Uber Die Dichtkunst Beim Aristoteles Neu Ubersetzt Und Mit Einl

Chapter 6

Chapter 63,305 wordsPublic domain

2. Auch ist es klar, daß _diese Kompositionen nicht den Geschichtsdarstellungen ähnlich sein dürfen_, die sich notwendigerweise nicht die Darlegung einer einheitlichen Handlung zum Ziel setzen, sondern die eines einzelnen Zeitabschnittes und alles, was etwa in diesem an einer Person oder an mehreren sich ereignet hat, von welchen Begebenheiten jede in (S. 52) einem beliebigen Verhältnis zu einer anderen steht. So fanden die Seeschlacht bei _Salamis_ und die Schlacht der _Karthager_ in Sizilien zwar gleichzeitig statt, ohne jedoch auf dasselbe Endziel hinzusteuern. Und so erfolgt auch zuweilen in eng aufeinanderfolgenden Zeitabschnitten das Eine auf das Andere, von denen keines auf ein und denselben Zweck abzielt, wenngleich die meisten (epischen) Dichter dementsprechend verfahren.

3. Deshalb, wie wir schon hervorhoben, dürfte auch darin _Homer_ sich als ein gottbegnadeter _Dichter_ im Vergleich zu den übrigen erweisen, daß er gar _nicht den Versuch gemacht hat, den ganzen_ (Trojanischen) _Krieg_, wiewohl er einen (regelrechten) Anfang und ein (ebensolches) Ende hat, _darzustellen_. Denn gar zu groß und unübersichtlich dürfte der Stoff geworden sein oder, selbst wenn der Dichter sich in bezug auf den Umfang Grenzen auferlegt hätte, so würde der Stoff trotzdem durch seine bunte Fülle allzu verwickelt gewesen sein. Bei dieser Sachlage hat er nur einen Teilabschnitt abgesondert und viele der Begebenheiten in Episoden untergebracht, wie z.B. den Schiffskatalog[68] und andere Episoden, mit denen er seine Dichtung schmückt.

4. Die übrigen (Epiker) dagegen behandelten, was sich in bezug auf eine einzelne Person oder einen einzelnen Zeitabschnitt abspielte oder, wenn schon auf eine einzige Handlung, so doch eine vielteilige, wie z.B. der Verfasser der _Kyprien_ und der der _Kleinen Ilias_. Denn aus einer _Ilias_ und _Odyssee_ läßt sich nur je eine Tragödie entnehmen oder höchstens zwei, aus den _Kyprien_ dagegen viele und aus der _Kleinen Ilias_ acht, nämlich das Waffengericht, _Neoptolemos_, (S. 53) 1459b [Eurypylos] _Philoktet_, Die Bettlerrhapsodie, [Die Lakonierinnen] die Zerstörung _Ilions_, die Abfahrt, _Sinon_ und die _Troerinnen_[69].

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KAPITEL XXIV

1. Weiterhin muß die _epische Dichtung dieselben Arten haben wie die Tragödie_, denn sie muß entweder einfach oder verflochten, charakterzeichnend (ethisch) oder leidvoll (pathetisch) sein, auch die Teile mit Ausnahme der musikalischen Komposition und der szenischen Ausstattung müssen die nämlichen sein, denn auch das Epos bedarf der Peripetien (Schicksalswendungen), der Erkennungen und der leidvollen Begebenheiten Endlich müssen die Gedanken und der sprachliche Ausdruck kunstgerecht sein.

2. All diesen Forderungen hat _Homer_, sowohl als erster wie in genügender Weise, Eechnung getragen. Denn er hat jedes seiner Gedichte dementsprechend angelegt, die _Ilias_ einfach und leidvoll, die _Odyssee_ verflochten --beruht sie doch ganz auf Erkennungen--und charakterschildernd. Dazu kommt, daß sie im sprachlichen Ausdruck und in der Gedankenbildung alle (anderen Epen) übertroffen haben.

[Sidenote: c. 24, 3. Das Epos.]

3. Was nun die _Komposition_ anbelangt, so unterscheidet sich die epische Dichtung (von der Tragödie) in betreff ihrer _Ausdehnung_ und ihres _Versmaßes_. In bezug auf die _Ausdehnung_ dürfte die bereits angegebene Begrenzung hinreichend sein, nämlich, daß man imstande sein müsse Anfang und Ende zu überblicken. Dies wäre der Fall, wenn einerseits die Kompositionea von geringerer Ausdehnung als die der alten (Epiker) (S. 54) wären, andrerseits dem Gesamtumfang der für eine einzelne (Tages-) Vorstellung angesetzten Tragödien gleichkämen.

4. Für die Ausdehnung des Umfangs kommt nun der epischen Dichtung ferner eine gewisse Eigentümlichkeit sehr zu statten, insofern es in der Tragödie (dem Dichter) nicht möglich ist, viele Teile, die sich gleichzeitig zugetragen haben, nachahmend darzustellen, sondern nur den Teil, der sich auf der Bühne und in Verbindung mit den Schauspielern abspielt. In der epischen Dichtung dagegen als einer erzählenden Darstellung kann man viele sich gleichzeitig vollziehende Teile vorführen, wodurch, falls sie innerlich zusammenhängen der Körper des Dichtwerks stattlicher wird, so daß dieser (vorteilhafte) Umstand seiner Prachtentfaltung dient, den Zuhörer in einen Stimmungswechsel versetzt und das Gedicht durch ungleichartige Episoden erweitert; ist es doch das nur zu rasch sättigende Einerlei, das den Mißerfolg von Tragödien zu verschulden pflegt.

5. Was aber das _Versmaß_ anbelangt, so hat sich das heroische (der Hexameter) erfahrungsgemäß als das angemessene erwiesen. Denn wollte jemand in irgend einem anderen Versmaße eine erzählende Dichtung nachahmend darstellen oder gar in mehreren, so würde das unpassend erscheinen. Denn das heroische ist von allen Versmaßen das gemessenste und gewichtvollste, weshalb es auch vorzugsweise Glossen, Metaphern und Zusätze aller Art aufnimmt; sticht doch auch die erzählende nachahmende Darstellung (selbst) gerade darin von anderen dichterischen Darstellungen ab. Der jambische Trimeter und der trochäische Tetrameter haben einen beweglichen Charakter, und zwar eignet sich dieser zum Tanz, jener zum Handeln. Noch verkehrter (1460a) wäre es, wenn jemand allerhand Versmaße untereinander (S. 55) mischen würde, wie dies _Chairemon_ getan. Deshalb hat auch noch niemand eine lange (epische) Komposition in einem anderen als dem heroischen Versmaß gedichtet, sondern die Natur selbst hat, wie wir sagten, das jener zusagende Versmaß zu wählen gelehrt.

6. _Homer_, wie er in vielen anderen Dingen lobenswert ist, ist es auch darin, daß er allein unter allen Dichtern nicht im Unklaren darüber ist, _was er selbst zu tun habe_. Der Dichter soll nämlich _so wenig wie möglich in eigner Person reden_, denn nicht nach dieser Richtung hin ist er ein nachahmender Darsteller. Die übrigen (epischen) Dichter dagegen treten durchgängig in eigener Person auf und stellen daher nur weniges und auch das nur gelegentlich nachahmend dar. Jener aber (Homer) führt nach einer kurzen Einleitung sofort einen Mann oder ein Weib oder irgend eine andere Figur ein, und zwar nicht ohne Charaktereigenschaft, sondern mit einem (bestimmt ausgeprägten) Charakter.

[Sidenote: c. 24, 7. Das Epos.]

7. In der Tragödie muß man das _Wunderbare_ darstellen in der epischen Dichtung dagegen hat vielmehr das _Vernunftwidrige_, auf dem in der Hauptsache das Wunderbare beruht, seinen Platz, weil man (daselbst) nicht auf den Handelnden seine Blicke wendet; wie denn z.B. die Vorgänge bei der Verfolgung _Hektors_[70] auf der Bühne dargestellt einen lächerlichen Eindruck machen würden, auf der einen Seite die stillstehenden und nicht verfolgenden Mannen, auf der anderen einer[71], der abwinkt. Im Epos dagegen bleibt das Widersinnige (eines solchen Vorgangs) verborgen, denn das Wunderbare erregt Wohlgefallen. Ein Beweis dafür (S. 56) ist, daß alle Erzähler übertreiben, in der Absicht damit zu erfreuen.

8. Im besonderen hat _Homer_ auch die anderen (Epiker) belehrt, wie man (zweckmäßig) _Unwahres sagen könne_. Dies beruht aber auf einem _Trugschluß_. Die Menschen glauben nämlich, da, wenn ein erstes (A, die erste Praemisse) ist oder geschieht, auch ein zweites (B, die zweite Praemisse) eintritt, daß nun ebenso, falls das Spätere (B) wirklich ist, auch das Frühere (A) wirklich ist oder geschieht. Das ist aber ein Fehlschluß. Falls nämlich das erste (A) falsch ist, etwas anderes (B) aber--die Richtigkeit des ersten (A) vorausgesetzt --notwendigerweise wirklich ist oder geschieht, so muß man eben jenes zweite (B) hinzufügen. Denn weil man weiß, daß dieses (B) wahr ist, schließt unser Geist, daß nun auch das erste (A) wahr ist. Ein Beispiel ist folgendes aus der Badeszene[72] <....>

9. Endlich muß man dem _unmöglichen Wahrscheinlichen vor dem möglichen Unglaubhaften den Vorzug geben_. Allerdings darf man nicht die Stoffe auf vernunftwidrige Einzelteile aufbauen, sie sollen wo möglich überhaupt nichts Vernunftwidriges enthalten, wenn aber dies nicht möglich, so möge es (wenigstens) außerhalb der (eigentlichen) Handlung Hegen, wie z.B. (das Vernunftwidrige) im _Oidipus_, seine Unkenntnis nämlich, auf welche Weise _Laios_ ums Leben kam[73], aber nicht innerhalb des Dramas, wie z.B. in der Elektra[74] die Berichterstattung über die pythischen Spiele oder in den _Mysern_ der Mann, (S. 57) der stumm von Tegea bis Mysien wanderte.[75] Zu sagen, daß sonst die Fabel in die Brüche gehen würde, wäre also lächerlich, man muß eben von vornherein keine derartigen Fabeln anlegen. Hat man es aber dennoch getan und erscheint das Stück im allgemeinen glaubwürdig, so mag man auch das etwa Vernunftwidrige mit in den Kauf nehmen. Würde doch die Unzuträglichkeit der Szenen in der _Odyssee_, die sich bei der Aussetzung[76] (des schlafenden Odysseus) abspielen (1460b) sofort in die Augen fallen, wenn ein minderwertiger Dichter sie verfaßt hätte. Wie die Sache aber liegt, hat der Dichter durch andere Vorzüge das Vernunftwidrige versüßt und dadurch (dem Bewußtsein) entrückt.

10. Dem _sprachlichen Ausdruck_ soll der Dichter seine _besondere Sorgfalt in den inhaltsleeren Teilen zuwenden_, d.h. solchen, die weder durch Charakterschilderung noch durch Gedanken sich auszeichnen. Andrerseits würde freilich ein allzu glänzender Stil sowohl die Charakterzeichnung wie den Gedankeninhalt verdunkeln.

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KAPITEL XXV

[Sidenote: c. 25, 1. Das Epos, Probleme und Lösungen.]

1. Über die _Probleme_[77] (kritische Bedenken) und deren _Lösungen_ (Widerlegungen), auf wie vielen und wie beschaffenen Gesichtspunkten sie beruhen, wird man sich durch folgende Betrachtung ein klares Bild machen können. Da nämlich der Dichter ebenso wie der Maler oder irgend ein anderer bildschaffender (S. 58) Künstler ein nachahmender Darsteller ist, so muß er notwendigerweise stets eine bestimmte von _drei_ möglichen Arten nachahmend darstellen, nämlich entweder (1) _wie die Dinge waren oder sind_ oder (2) _wie man sagt, daß sie seien_ oder _wie sie zu sein scheinen_ oder (3) _wie sie sein sollen_. Diese Dinge werden nun dargestellt durch die allgemein gebräuchliche Ausdrucksweise oder auch durch Glossen und Metaphern oder was es sonst noch von Wandlungen des sprachlichen Ausdrucks gibt, denn diese (Freiheiten) gestatten wir ja den Dichtern.

2. Dazu kommt ferner, daß die _Richtigkeit in der Politik und der Dichtkunst_ sowenig als in irgend einer anderen Kunst oder Wissenschaft und der Dichtkunst _ein und dasselbe bedeutet_. In der Dichtkunst selbst gibt es _zweierlei Fehler_, der eine betrifft ihr _Wesen_, der andere ist rein _äußerlich_.

3. Hat sich der Dichter zum Vorwurf genommen nachahmend darzustellen, aus eigenem Unvermögen, so liegt der _Fehler in der Dichtkunst selbst_; wenn er dagegen den Vorwurf richtig gestellt, aber Unmögliches geschildert hat, wie z.B. ein Pferd, das mit beiden rechten Beinen zugleich ausschreitet, oder was sonst in jeglicher Kunst, wie der Medizin oder irgend einer anderen, welcher Art auch immer, ein Fehler sein würde, so betrifft dieser _nicht das Wesen_ der Kunst. Man muß daher nach diesen Gesichtspunkten die tadelnden Einwürfe in den Problemen betrachten und lösen (widerlegen).

4. Erstens also was die _Lösungen_ in bezug auf die gegen die Kunst als solche gerichteten Einwürfe betrifft Wenn _Unmögliches_ dargestellt wurde, so liegt zwar ein Verstoß vor, aber die Sache hat doch ihre Richtigkeit, falls damit der Zweck der Dichtung (S. 59) erreicht wird; der Zweck nämlich ist, wie bereits erwähnt wenn der Dichter eine erschütterndere "Wirkung, sei es in dem betreffenden Teil oder in einem anderen, damit erzielt. Ein Beispiel bietet jene Verfolgung des _Hektor_.[78] Wenn es aber möglich war, den Zweck, sei es in höherem oder geringerem Grade, auch entsprechend der in diesen Dingen herrschenden Kunstregel zu erreichen, so hat es mit dem Fehler nicht seine Richtigkeit, denn, wenn es irgendwie angeht, soll überhaupt keinerlei Fehler begangen werden.

5. Man kann ferner die Frage aufwerfen, _worin denn_ der Fehler begangen ist, _ob gegen die Kunstregel_ oder _irgend etwas anderes Zufälliges_; denn weit geringer ist das Versehen, wenn jemand z.B. nicht wußte, daß die Hindin keine Hörner hat[79], als wenn er sie ohne (eigentlich) nachahmend darzustellen gezeichnet hätte.

6. Wenn ferner getadelt wird, daß die Darstellung nicht wahr sei, müßte man den Einwand so entkräften: Aber _vielleicht wie sie sein sollte_, wie ja auch _Sophokles_ gesagt hat, er stelle Menschen dar, wie sie sein sollen, _Euripides_ aber, wie sie sind.

[Sidenote: c. 25, 7. Probleme und Lösungen.]

7. Läßt sich aber keins von beiden behaupten, so kann man sich darauf berufen, daß _man eben so sagt_, wie in den Erzählungen über die Götter. Vielleicht ist es aber weder besser sie so darzustellen, noch der Wahrheit entsprechend, sondern es verhält sich möglicherweise damit so, wie es bei _Xenophanes_ lautet[80] (1461a) <....>, dann (erwidere man), allein man sagt nun (S. 60) einmal so.

8. Anderes wiederum ist zwar _vielleicht nicht zweckmäßiger, aber eswar tatsächlich einmal so_, wie z.B. das über die Waffen Gesagte: "_Aber die Lanzen_ | _standen empor auf dem Fuße des Schaftes_[81], solchen Brauch nämlich befolgte man damals, wie auch heute noch die Illyrier.

9. In der Beurteilung der Frage, _ob das von jemand Gesagte oder Getane sittlich gut oder nicht ist_, muß man nicht nur die Handlung und die Eede selbst in Betracht ziehen und darauf achten, ob sie edel oder gemein ist, sondern auch den Handelnden oder Redenden ins Auge fassen (und untersuchen) im Verhältnis, zu wem oder wann oder zu wessen Gunsten oder zu welchem Zweck (es geschieht), z.B., ob eines größeren Gutes wegen, das erreicht, oder eines größeren Übels wegen, das verhütet werden soll.

10. Andere Einwände muß man durch Beobachtung des _sprachlichen Ausdrucks_ beseitigen, z.B. durch Annahme einer _Glosse_. "_Die Mäuler zuerst_."[82] Vielleicht meint nämlich (der Dichter) mit dem Worte _ourēas_, nicht "Maultier", sondern die "Wächter". Und von Dolon sagt er: "_Der von Gestalt (eidos) zwar häßlich_"[83]. Damit bezeichnet er nicht einen unebenmäßigen Körper, sondern ein häßliches Gesicht; gebrauchen doch die _Kreter_ das Wort _eueides_ (= schöngestaltet) im Sinne von _euprosōpon_(= schön von Antlitz). Ferner, "_Mische reineren Wein_"(zōróteron),[84] d.h. nicht ungemischten Wein, wie für Trunkenbolde (S. 61) sondern (mische) "schneller."

11. Ein anderes ist _metaphorisch_ gesagt z.B.

/* "_Alle nunmehr, so Götter wie rossegerüstete Krieger Schliefen die ganze Nacht_" */

und doch heißt es unmittelbar darauf

/* "_Siehe, so oft er sein Aug' hinwandte zum troischen Felde. Der Syringen und Pfeifen Getön und der Menge_."[85] */

Jenes, "_Alle_" wird an Stelle von "Viele" metaphorisch gesagt, denn ein "Alles" ist nur eine Art des "Vielen".

Auch jenes "_allein nicht teilnimmt_"[90] ist metaphorisch zu verstehen, denn das "bekannteste" ist (hier) das "alleinige".

12. Ferner kann man auf Grund der _Prosodie_ (Einwände widerlegen), wie _Hippias_ der Thasier dies tat in jenem "_wir gewähren_ (dídomen) _ihm aber_"[87] und "_Das zum Teil durch den Regen verfault_"[88].

[Sidenote: c. 25, 13. Probleme und Losungen.]

13. Wieder anderes vermittelst der _Interpunktion_, wie z.B. _Empedokles_[89] sagt:

/* "_Schnell erwuchs als sterblich, wasfrüher unsterblich sich wußte, Und als gemischt, was lauter zuvor_." */

[Sidenote: c. 25, 14. Probleme und Lösungen.]

14. Anderes sodann durch die Annahme einer _Amphibolie_ (S. 62) (Doppelsinn):

/* "_Von der Nacht entschwand der größere Teil_"[91] */

denn der Ausdruck "größere" (_pleíō_) ist doppelsinnig.

15. Andere _Bedenken_ (lösen sich) mit Berufung auf den _Sprachgebrauch_: Ein Mischgetränk, sagt man, sei Wein.

Nach diesem Gesichtspunkt wurde gebildet:

/* "_Schiene von neubereitetem Zinne_"[92], */

nennt man doch die Eisenschmiede auch Kupferarbeiter.

Wiederum nach demselben Gesichtspunkt heißt es: Ganymed /* "_schenkt dem Zeus Wein ein_", */

obwohl sie (die Götter) keinen Wein trinken[93]. Doch könnte man dieses Beispiel auch als Metapher auffassen.

16. Man muß auch, wenn ein Wort etwas _Widersprechendes_ zu bezeichnen scheint, untersuchen, wie vielfach es diesen Sinn an der (betreffenden) Stelle haben kann, wie z.B. in jenem "_Da hielt die eherne Lanze an_"[94], wie vielfach es dort den Sinn "hemmen" annehmen kann.

17. Ob so oder wie jemand die Sache vorzugsweise (1461b) auffassen möchte, ist zu erwägen, im Gegensatz zu dem Verfahren, von dem _Glaukon_ berichtet. Einige gehen von grundlosen Voraussetzungen aus und nach dem sie eigenmächtig ein richterliches Urteil gefällt (S. 63) haben, bauen sie Schlüsse darauf und tadeln dann den Dichter, falls sie auf etwas stoßen, das ihrer (vorgefaßten Meinung widerspricht, weil er nicht das gesagt hat, was in ihren Kram paßt. So erging es mit den Erörterungen über _Ikarios_. Man geht nämlich von der Voraussetzung aus, er sei ein _Lakone_. Es schien daher ungereimt, daß _Telemachos_, als er nach _Sparta_ kam[95], mit ihm nicht zusammengetroffen sei. Es verhielt sich damit aber vielleicht so, wie die _Kephallenier_ berichten. Sie erzählen, daß Odysseus sich bei ihnen seine Frau geholt habe und es sei _Ikadios_ und nicht _Ikarios_ (sein Schwiegervater). Demnach ist es wahrscheinlich, daß jenes Problem einem Mißverständnis entsprungen ist.

18. Im allgemeinen muß man das _Unmögliche_ in der Dichtung entweder auf das _Zweckmäßigere_ oder auf die _herrschende Meinung_ zurückführen. Denn für die Dichtung ist das glaubhaft Unmögliche dem zwar Unglaubhaften, jedoch Möglichen vorzuziehen Mag es nun auch vielleicht unmöglich sein, daß es solche Personen gibt, wie sie z.B. _Zeuxis_ zu malen pflegte, so ist es doch zweckmäßig (sie so darzustellen), denn dem Ideal gebührt der Vorrang.

19. _Das Vernunftwidrige muß man auf das, was die Leute sagen, zurückführen_ und man kann es sowohl in dieser Weise rechtfertigen, wie auch damit, daß es zuweilen ja gar nicht vernunftwidrig sei, da es wahrscheinlich ist, daß etwas auch gegen die Wahrscheinlichkeit sich ereignet.

[Sidenote: c. 25, 20. Probleme und Lösungen.]

20. _Das in widerspruchsvoller Weise Gesagte soll man so prüfen, wie die Widerlegungen in der Dialektik_, ob es sich um das Nämliche oder ob es in derselben Beziehung oder derselben (S. 64) Art und Weise gilt, mithin auch der _Dichter_ entweder gegen das, was er selbst sagt, oder gegen das, was ein vernünftiger Mensch voraussetzen würde, (sich in Widerspruch verwickeln darf).

21. Gerecht dagegen ist der Tadel, sowohl gegen Vernunftwidrigkeit wie Schlechtigkeit, wenn (der Dichter) ohne jeden äußeren Zwang sich des Vernunftwidrigen bedient, wie z.B. Euripides im Falle des _Aigeus_[96], oder der Charakterschlechtigkeit, wie im _Orestes_[97] der des _Menelaos_.

22. Die Einwendungen ergeben sich demnach aus _fünf Arten_, denn entweder _tadelt_ man etwas als _unmöglich_ oder als _vernunftwidrig_ oder als _sittenverderblich_ oder als _widerspruchsvoll_ oder als _einen Verstoß gegen die technische Kunstrichtigkeit_. Die _Lösungen_ (Widerlegungen) aber sind nach den aufgezählten Unterabteilungen zu betrachten deren es _zwölf_ gibt.

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KAPITEL XXVI

1. Man könnte nun die Frage aufwerfen, _ob die epische nachahmende Darstellung oder die tragische die vorzüglichere sei_. Ist nämlich die minder plumpe die vorzüglichere, der Art ist aber die, welche auf ein besseres (gebildeteres) Publikum Bezug nimmt, so ist offenbar diejenige nachahmende Darstellung, die sich an Krethi und Plethi wendet, eine plumpe. In der Überzeugung nämlich, die Zuschauer würden kein Verständnis (für die Darstellung) zeigen, falls er (der Schauspieler) nicht seinerseits etwas dazu (S. 65) beiträgt, so bewegen sich diese in starken Verrenkungen; es wälzen sich z.B. die stümperhaften Flötisten, wenn es gilt den Diskuswurf nachahmend darzustellen und zerren den Chorführer (am Gewände), wenn sie die _Skylla_ blasen.

2. Die Tragödie ist nun der Art, wie auch die älteren Schauspieler ihre Nachfolger beurteilten, denn _Mynniskos_ nannte den _Kallipides_, weil er gar zu sehr übertrieb, einen _Kallias_[98] und in einem ähnlichen (üblen) Rufe stand auch _Pindaros_. Wie sich nun (1462a) jene (älteren Schauspieler) zu diesen verhalten, so verhalte sich die ganze (tragische) Kunst zur epischen Dichtkunst. Diese, so behauptet man, wende sich an hochstehende Zuschauer, die keiner (tänzelnden) Bewegungen bedürfen, die tragische dagegen an niedrige. Wenn sie demnach eine plumpe Kunst ist, so sei sie offenbar auch die tiefer stehende.

3. Allein _erstens_ ist das eine Anklage _gar nicht gegen die Dichtkunst, sondern gegen die Vortragskunst_, denn es kann auch der Rhapsode durch Bewegungen übertreiben, wie dies _Sosistratos_ getan und (ebenso) bei den musischen Wettkämpfen, wie dies _Mnasitheos_ der Opuntier getan. Sodann ist keineswegs jede Körperbewegung zu verwerfen, da ja auch der Tanz nicht verworfen wird, sondern nur die Bewegung von Stümpern, wie ja auch _Kallipides_ getadelt wurde und heutzutage andere, weil sie freie Frauen nachahmend darzustellen nicht verständen.

[Sidenote: c. 26, 4. Vorzug der Tragödie vor dem Epos.]

4. Ferner erreicht die Tragödie auch ohne (schauspielerische Bewegung _ihren Zweck, genau so wie die epische Dichtung_, denn schon durch die bloße Lektüre zeigt sie, von welcher Art sie ist. Wenn sie (S. 66) also im übrigen wenigstens (dem Epos) überlegen ist, braucht ihr jedenfalls jener Tadel nicht notwendig anzuhaften.

5. Sodann (2) (ist sie überlegen) _weil sie alles besitzt was die epische Dichtung hat_, denn auch dasselbe Metrum kann sie anwenden und darüber hinaus hat sie einen nicht unbedeutenden Teil an der musikalischen Aufführung und den szenischen Ausstattungen durch welche die Lustempfindungen überaus lebendig verwirklicht werden. Sodann übt sie diese lebendige Wirkung auch aus sowohl bei der Lektüre wie bei den (tatsächlichen) Aufführungen.

6. Ferner (3) _erreicht die Tragödie das Ziel_ (1462b) _der_ nachahmenden Darstellung _innerhalb eines kleineren Umfangs_; denn was gedrängter ist, ist angenehmer, als was mit viel Zeitaufwand (wie mit Wasser) vermischt ist. Ich denke dabei an folgendes: Wenn jemand den _Oidipus_ des _Sophokles_ in so viel Verse setzen würde wie die _Ilias_ hat <....>.

7. Endlich (4) ist die _epische Dichtung eine weniger einheitliche_ nachahmende Darstellung. Beweis dafür ist, daß aus jeder beliebigen nachahmenden Darstellung sich mehrere Tragödien bilden lassen, sodaß, selbst wenn sie (die Epiker) eine einheitliche Fabel schaffen sollten, diese, entweder abgehackt, falls kurz dargestellt oder, falls sie mit der Ausdehnung der (epischen) Versgattung gleichen Schritt hält, wässerig erscheinen würde. Ich meine damit, wenn es (das Epos) z.B. aus mehreren Handlungen sich zusammensetzt wie die _Ilias_ viele derartige Teile hat und die _Odyssee_, Teile, die auch für sich schon eine (genügende) Ausdehnung besitzen. Und doch hat er (Homer) diese Gedichte in der denkbar trefflichsten Weise gebaut und es ist seine nachahmende Darstellung, soweit dies nur irgend möglich, die einer einheitlichen Handlung. (S. 67)

8. Wenn demnach sie (die Tragödie) in all diesen (Vorzügen) _überlegen_ ist und überdies indem _Ziel_ der Kunst--denn diese (Dichtarten) sollen nicht jede beliebige Lustempfindung erzeugen, sondern nur die bereits erwähnte--so leuchtet ein, _daß sie vortrefflicher als die epische Dichtung ist_, indem sie ihren Endzweck vollständiger erreicht.

[Sidenote: c. 26, 9. Vorzug der Tragödie vor dem Epos.]