatur gegenüber dem Leben«, möge endlich aufhören! Warum sich der Literatur schämen? Sie ist ein Mittelpunkt, nicht schwächer als Erotik oder Demagogie oder Wissenschaft.

Ich schäme mich nicht, -- dies als Vorbemerkung -- ich freue mich der Literatur.

2.