Part 5
1. Jede Tragödie besteht aus einer _Lösung_ und einer _Schürzung_. Der Schürzung gehören oft Begebenheiten an, die noch außerhalb und einige, die innerhalb der Handlung fallen, das übrige bildet die Lösung. Unter Schürzung verstehe ich aber diejenige Verknüpfung, die vom Anfang bis zu demjenigen Teil reicht, der die Grenze bezeichnet, von der aus ein Umschwung in Glück oder Unglück sich vollzieht; unter Lösung diejenige vom Umschwung bis zum Schluß. So umfaßt im _Lynkeus_ des _Theodektes_ die Schürzung die Vorgeschichte, die Wegnahme des Kindes und was unmittelbar darauf folgt, die Lösung dagegen reicht von der Anschuldigung des Mordes bis zum Schluß.
2. Es gibt vier Arten der Tragödie und ebensoviele (?) Teile der Tragödie waren genannt worden, nämlich die verflochtene, die ganz auf Peripetie oder Erkennung hinausläuft, ferner die eine leidvolle Tat enthaltende (pathetische), wie z.B. die _Aias_--und (S. 37) (1456a) _Ixion_dramen, und die auf Charakterzeichnung beruhende (ethische), wie die _Phthiotinnen_ und der Peleus, die vierte, einfache erscheint in Verbindung mit den beiden letzteren, wie z.B. die _Phorkiden_, der _Prometheus_ und die Stücke, die im Hades spielen. Man sollte nun ganz besonders darnach trachten, alle diese Behandlungsarten sich anzueignen, falls dies aber nicht möglich, so doch die wichtigsten und meisten, zumal man gerade heutzutage die Dichter einer gehässigen Kritik zu unterziehen pflegt. Da es nämlich für jeden Teil (einer Tragödie) vortreffliche Dichter gibt, fordert man, daß der Einzelne die Virtuosität (Spezialität) eines jeden überbieten soll.
3. Von Rechts wegen darf man eine ganz verschiedene Tragödie (im Verhältnis zu einer anderen) als die nämliche ansprechen, selbst wenn sie im Stoff nicht zueinander stimmen. Dieser Fall tritt ein, wenn Schürzung und Lösung dieselben sind. Überhaupt _schürzen viele den Knoten vortrefflich, lösen ihn aber schlecht_. Es ist aber nötig, daß beides im Einklang stehe.
[Sidenote: c. 18, 4. Vorschriften für den Tragödiendiohter.]
4. Der Dichter muß ferner, wie wiederholt bemerkt wurde, sich daran erinnern seine Tragödie nicht episch zu gestalten. Unter episch verstehe ich aber einen vielstoffigen Inhalt, wie wenn jemand z.B. den ganzen Stoff der _Ilias_ dramatisieren wollte. Dort (im Epos) erhalten nämlich in Folge seiner Länge die Teile ihre angemessene Ausdehnung, in den Dramen aber wird dies (Verfahren) einen der Erwartung ganz entgegengesetzten Erfolg haben. Ein Beweis dafür ist, daß diejenigen, welche die Zerstörung _Ilions_ als Ganzes dramatisierten und nicht einzelne Teile, wie _Euripides_, oder die Sage der _Niobe_, und nicht wie _Aischylos_, entweder durchfielen oder im Wettkampf schlecht abschnitten, hat doch sogar _Agathon_ in diesem Punkte (S. 38) allein einen Mißerfolg zu verzeichnen.
5. In Peripetien und in einfachen Handlungen erreichen die Dichter in bewundernswerter Weise die Wirkung, die sie erstreben. Denn diese ist eine tragische und erweckt somit menschliche Teilnahme. Dieser Fall tritt ein, wenn ein kluger, aber schlechter Mensch, wie _Sisyphos_, hintergangen wird und ein mannhafter, aber ungerechter Charakter unterliegt. Denn auch das ist in dem Sinne wahrscheinlich, wie es _Agathon_ versteht, "_Ist es doch wahrscheinlich, daß vieles Unwahrscheinliche sich ereignet_."
6. Ferner muß der Dichter den Chor wie einen der _Schauspieler auffassen_, er soll ein (organisches) Glied des Ganzen sein und an der dramatischen Handlung teilnehmen, nicht wie bei _Euripides_, sondern wie bei _Sophokles_. Bei zahlreichen (Dichtern) haben die Chorlieder nicht viel mehr mit der betreffenden Fabel zu tun als mit irgend einer anderen Tragödie. Deshalb lassen sie (sogenannte) Embolima (Einlagen) singen, ein Brauch, den zuerst _Agathon_ aufbrachte. Und doch welch' ein Unterschied besteht darin, solche Intermezzi zu singen oder eine Rede aus einem Stück in ein anderes einzufügen [oder gar ein ganzes Episodion]?
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KAPITEL XIX
1. Über die anderen Arten (der Tragödie) ist nun gesprochen worden, es erübrigt noch über den _sprachlichen Ausdruck_ und die _Gedanken_ zureden. Das, was die _Gedanken_ angeht, mag in den Büchern über die Rhetorik seinen Platz haben, da dies mehr diesem Untersuchungsgebiet eigen ist. In den Bereich der Gedankenbildung fällt das, was vermittelst der (S. 39) (1456b) Rede bewerkstelligt werden muß, zu deren Funktionen das Beweisen und Widerlegen und die Erregung von Gemütsstimmungen gehört, wie Mitleid oder Furcht oder Zorn oder was es sonst noch derartiges gibt; ferner die Vergrößerung und Verkleinerung von Dingen. Es leuchtet aber ein, daß man auch in den Handlungen dieselben Gesichtspunkte anwenden muß, wenn man sie entweder mitleiderregend oder schrecklich oder groß oder wahrscheinlich machen will. Ein Unterschied besteht lediglich darin, daß diese Handlungen ohne (sprachliche) Belehrung sich kundgeben müssen, während die durch die Rede vermittelten von dem Redenden selbst bewerkstelligt werden und ein Ergebnis der Rede sein müssen, denn worin bestände denn sonst die Aufgabe des Redenden, wenn die Gedanken auch ohne Vermittlung der Rede in Erscheinung treten würden?
[Sidenote: c. 19, 2. Gedankenbildung. Der sprachliche Ausdruck.]
2. Von dem nun, was in das Gebiet des _sprachlichen Ausdrucks_ gehört, bilden _einen_ Teil der Untersuchung die _Satzarten_, deren Kenntnis übrigens mehr Sache der Vortragskunst ist und desjenigen, der deren Kunsttheorie beherrscht, wie z.B. was Befehl ist und was Wunsch oder Erzählung oder Drohung oder Frage oder Antwort und was es sonst derartiges gibt. Aus deren Kenntnis oder Unkenntnis kann aber der Dichtkunst keinerlei Tadel, der der Beachtung würdig wäre, erwachsen. Denn wer wird darin einen Fehler erkennen wollen, was _Protagoras_ rügt, daß (Homer) z.B. in der Meinung eine Bitte auszusprechen befiehlt, indem er sagt: _Singe, o Göttin, den Zorn_[44], denn, so behauptet er, jemanden auffordern etwas zu tun oder nicht zu tun sei ein Befehl.
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KAPITEL XX
[Sidenote: c. 20, 1. Der sprachliche Ausdruck.]
1. Der _sprachliche Ausdruck in seiner Gesamtheit_ (S. 40) enthält folgende Teile: den _Buchstaben_, die _Silbe_, das _Bindewort_, den _Artikel_, das _Nennwort_ (Substantiv), das _Zeitwort_ (Verbum), die _Beugung_ (Flexion) und den _Satz_ (Wortgefüge). Der _Buchstabe_ ist ein unzerlegbarer Laut, aber nicht in allen Fällen, sondern nur, wenn aus ihm naturgemäß ein zusammengesetztes Lautgebilde sich entwickeln kann, denn auch Tiere haben unzerlegbare Laute, von denen ich keinen einzigen als einen zusammengesetzten oder einen Buchstaben bezeichne. Die Teile dieses Lautes sind der _Selbstlauter_ (Vokal), der _Nichtlauter_ (Muta) und der _Halbvokal_ (Liquida).
Ein _Vokal_ hat einen hörbaren, ohne Anlegung (der Zunge) an die Lippen oder die Zähne gebildeten Laut, der _Halbvokal_ hat einen mit Anlegung (der Zunge) gebildeten, hörbaren Laut, wie z.B. R und S, der _Nichtlauter_ ist zwar ebenfalls mit Anlegung (der Zunge) gebildet, hat aber für sich keinen zusammengesetzten hörbaren Laut, sondern wird nur hörbar in Verbindung mit solchen, die irgend ein zusammengesetztes Lautgebilde haben, wie z.B. G und D.
Diese Lautgebilde unterscheiden sich nun wiederum nach den Mundbildungen und den Mundstellen, durch den rauhen und leichten Hauch (Spiritus asper und lenis), durch Länge und Kürze (Quantität), endlich durch Tonhöhe und Tiefe und das Mittlere. Die Erörterung über diese Dinge im Einzelnen gehört aber in das Gebiet metrischer Untersuchungen.
2. Die _Silbe_ ist ein zusammengesetzter, bedeutungsloser Laut, gebildet aus einer Muta und einem Vokal, denn G + R ohne A bildet keine Silbe, wohl aber mit A, wie in GRA. Jedoch die (S. 41) Erörterung auch dieser Unterschiede ist Sache der Metrik.
3. _Bindewort_ ist ein zusammengesetztes, bedeutungsloses (1457a) Lautgebilde, wie z.B. _men_ (= zwar), _ētoi_ (= wahrlich), _dê_" (= aber), oder aber ein Lautgebilde, das dazu bestimmt ist, aus mehreren Lautgebilden eines Lautes (?) einen einzigen bedeutsamen Laut (?) herzustellen.
4. _Artikel_ ist ein zusammengesetztes, bedeutungsloses Lautgebilde, welches Anfang oder Ende oder die Gliederung eines Satzes anzeigt, wie z.B. _amphi_ (= um), _perí_ (= über) usw. oder[45] aber ein zusammengesetztes bedeutungsloses Lautgebilde, welches einen einzigen bedeutungsvollen und aus mehreren Lauten entstandenen Laut weder verhindert noch hervorbringt und naturgemäß sowohl an die Spitze wie auch in die Mitte (des Satzes) sich stellen läßt.
5. _Substantiv_ ist ein zusammengesetztes, bedeutsames Lautgebilde ohne Zeitbestimmung, von dem kein Teil an und für sich etwas bedeutet, denn in zusammengesetzten Wörtern gebrauchen wir ihre Teile nicht als an und für sich bedeutsam, wie z.B. in _Theodoros_ (= Gottesgeschenk) _dōros_ keine (selbständige) Bedeutung hat.
[Sidenote: c. 20, 6. Der sprachliche Ausdruck.]
6. _Verbum_ ist ein zusammengesetztes, bedeutsames Lautgebilde mit Zeitbestimmung, von dem kein Teil ebenso wie beim Substantivum an und für sich Bedeutung hat. So bezeichnet _Mensch_ oder _weiß_ nicht das Wann, dagegen _er geht_ oder _er ist gegangen gangen_ oder _er wird gehen_ bezeichnet die Gegenwart (S. 42) Vergangenheit und Zukunft.
7. _Beugung_ (_Flexion_) bezieht sich auf das Substantivum oder das Verbum und bezeichnet teils das Wessen (= Genetiv) oder Wem (= Dativ) und anderes der Art, teils die Einzahl oder Mehrzahl, wie _der Mensch_ oder _die Menschen_, teils endlich die Ausdrucksweisen, wie z.B. Frage und Befehl, denn _ging er_? oder _geh_! ist eine Flexion des Verbums nach diesen Modalitäten.
8. Das _Wortgefüge_ (Satz) ist ein zusammengesetztes bedeutsames Lautgebilde, von dem einige Teile an und für sich etwas bedeuten, denn nicht jedes Wortgefüge besteht aus Verben und Substantiven, wie z.B. die Definition des Menschen[46], sondern es kann auch ohne Verba ein Satzgefüge entstehen, aber es wird dennoch stets irgend einen bedeutsamen Bestandteil enthalten, wie z.B. _Im Gehen, Kleon, der Sohn des Kleon_.
9. Eine Einheit kann aber auch das Wortgefüge auf zweifache Weise sein, entweder nämlich, daß es (an sich) ein Einheitliches bezeichnet oder aber, daß dieses aus der Verbindung von mehreren entsteht. So ist z.B. die _Ilias_ eine Einheit durch eine solche Verbindung der Satz vom Menschen aber dadurch, daß er (aus sich) eine Einheit bezeichnet.
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KAPITEL XXI
1. Von den _Arten des Substantivs_ sind die einen _einfach_, die anderen _zweiteilig_. Unter einem einfachen verstehe ich ein solches, das aus nicht bezeichnenden (S. 43) Teilen besteht, wie z.B. _Erde_ (Gé), unter diesem ein solches, das einerseits aus einem bezeichnenden und einem nichtbedeutsamen Teil besteht, nur daß innerhalb des (zweiteiligen) Substantivums der bezeichnende und nichtbedeutsame Bestandteil nicht in Betracht kommt, andrerseits sich nur aus bezeichnenden Bestandteilen zusammensetzt. Es gibt freilich auch ein dreifaches und vierfaches Kompositum, ja sogar ein vielfaches, wie viele Bildungen der Massalioten, z.B. _Hermokaikoxanthos_. (1457b)
2. Jedes Wort ist entweder ein _allgemein gebräuchliches_ oder eine _Glosse_ oder eine _Metapher_ oder eine _schmückende Bezeichnung_ oder ein _neugebildetes_ oder ein _gedehntes_ oder ein _verkürztes_ oder ein _umgewandeltes_.
3. Unter einem _allgemein gebräuchlichen_ Wort verstehe ich, was jedermann gebraucht, unter einer _Glosse_ das, was Fremde gebrauchen, so daß offenbar ein und dasselbe Wort sowohl eine Glosse wie allgemein gebräuchlich sein kann, nur freilich nicht bei denselben Personen. So ist _Sígynon_ (= Wurfspieß) bei den _Kypriern_ allgemein gebräuchlich, bei uns aber eine Glosse, und umgekehrt _dory_ (= Wurfspieß) bei uns allgemein gebräuchlich, bei den _Kypriern_ dagegen eine Glosse.
[Sidenote: c. 21, 4. Der sprachliche Ausdruok.]
4. Eine _Metapher_ besteht darin, daß man einem Worte eine ihm (ursprünglich) nicht zukommende Bedeutung beilegt, sei es (1) von der Gattung auf die Art oder (2) von der Art auf die Gattung oder (3) von der Art auf eine (andere) Art oder endlich (4) auf Grund einer Proportion.
Als Beispiel von der Gattung auf die Art nenne ich "Hier steht mein Schiff"[47], denn "vor Anker liegen" bezeichnet das "Stehen" eines bestimmten Gegenstandes (S. 44)
(2) Von der Art auf die Gattung: "_Ja, der zehntausend herrliche Taten vollbrachte, Odysseus_".[48] Diesen Ausdruck "zehntausend" braucht er (der Dichter) nämlich statt "viele".
(3) Von der Art auf die Art z.B. "_Mit dem Erze abschöpfend die Seele_" und "_abschneidend (von fünf Brunnen) mit dem unverwüstlichen ehernen Kruge_,[49] denn dort bezeichnet das "Wegschöpfen" ein "Schneiden", hier dagegen das "Schneiden" ein "Wegschöpfen", beides sind aber (besondere) Bezeichnungen für etwas "wegnehmen".
(4) Eine _Proportion_ nehme ich an, wenn das Zweite (B) sich zum ersten (A) ebenso verhält, wie das vierte (D) zum dritten (C). Dann wird man an Stelle des zweiten (B) das vierte (D) oder an Stelle des vierten (D) das zweite (B) nennen können. Zuweilen fügte man auch das, an dessen Stelle man etwas nennt, zu dem mit ihm in einem gewissen Verhältnis stehenden hinzu (+ A oder + C). Ich meine z.B., die Trinkschale (B) verhält sich zu _Dionysos_ (A) genau so wie der Schild (D) zu _Ares_ (C). Man wird mithin die Trinkschale (B) den Schild des _Dionysos_ (D + A) und den Schild (D) die _Trinkschale des Ares_[50] (B + C) nennen können. Oder, was das Greisenalter (D) zum Leben (C), das ist der Abend (B) zum Tage (A). Man wird mithin den Abend (B) als das Greisenalter des Tages (D + A) oder auch [wie Empedokles] das Greisenalter (D) den Abend des Lebens (B + C) oder den _Untergang des Lebens_[51] nennen können.
Bei einigen Metaphern gibt es keine Bezeichnung für (S. 45) das proportionale Glied, trotzdem wird man sich in ähnlicher Weise ausdrücken können. Z.B. heißt den "Samen ausstreuen" "säen", dagegen gibt es für "Flamme ausstreuen" von Seiten der Sonne keine eigene Bezeichnung aber dies (Ausstreuen der Flamme) (B) verhält sich zur Sonne (A) ebenso wie das "Säen" (D) zu dem "Samen (C) und deshalb sagt (der Dichter): _Säend die gottgeschaffene Flamme_ (D + A)[52].
Nun kann man aber diese Art der Metapher auch noch in einer anderen Weise anwenden, indem man einem Gegenstande Fremdartiges unterlegt und ihm dadurch zugleich etwas von seinen eigentümlichen Eigenschaften abspricht, so z.B., wenn man den Schild zwar eine Trinkschale, aber nicht des _Ares_, sondern "weinlos" nennen würde.
5. < _Die schmückende Bezeichnung _...>
6. Ein _neugebildetes Wort_ ist, was von niemandem überhaupt (vorher) gebraucht der Dichter selbst (dem Sprachschatz) hinzufügt, denn es scheint einige Wörter dieser Art zu geben, wie z.B. statt "Hörner" _érnyges_(--Sprossen)[53] und statt "Priester" ārētēr (= Beter)[54].
[Sidenote: c. 21, 7. Der sprachliche Ausdruck.]
7. Das verlängerte und verkürzte Wort betreffend, (1458a) so entsteht ersteres durch die Anwendung eines längeren Vokals als dem Worte zukommt oder durch Hinzufügung einer Silbe, letzteres, wenn ihm etwas entzogen wird. Ein verlängertes Wort ist z.B. _polēos_ (--Stadt) neben _poleōs_ und < _Pēlēos_ neben> _Pēleos_ und _Pělēiádeō_ ; ein verkürztes (S. 46) z.B. _krí_ (= kríthē "Gerste") und _dō_ (= dōma "Haus") und
_Eins wird beider Anschau_ (= Anschauung, _ops_ für _opsis_).[55]
8. _Umgewandelt_ ist endlich ein Wort, wenn man den einen Teil beibehält, einen anderen aber hinzufügt, wie z.B. unter der "_rechteren_" _Brust_[56], statt der rechten (_dexíteron_ = _déxion_).
9. Von Substantiven selbst sind die einen _männlich_, andere _weiblich_, wieder andere _dazwischen_ (= sächlich). Männlich sind die, welche auf N und E und S ausgehen und solche, die mit letzterem zusammengesetzt sind, deren es zwei gibt, Xi (= Ksi) und Psi; weiblich, die auf Vokale, die stets lang sind, nämlich auf Eta und Omega (ē u. ō), und auf A, unter den Vokalen, die verlängert werden können, ausgehen. So trifft es sich, daß die Anzahl der Endungen für die männlichen und weiblichen die gleiche ist, denn _Xi_ und _Psi_ sind nur zusammengesetzt. Auf einen Stummlauter (Muta) endet kein Substantivum, noch auf einen stets kurzen Vokal. Auf "i" nur drei, nämlich _méli_ (Honig), _kómmi_ (Gummi), _péperi_ (= Pfeffer), auf y ("ü") fünf, nämlich _dóry_ (= Lanze), _pōy_ (= Herde), _nápy_ (= Senf), _góny_(= Knie), _ásty_(Stadt). Die sächlichen enden auf dieselben Buchstaben sowie auf N und S, wie z.B. _déndron_ (= Baum) auf N und _génos_ (= Geschlecht) auf S.
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KAPITEL XXII
1. Die _Güte des sprachlichen Ausdrucks_ be steht darin, daß er _klar_ und _nicht flach_ (banal) (S. 47) ist. Am klarsten ist er nun freilich, wenn er sich nur allgemein gebräuchlicher Wörter bedient, was aber Flachheit mit sich bringt. Ein Beispiel dafür bietet die Dichtung des _Kleophon_ und die des _Sthenelos_. Erhaben und das Gewöhnliche (Alltägliche abstreifend wird er durch die Anwendung fremdartiger Wörter. Unter einem fremdartigen Wort verstehe ich die Glosse, die Metapher, die Erweiterung und überhaupt alles, was sich von dem Alltäglichen entfernt.
2. Wollte aber jemand in lauter derartigen Wörtern dichten, so wird sich entweder ein _Rätsel_ oder ein _Kauderwelsch_ (Barbarismus) ergeben und zwar, falls in Metaphern, ein _Rätsel_; falls in Glossen, ein Kauderwelsch. Denn es liegt im Wesen des Rätsels, zwar Tatsächliches zu sagen, aber Unmögliches zu verbinden. Durch die Verknüpfung anderer Wörter kann man dies nicht bewirken, durch eine Verknüpfung von Metaphern aber ist dies möglich, wie z.B.
_Einen sah ich mit Feuer das Erz anlöten dem andern_[57] und dergleichen. Aus Glossen entsteht (wie gesagt), der Barbarismus <z.B. ....>.
Man muß daher diese Formen, nämlich die Glosse, die Metapher, die schmückende Bezeichnung und die übrigen bereits erwähnten Arten in einer gewissen Mischung verwenden. So wird man etwas nicht Alltägliches und nicht Flaches schaffen, das Allgemeingebräuchliche wird dagegen die (nötige) Deutlichkeit verleihen.
[Sidenote: c. 22, 3. Der sprachliche Ausdruck.]
3. Aber den keineswegs geringsten Teil zur Klarheit (1458b) des sprachlichen Ausdrucks, ohne darum ins Alltägliche zu verfallen, tragen Verlängerungen, Verkürzungen und Umwandlungen bei. Da sie nämlich anders lauten als (S. 48) das allgemein Gebräuchliche bewirkt das vom Üblichen Abweichende, daß man nichts Alltägliches zustande bringt; durch die Verquickung mit dem allgemein Gebräuchlichen dagegen wird die Klarheit sich ergeben.
4. Deshalb sind diejenigen Nörgler im Unrecht, welche eine derartige Redeweise einer scharfen Kritik unterziehen und den Dichter (Homer) verhöhnen, wie _Eukleides_ der Ältere es getan, indem er behauptete, daß es gar leicht sei zu dichten, wenn jemand berechtigt wäre, (Vokale) nach Gutdünken zu verlängern oder zu verkürzen und jenes (Verfahren) in dem Ausdruck selbst verspottete.[58]
_Ĕ̅pichár|en_[59] _ĭ̅|don Mara|thónade bă̅di|zonta_ (= _Aepicharen sah ich gen Marathón spazieren gehen_)
_Ouk an|g' ě̅ramen|os ton|keínon|ellě̅|bŏ̅ron_[60] (= _Der wohl kaum in Liebe entbrannte für jenes Niésswurz_.)
Freilich ist ein irgendwie augenfälliges Verfahren dieser Art lächerlich. Aber eine maßvolle Anwendung ist überhaupt eine gemeinsame (Vorbedingung) für alle Teile (des sprachlichen Ausdrucks). Denn wollte jemand geschmacklos, d.h. absichtlich auf die komische Wirkung rechnend, Metaphern, Glossen und die übrigen Arten anwenden, würde er dasselbe erreichen (wie bei jenen Dehnungen).
[Sidenote: c. 22, 5. Der sprachliche Ausdruck.]
5. Welch einen _Unterschied die angemessene Verwendung_ (dieser Formen) _macht_, möge man am Epos sich veranschaulichen, indem man die _allgemein_ (S. 49) _gebräuchlichen Wörter in den Vers_ setzt und auch wenn jemand bei der Glosse, der Metapher und den übrigen Arten die allgemein gebräuchlichen Wörter dafür eintauscht, würde er sehen, daß unsere Behauptung wahr ist. So hat z.B. Euripides denselben jambischen (Trimeter) gedichtet wie _Aischylos_ und nur durch das Einsetzen eines einzigen Wortes, nämlich einer Glosse statt eines allgemein gebräuchlichen, üblichen Wortes, bewirkt, daß sein Vers nun trefflich, der _des Aischylos_ aber gewöhnlich erscheint. _Aischylos_ dichtete nämlich im _Philoktet_:
/* _Das Krebsgeschwür, das meines Fußes Fleisch frißt_. */ Jener (Euripides) setzte an Stelle von "frißt" den Ausdruck "schmaust."
Und ebenso (gewöhnlich würde es sein), wenn jemand in dem Verse
/* _Nun de m'eón olígos te kai outidanós kai aeikés_[61] */
(_Nun aber ist's so ein Zwerg, so ein nichtsnutz'ges, unschönes Männlein_)
die allgemein gebräuchlichen Wörter einsetzen würde:
/* _Nyn de m'eón mikrós te kai asthenikós kai aeidés_ */
(_Nun aber ist's so ein kleines und schwächliches häßliches Männlein_)
und ebenso statt
/* _díphron t'aikélion katathéis oligén te trápezan_[62] */
(_Niedersetzend den armsel'gen Stuhl und den winzigen Eßtisch_)
/* _díphron mochtherón katatheís mikrán te trápezan_ (S. 50) */
(_Niedersetzend den schlechten Stuhl und den kleinlichen Eßtisch_)
oder endlich, statt
/* Ēiones boóōsin[63] (es brüllten die Ufer) Ēiones krázousin (es schrien die Ufer). */
6. So hat auch _Ariphrades_ die Tragiker verspottet, weil sie Ausdrücke anwenden, deren sich niemand in der Umgangssprache bediene, z.B. domátōn apó (von den Häusern weg[64], [nicht apó domátōn] (weg von den Häusern) und séthen[65] (= deines, statt su), egó de nin (= ich aber ihn statt autón[66]), und Achilléōs peri[67] (Achilles wegen) [nicht peri Achilléōs] (wegen Achilles) und was dergleichen (1459a) mehr sind. Denn gerade weil alle derartigen Wendungen nicht unter die allgemein gebräuchlichen fallen, verleihen sie dem sprachlichen Ausdruck den Charakter des nicht Alltäglichen. Das wußte aber jener (Spötter) nicht.
7. Ist es nun schon wichtig jede der erwähnten Ausdrucksarten in angemessener Weise zu verwenden, sowohl die Komposita wie die Glossen, so ist doch der metaphorische Ausdruck der bei weitem wichtigste, denn diesen allein kann man nicht von einem anderen lernen, ist dies doch gewissermaßen ein Zeichen von Genialität. Denn gute Metaphern erfinden heißt einen Spürsinn (scharfen Blick) für das (S. 51) Ähnliche (im Unähnlichen) haben.
8. Von den Wortarten selbst nun eignen sich _Komposita_ am meisten für die _Dithyramben_, die _Glossen_ für die _Heldengedichte_, die _Metaphern_ für _jambische Trimeter_ (der Tragödie). In Heldengedichten sind alle die genannten Arten anwendbar, in jambische Trimeter dagegen, da sie, soweit wie irgend möglich, den Gesprächston nachahmen, fügen sich nur diejenigen Wortarten, deren jemand auch in der prosaischen Rede sich bedienen würde, der Art sind aber das allgemein Gebräuchliche, die Metapher und die schmückende Bezeichnung.
Über die Tragödie, d.h. über die im Handeln sich vollziehende nachahmende Darstellung mag uns also das Gesagte genügen.
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KAPITEL XXIII
1. Was nun die erzählende und in einem (einheitlichen) Versmaß verfaßte nachahmende Darstellung betrifft, so leuchtet es ein, daß diese Stoffe wie in den Tragödien dramatisch angelegt sein müssen, d.h. daß sie sich um eine _einheitliche, eine ganze und in sich abgeschlossene Handlung bewegen müssen_, die Anfang und Mitte und Ende hat, auf daß sie, wie ein einheitliches und vollständiges Lebewesen, die ihr eigentümliche Lustempfindung hervorrufe.
[Sidenote: c. 23, 2. Das Epos.]