Über den Bildungstrieb

Part 4

Chapter 41,806 wordsPublic domain

Eine andere eben so bekannte und hier eben so sprechende Erfahrung ist die, wo die Natur den Verlust eines Glieds dessen mannichfaltigen Stoff sie nicht vollkommen hätte ersetzen können, dennoch mittelst einer einfachern etwa knorplichten oder knochichten Substanz zu vergüten sucht, die durch die Kraft des Bildungstriebes in die Gestalt des verlornen Glieds geformt, und so wenigstens zu einigen Gebrauch geschickt gemacht wird. So hat der berühmte Wundarzt ~Morand~ einen Hasen beschrieben, dem lange vor seinem Tode einmal der eine Vorderfus war abgeschossen worden, den ihm die Natur wenn gleich nicht _quoad materiem_ doch wenigstens _taliter qualiter quoad formam_ durch ein Surrogat, nemlich durch eine pfotenförmige Knochenmasse, die sie hervortrieb, zu ersetzen gesucht hatte[35].

Wenn, wie ich mir schmeichle, schon die wenigen ausgehobnen Phänomene der Zeugung und Reproduction die unleugbare Existenz des Bildungstriebes überhaupt darthun, so giebt es nun unter den zahllosen übrigen verschiedene, die dann ferner dazu dienen können, die Würkungs-_Art_ dieser wichtigen Lebenskraft und gleichsam einige ihrer _Gesetze_ näher zu bestimmen; und so glaube ich lassen sich vor der Hand wenigstens nachstehende, als simple Resultate ungezweifelter Erfahrungen angeben:

I. _Die Stärke des_ Bildungstriebes _steht mit dem zunehmenden Alter der organisirten Körper in umgekehrten Verhältnis._ -- Denn, so ausgemacht es z. B. ist, daß es wie oben gedacht, immer eine bestimmte Zeit braucht, bevor sich die erste Spur der neuempfangnen Frucht zeigen kan, eben so ausgemacht ist es hingegen, daß auch sogleich nach Verlauf dieser Zeit die Ausbildung derselben zum Erstaunen schnell und eiligst vor sich geht. Insgemein werden zwar die frühzeitigen menschlichen Embryonen sehr unförmlich abgebildet: allein die Schuld mag wohl mehr an den Zeichnern, oder auch daran liegen, daß dergleichen Abortus etwa äußere Gewalt erlitten, verdruckt, entstellt und unkenntlich worden, oder schon angefangen in Fäulnis zu gehen, und dadurch viel von der ausnehmenden Eleganz verloren haben, die man sonst an ihnen bewundern muß. Ich besitze dergleichen so ungemein saubere menschliche Leibesfrüchte aus den ersten Monaten der Schwangerschaft, zumal einige, die ich der Güte meines theuren Freundes des Hrn. Hofr. ~Büchner~ in Gotha verdanke, wo man z. B. bey einer aus der fünften Woche und von der Größe einer gemeinen Werkbiene, die völligen Gesichtszüge, jede Fingerspitze, jede Fuszehe, die Geschlechtstheile etc. aufs deutlichste erkennen kan.

Und eben diese frühe Würksamkeit des Bildungstriebes erstreckt sich bey weiten nicht blos auf die äußere Gestalt der Embryonen, sondern ist in ihrem ganzen innern Bau fast noch auffallender merklich. Ich bin über die frühzeitige Vollkommenheit der Eingeweide u. a. Theile erstaunt, die ich bey der Zergliederung frischer menschlicher Leibesfrüchte aus den ersten Monaten nach der Empfängnis, gefunden habe. Nur einen Umstand anzuführen, so war im Kopf derselben, der ohngefähr die Größe einer Zuckererbse hatte, und dessen Gehirn noch wie ein weicher Brey war, schon der ganze knorplichte Boden der Hirnhöle (_basis cranii_) mit allen seinen Gruben, Oeffnungen und Hügeln aufs schärfste und deutlichste ausgewirkt, obgleich weder am Keilbein, noch am Felsenbein etc. auch nur die mindeste Spur eines Knochenkerns zu finden war.

So wenig nun bey Voraussetzung der präformirten Keime abzusehen ist, was sie so lange Zeit, nachdem sie an den Ort ihrer Bestimmung angelangt, befruchtet, und zur Entwickelung angereizt sind, demohngeachtet davon zurückhalten kan; eben so wenig steht zu begreifen, warum sie nun nach dieser räthselhaften Pause mit einem mal so plötzlich und gleich zu einer so ansehnlichen Größe sich auswickeln sollen u. s. w. Hingegen hat es nach dem was oben von der nöthigen Vorbereitung der Zeugungssäfte, bevor der Bildungstrieb in ihnen rege werden kan, gesagt worden, nichts schwieriges, daß alsdann dieser neu erregte Trieb in seiner vollen Stärke, in aller seiner noch ungetheilten Thätigkeit die Grundlage der Bildung des neuen Geschöpfs so schnell bewirken kan.

Wie aber auch selbst noch nach der Geburt das gleiche umgekehrte Verhältnis zwischen der Stärke des Bildungstriebes und dem zunehmenden Alter statt habe, ist aus der vorzüglichern Leichtigkeit der Reproductionsversuche bey jugendlichen Thieren, jungen Wassermolchen etc. bekannt.

II. _Wiederum ist dieser frühe_ Bildungstrieb _doch bey den neuempfangenen Säugethieren noch ungleich stärker, als bey dem bebrüteten Küchelgen im Eye._ Beym Hühnchen z. B. zeigt sich die allererste Spur der neugebildeten Rippen erst in der 192ten Stunde des Bebrütens. Dieser Termin aber, wenn die ganze Brützeit der Henne mit der Schwangerschaft im Menschengeschlecht verglichen wird, fällt ohngefähr mit der 16ten Woche derselben zusammen. Allein ich besitze selbst menschliche Embryonen in meiner Sammlung, die nicht viel größer als eine gemeine Ameise, die folglich höchstens in die 5te Woche nach der Empfängnis zu setzen sind, und bey welchen sich dennoch die knorplichte Grundlage der bogenförmigen scharfausgewirkten Rippen aufs allerdeutlichste erkennen läßt. Es scheint die Natur eilt bey den lebendig gebärenden Thieren der Frucht so früh als möglich gleich bestimmte Ausbildung zu geben, und sie dadurch für vielen zufälligen Verunstaltungen von gewaltsamen Druck u. a. dergl. Gefahren zu sichern, denen hingegen das in seiner Eyerschaale festverwahrte Küchelgen bey weiten nicht so leicht ausgesetzt ist.

III. _Aber auch bey Formation der einzelnen Theile des organisirten Körpers ist der_ Bildungstrieb _bey manchen derselben von einer festern, bestimmtern Wirksamkeit, als bey andern._ -- So hat z. B. der alte, aber um die Physiologie unendlich verdiente ~Conr. Vict. Schneider~ angemerkt, daß das Gehirn fast immer seine Bildung so constant erhalte[36]. Wie unendlich häufiger sind hingegen die Varietäten in der Gestaltung der Nieren, der Milchsaftröhre u. dergl.

IV. _Unter die mancherley Abweichungen des_ Bildungstriebes _von seiner bestimmten Richtung gehört vorzüglich diejenige, wenn er bey Bildung der_ einen _Art organischer Körper, die für eine_ andere _Art derselben bestimmte Richtung annimmt._ -- So glaube ich mir einige räthselhafte Phänomene erklären zu können, davon ich nicht absehe, wie sie je nur irgend leidlich mit der Einschachtelungshypothese der präformirten Keime sollten verglichen werden können. -- Bekanntlich haben die Weiber nach dem ordentlichen Lauf der Natur zur Aufnahme ihrer neuempfangnen Frucht ein einfaches Organ. Die mehresten übrigen weiblichen Säugethiere hingegen ein doppeltes. Nun aber sind die Fälle nicht selten, wo man auch bey Frauenzimmern einen förmlichen solchen thierischen _vterus bicornis_ gefunden, so daß es dann von dieser Seite geschienen, als wenn würklich die Iphigenia verschwunden, und ein Reh an ihre Stelle gezaubert wäre. Irre ich nicht, so giebt hier dieses vierte Gesetz des Bildungstriebes den Schlüssel dazu. -- Auch die so oft bemerkten Beyspiele von gehörnten Haasen mit vollkommen ausgebildeten kleinen Rehgeweihen auf dem Kopfe würde ich hieher rechnen. Und vielleicht läßt sich eben dahin manche sonst räthselhafte Abweichung im Bau gewisser Gewächse zählen, wie z. B. die von ~Gleditsch~ beschriebene Erle mit Eichenblättern etc.[37]

V. _Eine andre eben so merkwürdige Abweichung des_ Bildungstriebes _ist, wenn bey Ausbildung der Sexualorgane, die beym_ einen _Geschlecht mehr oder weniger von der Gestaltung des_ andern _annehmen._ Man hat in unsern sceptischen Zeiten auch die Möglichkeit der Zwittergestaltung beym Menschen u. a. warmblütigen Thieren zu bezweifeln beliebt. Und doch hat Hr. ~von Haller~ hier in Göttingen und neuerlich Hr. ~Joh. Hunter~ in London u. a. m. die genauesten Zergliederungen von Thieren, zumal aus dem Ochsen- und Ziegengeschlechte gegeben, die über die ausgemachte Würklichkeit solcher Zwittergestaltungen keinen Zweifel mehr übrig lassen. In keinem dieser Fälle sind zwar würklich die wesentlichsten Zeugungstheile der beiden Geschlechter, z. B. männliche Geilen und weibliche Eyerstöcke, deutlich und vollkommen im gleichen Individuo verbunden; sondern die Hauptbildung stellt immer die Genitalien des einen von beiden Geschlechtern dar, offenbar aber zeigen sich dabey im einen oder dem andern Theil die unverkennbarsten Spuren von unvollkommnern Entwürfen zum Bau einiger Sexualorgane des andern. Meist nemlich liegen inwendig wahre männliche Organe, und die äußern hingegen haben dabey mehr oder weniger Aehnlichkeit mit den weiblichen.

VI. _Wenn aber endlich der_ Bildungstrieb _nicht blos wie in den vorigen Fällen eine_ fremdartige, _sondern eine_ völlig wiedernatürliche _Richtung befolgt, so entstehen_ eigentlich sogenannte +Misgeburten+. -- Und dennoch ergiebt sich bey einer nähern Beleuchtung aus der bewundernswürdigen Gleichförmigkeit die unter vielen Arten von Monstrositäten herrscht, daß doch auch selbst die Ursachen, die in diesen Fällen dem Bildungstriebe die falsche Richtung geben, dennoch an sehr bestimmte Gesetze gebunden seyn müssen. Wer nur irgend Gelegenheit gehabt hat, eine beträchtlichere Anzahl von Misgeburten unter einander zu vergleichen, oder wer auch nur die sonst freylich so schaalen compilirten Bilder-Bücher davon mit einiger Aufmerksamkeit durchblättert hat, dem kan die auffallende Gleichheit nicht entgangen seyn, mit welcher diese oder jene Art von Monstrosität sich immer selbst bis auf Kleinigkeiten ähnlich bleibt, so daß die Stücke von so einer Art alle wie aus einer Form gegossen scheinen.

Und hier nun noch zuletzt abermals ein Phänomen, bey dessen Erklärung es wieder den Lesern selbst überlassen bleiben mag, zwischen präformirten Keimen oder Bildungstrieb zu wählen. -- Manche thierische Misgeburten (z. B. die mit doppelten Leibern und einem gemeinschaftlichen Kopf) sind von der Art, daß sie nach der ausdrücklichen Behauptung des Hrn. ~von Haller~ und andrer Verfechter der Keime nicht etwa durch das Zusammenwachsen zweyer Keime und andere dergleichen Zufälle entstanden seyn, sondern in der ursprünglich-monstrosen ersten Anlage eines einzelnen Keims ihren Grund haben sollen: d. h. sie waren schon von je als Misgeburt präformirt. Nun aber -- sind diese Misgeburten unter gewissen _Hausthieren_ so gemein, und doch unter den wilden Thieren _derselben Art_ fast unerhört. Soll das also der Schöpfer so prädestinirt haben, daß von den in einander geschachtelten Keimen einer Gattung von Thieren, z. B. von Schweinen, die monstrosen gerade dann erst an die Reihe der Entwickelung kämen, wenn der Mensch sich diese Thiere unterjocht haben würde; und daß diese Keime zu Misgeburten dann auch gerade blos den unterjochten und nicht den zu gleicher Zeit wild lebenden Individuis zur Entwickelung anheim fallen müßten.

Hingegen hat es hoffentlich nichts wiedersinniges anzunehmen, daß nach der Unterjochung der Hausthiere, wodurch ihr ganzes Naturel gleichsam umgeschaffen worden, ihre ganze körperliche Oekonomie so viele Veränderung erlitten; daß dann auch ihr Bildungstrieb etwas von seiner sonstigen Bestimmtheit verloren hat, und daß folglich diese Thiere, so wie sie dadurch in zahllose _Spielarten_ degeneriren, so auch den Monstrositäten häufiger unterworfen seyn können.

* * * * *

Dieß wären dann meines Bedünkens die vorzüglichern Beobachtungen und Erfahrungen, die zum Erweis des Bildungstriebes und der nähern Bestimmung einiger seiner Gesetze dienen können, und die mich immer mehr und mehr von der sonst von mir beyfälligst bewunderten Theorie der eingeschachtelten Keime zurückgebracht und eben auf diese ihr sehr entgegengesetzte Bahn geführt haben. Mit aller Hochachtung für den behutsamsten philosophischen Scepticismus, konnte ich bey einem solchen Ueberwicht von augenscheinlichen Gründen doch unmöglich meiner sinnlichen Ueberzeugung entgegen kämpfen; unmöglich bey solchen Beobachtungen so wie dort die gute Matrone in den Erzählungen der ~Margarethe~ von Navarra, -- da sie auch eine unerwartete, und ihrem sonstigen System wiedersprechende Beobachtung machte die auf den Bildungstrieb einen sehr directen Bezug hatte, -- ausrufen: „Behüte mich der Himmel, daß mein Herz nicht etwa glaubt, was meine Augen sehen!“

[31] „_Démontrer une erreur, c’est plus que découvrir une verité: car l’on peut ignorer beaucoup; mais le peu que l’on sait, il faut au moins le savoir bien._“ in der Vorrede zum _Ess. anal. des fac. de l’ame_.

[32] Eine Gattung _Wasserfaden_, die ~Linné~ die _Brunnenconferve_ (_+conferva+ fontinalis_) nennt.

[33] Wie z. B. _nidus pulli_, _bulla_, _amnion_, _figura venosa_ etc.

[34] ~Pechlin~ und ~Tulp~ haben dergleichen Fälle beschrieben.

[35] „_c’etoit_“, wie er sich ausdruckt „_une espèce de jambe de bois, dont la nature seule avoit fait les frais_.“

[36] „_In corpore humano_“ sagt er „_nulla pars faciem suam rarius mutat quam cerebrum._“

[37] _+Betula+ alnus quercifolia._ s. ~Gleditsch~ _hinterlaßne Abhandl. das practische Forstwesen betreffend_.