Uber Die Dichtkunst Beim Aristoteles Neu Ubersetzt Und Mit Einl
Chapter 9
14. "_der größere Teil_". Man glaubte einen argen Widerspruch in der angeblichen Behauptung zu finden, daß wenn zwei Drittel der Nacht verstrichen seien, der größere Teil noch übrig bleiben könne. Ein alter Erklärer nennt dies ein "überaus abgedroschenes Problem", das viele zu lösen versuchten, darunter auch Aristoteles (nämlich in den "Homerischen Fragen"). Das Problem existiert aber gar nicht, wenn man sich die a.a.O. zitierte Stelle genau ansieht, womit sich auch dessen Lösungen erübrigen.
15. Die drei auf Grund des Sprachgebrauchs entschuldigten Ungenauigkeiten beruhen auf einer _Metonymie_, wie der technische Ausdruck lautet. Wie Ganymed als "Weinschenk" der Götter bezeichnet wird, obwohl diese keinen Wein, sondern Nektar trinken, so wird in noch auffälligerer Weise Hebe geradezu _Weinschenkin_ (S. 89) _des Nektar_ (Ilias 4, 3) genannt, was für unsere Stelle ein noch besseres Beispiel abgegeben hätte. Vergleichen kann man auch Tac. Germ. 22, wo von den biertrunkenen Germanen _vinolenti_ gebraucht wird.
Daß die Beinschiene nicht nur aus dem weichen Zinn, sondern aus einer Metallmischung verfertigt wurde, schloß Aristoteles vermutlich daraus, daß in der betreuenden Iliasstelle die Beinschiene des Achilles vom Wurfspieß Agenors getroffen nur mächtig erdröhnte ohne durchbohrt zu werden.--Kupferschmied das ältere Wort, wurde noch beibehalten, als man schon längst das Eisen bearbeitete.
Vergleichen kann man die Bezeichnung des Centumviralgerichts in Rom, die bestehen blieb, als die Mitglieder weit über 100 zählten. Ähnlich verhielt es sich mit den germanischen "Hundertschaften".
16. "_hielt die eherne Lanze an_": Ein vielbehandeltes "Problem". Der berühmte alexandrinische Homerkritiker Aristarchos verwarf die ganze Stelle und war der Meinung, die Verse seien von jemandem nur um ein Problem zu schaffen interpoliert worden. Es handelt sich um die fünf Metallschichten des Achilles-Schildes, von denen die Lanze des Aineas zwei durchbohrt hatte und dann stecken blieb. Strittig war nun, ob die Goldlage in der Mitte oder, was das natürlichste war, an der Außenseite sich befand. Im ersteren Fall war die Stoßkraft des Speeres stärker gehemmt. Vermutlich stammt die in unserem Homertext allein überlieferte Lesart "eschen" statt "ehern" von einem Kritiker, der die weichere Goldschicht an die Außenseite setzte, womit die Schwierigkeit in der Tat so ziemlich beseitigt wurde.
_Prolog_: c. 5, 2. Dieser Prolog der primitiven Komödie ist in der uns allein bekannten aristophanischen nicht vorhanden, aber in der späteren mittleren und neuen, wie es scheint, wieder eingeführt worden. Wenn es nun heißt, der Urheber sei unbekannt so setzt dies im Zusammenhang voraus, daß das gleiche für den Tragödienprolog nicht gilt. Die Späteren nennen ihn Thespis.--Als ein quantitativer Bestandteil der Tragödie wird der Prolog c. 12, 1 definiert. Wieder ganz anderer Art war der euripideische, auf den nur zweimal (Supplices, Bacchae) die Parodos des Chors unmittelbar folgt.
_Qualen_, übermäßige: c. 11, 5. Falls nur körperliche gemeint sind, so wäre allein der sophokleische, uns erhaltene Philoktet zu nennen. Sonst kämen auch die Wahnsinnsausbrüche des (S. 90) Orestes im Orestes und in der taurischen Iphigeneia wie der Hercules Furens von Euripides in Betracht.
_Satz_ (Wortgefüge): c. 20, 8.
_Schauspieler_, Zahl der: c. 4, 9. 5, 2. Sie betrug nie mehr als drei. Schon zur Zeit des Aristoteles waren die Schauspieler zu großem Ansehen und Einfluß gelangt und erhielten Preise in den dramatischen Wettkämpfen. Je nach der Bedeutung ihrer Rollen wurden sie als Protagonisten, Deuteragonisten und Tritagonisten bezeichnet. Bereits Sophokles soll in der Bearbeitung seiner Dramen berühmten Darstellern Rollen auf den Leib geschrieben haben.
_Silbe_: c. 20, 2.
_Stasimon_: c. 12, 1.
_Substantivum_: c. 20, 5.
_Szenerie_, gemalte: c. 4, 9. Spätere behaupteten, daß schon Agatharchos von Samos für Aischylos die Bühnenmalern eingeführt habe.
_Tetrameter_: c. 4, 9. Stets der trochäische. Siehe u. Trochäus.
_Tötung auf der Bühne_: c. 11, 5. Uns ist nur ein Beispiel, der Selbstmord des Aias, erhalten und ein alter Erklärer des sophokleischen Dramas bezeichnet dies als eine Seltenheit. Doch muß wohl Aristoteles zahlreichere Fälle vor Augen gehabt haben. Wenn Hor. Ars Poetica 185 vorschreibt, daß Medea ihre Kinder nicht vor den Augen des Publikums töten darf, so mag auch er eine derartige Tragödie gekannt haben, Senecas Medea scheidet als reines Lesedrama aus. Noch am nächsten kommt für uns der Todesschrei des gemordeten Agamemnon (Aischylos) und der Klytaimestra (Soph. Elektra).
_Trimeter_: c. 1, 5. Stets der jambische Trimeter.
_Trochaeus_: c. 12, 2. S. Anapaest.
_Tragödie_: c. 1. Wenn hier nicht Thepsis, der allen Späteren als der "Erfinder" der attischen Tragödie galt, sondern Aischylos als ihr Begründer erscheint, so beruht dies auf der richtigen Erwägung, daß in Wahrheit erst mit der Hinzufügung des zweiten Schauspielers eine im Dialog sich vollziehende Handlung ermöglicht wurde.
/# --, unglücklicher Ausgang der: c. 13, 4. Einschließlich der noch erkennbaren Ausgänge verlorener Tragödien gestaltet sich das Verhältnis der unglücklich verlaufenden zu den glücklich endenden bei Euripides wie 46:16,[100] bei Sophokles wie 43:24, was (S. 91) das berühmte Urteil über den ersteren kaum rechtfertigen würde. Ein solcher Schluß ist jedoch nicht zwingend, wenn man bedenkt, daß dem Aristoteles ein unendlich reichhaltigeres Beobachtungsmaterial zu Gebote stand als uns. Es sei aber bemerkt, daß die im Texte gegebene, auf der syrischen Übersetzung beruhende Fassung jene Behauptung immerhin etwas abschwächt, denn die bisherige Überlieferung lautete: "scheint Euripides der tragischste Dichter zu sein". #/
_Verbum_: c. 20, 6.
_Verwundungen_: c. 11, 5. Falls es sich nicht auch hier, wie bei den Tötungen (s.d.), nur um Vorgänge auf der Bühne handelte, wofür es kein sicheres Beispiel gibt ("Der verwundete Odysseus?" s.d.), so wären hier allenfalls das Erscheinen des blinden Polyphem im Kyklops des Euripides und der selbstgeblendete Oidipus im Oid. Tyr. des Sophokles zu nennen. Aristoteles dürfte aber auch hier wieder, wie der Plural zeigt, zahlreichere Belege gekannt haben.
_Vokal_: S. Selbstlaut.
_Wasseruhr_ (Klepsydra): c. 7, 3. In athenischen wie auch in römischen Gerichtsverhandlungen war den Rednern eine bestimmte Zeitdauer vorgeschrieben, die nach der Wasseruhr bemessen wurde. Zu demselben Zwecke verwandte man noch im Jahre 1786 in Venedig, wie Goethe berichtet, eine Sanduhr. Daß eine derartige Maßregel jemals bei einer szenischen Aufführung im Gebrauch gewesen sein sollte, entbehrt jeder inneren Wahrscheinlichkeit. Wenn man dies dennoch allgemein angenommen hat, so geschah dies lediglich auf Grund einer falschen, jetzt in der syrisch-arabischen Übersetzung aber richtig gestellten Lesart.
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FUßNOTE:
[1] Eine kleine Probe der Bedeutung dieser Textesquelle gibt mein Artikel im Philologus LXXVI (1920) S. 239--265
[2] Ein erneuter Versuch, die von Aristoteles selbst nicht aufgezählten zwölf Lösungen unter die fünf Probleme zu verteilen.
[3] Poet. 7, 2, 1: Aristoteles, Imperator noster, omnium artium dictator perpetuus.
[4] Von Heinrich VIII. sehe ich aus bekannten Gründen ab.
[5] Vgl. Goethe: "Original, fahr hin in Deiner Pracht! Wie würde Dich die Einsicht kränken! Wer kann was Kluges, wer was Dummes denken, Das nicht schon tausende vor ihm gedacht?" Aber selbst dieser Gedanke ist--nicht originell! S. Ter. Eun. 41 nullumst iam dictum quod non sit dictum prius.
[6] Gr. Finsler, Piaton und die aristotelische Poetik, Lpz. 1900: "Wenn das wesentliche darin als Platonisches Gut erkannt ist, so läßt sich von einer Kunstlehre des Aristoteles nicht mehr im Sinne einer durchaus ihm eigentümlichen Theorie sprechen."
"Seine Poetik ist der Abglanz eines größeren Gestirns und hat ihre Herrschaft durch die Jahrhunderte nur darum ausüben können, weil ihre systematische Zusammenfassung mehr Eindruck macht als die zerstreuten Lichter in den platonischen Dialogen" u. ähnl. passim.
[7] c. 3, 3. 4. 8, 1. 13, 4. 5. 18, 2. 22, 4. 25, 16.
[8] Hier ist die in der Politik (8, 7) versprochene, genauere Erklärung der Katharsis ausgefallen.
[9] Sprachlicher Ausdruck und musikalische Komposition.
[10] Szenische Ausstattung.
[11] Fabel, Charakter, Gedanken.
[12] S. unter Wasseruhr.
[13] Odyss 19, 394--466, aber es ist dies hier nur eine episodische Einlage, die einen bestimmten künstlerischen Zweck verfolgt.
[14] S. Namenverzeichnis unter Kypria.
[15] Soph. Oed. Tyr. 1002 ff.
[16] Eur. Medea 1225 ff.
[17] Soph. Antig. 1281 ff.
[18] Eur. Iphig. Aulid. 1213 ff. und 1368 ff.
[19] Eur. Medea 1310 ff.
[20] Homer Ilias 2, 155 ff.
[21] Vgl. Oed. Tyr. 103 ff. Vgl. c. 24, 9.
[22] Homer, Od. 19, 386-475.
[23] a.a.O. 21, 207--227.
[24] a.a.O. 19.
[25] Eurip. Iph. Taur. 566 ff. 747--785.
[26] a.a.O. 795--821. 796 "Was sagst Du? Hast Du einen Beweis dafür?"
[27] Homer, Odyss. 8, 521 ff. 9, I ff.27: Homer, Odyss. 8, 521 ff. 9, I ff.
[28] Aisch. Choeph. 168 ff.
[29] 1002 ff.
[30] Eur. Iph. Taur. 566 ff.
[31] Tauros (Krim).
[32] Artemis.
[33] Eur. Iphig. Taur. 20 ff.
[34] Orestes.
[35] Apollo.
[36 33] a.a.O. 77 ff. 912 ff. 952 ff.
[37] c. 16, 2.
[38] a.a.O. 274 ff.
[39] a.a.O. 1130 ff.
[40] Odysseus.
[41] Poseidon.
[42] Telemachos.
[43] Telemachos, Eumaios, der Sauhirt, Philoitios, der Rinderhirt, Eurykleia, die Amme des Odysseus.
[44] Ilias 1, 1.
[45] Die Stelle ist in allen Hss als zweite Definition des Bindeworts wörtlich wiederholt, wo sie aber in der syrisch-arabischen Übersetzung fehlt. Eine befriedigende Erklärung des Sinnes der beiden Definitionen ist bisher nicht erzielt worden.
[46] "Mensch (ist) ein auf dem Lande lebendes, zweifüßiges, vernunftbegabtes Wesen". So Aristoteles öfter, indem das Prädikat als Apposition gefaßt wird.
[47] Homer, Odyssee 1, 185. 24, 308.
[48] Homer, Ilias 2, 272.
[49] Empedokles, Fragm. 138. 143 D.
[50] Timotheos Fragm. 22 Wilam.
[51] Empedokles Fragm. 152 D.
[52] Unbekannter Herkunft. Vielleicht ebenfalls von Timotheos oder von Empedokles.
[53] Die Form ist zweifelhaft (ernygé, érnytes?) und sonst nicht nachweisbar.
[54] Hom. Ilias 1, 11. 94. 5, 78.
[55] Empedokles Fragm. 88 D.
[56] Homer, Ilias, 5, 393.
[57] Kleobulina Fragm. 2 Bgk. Es ist der Schröpfkopf gemeint.
[58] Vgl. das bekannte: In Weimar und Jena macht man Hexameter wie den da. Aber die Pentameter sind noch viel abscheulicher.
[59] ˘̅ bezeichnet die falsche Verlängerung.
[60] Dieser angebliche Vers ist nicht einwandfrei tiberliefert, doch ist der Sinn für die Sache belanglos.
[61] Hom. Odyss. 9, 515.
[62] Hom. Odyss. 20, 259.
[63] Hom. Ilias 17, 265.
[64] Nicht mehr nachweisbar. Ähnlich jedoch Eur. Hec. 665, Andr. 63 (dómōn, statt domátōn, apó).
[65] Sehr oft und nicht nur bei Tragikern.
[66] Ebenfalls häufig. Beide zusammen in Eur. Orest 1642. _pros sethen, ego nin_.
[67] Dieses Beispiel der Anastrophe ist nicht mehr nachzuweisen. Vermutlich später hinzugefügt oder nach dem ersten zu stellen. _perí_ eigentlich = über, um.
[68] Homer, Ilias 2, 479--779.
[69] S. unter Ilias, die Kleine.
[70] Ilias 22, 198 ff.
[71] Ilias 22, 205: "Seinen Völkern winkte ab mit dem Haupte Achilles."
[72] Odyssee 19, 164--260. Vgl. 203: "Viele der Wahrheit ähnelnde Lügen erzählte Odysseus." Penelope schloß aus der Wahrheit von 220--248, daß nun auch, die Erzählung in 164--200 wahr sei, was nicht der Fall war.
[73] Soph. Oed. Tyr. 103 ff.
[74] Soph. Elekt. 681 ff.
[75] Telephos.
[76] Homer, Odyssee 18, 119 ff.
[77] Siehe Sachverzeichnis unter dem Worte.
[78] Siehe c. 24, 7.
[79] Pindar, Olymp. 3, 52, sowie andere Dichter und Künstler.
[80] Xenophanes Fragm. 34 D. "Und was nun die Wahrheit betrifft, so gab es und wird es Niemand geben, der sie wüßte in bezug auf die Götter."
[81] Homer Ilias 10, 152 f.
[82] Homer Ilias, 1, 50 "_Aber die Mäuler zuerst_ griff er an und die eilenden Hunde."
[83] Ilias 10, 316. _Der_--_häßlich_, jedoch gar hurtigen Fußes.
[84] Ilias 9, 202.
[85] Ilias 10, 11--13 "_Siehe_--_Felde_" 12 staunte er ... 13 "_ob der Syringen und Pfeifen Getön und der Menge_ der Menschen".
[86] Ilias 18, 489. Odyss. 5, 275: "_Es_ (das Bärengestirn), _das allein nicht teilnimmt_ am Bad in den Fluten des Meeres."
[87] Ilias, 2, 15. So im Homertext des Aristoteles, in unserem steht der Halbvers 21, 297, dort ein ganz anderer. S. Probleme.
[88] Ilias, 23, 328.
[89] Empedokles, Fragm. 35, 14 f, D. (I³ 240). 89: Empedokles, Fragm. 35, 14 f, D. (I³ 240).
[90] Ilias 10, 252f. Von--Teil. Zwei der Teile, jedoch der dritte Teil blieb noch übrig.
[91] Ilias 21, 592.
[92] Ilias 20, 234.
[93] Nach Ilias 6, 341.
[94] Ilias 20, 272, wo statt "ehern" "eschen" überliefert ist, S. unter "Probleme".
[95] Odyssee 4, 1--619.
[96] Eur. Medea 658.
[97] Vgl. c. 15.
[98] Ein Wortspiel, denn kalliás ist ein Wort für Affe und zugleich ein häufiger Eigenname.
[99] Allbekannte Namen, wie Athener, Argot, Alkibiades u.a. sind hier nicht aufgenommen, falls nicht ein besonderer Grund vorlag.
[100] Dabei habe ich die Alkestis, den Orestes und den Rhesos, sowie natürlich die Satyrdramen nicht mitgerechnet, auch nicht die zweifelhaften Fälle deren es eine kleine Anzahl gibt. Aischylos kommt wegen der trilogisohan Verknüpfung seiner Dramen hier kaum in Betracht.