U-Boot-Abenteuer im Sperrgebiet

Part 6

Chapter 63,598 wordsPublic domain

»Turm abschließen!« Die Reservebeleuchtung flammt auf. In der Zentrale sieht es wüst aus. Sprengstücke der im Turm platzenden Granaten haben ihren Weg nach unten gefunden. Ruderleitungen, Kommando-Elemente sind zerrissen, das Heckruder klemmt, der Kreiselkompaß steht. Nach Steuerbord überliegend, sackt das Boot unheimlich schnell, zwanzig Meter ... dreißig ... fünfundvierzig ... und fünfzig Meter überschreitet eben der Tiefenmesser, als es endlich gelingt, das Boot aufzufangen. Die Tiefenruder und die Motoren sind intakt geblieben.

Drei Minuten sind verstrichen, seit »U 187« getaucht ist. Der Turm steht voll Wasser. In ihm ist der Kommandant geblieben. Die Hoffnung, ihn noch lebend bergen zu können, ist verschwindend gering, versucht aber muß es werden. Oben lauert der Feind. Es heißt ihn durch plötzliches Auftauchen zu überraschen und sogleich unter Feuer zu nehmen.

Die Geschützmannschaften halten sich klar, um sofort an Deck springen zu können ....

»Ausblasen!« Kaum dreihundert Meter hinter dem Heck der Falle schießt »U 187« an die Oberfläche ... die Luks schlagen auf, hageldicht sausen die Granaten in den überraschten Engländer hinein, der sein Opfer an anderer Stelle sucht .... Krachend geht das Ruderhaus in Trümmer .... mitten in die Geschützmannschaft unter der Back fegen die deutschen Geschosse .... reißen das Geschützrohr aus seiner Wiege, schmettern die zerfetzte Bedienung über Bord .... Dann schließen sich die Wellen des Atlantik über der Falle. Die wird nie wieder deutsche Seeleute meucheln ....

In wenigen Sekunden ist der Turm entwässert. Hier hat die englische Granate weit mehr Schaden angerichtet als unten. Rohrleitungen, Kommando-Elemente und sonstige Einrichtungen hängen verbogen und zerrissen an den Wänden, die dicken Glasscheiben sind zertrümmert. An Deck des Turms liegt der Kommandant. Ein gnädiges Geschick hat ihn vor dem qualvollen Tode des Ertrinkens bewahrt, das Ende muß durch eine schwere Brustverletzung eingetreten sein, bevor das Boot tauchte.

Noch fehlt der Rudergänger, der vom ersten Treffer über Bord gerissen wurde. Während im Boot hilfreiche Hände um den verletzten Wachoffizier bemüht sind, wird die See nach dem Vermißten abgesucht. Umsonst. Nur Schiffstrümmer und Rettungsringe der beiden versenkten Engländer treiben herum, in weiter Ferne verschwindet eben der dritte Fischdampfer. Eine Stunde spähen besorgte Augen umsonst nach dem Kameraden aus. Nichts .... Deutscher Seemannstod .....

Alles, was nicht an Maschinen und Rudern zu tun hat, wird angestellt, die Störungen zu beseitigen. Hoffentlich gelingt es, das Boot wenigstens einigermaßen tauchklar zu machen und Rudereinrichtung und Kreiselkompaß wiederherzustellen. Bis nach Hause muß es langen. Noch mehrere Sperren sind zu durchbrechen, ohne Glück ist der Versuch, mit dem beschädigten Boot in den Hafen zu kommen, ausgeschlossen.

Am späten Abend sind die gröbsten Störungen notdürftig beseitigt, und mit nordöstlichem Kurs steuert »U 187« auf Fair Island zwischen Shetland- und Orkneyinseln zu.

Die Maschinen stehen, das Geräusch der Dieselmotoren verstummt. Die Besatzung tritt auf dem Achterdeck an. Eine kurze Ansprache des ältesten Wachoffiziers, der die Führung übernommen hat. Wenige Worte nur, schlicht, aber tief empfunden, dem Kameraden vom Kameraden nachgerufen, dem Kommandanten, dessen Leiche soeben in die Tiefe gleitet, und dem Rudergänger, der ihm im Tode voranging. »Vater unser, der du bist« ....

Kaum ist das Amen verklungen, als alles auf Station eilt. Zur Trauer und zum Gedenken der Toten ist später Zeit. Die Waffe fordert ihre Rechte. Sie muß dem Vaterlande erhalten bleiben. Und wieder rattern die Motoren, rauscht das Wasser an den Bordwänden längs.

Drei Tage und zwei Nächte voll gespannter Aufmerksamkeit, voll aufregender Augenblicke mit dem nur bedingt manövrierfähigen Boote folgen, Stunden, in denen kein Auge sich schließen darf, in denen nur der bis zum äußersten angespannte eiserne Wille, das Boot nach Hause zu bringen, den völlig erschöpften Körper aufrecht erhält. Dann tauchen voraus die roten Felsen Helgolands auf.

Eine halbe Stunde später, Meldung von »U 187« an Flotte:

»Habe fünfundvierzigtausend Tonnen versenkt. Kommandant und ein Mann im Gefecht mit U-Bootsfalle getötet, ein Offizier, ein Mann verletzt.«

Abends in der Messe des U-Boot-Wohnschiffes. Harte, energische Züge scheinen für einen Augenblick noch entschlossener, schärfer zu werden. Ein kurzes Gedenken der gefallenen Kameraden, die geblieben sind. Und gleichzeitig ein stilles Gelöbnis: Den Kampf durchzukämpfen bis zum Siege.

Der deutsche Reservist

Srrrr ... sr ... srrrrr .... knistert es in der Antenne. Bald kurz, bald lang, eine ganze Weile schon. Dann verstummt das Sirren, und nach wenigen Minuten taucht der F. T.-Gast mit seiner Funkspruchkladde in dem Turm hoch, um das soeben abgehörte Gespräch dem Kommandanten vorzulegen: »Herr Kapitänleutnant, Funkspruch von »U 103«: »Stehe fünfzig Seemeilen südlich Kap Clear, haben Sie Appetit auf frischen Schweinebraten? Kommen Sie bald, Filet für Sie aufgehoben.«

»Donnerwetter!« entfährt es dem Kommandanten, »Nu aber fix, Steuermann zeigen Sie mal die Karte her. Wie weit stehen wir ab?« Schnell ist mit dem Zirkel die Entfernung abgegriffen. In zwei Stunden kann »U 145« an der angedeuteten Stelle sein. Drei Wochen schon ist das Boot draußen im Sperrgebiet an der französischen Westküste zwischen Spanien und Irland tätig, über dreißigtausend Tonnen sind ihm bereits zum Opfer gefallen. Zwar herrscht kein Proviantmangel an Bord, der Schmutje stellt sogar als früherer Küchenchef eines Reichspostdampfers ganz leckere Gerichte in reicher Abwechslung auf den Tisch. Was aber will das besagen gegen den zauberhaften Klang: frisches Schweinefleisch! Wie ein Lauffeuer verbreitet sich die frohe Nachricht durch das ganze Boot, welch leckerer Bissen in nächster Nähe winkt. Nach dem erfolgreichen Wirken der letzten Tage ist die Schiffahrt in dieser Gegend ohnedies für eine Zeitlang vergrämt. Es wird nichts versäumt, wenn »U 145« der freundlichen Einladung folgt.

Die Dieselmotoren arbeiten so glatt und ruhig, als wüßten sie, daß in der Nähe frischer Braten wartet. Kaum zwei Stunden später taucht voraus der graue Turm eines U-Bootes auf, an dessen vorderem Sehrohr das Erkennungssignal flattert. Weit und breit ist sonst nichts Auffälliges auf dem Wasser zu sehen. Die See ist durch die Westbrise, die kaum wahrnehmbar schon seit einigen Tagen stetig weht, nur ganz leicht bewegt. Eine Viertelstunde darauf liegen die beiden Boote nebeneinander. Vorn am Bug von »U 145« steht der Matrose Beckmann aus Vegesack mit der Wurfleine. Geschickt schleudert er sie zum Kameraden hinüber, der sie ebenso auffängt und die dünne Stahlleine nachholt, Gleichzeitig mit der Stahlleine geht aber auch die bescheidene Anfrage hinüber: »Hebt ji die Wust all ferdich?« Der Angerufene grinst bloß vielversprechend und deutet nach dem Achterdeck, wo eben großes Schlachtefest stattfindet. Ein Schwein ist bereits gänzlich zerlegt, während das zweite, für »U 145« bestimmte, sauber und sachkundig geteilt an Deck liegt.

Der Kommandant und einige Leute klettern hinüber. Die Begrüßung ist so herzlich, wie sie unter Kameraden, die draußen in See allein am Feinde stehen, nur sein kann. Die letzten Erfahrungen werden ausgetauscht, jeder berichtet, was es in der letzten Zeit an Interessantem gab. Der Kommandant von »U 103« ist erst vor drei Tagen hier angekommen. Außer zwei kleinen Seglern hat er heute morgen einen Dampfer versenkt, der Hafer für die englische Armee geladen hatte und von Rosario in Argentinien nach Le Havre bestimmt war. Kurz vor dem Anschlagen der Sprengpatronen entdeckte die Sprenggruppe auf dem von der Besatzung bereits verlassenen Fahrzeuge die beiden fröhlich grunzenden Borstentiere, die keinen Sinn für den Ernst der Lage zu haben schienen; und da es zu schade war, die armen Tiere ungegessen in die Tiefe gehen zu lassen, wurden sie an Bord genommen.

Bedeutend mehr weiß der Kommandant von »U 145« zu berichten. Mit einer stummen Bewegung nach drei Leuten, die ruhig und vergnügt auf dem Achterdeck seines Bootes stehen und behaglich ihre Pfeife schmauchen, deutend, sagt er: »Sehen Sie sich mal diese harmlosen drei Burschen dort an, die hätten uns um ein Haar das Lebenslicht ausgeblasen. Vor fünf Tagen stand ich zwanzig Seemeilen östlich Quessant, als ich einen großen Schlepper -- der alte Bursche dort, der sich eben die Pfeife anzündet, führte ihn -- durch einen Schuß anhielt. Der Kasten sah gänzlich harmlos aus, Geschütze hatte er nicht, und auch sonst war nichts Verdächtiges an ihm zu bemerken. Bis auf fünfzig Meter waren wir herangegangen, als der Kerl plötzlich mit Hartruder auf uns zudreht. Wir mit A. K. rückwärts, auf Strohhalmbreite schrammte er an uns längs. Dann wollte er auskneifen. Na, er kam nicht weit, wie Sie sich denken können. Gleich beim ersten Schuß flog ihm der Schornstein über Bord, der nächste riß ihm ein ganzes Stück aus dem Heck, und der dritte gab ihm den Rest. Zwei von seinen Kerls waren bei der Geschichte draufgegangen. Heizer und Maschinist, die mächtig herumwinselten und über ihren Kapitän mordsmäßig fluchten, habe ich an Land geschickt, den Burschen selbst werde ich zu Hause abliefern.

Die beiden Tommys haben mir auch ordentlich zu schaffen gemacht. Die sind schon seit vierzehn Tagen bei mir und haben sich ganz gut eingelebt. Sie müßten mal sehen, wie die Kerls springen, wenn getaucht werden soll, wie die Wiesel. Nächstens kann ich sie rollenmäßig anstellen. Sie waren auf einem dicken Elder Demster Dampfer, der mit voller Ladung vom Kap kam, und schossen aus ihrem Geschütz, bevor wir noch überhaupt recht aufgetaucht waren. Eine Stunde haben wir uns mit dem Kasten, der natürlich, sobald er einsah, daß er uns unterlegen war, haste was kannste ausbüxte, herumgeschlagen, dann endlich gab er klein bei. Schön sah es beim ihm an Deck ja nicht aus. Den Kapitän wollte ich auch mitnehmen, der hatte aber einen schweren Granattreffer abbekommen. Seine Leute haben ihn mit an Land genommen. In diesem Kriege fährt er sicher nicht mehr zur See. Sonst aber haben wir bis heute Glück gehabt. Na, und jetzt der unverhoffte Schweinebraten!«

Der Koch, der bereits einige Male den Versuch gemacht hat, mit dem F. T. Filet an Deck zu erscheinen, hat wohl nur auf dieses Wort gewartet. Eine Stunde später trennen sich die beiden Boote unter fröhlichem »Auf Wiedersehen!« --

Zwei Tage später steht »U 145« südlich von Belle Ile, um die Loiremündung nach ein- und auslaufenden Schiffen zu beaufsichtigen. Gegen zehn Uhr vormittags tauchen am östlichen Horizont zwei Segler auf, die aber nicht weiter kommen. Sie kreuzen in kurzen Schlägen auf und ab und warten anscheinend auf irgend etwas. U-Bootsfallen? »Na, die können ja lange warten, bis wir ihnen den Gefallen tun«, murmelt der Wachoffizier, der die Fahrzeuge, die sich so eigentümlich benehmen, beobachtet, vor sich hin. Nach einer Weile gleiten aus der Loiremündung zwei weitere Segler heraus. Dicht hinter ihnen taucht eine Rauchwolke auf, die sich den vier dicht beieinander stehenden Schiffen nähert. Als hätten die nur darauf gewartet, so setzen sie sich jetzt unverzüglich mit Westkurs in Bewegung. Das Rätsel ist gelöst: ein Konvoi! Der Dampfer, ein ehemaliger Trawler, hält zuerst weit voraus die Spitze, während die vier Segler, in ungefähr hundert Meter Abstand, voneinander folgen. Es sind die typischen französischen Raschoner, die zu normalen Zeiten bei Island oder Neufundland fischten. Fahrzeuge von drei- bis vierhundert Tonnen, die jetzt bei dem großen Mangel an Schiffsraum dem Frachtverkehr zwischen England und Frankreich dienen müssen. Dem Geleitschiff erscheint die See voraus unverdächtig. Es stoppt, läßt die Segler aufkommen und hält sich an ihrer Leeseite. Der Zug kommt näher heran. Deutlich ist auf der Back des Fischdampfers ein Schnellfeuergeschütz zu sehen, zwei Revolverkanonen stehen am Heck.

Dreitausend Meter vor ihm taucht »U 145« auf und überschüttet ihn mit einem Hagel von Granaten. Bevor die Segler noch begriffen haben, was anliegt und die Franzosen auf dem Trawler die geringsten Anstalten zur Gegenwehr machen können, sinkt ihr Fahrzeug weg. Wie eine Herde von Schafen, in deren Hürde der Wolf einbricht, versuchen jetzt die Segler davonzulaufen. Mit ihnen hat das U-Boot leichtes Spiel. Dem ersten saust eine Granate in die Takelage, daß die Segel des Vordermastes brennend über das Deck hinstürzen, der zweite teilt sein Schicksal. Ihm geht mit einem Stück des Vorschiffes der Klüverbaum davon. Nun ergeben sich auch die beiden anderen in ihr Schicksal und werfen die Segel herunter. Eine Viertelstunde später rudern in drei heilgebliebenen Booten die Besatzungen der vier versenkten Raschoner mit den beiden Überlebenden des Geleitschiffes nach der französischen Küste.

Am Nachmittag und im Laufe des nächsten Tages zeigt sich in dieser Gegend nichts mehr. Die Versenkung der fünf Schiffe ist von Belle Ile aus wohl beobachtet, die Schiffahrt ist gewarnt worden. So geht »U 145« wieder nach dem Westeingang des Kanals. Dort soll versucht werden, feindliche Schiffe, die glauben, ungestraft das Sperrgebiet passieren zu können, eines Besseren zu belehren.

Hundertfünfzig Seemeilen östlich der Scillyinseln kommt ein großer, schwarzer Dampfer, dessen Schornstein kein Reedereiabzeichen trägt, mit hoher Fahrt über die Kimm herauf. Den Umrissen nach kann es sich nur um einen Dampfer der P. u. O. Linie handeln, der dem Verkehr mit Ostasien dient. Er ist schwer geladen und sicher bewaffnet. Ein Artilleriegefecht mit dem schnellaufenden Schiff ist eine zu gewagte Sache. Selbst wenn er einige gutsitzende Treffer abbekommt, kann er noch immer mit seiner überlegenen Geschwindigkeit glatt davonlaufen. Das große Schiff mit seiner wertvollen Ladung, die sicher in die Millionen geht, verlohnt überdies schon einen Torpedo.

Der Engländer scheint sich ziemlich sicher zu fühlen, da er seinen Kurs durchhält und nicht, wie es sonst in dieser Gegend doch üblich ist, Zeit mit Zickzackfahren verlieren will.

Auf Sekunden stößt das Sehrohr des an die Fahrtrichtung anlaufenden Bootes über die Oberfläche, Dann wiederholt sich das wohlbekannte Schauspiel: die hohe Sprengwolke, die einströmende See, das Überlegen des riesigen Kastens, der sicherlich über zehntausend Tonnen hat, und schließlich das Versinken. In kaum einer halben Stunde ist alles vorüber. Die Besatzung ist in ihre Boote geklettert und liegt in der Nähe gestoppt, um die schwerfälligen eisernen Tröge vorerst zum Segeln klarzumachen. Keine leichte Arbeit bei dem unglaublichen Zustande, in dem sich das Inventar der Boote befindet. »U 145« umkreist die Engländer und läßt das Boot, in dem sich der Kapitän mit den Schiffspapieren befindet, herankommen. Ein fetter Bissen! Stückgut, Reis aus Rangoon, Tee aus Colombo, Häute -- zweihundertfünfzig chinesische Kulis zur Bestellung der englischen Felder, die seit der plötzlichen Sperrgebietserklärung Deutschlands eine recht wichtige Rolle spielen. Ob die armen gelben Kerle, die wie ein Häufchen Unglück fröstelnd in ihrem Nankingzeug auf den Duchten hocken und allmählich einzusehen scheinen, daß es mit dem glänzenden Angebot doch ein böser Reinfall war, die englische Landwirtschaft auf die Beine bringen werden? Es sieht nicht gerade danach aus.

Während der Kommandant noch in den Schiffspapieren blättert, segelt das erste Boot, ohne um Erlaubnis zu fragen, bereits ab. Ein Schreien und Schimpfen erhebt sich drüben, ein kurzes Handgemenge, dann springt ein Mann der Besatzung über Bord. Die Engländer suchen ihn mit Bootshaken und Riemen heranzuziehen, er will aber nicht. Während das Boot in den Wind schießt, stößt der Schwimmer gewaltig aus, um die Entfernung zwischen sich und dem Fahrzeuge noch zu vergrößern. Ab und zu hebt er sich aus dem Wasser und ruft; was er will, ist nicht zu verstehen, da der Wind den Schall verweht. Jedenfalls aber muß mit dem Kerl dort etwas Besonderes los sein.

Eben will der Kommandant den Befehl geben, dem Schwimmer entgegen zu fahren, als vom Vorschiff gerufen wird: »Der Mann schreit Hilfe!«

Hilfe? Ein deutscher Ruf? Einige Minuten später wird der ziemlich Erschöpfte an Bord des U-Bootes, das ihm entgegengefahren ist, gezogen und zum Kommandanten geführt. Trotz der triefenden Kleider, aus denen das Wasser unaufhörlich an Deck leckt, nimmt er militärische Haltung ein und meldet: »Obermatrose d. R. Ahlers meldet sich an Bord«. Schallendes Gelächter. Die Geschichte ist wirklich komisch. Eine Weile dauert es, bis der Kommandant sich gefaßt hat.

»Nanu, Mensch, wo kommen Sie denn her?«

»Aus dem Gefangenenlager von Singapore, Herr Kapitänleutnant!«

»Na, das scheint ja eine lange Geschichte zu sein. Nu mal erst unter Deck und anderes Zeug anziehen. Gebt ihm 'n ordentlichen Schluck aus der Buddel.«

Verständnisinnig nimmt der Bursche des Kommandanten den »Überetatsmäßigen« mit hinunter, um ihn mit allem Nötigen zu versehen.

Die Engländer werden bis auf den Kapitän und die Geschützbedienung freigelassen. Der Obermatrose Ahlers, der sich in seinem trockenen Zeug rasch von der kurzen Schwimmpartie erholt hat, muß auf den Turm kommen und dort erzählen. Er war Zweiter Offizier auf einem kleinen Lloyddampfer, der als Küstenfahrer zwischen Singapore und den Sundainseln verkehrte. Kurz nach Ausbruch des Krieges lief sein Schiff, dessen Besatzung keine Ahnung von den inzwischen eingetretenen Ereignissen hatte, in Singapore ein. Sofort nachdem es festgemacht hatte, kam die Mannschaft eines englischen Kreuzers an Bord und holte die deutschen Offiziere herunter, um sie nach einem in der Nähe der Stadt gelegenen Gefangenenlager zu bringen. Lange Monate hatte Ahlers mit zahlreichen Leidensgenossen dort zugebracht, bis es ihm und einem Freunde glückte, eines Nachts die Wachsamkeit der Engländer zu täuschen und zu fliehen. In einem kleinen, am Strande gelegenen Eingeborenendorf bemächtigten sie sich eines Fischerbootes, um die Malakkastraße zu überqueren und sich nach Sumatra auf holländisches Gebiet in Sicherheit zu bringen. Anfangs ging auch alles ganz gut. Mitten in der Straße aber schlief der Wind gänzlich ein, und die starke Strömung vereitelte jeden Versuch, durch Rudern weiterzukommen. Drei Tage und drei Nächte trieben sie in dem offenen Boot umher. Wasser hatten sie nur einen kleinen Blechtinn mitnehmen können. Die Sonne schien mit mörderlicher Glut senkrecht von oben herab. Gegen Mittag des dritten Tages starb sein Freund an einem Sonnenstich. Wie der nächste Tag vergangen, wußte er selbst nicht mehr, er war völlig teilnahmlos geworden. Zwanzig Stunden später kam der P. u. O. Dampfer heran und nahm ihn auf. Er war bald erkannt, da einer der englischen Passagiere aus Singapore stammte und öfters mit ihm gefahren war. So wurde er also eingeschlossen und sollte als Gefangener in England abgeliefert werden. Im Augenblick des Unterganges war er ruhig mit ins Boot gegangen; eine Gelegenheit mußte sich bieten, die Aufmerksamkeit der Deutschen auf sich zu ziehen. Er erzählt ganz schlicht und einfach, tut mit wenigen Worten die ganze Geschichte ab. Und ist doch ein ganzer Roman von glühender Heimatliebe und deutschem Wagemute. Schnell findet er sich in das Leben an Bord des U-Bootes, am nächsten Tage geht er schon seine Wache. --

Der Konvoi

Aus den Erzgruben Nordspaniens rollen Tag und Nacht die schwerbeladenen Züge nach Bilbao. Auf den Ladebrücken direkt vor den Dampfern halten sie. Die Waggons werden abgekuppelt und einzelne gehoben. Im nächsten Augenblick poltert ihr gewichtiger Inhalt durch die Ladeluks in das Schiffsinnere. Mehr als dreißig Züge, bis an die tausend Waggons verschluckt ein einziger der großen Dampfer, von denen seit Ausbruch des Krieges ein immer mehr steigendes Kommen und Gehen ist. Kaum haben sie ihre Kohlenladung gelöscht, als auch schon das Erz den Platz einnimmt. Hunderttausende von Tonnen jeden Monat. Ein gewaltiges Geschäft für die Besitzer der spanischen Gruben, die ihren Betrieb vervielfachen mußten, um den britischen Anforderungen genügen zu können. Der Krieg hat den Verbrauch von Stahl ins Ungeheure gesteigert. Wo immer Eisenerze zu haben waren, trat England als Käufer auf. Die eigenen Erze sind zu arm, die Tausende von Munitionsfabriken verschlingen immer mehr Rohmaterial. Bleibt die Zufuhr aus, dann ist auch der Krieg für England verloren; kein Wunder, wenn die britische Admiralität mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln trachtet, diese so wichtigen Transporte sicher von Hafen zu Hafen zu geleiten.

Fünf der großen Trampdampfer liegen bereits vor der Einfahrt unter Dampf, als der sechste seine Ladeluken schließt, vom Kai ablegt und den Hafen verläßt. Hintereinander setzen sich die Schiffe in Bewegung. Außerhalb der Dreimeilengrenze warten bereits zwei kleine englische Hilfskreuzer, ehemalige schnellaufende Kanaldampfer, auf ihre Schutzbefohlenen. Der Geleitzug wird gebildet. Unendlich schwierig ist es, auf hundert Dinge muß Rücksicht genommen werden. Die Geschwindigkeit des ganzen Konvoi muß sich nach der des langsamsten Fahrzeuges richten, nicht zu dicht dürfen die Schiffe hintereinander folgen, um Rammen zu vermeiden. Der Zwischenraum darf aber auch nicht zu groß werden, damit die Geleitschiffe sie wirksam zu schützen vermögen. Geht schon durch die Verschiedenheit der Fahrzeuge geraume Zeit verloren, bis sie fahrbereit sind, dann steigert der Marsch selbst die Schwierigkeiten. Die Anhäufung so vieler Schiffe erregt durch die große Zahl der Rauchwolken schon auf weite Entfernung die Aufmerksamkeit der U-Boote. Es gibt aber keine Wahl. England verfügt nicht über die genügende Anzahl von Geschützen, um alle Dampfer bewaffnen zu können, selbst wenn das mit Hilfe Amerikas durchzuführen wäre, fehlen doch die Leute zur Bedienung.

Die Nacht bricht herein, tiefe Dunkelheit senkt sich über die See, schwarze Wolken verhüllen den Himmel. Ein Licht glimmt auf, ein zweites, drei, sechs. Die Gefahr des Rammens wächst in der dunklen Nacht. Die Abstände zwischen den Schiffen müssen vergrößert werden, sie dürfen sich aber nicht verlieren. Das einzige Mittel ist ein Licht am Heck, um dem Hintermann den Standort anzuzeigen. So schwach der Schein der Laternen auch ist, er dringt weit über See und verrät dem spähenden U-Bootsmann das Nahen des Gegners.

Seit einer Stunde hat »U 145« die Lichter des Konvois, der, von Bilbao kommend, kostbare Erzladung an Bord haben muß, in Sicht. Vorläufig ist nichts zu machen. Die Geleitschiffe sausen völlig abgeblendet in unregelmäßigen Kursen um die ihnen anvertrauten Dampfer herum, bereit, den nahenden Feind mit ihrem Schnellfeuer zu überschütten. In sicherem Abstande gleitet das Tauchboot voraus. Erst der grauende Morgen soll den Angriff bringen. Deutlich ist die Zahl der einzelnen Schiffe zu erkennen: Sechs Erzdampfer, dazu mehrere abgeblendete Geleitkreuzer.

Es dämmert. Noch steht die Sonne unter der Kimm, im Zenith aber färbt sich der Himmel heller, und graufahles Licht läßt alle Einzelheiten auf See erkennen. Hintereinander stampfen die sechs tiefbeladenen Fahrzeuge in der Dünung weiter, zu beiden Seiten querab stehen zwei Hilfskreuzer.

»Backbord Rohr klar! -- Los!« Kaum zwei Minuten später klingt die Detonation an das U-Boot, das sofort nach dem Schusse eingefahren hat und abgelaufen ist, heran. Kann doch die Blasenbahn nur zu leicht dem nächststehenden Kreuzer den Standort verraten. Eine Weile bleibt »U 145« getaucht, dann stößt vorsichtig, den Bruchteil einer Sekunde nur, das Sehrohr über die Oberfläche. Die beiden Kreuzer jagen mit äußerster Kraft durch die See, bald hier, bald dort, wo immer die aufgeregte Phantasie der Leute ein Sehrohr zu bemerken vermeint, schlagen die Granaten ein. Der angeschossene Dampfer liegt bereits bis zur Brücke im Wasser, jeden Augenblick muß er wegsacken. Seine fünf Gefährten haben gestoppt. Sie sind anscheinend ratlos und warten auf Befehl von den Kreuzern.