Über die Schönheit häßlicher Bilder. Ein Vademecum für Romantiker unserer Zeit
Part 3
Himmlisch! auf der Straße entzückt es mich, wenn ein Vorübergehender nicht ganz richtig die inniggeliebte Barcarole ans »Hoffmanns Erzählungen« pfeift ... Der Cafetier läßt seinen Phonographen losknirschen, ich verliere die Zeitung aus der Hand, denn so süß wie nichts mischt sich in das Klappern der Tassen und in Geflüster von andern Tischen her die Arie der Tosca ... In einer fremden Stadt hörte ich einmal ein Bach-Präludium, sehr gut auf einem jedoch schlechten Klavier (die Töne knatterten so) vorgetragen. Nie werde ich vergessen, mit welcher Freude ich damals in das gegenüberliegende Haus trat und zu dem offenen Fenster hinaufhorchte. Ich hörte auch noch die Fuge an und ging dann in Glück meiner Wege ... Begeistert bin ich für Nationalhymnen der Soldaten, die zufällig unten meinem Fenster vorbei in die Schlacht marschieren ... für die angstvoll asthmatischen Klänge eines Leierkastens auf verlorener Landstraße, die an den Geruch doppelt gewärmten Dorfkaffees erinnern; der Mann beginnt zu kurbeln, wenn er uns von weitem herannahen sieht, und zwar genau dort, mitten in einem Doppelschlag meinetwegen, wo er aufgehört hat, als er den Wanderer vor uns genügend weit mit seinen Tönen geleitet erachtete ... Ich liebe auch die städtischen Flaschinetts, hohlflötend und scharf; die Musik alter Ringelspiele; Orchestrions mit Janitscharenmusik; wispernde Aristons mit ihren Stahlbürsten, die plötzlich vom Wäschekasten herab oder beim Öffnen eines Stammbuchs einem Glockenspiel ähnlich erklingeln; die Berlioz-Instrumentation der Straße zur Singstimme eines fensterputzenden Dienstmädchens ... Oder ich ziehe mit den Gabelzinken in gestehendes Fett der Schöpfenbratensauce Kratzrinnen, die ich dann zu wohnlichen Gassen mit Häusern, groß und klein, mit Verkehrshindernissen und Volk zu vergrößern weiß. Das bringe ich fertig. Ich vergrößere auch oft das Eßzeug in Gedanken, mache aus dem Tisch eine weite Ebene, beschneit infolge des weißen Tischtuchs, die Teller sind wie Gebirge, die Messer, Gabeln, Löffel wie silberblinkende Seen, sicher wie ein Glaspalast steht mitten in weiter Einsamkeit das Salzfaß. Dazu summe ich gewisse Schlußsätze von Brahms, zum Beispiel den aus der Cellosonate F-Dur op. 99 oder aus dem Streichquartett (oder ist es ein Quintett?) G-Dur. Er geht so ... Könnte ich ihn doch allen vorsummen, die mir nicht glauben wollen, daß er in diese traute, friedlich im Familienkreis dämmernde Kinderstuben-Vergrößerungsstimmung (ich nenne sie auch Knecht-Ruprecht-Stimmung, aber ich weiß nicht, warum, und ich denke dabei auch an Marktbuden am Abend und Spielzeug aus farbigem Holz) einzig schön hineinpaßt ...
Das sind meine Vergnügungen.
Nun will ich, bitte schön, nur kein Programm daraus machen, keinen Antrag auf Umstürzung unsres gesamten Konzertlebens, keine Aktion mit dem Motto: »Aufgepaßt! Sie können sich noch retten. Es ist höchste Zeit, daß etwas für unsere Kultur geschieht!« ... Das liegt nicht in meinem Sinn.
Ich habe nur meine Notizen gesammelt, von deren Belanglosigkeit leider für das praktische Leben ich aufrichtig überzeugt bin, und gebe sie hier zum besten.
Mein Tod
Von allen Tatsachen des Seins, die man zu szenischer und dichterischer Behandlung in Anspruch genommen hat, scheint sich der Tod als die unfruchtbarste erwiesen zu haben. Die Idee des Todes dient dazu, um die Romane oder Trauerspiele abzuschließen, abzuschneiden nur in manchen Fällen, sie soll schrecken und erhabene oder auch wohl groteske Ausblicke gewähren (»Der Tod ist in der Welt« -- Byrons »Kain«) oder bestenfalls wie im »Hamlet« dazu dienen, die philosophischen Spielereien eines Grüblers zu veranschaulichen. Wo der Tod auftritt, zeigt er sich in einer dieser drei Gestalten. Einfach und banal. Das richtige Nichts, über das auch nichts zu sagen ist. Was jedoch nicht ausschließt, daß er bei Publikum und Kritik in beinahe ebenso hohem Ansehen steht wie andre banale und leere »große Ideen«, zum Beispiel: der Pantheismus. Braucht es doch heutzutage nur des leisesten Verdachtes, daß ein Dichter »Pantheist« ist und den großen Zusammenhang der Natur fühlt, die Natur in sich, sich in der Natur, und wie alle die bereitstehenden Floskeln heißen, um ihm sofort den Ruf eines großen Tiefsinns und göttlichen Ernstes zu verschaffen, wie denn auch ganz Deutschland auf Verhaeren prompt hineingefallen ist.
Stellen wir also fest: man hat den Tod trotz aller Pflege bisher vernachlässigt. Man ist von ihm zu sehr geblendet, läßt sich zu sehr imponieren. Immer nur Tod als etwas Großes, Abschließendes, Langweiliges, ... das kann doch nicht alles sein. -- Doch nun fällt mir der Übergang schwer. Soll ich sagen, daß ich, um dem dringenden Bedürfnis einer detaillierteren, ruhigeren Dichterbehandlung des Todes abzuhelfen, auf die nachfolgenden Dinge verfallen bin? Wie unrichtig wäre das! Fasse man vielmehr das Bisherige als ungeschickte Einleitung auf, zu der mich die innere Erregung über das Nachfolgende, das mich natürlich zunächst beschäftigt, verlockt hat. Ich habe da wirklich Merkwürdiges zu berichten; man kann mit der Idee des Todes ganz familiär werden, das ist's, oder noch besser: sie ist ebenso aller Abschattierungen vom Traurigsten zum Süßesten und Gleichgültigsten fähig wie alle menschlichen Dinge.
Da lese ich, an einer Straßenecke wartend, ganz zerstreut, nur durch das farbige Bild angezogen, folgenden Witz (das tschechische Witzblatt, das ihn enthält, hängt aufgeschlagen hinter der Glasscheibe eines Buchhändlers):
=Ballerine=: Du, und was sagt denn dein Vater eigentlich zu unserem Verhältnis?
=Junger Herr=: Er weiß doch nichts davon.
=Ballerine=: So, wird denn bei Euch keine Bilanz gemacht?...
Das habe ich gelesen und starre nun in die Luft, den Passanten entgegen. Es ist schwer zu beschreiben, was da in mir vorgeht ... Ich suche diesen Witz zu begreifen, denn ich verstehe ihn nicht. Ich suche, indem ich mein Hirn umwühle, irgendeinen Standpunkt zu finden, von dem aus mir das eben Gelesene irgendwie auffallend, bemerkenswert, stark, wertvoll oder amüsant erschiene. Es muß doch etwas daran sein, sage ich mir, sonst würde man es nicht drucken, illustrieren, in der Hauptstraße ausstellen. Aber trotz aller Anstrengungen verschwimmt es mir, erscheint matt und von einer krankhaften Farblosigkeit. Wäre es ein Mädchen, ich müßte es als »krankhaft-interessant« oder so ungefähr bezeichnen. So zart und blaß steht es (ich meine: den Sinn und die Gesamtheit dieser Worte) im Hintergrund meiner Gedanken, opernhaft bescheidene und doch jedenfalls temperamentvolle Mignon! Ich empfinde eine krankhafte Wollust, so an der äußersten Peripherie meiner Denkfläche gekitzelt zu sein, dort wo mein Verständnis aufhört und nur noch unscharfe Bilder liefert. Mit wissenschaftlichem Interesse förmlich verfolge ich das Erlahmen meines Denkmechanismus, wie etwa der Experimentalpsychologe die geheimnisvollen Vorgänge am Rande des Sehfeldes prüft. Ich beobachte, wie mein Verstand dieses ihm Dargebotene, das zu weit abliegt von den Dingen, mit denen er sich sonst befaßt, nicht mehr fassen kann, es mit andern Dingen verwechselt, daran herumarbeitet, schließlich kraftlos es in den allgemeinen Trubel der Welt, aus dem er es für einen Augenblick hervorgezogen hat, zurückfallen läßt. Und ganz deutlich mischt sich in das Gefühl der Schwäche und Ermüdung nun eine Art von humoristischer und doch wehmütiger Todesahnung, die ich eben beschreiben will ... Doch auf diesem Wege komme ich ihr nicht näher. Vielleicht anders.
Manchmal, wenn ich so recht müde bin, in der Nacht -- in einem Kaffeehaus ist man schon ohne Erfolg und ohne Lust gesessen, jetzt freut man sich auf das kühle Bett zu Hause, aber wieder fällt es zum Unglück einem Kameraden ein, ein anderes Lokal vorzuschlagen und aus Mattigkeit kann man nicht »nein« sagen, läßt sich wieder aus der reinen Nachtluft in lärmenden Rauch verschleppen -- in solcher, tieftrauriger und wohl auch erbitterter Abgeschlagenheit, wenn die Augen beißen, die Lippen weh tun, erscheint jenes Todesgefühl wieder. Und wieder in der Form, daß ich mein Vermögen, Dinge aufzufassen, schwinden fühle. Ich kann zum Beispiel nicht mehr feststellen, ob der schwarze Fleck auf der Sessellehne jenseits des Tisches ein Ornament dieser Lehne ist oder etwa ein Teil des dunklen Anzugs meines Freundes oder vielleicht etwa ganz weit hinten im Saal, ein Stückchen Klavier, das perspektivisch über die Sessellehne ragt. Ich kann das nicht feststellen, weil ich keine Lust, keine Berufung dazu fühle. Lasse lieber einen unanalysierten, unreinlichen Komplex in meinem Gehirn. Man reicht eine komplizierte, glänzende Schüssel auf den Tisch, allerlei Farbenflecken sind auf ihr, vielleicht Backwerk, und ein dumpfer Lärm brandet um sie her, aus ihr heraus, sollte sie ein Musikinstrument sein? Ich kann sie nicht mehr auflösen, ich bitte einen neben mir, das Zweckdienlichste in bezug auf diese Schüssel oder was es sonst ist, zu unternehmen, nur mich in Ruhe zu lassen. Es ist der tiefste Punkt der Erschlaffung. Der ganze Körper ist eine einzige, müde, wunde Fußsohle ... Und da denke ich mir nun: »Max, jetzt bist du tot. Vielmehr, du warst tot und bist jetzt soeben wieder zum Leben aufgeweckt worden. Da bist du jetzt natürlich ganz ungeübt, unbeholfen, elementar. Nur die einfachsten Dinge des Lebens sind dir im Gedächtnis geblieben, nur solche, die dir im Leben das Wichtigste waren. Fragte man dich beispielsweise jetzt nach Flaubert, da würdest du noch etwas wissen, wenn auch nicht so viel wie in deiner Blüte. Auch Worte wie: Geliebte, Vaterland, Mutter -- wären dir zur Not verständlich, gäben dir etwas zu fühlen. Aber diese Weinstube? Waren dir jemals in deinem früheren Leben Weinstuben wesentlich, zentral? Nun ist aber nur der Mittelpunkt deines Ich erst erwacht, auf das andere sollst du dich erst allmählich besinnen, und da kommen solche barocke, willkürliche Einrichtungen wie eine Bar mit hohen Sesseln noch lange nicht an die Reihe. Dies, Max, die Erklärung deines gegenwärtigen Zustandes. Du hast dich zu nebensächlichen Eindrücken zu entwickeln noch nicht Zeit gehabt. Also schlafe, schlafe nur ruhig ...«
Ich habe auf diese Art im höchsten Grade die Eigenschaft, mich geistig tot zu stellen und so zu vereinfachen ... Plötzlich mitten in meinem Treiben findet sich mir die Frage ein: Was würde ich zu dieser Sache sagen, wenn ich soeben aus dem Grabe entstiege? Oder noch verschärft: Was würde jemand zu dieser Sache sagen, der nur für einige Augenblicke aus der tiefen Ruhe des Jenseits hierher versetzt würde und gleich wieder weg müßte? Hierher, zum Beispiel vor die Oper in Paris? Welchen verworrenen Eindruck, welchen falschen, müßte er sich von diesen Dingen machen?... Oder noch anders: ich liege halbschlafend nachmittags auf dem Kanapee, da weckt mich leise, falsch gespielte Salonmusik, die mir nie das Geringste bedeuten kann. Und doch, wie dankbar wäre ich für diesen leeren Fetzen Realität -- ein Jahr nach meinem Tode, wenn ich plötzlich erwachend nichts als eben dieses Stück hören könnte, diese Erinnerung an meine ehemalige Existenz. Und wie würde sich diese Musik in einem solchen Moment meiner Seele ausmalen? Ich könnte mir vielleicht im Augenblick nicht herauskonstruieren, was das »leise« »falsch gespielte« »Salonmusik«, was das überhaupt bedeuten soll »Schallwellen« ... Es ist köstlich, für einen Moment mit Hilfe dieses Tricks (ich bin tot, soeben wieder erwacht) alle die komplizierten Erfahrungen, die man hat, preiszugeben, sich selbst gleichsam in einen Urzustand zu versetzen und nun zwischen den fein ausgebildeten Lebensdingen ratlos umherzutappen wie in einem ungeheuerlichen Chaos, in einer ganz sinnlosen Rumpelkammer ... Wir üben jetzt ein Quintett. »Noch einmal drei Takte vor M«, schreit einer wütend, weil es nicht klappt. Ich weiß sofort, was er meint. So eingefahren bin ich in diese, von mir doch so wenig notwendig erlebte Konstellation. Was würde von all dem Herumsitzen, Stimmen, Plaudern, Sich-Anstrengen übrig bleiben in meinem posthumen Gedächtnis? So zieht man ein Schema seines Daseins, um dann mit doppelter Lust vorläufig noch das Unschematische weiter zu genießen.
Das Thema dieses »posthumen Gedächtnisses« hat noch einen Ausläufer. Ich habe nämlich schon zu Lebzeiten ein teilweise posthumes Gedächtnis ... Zur Erklärung: Die Symphonien Beethovens, die Königsdramen Shakespeares, die Violinsonaten von Bach, Brahms und Reger gehören doch zu meinem essentiellen geistigen Besitzstande, glaub' ich. Näher geprüft, ergibt sich, daß ich sie nur deshalb zu besitzen meine, weil ich sie periodisch immer wieder durchnehme. Aber jedesmal bin ich doch wieder von ihnen überrascht, entdecke neue, schon halbvergessene Schönheiten. An den Percy Hotspur hatte ich schon beinahe ganz vergessen, da ist er wieder, willkommen, mein Held, denkst du noch an unsere letzte Begegnung vor drei Jahren, in drei Jahren also auf Wiedersehen!... Aber mein Glauben, daß ich alle diese Dinge und noch einige andere, mir unentbehrliche, zu jeder Zeit im Kopf habe, ist doch nur Fiktion. Dadurch entstanden, daß ich sie jeden Augenblick wieder auffrischen kann ... Wenn ich aber nun sterbe, dann ist doch diese Hoffnung auf weitere Periodizität zu Ende. Dann kann ich nichts mehr auffrischen. In diesem Moment weiß ich nur das, was mir gerade aktuell (nicht nur potentiell) im Kopf ist. Und ein großer Teil, ja der größte der Dinge, die ich liebe, wird also schon lange vor mir gestorben sein; -- zu jener Zeit, da ich eben nichts ahnend zum letztenmal die Percyszenen gelesen habe und ihre Details vergesse, sterben sie. Diesmal ist es ein Vergessen für die Ewigkeit ... Mit einem Satze: ich kann nicht in einem Moment meiner vollsten Ausbreitung sterben. Ich sterbe allein, ohne meine liebsten Lebensbegleiter. Sie haben sich schon längst, zu verschiedenen Zeiten von mir verabschiedet, allmählich, einer nach dem andern, ohne daß ich es bemerkt habe. Vielleicht ist heute, während ich dieses schreibe, schon ein Teil meines Ich, meines Wissens und meiner Gefühle tot, tot für immer und ich weiß gar nichts davon ... Diesen Zustand immer vor Augen, ist es da ein Wunder, daß ich den Erlebnissen meines Daseins mit einer überzärtlichen Hingabe entgegenkommen möchte, daß ich sie immer, wenn sie wieder auftauchen -- zum Beispiel den Einsatz der Geigen in der Zweiten Brahmssymphonie, den Napoleon von Lautrec usf., -- wie Freunde begrüße, die noch einmal zu sehen ich kaum erhofft habe ... Ja, es hat neben den komischen auch seine rührenden Seiten, wenn man mit dem Tode sich auf guten Fuß stellt, wenn man dem allgemeinen und nichtssagenden Sterben es vorzieht, schon bei Lebzeiten seinen eigenen, ganz privaten Tod zu haben.
Unter Kindern
Viele Nachmittage in diesem Sommer verbrachte ich unter Kindern. -- Eine schöne, gütige Dame, die mich kannte und mein Vergnügen an neuen Dingen, lud mich öfters auf ihre Villa ein, nahe bei Prag. Die Ortschaft heißt Koschirsch. Dort sind Obstpflanzungen, Gärten, Restaurants für Ausflügler, auch ein paar Fabriken, die aber der Luft nicht weh tun, und vor allem ein Zug der herrlichsten Anhöhen, voll von Gestrüpp, Bäumen, versteckten Pfaden, Drahtzäunen und feisten Grasbüscheln, über die man ausrutschen muß.
Die Dame wußte wohl, daß zehn Jahre viel Zeit sind und daß ich inzwischen viel Kindliches vergessen habe, wenn auch nicht alles. Und diese Dame hat zwei Kinder, ein lustiges Mäderl und einen kühnen, schlanken Buben, und die haben Freunde und Freundinnen, da gibt es oft Gesellschaften. Da war ich also auch mit eingeladen.
Lärm, der zum Himmel dringt, ungeheurer Lärm, Kreischen noch darüber hinaus wie eine Feuersäule aus einem Dorf, die Hände geschüttelt und gerissen, Gruppen, die einen Schritt zwischen Laufen und Tanzen einschlagen, Gespräche in drei Worten und beendet durch einen Schlag auf die Schultern, Mädchen, die sich durch Ketten anderer drängen, sich paarweise fassen, übereinander kollern, immerwährendes Lachen durch dieselben Lippen hindurch, die ebenso immerwährend auch reden ... Anfangs ging es mir steif durch den Kopf, es war mir unbegreiflich. Diese vielen winzigen Gesichter, und sind sie nicht alle einander ähnlich, ja gleich?... Und diese Bewegung, wird dir nicht der Arm müde, wenn du zusiehst, wie zwecklos und außer sich dieser Knabe wie eine Radspeiche den seinen dreht und dazu redet und lacht noch obendrein, alles zugleich? Die Luft muß dir ausgehn ... Aber ich gewöhnte mich daran. Bald verstand ich alles, ich unterschied diese ähnlichen Augen und Näschen, nannte jedes mit dem Namen. Plötzlich war ich eingeschrumpft, nach dem Maßstabe kindlicher Angelegenheiten fand ich die kurzen Gartenwege lang wie Landstraßen, und die Beete waren nur noch da zum Dreintrampeln. Ich schrie mit. Ich bot meine Kenntnisse an, und es bildeten sich Spiele, wie ich wollte oder wie ein anderer wollte manchmal. Sprach ich einen Vorschlag aus, so war ich ängstlich aus Ehrgeiz und kränkte mich, wenn er nicht angenommen, gar interesselos überschrien wurde.
Bald verstand ich alles. Alle Kinder wollten neben dem Haustöchterchen sitzen, denn sie war Geburtstagskind und gab das Fest. Sie stritten, sie schlossen Verträge: »Also du bist jetzt bei ihr, aber auf dem Heimweg komm' ich dran,« das war die wichtigste Angelegenheit. Aber eine wurde vorgezogen, Bascha, die hübsche Polin, die am lautesten schrie (manchmal, denn manchmal auch schrien alle am lautesten) und die von der Schaukel stundenlang nicht fortzubringen war ... Es begann zu regnen, die Bäume im Garten bekamen schwarzgrüne Blätter im Schatten tiefer Wolken, dunkel war es, feuchte Luft stieg aus dem nassen Gras wie aus Höhlen. Man sah, wie in helleren Regionen des Himmels graue Wolkenzipfel sich drehten, im Drehen auflösten, wie sie als Regen im Fall verschwanden. »O weh,« sagten die Erwachsenen und bedauerten die Kinder, »jetzt ist der Ausflug verregnet.« Aber die Kinder machten sich nichts aus dem bißchen Wasser, sie lachten weiter, und eine sah ich mit erhobenem Zeigefinger im strömenden Guß durch die Allee hüpfen, mit dem Triumphruf: »Es regnet nicht mehr, es regnet nicht mehr.«
In der Veranda wurde gegessen, große Butterbrote, Kaffee, manche erklärten sich für Milch. Und man sprach von der Schule, hauptsächlich vom »Dividieren«, das war der Erbfeind, die Schattenseite des Daseins. Auch der Herr Lehrer war eingeladen, und nun bildete sich in der Ecke, mir zunächst, eine eifrige Verschwörung. Plötzlich brach eine helle Stimme aus: »Bitte, Herr Lehrer, werden wir morgen nicht dividieren?«
Dann habe ich mit den Buben Raupen gesammelt, eine große Heuschrecke auf die sanfteste Art getötet, nachdem ihr vorher einer ein Bein ausgerissen hatte ... Es wurde wieder schön, und wir erstürmten die Hügel, die Düppler Schanzen mit Hurrageschrei. Man fing eine Blindschleiche, die wie ein Stock in der Hand erstarrte, und sekierte sie, was ich auch sagen mochte. Bis ich drohte. Dann kamen die herrlichen Spiele meiner Jugend: »Nationale«, »Räuber und Polizei«. Die Polizisten müssen zuerst auf dem Bauch liegen, das Gesicht in den Händen, und dürfen nicht sehen, wie die Räuber sich verstecken. Dabei sollen sie bis dreihundert zählen ... O wie fielen mir in dem Lärm alle Erfahrungen und Schliche aus den Kinderjahren ein, von der Schützeninsel, als wir noch unter den Brückenbogen spielten. Diese Streitigkeiten: »Sie haben geschaut«, »Nein«, »Die Räuberhöhle darf nicht bewacht werden.« Dann wie man in rasender Eile zählt und immer das Zählen dem überläßt, der größter Virtuos im Schnellzählen ist und in neuen Schwindeln. Man zählt immer nur bis zehn und merkt sich die Zehner, denn da gibt es weniger Silben auszusprechen bei »eins, zwei, drei« als bei »einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig«. Für halb und halb erlaubt gilt es auch, statt der letzten fünfzig »langsam« bis zehn zu zählen, und wie hastig ist dieses »langsam«. Doch die Räuber sind schon versteckt. Aus einem sichern Gebüsch lächeln sie über die vergeblichen Operationen der Polizei, laufen dann weit, um sie irrezuführen. Und wie war es da Freude und Stolz, kriechend sich die Hände zu zerkratzen, die Hosen aufzuschlitzen im Winkel. Und gar zu rennen über die Stoppelfelder hin, die hart sind wie das beste Pflaster und noch überdies durch Knacken bei jedem Tritt ein lustiges Gefühl ihrer Härte dem Laufenden mitteilen. Wie der Wind blies! Wie sich das Gelb einförmig bis an den Himmel hob und nichts mehr vor mir lag, auch in meinem Geiste nichts anderes, als diese Fläche, die zu überlaufen war, geradeaus! Wie wir dann überraschend auf der anderen Seite erschienen, wo niemand uns erwartet hatte, und tollkühn, die letzten Mohikaner, den steilen Abhang hinunter mehr sprangen, stürzten als rannten, durch die angedonnerte Meute hindurch!... Ja es war Gesundheit und voll Frohsinn, nie mehr werde ich mich so frei fühlen, wie in diesem Augenblick des Herunterrennens, so glanzvoll und so mit Recht bewundert!
Nein, zehn oder fünfzehn Jahre sind nicht viel, ich habe sie gestrichen.
Überdies nannten die Erwachsenen mich ein Kind, und ich mußte mit ihnen die Villa besichtigen, das Speisezimmer, das Bad, das Klavier, und so fort. Aber ich hörte -- es drang durch die geschlossenen Fenster -- das Jauchzen der Kleinen, aus dem Garten, von den Bergen her. In diesem Moment wurde ich wirklich ein Kind. Tiefer Schmerz befiel mich, daß ich nicht unter den andern mit unten sein durfte, daß ich mich langweilen mußte, wie früher auf Spaziergängen mit der Gouvernante längs des Quais. Draußen rauschten die Bäume, so hell warf die Sonne Funken durch die naßglänzenden Blätter. Da faßte ich die Hand der guten, schönen Dame und bat schon, man möge mich zu den Kindern fortlassen ...
Der Sommer ist vorbei, und nun bin ich wieder allein, ein erwachsener Schriftsteller für Österreich und das Deutsche Reich.
Der Ordnungsliebende
Nun wünsche ich mir seit heute früh eine Insel.
Eine Insel zum Ordnen.
Ordnungsliebe ist meine geheimste und eigentlichste Eigenschaft, daran zweifle man nicht, bitte. Aber jahrelang habe ich leider keinen Ausweg für sie gefunden, keinen andern Ausweg als schäbige Pedanterien ohne Erfolg, peinvolle Anstrengungen. Deshalb eben freue ich mich heute so, seit dem Frühlicht, da ich über die Steinbrücke ging. Denn nun weiß ich, wohin ich strebe, was ich mir wünschen soll ...