Uber Die Dichtkunst Beim Aristoteles Neu Ubersetzt Und Mit Einl
Chapter 1
Produced by Marc D'Hooghe
ÜBER DIE DICHTKUNST
BEIM
ARISTOTELES
NEU ÜBERSETZT UND MIT EINLEITUNG UND EINEM ERKLÄRENDEN NAMEN- UND SACHVERZEICHNIS VERSEHEN
VON
ALFRED GUDEMAN
1921
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VORWORT
Die Aufforderung des Verlegers der Philosophischen (s. III) Bibliothek eine Neuauflage der vergriffenen _Ueberwegschen_ Übersetzung der aristotelischen Poetik (1869) zu besorgen, traf mich mitten in der Vorbereitung eines exegetischen und kritischen Kommentars des Büchleins und einer ihn begleitenden ausführlichen Abhandlung zu dessen Textgeschichte. Unter normalen Umständen hätte ich Bedenken gehabt, die mir aufgetragene Aufgabe vor der Veröffentlichung jener Arbeiten, die unter anderem die nähere Begründung und Rechtfertigung meines neuen Textes bringen werden, zu übernehmen. Wenn ich dennoch diese Bedenken habe fallen lassen, so geschah dies hauptsächlich aus folgenden Gründen. Jener Übelstand schien insofern nicht allzu schwerwiegend, weil derartige kritische Erörterungen philologische Leser zur notwendigen Voraussetzung haben. Sodann gestatten es die zurzeit herrschenden, jedes Maß überschreitenden Herstellungskosten wissenschaftlicher Werke größeren Umfangs noch nicht, einen Erscheinungstermin für obige Arbeiten auch nur annähernd im voraus zu bestimmen.
Freilich, an dem ursprünglichen Plane einer Neubearbeitung konnte nicht festgehalten werden, denn es stellte sich gar bald heraus, daß eine solche sehr unbefriedigend ausfallen müßte und so entschloß ich mich die _Ueberwegsche_ Übertragung durch eine ganz neue zu ersetzen. Jene beruhte nämlich noch auf dem _Bekkerschen_ Texte, der im wesentlichen nur die Aldina wiedergab, während der meinige, obwohl durchaus konservativ, selbst von dem _Vahlen_'s (1886) an fast 300 Stellen abweicht, ein Ergebnis, das zum großen Teil der bisher nicht genügend ausgebeuteten syrisch-arabischen Übersetzung zuzuschreiben ist.[1] Sodann hatte sich _Ueberweg_, ebenso wie (s. IV) seine Vorgänger und Nachfolger, nicht eng genug an den Wortlaut des Originals angeschlossen und gab so einen m.E. irreführenden Eindruck von dem eigentümlichen, lehrhaften Charakter der Poetik. Denn sie ist mit ihrer stark elliptischen und wortkargen Ausdrucksweise und ihren oft stichwortartig und aphoristisch hingeworfenen Gedanken und Lehrsätzen, ihrer Entstehungsweise durchaus entsprechend, alles eher als ein Erzeugnis attischer Kunstprosa. Wir haben nämlich in ihr, um kurz zu sagen, was an einem anderen Orte ausführlich nachgewiesen werden soll, nicht ein Exzerpt, sondern nur die Überbleibsel eines Kollegienheftes zu erblicken, das auf aufmerksame und nachprüfende Leser keinerlei Rücksicht zu nehmen brauchte und das oft nur leise Angedeutete der weiteren mündlichen Ausführung überließ. Es kam endlich noch hinzu, daß ich mir an sehr zahlreichen Stellen die Auffassung _Ueberwegs_ nicht aneignen konnte. Eine Übersetzung soll aber, zumal die einer technischen und schwierigen Schrift, wenigstens zum Teil einen Kommentar ersetzen. Dementsprechend war ich vor allem bemüht, den auf eine neue Recensio gegründeten Text so wort- und sinngetreu wiederzugeben, wie dies ohne Schädigung des deutschen Ausdrucks nur irgend möglich war. Daß nun der textkritische Anhang _Ueberwegs_ in Wegfall kommen mußte, versteht sich von selbst. Dasselbe Schicksal traf aber auch die erklärenden Anmerkungen, die im wesentlichen dazu bestimmt waren, wie der Verfasser selbst angibt, "noch unerledigte Streitfragen ihrer Lösung zuzuführen". Inwieweit sie diesen Zweck erreicht haben, mag hier unerörtert bleiben, in jedem Fall waren auch sie, (s. V) einige rein sachliche Belege ausgenommen, für den Leser, welchen die "Philosophische Bibliothek" vorzugsweise im Auge hat, von keinem nennenswerten Nutzen. Sollte sich jemand dennoch für diese besonders interessieren so ist ja die alte Ausgabe in Bibliotheken leicht zugänglich. An deren Stelle sind nun erklärende Verzeichnisse der Namen und Sachen getreten, die lediglich das geben sollen, was mir für das unmittelbare Verständnis zweckdienlich schien, wobei von einer Erläuterung oder gar Kritik der aristotelischen Lehren natürlich abgesehen werden mußte, um den mir zu Gebote stehenden Raum nicht zu überschreiten.
Was die ebenfalls neu hinzugekommene Einleitung anbelangt, so bezweckt auch sie nur eine vorläufige Orientierung. Für die ausführlicheren Darlegungen aller darin kurz behandelten Fragen muß ich wiederum auf die obenerwähnten Arbeiten verweisen, in der Hoffnung daß deren Erscheinen dennoch in absehbarer Zeit ermöglicht wird.
Meinem Mitleser, Herrn Professor E. Wüst (München), bin ich für seine wertvolle Hilfe zu besonderem Dank verpflichtet.
München, Juli 1920.
Alfred Gudeman.
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INHALTSVERZEICHNIS (s. VI)
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/* I. Allgemeiner Teil: c. 1--5.
1. Kurze Inhaltsangabe: c. 1, 1.
2. Dichtungen sind nachahmende Darstellungen: c. 1, 2.
3. Dreifacher Unterschied: c. 1, 3--3, 2.
a) Nach den Mitteln: c. 1, 4--6.
(1) Harmonie und Rhythmus (Instrumentalkünste): c. 1, 4.
(2) Bloßer Rhythmus (Tanzkunst): c. 1, 4.
(3) Bloße Rede, in Prosa oder Versen (Epos, Mimen, Sokratische Dialoge): c. 1, 5.
(4) Harmonie, Rhythmus, Verse (Dithyrambos, Nomos, Drama): c. 1, 6.
b) Nach den Gegenständen (Edle und unedle Handlungen): c. 2, 1--3.
c) Nach der Art und Weise: c. 3, 1--2.
(1) Erzählend (Epos): c. 3, 1.
(2) Handelnd (Drama): c. 3, 1.
(3) Schlußfolgerung: c. 3, 2.
4. Einschaltung über die dorischen Ansprüche auf die Erfindung des Dramas, insbesondere der Komödie: c. 3, 3--4.
5. Die zwei natürlichen, der Poesie zugrundeliegenden Ursachen.
a) Nachahmungstrieb und Freude an der Nachahmung: c. 4, 1--2.
b) Gefühl für Rhythmus und Harmonie: c. 4, 3.
6. Spaltung der Dichtungsgattungen nach der Sinnesart der Dichter. Die literargeschichtliche Entwicklung: c. 4, 4--5, 2.
7. Unterschied zwischen Epos und Tragödie, insbesondere den Umfang betreffend: c. 5, 3--4.
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II. Besonderer Teil: c. 6--26.
A. _Die Tragödie_: c. 6--22.
1. Die Definition der Tragödie: c. 6, 1--2.
2. Die sechs qualitativen Teile: c. 6, 3--5.
3. Deren Rangordnung: c. 6, 6--15.
a) Die Fabel: c. 6, 6--10.
b) Die Charaktere: c. 6, 11.
c) Die Gedanken: c. 6, 12-13.
d) Der sprachliche Ausdruck: c. 6, 14.
e) Die musikalische Komposition: c. 6, 15.
f) Die szenische Ausstattung: c. 6, 15.
4. Die Fabel: c. 7--14. 16--18. (s. VII)
a) Sie muß ein richtiges Ganze von einem bestimmten Umfang sein: c. 7, 1--3.
b) Einheit der Handlung, nicht Einheit der Person erforderlich: c. 8, 1--4.
c) Der Unterschied des Dichters und des Geschichtsschreibers: c. 9, 1--7.
d) Episodische Fabeln ein Verstoß gegen die Einheit: c. 9, 8.
e) Das Wunderbare und der Zufall als dramatische Motive: c. 9, 9.
f) Einfache und verflochtene Fabeln: c. 10, 1--2.
g) Die drei Teile der Fabel: c. 11.
(1) Peripetie: c. 11, 1. (2) Erkennung: c. 11, 2--4. (3) Die leidvolle Tat (Pathos): c. 11, 5.
h) Exkurs über die quantitativen Teile der Tragödie: c. 12, 1--2.
(1) Prolog. (2) Epeisodion. (3) Chorlied (Parodos, Stasimon, Kommos). (4) Exodos.
i) Wie die Fabel beschaffen sein muß, um Mitleid und Furcht zu erregen: c. 13--14.
(1) Der Held muß eine Mittelstellung einnehmen zwischen dem Makellosen und dem Bösewicht: c. 13, 1--3. (2) Der einfache Ausgang dem doppelten vorzuziehen: c. 13, 4--6. (3) Die vier Arten der Handlung, die Mitleid und Furcht erregen und deren Rangordnung: c. 14,1--9.
(a) A kennt B und tötet ihn. (b) A kennt B nicht und tötet ihn, mit oder ohne Erkennung nach der Tat. (c) A kennt B und steht von dem Versuch ab, ihn zu töten. (d) A kennt B nicht, durch Erkennung an dem Versuch ihn zu töten verhindert.
5. Die vier Charaktereigenschaften und ihre Gegensätze: c. 15, 1--10.
a) Sittlich-gut: c. 15, 1. b) Angemessen: c. 15, 2. c) Historisch ähnlich: c. 15, 3. d) Konsequent: c. 15, 4. e) Gegensätze: 15, 5--10.
6. Die verschiedenen Erkennungsarten und ihr Kunstwert: (s. VIII) c. 16, 1--5.
a) Zeichen: c. 16, 1. (1) Angeborene. (2) Erworbene. (a) Körperliche. (b) Andere äußerliche.
b) Vom Dichter erfundene Erkennungsarten: c. 16, 2.
c) Vermittelst der Erinnerung: c. 16, 3.
d) Vermittelst einer Schlußfolgerung: c. 16, 4.
7. Vorschriften für die Komposition der Tragödie: c. 17--18.
a) Der Dichter muß sich die Situation leibhaft vergegenwärtigen c. 17, 1.
b) Er muß die Gefühlsstimmungen seiner Personen an sich selbst darstellend erproben: c. 17, 2.
c) Er muß erst einen allgemeinen Umriß der Fabel entwerfen und dann Namen und Episoden einfügen: c. 17, 3.
d) Die Episoden müssen begrenzt sein: c. 17, 4.
e) Schürzung und Lösung des dramatischen Knotens: c. 18, 1--3
f) Die Tragödie darf nicht episch angelegt sein: c. 18,4--5.
g) Der Chor muß die Rolle eines Schauspielers annehmen und eng mit der Handlung verknüpft sein. Daher chorische Intermezzi (Embolima) zu verwerfen: c. 18, 6.
8. Die Gedankenbildung in das Gebiet der Rhetorik verwiesen: c 19, 1.
9. Der sprachliche Ausdruck: c. 19, 2--c. 22.
a) Die Modalitäten der Rede: c. 19, 2. Befehl (Imperativ)--Wunsch (Optativ)--Erzählung (Indikativ)--Drohung, Frage und Antwort.
b) Die Bestandteile der Rede: c. 20, 1--8.
(1) Buchstabe: c. 20, 1. (2) Silbe: c. 20, 2. (3) Bindewort: c. 20, 3. (4) Artikel: c. 20, 4. (5) Substantiv: c. 20, 5. (6) Verbum: c. 20, 6. (7) Flexion: c. 20, 7. (8) Satz: c. 20, 8.
c) Ausdrucksarten: c. 21v»
(1) Komposita: c. 21, I. (2) Wortklassen: c. 21, 2.
(a) Allgemein gebräuchliche Ausdrücke: c 21, 3. (s. IX) (b) Glosse: c 21, 3. (c) Metapher: c. 21, 4.
aa. Von der Gattung auf die Art. bb. Von der Art auf die Gattung, cc. Von der Art auf die Art. dd. Auf Grund einer Proportion.
(d) Schmückendes Beiwort: c. 21, 5. (e) Neugebildetes Wort: c. 21, 6. (f) Verlängertes und verkürztes Wort: c. 21, 7. (g) Umgewandeltes Wort: c. 21, 8.
(3) Das grammatische Geschlecht: c. 21, 9.
d) Die Güte des sprachlichen Ausdrucks: c. 22, 1--8.
B. _Das Epos_: c. 23--c. 24.
1. Einheit und Umfang des Epos. Vorzüge Homers: c. 23-24, 4.
2. Einheitliches Versmaß: c. 24, 5.
3. Weitere homerische Vorzüge: c. 24, 6.
4. Ein wesentlicher Unterschied zwischen Epos und Tragödie in der Behandlung gleichzeitiger Ereignisse: c. 24, 7.
5. Homer als Lehrer der zweckmäßigen Lüge (dichterische Illusion): c 24, 8.
6. Das Vernunftwidrige im Epos: c. 24, 9.
7. Der sprachliche Ausdruck im Epos: c. 24, 10.
C.[2] Die _fünf Probleme_ (kritischen Einwendungen) in einem Dichtwerk und deren _zwölf Lösungen_ (Widerlegungen, Rechtfertigungen): c. 25, 1--22.
(I.) Das _Unmögliche_: 1. Es entspricht dem Zwecke der Kunst. 2. Es betrifft Unwesentliches, Zufälliges. (II.) Das _Vernunftwidrige_ oder Unwahrscheinliche. 3. Es hätte so sein sollen (Idealisierung). 4. Es entspricht dem allgemeinen Glauben. 5. Es ist historisch beglaubigt. (III.) Das _moralisch Schädliche_. 6. Der an das Sittliche zu legende Maßstab ist ein relativer. (IV.) Das _Widerspruchsvolle_. 7. Auf Grund des dialektischen Verfahrens zu lösen.
(V.) _Verstoß gegen die Kunstrichtigkeit_. (s. X) 8. Auf Grund der Annahme einer Glosse oder Metapher. 9. Der Prosodie (Akzent und Spiritus). 10. Der Interpunktion. 11. Der Amphibolie (Doppelsinn). 12. Des Sprachgebrauchs.
D. Warum die Tragödie vor dem Epos den Vorzug verdient: c. 26, 1--9 */
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EINLEITUNG
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1. Die Bedeutung der Poetik.
Es gibt kein Werk gleich geringen Umfangs, das sich (s. XI) auch nur entfernt mit dem Einfluß messen kann, den die aristotelische Poetik Jahrhunderte lang ausgeübt hat. Freilich werden wir heute nicht mehr, wie einst _Lessing_, deren Lehren für ebenso unfehlbar halten wie die Elemente des _Euklid_. Im Gegenteil, man wird ohne weiteres zugeben müssen, daß für die Dramatiker der Gegenwart--das Epos kommt nicht in Betracht da es ganz in dem Roman aufgegangen ist--_Aristoteles_ als literarischer Gesetzgeber ein völlig überwundener Standpunkt ist.
Andrerseits ist es aber nicht minder wahr, daß auch heute noch niemand der Kenntnis der Poetik schadlos entraten kann, der auch nur oberflächlich sich mit den Literaturen, namentlich Italiens, Frankreichs und Englands vom 16. bis etwa zur Mitte des 18. Jahrh., beschäftigen will. Und ebensowenig darf der Ästhetiker, der literarische Kritiker oder Literarhistoriker an diesem Büchlein achtlos vorübergehen, sollen seine rein theoretischen Darlegungen über viele in das Gebiet der Dichtkunst einschlägige Probleme nicht von vornherein einer wichtigen Grundlage entbehren. Was vollends dem klassischen Philologen die Poetik des Aristoteles ist und stets sein wird, bedarf keines weiteren Wortes.
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2. Die Poetik im Altertum.
Unter diesen Umständen mag es auf den ersten Blick sehr befremden, daß sich im Altertum selbst bisher keine sicheren Spuren einer aus erster Hand geschöpften Kenntnis, geschweige denn eines Einflusses der aristotelischen (S. XII) Poetik haben nachweisen lassen. Dagegen spricht auch nicht eine Anzahl direkter Zitate bei späten Erklärern des _Aristoteles_, zumal man nicht einmal ohne weiteres annehmen darf, daß jene Stellen nicht einfach den von ihnen ausgeschriebenen, älteren Quellen entlehnt sind.
Zur Erklärung dieser bemerkenswerten Tatsache mag vielleicht folgendes dienen. Zunächst scheint unsere Poetik überhaupt zuerst von _Andronikos_ v. Rhodos, einem Zeitgenossen _Ciceros_, zusammen mit anderen Werken des _Aristoteles_ in Rom herausgegeben worden zu sein. _Horaz_, bzw. sein viel älterer Gewährsmann, _Neoptolemos_ v. Parion (c. 260 v. Chr.), zeigt trotz mancher sachlichen Übereinstimmungen keine direkte Benutzung der Schrift und dasselbe gilt von einem uns nur in Bruchstücken erhaltenen, umfangreichen Werke "Über die Dichtungen", dessen Verfasser _Philodemos_ v. Gadara zum Freundeskreise des Horaz gehörte. Sodann brachten die Griechen der römischen Kaiserzeit der Poesie überhaupt nicht das geringste Interesse entgegen. Ist uns doch aus dieser ganzen Epoche keine einzige Tragödie auch nur dem Titel nach bekannt. An die Stelle der Komödie waren der dramatische, aber literarisch wertlose Mimus und der Pantomimus getreten und die wenigen uns meist erhaltenen Epen, wie die des Oppian, _Quintus Smyrnaeus, Claudian, Kolluthos, Triphiodor_, ja selbst des _Nonnos_, stammen aus sehr später Zeit und kommen als echte Kunstwerke überhaupt nicht in Betracht, wie sie denn auch von den Lehren des _Aristoteles_ keinen Hauch verspüren lassen. Es darf daher nicht Wunder nehmen, daß eine wissenschaftliche Technik des Dramas und des Epos, wie unsere Poetik, keinerlei Beachtung fand oder finden konnte. Diese der Dichtkunst allenthalben entgegengebrachte Gleichgültigkeit wird es wohl auch (S. XIII) zum Teil verschuldet haben, daß zahlreiche andere literargeschichtliche Werke des Aristoteles ganz verloren gingen. So vor allem die "Didaskalien", eine vollständige Liste aller in Athen aufgeführten Dramen, der reichhaltige Dialog "Über die Dichter" in 3 B., von dem uns noch einige Bruchstücke mannigfachen Inhalts erhalten sind, und die "Pragmateia (Untersuchung der Dichtkunst", in 2 B. In dieser wird Aristoteles das, was in dem unvollständig auf uns gekommenen Kollegienheft skizzenhaft entworfen oder zwecks weiterer mündlicher Ausführung nur angedeutet war, erschöpfend, wie wir es bei ihm gewohnt sind, behandelt haben. Unsere Poetik verdankt ihre Erhaltung wohl nur dem glücklichen Umstand, daß sie als Anhängsel der Rhetorik oder der Logik, die als Schulfächer sich stets eifriger Pflege erfreuten, betrachtet und so mit diesen Schriften vereint überliefert wurde.
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3. Textgeschichte.
Die nachweisbar älteste Handschrift war ein in Unzialen ohne Worttrennung oder Interpunktion geschriebener mit zahlreichen Randbemerkungen versehener und spätestens dem 5./6. Jahrh. angehöriger Kodex, dem der Schluß der Poetik aber ebenfalls bereits abhanden gekommen war. Im 9. Jahrh. wurde er von einem Nestorianischen Mönch wörtlich ins Syrische übersetzt. Diese Übertragung bildete ihrerseits die Vorlage für die arabische Übersetzung des _Abu Bishar Matta_ (990--1037), die in einer arg ververstümmelten und lückenhaften Pariser Hs des 11. Jahrh. erhalten ist. Aufs dem arabischen Text beruhte die jämmerlich verkürzte, zum Teil sinnlose Paraphrase des berühmten arabischen Gelehrten _Averröes_ (1126 bis 1198), denn die orientalischen Übersetzer standen (S. XIV) dem Inhalt der Poetik mit der denkbar tiefsten Verständnislosigkeit gegenüber. Eine genaue Untersuchung hat aber den unwiderleglichen Beweis erbracht, daß jene alte, griechische Hs einen weit vorzüglicheren Text darbot als die älteste uns erhaltene Hs, der Parisinus 1741 aus dem 10. Jahrh. und daß die bisher fast allgemein geltende Ansicht, dieser sei der Stammvater aller späteren, übrigens sehr zahlreichen Hss, den Tatsachen nicht entspricht.
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4. Die Poetik in der Neuzeit.
Es ist ein seltsames Zusammentreffen, daß gerade um die Zeit, da die Hegemonie des _Philosophen Aristoteles_, der die Gedankenwelt des Mittelalters beherrscht hatte, sich ihrem Ende zuneigte, seine Poetik aus langer Vergessenheit im Abendlande wieder auftauchte und er nun alsbald als literarischer Diktator, gleichsam als Ersatz für das verlorene Reich, einen erneuten Siegeslauf antrat. Die Poetik erschien zuerst in einer wörtlichen lateinischen Übersetzung des _Georgius Valla_ (1498), die editio princeps des Originals zehn Jahre später in einer Aldina. Den ersten Kommentar lieferte F. _Robortelli_ (Florenz l548), dem innerhalb zwei Dezennien drei weitere gelehrte und umfangreiche Kommentare folgten: _Madius_ (Venedig 1550), _P. Victorius_ (Florenz 1560) und _Castelvetro_ (Wien 1570). Bis etwa zur Wende des 18. Jahrh. waren bereits mehr als 100 Ausgaben und Übersetzungen erschienen--die Poetik wurde öfter als irgendein anderes Werk griechischer Prosa herausgegeben,--doch ist im wesentlichen, weder in der Textkritik noch in der Erklärung, ein nennenswerter Fortschritt über die genannten Leistungen zu verzeichnen. Ein solcher trat erst mit den Arbeiten (S. XV) zweier Engländer, _Twining_ (1789) und _Tyrwhitt_ (1794) ein, während _Lessing_ etwas früher in der Hamburgischen Dramaturgie (1767/8) das Studium der Poetik in Deutschland zu neuem Leben erweckte. Die erste deutsche Übersetzung von _Curtius_ (1755) war nämlich als solche sehr kläglich ausgefallen und die ihr beigegebenen Abhandlungen waren ganz von _Dacier_ (1692) abhängig und in Gottschedschem Geiste geschrieben Sie hat aber insofern ein gewisses historisches Interesse, weil sowohl _Goethe_ wie _Schiller_ die aristotelische Schrift aus ihr kennen lernte. Eine neue Epoche sowohl für die Textkritik wie für die Erklärung begann dann erst wieder mit _Vahlen_, der zuerst konsequent die Recensio auf die älteste Hs, den Parisinus 1741 (A^c), aufbaute und in seinen "Beiträgen zu _Aristoteles_ Poetik" ("Wien 1865/6), einer der hervorragendsten hermeneutischen Leistungen unserer Wissenschaft, das Verständnis der Poetik mächtig förderte. Mehr negativ von Bedeutung war sodann die glänzende Abhandlung von _J. Bernays_ (1857) über die Katharsis da sie der Ausgangspunkt einer gewaltigen Kontroverse wurde, die bis auf den heutigen Tag noch nicht zur Ruhe gekommen ist.
Etwa gleichzeitig mit jenen vier großen italienischen Kommentatoren des 16. Jahrh. begann die literarische Kritik sich mit den Lehren der Schrift zu beschäftigen, wobei der Einfluß des _Castelvetro_ besonders verhängnisvoll werden sollte, denn das berühmte Gesetz der "Drei Einheiten," der Handlung, der Zeit und des Ortes, von denen _Aristoteles_ einzig und allein die erste kennt und fordert, beruht auf einem Mißverständnis des _Castelvetro_. Sogenannte "Poetiken" sprangen vom 16. Jahrh. wie Pilze aus dein Boden. Samt und sonders nehmen sie zu den wirklichen, leider zu oft auch zu den vermeintlichen Lehren des _Aristoteles_ (S. XVI) Stellung und gar bald versuchten epische und dramatische Dichter, zuerst in Italien, dann in Frankreich jene Lehren praktisch zu verwerten. Unter den Kritikern und Verfassern von Lehrbüchern der Dichtkunst des 16. Jahrh. seien hier nur die einflussreichsten genannt, was aber keineswegs immer besondere Originalität oder Selbständigkeit voraussetzt: _Minturno_, De poeta (1559), _J.C. Scaliger_, Poetices libri VII (1561),[3] _Sir Philip Sidney_, Defense of Poesy (c. 1583, gedruckt 1595), _Patrizzi_, Della Poetica (1586), ein fanatischer Gegner des _Aristoteles_ und seiner Poetik. Von Dichtern, die unter dem Einfluß des _Aristoteles_ standen und in eigenen Abhandlungen oder auch in Einleitungen zu ihren Werken sich mit ihm auseinandersetzten, seien erwähnt: _Trissino_, dessen "Sophonisba" als die erste italienische Tragödie gilt (1555), _Fracastoro_, Naugerius sive de Poetica dialogus (1555), _T. Tasso_, Discorsi dell' Arte Poetica (1586), _Jean de la Taille_, Préface zu Saul (1572). Dieser und die früheren französischen Kritiker überhaupt wie _Jodelle_, der Verfasser der ersten französischen Tragödie, Cleopâtre (1552), _Vauquelin de la Fresnaye_, Art poetique (begonnen 1574, gedruckt 1605), _Ronsard_ und die anderen Mitglieder der Pléiade, sie alle beschäftigten sich mehr oder weniger eingehend mit den aristotelischen Lehrsätzen, aber sie verdankten deren Kenntnis, wie es scheint, meist nicht dem Original, sondern den Arbeiten ihrer italienischen Vorgänger. Dies änderte sich erst im 17. Jahrh., als der heftige Streit um die "Regeln" in den Mittelpunkt des literarischen Interesses trat. _Mairet_, der die erste "regelrechte" Tragödie, "Sophonisbe", (1629) verfaßte, kannte die (S. XVII) Poetik aus erster Hand, wie er selbst in der Vorrede zu "Silvanire" (1626) bezeugt, und dies gilt natürlich auch von den Führern in der Cid-Kontroverse (1636--1640), wie _Chapelain_ und _Hedelin d'Aubignac_. _Corneille_ selbst aber scheint sie erst am Ende seiner dramatischen Laufbahn aus erster Hand kennen gelernt zu haben, obwohl er in einigen früheren Vorreden zu seinen Dramen wiederholt auf _Aristoteles_ Bezug nimmt. In seinen drei "Discours" macht er sodann den freilich vergeblichen Versuch nachzuweisen, daß seine Tragödien den Lehren der Poetik allenthalben entsprechen.