Über die Schönheit häßlicher Bilder. Ein Vademecum für Romantiker unserer Zeit

Part 7

Chapter 73,575 wordsPublic domain

Jetzt ein Traum meiner Jugend: Das Seebeben. Hat man schon einmal bemerkt, wie das Wasser in einem Lavoir schwankt, das man mit mangelhafter Geschicklichkeit trägt? Es legt sich gleichsam mit seinem ganzen dicken Leib, eine einzige Welle, zunächst auf die eine Seite des Lavoirs und, nachdem es hier gehörig übergespritzt ist, liegt es schon wieder ebenso heftig und schwer auf der andern Seite. Wie eine Bleimasse scheint einem das Wasser, so gewichtig, und was seine Flüssigkeit dabei anlangt, flüssiger als ein Wasserfall, direkt haltlos, sinnberaubt ... Dies alles auf ein ungeheures Meer übertragen, und man hat das, was ich mir unter Seebeben vorstelle, wovon ich bisher leider weder ein Bild gesehen noch eine Beschreibung gelesen habe. Ich wäre jedoch schmerzlich enttäuscht, falls dieses gewaltige Elementarereignis einfach so vor sich ginge, daß das Meer Wellen, nur etwas größere als sonst, würfe. Das würde ja ein Sturm sein, nicht viel mehr. Nein, die Natur übertrifft gewiß unsre kühnsten Träume. Das Meer bildet eine einzige Fläche, ich bitte darum, von Asien bis Amerika, und diese große Fläche steigt auf, stellt sich schief, erhebt sich bis an die zerreißenden Wolken, sie senkt sich wieder, und dumpf wie das Schicksal richtet sie sich auf der andern Seite empor, diese ungeheure Schaukel. So wie das Verdeck eines Schiffes schlingert ... Sache des Regisseurs ist es nun, dies auf die Szene zu bringen. Ich würde es so machen: Eine Hafenstadt, die nachts in ihrem unglücklichen Schlaf von einem Ausläufer des Seebebens überrascht wird. Das Wasser ist bis zur Höhe der halben Bühne gestiegen. Jetzt bemerkt man, daß es leise schwankt, in seiner ganzen Oberfläche, die an der Seite der Bühne emporklettert und wieder fällt. Kein Rauschen, kein Getöse. Es sieht beinahe sanft aus: wie eine Mutter, die ihr Kind in den Schlaf wiegt, wie eine große Wiege. Damit aber kontrastiert aufs gräßlichste die Hast in den dunklen Gebäuden, die aufleuchtenden Fenster, die sofort wieder im Wasserschwall erlöschen, das Rufen treppauf und treppab. Die Häuser stehen noch, es sieht fast aus, als seien sie zu dem Zweck gebaut, unter Wasser zu stehen, wie die Paläste der Stadt Vineta. Aber der Zuschauer ahnt, daß sie schon unterwaschen sind, daß sie nicht lange mehr standhalten können. Und während die unheimliche Flut lautlos, ohne Grausamkeit, wie gesagt, ihre Wiegebewegung fortsetzt, brechen plötzlich in dem Moment, wo man es nicht mehr erwartet (warum gerade jetzt? warum nicht früher?), alle Häuser samt der Domkirche in die Knie. Sie werden in Trümmern davongeschwemmt, die Stadt existiert nicht mehr, die Flut wiegt sich noch immer.

Ein freundlicheres Bild: Die Liebenden in der Landschaft. Ein heiß verliebtes Paar hat einen Ausflug unternommen, und während sie dahinschreiten, verwandelt sich die Gegend, natürlich nur für ihre Augen. Der geschickte Redakteur leiht uns ihre Augen. Nebst der Sonne glänzen alle Sterne am Himmel, der Mond, zwei Kometen, deren Schweife je einem des Paares Luft zuwedeln. Es ist sehr heiß. Der Bach, an dem sie gehen, ist aus Silber, die Waldbäume aus patiniertem Kupfer, die kleinen Küchlein bei der Hütte aus Gold. Sämtliche Singvögel sind Virtuosen in ihrem Fach. Eine Wiese wird zu dem Gefieder eines sagenhaften Riesenpapageis, der sie über alle Lande hinwegträgt, an träumerischen Aussichten vorbei, wobei er immer den Namen eben dieser beiden Menschen in die Luft hinausschmettert, als hätte er mehr nicht gelernt. Dies alles ist aber nur die erste Stufe der Zauberei. Mit einem Schlage ist die ganze Umgebung zurückverwandelt, ist gewöhnlich und ordnungsgemäß Wiese, Bach, Wald, aber trotzdem ist sie für die beiden gänzlich neu, sehenswert bis aufs äußerste, noch nie dagewesen. Sie sagen es einander. (Der geschickte Bühnenkünstler sehe, wo er bleibe.) Hierauf fragen sie einander, wann der letzte Zug nach Prag zurückfährt. Ihre Gespräche sind nicht sehr belangreich, wie man sieht. Der erquickte Zuschauer jedoch überhört geduldig einige Dummheiten und Kindereien, da er durch den Anblick dieses reizenden Ausstattungsstückes genugsam entschädigt ist.

Illusion

Von hier aus, von der Kleinstadt, stelle ich mir manchmal eine Redaktion wie einen ungeheuren Palast vor, der seinen Lärm in die dunkeln Nebenstraßen wie eine Ausstrahlung verbreitet. Noch ehe man ums Eck biegt, fühlt und sieht man an allem: Ah, jetzt kommen wir zur Redaktion ... Geflügelte Stiere bewachen das Portal, und wer vorbeigeht, nimmt den Hut ab. Der Unterbau des Palastes besteht ganz aus riesigen Rotationsdruckmaschinen, die so kompliziert wie Rechenmaschinen (als der Erfinder sie zu Ende erdacht hatte, kam er ins Irrenhaus), aber zweihundertmal so groß aussehen. Im ersten Stockwerk geschehen Musterbeispiele der Dinge, die von den Redakteuren in der nächsten Nummer beschrieben werden müssen: ein Pferd stürzt, der erste Schnee schwebt nieder, Armeen ziehen vorbei, Parlamente debattieren, ein Aviatiker nimmt von seiner Mutter Abschied, Schauspieler in ihren Kostümen sprechen erhebende Verse. In der nächsten Etage, die durch ein kompliziertes Treppensystem mit der untern verbunden ist, gibt es nichts als Telephone, ungeheure Fernrohre, Bahnhöfe für Expreßzüge, Warenmagazine, Kinematographen -- kurz ein solches Durcheinander aller Kultureinrichtungen, daß dem Beherztesten der Mut sinkt. Der Chefredakteur rollt auf Flügelrädern durch lange Galerien, in denen seine Angestellten laut schreiend schreiben, die Füllfeder an seinem Gürtel ist wie ein diamantbesetzter Degen. Durch das offene Fenster sieht man auf den Hof, wo Nachrichten und Herzensergüsse aufgestapelt werden, aus andern Höfen führen Fäden zu allen Städten des Kontinents und Amerikas ... So stelle ich mir das Redigieren vor, und das ist eigentlich meine regelmäßige, natürliche Ansicht, die ich nur dann unterdrücken kann, wenn ich das Wort »Redaktion« mit absichtlicher Schnelligkeit und Unachtsamkeit ausspreche.

Komme ich aber nach Berlin oder Paris, so sieht die Wirklichkeit ganz anders aus. Ich muß lange das Haus der Redaktion unter fünfzig gleichartigen derselben Gasse herausstöbern, niemand spricht noch in der nächsten Nähe dieses Hauses von Dingen, die man als Ehrfurcht gegen ein so ungeheures Etablissement deuten könnte. Noch der Krämer nebenan scheint nicht zu ahnen, daß gleich benachbart eine Redaktion ist, und hält sich selbst offenbar für wichtiger. Ein Kind spielt Reisen, es ahnt nichts. Ein Lastwagen poltert durch die merkwürdig unbelebte Gasse. Und nur ein kleines Emailschildchen heißt »Simplizissimus« oder sonst etwas, ganz ebenso große Schildchen hat ein Rechtsanwalt und ein Schreibbureau im Toreingang ausgehängt. Oft muß ich sogar an Pflaster und Blumen vorbei ins Hinterhaus gehen, an ruhigen, mit sich selbst beschäftigten Dienstmädchen oder Mietern vorbei. Und dann empfängt mich an einem gewöhnlichen Schreibtisch ein gar nicht mystischer Herr, spricht die üblichen Dinge, während ich das einfache Mobiliar betrachte: ein paar Bücher, einen Telephon-Tischapparat wie in jedem größern Geschäft, Briefe, ein Sofa, einen Briefordner, einen Kunstdruck an der Wand ... Und da überfällt mich immer wieder derselbe Gedanke, den ich jetzt ausdrücken möchte. Ich fühlte mich überlistet. Es erscheint mir plötzlich wie eine bloße Übereinkunft, eine Legende, daß von diesem ganz unmerkwürdigen Zimmer so viel Erschütterung und Macht ausgeht. Warum gerade von hier aus? Wo sind die Fäden? Ist die Druckerei hinter der Wand? Wo laufen die Verbindungen zu dem Kapital, zu den Autoren, zu den Setzern an ihren Kästen, zu den Verkäufern in ihren Kiosken auf den Boulevards? Ist es nicht ein bloßer Aberglaube, daß sich diese Verkäufer immer wieder an dieses in nichts ausgezeichnete Zimmer wenden und an andre nicht? Man müßte sie aufklären über ihre Verblendung. Man müßte vor allem einmal folgenden Versuch machen: ein Zimmer mit sklavischer Genauigkeit nach einem wohlrenommierten Redaktionszimmer einrichten. Ich würde es dann übernehmen, mich ruhig wartend an den Schreibtisch zu setzen, das getreu nachgebildete Elfenbeinmesser in der Hand. Ich bin überzeugt, es müßte auf diesem Wege plötzlich eine mächtige Zeitschrift entstehen. Entsteht sie nicht, dann ist das nur ein Beweis dafür, daß die Kulissen des nachgemachten Redaktionszimmers nicht genau dem wirklichen gleichen. Ich fühle es: die richtig ausgestattete Bühne muß die szenischen Vorgänge in sich hineinziehen wie ein luftleerer Raum Luft in sich saugt. Nur ruhig warten und in die Wand schauen: plötzlich fühlst du das Kapital hinter dir, die Interessengruppen, alle Verhandlungen, die der Gründung vorangehen mußten, plötzlich ist alles da, wie etwas Vergessenes im Gedächtnis auftaucht und doch von jeher da war. Und du fühlst, daß du in diesem Moment Menschenhände in einer fernen Setzerei bewegst; der Telephonapparat, der ein bloßes Bühnenversatzstück ist und gar nicht an die Leitung angeschlossen, funktioniert in diesem Augenblick, du weißt es und du zweifelst nicht. Ohne Elektrizität klingelt die Signalglocke. Du erteilst Weisungen, Ratschläge, Entscheidungen. Du bist ein lebendiger Machtfaktor. Ein Unterbeamter, von dessen Existenz du bisher nichts geahnt hast, tritt herein, legt Ausarbeitungen vor, die du ihm gestern aufgegeben hast, wie es scheint. Andre danken für empfangene Vorschüsse. Und ohne daß du dich von deinem Platz gerührt hast, hörst du mit einem Mal, wie draußen vor dem Fenster die Zeitungsjungen den Titel deiner Zeitschrift in die Luft brüllen, wie sie die noch klebrigen Blätter, die nassen, schwarzen, zischenden Lettern entfalten und schwingen, wie sie rennen und so schnell den Vorbeigehenden das Papier in die Hand stecken, daß man meint, sie reißen es ihnen aus der Hand ... Überdies bist du gar kein Schwärmer für Zeitschriften natürlich, im Grunde hältst du alle für überflüssig. Nur einmal hast du es aus wissenschaftlichem Interesse probieren wollen, ob man eine Zeitschrift nicht intuitiv von innen heraus gründen kann, mit Hilfe der Bühnenausstattung eines Redaktionszimmers, statt rationalistisch mit den langweiligen Maschinerien der Welt.

Um mein Problem zu formulieren: ich möchte den genauen Anteil suchen, den das Bühnenmäßige an den Vorgängen des Lebens hat.

Dasselbe gewöhnliche Zimmer, als Gerichtssaal eingerichtet: und ganz gewiß werden bald Richter, Zeugen und Angeklagte da sein. Die Ähnlichkeit der äußern Situation, sofern sie nur täuschend und exakt ist, muß die gewohnten Vorgänge des Lebens heranlocken ... Ebenso glaube ich, daß ein Sterbender sofort dem Tode entrinnen müßte, wenn man ihn aus der gewohnten Sterbeumgebung, aus diesem Bett und Nachthemd und Kästchen nebenan mit den farbigen Arzneien in Fläschchen, aus dieser Luft und den das Ende heranzagenden Freunden, plötzlich auf die Straße versetzte, an eine Straßenkreuzung, wo die Reihen der Automobile vor dem weißen Stab des Polizisten stocken, wo alles schreit und läuft und jeder Passant eher dem nächsten absichtlich auf den Fuß treten würde als an Sterben denken. Wenn man aufpassen muß, daß einem im Nachtwind nicht der Hut in die nächste Pfütze fliegt, hat man keine Zeit zu sterben. Die Szenerie ist es, die mordet und das Leben rettet.

Die Vorstadtbühne

Sie machte ein ernstes Gesicht. Und nicht nur deshalb, weil ihr dies gut stand. Sondern sie war wirklich traurig.

Der junge Mann, namens Carus, der, ihr gegenübersitzend, das eine Bein durch das andre gehoben hielt, tröstete sie: »Schau, ich hab' dich wirklich nicht kränken wollen, Kindchen. Aber wie sollen wir es anders anstellen, um aneinander Freude zu haben. Heiraten kann ich dich nicht, du weißt, daß ich zu wenig Glück im Beruf habe. Also mußte ich dich doch einmal bitten, meine Geliebte zu werden, nicht wahr.«

Jetzt weinte sie schon.

Das dunkle Hofzimmer nur mit einem Fenster und schmal wie ein Fernrohr blieb eine Weile still, während die Dämmerung anbrach. Plötzlich setzte unten laut das überraschende und häßliche Geflöte eines Leierkastens ein ...

Da stand der junge Mann auf und, während er die Fransen der Tischdecke zu regelmäßigen Bündeln ordnete, bat er das weinende Mädchen in leisen Sätzen, verständig zu sein, ihm nicht zu zürnen.

Martha erhob den Kopf, noch fielen zwei Tränen, sie sagte mit Energie: »Nein, Carus. Überwinde dich, sei ein Mann. Ich werde immer stolz darauf sein, wenn du mich als deine Freundin betrachtest. Aber niemals kann ich dir das werden, was deine Träume dir vorspiegeln. Verlange es nicht von mir, du selbst würdest mich verachten, wenn ich mich und meine Ehre vergäße. Ich muß doch einmal Klarheit zwischen uns schaffen: Du bist mein Freund, mehr nicht, also bleibe so, wie du warst.«

»Klarheit schaffen ... Ich bitte dich, laß das. Ich verzichte auf jegliche Klarheit.«

»Aber das Leben ist einmal so, klar und unerbittlich.«

»So kennst du es, arme Kleine. Natürlich, wenn man seit seinem sechzehnten Jahr ganz selbständig in einer großen Stadt sein Brot verdienen muß. Und gar durch Klavierstunden ... O, wie schlimm ist es dir ergangen! Man hat dich immer betteln und kämpfen lassen, und schließlich hast du dich gewöhnt, dies als den gerechtfertigten Lauf der Welt anzusehen. Nie ist dir eingefallen, daß alles ganz anders sein könnte, ein wenig 'operettenhaft', wie Jules Laforgue es wünscht. _Ah! que tout n'est-il opéra-comique! Que tout n'évolue-t-il en mesure sur cette valse anglaise Myosotis!..._«

»Was willst du eigentlich damit?«

Carus öffnete den Deckel des Pianinos und drückte im Dunkeln so langsam einige Tasten nieder, daß kein Ton erklang: »Meine Liebe, du nimmst die Sache viel zu wichtig.«

»Welche Sache eigentlich?«

»Ach Gott, alles. Und deine so ernsthafte Erklärung mit schweren Worterbstücken wie: Ehre, verachten, Klarheit schaffen, Freundin, Träume vorspiegeln ... Wie schön wäre es, wenn du ein einziges Mal diese Logik vergäßest, die doch zu gar nichts taugt! Das Leben ist nicht so hart und endgültig, wie es dir vorkommt. Es gehen immerhin witzige Dinge darin vor. Warst du, beispielsweise, schon einmal im Vorstadttheater draußen?«

»Nie.«

»Bitte, komm morgen mit mir hin! Man spielt zwar tschechisch dort, aber so viel verstehen wir ja. Und wenn nicht, um so operettenhafter ist es. Du willst? Also gut, ich hole dich morgen um diese Zeit ab. Du wirst etwas Unterrichtendes erleben ... Aber jetzt, sei nicht mehr böse, gib mir einen Kuß ...«

* * * * *

Es ist hübsch, wenn Rendezvous pünktlich von beiden eingehalten werden.

Und so geschah es auch in diesem Fall.

Arm in Arm denn betraten die Beiden das Foyer des Vorstadttheaters. Aus einem Privathaus hergerichtet, das nur durch transparente Buchstaben und den wagerechten großen Glasfächer über der Tür auffiel, empfing es in einem bunt mit Solenhofer Platten gepflasterten Raum, der rechts Garderobe, links Konditorei hieß. Von hier kam man in einen schmalen Gang, Schauplatz der Zwischenakts-Promenaden, von roten Plüschkanapees an den Seiten in die Länge gezogen, mit Glühbirnen, Photographien des Direktors unter seinen besten Kräften, und mit einem goldgerahmten Spiegel versehen, den als Gegenstücke der Apoll vom Belvedere und die Königin Luise nach Rauch bewachten. Ein gutmütiger Eisenofen machte bieder auf die fehlenden Siebe der Luftheizungen aufmerksam. Eine Palme, von Staub weißlich gepudert, erinnerte an den Orient.

Über ausgebeulte Holztreppen stolperten Carus und Martha lachend in ihre Loge. Die aber war keineswegs ein Zimmerchen, wie sie es von den langweiligen großen Theatern her gewohnt waren, sondern nur ein durch rote, sammtbortierte Pappwände in Ordnung gebrachter und abgeteilter Luftraum. Über ihnen direkt schwebte die Decke und an ihr eine Posaune aus Stuck, lebhaft geblasen vom Zentralengel des Plafonds. Er hielt sie dezent und edelmütig, kaum geängstigt durch die sezessionistischen Blumen, die mit gesteiften, parabolischen Stengeln auf der Tünche um ihn wucherten ... Neben der Loge gleich hockten dichtbesetzt die finstern Bänke der Galerie; es drückten sich Dienstmädchen, Soldaten, Modistinnen, ein ganz kindlicher Pikkolo in seiner Amtstracht, alte Frauen in Sonntagsjacken mit sehr großen Perlmutterknöpfen und mit Tüchern um den Kopf, ein witziger Hausmeister, Arbeiter, Bankdiener, markensammelnde Gymnasiasten, Ladenfräuleins, Lakaien, schöne Kommis. Und alle bewegten sich, redeten mit lauter Gedämpftheit, borgten einander die Operngucker, die Programme, riefen nach Bier, stritten um ihre Plätze, lachten. Es schien das Ganze nicht unähnlich einem religiösen oder zwecklosen Tanze, ins unsichere Licht weniger Lampen gestopft, stückweise wiederholt von schiefen Spiegeln, die hier und dort unter Thronhimmeln aus dem braunen Dunkel funkelten, umrahmt von dem weiten Wandbogen, dessen Papiertapete wie lustige Flaggen ihre Fetzen herabwehen ließ ...

»Das Parterre ist wenig besetzt,« meinte Martha.

»Da brauchst du auch nicht hinzusehen. Hier wird für die Galerie gespielt. Und für uns, wenn wir heute ein bißchen kindisch sein wollen. Wollen wir?«

»Ja natürlich. Mir gefällt's schon großartig.«

Der eiserne Vorhang ging in die Höhe. Aber da hatte des andern kostbare Teppichflut, rubinrot und von goldenem Tau mit großer Quaste gerafft, noch nicht vollständig die Erde erreicht. Die eiligen Füße der Mitspielenden sah man, ein überraschtes Getrippel im Rückzug; niemand nahm das übel. »Die Regie wird hier nicht so ernst genommen,« erklärte Carus, »und gerade deshalb bin ich gern da. Wie dumm ist dagegen dieser würdevolle Zusammenhang, die Logik der großen Bühnen. Dort wird man auch bei den hitzigsten Possenspielen, die allen Ernst verbannen wollen, doch das Gefühl nicht los, daß all das etwas Ernstes ist, daß es im Grunde streng und akkurat zugeht, daß alles mit Berechnung eingeübt und von dem zweckmäßigen Herrn Regisseur hinter der Szene peinlich belauert wird. Hier läßt man sich, gottlob, gehen, hier darf man sich in Träume, Possen, Auflösung verlieren ...«

Nach einer sehr lauten und auf scherzend verstimmten Instrumenten vorgebrachten Ouvertüre, die vage Erinnerungen ans Spezialitätentheater auftauchen ließ, stellte die Bühne ein elegantes Zimmer vor. O Eleganz für naive Seelen! Luxusidee der Vorstädter! Komfort, angedeutet durch einen großen -- sagen wir Perserteppich! Außer diesem und zwei Sesseln befand sich nichts zwischen den drei mit blauen Blumenkörbchen gemusterten Wänden. Nur im Hintergrund führten zwei Stufen zu einer Estrade mit einem Tisch, dessen Weinflaschen eine dunkle, etwas geneigte Leinwand stützend in aufrechte Lage erhielten. Da diese Leinwand mit Blättern und Ästen bemalt war, mußte man sie für die Aussicht in einen Garten und gute Luft in weitem Umkreis um eine offene Veranda halten.

Ein Vater in luxuriös-abgeschabtem Frack betritt mit seiner ungarisch kostümierten Tochter seiner Besitzung Prunkgemach. Er zankt mit ihr. Was will sie den Baron nicht heiraten, diesen entzückenden und ehrfurchtgebietenden Altadeligen! Er spricht wie ein Salamifabrikant und Parvenu, der er ist. Jetzt sind Gäste zur Verlobungsfeier geladen; der komische Diener kann es in seiner rettungslosen Betrunkenheit nicht mehr erwarten, sie zu melden, und Ilka denkt immer noch an ihren Cousin, diesen feschen Husarenleutnant. Sie weint, der Vater ist verzweifelt. Dann tanzen sie miteinander einen zornigen Csardas ... Beifall. Sie geraten noch einmal in Zorn und Csardas ... Ilka bleibt und singt. Wo bleibt nur der Cousin, dieses süße Ekel?... Aha, da ist er schon, es entsteht keine Lücke in der Handlung! Prachtvoll: sechs Husaren marschieren hintereinander herein, weibliche natürlich, mit runden Armen und herausgedrehten Becken, und dann er, der männlichste aller Husaren. Er beeilt sich, ein triumphierendes Couplet ins Publikum zu salutieren; dann erst hat er Zeit, die harrende Cousine zu bemerken. Er salutiert wieder. Er salutiert überhaupt unaufhörlich, und wenn irgend jemand in dem Stück seine Überlegenheit bezweifeln sollte, so wird er auch dann nur salutieren und alles wird klar sein. Eljen!

»Siehst du, so nett und gar nicht traurig ist das Leben,« wandte sich Carus an Martha, die lächelte.

Und dann das Finale. Man sieht es herannahen, man fühlt es förmlich, daß der Akt reif ist. Zum Crescendo des Orchesters eilen aus allen Kulissen Leute; Gastgeber, Gäste, den Baron und seine hochmütige Mama, die Husarendamen mit ihrem Helden; sogar alle Dienstmädchen und Köche des Hauses sind gern dabei, wo es gilt, den Chor zu verstärken. Die Bühne wird zu eng. Die Wände zittern, die Gartenaussicht wirft Falten. Die Türen pendeln aus und ein, noch lange, nachdem man sie geschlossen hat. Einige Gäste setzen sich zusammen auf einen Sessel. Das ist ein Witz, obwohl es tatsächlich an Sesseln fehlt. Mit Begeisterung wirft man sich auf die bemalten Holzstücke des Gänsebratens, sucht die wirklichen Äpfel aus dem Gummi-Dessert, schwenkt leere Gläser mit Unbedacht, zwickt die Choristinnen in passende Körperstellen, schlägt einem wenig beliebten Statistenkollegen den Hut ein und regt ihn hierdurch zu unerwartet ausdrucksvollem Spiel an. Eine Orgie entsteht, blitzschnell, schon sind alle betrunken! Nun gerät alles, aber auch alles, in ausdrückliche Unordnung; vor Übermut mißlingen die Einsätze, werden die Positionen und Gruppen verfehlt. Schnell erscheint noch eine Fee, auf dem Tremolo der Geigen anschwebend. Dann fassen alle einander an den Händen und tanzen in zwei Reihen vor, auch zurück, soweit Platz ist, werfen die Beine in die Höhe, machen gemeinsame Gebärden, natürlich nicht allzu pedantisch gemeinsam, unternehmen einen Cancan, lassen den Vorhang schnell wie eine Guillotine über ihrem tüchtigen Geheul herunterstürzen ...

»Ach, wie schön das ist, wie vollkommen schön!« ruft Carus.

Martha: »Hast du die Fee bemerkt? So eine junge Brust, ein schönes Mädchen. Es wäre schade um sie, hoffentlich wird sie entdeckt.«

»Du hast doch immer Sorgen, du Gute. Vielleicht wird sie entdeckt, vielleicht nicht. Scheint dir das so wichtig?«

»Das ist wahr. Hier ist alles so leichtsinnig, so frisch, daß man sich gar nicht vorstellen kann, es gebe außerdem wichtige Dinge.«

»Nun, so freue dich. Wir schweben, was liegt daran! Das Theater wackelt. Hoffentlich sind auch seine Kritiker reizende Menschen und seine Finanzen nicht übertrieben seriös. Glaubst du nicht, daß es ein durchaus liebenswürdiges Unternehmen darstellt?«

»Ich weiß nicht ... Aber eines ist sicher, ich fühle mich hier so frei, so glücklich ...«

»Alles ist wie Luft. Sei unbesorgt. Und ob du mein sein wirst oder nicht: ich bleibe munter ohne Schwere. Du auch, nicht wahr?«

... »Ich möchte dich küssen.« ...

Der zweite Akt brachte einen Urwald, nein, einen Schilfsee, nein, ein Gebirge, nein, eine Eisenbahnstrecke mit Stationsgebäude. Es war alles zugleich auf verschiedenen Kulissen zu sehen. Und man stand nun in einer mit Grazie unkonsequenten Welt, in einer launigen Kausalität. Da erlebte man, daß alles wie mit Erdbeersaft begossen war, ah! einen sympathischen Sonnenuntergang. Dann brach eine Dämmerung ein, die ruckweise fortschritt, so, als vergäße der liebe Gott immer eine Weile, es dunkeln zu lassen, besänne sich jedesmal und hole es dann plötzlich mit Energie ein. Nun in der Nacht, wer erwartet nicht Liebespaare an diesem Urwald-Eisenbahn-Gebirgs-Schilfsee zu treffen? Und da kommen sie schon, der Cousin mit Ilka; um nicht gestört zu werden, singen sie (selbstverständlich müssen sie ja singen) leise. Ab. Von der andern Seite schleichen mit der zweiten Strophe genau nach derselben, gleichsam verabredeten Melodie die Fee und der Baron. Ilka und Cousin kommen zurück. Man entdeckt einander, man ist überrascht, wenn auch nicht mit Heftigkeit, man tanzt eine Überraschungs- und Entführungsquadrille.

»Eine Entführung! Ah, jetzt verstehe ich, was das Stationsgebäude soll,« flüstert Carus mit dem erregt-dummen Gesicht eines kleinen Schülers.