Über die Schönheit häßlicher Bilder. Ein Vademecum für Romantiker unserer Zeit
Part 5
Ich gehe allein durch die Stadt, in einer vollkommen zerworfenen Stimmung. Ich bin so krank in mir, daß ich dreißig Gesunde anstecken könnte. Mein Kopf ist von literarischen Plänen erfüllt, ich habe die Sehnsucht, irgend etwas genau so darzustellen, wie ich es fühle, und wär's auch nur was Geringes, so strahlend und klar als nur möglich es zu sagen, nahe dem Ideal ... Ich komme über eine Brücke, steige die breite Seitentreppe hinab und auf der parkartigen Insel bin ich nun allein. Tausend Gedanken bewegen mich, aber nichts ist da faßbar, es scheint mir, ich werde untergehn, heute abend ... Es ist Abend. Ich setze mich auf eine Bank nieder, ganz im Schatten. Vom Quai drüben breitet sich ein Lichtschein in den Himmel aus, die dichten Äste lassen nur ein paar Sterne herein. Auf dem Boden der Allee ist aus diesen Sternen, Ästen und städtischen Lichtern etwas geworden, eine Verwirrung, eine Ruhe zugleich ... in diesem Augenblick, während ich zu Boden sehe, ergreift mich tief die Schwierigkeit aller Darstellung. Was kann ähnliches sein zwischen meinen Worten und dem, was ich da sehe. Niemals, niemals. Ich empfinde es im Herzen meines Herzens: gäbe es nicht Beweise, Beispiele, daß die Menschen seit jeher Schriftstellerei betrieben haben, man würde den Gedanken daran als den unglaublichsten Wahnsinn verjagen ... Meine Stimmung jetzt genau: man sollte glauben, daß sie aufgeregt ist irgendwie, daß ich an Literatur denke. O nein, trotz allem bin ich jetzt so glücklich und voll von einer zufriedenen Müdigkeit, wie nur selten, ich fühle mich ganz bei mir, ich habe mich lieb, und die Gedanken an Schreiben zersplittern mich nicht, sie sind nur kleine Liebkosungen und das Hauptgefühl bleibt: es ist Herbst, und da ist Wasser, eine Brücke ... Ein Licht geht schnell über das bläuliche Wasser unter den andern Lichtern, die stehn oder langsam gehn. Ich sehe den Quai nicht, nur die Spiegelung. Da glaube ich, dieses rasche Licht war die Spiegelung einer Tramway. Falsch, ein Kahn mit einer Laterne voran ist vorbeigeglitten, ohne Geräusch, es war also keine bloße Spiegelung. Und wie die Lichter lange Glanzlinien alle ins Wasser legen, das in kleinen Wellen dazwischenströmt! Diese Linien oder Flächen kürzen sich abwechselnd zusammen, dehnen sich aus, wie Gummibänder, an die man etwas gehängt hat und die jetzt eine Weile elastisch auf und ab sich ziehen, ehe sie zur Ruhe kommen ... Ich betrachte den Brückenbogen, die Balustrade mit ihren kleinen Pfeilern hoch oben. Von Zeit zu Zeit eine Steinkuppel zur Verzierung, nun leuchtet hinter einer solchen Kuppel ein Nimbus hervor, ein wunderbarer Strahlenkreis; so sind auf Reklamebildern manchmal Moscheekuppeln im Glanz, der dann die Worte trägt: »Der beste Kaffee ist usf.« Ich weiß, diese Strahlen kommen nicht aus dem Stein, gehören zu einer mir unsichtbaren elektrischen Bogenlampe, die dahinter unten auf dem andern Teil der Insel steht. Sie beleuchtet auch Bäume, die ich unter dem Brückenbogen hindurch sehe, ein hellgrünes Licht wirft sie auf den nächsten, dann braun scheint eine andere Gruppe, mancher Strich gelblich. (Auch Maler müßten verzweifeln, fällt mir ein.) Und nun, hoch oben zwischen den kleinen Pfeilern ziehn ununterbrochen Menschen vorbei, Wagen, ein Lärm. Diese Brücke ist wie ein hohes Haus, von dem aber nur das oberste Stockwerk benutzt wird. Und hier unten sitze ich allein im Dunkel, ganz glücklich, bei mir. Wer das fassen könnte! Von Zeit zu Zeit knackt etwas auf die Erde und zerschmettert, wahrscheinlich fallen die reifen Kastanien, sage ich mir, und aus Vorsicht setze ich den Hut auf, den ich bisher in der Hand gehalten habe. Zugleich, obwohl ich nichts sehe, sehe ich die grünen, stachligen Früchte, innen so schön weiß, ganz zersprungen und zerschmettert auf dem harten Boden, und der braune Kern muß davongerollt sein, vielleicht unter meine Bank. Noch zugleich bemerke ich eine lange Reihe von Oleanderbäumen, zwecklos. Oder zu welchem Zweck? Vielleicht hat man sie aus der Restauration zum Lüften hergestellt. Ich höre Lärm. Auf dem ganz finstern Spielplatz kommandiert ein Knabe, vier winzige Mäderl stehn in einer Reihe, heben die Hände, marschieren, drehn sich um. Werden sie nicht zu spät zum Abendessen kommen? Indessen sitzen zwei oder drei Gouvernanten und reden leise miteinander, auf einer entfernten Bank. Ich stelle mir durch das Dunkel hindurch vor, doch sehe ich nichts, daß sie im Reden ähnlich ruhig die Hände ausbreiten wie auf ägyptischen Malereien konversierende Könige. Nur einen Moment, das geht vorbei. Auch an meine Kindertage muß ich denken, hier auf demselben Fleck haben wir bis in die Nacht hinein den verbotenen Fußball gespielt. Und indessen huschen über die beleuchteten gelben, grünen und rötlichen Bäume, die ich durch den riesigen Brückenbogen hindurch fern im Hintergrund sehe, ganz flüchtige Schatten. Die Leute von der Brücke herab werfen also diese dünnen Schatten, das sehe ich heute zum erstenmal, und diese Bäume, die doch unregelmäßig auch hintereinander stehn, wirken wie eine glatte, ebene Fläche. Merkwürdig! Aber sag' es einmal, sag' es doch so, daß man es sieht ... Ekelhaft. Aber die gute Luft! Die gute Luft auf dieser Insel! Es ist ein milder Herbstabend.
Plötzlich erschien mir diese Baumfläche mit ihrem Schattenspiel wie eine Kulisse. Warum sitze ich nicht lieber im Theater, da hat man was Sicheres, Abgegrenztes, statt allein ohnmächtig in dieser problematischen, unendlichen Natur! Die Herbstsaison hat begonnen. Ich werde fleißig ins Theater gehen, alles andere ist gefährliche Ausschweifung.
Torquato Tasso
Also ich habe beschlossen, jetzt häufig ins Theater zu gehen. Ich mache den Anfang mit »Torquato Tasso«. Das Stück ist berühmt, aber ich habe es noch nie gesehen, nicht einmal gelesen. Ja, so bin ich, ziemlich ungebildet. Es ist richtig eine Premiere für mich.
Ein italienischer Garten. Nun, ich hätte mir Gärten, in denen Dichter mit Fürsten spazieren gehen, anders vorgestellt, überschwänglicher. Und geschlossener, nicht so für uns Zuseher offen. Aber das liegt vielleicht im Wesen der Bühne ... Und nun erklingen Verse, da beruhige ich mich sofort, das ist schön ...
Jemand stört, die Bankreihe herein. Ich schaue zürnend auf. Aber nicht lange zürnend. Es ist Hede, das schöne Mädchen, sie sitzt zufällig neben mir.
»Guten Abend, Fräulein Hede.«
Sie erkennt mich und streckt mir die Linke hin, da sie mit der Rechten allerlei zu tun hat, die Nadeln aus ihrem Hut ziehen, die Bonbonniere hinlegen neben den kleinen Handspiegel ... Hede, die lustige Gefährtin unsrer Nächte, jeden andern hätte ich eher hier erwartet als sie.
Und ich sage es ihr auch.
»Wissen Sie denn nicht, daß ich jetzt auf Theater studiere.«
»Nein, seit wann denn?«
»Ich hab' schon drei Stunden gehabt.«
Voll Stolz zieht sie aus ihrer Pompadour einen kleinen Flaschenstöpsel und zeigt ihn mir: »Das muß ich jetzt immer im Mund haben und üben. Es ist wegen der Aussprache ...« Wir reden weiter von andern Dingen, aber sie hat keine Ruhe, sie wühlt weiter in ihrem Tascherl und endlich findet sie, was sie sucht, einen zweiten, ebensolchen Korkstöpsel. »Sehen Sie, da hab' ich noch einen,« weist sie mir ihn vor.
Das Parterre ist ziemlich leer, in unsrer Nähe sitzt niemand, so müssen wir nicht fürchten, daß unsre Gespräche stören. Nur daß da auf der Bühne etwas geschieht, stört uns.
»Ich bitte Sie, was geht denn da vor? Wovon handelt das Stück?«
Ich sage ein paar Dinge darüber, Nachklänge des Gymnasiums.
»So, und was geschieht zum Schluß?«
»Er versöhnt sich mit dem Antonio.«
»Das ist alles ..?« Sie macht ein enttäuschtes Gesicht, eine Weile schaut sie noch auf die Bühne, mit Anspannung, wie man einem Entfliehenden etwa nachschauen würde. Dann gibt sie sich mit einem Ruck mir, sieht mich so lange von der Seite an, bis ich es bemerke ... Da war gerade ein Klang, irgendein leiser Angstschrei des Genies, wie Baudelaires Albatros zieht er traurig taumelnd vorbei. Ich fahre auf.
»Wollen Sie das Opernglas, Fräulein?«
»Ah nein, ich seh besser ohne Glas.«
Wie gesund sie ist: von den dicken Wangen angefangen, bis hinunter. Diesen Busen könnte man für eine Merkwürdigkeit halten, so groß ist er, so eine fremdartige Masse. Und unbegreiflich, wie sie ihn ohne Mühe erträgt, und wie er überdies in ihre Gestalt hineinpaßt. Ganz nahe bei mir hält sie ihre Schulter, dick, dick, dick. Und vollkommen schön und immer aufs neue verlockend, unter diesem runden Arm seine Hand zu wärmen. Nein, die haben wir noch nicht ruiniert. Eher gehen wir alle zugrunde, als daß dieser unerschütterliche Felsen von Lebenskraft wankt. Wie sie atmet, wie ruhig! Nein, unsre Nächte haben sie nicht im mindesten nervös gemacht, da ist ein Stück Natur und ergibt sich nicht. Nicht einmal ein Opernglas braucht sie ... Es fällt mir ein, wie sie einmal in einer Weinstube die Röcke hob und mit Stolz ihre weißen, widerstandsfähigen Schenkel zeigte, den schmalen Streifen wie ein weißes Strumpfband zwischen Hose und schwarzem Strumpf. Nein, da können noch zehn Großstädte kommen, ihr geschieht nichts, der Hede. Sie ist ja noch so jung. Damals war ich sehr müde, in dieser Weinstube, voll von Wein, ehrlich gern wäre ich schlafen gegangen, denn ich halte nicht viel aus. Aber sie setzte sich auf den Tisch, und ein Schrei kam aus ihr heraus, ein Jubel, wie ein Pferdeschrei ... Ja, ja, schöne Beine hat sie, das muß man sagen.
»Warum sind Sie eigentlich nicht mehr beim Ballett?«
Sie murrt etwas. Etwas, was sie offenbar selbst nicht begreift. Irgendein Beschützer hat entdeckt, daß sie eine angenehme Stimme hat. (Warum nicht, denke ich, sicher ist alles an ihr gesund und natürlich.) Also jetzt wird sie Heroine.
Ich lenke sie wieder zur Bühne, denn ich möchte ja ganz gern dem Drama zuhören: »Wie gefällt Ihnen unsre Heroine?«
»Ja, sie hat eine angenehme Stimme.« Eine Weile hat sie mit strengem Gesicht aufgepaßt, während Eleonore sprach, dann kommt dieses Urteil ... Der zweite Akt beginnt, ein kompliziertes Gespräch der Herzogin mit Tasso. »Liebt er sie eigentlich?« fragt mich das Mädchen neben mir ganz einfach. Ich, ebenso einfach: »Ja.«
Sie legt den Arm oben auf die Rückenlehne des nächsten Sitzes, um sich bequemer hinstrecken zu können. Dabei entstehen neue Arten von Rundungen aus ihrem Körper, neue Höhlen und Einsprünge. Sonst kenne ich nur von Bildern her so ausgedacht reizvolle Stellungen. Aber hier ist es ohne Absicht und ist Wirklichkeit. Es ist schrecklich aufregend, so etwas zu sehen; noch aufregender, es nicht zu sehen ... Ich wende mich also wieder zu ihr: »Na, was?« Nur um etwas zu sagen, eine primitive Anknüpfung.
»Was denn?« erwidert sie erschrocken. Sie hat schon halb geschlafen.
Eine Weile sehen wir einander an, keiner hat einen Einfall. Dann erlöst sie etwas, aus vollem, aufrichtigem Herzen hat sie es erkannt und sagt es, denn sie ist ein ehrliches, gutes Mädchen: »Wissen Sie, das Stück ist eigentlich ziemlich fad ...«
Plötzlich bin ich entflammt. Ich weiß nicht, was das ist, manchmal bricht tief aus mir heraus irgendeine Person, die gar nicht mein Ich ist. Dann fange ich an, mit Begeisterung Dinge zu reden, an die ich gar nicht glaube. Trotzdem habe ich nicht das Gefühl, zu lügen. Sondern ich denke immer noch in der Unterströmung: »Ja, rede nur, Max, rede nur brav weiter. Das ist zwar nicht deine Meinung. Aber nur zufällig. Ebensogut könnte es auch deine wahre Meinung sein, das Schicksal hätte sein Steuer nur ein wenig nach links oder rechts biegen müssen, und bums, schon wär' aus dir wirklich das geworden, was du jetzt redest. Also lasse dich nur aus, lasse dein ungeborenes, durch irgendwelchen Zufall nur verhindertes Ich auch ein bissel zum Leben ...« Also nehme ich ihre Hand und werde ganz gerührt vor innerer Roheit, die ich in mir aufwachsen fühle wie ein Gebäude: »Sie haben recht, Hede. Wozu ich eigentlich hergekommen bin! So ein langweiliges Stück, es geschieht ja nichts, immerfort wird nur hin und her geredet. Da stelle ich mir ein Drama ganz anders vor. Lauter Handlung, lauter Krawall. So wie Sherlock Holmes. Und glühende Liebesszenen dazwischen, zum Zerspringen. Hier weiß man ja eigentlich nie, was sie voneinander wollen und ob sie überhaupt etwas wollen ...«
Im Zusammenhang damit bespreche ich ein Rendezvous mit ihr. Warum sie mich schon so lange nicht besucht hat? Ob sie wieder kommen will?
»Wenn's sein muß,« sagt sie. Das ist eine ihrer Lieblingsredensarten.
»Sehr gut,« entzücke ich mich weiter, »und ich werde ein Stück für Sie schreiben. Ich plane nämlich schon lange ein Drama, bisher habe ich's noch nicht versucht. Ausgezeichnet passen wir jetzt zusammen, Sie als Schauspielerin! Es wird eine Bombenrolle für Sie sein, und jetzt werde ich das Stück auch sofort anfangen. Für Sie, ja? Es soll 'Lady Hamilton und Nelson' heißen, oder so ähnlich. Wissen Sie halt, ein Seeheld, und sie liebt ihn sehr und verführt ihn auch zu ein paar Dingen, die nicht so das Rechte waren. Auch einen Tanz muß sie drin tanzen, den Shawltanz, den sie selbst erfunden hat. Gefällt Ihnen das?... Es ist eine historische Sache; Goethe selbst, verstehen Sie, von dem dieser Tasso ist, hat sie in Neapel gesehen.« Ich höre mir selbst zu und weiß jetzt wirklich nicht mehr, ob das wahr oder falsch ist, was ich da rede. Ich will ja im Ernst dieses Drama schreiben. Aber ich würde mich schämen, wenn mich wirklich diese Argumente dazu bestimmt hätten, diese Schönheiten und Vorzüge meines Planes, die ich ihr anpreise. »Und vor allem viele Schlachten werden vorkommen. Lauter Seeschlachten. Ein Akt spielt auf dem Verdeck des Admiralschiffes während der Schlacht bei Trafalgar. Das Schießen darf gar nicht aufhören. Sogar in den Zwischenakten muß geschossen werden ... Nun, was sagen Sie jetzt? Werden Sie da keine Angst haben?«
»Ich? Angst?« Sie wird ganz wild und setzt sich aufrecht. »Ich habe nie Angst. Hören Sie, voriges Jahr waren wir in Brandeis auf Sommerwohnung. Abends sitzen wir da im Restaurant. Plötzlich macht sich der Wachtmeister, was mit uns gesessen ist, einen Jux und schießt sein Revolver los, blind geladen natürlich, auf die Erde. Alle sind sitzen geblieben, vor Schreck, wie angemalt. Nur ich stehe auf und gehe lustig im Zimmer herum, wie wann nix g'schehn wär« ...
Auf der Bühne rast eben Tasso, verwundet, wegen irgendeiner Kleinigkeit gellen seine Schreie durch den Palast. Er zittert, seine Lippen sind weiß und gekräuselt, wie schäumendes Wasser in immer neuer Bewegung.
»So was Überspanntes!« sagt das gesunde Mädchen neben mir.
Ich lobe sie. Ein Kerl ist das, ein Stück Felsen ...
Entschieden sind wir beide heute nicht die richtigen Zuhörer für Tasso.
Bewegungen auf der Bühne
Noch schnell, ehe das verbesserte moderne Theater die alten Gebräuche gänzlich übermalt hat, stelle ich fest: sie waren lasterhaft, doch darum nicht minder interessant ... Namentlich muß gesagt werden: die tiefe Kniebeuge hatte damals eine viel ausgedehntere Verwendung, und so ist es ja glücklich noch jetzt an den meisten Theatern außerhalb berlinischer Neuerungen. Die tiefe Kniebeuge wird ausgeführt, wenn zwei oder drei auf der Bühne beisammenstehen und »Das Geheimnis« an zitternden Handflächen vorbei einander zuflüstern. Noch tiefere Kniebeuge bedeutet dann »Verschwörung«. Und mit gänzlich eingeknickten Beinen, beinahe kriechend nur, bewegt sich der Schauspieler älterer Konvention auf dem Erdboden weiter, die Hände weit von sich gereckt, wenn er Bericht gibt, wie es bei der »Verfolgung« zugegangen ist. Wohlgemerkt, wenn er wirklich auf der Bühne verfolgt, bedarf er keiner solchen Aufwendungen von Beweglichkeit. Nur Berichte müssen so ausdrucksvoll-anstrengend gespielt werden ... Eben an solchen Gesetzen jenseits der Realität war, ist die mittelmäßige Schauspielkunst überreich. Man könnte riskieren: nur der mittelmäßige Schauspieler ist Schauspieler, denn nur er folgt Gesetzen, die nicht aus dem ganz fremden Rayon der Naturbeobachtung stammen, sondern immanent aus dem Wesentlichen des Theaters. Der gute Schauspieler =stellt= etwas =dar=, der mittelmäßige =ist= etwas. Durch den guten Schauspieler hindurch, wie durch einen Kristall, bleibt der Blick ins Dasein, in die Historie offen. Die Vortrefflichkeit eines Schauspielers ist Durchsichtigkeit. Und den ganz vortrefflichen sehe ich überhaupt nicht mehr. Symbol und Symbolisiertes sind in eins gefallen ... Der Mime in Schablonenmanier hingegen hat etwas Materielles bewahrt. Er lenkt ab von dem Helden, den er geben will. Je schlechter er wird, desto mehr sieht man ihn, desto deutlicher tritt er aus dem Bilde ... wie Gespenstererscheinungen im Kinematographen. Schließlich werden seine Gesten ein selbständiges Objekt, würdiger der Beobachtung als sogar Shakespeares unerreichbarer Jago, den sie verdunkeln und in Vergessenheit bringen ... Mit Recht! Denn würde Jago, wenn er jetzt lebendig aufträte, auch es verstehen, in so interessant-allgemeingebräuchlicher Weise sein Trinklied zu brüllen, seinen Becher zu heben. Theater-Becher eines Theater-Trinklieds werden nämlich immer so gehoben: zuerst beschreiben sie einen großen, wagerechten Kreis durch die Luft, dann fliegen sie empor, dann an den Mund in halbe Höhe, und während sie sich senken, muß die linke Hand aufsteigen mit gestrecktem Zeigefinger, der erst, wenn der Becher geleert ist, zu den andern Fingern einknickt. Nicht wahr?... So sitze ich oft im Theater und nichts freut mich als diese eingehenden Studien, die ich mit ziemlichem Erfolge betreibe. Denn ich weiß jetzt schon, wie einfach »ländliche Liebeswerbungen« darin sich ausdrücken, daß man dem begehrten Mädchen mit dem Oberarm in den Rücken reibt und schließlich schmunzelnd sie zur Seite wegstößt. Ich weiß, daß »träumerisch verliebte Dirndl« ihre Wangen an zwei Finger stützen, das Gesicht etwa wie einen dicken Federstiel in die Hand nehmen. Diese Kenntnisse verdanke ich den vielen Volksstücken, die ich gesehen habe ... Dagegen aus dem klassischen Kurs stammt meine Erfahrung, daß Wallensteins Offiziere im Kriegsrat stets nur die Kante der Sessel zu beschweren pflegten, das eine Bein geknickt, das andere nachgezogen, wie im Lauf ... Noch hübscher sind Opern, hier bleibt das Spiel noch ergiebiger in seinen Grenzen autonomer Natur-Unwahrheit. Nebenbuhlerinnen zerren einander erst in die rechte, dann die linke Bühnenecke; denn die Nebenbuhlerinnen-Arie hat zwei Strophen und so viel Haß will symmetrisch verteilt sein. Jeder Feind wird mit »Verräter« angefaucht. Vom Geliebten aber heißt es: »Ihn lieben ist süßer Gewinn.« Je koketter eine Zofe, desto mehr neigt sie sich lächelnd ins Publikum, Finger an der Lippe. Selbst der verabscheute Bewerber, der im nächsten Moment für immer abgewiesen werden wird, darf noch im Singen Liebchens Arm umschmeicheln. Was man im Leben für ein Zeichen nicht unbeträchtlicher Gunst halten würde, hier ist es nichts. Und beim Stelldichein ein Kuß ohne nähere Anpressungen, im Leben nichts, hier bleibt es alles ... Wie billige ich diese Unterschiede! Wie liebe ich es, wenn ein Akteur, an der Rampe nicht benötigt, jetzt zurücktritt, im Hintergrunde einen andern fest bei den Händen packt, ihn nicht mehr losläßt und tut, als habe er Wichtigstes mit ihm zu besprechen, indessen er angespannt nach vorn horcht und prompt auf sein Stichwort wieder vorstürmt. Wie liebe ich Statisten, gestikulierende, einschlafende, jubelnde, Chormädchen, die jemanden in einer Loge suchen. Und auch dich, o illustrissimer gastierender Tenor und Millionär, der trotz ihrer geringen Gage die Edelleute seines Festes mit »Freunde« anspricht, bekannt mit ihnen tut, liebevoll einem die Schulter beklopft, dann einen andern bevorzugt, an die Rampe führt und seinen Arm, den er erfaßt hat, im Rhythmus der berühmten Kanzone hin und her reißt ...
Die Liebe wacht
Es ist doch nicht gut, ... dachte ich im Theater während der Vorstellung ..., wenn die Pracht von »Haben Sie nichts zu verzollen?« mit »Weißes-Rößl«-Komik für den Mittelstand sich amalgamieren will ... Ein Nachthemd ist immerhin ein Nachthemd, und lustig. Was aber lernen wir aus diesem (jetzt sage ich's schon) miserablen Stück? Zum Beispiel, es tritt ein junges Mädchen auf und legt Karten. Die Gouvernante kommt dazu, zankt sie aus, dann dreht sie sich selbst um, fängt ihre Patience an. Ein Abbé tritt auf ... mein Freund und ich im Publikum, wir lachen schon, wollen ihn durch Gebärden abhalten ... es nützt nichts, es bleibt dem Abbé nicht erspart, sich lächerlich zu machen, indem er die Gouvernante auszankt und dann (beiseite) seine Patience anfängt ... Ist darin eine Moral, so ist sie mindestens sehr langweilig! Und plattgedrückt von dieser ausdrücklichen, wie mit Humor akzentuierten Langeweile kriecht das Stück über die dreiaktige Bühne, nein vieraktige sogar! Schließlich wirkt diese Öde verwirrend, wie eine große Stille, diese Selbstverständlichkeit wird unverständlich; man gähnt, um sich mit etwas zu amüsieren ...
Doch merkwürdig, jetzt zu Hause hat auf einmal dieses unaufmerksam gehörte Spiel eine Einheit für mich bekommen ... Ein Gelehrter kommt darin vor, schreibt über etwas Uninteressantes, Kleines aus dem Mittelalter, liebt eine Frau, ist schüchtern, ungeschickt, mit Mißlingen von oben bis unten bekleidet. Und dann, in dem Moment, wo er glaubt, diese Frau liebe ihn doch, schmeißt er seine Bücher weg, verschmäht eine Freundschaft, tanzt und bestellt Champagner (genau Champagner!). Da erstaune ich. Und weiß: dieser Gelehrte ist nichts Reales, er ist ein Gelehrter, wie sich die Autoren vorstellen, daß eine Frau sich ihn vorstellt ... Daher seine vernachlässigte Tracht! Daher sein Vorname, den er betrauert: Auguste! Daher die schlimmen Ibsen-Symbole das ganze Stück entlang! Daher das ganze Stück!... Das ganze Stück stellt ein Gehirn einer mittelmäßigen Frau im Sinne mittelmäßiger Autoren dar. Es ist gleichsam ein inwendiges Stück, ein Kapitel Physiologie, ein Blick in die arbeitenden Gedankenzellen des Fräulein Jacqueline. Deshalb muß ihr begünstigter Liebhaber ein Lebemann und ziemlich untreu, schlagfertig, eifersüchtig, im Grunde edelmütig sein; der Gelehrte aber nebst allem Unglück auch unehrlich, zappelnd, zum Auslachen, ohne eine Spur von Tesmans Tragikomik einfach zum Auslachen. -- Auch bei andern Dichtern gibt es diesen Geistigen, der den Kürzern zieht. Aber konnte ein einziger bisher sich zurückhalten, innerlich diesem Geistigen wenigstens ein bißchen recht zu geben, ein bißchen ironisch auf die siegende Eleganz zu seitenblicken? Ibsen, Hamsuns Nagel, Shakespeares Hamlet ... In diese Galerie unterliegender Gelehrter führen nun die Herren G. A. de Caillavet und Robert de Flers (Ritter aus den Kreuzzügen, Autoren von »Die Liebe wacht«) ihren Auguste, als den einzigen, der gänzlich unterliegt, gänzlich unrecht hat und dem wir´s gönnen (im Sinne des erwähnten Zentralgehirns der kleinen Jacqueline) ...
Und in diesem Sinne auch wünschen wir ungebrochene Erfolge weiterhin über alle Bühnen Deutschlands diesem physiologisch-inwendigen, originellen Stück. --
Louskácek