U-Boot-Abenteuer im Sperrgebiet

Part 2

Chapter 23,507 wordsPublic domain

Freilich, was der Lotse darüber zu berichten hat, ist nicht sehr tröstlich; umso wertvoller aber ist sein Verdienst. Stunden nur noch, und der Anker geht in den Grund, aus den geöffneten Ladeluks steigen in die längsseit festgemachten kleinen Dampfer die Kisten mit Gewehren und Geschützen, die Millionen von Patronen, die Granaten, die tödlichen Säuren. Und dann trommeln sie gegen die Hindenburglinie, auf die Siegfriedstellung, töten, zerreißen, schlagen den Siegesweg nach Straßburg, Mainz, Köln und weiter, weiter noch bis ... ein Ruck geht durch das ganze Schiff, daß der Kapitän aus seinen hochfliegenden Träumen, in denen er Old England triumphierend über die Wahlstatt im Westen schreiten sah, erwacht ... Schwärzlich gelb hebt sich am Bug eine ungeheure Rauchwolke, wächst mit wahnwitziger Schnelligkeit empor ... ein furchtbares Krachen ... das Vorschiff sinkt ... dumpfes Poltern ... die Ladung geht über ... Der Himmel scheint zu bersten ... greller Feuerschein jagt aus dem auseinanderklaffenden Vordeck ... ein brüllender Donnerschlag ... ein Vulkan, in dessen Flammenmeer Schornsteine, Brücke, Masten, zerfetzte Menschenleiber wirbeln ... kaum sechzig Sekunden ... dort, wo soeben noch der Dampfer »Cymric« dem nahen Heimathafen zujagte, rollt die leichtbewegte Irische See, zieht eine schwärzlichgelbe Rauchwolke über das Wasser ...

Im Fahrwasser zur Merseymündung ragt ein dünnes Rohr aus der Oberfläche hoch. Langsam pflügt es durch die See, aus deren kleinen Wellen der Widerschein der Sonne in unzähligen goldenen Spiegeln zittert. Vor einigen Stunden ist »U 310« aus seiner Fahrt von Deutschland hier angekommen, um sein geheimnisvolles Gewerbe als Minenleger vor dem größten an dieser Küste liegenden Hafen auszuüben.

Geraume Zeit schon beobachtet der Kommandant das Fahrwasser, um auch ganz sicher zu gehen, daß seine Minen an die richtige Stelle gelegt werden. Ein- und auslaufende kleinere Fahrzeuge gleiten vorbei, der Lotsendampfer -- ein Bewachungsschiff ... Die Fahrstraße. Mit äußerster Kraft prescht aus der Merseymündung einer der neuesten Zerstörer der M-Klasse vorüber. Weißer Ölqualm stößt aus den vier Schornsteinen, mit nahezu dreißig Knoten Geschwindigkeit rast er, wenige Seemeilen entfernt, nach See zu. Flüchtig, kaum in Sicht gekommen, ist er auch schon wieder verschwunden. Hinter ihm stößt das Sehrohr, das wenige Minuten eingefahren worden war, durch die Oberfläche, dreht sich langsam, sucht, beobachtet.

Eine dicke Rauchwolke taucht im Nordwesten auf, bald darauf die Masten, dann der Rumpf eines mächtigen Ozeandampfers, dessen dunkle Masse sich scharf gegen den bläulichweißen Himmel abhebt. Ein Amerikafahrer! Hoch schäumt am Vorschiff die Bugwelle, zusehends kommt er näher. Der will nach Liverpool. Langsam zittert das graue schlanke Rohr über die gekräuselte See, stoppt im Fahrwasser. Lautlos gleitet eine Mine aus einer Röhre des Achterschiffes, eine zweite, eine dritte folgt. Nichts verrät an der Oberfläche, daß die unheimlichen Gäste da sind. Sie stoßen auf den Grund, lösen sich vom Minenstuhl, dem Anker, steigen bis auf wenige Meter unter dem Wasserspiegel hoch.

Wieder zittert das Sehrohr über die Oberfläche, bis es wenige Seemeilen querab hält. Näher und näher kommt der Dampfer heran ... hundert Meter ... fünfzig ... zehn ... schnurgerade auf die Mine los ... ein dumpfer Stoß trifft von außen heran, Sekunden darauf ein weit stärkerer zweiter ... Munition.

»Ausblasen!« Zischend strömt die Luft in die Tanks, preßt das Wasser heraus. Ein grauer Turm, ein Stück Vor- und Achterdeck tauchen hoch, der Lukdeckel wird aufgestoßen, drei Gestalten springen nacheinander heraus. Eine riesige Sprengwolke, durch die Luft wirbelnde Schiffsteile, die klatschend hundert Meter entfernt auf die See niederschlagen. Das hat gesessen! Ein schwer beladener Munitionsdampfer gleich durch die erste Mine restlos beseitigt.

Während die Nordwestbrise die Rauchmasse leicht vor sich hertreibt und sie langsam auseinanderzieht, schießen in rasender Fahrt von Land her kleinere Fahrzeuge herbei. Zerstörer! In wenigen Minuten müssen sie heran sein.

»Schnelltauchen!« Sekunden später schließt sich das Wasser über dem Turm, das eingefahrene Sehrohr verschwindet, und mit hoher Fahrt strebt »U 310« nach See zu.

Etwa drei Seemeilen mögen unter Wasser zurückgelegt sein, als es leise, wie aus weiter Ferne heranklingt. Stopp! Ausfahren ... Ein zweites Opfer. Bis zur Brücke ist das Vorschiff des ersten Zerstörers weggerissen, Weiße Dampfwolken strömen aus dem Maschinenoberlicht, Boote werden zu Wasser gelassen, während die übrigen Zerstörer in wilden Zickzackkursen um ihren schwer verletzten Kameraden herumhetzen. Bald hier, bald dort stoßen sie auf vermeintliche Sehrohre los, grelle Feuerblitze flammen in schneller Folge aus ihren Geschützen. Eine richtige Seeschlacht ist im Gange -- gegen eine deutsche kleine, einsame U-Bootsmine!

Getaucht läuft »U 310« nach Nordwesten ab. Kurz vor Mitternacht wird die Isle of Man über Wasser passiert. Vor sechs Uhr morgens schimmert voraus durch die Dämmerung das Leuchtfeuer von Wall of Gallowar, eine Stunde später steht das U-Boot vor der Einfahrt nach Belfast. Vorsichtig nähert es sich dem vor der Einfahrt liegenden Feuerschiff, dessen Besatzung eben bei der Morgentoilette ist. Hier hat anscheinend niemand eine Ahnung von dem, was sich wenige Stunden früher vor Liverpool ereignete. Um so besser! An dem roten Fahrzeug gleitet »U 310« in kaum einer Seemeile Entfernung vorbei, bis dahin, wo die Fahrstraße sich zu verengern beginnt. Dann dreht es nach See zu. Wieder gleiten lautlos die Minen aus den Röhren, auch hier wird das Fahrwasser verseucht; nur zu bald zeigt sich der Erfolg. Ein hoch aus dem Wasser ragender Transportdampfer, der seine Ladung anscheinend in Belfast gelöscht hat, sackt in wenigen Minuten weg, nur ein Stück Schornstein und die Masten tauchen über der Oberfläche empor. Ein schwer zu beseitigendes Hindernis für die Schiffahrt.

Wenige hundert Meter hinter ihm folgt ein Dampfer der Northern Railway Company. Er sucht dem Kameraden, der vor ihm aus ganz unerklärlichen Gründen wegsackte, zu Hilfe zu kommen. Eben schickt er sich an, zur Rettung der auf ihn zuschwimmenden Leute zu stoppen, als er, quer zum Fahrwasser treibend, in der Nähe der Brücke gegen eine Mine stößt. Instinktiv fast reißt der Kapitän den Maschinentelegraphen auf volle Fahrt voraus und Minuten später stößt das Vorschiff auf eine an Steuerbord liegende Sandbank. Der Strom drückt das Achterschiff herum, auf den Sand, gerade zur rechten Zeit, um das Fahrzeug vor dem völligen Wegsacken zu bewahren.

Noch hat die Besatzung des Feuerschiffes die Lage nicht erfaßt, als an der der Unfallstelle abgekehrten Seite das Sehrohr des Tauchbootes vorbeihuscht. Kurs auf Liverpool, die Stätte des gestrigen Wirkens.

»=German Submarines in the Irish Sea. Two ships sunk on Mersey road, two other near Bangor.=« In regelmäßigen Abschnitten geben die Küstensignalstationen die Warnung aus, die an Bord von »U 310« schon längst erwartet wird. Vier Schiffe sind bereits erledigt, eine schöne Strecke für die ersten vierundzwanzig Stunden. Noch aber birgt das Innere eine ganze Anzahl weiterer Minen, denen eine kräftige Wirksamkeit zugedacht ist. Eine am späten Nachmittag aufgefangene Nachricht teilt mit, daß vor Liverpool Minen gefunden sind. Dort sind die Suchboote wohl schon emsig an der Arbeit, die zahlreichen Minen aufzufischen, die vorläufig allerdings erst in der Phantasie der Engländer existieren. Dem aber kann abgeholfen werden.

Eben, als die ersten Sonnenstrahlen aus dem grauen, über Land liegenden Dunste über die See huschen, steht »U 310« wieder vor der Merseymündung. Vierzehn Schiffe, die nach Liverpool hinein wollen, dampfen langsam im Kreise umher, umringt von sieben Zerstörern, die sie vor U-Bootsangriffen schützen sollen. In den Hafen können sie nicht, weil zwischen ihnen und dem Lande ja das »große deutsche Minenfeld« liegt. Gemütlich ist ihnen jedenfalls nicht zu Mute. Eine ganze Flotte von Fischdampfern mit ausgebrachten Minensuchgeräten treibt sich umher, um die Fahrstraße zu säubern. Grell leuchten zwei gestern noch nicht vorhandene rote Bojen an den Stellen, wo die beiden Schiffe versanken. Wieder andere Bojen sind ausgelegt, um das gesäuberte Gebiet zu bezeichnen. Den Minensuchern nach zieht »U 310«, dreht dicht hinter ihnen und wieder verläßt ein halbes Dutzend Minen, säuberlich in die freie Straße gelegt, im Ablaufen nach See zu das Boot.

Geradezu drollig wirkt der Anblick der umkreisten Dampfer, deren Zahl sich inzwischen um drei weitere erhöht hat. Drüben fürchten sie offenbar, daß sich jeden Augenblick ein deutscher Torpedo in ihre Seite bohrt. Wenn nur erst die Fahrstraße abgesucht wäre! Die Zerstörer bilden wohl einige Sicherheit, erst im Hafen aber am Kai können sie sich wirklich geborgen fühlen.

Auf dem Führerschiff der Minensucher steigt nach einer Stunde das Signal hoch: »Einlaufen, Fahrstraße ist frei.« Einer nach dem andern setzen die Dampfer sich nach Land zu in Bewegung, als plötzlich vor dem Bug des zweiten Schiffes eine Sprengwolke hochgeht. Dampfpfeifen heulen, Anker rasseln in den Grund, mit voller Wucht jagen zwei Schiffe ineinander. Nach einigen Minuten kommen sie voneinander frei. Das eine mit eingedrücktem Bug, das andere mit schwerer Schlagseite nach Backbord überhängend. Das Verdeck des auf die Mine gelaufenen Dampfers taucht bereits unter Wasser, während am Heck die Schraube frei hinausragt. Zerstörer gehen längsseit und bergen die Besatzung. Ein fünftes Opfer der U-Bootsminen, dazu zwei havarierte Schiffe. Ein Erfolg, mit dem »U 310« wohl zufrieden sein kann.

Während in dunkler Nacht das deutsche Boot durch den St. Georgskanal die Irische See verläßt und der Kommandant in sein Tagebuch die Ereignisse der letzten Stunden einträgt, tritt der F. T.-Gast mit einem Zettel an ihn heran.

»Herr Kapitänleutnant! Soeben aufgefangener Funkspruch von Poldhu«:

»Liverpool und Belfast wegen Minengefahr für die Schiffahrt gesperrt.«

Der deutsche U-Boot-Walfisch

Lind und warm strahlt die Frühlingssonne vom wolkenlosen Himmel herunter. Ein leichter Südwind kräuselt die dunkelblauen Wasser der Biscaya, die so sanft und harmlos liegt, als wollte sie von ihrem wilden Stürmen und Toben in den Wintermonaten ausruhen.

Mit langsamer Fahrt zieht »U 285« mit Südkurs durch die spiegelglatte, sonnenflimmernde See dahin. Die Luks sind geöffnet. Alles, was dienstfrei ist, liegt langgestreckt auf Vor- und Achterdeck, um sich nach dem tagelangen Unterdeckbleiben einmal wieder gründlich auszulüften. Auf der Brücke haben Kommandant und leitender Ingenieur es sich, soweit es eben die Platzverhältnisse gestatten, bequem gemacht. Der Koch reicht durch die Zentrale eine Kanne duftenden Mokkas hinauf, und leichter Dampf der solange entbehrten Zigaretten wirbelt in die klare Luft. Auf dem Verdeck liegen drei Leute auf dem Bauch und dreschen einen handfesten Männerskat. Die mit Recht so beliebten Zuschauer um sie herum fehlen nicht. Eine Weile vernimmt man nichts weiter als das derbe Aufklatschen der reichlich geölten Karten auf das stählerne Deck, bis eine ernstliche Meinungsverschiedenheit entsteht, die sich in schwerkalibrigen Zärtlichkeiten Luft macht. Der Streit greift auf die aus ihrem süßen Mulsch Erwachten, die sich in der Nähe des Turmes niedergelassen haben, über und erreicht eben seinen Höhepunkt, als der Kommandant sich vermittelnd einmischt:

»Na, Jungs, ihr seid doch nicht Passagiere erster Klasse auf einem Reichspostdampfer, daß ihr hier so 'nen Krach schlagt, ihr vergrämt mir ja mit eurem Palawer die Engländer.«

Als hätte es nur dieses Zauberspruchs bedurft, so glätten sich die Wogen der Erregung, und ruhig und mit allen Schikanen klappert der Skat weiter.

Weit und breit ist in der Biscaya, in der sonst kein Schiff fahren konnte, ohne irgendwo Rauch oder ein Segel zu sichten, nichts zu sehen. Die zahlreichen Dampferwege, die aus allen Richtungen der Erde hier zusammenlaufen, scheinen seit der deutschen Sperrgebietserklärung verödet. Nicht einmal die französischen Sardinenfischer, die sonst in ganzen Flottillen um diese Zeit hier angetroffen werden, wagen es auszulaufen, seit hier und im Kanal zwei deutsche U-Boote je ein Dutzend von ihnen zur Strecke gebracht haben. Die Neutralen haben endlich, bis auf wenige Ausnahmen, das Fahren eingestellt, seit sie eingesehen haben, daß es den Deutschen mit ihrem energischen Vorgehen bitterer Ernst ist. Und die englischen Schiffe? Sie fahren, weil sie müssen, weil von Tag zu Tag der Hunger furchtbarer an die Tore Englands klopft. Nicht nur Lebensmittel fehlen, das Trommelfeuer an der Westfront frißt Stahl in unheimlichen Mengen. Neuer Ersatz muß herangeschafft werden.

Seit dem frühen Morgen ist trotz schärfsten Ausgucks nichts gesichtet worden. Es heißt also vor allem die Fahrstraße finden.

Mehrere Stunden schon zieht »U 285« mit halber Fahrt quer durch die Biscaya, ohne daß sich irgendetwas ereignet. Eben will der U-Boot-Oberbootsmannsmaat Müller triumphierend einen Grand mit vieren ansagen, als alles wie elektrisiert hochspringt. Oben auf dem Turm nimmt die idyllische Kaffeeszene ein jähes Ende, und der Grand mit vieren wandert schleunigst zur Konservierung in die Hosentasche des glücklichen Besitzers, der Nummer Eins des Bootes.

Aus südlicher Richtung dringt dumpfhallender Donner heran. In unregelmäßiger Folge heben sich einzelne Schläge ab. Geschützfeuer!

»Hart Steuerbord, große Fahrt!«

Während »U 285« dreht und vermehrte Fahrt aufnimmt, verschwindet die Mannschaft auf Stationen. Zwar ist noch nichts zu sehen, jeder Augenblick aber muß den Befehl zum Tauchen bringen. Kann sich doch der Harmloseste unter den Leuten -- und harmlose U-Bootsleute gibt es schwerlich in dieser Gegend, -- sagen, daß irgendetwas anliegt. Drüben muß ein deutsches U-Boot im Kampfe sein. Es heißt dem Kameraden so schnell als möglich zu Hilfe zu kommen.

Mit äußerster Kraft prescht »U 285« auf den Geschützdonner zu, daß die See mitunter bis auf das Deck hinaufkämmt. Ein Glück, daß die Biscaya heute so glatt ist und die Fahrt nicht hindert. Scharf spähen die Augen voraus ...

»Drei Strich, Steuerbord, Rauch!«

In wenigen Minuten schon sind zwei weitauseinanderstehende Masten und drei Schornsteine zu erkennen. Wahrscheinlich ein Hilfskreuzer. Unaufhörlich blitzt es vorn und achtern bei ihm auf. Etwa vierzig bis fünfzig Hektometer ab von ihm spritzt das Wasser in hohen Säulen empor. Dort muß wohl der Kamerad stehen, von dem sie nichts sehen können. Er antwortet nicht. Ein böses Zeichen. Sollte er schon niedergekämpft sein?

Immer näher kommt »U 285«, das inzwischen halb getaucht hat, an den feuernden Dampfer heran, dann entweicht die letzte Luft aus den Tanks, der Turm verschwindet unter Wasser, und nur die Sehrohre noch bleiben in dem flimmernden Sonnengeriesel der Oberfläche. An Backbordseite nähert sich das Boot dem noch immer feuernden Feinde. Jede Einzelheit an Bord ist bei der geringen Entfernung deutlich auszumachen. Ein großer schwarzer Dampfer ohne Flagge mit zwei übereinanderliegenden Promenadendecks. An der Reling ist kein Mensch zu sehen, alles ist anscheinend nach Steuerbord gestürzt, um Zeuge der Vernichtung eines deutschen U-Bootes zu sein .... Wenige Minuten später hebt sich an der Backbordseite mittschiffs eine Sprengwolke aus der See und verhüllt Schornsteine und Brücke. Langsam, träge neigt der Hilfskreuzer sich nach Backbord. Das ganze Deck ist zu übersehen. Vier Geschützrohre, die senkrecht zum Himmel ragen, ein Gewimmel von übereinanderstürzenden Menschen, die den Halt verlieren ... bis die See in die Schornsteine strömt und die Masten auf die Oberfläche aufschlagen ...

Während der Engländer die Fahrt in über tausend Meter Tiefe antritt, ist »U 285« längst auf die Stelle zugejagt, wo die Granaten eingeschlagen waren. Nichts! ...

Kein Mensch kümmert sich um den versinkenden Dampfer. Zunächst gilt es die Kameraden zu retten. Auf Turm und Verdeck steht die Besatzung mit Rettungsringen und Bootshaken, um sofort, sobald sich etwas Lebendes zeigt, helfend eingreifen zu können. Vom beschossenen U-Boot aber ist nichts mehr zu sehen. Sollte die Vernichtung geglückt sein? Dann müßte doch wenigstens ein Ölfleck die Stelle des Unterganges verraten.

Unaufhörlich kreuzt »U 285« hin und her, um die verräterische glatte Stelle, das einzige untrügliche Zeichen, daß die Kameraden den Tod fanden, an der Oberfläche zu finden. Nichts ... Die Sache wird immer rätselhafter. Ist das Boot heil geblieben, und daraus läßt eben das Fehlen des Öls schließen, mußte es die Explosion des Torpedos vernommen haben und längst aufgetaucht sein, um sich davon zu überzeugen, was eigentlich geschehen ist.

Ein Ruf vom Vorschiff, eine nach rechts weisende Hand ... Ein dunkler Fleck ... Blut! Wie eine purpurne Wolke liegt es im Wasser, bald hier, bald da leuchten rubinartige Blitze unter dem feurigen Schimmer der Abendsonne auf. Unablässig zerrt die See an den Rändern und verteilt und vergrößert die unheimliche Stelle. Ratlos ruhen die Blicke auf der Oberfläche, verblüffte Gesichter starren einander an. Keine Schiffstrümmer, nichts, nicht das kleinste Anzeichen, das verriete, welcher Art das Opfer der englischen Granaten eigentlich war. Es gibt keine Lösung für dieses Rätsel.

Eben als »U 285« Fahrt aufnimmt und auf die Stelle zudreht, wo der Hilfskreuzer versackt ist, wird vom Turm aus nach einigen hundert Metern ein dunkler Körper gesichtet. Langgestreckt wiegt er in der leichten Dünung auf und ab. Nur wenig tauchen einzelne Stellen aus dem Wasser, leicht schäumend lecken die Wellen darüber hinweg ... das gekenterte U-Boot? ...

»Backbord zehn!« Vorsichtig hält das Boot auf den treibenden Gegenstand zu, dreht und stoppt dicht bei ihm.

Maßlos verblüffte Gesichter starren auf das Wasser ... fast unwirklich scheint, was ihre Augen dort sehen ... dann ein Gelächter, ein wieherndes Geheul, ein Springen und Tanzen, wie es in solch überschäumender Herzlichkeit sicherlich noch nicht auf einem U-Boot, das draußen am Feinde harten Vernichtungskrieg führt, erlebt wurde. Ein toter Walfisch!

Armes Biest! Es hat sein Leben lassen müssen, weil es sich unterfing, in den Augen der Königlich Großbritannischen Marine einem deutschen U-Boot ähneln zu wollen. Mußte es sich aber auch gerade im Sperrgebiet herumtreiben, wo englische Kaltblütigkeit überall Gespenster sieht! Und konnte doch nicht einmal den kleinsten Torpedo abfeuern. Mitten in den dicken Speckrücken hat ein Volltreffer eine erhebliche Lücke gerissen, aus der das warme Blut als Zeuge des englischen Waffenruhms sich ergoß.

Zu retten gibt es hier ebensowenig wie drüben, wo nur noch schwarzer Ruß auf dem Wasser und Bootstrümmer die Stelle verraten, an der der glorreiche Sieger mit Mann und Maus sank. --

In dunkler Nacht pendelt »U 285« auf der Dampferstraße dahin. In hellem Schimmer glänzt ein Stern nach dem andern auf, bis die See wie mit bläulichweißem Licht übergossen scheint. Tiefe Stille herrscht an Deck. Die Ereignisse des Tages, der so öde begonnen hatte, um dann doch noch einen so schönen Erfolg zu bringen, wirken bei jedem einzelnen nach. Die rötlichen Glühpünktchen der Zigarren und Zigaretten leuchten vom Turm und Oberdeck, die Luks sind geöffnet, leise und gleichförmig dringt das Rattern der Motoren aus dem Achterschiff.

Ein Knistern und Sirren in der Antenne. Alle spitzen die Ohren und lauschen. Poldhu, die englische Großstation, gibt ihren täglichen Bericht. Kaum können sie den Augenblick erwarten, wo der F. T.-Gast, der jetzt unten den Funkspruch abhört, an Deck kommt, um dem Kommandanten Meldung zu machen. Nach einer halben Stunde ist es so weit. Ein halbes Dutzend französische Dörfer, die auf keiner Karte verzeichnet sind, wurden erobert, ein 42-Zentimeter-Geschütz erbeutet. Der Vormarsch ist unwiderstehlich. Noch kräftiger, erheiternd fast nimmt sich die gefunkte Flunkerei der Franzosen aus. Freilich, der Schluß beider Berichte erwähnt starke feindliche Gegenangriffe ....

Dann kommt die Meldung der britischen Admiralität: »Einer unserer Hilfskreuzer hat nach heftigem Gefecht heute nachmittag in der Biscaya ein feindliches Unterseeboot vernichtet, weitere Einzelheiten fehlen vorläufig.«

Stillvergnügte Gesichter sehen sich an, bis einer herausplatzt: »Täuw man, min Jung! Up die Einzelheiten kannst du lang lurn! De willt wi di woll vertellen.« --

Das geheimnisvolle Segelschiff

Noch einmal bäumt sich der »Petit Henri« auf, das schon halb untergetauchte Vorschiff kommt hoch, als sträubte es sich, so kurz vor dem Hafen sein Leben beschließen zu müssen, dann aber geht es um so schneller. Mit dem Klüverbaum voraus fährt er senkrecht in die Tiefe, bis die quirlende See sich über seinem Heck schließt.

Etwa fünfhundert Meter ab rudert die Mannschaft des versenkten Neufundlandfahrers der Insel Oléron zu, deren niedrige Nordhuck Chassiron mit dem scharf ausgeprägten Sattel, dem Leuchtturm und der Küstensignalstation über die Oberfläche hinausragt. Einen Augenblick haben die Franzosen, als ihr Schiff sich in den letzten Zuckungen aufbäumte, zu rudern aufgehört, dann, nachdem der »Petit Henri« ausgelitten hat, pullen sie weiter nach Land zu.

Eben will »U 135« nach Versenkung des Seglers nach See zu drehen, als die Aufmerksamkeit der auf dem Turm Befindlichen durch lebhaftes Schreien und Winken auf das kleine Boot, in dem ein ziemliches Durcheinander zu herrschen scheint, gelenkt wird.

»Stopp!« gibt der Kommandant an den Steuermann, der den Befehl an die Maschine übermittelt. Dann wendet er sich fragend zum wachhabenden Offizier:

»Was mögen die Kerle bloß wollen, da muß etwas Besonderes los sein.«

Der wachhabende Offizier, der mit dem Glas die Vorgänge drüben verfolgt, antwortet:

»Das Boot scheint leck zu sein, Herr Kapitänleutnant, es taucht bereits bis zum Dollbord ein.«

»Na, fahren Sie mal ran.«

Wenige Minuten später ist »U 135« längsseit. Das kleine Fahrzeug ist tatsächlich leck. Bis über die Knie stehen die Leute, soweit sie nicht auf die Duchten geklettert sind, im Wasser, während ihre in Bündel geschnürten Habseligkeiten aufgeschwommen sind und wegzutreiben versuchen. Bald ist auch das Rätsel des unvermuteten Schiffbruchs gelöst. Etwa zwanzig Meter ab ragt die Vorkante eines Dampfers, der anscheinend erst vor kurzem hier das Schicksal, das heute den »Petit Henri« ereilte, geteilt hat, eben über die Wasserfläche hinaus. Das Eisen hat das Boot, das durch die leichte Dünung auf das Wrack gesetzt wurde, leck gestoßen. Es ist nicht mehr weit bis zum Wegsacken. Die Wahl ist nicht groß, ein anderes Boot ist nicht in der Nähe. So beschließt also der Kommandant, die Leute an Bord zu nehmen, um sie bei Gelegenheit einem anderen fahrbaren Untersatz anzuvertrauen.

Einer nach dem anderen wird durch das Wasser herauf geholt. Fröstelnd und frierend stehen sie in ihren nassen Kleidern mit den triefenden Bündeln in der Hand zusammengedrängt und warten, was der Kommandant über sie beschließen wird. Sie machen einen ruhigen, vernünftigen Eindruck. Wetterfeste Seeleute, mit dem Gelichter, das sonst auf den englischen und französischen Dampfern fährt, gar nicht zu vergleichen. Einzeln werden sie nach dem warmen Maschinenraum geführt, um dort erst einmal das nasse Zeug vom Leibe loszuwerden und dafür trockene Kleider aus den Beständen des Bootes, die für solche Zwecke an Bord mitgeführt werden, zu erhalten. Bald haben sie sich an die fremde Umgebung gewöhnt. Es sind sehnige, wetterharte und wortkarge Gesellen, die nichts gemein zu haben scheinen mit jenen zappeligen, ewig schwadronierenden Franzosen des Binnenlandes. Kaum daß einer ein Wort verliert.