Über den Bildungstrieb

Part 1

Chapter 13,424 wordsPublic domain

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Anmerkungen zur Transkription

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Ueber den

Bildungstrieb.

Joh. Fr. Blumenbach

Prof. zu Gött. und Kön. Großbrit. Hofrath

über den

Bildungstrieb.

Göttingen

+bey Johann Christian Dieterich.+

1789.

Ich habe seit der Zeit, da ich den ersten Aufsatz über den Bildungstrieb im Göttingischen Magazin bekannt gemacht, keine Gelegenheit versäumt, diesen Gegenstand durch Beobachtungen und Nachdenken weiter zu verfolgen und in helleres Licht zu setzen, glaube auch alles Wichtige gelesen, geprüft und benutzt zu haben, was von andern seitdem für oder wider denselben in Schriften geäusert worden, und habe gesucht den Kern aus dem, was ich schon davon bekannt gemacht, und die Resultate meiner fernern zeitherigen Untersuchungen darüber, in diesen Blättern zusammen zu fassen: und sie bey diesen wesentlichen Vorzügen auch gleich im Aeusern von den vorigen unreifern Ausgaben gänzlich auszuzeichnen. Göttingen, den 28ten Jan. 1789.

_Deutung der Kupfer-Verzierungen._

1. Auf dem Titel, eine Brüt-Henne als Symbol des Bildungstriebes im Thierreich.

2. Auf der Anfangsleiste S. 1. ein aufkeimend Saamenkorn als Bild dieses Triebes im Gewächsreich. Nach einer alten silbernen Münze von Reggio in Calabrien beym ~Goltz~.

3. Am Schluß S. 108. eine anständige und doch wie Naturkenner wissen, sehr bedeutungsvolle Vorstellung des Genusses, der dann den Bildungstrieb zur Folge hat.

Erster Abschnitt.

_Von den verschiednen Wegen die man eingeschlagen hat, zu einigem Aufschluß über das Zeugungsgeschäfte zu gelangen._

Was geht im Innern eines Geschöpfes vor, wenn es sich der süßesten aller Regungen überlassen hat, und nun von einem zweyten befruchtet einem dritten das Leben geben soll?

Nicht leicht wird eine Frage dieser Art genannt werden können, die so allgemein und so zu allen Zeiten die heiße Neugierde des Menschen, gereizt haben muß, als eben diese. Denn so abentheuerlich es auch sonst scheint, die Betrachtungen und Reflexionen des ersten Menschenpaars bestimmen zu wollen, so natürlich bleibt doch die Voraussetzung, daß dieses uns allen eben durch die Befolgung jenes süßesten unwiderstehlichsten Triebes so wichtig gewordne Paar sehr bald erst zum Staunen und dann zum Nachsinnen gekommen seyn mag, wie es allgemach bemerkte, was dieselbe für eine große Wirkung -- eine gleichsam wiederholte Schöpfung -- nach sich ziehe. So geläufig ihm aber gar bald diese Erfahrung werden mußte, so sehr demüthigt es das menschliche Wissen, daß die Urenkel jenes Paars nach so langen Jahrtausenden über die _Erklärung_ dieser Erfahrung noch so weniges befriedigendes Licht haben verbreiten können, ungeachtet dieselbe in der Folge gar bald der allgemeinste Gegenstand für Untersuchung der nachdenkenden Köpfe geworden zu seyn scheint. Wenigstens betrifft das was noch von Bruchstücken physiologischer Lehren und Meinungen der ältesten Weltweisen und Aerzte[1] bey spätern Schriftstellern aufbewahrt worden, großentheils Untersuchungen über das Geheimnis der Zeugung: und seitdem vollends ist in der Litterargeschichte der Philosophie und Arzneywissenschaft keine Periode, worin sich nicht immer andre Männer auf die weitere Verfolgung derselben eingelassen haben sollten.

Selbst in den düstern Jahrhunderten des mittlern Zeitalters, wo sonst aller übrige Forschungsgeist im tiefen Schlummer der Mönchsbarbarey versenkt lag, wachte doch immer die rege Neugierde über diesen Gegenstand, so daß uns von den geistlichen Herren jener Zeit noch manche sehr fleischlich abgefaßte Bücher übrig sind[2], die zum Beweise dienen, wie sehr sie sich auch die Theorie desselben haben angelegen seyn lassen.

Kein Wunder also, daß sich auch die Generations-Systeme, die Versuche das große Problem zu lösen, nach und nach fast ins Unendliche mehrten, und kein Zugang unbetreten blieb, wenn man nur irgend wähnen konnte, daß er zu einem Aufschluß hierüber führen werde, so daß dann freylich auch der offenbarsten Irrwege in keinem andern Felde der Naturwissenschaft so viele geworden sind, als eben hier.

Schon ~Boerhaave’s~ Lehrer, ~Drelincourt~, hat allein 262 grundlose Hypothesen über das Zeugungsgeschäfte aus den Schriften seiner Vorgänger zusammen gestellt, -- und nichts ist gewisser, als daß sein eignes System die 263^{te} ausmacht.

Inzwischen lassen sich doch diese unzählig-scheinenden Pfade die man sich zu bahnen versucht hat, um zur Lösung dieses größten aller physiologischen Räthsel zu gelangen, am Ende alle auf zwey Hauptwege hinausführen, die neuerlich unter den Namen der Evolution und der Epigenese allgemein bekannt worden.

Entweder nemlich man nimmt an, daß der reife, übrigens aber rohe ungeformte Zeugungsstoff der Eltern, wenn er zu seiner Zeit und unter den erforderlichen Umständen an den Ort seiner Bestimmung gelangt, dann zum neuen Geschöpfe allmälig ausgebildet werde. Dieß lehrt die Epigenese.

Oder aber man verwirft alle Zeugung in der Welt, und glaubt dagegen, daß zu allen Menschen und Thieren und Pflanzen, die je gelebt haben und noch leben werden, _die Keime_ gleich bey der ersten Schöpfung erschaffen worden, so daß sich nun eine Generation nach der andern blos zu _entwickeln_ braucht. Deshalb heißt dieß die Lehre der Evolution.

Allein die Art und Weise dieser Evolution selbst, hat man wieder durch sehr verschiedne Theorien zu erklären versucht.

~Heraclit~ nemlich (mit dem Zunamen, _der Düstere_) und ~Hippocrates~ oder wer sonst der Verfasser der unter des letztern Werken befindlichen Bücher von der Lebensordnung seyn mag, meinten, so wie manche ihrer neuern Nachfolger, diese Keime seyen auf und in der ganzen Erde verbreitet, wo sie so lange umherschwärmten, bis jeder die Zeugungstheile eines seiner schon entwickelten Brüder von seiner Art anträfe, in ihnen gleichsam Wurzel schlagen, seine bisherige Hülle abwerfen, und nun selbst zur Entwickelung gelangen könne.

Diese Theorie hat aber außer dem (hier freylich am wenigsten blendenden) Ansehen des ~Hippocrates~ so schlechterdings nichts vor sich, sondern ist so ganz blos aus den abentheuerlichsten willkührlichsten Voraussetzungen aufgebaut, daß man nicht absieht, was für irgend eine Hypothese man sich als unwahrscheinlich versagen dürfte, wenn man sich eine solche, wie diese sogenannte _Panspermie_, erlauben wollte. -- Auch entschuldigt unser sel. ~Gesner~ den Aufwand von Gelehrsamkeit, womit er diesen Roman beym ~Hippocrates~ commentirt hat, blos mit dem Bonmot der Königin ~Christina~: daß die Grillen der Alten immer doch eben soviel werth seyen, als die Grillen der Neuern.

Mehr Beyfall haben zwey andere Evolutionstheorien erhalten, nach welchen beiden die Keime nicht umherschwärmen, sondern fein ruhig in einander geschachtelt und bey der ersten Schöpfung gleich in die ersten Stammeltern gelegt seyn sollten, so daß nun eine Generation derselben nach der andern durch die Paarung oder Befruchtung zur Entwickelung gelange. Der Unterschied zwischen beiden Theorien war blos der, daß diese Keime nach der einen beym Vater, nach der andern aber bey der Mutter liegen sollten.

Wie nemlich im vorigen Jahrhundert die Vergrößerungsgläser erfunden waren, und sich hiedurch Aussichten in eine neue Welt von microscopischen Geschöpfen öffneten, so war bey der Neuheit dieser Erfindung und der Leichtigkeit ihres Gebrauchs nichts natürlicher als daß man nun aufs gerathewohl tausenderley Objecte unters Microscop brachte, das so sehr mannichfaltige große Ueberraschungen gewährte. So besah auch unter andern ein junger Danziger ~Ludw. von Hammen~, der damals in Leiden Medicin studirte im Aug. 1677 einen Tropfen männlichen Saamen von einem Hahn, den er eben geöffnet hatte, unter seinem Glas, und erstaunte diesen Tropfen als einen Ocean zu erblicken, der von unzähligen flinken, raschen kleinen Thierchen belebt war. Diese unerwartete Erfahrung bestätigte sich im reifen Saamen anderer männlichen Thiere, und nun glaubte man in diesen Saamenwürmchen die Keime zu künftigen vollkommnen Geschöpfen und mit ihnen folglich auch den Schlüssel zum Geheimnis der Zeugung gefunden zu haben. Nun begreife ich zwar nicht wie Naturforscher und Physiologen von Profession den Saamenthierchen die willkührliche Bewegung und überhaupt die Animalität haben absprechen können: aber noch weit unbegreiflicher ist es, wie andre Männer diese in einem stagnirenden thierischen Safte, (so wie ähnliche Infusionsthierchen in andern Säften) zu erwartenden Würmchen zu beseelten Keimen künftiger Menschen und Thiere haben hinaufwürdigen und erheben dürfen.

Ohne die längst bekannten, aber nie nur leidlich gehobnen Zweifel zu wiederholen, die sich gegen eine so seltsame Behauptung empören, so begnüge ich mich hier nur einige wenige Bedenklichkeiten hinzuzusetzen, die doch auch ungelehrten Lesern diese vorgegebne Würde der Saamenthierchen sehr verdächtig machen müssen. So z. B. daß die Würmchen im Saamen der nächstverwandten Thiere in ihrer Bildung so gänzlich von einander verschieden, und andre, von den unähnlichsten Thieren einander so auffallend ähnlich sind! Es kan kaum eine größere Unähnlichkeit geben, als die zwischen den Saamenthierchen des Frosches beym Hrn. ~von Gleichen~ und denen vom Wassermolch bey Hrn. ~Spallanzani~. Hingegen kan die Aehnlichkeit zwischen zwey Wassertropfen nicht täuschender seyn, als die zwischen den Saamenthierchen des Menschen und des Esels in den Kupfern des erstern von jenen beiden Beobachtern.

Eben dieser neuerliche, und hoffentlich letzte Verfechter jener Würde der Saamenthierchen, hat beym Frosche gar zweyerley Arten dieser Würmchen zugleich im gleichen Tropfen gesehen -- und doch sind wiederum beide von derjenigen Gattung die ~Rösel~ im Froschsaamen gesehen, gleich weit verschieden! und jene haben sich noch dazu in den Nieren so gut, wie in den Saamenbläsgen gefunden etc.

Lauter Erscheinungen, die die zufällige Unbestimtheit dieser fremden _Gäste_ des männlichen Saamens so sehr erweisen, und die ihnen aufgedrungene Würde so ganz vernichten, daß man wenigstens eben so leicht hoffen darf mit dem sittsamen ~Paracelsus~[3] und dem Mahler ~Gautier~[4] aus bloßem männlichen Saamen einen vollkommnen menschlichen Embryo hervorzubringen, als ihn mit dem berühmten Academisten ~Hartzoeker~[5] in jedem menschlichen Saamenthierchen völlig schon so wie nachher im Mutterleibe krumm zusammen gebogen sitzen zu sehen.

Schon vor Entdeckung der Saamenthierchen hatte ein sonst wenig bekannter Mann ~Joseph de Aromatariis~ einen dritten Weg eingeschlagen, das Zeugungsgeschäfte durch Evolution zu erklären, denjenigen nemlich, der auf die vorgeblichen im mütterlichen Eyerstock längst vor der Empfängnis zur Entwickelung vorräthig liegenden präformirten Keime hinausläuft. Auch ~Swammerdam~ hat ihn betreten, doch blieb er im ganzen, vollends seit nun die Saamenwürmchen das große Aufsehn machten, wenig besucht, bis er mit einem Male in neuern Zeiten durch die Bemühungen der großen Männer ~Haller~ und ~Bonnet~ am gangbarsten von allen gemacht ward.

Nach _dieser_ Evolutionstheorie haben wir, so wie das ganze Menschengeschlecht in den beiden Eyerstöcken unserer ersten Stamm-Mutter in einander geschachtelt und wie im tiefsten Todesschlaf versenkt beysammen gelegen. Zwar sehr im Kleinen, als Keime, aber, versteht sich, als präformirte, völlig ausgebildete Miniaturen. Denn, sagt Hr. ~v. Haller~, „_alle Eingeweide und die Knochen selbst waren schon vorhero gebaut gegenwärtig, obgleich in einem fast flüssigen Zustande_.“ Was man Empfängnis nennt, ist nichts als das Erwachen des schlaftrunknen Keims durch den Reiz des auf ihn wirkenden männlichen Saamens, der sein Herzchen zum ersten Schlage antreibt u. s. w. Auch hat uns daher vor Kurzem einer der neuesten Verfechter dieser Theorie, ein berühmter Genfer Naturforscher, mit nichts geringerm, als einem Entwurf der Geschichte der organisirten Körper _vor ihrer Befruchtung_, beschenkt, und uns darin belehrt, daß wir 1) alle weit älter sind als wir geglaubt hatten; daß 2) alle Menschen in der Welt von gleichem Alter sind, der Großvater nicht um einen Tag älter als sein neugeborner Enkel etc. und daß sich 3) dieses ehrwürdige Alter aller Menschen, die gegenwärtig auf dem Erdenrund leben, nahe gegen 6000 Jahre erstreckt. -- Auch tritt er ganz der Meinung bey, die schon ~Bazin~ behauptet, daß wir seit der lieben langen Zeit da wir mit Cain und Abel und den 200,000 Millionen übrigen Menschen zusammen steckten, die der gemeinen Rechnung nach, seitdem vor uns dahin gegangen sind _quo pius Aeneas quo Tullus diues et Ancus_, kurz seit der ersten Schöpfung, zwar _incognito_ und schlaftrunken, aber doch nicht ganz ohne Bewegung brach gelegen haben, und daß wir während der 57 Jahrhunderte eh uns die Reihe traf, daß wir durch den oberwähnten Reiz entwickelt wurden, doch immer nach und nach sachte gewachsen sind: wir konnten uns nemlich bey Cains Schwester schon ein bißgen mehr ausdehnen, als bey ihrer Mutter, wo sie selbst nebst ihren Geschwistern noch bey uns lag und uns den Raum beengte; und so kriegten wir mit jeder neuen Entwickelung eines unsrer Vorfahren ein geräumiger Logis, und das that uns wohl, da streckten wir uns immer mehr und mehr, bis endlich die Reihe der Entwickelung auch an uns kam!

So abentheuerlich romanhaft diese letztern Behauptungen scheinen mögen, so fließen sie doch im Grunde ziemlich natürlich aus den Grundsätzen jener Theorie. Für diese Grundsätze selbst aber führten die Verfechter derselben, Hr. ~von Haller~, Hr. ~Spallanzani~ etc. Erfahrungen und Beobachtungen an, die wir im nächsten Abschnitt näher beleuchten werden, die aber auf den ersten Blick so einleuchtend und entscheidend scheinen, daß sich der allgemeine Beyfall doch ganz wohl begreifen läßt, womit, zumal in den letztern 30 Jahren, die Präexistenz der präformirten Keime im weiblichen Eye lange vor ihrer Befruchtung und Entwickelung, aufgenommen wurde. Auch ich habe ihr vorhin beygepflichtet, habe sie gelehrt und in mehreren Schriften vertheidigt, so daß in so fern hier diese Blätter das Geständnis eigner Irthümer enthalten, denen ich nichts mehr wünsche, als was Hr. ~de Luc~ irgendwo sagt: „ein verbesserter Irthum wird oft zu einer ungleich wichtigern Wahrheit, als manche positive Wahrheiten, die unmittelbar als solche anerkannt worden.“

Der unerwartete Erfolg eines kleinen Versuchs den ich doch recht in der Absicht angestellt hatte, um die Richtigkeit jener Evolutionstheorie und den Ungrund der allmäligen Bildung zu erweisen, brachte mich erst zum Scheideweg zurück und öffnete mir bald eine neue der vorigen sehr entgegengesetzte Bahn. Wer so wieder die Natur kämpft, dem geht’s doch leicht bey einem unversehenen Blick in ihre enthülltern Reize, wie dort dem Menelaus, da er ausgegangen war sein Schwerd gegen Helena zu zucken: kaum sah sein Auge den Busen den er durchbohren wollte, so sank sein gewaffneter Arm, und es war nun nicht um sie, sondern um ihn geschehen[6].

Der Anlaß zu jenem Versuch war der: Ich fand, da ich einige Ferientage auf dem Lande zubrachte, in einem Mühlbache eine Art grüner Armpolypen, die sich durch einen langgestreckten spindelförmigen Körper, und kurze meist steife Arme von der gemeinen grünen Gattung auszeichneten, und mit deren Wundern ich meiner Gesellschaft einen Theil ihrer Zeit vertreiben sollte. Theils das warme trockne Sommerwetter, noch mehr aber die dauerhafte Constitution dieser Polypen begünstigte die bekannten Reproductionsversuche die wir damit anstellten so, daß die Wiederersetzung gleichsam zusehends von statten zu gehen schien. Schon den zweyten, dritten Tag waren den verstümmelten Thieren wieder Arme, Schwänze u. s. w. angewachsen; nur bemerkten wir immer sehr deutlich, daß die neuergänzten Polypen bey allem reichlichen Futter, doch weit _kleiner_ als vorher waren: und ein verstümmelter Rumpf, so wie er die verlornen Theile wieder hervortrieb, auch im gleichen Maaße, recht sichtlich einzukriechen, und kürzer und dünner zu werden schien u. s. w.[7]

Einige Zeit nachdem ich wieder zur Stadt gekommen war, mußte ich einen Menschen besuchen, der schon lange am Winddorn krank gelegen hatte. Der Schade war über dem Knie, und offen, und auch die weichen Theile zu einer tiefen Grube ausgeeitert. Es besserte sich nachher, aber so wie die Lücke im Fleisch nach und nach wieder mit plastischer Lymphe zur Narbe angefüllt wurde, so senkte sich auch[8] das benachbarte gesunde Fleisch im gleichen Grade allgemach nieder, schien gleichsam zu schwinden, so daß endlich die Narbe in der Grube und das Fleisch am Rande derselben wieder fast gleich standen, und jene nur noch eine breite aber ziemlich flache Delle machten. Also _mutatis mutandis_ der gleiche Fall, wie bey meinen grünen Armpolypen aus dem Mühlgraben.

Ich habe seit der Zeit einen großen Theil meiner Muße auf die weitere Prüfung und Untersuchung dieser damaligen Erfahrungen verwandt, und alles was ich darin durch Beobachten und Nachdenken gelernt habe, führt mich am Ende zu der Ueberzeugung:

_Daß keine präformirten Keime präexistiren: sondern daß in dem vorher rohen ungebildeten Zeugungsstoff der organisirten Körper nachdem er zu seiner Reife und an den Ort seiner Bestimmung gelangt ist, ein besonderer, dann lebenslang thätiger Trieb rege wird, ihre bestimmte Gestalt anfangs anzunehmen, dann lebenslang zu erhalten, und wenn sie ja etwa verstümmelt worden, wo möglich wieder herzustellen._

_Ein Trieb, der folglich zu den Lebenskräften gehört, der aber eben so deutlich von den übrigen Arten der Lebenskraft der organisirten Körper (der Contractilität, Irritabilität, Sensilität etc.) als von den allgemeinen physischen Kräften der Körper überhaupt, verschieden ist; der die erste wichtigste Kraft zu aller Zeugung, Ernährung, und Reproduction zu seyn scheint, und den man um ihn von andern Lebenskräften zu unterscheiden, mit dem Namen des_ Bildungstriebes (nisus formatiuus) _bezeichnen kan._

Hoffentlich ist für die mehresten Leser die Erinnerung sehr überflüssig, daß _das Wort_ Bildungstrieb, so gut, wie _die Worte_ Attraction[9], Schwere etc. zu nichts mehr und nichts weniger dienen soll, als eine Kraft zu bezeichnen, deren constante Wirkung aus der Erfahrung anerkannt worden, deren _Ursache_ aber so gut wie die Ursache der genannten, noch so allgemein anerkannten Naturkräfte, für uns _qualitas occulta_ ist. Es gilt von allen diesen Kräften was ~Ovid~ sagt: -- _causa latet, vis est notissima_. Das Verdienst beym Studium dieser Kräfte ist nur das, ihre Wirkungen näher zu bestimmen und auf allgemeinere Gesetze zurück zu bringen.

~d’Alembert’s~ Nachfolger, der Hr. ~M. de Condorcet~ sagt in seiner Lobrede auf unsern ~Haller~ bey Gelegenheit der Irritabilität: „Man fing wie gewöhnlich damit an, daß man die Wahrheit der Sache läugnete; -- und da das endlich doch nicht länger mit Ehren sich thun lies, so endigte man damit, daß man nun sagte, das sey ja was altes längst bekanntes!“

Da man nun neuerlich schon scharfsichtig genug worden ist, eben die thierische Reizbarkeit schon im ~Homer~, und den Harveyischen Blutumlauf im Prediger ~Salomo~ beschrieben zu finden, so müßte es vollends nicht gut seyn, wenn sich nicht auch zur Noth der ganze _nisus formativus_ aus allen den Werken über die Erzeugung, die seit 2000 Jahren geschrieben und nun zusammen zu keiner kleinen Bibliothek angeschwollen sind, sollte herausdeuten lassen. Zumal da die _vis plastica_ der Alten (besonders der peripatetischen Schule) bey der Aehnlichkeit des Namens mit _nisus formativus_ zu einem solchen _qui pro quo_ verleiten könnte.

Es soll mich aber freuen, wenn man mir einen einzigen dieser Alten aufstellt, der von seiner plastischen Kraft auch nur einigermaßen die bestimmten und den Phänomenen des Zeugungsgeschäftes so genau entsprechenden Begriffe gäbe[10], wie ich sie in diesen Blättern, (besonders im dritten Abschnitt) vom Bildungstriebe zu geben versucht habe.

Ein sehr scharfsichtiger Physiologe Hr. ~C. F. Wolff~ in Petersburg hat eine andre Kraft fürs Wachsthum der Thiere und Pflanzen angenommen, die er _vis essentialis_ nennt: und die ebenfalls, wenn man sie blos vom Hörensagen kennt, auf den ersten Blick mit dem _nisus formativus_ vermengt werden könnte.

Die gänzliche Verschiedenheit zwischen beiden muß aber einem jeden einleuchten, sobald er sich die Mühe nimmt, den wahren Begriff den Hr. ~Wolff~ selbst von seiner _vis essentialis_ angiebt in seiner _theoria generationis_ nachzulesen[11].

Ihm ist seine _vis essentialis_ blos diejenige Kraft, wodurch der Nahrungsstoff in die Pflanze oder in das junge Thier getrieben wird. Dieß ist folglich zwar ein Requisit _zum_ Bildungstrieb -- aber bey weitem nicht der Bildungstrieb selbst. Denn jene _vis essentialis_ wodurch die Nahrungssäfte in die Pflanze gebracht werden, zeigt sich auch bey den unförmlichsten, widernatürlichsten, wuchernden Auswüchsen der Gewächse, (an Baumstämmen etc.) wo gar kein bestimmter Bildungstrieb statt hat. Eben so bey Mondkälbern etc.

Umgekehrt kan die _vis essentialis_ bey schlecht ernährten organischen Körpern sehr schwach seyn, dem eigentlichen Bildungstriebe übrigens unbeschadet u. s. w.

* * * * *

So leid es mir thut, so bringt es doch die Natur der Sache einmal nicht anders mit sich, als daß ich den Gründen und Erfahrungen für den Bildungstrieb eine Wiederlegung der theils so blendenden Argumente vorausschicken muß[12], deren sich zumal Hr. ~von Haller~ zu Gunsten der Entwickelung aus dem weiblichen Eye bedient hat. Was mir indeß diese Abweichung von dem Manne, dessen Schriften und dessen Briefwechsel ich so unendlich viel verdanke, erleichtern kan, ist theils die Gewißheit, daß selbst ein großer Theil des etwanigen Guten, welches irgend in diesen Blättern enthalten seyn mag, doch in so fern ihm zu verdanken ist, als es durch Prüfung und weitern Verfolg seiner Untersuchungen veranlaßt wurde, und theils die Ungewißheit, ob er nicht selbst wohl schon auf andre Spuren gekommen, und in dem noch nicht bekannt gemachten Theil seines letzten großen Werks[13] von seiner vorigen Meinung wieder abgegangen seyn mag. Auf keinen Fall wird aber ~Haller’s~ Ruhm das mindeste von seinem verdienten Glanze verlieren, wenn Er auch dennoch die eingewickelten Keime ferner behauptet, und sich der allmäligen Bildung noch weiter wiedersetzt haben sollte; so wenig als es ~Harvey’s~ und ~Newton’s~ ewigen Nachruhm schwächen darf, daß Jener das Daseyn der Milchgefäße im thierischen Körper, und Dieser die Möglichkeit der farbenlosen Fernröhren geläugnet hat!

[1] Wie z. B. des ~Orpheus~, des ~Pythagoras~, ~Anaxagoras~ etc.

[2] Z. B. von Pabst ~Johann XX.~, von Bischof ~Albert~ dem Großen oder was sonst für ein ehrwürdiger Geistlicher der Verf. des schmuzigen Büchleins von den Geheimnissen der Weiber ist. So ~Mich. Scotus~ und viele a. m.

[3] _Von Natur der Dinge an Johansen Winkelsteiner von Fryburg im Uchtland._ im VIten B. der Huserschen Ausg. seiner sämtlichen Werke. S. 263. u. f.