U-Boot-Abenteuer im Sperrgebiet
Part 4
»Alle Tanks fluten!« Der Zeiger des Tiefenmanometers schnellt um fünfzehn Meter vor. »Dreimal äußerste Kraft voraus!« Jetzt heißt es, biegen oder brechen. Ein leichtes Zittern ... einige kurze scharfe Rucke, dann schießt »U 95« mit voller Geschwindigkeit voraus. Einzelne Tampen des zerrissenen Netzes schlagen noch an das Achterschiff, dann ist das Hindernis durchbrochen.
Der Steuermann, der eben zu seiner großen Beruhigung festgestellt hat, daß der Kreiselkompaß seine ungeheuere Geschwindigkeit noch immer ohne Störung beibehalten hat, wischt sich den Schweiß von der feuchten Stirn und meint dann aufatmend zum leitenden Ingenieur, der neben ihm in der Zentrale steht: »Nu fehlt heute nacht bloß noch 'ne U-Bootsfalle, dann haben wir aber auch den ganzen englischen Abwehrzadder erlebt!«
Die Nacht scheint aber den Ahnungen des Steuermanns nicht Recht geben zu wollen. Es ereignet sich nichts weiter. Noch funkeln die Sterne am Himmel, als »U 95« auftaucht. An Steuerbord schimmert das Feuer von Beachy Head minutenlang herüber, erlischt für eine Weile, um abermals aufzublitzen. Es kann sich nur um ein Signal für ein Schiff handeln, das die Fahrt über den Kanal wagen will, ein Leitlicht, nach dem sich der Kapitän des Fahrzeuges richten mag. Das Dringendste wäre zunächst, die durch das Netz vielleicht verursachten geringen Beschädigungen festzustellen, das hat aber schließlich Zeit bis zum Morgen, da das Boot einwandfrei arbeitet. Wichtiger für den Augenblick scheint dem Kommandanten, sich davon zu überzeugen, welchem Fahrzeug eigentlich der ungewohnte Lichtschein von Beachy Head gilt. --
Das Boot stoppt. Aufmerksam spähen die Augen nach allen Seiten, und bald ist das Rätsel gelöst. Fünfzehn Minuten etwa sind vergangen, als die Lichter eines Schiffes an Backbord des Leuchtfeuers auftauchen. Nicht nur die Seiten- und Dampferlaternen des Herankommenden brennen, auch die Promenadendecks sind hell erleuchtet, aus mehr als hundert Seitenfenstern strahlt eine Flut von Licht nach außen. Was mag das bedeuten? Ein hellerleuchtetes Schiff mitten im gefährdetsten Sperrgebiet? Ein Neutraler wird doch nicht so wahnsinnig sein, hier unbekümmert, als gäbe es keine deutschen Tauchboote, spazieren zu fahren. Ein englisches Lazarettschiff, das nach Frankreich will, um dort jedenfalls Verwundete abzuholen! In einigen hundert Metern Entfernung muß es an dem gestoppt liegenden »U 95« vorbeifahren. Schon sind alle Einzelheiten deutlich zu erkennen. Drei riesige Kreuze aus Glühlampen leuchten vorn, mittschiffs und achtern an der Bordwand, ein funkelnder Streifen zieht sich vom Bug nach dem Heck. Alles vollständig vorschriftsmäßig. Näher rauscht das Lazarettschiff heran. Auffallend ist, daß der Dampfer, wie man es bei den leeren Schiffen von solchen Abmessungen doch voraussetzen müßte, nicht hoch aus dem Wasser ragt, und leer muß er sein, da er jetzt doch höchstens Verbandsmaterial, Krankentragen und Ähnliches an Bord haben kann. Die Sache scheint faul! Keine zweitausend Meter ist der Engländer jetzt ab. Im Glanze der zahlreichen Deckslichter enthüllt sich im nächsten Augenblick eine ungeheure englische Niedertracht.
Aus dem Dunkel des Vorschiffs huscht plötzlich eine ganze Menge von feldmarschmäßig gerüsteten englischen Soldaten die unter der Brücke liegende Treppe hoch, auf die Promenadendecks. Eine Täuschung ist unmöglich! Ganz deutlich hebt sich alles genau übereinstimmend in den Gläsern ab. Was da drüben an khakifarbenen Männern zu sehen ist, sind keine Sanitätssoldaten. Gewehrläufe blitzen in den Deckslichtern! Eine Gruppe wird so scharf beleuchtet, daß die ganze Ausrüstung bis in die kleinste Einzelheit festzustellen ist. Ein Irrtum ist gänzlich ausgeschlossen! Da kommt auch schon die Bestätigung. Während die Engländer sich völlig sorglos unterhalten, öffnet sich eine nach den Niedergängen führende Tür. Wütendes Schimpfen klingt durch die Nacht, hastig jagt ein Offizier die unvorsichtigen Leute nach dem Achterschiff in das Dunkel; in größter Eile stürzen sie davon. Warum diese Heimlichkeit bei Sanitätern? Ähnlich scheint es mit der Ladung im Schiffsinnern beschaffen zu sein: Kriegsmaterial für die Front. Die ungeheuren Gewichte schwerer Geschütze und größere Mengen von Munition drücken das Lazarettschiff bis zur Grenze der Schwimmfähigkeit herunter.
Morgen werden die Engländer in hysterisch-ohnmächtiger Wut zwar in die Welt hinausbrüllen, ein harmloses Lazarettschiff sei von einem deutschen U-Boot versenkt worden, hier aber gibt es kein Bedenken. Der eine Torpedo, der im Rohre harrt, rettet Tausenden von Kameraden Leben und Gesundheit.
In wenigen Minuten liegt der Engländer im Ziel des schußbereiten Bootes, das einige hundert Meter querab getaucht wartet.
»Steuerbord Bugrohr fertig!« Einen Augenblick später leuchtet die Mattscheibe auf: »Fertig!«
»Los!« Wenige Sekunden nur, dann erschüttert der starke Stoß der Explosion »U 95«. Unmittelbar vor dem achtersten Mast hat der Torpedo aufgetroffen. Eine Minute darauf scheint das Lazarettschiff ein feuerspeiender Vulkan zu sein. Auseinandergerissen sinkt das riesige Fahrzeug unter der hochgehenden Munition mit aufbäumendem Vor- und Achterschiff in die Tiefe und mit ihm die für die Front bestimmten Granaten, Patronen und Geschütze; die Tommys, die sich im Schutze des Genfer Zeichens so sicher wähnten, daß sie sich aus dem Dunkel ins helle Licht hervorgewagt haben.
Tiefschwarze Nacht lagert über dem Kanal. Gleichmäßig rauschen die Wellen. An Steuerbord leuchtet das Feuer von Beachy Head, der Wegweiser, der das englische »Lazarettschiff« sicher nach Frankreich geleiten sollte. --
Während von allen Seiten, durch die riesige Explosion angelockt, Zerstörer und Bewachungsfahrzeuge heranpreschen, ist »U 95« längst schon in sicheren Tiefen westwärts abgelaufen. Wenn auch nicht viel Lebendes an der Stelle des Unterganges zu bergen ist, werden die Helfer jedenfalls doch zu sehr beschäftigt sein, um an eine, im Dunkeln doch aussichtslose Verfolgung denken zu können. So taucht der Kommandant also eine Stunde vor der Morgendämmerung auf, um vor allem erst die Akkumulatoren wieder aufzuladen. Noch liegen vierundzwanzig Stunden Kanalfahrt vor dem Boot, die alle erdenklichen Zwischenfälle bringen können.
Mit gewöhnlicher Marschgeschwindigkeit zieht »U 95« in den anbrechenden Tag hinein. Kaum ist die Sonne aufgegangen, als es festzustellen gilt, ob durch das Netz irgendwelche Beschädigungen der Außenhaut verursacht wurden. Ein wirres Durcheinander von Drahtenden hat sich wie festgeschmiedet um das Vorschiff gelegt. Einer der vordersten Ölbunker ist eingebeult und leckt. Ein Glück nur, daß der unangenehme Zwischenfall sich nachts ereignete. Das sickernde Öl hätte im Tageslicht an der Oberfläche den Verräter gespielt, bis zur neuen Nacht hätte das Gehetzt- und Gejagtwerden dauern können. Nur zu leicht wäre es gewesen, der Spur an der Oberfläche zu folgen.
Mit allen verfügbaren Leuten wird das Netz beseitigt und das Leck gedichtet, und zwei Stunden später sind alle Schäden beseitigt, nur einige schampfiehlte Stellen am Vorschiff sind als ehrenvolle Narben zurückgeblieben.
Das Wetter ist klar und sichtig. »U 95« hält sich mitten im Kanal. Weder die englische noch die französische Küste sind in der immer breiter werdenden Straße zu sehen. Von Schiffsverkehr ist nicht viel zu bemerken. In weitem Abstande nur kommen die braunen Segel einiger Fischer, die dicht unter der englischen Küste kreuzen, in Sicht, am Spätnachmittag noch Rauchfahne und Masten eines anscheinend mit großer Fahrt laufenden Dampfers, der der französischen Küste zusteuert. Ebenso ruhig wie der Tag verstreicht die Nacht, und am Morgen steht das Boot am Westeingang des Kanals.
Ein Gefühl der Erleichterung bemächtigt sich der Leute. Wenn ihnen auch die zurückgelegte Strecke kein besonderes Heldenstück zu sein scheint, -- haben sie doch auf ihren zahlreichen Fahrten oft schon ähnliche Hindernisse und Störungen kennengelernt -- so liegt doch von jetzt ab die offene See vor ihnen, die weder Minen noch Netze kennt. Vielleicht zwar hat Herr Edison während seiner sechsunddreißigstündigen Arbeitszeit im Tage, die er auf dem Gipfel seines sagenhaften Berges verbringt, einen neuen amerikanischen Bluff erfunden, um die deutschen U-Bootsleute graulich zu machen. »Man tau«, würde der Obermatrose Tönjes sagen. Der Nachmittag schon bietet Gelegenheit, die Probe auf das Exempel zu machen.
Vom Westen kommend, taucht gegen drei Uhr über der Kimm ein Dampfer auf, dessen Umrisse nach kurzem deutlich auszumachen sind. Ein großer Transatlanter mit einem Schornstein und vier Masten. Tief beladen. Drei große weiße Buchstaben leuchten von der schwarzen Bordwand: =U. S. A.= Ein Amerikaner. Ein seltener Bissen -- im Sperrgebiet. Fünf Seemeilen steht er ab, als ihm der erste deutsche Gruß zwischen den Masten dicht über Deck entgegenschlägt.
Ganz unerwartet scheint den Herrschaften drüben diese Begegnung nicht zu kommen. Im gleichen Augenblick fast dreht er hart Backbord auf die Irische Küste zu, während seine Hilferufe =S. O. S., S. O. S., S. O. S.= nicht abreißen wollen. So leicht aber entkommt man nicht, auch wenn man Amerikaner ist. Die deutschen Grüße werden eindringlicher. Zwei Granaten schlagen in das Achterschiff ein. Er stoppt noch immer nicht. Eben hallt der Donner eines neuen Schusses über das Wasser, als drüben mehrere große Kisten über das Heck gestürzt werden.
Ein leichter Dunst scheint aus der See aufzusteigen, dünn, wie ein feiner grauer Schleier hebt er sich über dem Wasser, wird stärker, dichter, wallt in ganzen Schwaden hoch, breitet sich aus, legt sich als schützender Brodem vor das amerikanische Schiff. Es ist verschwunden. Künstlicher Nebel. Schießen hat keinen Zweck mehr, trotzdem aber soll er nicht entwischen.
Mit äußerster Kraft prescht »U 95« seitwärts ab, um die Nebelwand zu umgehen. Eine halbe Stunde verstreicht, da tauchen vorerst die Mastspitzen, dann der Schornstein und schließlich der ganze Schiffsrumpf des Amerikaners wieder auf. Die erste Granate trifft auch gleich diesmal die richtige Stelle. Aus der Mitte des Schiffes dringt weißer Dampf; es stoppt! Vorsichtig nähert sich das Tauchboot dem Dampfer und umkreist ihn in sicherer Entfernung. Er ist unbewaffnet. Die Kerle drüben wissen genau, daß es sich hier um keine Komödie handelt, glauben indessen auch weiter noch die Schwerhörigen spielen zu können. Sie tun, obwohl seit zehn Minuten schon das Signal: »Verlassen Sie sofort das Schiff!« ausweht, als machten sie sich an ihren Booten zu schaffen, wollen aber anscheinend nur Zeit gewinnen, um feindlichen Streitkräften rechtzeitiges Heraneilen zu ermöglichen. Erst eine weitere Granate beschleunigt mit sanftem Nachdruck das Aussteigen.
Vier vollbesetzte Boote stoßen ab und kommen heran. Von weitem schon ertönt aus ihnen mörderliches Schimpfen. Das kann die Stimmung an Bord allerdings nur erheitern. Während die Amerikaner sich nähern, reißen Granaten ein Loch nach dem andern in die Wasserlinie ihres Dampfers, durch das die See in hellen Strömen eindringt. Und eben, als das erste Boot mit dem Kapitän anlegt, kentert sein Schiff und sackt weg. Mit ungeheuerer Beredsamkeit protestiert der Amerikaner gegen die »ungewarnte Torpedierung«. Eine barsche Aufforderung unterbricht seinen Redeschwall. »Bringen Sie Ihre Schiffspapiere!« Während der Mann an Deck weiterschimpft und zetert, werden die Papiere durchblättert. Alle erdenklichen schönen Sachen: vom Stacheldraht angefangen bis hinauf zu schweren und schwersten Granaten.
Wieder unterbricht der Kommandant den Zornigen: »Sie wollen gegen die Versenkung Ihres Schiffes protestieren, das bis oben hin mit Kriegsmaterial beladen ist? Na, Sie scheinen ja eine eigenartige Auffassung von unserer Seekriegführung zu haben!«
Etwas kleinlauter geworden, meint der Kapitän des versenkten Fahrzeuges, er wolle ja nur gegen das »ungewarnte Torpedieren« Verwahrung einlegen.
Der Kommandant lacht. »Unser Schuß genügt Ihnen wohl nicht? Und Ihre Nebelbomben? Ihr Auskneifen? ... Sie können an Land rudern!«
Jetzt wird der Amerikaner, der kurz vorher noch so hohe Töne redete, sichtlich verlegen. Er jammert und barmt, weist auf das Gesindel in seinen Booten, mit dem die Fahrt unter Land wohl eine Woche dauern könne. --
Mit den Booten in Schlepp steuert »U 95« nordwärts, um die Leute näher an die Küste heranzubringen. Eine Stunde später aber kommt ein Dampfer in Sicht, von dessen Bordwand die bunten norwegischen Farben leuchten. Wieder so ein Neutraler, dem das Geschäft über alles geht: Kohle von Cardiff nach Genua. Eine Weile darauf landet die schöne Kohle mehrere hundert Meter tief auf dem Grunde des Atlantik, ziemlich weit von ihrem Bestimmungsort, und die norwegischen Boote, die die Amerikaner bald überholen, segeln nach Land zu.
Der nächste Tag trifft das deutsche U-Boot mitten in der Biscaya. Hoffentlich beschert ihm der Zufall noch einige fette Bissen. Lange aufhalten darf es sich hier allerdings nicht, da noch mehr als die Hälfte des Weges zurückzulegen ist. Gegen Abend kommt ein stolzer Viermaster in Sicht. Eben ist er beim Halsen, um über Stag zu gehen, als ihm eine Granate durch die Takelage pfeift. Ein weiteres Segelmanöver tut nicht mehr not. Die Besatzung des Schweden, deren Schiff nach Plymouth bestimmt war, ist bald darauf an Deck des U-Bootes, das sie vorläufig beherbergen will, da der Weg nach Land weit ist. Es sind ruhige, verständige Leute, dankbar für die Aufnahme, die ihnen an Bord zuteil wird. Schnell haben sie in den unteren Räumen ein Plätzchen gefunden, wo sie möglichst wenig stören. Der nächste Tag schon bringt ihnen überdies Befreiung aus dem Bootsinnern.
Siebzig Seemeilen etwa steht »U 95« von Kap Finisterre ab, als ein englischer Erzdampfer ihm in den Weg läuft. Von weitem schon fällt eine ganze Pallisadenreihe von Ladebäumen auf. Mehr als vierundzwanzig stehen sie rund herum an der Reeling. Diese Schiffsart, die für Laden und Löschen der gewichtigen Erzmengen besonders gebaut ist, ist äußerst selten und wertvoll. Glücklicherweise erscheint kurz hinter dem Engländer ein spanischer Fischer, der die Schweden und die Besatzung des Engländers an Bord übernimmt.
Am Abend des dritten Tages kommt an Backbord Kap Trafalgar in Sicht. Die Straße von Gibraltar liegt voraus. Zitternd huschen die Scheinwerfer der Festung über die See nach Ceuta und nach Tanger hinüber, drehen, spüren, suchen, wollen die Straße sperren, als wüßten sie, daß soeben ein deutsches Tauchboot durchzufahren beabsichtigt, und erlöschen wieder. Die afrikanische Küste liegt im Dunkel. Armierte Fischdampfer und zahlreiche kleine Torpedoboote bilden hier die Bewachung. Unbehelligt zieht das Boot an ihnen vorbei in das Mittelländische Meer hinein.
Eine gefährliche Stelle birgt vor dem Ziele nur noch die Straße von Otranto. In tiefer Dunkelheit wird das Kap S. Maria di Leuca gerundet, kurz nach Mitternacht tauchen voraus die Schatten der in der Straße wachehaltenden Patrouillenschiffe auf. Einzelne werden umgangen, dann wird mehrere Stunden getaucht, bis die Gefahrzone passiert ist. Am Mittag wachsen aus den tiefblauen Fluten der Adria die kahlen Karstfelsen der dalmatischen Küste auf, und eine halbe Stunde später weht von Bord eines heranbrausenden Zerstörers die österreich-ungarische Kriegsflagge, gleitet »U 95« durch die Minensperre in den sicheren Hafen.
Der kritische Augenblick
»Nanu, was schleppt der Kerl denn hinter sich her? Können Sie sehen, mit was für 'nem Trog der dort lossegelt?« Wendet sich der Kommandant von »U 119« fragend an den neben ihm stehenden Wachoffizier, der gleich ihm seit längerer Zeit schon einen Schlepper beobachtet. Schwerfällig stampft er in der Dünung der großen Syrthe durch die See und macht kaum Fahrt. In den nächsten Minuten entpuppt sein Anhängsel sich als großer Leichter. Er muß schwer beladen sein, da er ziemlich tief eintaucht und, vom Winde abgetrieben, seinen Vorspann mehr zu ziehen scheint als dieser ihn.
Am frühen Morgen ist das deutsche Tauchboot an der tripolitanischen Küste angekommen, um dort den Schiffsverkehr zwischen Italien und den spärlichen Resten der Kolonie, die dem ehemaligen Bundesgenossen noch geblieben sind, zu stören. Zu Lande sind die Senussen und Araber erfolgreich bis an die Küste herangekommen und haben längst die glorreichen Eroberer auf schmale Küstenstreifen bei Tripolis und Homs gejagt; nun soll ihnen auch die Verbindung zur See abgeschnitten werden. Den ganzen Tag über hatte sich nicht das geringste Rauchwölkchen gezeigt, das auf irgend welchen Schiffsverkehr hätte schließen lassen. Gegen Mittag war wohl einmal das spitze lateinische Segel eines eingeborenen Küstenfahrers aufgetaucht, der Kerl stand aber so dicht unter Land, daß durch die Verfolgung bald die Anwesenheit eines deutschen U-Bootes verraten worden wäre. Erst jetzt vor der Dämmerung taucht der Schlepper mit seinem Anhängsel auf. Der »edle Römer« scheint sich völlig sicher zu fühlen. Seine Seitenlichter brennen, als herrschte hier tiefster Frieden, als gäbe es kein Sperrgebiet und keine U-Boote, die in ihrem Jagdbereich schon dafür sorgen, daß sich niemand ungestraft sehen lasse.
Im Süden geht der Mond auf. In seinem bläulichweißen Lichte, das über der ruhigen See dahinzittert, heben sich die Umrisse der beiden Fahrzeuge, die ruhig und unbekümmert ihren Weg fortsetzen, scharf ab. Einen Augenblick nur dauert die Ueberlegung auf dem Turm des U-Bootes. Sollte der Bursche, der geradezu zum Abschießen herausfordert, etwas Hinterhältiges im Schilde führen? Er sieht zwar nicht so aus, der Teufel aber kann wissen, welch' neue Art von U-Bootsfalle das Ding dort vorstellen mag. Jedenfalls soll er vorerst von allen Seiten in voller Muße angesehen werden. Gestoppt, jederzeit klar zum Tauchen, liegt »U 119« und läßt die beiden Schiffe in ziemlich naher Entfernung an sich vorüberziehen. Sie sind tatsächlich gänzlich schimmerlos. Ein kleiner Schlepper, der den Leichter anscheinend von Tripolis nach Homs ziehen soll. Mit dem wird nicht viel Federlesens gemacht.
»Stoppen Sie sofort!« schallt der Sprachtrichter durch die dunkle Nacht zum Italiener hinüber. Noch kann er nicht sehen, woher die Stimme kommt, aber er weiß Bescheid! Ein sinnloses Gebrüll antwortet dem Befehl, ein Hasten und Jagen hebt an Deck an. Während die italienische Mannschaft noch planlos umherjagt und »U 119« längsseit des Leichters geht, hat sich der Kapitän des Dampfers endlich zu einem seiner Nationalität würdigen Entschlusse durchgerungen. Klatschend fällt die Schleppleine ins Wasser, mit Hartruder dreht das Fahrzeug auf Land zu und sucht Hals über Kopf das Weite. Wohin er will, ist ihm wohl selbst schleierhaft. Der Kurs führt direkt in die Brandung. Anscheinend aber will er lieber dort zu Grunde gehen, als in die Hände des U-Boots fallen. Den Leichter überläßt er seinem Schicksal.
Kaum Sekunden dauert es, bis die Deutschen bei ihm längsseit sind. Die Sache beginnt ein humoristisches Aussehen anzunehmen. Kaum haben die Kerle begriffen, daß auf ihrem Untersatz ein Entrinnen vor der überlegenen Geschwindigkeit des Verfolgers ausgeschlossen ist, als sie sich Hals über Kopf in ihr eiligst über Bord gesetztes Boot stürzen und mit ihm in der Dunkelheit zu entkommen trachten. Auch das nützt ihnen nichts. Das U-Boot schießt um den Schlepper herum und lädt die Italiener recht nachdrücklich ein, sich doch ein wenig an Deck zu bemühen.
So ganz einfach ist das aber nicht. Entweder haben die Kerle Angst oder sie wollen nicht, kurz, sie hängen an ihren Duchten, als wenn sie festgeklebt seien und brüllen dabei, als stäken sie am Spieße. Nicht einmal der von einem sprachgewandten U-Bootsmann einladend hinübergegebene Ruf »Avanti Savoia« verfängt. Bis endlich ein gut deutsches Wort mit ihnen geredet wird. Sie kriechen an Deck und jetzt erklärt sich allerdings nur zu bald das für Italiener immerhin merkwürdige Beharrungsvermögen. Die ganze Gesellschaft, vom Kapitän bis hinunter zum Heizer, ist -- sinnlos betrunken. Schlapp torkeln sie an Deck herum und sind gänzlich haltlos. Mit vieler Mühe wird endlich aus ihnen herausgeholt, daß sie sich bereits an Land, noch vor Antritt der Fahrt, die nötige Seebereitschaft durch Uebernahme größerer Gebinde Alkohols gesichert hatten. Mochten doch diese =Maledetti inglesi e loro amici=, dieses verd... Engländerpack mit seinen Freunden, im Sperrgebiet zur See fahren, wenn es ihnen Spaß machte, sie aber, die Italiener, sollte man freundlichst damit verschonen. Und dann wagen es diese Kerle, rührselig werden zu wollen. Stammelnd und lallend versichern sie, daß sie nie etwas gehabt hätten gegen die Germani, das seien immer ihre Freunde gewesen. Ah, =come sono buoni e bravi=, gute und brave Leute ... bis dem Kommandanten, der eine Zeitlang dieses widerlich jämmerliche Winseln um das -- ach so teure -- Leben ruhig angehört hat, der Ekel aufsteigt. Ein einziges Wort nur, eine Bewegung nach dem längsseit tanzenden Boote. Runter! Da versteht die Gesellschaft. Bedeutend schneller als sie heraufgekommen, stürzen sie in ihr Boot, rudern, rudern, als gelte jede Sekunde das Leben.
Während der Schlepper sich mit Hilfe einer Sprengpatrone eiligst aus dem Sperrgebiete entfernt, geht »U 95« auf die Suche nach dem Leichter, der in der Zwischenzeit etwas abgetrieben ist. Bald tauchen seine dunklen Umrisse wieder aus der Nacht hervor. Er ist bis obenhin mit Militärgut beladen. Auch er verläßt, ebenso schnell wie der Schlepper vor ihm, die Oberfläche. In der Nacht ereignet sich nichts mehr, und mit östlichem Kurs fährt »U 119« weiter.
Eben rötet sich im Osten der Himmel, als an Steuerbord der weiße Leuchtturm von Homs aus der See auftaucht. Gleich dahinter ragt ein Fabrikschornstein in die klare Luft, das spitze Minare einer Moschee; weiße, glatte Mauern von Araberhäusern und dazwischen an erhöhten Stellen gelbe Regierungsgebäude und Kasernen zeichnen sich ab. Die beiden alten Forts drohen von überragender Stellung hinaus auf See.
Alles scheint drüben in tiefem Schlafe zu liegen. Nichts rührt sich, als »U 119« näher heran kommt. Etwa zwei Seemeilen steht es ab, als vom Turm an die bereits klargemachten Geschütze der Befehl kommt:
»Dreißig Hektometer! Schieber: links, zwozehn! Auf das gelbe Gebäude mit der Funkenstation!«
Im nächsten Augenblick rollt der Donner des Schusses über die fast spiegelglatte See nach Land zu. Bevor sein Dröhnen aber dort vernommen wird, schlagen schon die Granaten mitten in die Kasernen, aus denen gleich darauf in dichten Scharen mehr oder weniger bekleidete Menschen herausstürzen. Und wieder blitzt es auf See auf, dröhnt der Donner, bersten die Granaten. In Fliegerschuppen und Regierungsgebäude fegen sie, schlagen die Marconistation vom Dache und spritzen in die dichten Haufen der planlos in wahnwitziger Angst Umherirrenden. An drei Stellen schon züngeln Flammen empor und wälzt sich schwerer Rauch, als die Italiener sich endlich darauf besinnen, daß in den beiden Forts auch Geschütze stehen. Zwar waren sie bisher gegen die immer näher andrängenden Eingeborenen nach Süden gerichtet, schnell aber werden sie jetzt nach See zu gedreht.
Vierzig Granaten hat »U 119« verfeuert, als drüben der erste Schuß fällt. Was die Italiener an Zeit verloren haben, suchen sie jetzt durch ungeheuerliche Munitionsverschwendung wettzumachen. In unaufhörlicher Folge blitzt es in den Forts auf, heben sich die Wassersäulen der einschlagenden Granaten. Bald haben sie sich eingeschossen. Immer dichter heran, in bedrohliche Nähe des Bootes fegen die Geschosse, bis sich der Kommandant, der seine Aufgabe voll erfüllt sieht, entschließt, zu tauchen und unter Wasser abzulaufen. --
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