Part 3
Die Schlußfolgen aus allen diesen Beyspielen ergeben sich von selbst. Können einmal vollkommne besondere Knochen, ganz neue ungewöhnliche Gelenke, neue organische Häute mit eben so neuen Blutgefäßen, _da_ gebildet werden, wo an keinen dazu präformirten Keim zu denken ist, wozu brauchts denn überhaupt der ganzen Einschachtelungshypothese?
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Allein auch selbst die Erscheinungen bey Zeugung der _Bastarde_ wiedersprechen allen Begriffen von Präexistenz eines präformirten Keims so schlechterdings, daß man kaum absieht, wie bey einer reifen Erwägung der erstern, die letztern noch ernstliche Vertheidiger haben finden können. Mich dünkt eine einzige Erfahrung wie die, da Hr. ~Kölreuter~ durch wiederholte Erzeugung fruchtbarer Bastardpflanzen, endlich die eine Gattung von Tabak (_+Nicotiana+ rustica_) so vollkommen in eine andere (_+Nicotiana+ paniculata_) verwandelt und umgeschaffen, daß sie nicht eine Spur von ihrer angestammten mütterlichen Bildung übrig behalten hat, müßte doch die eingenommensten Verfechter der Evolutionstheorie von ihrem Vorurtheil zurückbringen. Dieser vortreffliche Beobachter hatte nemlich durch die künstliche Befruchtung der erstern Gattung von Tabak mit dem Blumenstaube von der letztern, fruchtbaren Bastard-saamen erhalten, und hatte dann die daraus gezognen Pflanzen, (die in ihrer Bildung schon das Mittel zwischen ihren beiden Stammeltern hielten), vom neuen und mit gleichen Erfolg mit Blumenstaube von der _paniculata_ befruchtet. Da dieß wiederum fruchtbaren Saamen, und dieser wiederum Pflanzen gab die von der mütterlichen Gestaltung noch mehr abwichen, so hat er mit diesen letztern den nemlichen Versuch noch einmal wiederholt, und so endlich sechs Pflanzen erhalten, die sämmtlich, ihrer ganzen Bildung nach, mit der natürlichen _paniculata_ vollkommen übereinstimmten, ohne sich im mindesten weiter von derselben zu unterscheiden, so daß er in seinem classischen Werke, der Nachricht von diesen berühmten Versuchen, mit ganzem Rechte die Aufschrift giebt: _Gänzlich vollbrachte +Verwandlung+ einer natürlichen Pflanzengattung in die andere._
Ich weis sehr wohl, daß die Gönner der Evolution sich bey Erklärung der Bastarderzeugung damit auszuhelfen suchen, daß sie dem männlichen Zeugungsstoffe, außer der reizenden Kraft, womit er den schlafenden mütterlichen Keim _erwecken_ soll, in diesem Fall auch noch _bildende_ Kräfte zugestehen, wodurch dann jene Keime freylich in etwas zur väterlichen Gestaltung umgeformt würden etc. Was ist aber in aller Welt eine solche Ausflucht anders, als ein stilles Geständnis der gebrechlichen Unzulänglichkeit des Keim-systems und der Nothwendigkeit zu Rettung desselben immer doch nebenher zu bildenden Kräften Zuflucht nehmen zu müssen. Und wenn nun aber diese bildenden Kräfte so stark sind, daß sie binnen wenigen Generationen die ganze Form des mütterlichen Keims gleichsam vertilgen und in eine andere umschaffen, so ist nicht abzusehen, wozu denn also überhaupt der Keim präformirt zu seyn brauchte?
[14] „_l’evolution commence à me paroitre la plus probable etc._“
[15] Man sehe z. B. die Vorrede zu diesem seinen Werke S. ~IX~ u. f. der Ausg. v. 1768. „_Enfin cette découverte importante“ (que le Germe appartenoit à la Femelle, qu’il préexistoit ainsi à la Fecondation, et que l’Evolution étoit la Loi universelle des Etres organisés) „que j’attendois et que j’avois osé prédire, me fut annoncée en 1757. par Mr. le Baron_ ~de Haller~, _qui la tenoit de la Nature elle-même._“ -- „_La découverte de Mr._ ~de Haller~ _prouvoit d’une manière incontestable, que le Poulet appartenoit originairement à la Poule, et qu’il préexistoit à la Conception._“
und in seinem Briefe an Hrn. ~v. Haller~ v. 30. Oct. 1758: „_Vos Poulets m’enchantent: je n’avois pas espéré que le secret de la Génération commenceroit sitôt à se dévoiler. C’est bien vous, Monsieur, qui avez sçu prendre la Nature sur le fait._“
[16] Rosenschwämme, _spongiae cynosbati_.
[17] In der Vorrede zum VIIIten Bande der _collection academique, P. étrangere_. pag. 22 sqq.
[18] „_Nunquam fieri potest, vt inter tubulum millionesies minorem, et millionesies maiorem continuitas oriatur._“ _Elem. physiol._ T. VIII. P. I. p. 94. vergl. mit den _prim. lin. physiol._ §. 883. und den _operib. minorib._ T. II. pag. 419.
[19] _Elem. physiol._ a. a. O. S. 257.
[20] _Mirac. nat._ pag. 21. „_admiratione dignum est, nigrum illud punctum, quod in ovis ranarum videre est, ipsum ranunculum omnibus suis partibus absolutum; albicantem vero et circumfusum illum liquorem non nisi alimentum eius esse; quod ipsum sensim dilatatum ita attenuatur, vt exire cum velit possit_“ _etc._
„_Magis mirum est, hunc ipsum ranunculum in ovario vsque adeo exiguum ortus et incrementi sui principium habere, vt fere visum effugiat, vtut ipsum animal sub hac tantula mole delitescat._“
und bald hernach zieht er dann den allgemeinen Schluß: „_Nullus mihi in rerum natura generationi, sed soli propagationi vel incremento partium locus esse videtur, vbi casus omnis excludatur._“
[21] _Dissertazioni di fisica animale, e vegetabile_ T. II. _in Modena_ 1780. 8.
[22] „_a parlare filosoficamente l’uovo non è che il girino medesimo in se stesso concentrato, e ristretto, il quale mediante la fecondazione si sviluppa, ed acquista le fatezze di animale._“ pag. II. §.XVII.
[23] „_questi globetti non fecondati non sono per verun conto distinguibili dai fecondati_“ §. XVIII.
[24] „_ma i globetti fecondati non sono che i feti ranini_ (§. XVII.): _adunque i globetti non fecondati lo saronno altresi; e conseguentemente nella nostra rana il feto esiste in lei pria che abbiasi la fecondazione del maschio._“ pag. 12. §. XIX.
[25] Ich liefre die eignen Worte eines andern gleichzeitigen Arztes des Dr. ~Otto~, der von der Großmutter, nemlich von der Müllersfrau in ihrer Schwangerschaft consultirt worden, und dessen Enkel den ganzen Casus in einer besondern Abhandlung unter folgendem Titel gar gelehrt und subtil vindicirt und illustrirt hat. D. C. I. ~Aug. Ottonis~ _epistola de foetu puerpera s. de foetu in foetu. Weissenfels, 1748. 4._
[26] In der _Yverduner Encyclopädie_ T. XVIII. art. FETVS. p. 721. „_Il y a plus, on a vu dans une vierge constamment telle et reconnoissable par l’integrité de son hymen, des dents, des ossemens et des cheveux renfermés dans une tumeur du mésentere. Ce phenomene rapporté dans les Mém. de l’ac. de Suede, a été observé depuis peu en. Un_ fétus _femelle, incapable assurément d’admettre le mâle est né avec un fêtus formé au dedans de lui_.“
[27] „_on y distinguoit la tête, les pieds et les yeux._“
[28] So zeigt sich z. B. beym trächtigen Caninchen die erste Spur der neuempfangnen Frucht nicht vor dem 9ten Tage; bey der Schaafmutter nicht vor dem 19ten; bey der Hirschkuh nicht vor der 7ten Woche u. s. w.
[29] Ich habe einen solchen Fötus, womit die Mutter 8 Jahr schwanger gegangen, und den das academische Museum von meinem würdigen Freunde dem Hrn. Hofr. ~Büchner~ in Gotha zum Geschenk erhalten, im VIII B. der _Commentation. soc. reg. sc. Gottingens._ beschrieben.
[30] Ich habe von allen solchen Fällen in der _Gesch. und Beschreib. der Knochen des menschl. Körp._ S. 43. Beyspiele gesammelt.
Dritter Abschnitt.
_Erfahrungen zum Erweis des Bildungstriebes und zu näherer Bestimmung einiger Gesetze desselben._
Einreißen ist leichter denn aufbauen: und es ist ein alter Vorwurf, den man manchen Reformatoren gemacht hat, daß ihnen das erstere mit besserm Glück als das leztre von statten gegangen. Aber in der That kan doch, wie Hr. ~Bonnet~ vortrefflich anmerkt[31], die Wiederlegung eines Irthums wichtiger seyn, als die Erfindung einer neuen Wahrheit. Und in so fern bliebe diesen Blättern immer einiges Verdienst, wenn auch blos im vorigen Abschnitt der Ungrund einer neuerlich so beliebt wordnen Hypothese erwiesen wäre. Allein ich hoffe, daß nun auch der gegenwärtige würklich etwas der Natur angemeßneres an ihrer statt geben soll.
Man kan nicht inniger von etwas überzeugt seyn, als ich es von der mächtigen Kluft bin, die die Natur zwischen der belebten und unbelebten Schöpfung, zwischen den organisirten und unorganischen Geschöpfen befestigt hat; und ich sehe bey aller meiner Hochachtung für den Scharfsinn, womit die Verfechter der Stufenfolge oder Continuität der Natur ihre Leitern angelegt haben, nicht ab, wie sie beym Uebergange von den organisirten Reichen zum unorganischen ohne einen wirklich etwas gewagten Sprung durchkommen wollen. Allein dieß hindert nicht, daß man darum nicht Erscheinungen im einen dieser beiden Haupttheile der Schöpfung zur Erläuterung von Erscheinungen im andern benutzen dürfte: und so sehe ich es für keins der geringsten Argumente zum Erweis des Bildungstriebes in den organisirten Reichen an, daß auch im unorganischen die Spuren von bildenden Kräften so unverkennbar und so allgemein sind. Von bildenden Kräften -- bey weiten nicht vom Bildungstriebe (_nisus formativus_) in dem Sinne den dieses Wort in der gegenwärtigen Untersuchung bezeichnet, denn der ist eine Lebenskraft und folglich als solche in der unbelebten Schöpfung nicht denkbar, -- sondern von andern bildenden Kräften, von welchen sich in diesem unbelebten Naturreiche die deutlichsten Beweise an so bestimmten, überaus regelmäßigen Gestaltungen zeigen, die aus einem vorher ungebildeten Stoffe geformt werden.
Man kan doch, um nur ein Paar Beyspiele anzuführen, nichts ausnehmend eleganteres sehen, als gewisse metallische Crystallisationen, die in ihrer äußern Form eine so auffallende Aehnlichkeit mit gewissen organischen Körpern haben, daß sie ein sehr fügliches Bild geben, um die Vorstellung von der Formation aus ungebildeten Stoffen überhaupt zu erleichtern. So z. B. das gediegene sogenannte Farnkraut-silber zwischen dem eingebröckelten Quarz aus Peru; und um was Gemeineres zu nennen, das unbeschreiblich saubere moosförmige Stückmessing, so wie es sich nach dem ersten Gusse auf dem Bruche ausnimmt u. dergl. m.
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Dieß wie gesagt nur als Beyspiele von bildenden Kräften im unorganisirten Naturreiche.
Nun zum wahren Bildungstriebe in der belebten Schöpfung.
Für ein unbefangnes Auge weis ich kein sinnlicheres Mittel, sich das Daseyn und die Wirksamkeit dieses Triebes anschaulich zu machen, als die präjudizlose Beobachtung der Entstehung und Fortpflanzung solcher organisirter Körper, die mit einer ganz ansehnlichen Größe ein schnelles, so zu sagen zusehends merkliches Wachsthum und eine so zarte halbdurchsichtige Textur verbinden, daß sie vollends in sattsamen Lichte und unter einiger Vergrößerung aufs deutlichste, klarste durchschaut werden können.
Ein Beyspiel der Art aus dem Gewächsreiche giebt die überaus einfache Fortpflanzungsweise einer eben so einfachen Wasserpflanze[32], die, zumal im Frühjahr gar häufig am Ausfluß der Röhrenwasser, an Quellen, in Gräben, Teichen etc. zu finden ist, und deren sich auch wohl unbotanische Leser leicht aus der bloßen Beschreibung werden erinnern können.
Das ganze Gewächs besteht nemlich aus einem einfachen, (nie getheilten) meist geraden, etwa einen halben Zoll langen, feinen Faden von hellgrüner Farbe, der gewöhnlich mit seinem untern Ende im Schlamme eingewurzelt ist. Da aber diese Faden meist zu vielen tausenden dicht neben einander stehen, so kriegen sie dann das Ansehen eines feinhaarichten Pelzes vom schönsten Grün, womit oft große Strecken an den gedachten Orten unter Wasser bewachsen sind.
Ich habe die Fortpflanzung dieses so äußerst einfachen Wassermooßes, in den ersten Frühlingswochen beobachtet, da sie unter meinen Augen blos dadurch erfolgte, daß die Spitzen der Fäden zu kleinen Knöpfgen anschwollen, die sich zuletzt von den Fäden trennten, sich in den Zuckergläsern, worin ich kleine Klumpen dieses Mooßes in hellen Wasser liegen hatte, zu hunderten an die Wände des Glases anlegten, und nun im Kurzen selbst wieder eine kleine Spitze austrieben, die sich fast zusehends immer mehr verlängerte, bis sie endlich zu einem neuen vollständigen Wasserfaden ausgewachsen war. Binnen zweymal 24 Stunden, von der ersten Spur des Knöpfgens auf einem alten Faden an zu rechnen, hatte der nachher daraus erwachsene neue schon seine völlige Länge erreicht.
Beides, sowohl das schnelle Wachsthum, als auch die durchsichtige Textur des Gewächses, verschafften mir den Vortheil, seine völlige Ausbildung ganz bequem abwarten und die mindeste in seinem Innern vorgehende Veränderung aufs genaueste und deutlichste bemerken zu können. Das innere Gewebe dieses Mooßes ist nemlich so einfach als seine äußere Bildung. Auch bey der stärksten Vergrößerung und im hellesten Lichte, ist in der ganzen Pflanze schlechterdings nichts weiter als ein feines bläsriges Gewebe, (beynahe wie ein grüner Gescht oder Schaum) zu erkennen, das durch eine äußerst feine, kaum merkliche äußere Haut umschlossen wird.
Nun aber war bey aller dieser untrüglichen Deutlichkeit in allen grünen eyförmigen am Glase anliegenden Knöpfgen, doch auch nicht eine Spur, nicht ein Schatten irgend eines solchen als Keim eingewickelten Fadens, als in Kurzen aus diesen Knöpfgen gebildet werden sollte, aufzufinden: -- sondern, wenn jetzt der Knopf seine Reife erlangt hatte, so trieb er aus einem seiner beiden Enden einen kleinen Auswuchs hervor, der blos dadurch zusehends verlängert ward, daß das im Knopf ihm zunächst liegende bläsrige Gewebe in ihn hinüber getrieben, und er so nach und nach immer mehr zu einem cylindrischen Faden ausgedehnt ward. So wie aber dieser Faden sich verlängerte, so ward im gleichen Maaße der eyförmige Knopf, kleiner, kuglichter, blaßgrüner: so daß zulezt, wenn das Gewächs nun seine bestimmte Größe erreicht hatte, nur noch ein kaum merklicher kleiner Wulst am untern Ende übrig blieb, der nun dem neuen Faden statt Wurzel diente.
Mit der gleichen anschaulichen Klarheit aber, womit sich bey dieser Pflanze die würksame Thätigkeit des Bildungstriebes beobachten läßt, kan sie auch bey Ausbildung mancher Thiere aufs deutlichste anerkannt werden; besonders wiederum bey solchen, die so wie dieses Moos den Vortheil eines schnellen Wachsthums bey einer meist durchsichtigen Textur ihres Körpers gewähren. Dieß ist bekantlich der Fall bey den Armpolypen, diesen wegen der Wunder die die Natur in ihnen gehäuft hat, seit den vierziger Jahren so allgemein berühmt wordnen Geschöpfen. Alle bekannte Gattungen derselben haben einen gallertigen Körper, der, seine Farbe mag seyn welche sie will, grün, gelb, braun etc. doch immer durchsichtig genug ist, um in behöriger Beleuchtung und hinter einer guten Linse so gut wie jene Wasserfäden rein durchschaut werden zu können. Dabey ist ihre Textur so einfach, homogen, besteht blos aus gallertigen Körnchen, die durch eine zartere gemeinschaftliche gallertige Grundlage zusammen gehalten werden, daß auch von dieser Seite dem beobachtenden Auge nichts dunkel oder versteckt bleibt. Nun und wenn denn diese Thiere lebendige Junge austreiben wollen, so schwillt blos eine Stelle dieses ihres aus so einfachen Stoffe gebauten Körpers ein wenig an, und aus dieser ungeformten, aber durchsichtigen kleinen Geschwulst wird gleichsam unter unsern Augen zuerst der cylindrische Leib des jungen Polypen und dann auch seine Arme ausgebildet, wie von unsichtbaren Händen aus der durchsichtigen körnichten, aber übrigens ungeformten Gallerte modelirt; und das alles gleich in einer so ansehnlichen, schon dem bloßen Auge so deutlich erkennbaren Größe, die, in Verbindung mit allen den angeführten Umständen, doch auch keinen Schatten von wahrscheinlicher Vermuthung eines präformirten Keims gestattet der da vorräthig gelegen habe und sich nun entwickele etc.
Ich berufe mich dreist auf das innere Gefühl eines jeden, der nur je die Fortpflanzung an so einfach gebauten Thieren und Pflanzen beobachtet, und sich überdem von dem im vorigen Abschnitt erwiesenen Ungrund der so decisiv behaupteten Präexistenz des Küchelgens am Eydotter belehrt hat; daß er nun beym Uebergange zum Zeugungsgeschäfte der sogenannten vollkommnern oder warmblütigen Thiere, (z. B. eben bey der strengsten Untersuchung der Phänomene am bebrüteten Küchelgen, des Anfangs und Fortgangs seiner Ausbildung, und überhaupt so vieler neuentstehenden, im unbebrüteten Eye gar nicht existirenden Theile[33] etc.), selbst entscheide, zu welcher von beiden Theorien ihn seine Ueberzeugung führt, ob zum Glauben an Präexistenz eingeschachtelter präformirter Keime -- oder aber an einen Bildungstrieb, der das neue Geschöpf aus dem ungeformten Zeugungsstoff der alten ausbildet.
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Alles was bisher von Phänomenen des Zeugungsgeschäftes selbst zum Erweis des Bildungstriebes gesagt worden, erhält nun aber vollends ein neues großes Gewicht, wenn man nun zweytens auch die Phänomene der _Reproduction_, -- dieser, zumal in unsern Tagen so berufen wordnen merkwürdigen Kraft der organisirten Körper, zufällig verlorne Theile, Verstümmelungen ihres Leibes, von selbst wiederum hervorzutreiben und zu ersetzen, -- mit denselben vergleicht.
Generation und Reproduction -- Zeugung und diese Wiederersetzung, sind beides Modificationen ein und eben derselben Kraft: die letztre ist nichts anders, als eine partielle Wiederholung der erstern: und ein Licht über die eine von beiden verbreitet, muß sicher auch die andre zugleich mit aufhellen.
Ich habe die oben im ersten Abschnitt angeführte Erfahrung über die Reproduction der grünen Armpolypen, seitdem oft, und immer mit dem gleichem Erfolg wiederholt: d. h. allemal ward anfangs das kürzlich verstümmelte Thier fast im gleichen Maaße um etwas kleiner, so wie es seine neuen Arme oder seinen neuen Hinterleib hervortrieb. Man sah offenbar, wie die Natur eilte, dem verstümmelten Geschöpfe nur sobald als möglich seine bestimmte _Bildung_ wieder zu ersetzen: und daß in der Kürze der Zeit, da unmöglich schon durch die Nahrungsmittel (die ohnehin ein verletzter Polype nicht so häufig zu sich nimmt als ein gesunder) sattsamer _Stoff_ zu den neuen Gliedern wieder gesammelt seyn konnte, der Rumpf einen Theil seines noch übrigen Stoffes hergeben muß, der sich dann mittelst des ihm beywohnenden _Bildungstriebes_ in die Gestalt der verlornen Glieder formt, und so die zerstörte Bildung wieder ergänzt.
Ich weis wohl, daß sich die Verfechter der präformirten Keime, hier mit einer Hypothese durchhelfen wollen, die doch aber in der That von allen unwahrscheinlichen Hypothesen wohl die allerunwahrscheinlichste und gewiß abentheurlich genannt werden darf, nach welcher nemlich „in allen Theilen jedes Polypen zerstreuete Keime so lange eingewickelt und im erstarrenden Todesschlaf auf Reserve liegen sollen, bis sie nach der Phantasie eines ihnen zu Hülfe kommenden Beobachters durch den Schnitt einer Scheere ermuntert, aufgeweckt, aus ihrem Kerker befreyt, und zur Entwickelung angereizt würden.“
Nun, mit dieser wunderbaren Erklärung vergleiche man den nackten Augenschein bey dem obgedachten und vielen andern, an den (glücklicherweise so leicht zu durchschauenden) Armpolypen anzustellenden Versuchen, deren ich nur gleich ein Paar noch beysetze: -- Wenn man zwey verstümmelte halbe Polypen verschiedener Art (z. B. die vordere Hälfte eines grünen, und das Hintertheil eines braunen) im Boden eines Spitzglases aneinander bringt, so heilen sie bekanntlich zusammen, und stellen dann, fast wie die Chimäre der Mythologie, eine aus verschiednen Thiergattungen zusammengesetzte Gruppe vor. -- Nach der angeführten Theorie der Evolution, hätten aber in diesem Fall durch den doppelten Schnitt aus den beiden verstümmelten Polypen, sich neue Keime entwickeln müssen -- allein, dieß erfolgt nicht; sondern es war natürlicher, daß sich zwey Hälften mittelst ihres Bildungstriebes zusammen paßten, und in Kurzem ein gehöriges Ganzes ausmachten, als daß jede dieser beiden Hälften erst auf die oben beschriebene Weise zu einem besondern Thiere wieder hätte ausgebildet werden sollen.
Noch auffallender aber wird beides die Unwahrscheinlichkeit der vermeynten präformirten Keime und hingegen die Würksamkeit des Bildungstriebes bey dem bekannten Versuch, da man einen Armpolypen nicht in Stücken oder entzwey zerschneidet, sondern ihm nur mit einer feinen Scheere den Bauch der Länge nach aufschneidet und ausbreitet, so daß er alsdann gar keine Bauchhöle mehr hat, und sein Körper keine cylindrische Röhre, sondern ein flaches Streifgen Gallerte, wie ein Riemgen, vorstellt. -- Statt daß nun alsdann durch den Schnitt an beiden Seitenrändern dieses Riemgens zahlreiche vermeynte Keime in Freyheit gesetzt werden, und sich entwickeln sollten, so erfolgt hingegen blos einer von den beiden Fällen, die sich von selbst nach der Würksamkeit des Bildungstriebes erwarten lassen -- entweder nemlich, der aufgeschlitzte Polype _rollt_ sich wieder in seine vorige Gestalt zusammen, so daß die wunden Seitenränder einander wieder berühren und zusammen wachsen: oder aber wenn er als ein flaches Riemgen ausgebreitet bleibt, so schwillt er nach einiger Zeit auf, wird gleichsam aufgeblasen, und es bildet sich nach und nach in seinem Innern eine neue _Bauchhöle_, so daß er auch dann binnen kurzer Zeit seine angestammte Gestalt ergänzt erhält.
In diesen beiden angeführten und vielen andern Fällen, braucht gar kein _neuer Stoff_ erzeugt, -- sondern nur die zerstörte _Bildung wieder hergestellt_ zu werden: eine Art von Reproduction, die um so sorgfältiger von den übrigen unterschieden und abgesondert werden muß, je weniger sie sich mit den prätendirten Keimen vergleichen läßt, und je größer hingegen das Uebergewicht ist, das die Lehre vom _Bildungstriebe_ durch sie erhält.
Beym Menschen und andern warmblütigen Thieren, ist zwar die Reproductionskraft bey der größern Mannichfaltigkeit des Stoffes woraus ihr Körper gebaut ist, und bey der Verschiedenheit der Lebenskräfte womit die verschiednen Arten von jenem Stoff belebt sind, und bey der Einwürkung worin sie aufeinander stehen, ungleich eingeschränkter, als freylich bey den Armpolypen. Und doch zeigen sich auch bey ihnen zuweilen Reproductionsfälle, die alles das, weshalb die vorigen von den Polypen hier angeführt waren, aufs unverkennbarste bestätigen. Man hat z. B. mehr als einmal gesehen, daß bey Menschen die Nägel der Finger, wenn auch selbst die vordern Gelenke von diesen amputirt worden, nichts desto weniger sich an den verstümmelten Enden der hintern Glieder wiederum erzeugt haben[34]. Es wäre eine starke Zumuthung jemand überreden zu wollen, daß die Natur vorläufig auf solche Amputationsfälle gerechnet, und daher längst der ganzen Finger und Fuszehen Keime zu Nägeln auf solchen Nothfall ausgesäet hätte etc. Und wie natürlich erklärt sich nicht hingegen die ganze Erscheinung wenn man sie aus der Wirksamkeit des Bildungstriebes herleitet, dessen Tendenz, die äußersten Extremitäten des Körpers, nemlich die Enden der Finger und Fuszehen durch hornichte Nägel zu begrenzen, stark genug ist, um sie im Nothfall auch sogar an ungewöhnlichen Stellen zu reproduciren.