Tutti Frutti, Erster Band (von 5) Aus den Papieren des Verstorbenen

Part 7

Chapter 73,434 wordsPublic domain

Wäre aber der abzusehende, +endliche+ Erfolg nur noch wenigstens glücklich zu nennen! Doch auch dies ist bloß in solchen Gegenden der Fall, wo der Boden vortrefflich und der Umfang der Güter klein ist. In unsern sandigen und ausgedehnten Waldgegenden, wo die größeren Herrschaften die Dienste der Bauern, und vor allen ihre +Lohn+-Fuhren zur Bewirthschaftung des Waldes, Klafterabfuhr, Holztransporte aller Art u.s.w. nicht entbehren können, und der Bauer wiederum, wegen des geringen Ertrags seiner Aecker die Unterstützung und den Verdienst von der Gutsherrschaft nicht missen kann, stellt sich das Resultat der Regulirung höchst hemmend und nachtheilig. In allen Dörfern, wo die Regulirung statt findet, schaffen sämmtliche Bauern, die Hälfte oder ein Drittheil ihres Landes verlierend, auch sogleich ihre Pferde ab, mit denen sie früher ihre Hofedienste abthaten, (deren sie in der Standesherrschaft Muskau nur zwei Tage, in seltenen Fällen drei die Woche zu leisten hatten,) und die übrigen Tage dem Herrn für Lohn fuhren. -- Sie schaffen die Pferde ab, weil sie sie nicht mehr auf eignem Grund und Boden ernähren können. Sie werden nun sogenannte kleine Leute, keine Art von weiter greifender Industrie kömmt ihnen mehr nahe, sie bearbeiten und düngen ihr Bischen Feld nothdürftig selbst mit Frau und Kind nebst ein paar Kühen, und sind für ewig zufrieden, wenn sie nicht Hunger leiden, was sie aber auch sehr oft unter den neuen Umständen nicht einmal erreichen, und eben so wenig die Staatsabgaben erschwingen können, mit denen sie bereits in ungeheurem Rest stehen.[18]

Die Herrschaft muß nun für ihre Transporte selbst große Pferdeparks anschaffen, und die Fourage zum Theil im Auslande kaufen, da unsre Provinz wenig Hafer trägt, die Bauern aber ihren halbwilden Pferdeschlag mit wenig Korn, Stroh und Gras ernährten, was man ihnen nicht nachmachen kann. Der Verlust, den die Herrschaft dadurch jährlich erleidet, ist höchst beträchtlich, wie es bei allen solchen gezwungenen Etablissements in der Regel der Fall ist. Der Circulation, wie dem Verdienst im Lande aber geht eine noch größere Summe jährlich dadurch verloren, welche sonst in der Bauern Tasche floß. Doch wie soll es erst im Kriege werden, wenn man Vorspann, Getreidelieferungen etc. gebraucht? Was soll man dann von diesen kleinen Leuten und den gänzlich entkräfteten Gutsbesitzern noch nehmen, wenn eine Zeit der Noth eintritt, da schon jetzt kaum das Nothdürftigste erzielt wird, und die Königlichen Steuern auf den Dörfern in jenen Gegenden nur durch fortwährende Execution höchst mangelhaft eingetrieben werden können? Man sieht in der That nicht ein, wie dies einmal enden soll!

Um nur einige Orte namhaft zu machen, so fanden sich im Dorfe Gablenz vor zwei Jahren noch 80 Pferde, die man fortwährend beschäftigt sah, jetzt sind, seit ausgeführter Separation, deren noch vier, und in dem kleineren Dorfe Berg, wo man zu derselben Zeit 24 fand, ist kein einziges mehr geblieben. Solche Thatsachen möchten aber eher einen schnellen Fall, als ein langsames Steigen bezeugen, und zugleich einen kleinen Beitrag zu der Wahrheit liefern, daß es keine gefährlichere administrative Maßregeln geben kann, als alles über einen Leisten schlagen zu wollen. Eine Einheit muß freilich da seyn, aber nur die des Geistes, die Details werden billig und zweckmäßig der Localität angepaßt. Aus demselben Grunde wurden, in einer höhern Sphäre, jene so einförmigen, nach der Spanne gezogenen und angezogenen, überexercirten Soldaten bei Jena wie eine Heerde Schafe vom Wolfe gesprengt, weil der Geist fehlte, und besiegten anderseits die bunten, aus hundert heterogenen Theilen an einander gereihten Landwehren den größten Feldherrn des Jahrhunderts, weil der Geist eben in ihnen war.

Brächte die Regulirung nicht diese Abschaffung der Bauerpferde mit sich, und träte das Gesetz nicht hindernd ein, so würde sich überall in den erwähnten Provinzen, schon ein paar Jahre nach ihrer Vollendung +das alte+ Verhältniß, nur unter anderm Namen, von neuem wieder einstellen, wie es für die Handdienste schon sehr häufig geschieht, denn es war das alte System wirklich eben ein solches, das, ohne auf Theorieen Rücksicht zu nehmen, +aus der Localität+ entsprungen, sich durch gegenseitiges Interesse festgestellt und erhalten hatte, und dies zum Vortheil beider Partheien. Es ist nämlich in unsern öden Sandgegenden fast wie in Aegypten. Kleine Landeigenthümer können daselbst nicht wohl auf die Länge bestehen, und das glücklichste Verhältniß für die dortige Bevölkerung ist das: wenn der Grund und Boden nur einem großen Besitzer gehört, und von kleinen, übrigens ganz freien Pächtern oder Bauern, mit billiger Abgabe ~in natura~ oder Dienst an den Herrn, für sich selbst bearbeitet wird, dieser aber für deren gutes Durchkommen mit seinen größeren Mitteln sorgen kann, was er aus dem sichersten Grunde von der Welt, dem +seines eignen Interesses+, auch thun muß, und bisher immer gethan hat. Aber was nicht in das Procrustes-Bett unsrer Staatskünstler paßt, muß ohne Erbarmen abgeschnitten werden, es sey nun zum Heil oder Unheil.

Die Sache gestaltet sich jetzt in ihren Folgen so: Wo der Grundherr, +bei weitläuftigen Besitzungen+, Land als Entschädigung nimmt, verliert +er+ meistentheils so gut wie Alles, denn entweder muß er für einige hundert Morgen Sandfelder, die vielleicht 2 bis 3 Meilen von seinem Wohnort entfernt im Walde liegen, ein kostspieliges neues Vorwerk erbauen, das ihm nicht einmal die Interessen der Baukosten trägt, oder er muß das Land, als zu entlegene, und deßhalb fast nutzlose, Schafweide verbrauchen, oder endlich bei den weiten, öden Flächen, die er ohnedem schon besitzt, es gleich diesen mit Kiefern besäen, wo er vor 80 Jahren keinen Ertrag gewärtigen kann. Nimmt er aber anstatt Land Rente, so geht +der Bauer+ zu Grunde, weil dieser mit seinem schlechten Lande seinen eignen Kräften allein überlassen, bei den hohen directen und indirecten Landesabgaben, und dem Mangel aller Aushülfe und Unterstützung des Gutsherren, wie des Verdienstes, den er früher durch Lohnfuhren gewann, nach dem geringsten Unfall, und oft selbst ohne diesen nicht bestehen, und die Rente, welche er dem Herrn zahlen soll, in Geld nicht mehr erschwingen kann, während ihm das Aequivalent früher durch Hand- und Pferdearbeit so leicht zu geben war. In ein paar Jahren steht es dann gewöhnlich dem Herrn frei, die Bauernahrung subhastiren zu lassen und nun von neuem einen andern oder denselben Mann, +ganz unter den alten Bedingungen+, wie sie für Häusler statt fanden, nämlich für Handarbeit, gegen freie Wohnung, Holz und Feld, wiewohl nur auf 12 Jahre (denn länger erlaubt es das Gesetz mit einer im Praktischen zu großer Härte werdenden humanen Theorie nicht,) wieder auf die Nahrung hinzusetzen. Fuhrdienste jedoch bleiben für immer verloren, weil eben nur Tagelöhner-Etablissements, nicht Bauerwirthschaften, auf diese Art wieder auf 12 Jahre herzustellen, vom Gesetz gestattet werden.

Für ein solches trauriges Resultat werden also die als Beispiel angeführten Herrschaften, welche einen Flächeninhalt von 10 Quadratmeilen einnehmen, 40 Jahre lang in ihrem freien Betriebe und Verkehr gelähmt, und für ein solches Resultat zahlen sie in dieser Zeit über 400,000 Rthlr., wovon dem Dominio allein 300,000 zur Last fallen!!! Da nun der Werth besagter Herrschaften hauptsächlich in Wald und Fabriken besteht, die mit der Ablösung nichts zu thun haben, dagegen die Revenüen, welche aus den Diensten und Vorwerken der zu regulirenden 45 Dörfer gezogen werden, kaum 20,000 Rthlr. jährlich erreichen, so kommen die Regulirungskosten dem Besitzer wenigstens auf 75 Procent des höchsten Werthes der Güter zu stehen.

Gutsherr und Bauer verarmen natürlich während eines so gewaltsamen Zustandes immer mehr und sehen, in fruchtloser Verzweiflung, einer übel angewandten und noch weit übler ausgeführten Theorie, zum einzigen Vortheil einer Masse Beamten, die das Gouvernement +ohne Noth+ creirt, und die es, wenn endlich einmal das Geschäft zu Ende kömmt, +mit großer Noth+ wieder los werden wird, partiell eine Generation fast hingeopfert! Es klingt dies hart, aber es ist wahr; und wo wir mit Recht so viel Gutes wie in unserm Vaterlande zu loben haben, wo in einem rein monarchischen, ja militärischen Staate im Allgemeinen mehr Elemente persönlicher Freiheit vorhanden sind, als in allen constitutionellen Monarchieen zusammengenommen, wo endlich einer der edelsten Könige herrscht, der vor der Wahrheit nie sein Ohr unwillig verschließt und nur das Wohl seiner Völker will, da mag es uns auch gestattet seyn, das Mangelhafte nicht zu verschweigen. Denn gewiß bildet die Ablösung der bäuerlichen Verhältnisse, +wie+ sie statt findet, die schwerste, peinlichste, ja oft unleidlichste Abgabe in der Preußischen Monarchie, und die um so pernicieuser wirkt, da sie nur von dem wahren Marks des Staates, dem Grundbesitze zehrt.

Der Mann, von welchem die Preußische Gesetzgebung über die Ablösung bäuerlicher Verhältnisse sich hauptsächlich herschreibt, ein stets exaltirter Enthusiast, starb in der Zwangsjacke im Tollhause, war aber leider schon lange bevor es zu diesem Extreme mit ihm kam, halb verrückt, obgleich er in dieser Zeit nichts desto weniger fortfuhr, noch immer ein Mann von großem Einflusse zu bleiben. Die weitschweifige Pedanterie, die sich nachher des Projectes bemächtigte, that dann noch das Ihrige hinzu, um eine an sich gute Sache durch schlechte Form und Ausführung des größten Theils ihrer wohlthätigen Folgen zu berauben.

Daß es übrigens den genannten Herrschaften nicht allein, sondern hundert andern Gütern eben so geht, habe ich schon erwähnt und springt wohl auch in die Augen, obgleich bei kleinern Verhältnissen das Ergebniß nicht so ausfallend sich herausstellt.

Ob nun unter solchen Umständen der Beifall, den der angezogene Recensent dem Parcellirungssystem, wie es in Preußen statt findet, +allgemein+ angedeihen läßt, (denn ich wiederhole es: in reichen Gegenden und bei Gütern von geringem Umfange können die Resultate sich oft sehr günstig gestalten, obgleich Kosten und Zeit auch dort immer durch die +jetzige+ Verfahrungsart verschwendet werden;) gerechtfertigt erscheinen dürfte, überlasse ich der Beurtheilung des Lesers.

Meiner Ansicht nach sind nicht nur ein großer Theil unsrer Bauern, sondern auch ihre frühern Herren, durch diese Art der Ablösung jetzt der Sclaverei weit näher gerückt, als es die Bauern auf ihrer Seite je vorher waren -- +denn der Verarmte ist leider überall Sclave, auch inmitten der liberalsten Civilisation+, und selbst die leidenschaftlichsten Enthusiasten für die unbeschränkte Freiheit und neuen Eigenthumsrechte der Bauern, deren Gesinnungen ich übrigens hoch ehre und sogar theile, +wo die Ausführung nur möglich und zweckmäßig ist+, können über ein solches Resultat eben nicht sehr erfreut seyn.

Aehnlich verhält es sich mit den unglücklichen Bewohnern jener andern Länder, die in Folge zu weit getriebener (wenn auch wahrscheinlich nicht eben so theurer) Parcellirung der Ländereien an wirklicher Uebervölkerung leiden, und gewiß befinden diese kleinen Besitzer, welche dort zu Tausenden auswandern müssen, sich ebenfalls in einem weit sclavischern Zustande, als die von mir erwähnten englischen Pächter, oder früher unsre Bauern in ihren alten Verhältnissen.

Man wird mir entgegnen, daß demohngeachtet auch aus dem von mir gepriesenen England vielfältig ausgewandert werde, aber die Lust dazu liegt dort mehr im abentheuerlichen Sinne, der Unruhe und dem Speculationsgeiste jener Nation (der steten Folge so hochgeschraubter Cultur), als in wahrer Noth; denn die meisten englischen Auswanderer nehmen dazu ein größeres Capital mit sich, als, mit sehr wenigen Ausnahmen, bei uns ein Landbauer zu seinem besten Auskommen zu Hause braucht.

Findet man demohngeachtet noch vieles Elend in England, so ist es nicht dem großen Landbesitz Einzelner, sondern vielen andern bekannten Umständen, besonders aber der ungeheuren Last seiner Priesterschaft beizumessen, die an das Land sich mit eisernen Klauen angeklammert hält, und besonders durch den unheilschwangern Zehnten es wie ein Pack Blutegel aussaugt, und zugleich daran Schuld ist, daß eine große Menge gutes Land gar nicht cultivirt wird, und als öde Communweide liegen bleibt.

Daß das Parcellirungssystem +ruhigere+ Staatsbürger schaffe, zeigt die Erfahrung eben so wenig; denn mit großer Bewegung ist doch England weit weniger unruhig und schwankend als Frankreich, das ja eine vollständige Musterkarte darbietet von immer wieder verlassenen Bestrebungen und fortwährenden Umwälzungen, seit seiner ersten Revolution bis auf den heutigen Tag. In England giebt es +Reformen+, in Frankreich +Revolutionen+, und was ist an diesen letztern Schuld, als grade der Mangel einer +auf großen Grundbesitz+ basirten, erhaltenden Aristokratie, und die zu ausgedehnte, in +Monarchieen+ wenigstens, gewiß unverständige Parcellirung des Eigenthums, mit dem nothwendig daraus folgenden Ringen nach einer unmöglichen Gleichheit.

Der große zusammenhängende Grundbesitz, die mächtige Aristokratie, hätte den Franzosen +allein+ diejenige Stabilität geben können, deren Mangel sie jetzt vielleicht dem Untergange zuführt, und ihre weisesten Männer haben dies sehr wohl erkannt.[19] Warum sollten wir also uns so sehr beeilen, dasselbe Beispiel nachzuahmen? Es wäre doch wohl der Mühe werth, sich vorher noch einmal zu besinnen. Theorieen sind ein fürchterliches Ding und haben schon manche gute Säule in unsrem Hause eingerissen. Die Neuerer möchten aber ihren Pracht-Neubau lieber mit dem Dache anfangen als mit dem Grunde, worin sie ganz dem türkischen Sultan gleichen, aber keinesweges dem klügeren Mehemed Aly, der, wie jeder vernünftige Reformator, es sey schnell oder langsam, doch immer nur höchst behutsam und reiflich überlegend das Alte entfernt, vor allem aber stets nur +den+ Grad der Cultur überhaupt bezweckt, der wirklich erreichbar, dem Zustande des Landes und der Zeit angemessen ist. Minutolis und Prokesch Reisen in Aegypten sind hierüber sehr belehrend, und der für so barbarisch von Vielen geachtete Pascha möchte, beim Lichte betrachtet, sich aufs Regieren weit besser verstehen, als gar viele unsrer freisinnigsten und allzeit fertigen Gesetzgeber.

* * * * *

In einem andern Blatte macht sich ein zweiter deutscher Schriftsteller der Nützlichkeitsschule sehr lustig über des Franzosen ~Villeneuve~ „Privat-Hypothese“ -- wie er sie nennt: daß die Ruinen antiker Denkmäler eine der schönsten Zierden seyen, deren sich ein Land rühmen könne. „Uns“ fährt er dann fort, „dünkt im Gegentheile, neue Gebäude, Canäle, Landstraßen, seyen rühmlicher, als Ruinen, Verfallene Aquaducte und Schlösser und neue Auszeichnung besser als alter Adel.“

Diese Bemerkung scheint mir in vieler Hinsicht charakteristisch. Wir sehen in den Franzosen das Wiedererwachen poetischer, romantischer Gefühle, gleichsam als Trost gegen die unerfreuliche, ihn umgebende Gegenwart, im Deutschen aber die Vollendung hausbackener Tagesprosa, die nicht einmal dulden will, daß man Ruinen schön finde! Ja wohl, du ehrlicher Philister! von Ruinen, von Denkmälern vergangener Jahrhunderte wird Niemand +satt+, und ein Bäckerladen ist einem hungrigen Magen ohne Zweifel zuträglicher. Es giebt aber Menschen, die auch etwas Nahrung für Gemüth und Phantasie gebrauchen, und solchen wird es auch allein begreiflich werden: warum selbst alter +Adel+ wirklich dem neuen noch vorzuziehen sey, obgleich ich zugebe, daß, wie einer und der andere bei uns beschaffen ist, beide leider nicht viel taugen.

Ein patriotischer Gedanke.

Der Zustand eines Staates, den man Uebervölkerung nennt, tritt nicht bloß da ein, wo wörtlich das Land nicht mehr zureicht, um die Menschen zu ernähren, sondern schon da, wo eine weit fortgeschrittene Civilisation dem moralischen Drange nach Thätigkeit und Verbesserung eine so allgemeine Verbreitung gegeben hat, daß Viele das Bedürfniß zu Hause nicht mehr bestreiten zu können glauben. So leidet Großbrittannien schon im hohen Grade an Uebervölkerung, obgleich vielleicht ein Drittheil des Landes noch ohne Cultur daliegt, oder nur zum Vergnügen dienend, doch keinen Ertrag gewährt. Zu einem solchen Zustande sind Colonieen als Ableitung der unruhigen Geister einem Staate fast nothwendig, und mehr oder weniger entfernte, fortwährende Kriege gegen minder cultivirte Völker nützlich.

Ein Staat, der sich diese Abflüsse bei Uebervölkerung nicht verschaffen kann oder will, wird durch unausbleibliche innere Unruhen zuletzt das Opfer davon seyn.

Es könnte scheinen, man wolle hier wieder den nichtswürdigen Grundsätzen vergangener Jahrhunderte das Wort reden, die als Norm aufstellten: daß die politische Moral eine ganz andere, als die des Einzelnen seyn müsse. Dem ist aber nicht so. Dieselben Grundsätze des Rechts und der Gerechtigkeit gelten gewiß für den einzelnen Menschen, wie für die ganze Menschheit, aber auch die Moral kann, eben so gut von Seiten der Großmuth als des Egoismus, übertrieben werden, und hier kommen wir allerdings auf einen gewissen Unterschied. Nämlich der Einzelne kann +mehr+ als recht, er kann edel handeln, indem er sich Andern aufopfert. Ein Staat aber darf dies nie, weil er, als Vertreter einer Masse, dann statt edel nur unbefugt und ungerecht handeln würde.

Nun wird es wohl Niemand bestreiten wollen, daß jeder einzelne Mensch das unbedingte +Recht+ der Selbsterhaltung habe. Wenn z.B. Jemand im Ersaufen begriffen ist, so hat er das Recht, jeden neben ihm Schwimmenden zu ergreifen, auf die Gefahr, diesen mit ersaufen zu machen, um sich dadurch wo möglich selbst zu retten. Eben so hat der, welcher sonst verhungern müßte, das natürliche Recht, ein Brod zu nehmen, wo er es erlangen kann, und man hat sogar den Dachdecker nicht getadelt, der, als sein Vordermann, vom Schwindel befangen, schwankt, in der sichern Voraussicht, daß der Fallende ihn und die Nachfolgenden mit herabreissen müsse, selbst den nicht mehr zu Rettenden ergreift und seitwärts in den Abgrund schleudert.

Ich halte es daher auch dem Staate erlaubt, und für sein Recht, wenn er in seinem Innern den Keim eines durch gewöhnliche Mittel nicht anwendbaren Verderbens emporschießen sieht, einen Abfluß desselben dahin zu leiten, wo dieser überdem nach kurzem Uebergange nur belebend und nützlich wirken wird -- denn jede Eroberung durch eine civilisirte Macht wird der Besiegten zum späteren Vortheil gereichen. So würde es eine Wohlthat für Asien seyn, durch Rußland erobert zu werden, und für Rußland dagegen ist es ein Glück, diese Ableitung innerer Gefahren immer zur Hand zu haben. Ohne den Türkenkrieg hätten die Unruhen in Rußland höchst wahrscheinlich einen sehr bedeutenden Charakter angenommen und die Theilnahme der polnischen Armee an diesem Türkenkriege, oder zur Befreiung Griechenlands verwendet, würde eben so wahrscheinlicherweise die Insurrection in Polen verhindert haben.

Aber auch Preußen naht sich schon dem Zustande der Uebervölkerung in diesem Sinne, so wie ihn Frankreich und Süddeutschland längst erreicht haben, und er ist vielleicht eine Hauptursache des unruhigen Treibens jener Länder, da Frankreich im Verhältniß seiner Größe viel zu wenig Abfluß nach außen, Süddeutschland aber außer seinen Auswanderungen aufs Gerathewohl, gar keinen besitzt. Man hat dort in Constitutionstheorieen und repräsentativen Verfassungen die Hülfe gesucht, ohne sie sonderlich zu finden; denn die Form +allein+, sey sie auch die beste, thut es noch nicht. Nur wo die Menschen selbst zum Gefühl ihrer Würde gekommen sind, dürfen sie auf wahre Freiheit hoffen. Bis dahin ist sie bei jeder Art von Verfassung unmöglich, dann aber tritt sie ein trotz jeder Verfassung.

Doch diese schon einmal berührten Betrachtungen würden mich viel weiter führen, als ich hier zu gehen gedenke; ich komme auf unser Land zurück.

Preußen, sagte ich, naht sich auch dem Zustande, wo dem Drange nach Thätigkeit der Spielraum bald zu eng werden wird. Sein Handel, seine Fabriken steigen täglich; -- Dank der moralischen Freiheit, die wir im Allgemeinen mehr als andre Völker genießen und die, ohngeachtet der absoluten Form unserer Verfassung eben aus einer mehr als anderswo fortgeschrittenen allgemeinen Intelligenz entspringt, eine Intelligenz, die beim Herrscher auf dem Throne anfängt und sich bis auf die letzte Klasse herab erstreckt.

Es fehlt also, meines Bedünkens, Preußen zu immer steigender Macht und Glück nichts, als ein Abfluß seiner Kräfte nach entfernten Gegenden, da eine (vielleicht noch mehr zu wünschende) Ausdehnung derselben in der Nähe vor der Hand noch nicht erwartet werden darf, obgleich auch sie mit der Zeit ohnfehlbar statt finden wird; -- denn das allgemeine Streben der Civilisation nach großen Staatenmassen ist zu unverkennbar.

Warum sollte nun, frage ich, Preußen ganz davon ausgeschlossen seyn, sich eine +Seemacht+, wenn auch im mindern Grade, zu bilden, d.h. nicht so bedeutend, um Seekriege mit europäischen Seemächten zu führen, aber doch hinlänglich, um sich Colonieen zu erobern, die in kurzer Zeit sich selbst zu erhalten fähig seyn würden und die dazu dienen müßten, dem preußischen Handel feste Anhaltspunkte in andern Welttheilen zu sichern.

Man behauptet oft: 20,000 Engländer seyen hinlänglich, ganz China zu erobern. Ohne an ein so abentheuerliches Unternehmen zu denken, so ist es doch die Frage: ob nicht z.B. der Besitz einiger Inseln in den chinesischen Meeren einen umfassendern Handel mit China, wie mit andern asiatischen Reichen begründen und beschützen könnte, der dem Mutterlande einen großen Zufluß von Reichthum gewähren würde. Warum soll den Engländern allein immer jeder Vortheil dieser Art zufallen, warum sollten sie das Recht haben, ihn sich bei allen passenden Gelegenheiten zu gestatten und jedem Andern zu verwehren? Ja die in der Welt so gewaltig gewordene öffentliche Meinung hat die englische Macht in dieser Hinsicht schon beschränkt, und wir sehen, daß sie die Franzosen an der Eroberung von Algier nicht gehindert hat, welche sie, nur vor wenigen Jahren noch, ganz sicher nicht geduldet haben würde.[20]

In einem solchen Besitz wäre auch ein preußisches Botanybay zu gründen, um die Todesstrafe aufheben und unsere Verbrecher wieder zu nützlichen Bürgern und zu Vätern eines neuen Volkes erheben zu können. Vielleicht könnten wir bei dieser Gelegenheit auch die Hälfte unsrer Advocaten los werden und allen übrigen unruhigen Köpfen zugleich ein Asyl dort anweisen. Ja, ich selbst ginge gern als +Volontaire+ mit, und, wie mein Verwandter „+Latour d’Auvergne+“ erster Grenadier von Frankreich wurde, würde ich mich bemühen, in jenen fernen Landen als „erster preußischer Todtenkopf“ aufzutreten. Wahrhaftig, ich rathe der Seehandlung, die Sache in ernstliche Ueberlegung zu nehmen. Sie kann dadurch noch eine Art von ostindischer Compagnie im Kleinen werden, und sich in China mehr Ruhm erwerben, als ihr der Handel mit Thee und chinesischen Curiosis bis jetzt Geld eingebracht hat.

* * * * *