Tutti Frutti, Erster Band (von 5) Aus den Papieren des Verstorbenen

Part 8

Chapter 83,148 wordsPublic domain

Wir haben vorher von Sclaverei gesprochen, und gewiß: das lachendste Wort in unsrer Zeit ist Freiheit, das finsterste Sclaverei. Und dennoch könnte man sagen: daß das Schreckliche der letztern eigentlich nur in unsrer eigenen Unvollkommenheit und Schlechtigkeit liege. Der Zustand der Sclaverei an sich -- ich meine die unumschränkte Macht einer Klasse über die andere -- ist in so weit noch grade kein Uebel zu nennen, eben so wenig, als es unsere ganze Existenz überhaupt ist, denn -- sind wir nicht sämmtlich die allervollkommensten Sclaven einer höhern, unbekannten Macht, und bleibt dem Menschen, wie dem Sclaven, bei den furchtbaren Martern, denen beide oft unterliegen müssen, ein andrer Trost, als der der eignen Gesinnung? dieser kann zweierlei Art seyn: entweder fließt er aus der frommen Ueberzeugung, daß, es gehe uns, wie es wolle, ein liebender Gott, ein vollkommnes Wesen alle Dinge leitet und sein weiser Rathschluß, wenn er gleich unsern trüben Augen unerforschlich bleibt, doch immer nur ein Gutes und Nothwendiges bezwecken müsse -- oder er entsteht aus dem eignen beruhigenden Bewußtseyn; nach bester Ueberzeugung gut und recht, d.h. im Gleichgewicht mit sich selbst gehandelt zu haben, und dann mag die ganze Hölle toben, der Starke und Gerechte steht fest wie der Fels im Meere.

Man nehme nun an, daß die Herren der Sclaven auch nur edle und gerechte Wesen, diese aber sehr mangelhafte wären, oder, was beinahe dieselbe Wirkung hervorbringt, daß sich die Sclaven dies nur einbildeten, (wie z.B. listigen Betrügern oft von einem fanatisch blinden Volke die Macht jeder Bedrückung und Grausamkeit mit Liebe eingeräumt und belohnt wird,) so würde der Zustand der Sclaverei nichts Schlimmeres haben, als der: Mensch zu seyn. Ja, in dunkeln, rohen und ungebildeten Zeiten war er deßhalb eben wohl gar nothwendig.

Dies Alles ist freilich sehr einfach, es scheint aber doch, daß wir erst ziemlich spät dahinter gekommen sind, daß die moralische Kraft unsres Geistes, auf sich selbst und eigne Beherrschung angewandt, leider ein zu elendes und gebrechliches Ding ist, um das die Menschen nicht jede zu große Gewalt, die man ihnen gestattet, sogleich mißbrauchen sollten, und in Folge dessen daher endlich einzusehen, daß keine politische Verfassung sie ihnen je gestatten dürfe.

Wer die Länder selbst bereiste, wo der Weiße fast noch unumschränkt über seine schwarzen Sclaven gebietet, wer dort täglicher Zeuge war, wie man die neu angekommenen Europäer ihres Mitleids wegen verspottet, und ihnen lachend zuruft: „Ihr werdet bald anders denken lernen!“ -- der erstaunt darüber, wie schnell das Herz des Menschen, trotz Religion und Bildung, dem Erbarmen und aller Nächstenliebe versteinern kann, wenn Gewohnheit und +gesetzlich+ erlaubte Zügellosigkeit den Leidenschaften freien Spielraum gewähren. Es ist eine sehr traurige Wahrheit, aber sie ist nicht zu leugnen: der Mensch ist dem Tiger weit näher verwandt, als dem Lamme. Eine Lust am Zerstören liegt in seiner innersten Natur, und hat er Blut einmal gekostet, so verlangt er noch mehr. Im civilisirten Europa, sollte man fast glauben, befriedigte dies Bedürfniß die Jagd und von Zeit zu Zeit der Krieg -- auf den Inseln aber die Sclaverei -- ein empörender Gedanke! Bei alle dem zweifle ich, ob wir, durch die Art, wie wir angefangen haben, dem Sclavenhandel entgegen zu arbeiten, den Negern wirklich eine große Wohlthat erzeigen. Denn, wenn es feststeht:

1) daß diese Neger in ihrem jetzigen Zustande wirklich für eine intellectuell untergeordnete Menschenklasse zu halten sind, was kaum zu bestreiten seyn möchte,

2) daß bei ihnen selbst die Sclaverei gleichfalls herrscht, und sie zum Theil dort als Sclaven noch ungleich mehr leiden, als bei uns, so möchte wohl für das Wohl und die fortschreitende Civilisation dieser armen Raçe es weit zuträglicher seyn, den Ankauf und die Ausfuhr der Sclaven in Afrika +nicht+ zu verhindern, dagegen aber

a) die strengsten Strafen auf ihre schlechte Behandlung sowohl beim Transport auf dem Schiffe als später zu setzen,

b) das ganze bisherige Verhältniß des Sclaven zum Herrn einer humanern Gesetzgebung zu unterwerfen, die, indem sie dem Herrn den Nutzen der gezwungnen Arbeit des Negers läßt, doch das eigentliche Sclaventhum wo nicht gänzlich aufhebt, doch im Wesentlichen motivirt,

c) überhaupt die Zeit des Dienstes der Sclaven, soweit er gezwungen ist, nur auf eine gewisse Anzahl von Jahren zu fixiren, und endlich

d) dafür zu sorgen, daß nach Ablauf dieser Zeit, diejenigen Neger, welche nicht freiwillig als Lohnarbeiter fortdienen wollten, in freien Colonieen, gleich den Armencolonieen in Holland vereinigt würden, wo sie ihren Unterhalt fänden, und zugleich sich durch gemeinnützige Arbeit um den Staat verdient machen könnten.

Dies würde die transportirten Neger selbst zu etwas Besserm heranbilden, und sie so für einstige vollständigere Freiheit reif machen, wo dann diese von selbst eintreten müßte, während die jetzigen Maßregeln, wie bekannt, dem Sclavenhandel +keineswegs+ gesteuert haben, und das äußere Loos dieser Unglücklichen nur dreifach schrecklicher gemacht, bei ihnen selbst aber eine trügerische und ungewisse Hoffnung erweckt, die ihren Zustand durch Zweifel und Ungewißheit auch moralisch und innerlich unglücklicher als früher werden läßt.

Uebrigens ist es leicht möglich, daß die Entdeckung des Nigerlaufes eine ganz neue Aera für Afrika hervorbringen, und das Uebel +dort+ in der Wurzel angreifen wird, indem es jene Völkerschaften in ihrer eigenen Heimath einer höheren Cultur entgegenführt. Von der jetzt in England sich vorbereitenden Sclavenbefreiung darf man sich, fürchte ich, weniger Gutes versprechen, eben so wenig wie von Anwendung der constitutionellen Prinzipien in Portugal und Spanien. Dergleichen Zuständen muß +von innen heraus+, nicht +von außen herein+ abgeholfen werden.

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Die Tugend wäre ein Wahnsinn, hat Jemand geschrieben, wenn Gott nicht hinter uns stände.

Ja wohl! kein irdisches Wesen könnte nur auf den Gedanken der Tugend kommen, wenn eine höhere Macht sie uns nicht offenbart hätte; denn auf der Erde ist wahrlich ihre Heimath nicht, und sie dort so wenig beliebt, daß eine vollkommne Tugend gewiß nur in der Einöde einen sichern Zufluchtsort vor +Verfolgung+ und +Verderben+ finden würde. Glücklicherweise kommt es aber nicht zu einem so trostlosen Schauspiel, da die Menschen, wie Machiavell behauptet, nie den Muth haben, weder durchaus gut, noch durchaus schlecht zu seyn.

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Man mag noch so viel mit redlichstem Gemüthe forschen, noch so viel philosophische Systeme studiren, und für eins oder das andere Parthei fassen, immer wird man sich zuletzt gestehen müssen, daß das einzige und höchste Problem der Speculation „Gott“ unsrer Fassungskraft dennoch entschwindet. Ein Absolutes, Abstraktes, ohne Persönlichkeit ist eben so wenig der wahre, lebendige Gott, den unsere Frömmigkeit bedarf, als eine Persönlichkeit ohne vollständige Durchdringung des ganzen Universums und Einsseyn mit ihm unserer Vernunft genügen kann; aber eben die Vereinigung dieser beiden nothwendigen Eigenschaften Gottes: persönlich und Alles in Allem zugleich zu seyn, hat weder Spinoza, noch irgend einer seiner Nachfolger der populairen Fassungskraft (und über diese erhebt sich auch die meinige nicht) wahrhaft begreiflich machen können. Wir brauchen dies auch im Grunde ja nicht, denn +fühlen+ thut Gott ein Jeder -- wenn wir ihn aber, so zu sagen zugleich sehen und greifen wollen, so bleibt uns zuletzt doch nichts übrig, als uns von Gott ein +Bild+ in höchster, denkbarer, menschlicher Vollkommenheit zu entwerfen und dieses anzubeten -- was man denn sehr füglich die wahre Menschwerdung Gottes nennen könnte. Dies ist auch von jeher der Zweck aller positiven Religionen gröberer und feinerer Art gewesen, welche, seit es Menschen giebt, mit mehr oder weniger Erfolg und nach dem Stande ihrer Cultur und ihrer Zeit ein solches Bild aufzustellen versucht haben. Es folgt daraus ganz natürlich, daß diejenige Religion, welche das edelste Ideal erdacht, ein solches, das Gefühl, Vernunft und Verstand am meisten befriedigt, auch die beste und empfehlenswertheste seyn wird. In diesem Sinne nun muß jeder denkende und gebildete Mensch, so lange die Welt noch keine höhere Steigerung kennt, aus vollem Herzen ein Christ seyn, um so mehr, da in dieser Lehre das Werden und nie ruhende Fortbilden eben ein Wesentliches ist. Nur dürfen dann, meines Erachtens, keine Priesterschaften, wie sie bisher existirten, dies ewige Fortschreiten zu versteinern trachten, indem sie zugleich allein die privilegirte Leibwache und unwandelbare Aristokratie des himmlischen Reiches ausmachen wollen, die in +Religionssachen+ wenigstens gewiß nichts taugt, weil dadurch jedesmal das gottmenschliche Ideal wieder zum Alltagsmenschlichen herabgezogen wird, und Leidenschaften, oft die gehässigsten, das Heiligste verdunkeln müssen.

Der ächte Protestantismus will nun auch etwas Besseres, ist aber leider noch wenig durchgedrungen.[21] Erst wenn der Geistliche nichts weiter als Vorbild der Tugend, liebender Lehrer und Erklärer der heiligsten Bedürfnisse des Menschen, wahrer Seelsorger für Alle, sie nennen sich nun Juden oder Christen, Türken oder Heiden, wird seyn wollen, ohne Anspruch auf ausschließliche und politische Aufrechthaltung seines Glaubens von Staats wegen, ohne eine, noch irdische Zwecke nebenbei beabsichtigende Tendenz, ohne handwerksmäßigen Zwang dogmatischer Schulmethode, und ohne den unwürdigen ~Modus~ seiner Bezahlung -- erst dann, sage ich, wird die Kirche wahrhaft das höchste Institut zur Bildung und Veredlung des Menschengeschlechts werden. Dann wird Christus wiedergekommen seyn und das tausendjährige Reich beginnen, mit einer praktisch religiösen Zeit in höchster Klarheit, wo man nicht mehr darnach fragen wird, was man +glaubt+, sondern nur nach dem, was man +thut+; der grelle Gegensatz der heutigen, eben so unreligiösen, als vollständig verwirrten und egoistischen Zeit, die man vielleicht am besten als die juristische bezeichnen könnte, weil sie nur auf das leidige Mein und Dein, und den ewig daraus folgenden Zwiespalt in allen Beziehungen, welche die Menschen mit einander verbinden, gegründet zu seyn scheint.

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Jemand sagt in einem beliebten Buche ganz richtig: „Eine Entartung der Kunst kann nie ausbleiben, wo man sie ganz der Religion entfremdet;“ setzt aber dann hinzu: „Musik ist die einzige Kunst, die noch ein integrirender Theil unsres Gottesdienstes ist, darum muß man sie brauchen als das einzige Mittel, um wieder eine innigere Verbindung aller Kunst überhaupt mit der Religion herbeizuführen.“

Dies ist ein seltsamer Schluß. -- Die Kunst ist ja eben entartet, weil das ächte religiöse Gefühl, wie alle Poesie, in der jetzigen Epoche so schwach im Menschen geworden sind. Laßt diese erst wieder erstarken, so werden auch die Künste wieder blühen, aber nicht umgekehrt. Wenn es zu diesem Erstarken Musik bedarf, so wird vielleicht das wirksamste Conzert, ein dreißigjähriger Kanonendonner, das Jammergeschrei von hundert tausend Pestkranken, einige Erdbeben und eine partielle Sündfluth seyn.

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Viele finden es sonderbar, daß die Bewohner der vereinigten Staaten, trotz ihres scheinbaren Mangels an Phantasie, und ganz im Gegensatz zu ihrer großen, politischen Aufklärung dennoch, in der Mehrheit, einem eben so lächerlichen, als fanatischen religiösen Sectengeiste ergeben sind. Doch scheint mir dies nur naturgemäß. Junge Nationen (und jung ist der Amerikaner, wenn gleich ein junger Riese, der schon in der Wiege Schlangen zerdrückte,) sind immer mehr religiös, alte skeptischer gestimmt, wie auch das Kind blindlings glaubt und das Alter, vielleicht eben so blindlings, zweifelt. Junger +Thatkraft+ ist der Glaube -- die Grundlage der Religiosität -- angemessen, später erscheint erst, mit abnehmender Thatkraft und mehr Erfahrung, die Periode des +Reflectirens+ über früheres Handeln -- die Grundlage der Philosophie. Einst werden sich vielleicht beide Ansichten so durchdringen, daß sie ein ganz Neues bilden.

Wer indeß unter dem Bestehenden zu wählen hätte, möchte wohl am liebsten wieder glauben, wenn er nur könnte. Denn es als eine Pflicht von dem zu verlangen, der über diese Lebensansicht einmal hinaus ist, wäre buchstäblich nichts Andres, als Jemand zwingen zu wollen, daß er wieder jung werde. Das ist unmöglich. Kindlich kann eine Nation von neuem nicht mehr werden, wohl aber Einzelne kindisch, wie z.B. die heutigen Frömmler.

Gott der Allgütige hat aber in seiner Weisheit das rechte Mittel, auch dieses Wunder neuer Jugend auf andrem Wege fortwährend zu bewirken, schon von Anfang an bestellt, einen von Ewigkeit zu Ewigkeit sich immer wiederholenden, ohnfehlbaren Verjüngungsprozeß für Alles, was ist. Er heißt: -- der Tod.

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Diejenigen Politiker, welche den Erfolg einer Sache von der Vorsehung erwarten, weil sie menschlichen Begriffen nach gerecht ist, haben, von allen religiösen Theorieen abstrahirt, die Geschichte nicht studirt. Sie würden daraus hinlänglich sich überzeugen können, daß die Vorsehung, welcher uns unsichtbaren Mittel sie sich auch zur Leitung der Weltbegebenheiten bedient, doch nie verhindert, daß bestehende Ursachen auch ihre analogen und nothwendigen Wirkungen haben. Es wird also auch die gerechte Sache nur dann immer siegen, wenn sie zugleich die +stärkere+ ist, wiewohl eben diese Gerechtigkeit derselben oft ihre Stärke werden kann, gewöhnlich aber erst etwas spät als solche sich zu bewähren pflegt. Helft Euch selbst, so wird Euch Gott helfen, ist, recht verstanden, eben so christlich und fromm, als vernünftig.

Der Erfahrung nach betrachtet, muß man überdies leider gestehen: die schönsten Redensarten halten nicht Stich im Gewirre des Lebens; und alle die herrlichen Dinge, als Recht, Billigkeit, Freiheit, Tugend, Vergeltung -- sie treffen und äffen, und schwankend ist ihr +äußerer Erfolg+. Nur eins auf dieser Welt ist immer des Erfolges +sicher+, so lang es sich zu erhalten versteht -- +die Gewalt+.

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Leute von Genie und vielem Ehrgeiz sind den Gouvernirenden gewöhnlich nicht sehr angenehm. Demohngeachtet ist es nur die Politik der Schwäche oder des Uebermuths, die sie entfernt und ihnen Geringschätzung zeigt.

Die Klugheit wird das Gegentheil gebieten, um sie zu beschäftigen und zu gewinnen, auf der einen Seite unschädlich, auf der andern nützlich zu machen. Selbst ein Mann wie +Friedrich+ der Große hatte es zu beklagen, einst +Laudon+ einer üblen Laune aufgeopfert zu haben, und die Bourbons würden wahrscheinlich ihrem harten Schicksale entgangen seyn, wenn ihr nichtiger Hof, sowie der eben so eitle als unfähige +Necker+ verstanden hätten, +Mirabeau+ besser zu würdigen und ihn mit Kunst zu behandeln.

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Der Minister, welcher die Einverleibung Polens mit Rußland, und die Aufhebung seiner Constitution unterschrieben, hat ein Grab zum Namensanfang (Grabofsky.)

Ist dies für uns Deutsche eine Vor- oder eine Nachbedeutung?

Was dagegen jedenfalls eine freudige Vorbedeutung genannt werden muß, ist die überraschende Nachricht, daß einem russischen Minister ein fremder Orden, +erblich in seiner Familie+, verliehen worden ist. Wie schön! während die gottlosen St. Simonianer selbst die Erblichkeit von Haus und Geld und Hof aufheben wollen, läßt die russisch-persische Morgenröthe (denn um einen persischen Orden handelt sich’s) uns sogar die zukünftige Ordens-Erblichkeit und gewissermaßen-Unsterblichkeit hoffen. Auch ist dies nicht mehr wie billig. Es sind der Orden zu viele geworden, um nicht die aufmerksamste Sorge aller Regierungen auf sich zu ziehen. Nach so vielen Emancipationen unsrer Tage, wie -- der Völker (wer hörte nicht davon), der Kinder (man betrachte unsere Erziehung), der Pferde und Esel (S. Schefers Novellen), der Bauern (~v.~ preußische Ablösungsgesetze), der Sclaven endlich und der Juden (laut den englischen Parlamentsverhandlungen), -- dürfen wir auch eine Emancipation der Orden erwarten, und der Tag ihrer allgemeinen Erblichsprechung wird ein Tag des Segens und der Freude für Viele seyn.

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Ich schmolle oft mit den Engländern, eben weil sie so groß sind, und doch zuweilen wieder so klein!

Heute aber, als ich das Zeitungsblatt aus der Hand legte, fühlte ich mich von inniger ungetheilter Verehrung für sie durchdrungen. Diese Emancipation der Juden, deren ich eben erwähnte, ist wahrlich ein ernstes und glorreiches Zeichen des Fortschritts ihrer geistigen Cultur und wird für sie selbst zur Milderung und Aufklärung ihrer Religionsbegriffe die wohlthätigsten Folgen haben; denn ein Schritt im Guten führt eben so sicher zum Bessern, als umgekehrt das Böse „immer Böseres muß gebähren.“ Heil dir also, edles Volk, das uns in so Vielem schon vorleuchtete, und nun auch die Axt an jene stupide Barbarei gelegt hat, mit der wir im ganzen Europa so lange Zeit, zu unsrer ewigen Schmach, eine zahlreiche Klasse unsrer Mitmenschen verfolgten, und erst selbst verderbten, um sie nachher dieser Verderbniß wegen anklagen zu können.

Es ist ein schöner, endlicher Sieg der Menschlichkeit und Gerechtigkeit, der Welt zum Beispiel aufgestellt, und wir wollen gern einen Schleier darüber decken, welche Tendenzen zu derselben Zeit bei uns in dieser Hinsicht laut wurden. Ich weiß nicht, wie andere Christen darüber denken, aber was mich betrifft, so kann ich wohl sagen, daß, seit ich zu Verstande gekommen bin, ich nie einem gebildeten Juden begegnete, ohne mich gewissermaßen vor ihm zu schämen, indem ich lebhaft fühlte: daß nicht wir zur Verachtung +seiner+ Glaubensgenossen, wohl aber er zur Verachtung der +unsrigen+ ein Recht habe.

Es wird nun auch +dabei+ nicht bleiben. Die heutige Zeit mit all ihren Mängeln und Geburtsschmerzen, tritt dennoch schnell ein gehässiges Vorurtheil nach dem andern in den Staub, und wenn sie auch durch ungeschickte Auffassung zuweilen nur wieder eine, momentan erfolgreiche, Reaction bewirkt, auch oft selbst das arme Kind gleich mit dem Bade verschütten will, so muß sie, nach dem göttlichen Gesetz, am letzten Ende doch ohnfehlbar dahin kommen, wohin sie steuert -- +zum Reiche der Vernunft+.

Uebrigens bleibt es doch ein merkwürdiges Zeichen der Inconsequenz des menschlichen Geistes, daß in derselben englischen Parlaments-Sitzung der edle Vorschlag zur Emancipation der Juden, und die lächerliche Bill für bessere Heilighaltung des Sonntags (nach welcher unter andern Jeder in Strafe verfallen soll, der am Sonntag Zeitungen liest, oder sich nur nach einer politischen Nachricht erkundigt, nebst vielem dergleichen Unsinn mehr) zugleich zur Dicussion kommen konnten, und nur eine eben so kleine Mehrheit für die erste günstig, als für die zweite Narren-Schellen-Kappen-Bill ungünstig entschied.

Trocknere Variation auf ein früher berührtes Thema.

Ohne Zweifel nimmt der Stand der Grundbesitzer eine der wichtigsten, wo nicht die wichtigste Stelle in der Gesammtheit des Staates ein. Demohngeachtet scheint es, daß bei uns kein andrer Stand, besonders der mit dem Adel belastete Theil desselben, nach und nach immer mehr von seiner Geltung verloren hat, ja der Einzelne dieser Klasse sich jetzt wohl selbst nichts weniger mehr als hoch anschlägt, wenn er außer seinem Landbau nicht noch andre Aemter bekleidet, oder andern Geschäften obliegt.

Viele Ursachen haben zu diesem fast beispiellos schnellen Herabsinken beigetragen, welche zum Theil die Zeit unabänderlich mit sich führte. Manche dagegen sind selbst verschuldet. -- Zu den Letzteren gehört vielleicht ein verhältnißmäßiges Zurückbleiben der Mehrheit dieser Klasse in Kunst und Wissenschaft, ja, es thut mir leid es zu sagen, ein sich wesentlich unästhetisch zeigender Sinn der vaterländischen Landbesitzer, und noch mehr vielleicht als dies, der Mangel an Begnügung, an eigner Achtung für ihren Beruf.

Wenn der Geistliche zufrieden ist Geistlicher zu seyn; der Soldat (ich spreche hier nicht von der Landwehr, die ihrer Natur nach freilich Vielerlei seyn muß) nur Soldat, der Jurist nicht zugleich Kaufmann und der Kaufmann nicht Jurist seyn will, so scheint der Gutsbesitzer allein, sobald seine Bildung über die gewöhnliche Stufe nur in etwas hinausreicht, auch noch nebenbei Staatsdiener, oder Soldat, oder Hofmann, oder speculativer Kaufmann, oder wohl gar alles zusammen seyn zu wollen. Hat er aber diesen unpassenden Ehrgeiz auch nicht, so glaubt er doch wenigstens, sich mehr als Andere von seinem Beruf frei machen zu dürfen, um: sein Leben zu genießen, wie man es zu nennen pflegt, und sucht diesen schwer zu erjagenden Genuß -- wenn er eben +als Zweck+ gesucht wird, einen großen Theil des Jahres hindurch bald in der Residenz, bald auf Reisen u.s.w. in der Regel aber stets wo anders als zu Hause. Nur die Noth, der Mangel hält ihn an +dem+ Orte anhaltend zurück, wo er eben diesen wahren Lebensgenuß finden und die ihm zu Vergnügungen übrig bleibenden Mittel +dazu+ anwenden sollte: sein Besitzthum nicht nur zu einem einträglichen, sondern auch würdigern und angenehmern Aufenthalt umzuschaffen, als es in der Regel bei uns der Fall ist; ein Bestreben, welches jedenfalls weit einfacher wäre und ihm weit näher läge, als seinen Ueberfluß anderwärts, ohne irgend ein bleibendes Resultat, unnütz zu verwenden.