Tutti Frutti, Erster Band (von 5) Aus den Papieren des Verstorbenen
Part 5
Beim Jupiter! Ich weiß auf Alles dies nicht zu antworten; aber oft bedünkt es mich, es sey heut zu Tage am +wichtigsten+, ganz still, im kleinsten Wirkungskreise so viel Nützliches zu schaffen, als man kann, und in bescheidener Genügsamkeit ruhig seinen Kohl zu pflanzen, mit dem Motto des schottischen Ritters: Ich wart’ auf meine Zeit. Ja, man könnte dies bei Honoratioren sogar eine Auszeichnung nennen, fast eben so groß, als die: keinen Orden zu haben.
Das politische Treiben, welches auf Napoleon gefolgt ist, kömmt mir überdieß höchstens vor, wie das Ballet nach der Tragödie. Bis jetzt ist es sogar nur Uebung der Figuranten geblieben, die Solotänzer werden noch erwartet; nur einige Sprünge im Orient erscheinen bereits bedeutend. Im ganzen Schauspielhause ist aber überall viel unbequemes Gedränge, noch mehr Cabale und Unruhe im Parterre, und eine verzweifelte Hitze in den Logen. Wer nicht ein besonders Theaterlustiger ist, bleibt in der That besser zu Hause.
Alte Prophezeihung, aufgefunden zu Freiberg im Erzgebirge.
Wer im Jahr 1834 nicht verdirbt, Wer im Jahr 1835[7] nicht stirbt, Wer im Jahr 1836 nicht wird todtgeschlagen, Der hat im Jahr 1837 von Glück zu sagen.
(Kurz und bündig!)
In England sah ich einen Knaben, den bekannten Thelluson, von dem es heißt, daß er einst der Erbe von zehn oder gar zwanzig Millionen Pfund Sterling seyn werde. Glücklicher Sterblicher! -- Denn so viel Geld zu besitzen, +ist+ ein ungeheures Glück.[8] Nichts lächerlicher, beschränkter, als wenn irgend ein spießbürgerlicher Philister sagt: Ich würde in die größte Verlegenheit gerathen, was ich mit so vielem Gelde anfangen sollte. O ihr phantasielosen Menschen! Hätte mir es der Himmel doch beschieden, wie schnell wäre ich mit dem Plane der Anwendung und mit dem Capitale selbst fertig; denn nur mit solchem Vermögen, das in den Schranken des Gewöhnlichen bleibt, geziemt sich Sparsamkeit, mit einem so außerordentlichen muß man sich dem allgemeinen Besten opfern.
Ich würde zwar keinen Luxus damit treiben, das wäre alltäglich, selbst Almosen würde ich ganz so, wie ich es jetzt zu thun gewohnt bin, nur den wirklich Hülflosen +umsonst+ geben, den Andern +allein für Arbeit+ -- beiläufig gesagt: die einzige wahrhaft wohlthuende Barmherzigkeit. Schulen -- dafür mag der Staat sorgen; es gehen ohnedem schon zu Viele in die Schule, und erhalten dort mehr Nahrung als sie in der Regel zu verdauen im Stande sind. Kirchen zu bauen, ist zwar jetzt wieder sehr beliebt, aber wir haben deren auch schon genug, und die stete Vermehrung dieser Tempel in unsrem Lande scheint mir überhaupt zum wahren Nutzen der Religion gerade so viel beizutragen, als das vierte Thor, welches die Schildaer erbauten, um ihre Zolleinnahme zu erhöhen.
Aus demselben Grunde will ich keine Heiden bekehren.... aber, fragt Ihr endlich ungeduldig: was willst Du denn thun? -- O Kleinigkeiten, angenehme ~whyms~, nur von etwas colossaler Dimension.
Also zuerst würde ich aus der höchsten der ~Aiguilles~ des ~Montblanc~ Napoleons Statue ausarbeiten lassen. Ihr seht, dabei würden schon verschiedene Millionen schwinden, und die Welt hätte fortwährend ein kleines Angedenken an den Riesengeist, das vielleicht so lange stünde, als sie selbst, oder gar ewig; denn mein Freund Nürnberger hat mich kürzlich erst belehrt, es sey nunmehr +erwiesen+, daß das Weltall in seiner jetzigen Form ewig verbleiben werde und kein Princip der Umwälzung darin möglich sey. -- Was die Menschen nicht Alles zu beweisen verstehen! Wahrlich, der liebe Gott wird einstens noch selbst bei ihnen in die Schule gehen müssen, um zu erfahren, wer er eigentlich sey, und wie er die Welt erschaffen habe.
Während man nun an meinem Napoleon arbeitet, und ihm einen Kopf macht, in welchem sich ein größerer Raum für Gehirn befindet, als, nach physiologischen Gesetzen, das aller Potentaten der Erde zusammengenommen in natura ausfüllen könnte, würde ich ferner zwei Expeditionen ausrüsten: +die eine+, um Afrika nach allen Richtungen der Windrose zu durchforschen, die Quellen des Nils, das Gold der Mondgebirge, das fabelhafte Einhorn, wohl gar den Vogel Rock aufzufinden, (es ist vielleicht möglich, daß ich dieser Expedition dennoch eine Compagnie Missionaire und fünfmalhunderttausend Bibeln mitgebe,) +die zweite+, um Japan zu erobern -- wäre es auch nur aus Aerger über diese geschmacklosen Barbaren, welche bloß von den Holländern Besuch annehmen wollen, oder auch aus Neugierde, zu wissen, was sie denn eigentlich für eine Kunst und Weisheit vor den Blicken aller Welt so hermetisch verschließen mögen, daß selbst gescheiterte Schiffsmannschaften an ihren unwirthbaren Küsten sich nicht vom Ertrinken retten dürfen, immer vorausgesetzt, wenn es keine Holländer sind.
Welch ein Mäcen der Geographen, welch ein Besonderer der Wissenschaft im Allgemeinen, wäre ich nun schon geworden, nach glücklicher Vollbringung dieser gemeinnützigen Werke! Aber das Geld -- ich fürchte, von dem würden jetzt kaum noch einige elende Millionen mehr übrig seyn. ~N’importe~, der Rest wird dazu angewandt, ein Loch von einer deutschen Meile Tiefe in unsern Nationalsand zu graben, wie es schon Maupertuis Friedrich dem Großen anrieth, und was bis jetzt bekanntlich noch nirgends hat gelingen wollen. Mit dem letzten Thaler ließ ich mich aber selbst hineinwerfen; gewiß, eine grandiose Gruft! Dann läge ich jedenfalls tief genug, um es nicht zu hören, wenn man etwa über mir sagte:.... Nein! ich will dem Leser in nichts vorgreifen, er fülle die Punkte selbst ~ad libitum~ aus, ich gebe ihm ~carte blanche~.
Eine Frage.
Bei den Römern war es, wie Appian erzählt, erlaubt, die Triumphatoren zu loben, oder zu verspotten, wie es einem Jeden beliebte; denn frei und zwanglos sollte der Triumph seyn und Jeder aussprechen dürfen, was er darüber denke. Es war die Freiheit der Presse jener Zeiten. Warum sind nun unsre modernen Staatsmänner so kitzlich in diesem Puncte? Fehlt es ihnen an der antiken Gediegenheit jener Römer, oder ist seitdem der Spott gefährlicher geworden?[9]
Zweite Frage.
Warum haben die Deutschen eine solche Zuneigung zum Teufel? Ist es, weil sie wirklich einige Wahlverwandtschaft zu ihm in sich spüren, oder aus dem entgegengesetzten Grunde, weil man sich am meisten nach dem sehnt, was Einem ganz fehlt? -- Wenn ich von mir auf Andere schließen darf, so kömmt es vielleicht auch ein wenig daher, daß der Teufel ohne Zweifel von allen Personen der neueren Mythologie die am meisten poetische ist, denn das Poetische ist weltlich, weßhalb auch Milton mehr Glück machte, als Klopstock.
* * * * *
Heute ging ich noch in der Dämmerung im Park spazieren und setzte mich dann beim Schein der Töpferfeuer im Thale, die der Sturm seltsam umherwirbelte, ermüdet auf das Grab des Unbekannten, in Betrachtung der Capelle versunken, wo mich meine eigne Ruhestätte erwartet. Es schwirrten mancherlei Nachtgedanken wie Fledermäuse in meinem Kopfe umher. Unter andern grübelte ich auch über die sonderbare Eigenthümlichkeit der Menschen nach, daß Große und Kleine so viel Werth auf ihr Begräbniß legen, und dennoch die Art desselben durch die verschiedenen Phasen der Menschenbildung so mannigfach schon umgewandelt worden ist.
Da ging der Mond roth und voll über den Zinnen des alten Thurmes auf, und es war, als leuchtete er mir zurück in lang vergangene Jahrhunderte.
Vor meiner Phantasie wichen die irdischen Schranken. Ich ward plötzlich ins graue Alterthum versetzt, blickte rückwärts im magnetischen Schlafe, und sah jetzt, als begäbe sich Alles vor meinen Augen, wie eben einem Barbaren-Häuptling, der hier geherrscht, die letzte Ehre erwiesen wurde.
Hunderte in Thierhäute gehüllte Krieger von colossalem Gliederbau bewegten sich bei grellen Feuern in wilder Verwirrung um einen hohen, frisch aufgeworfenen Hügel von regelmäßiger Form, an dessen Fuß eine schwarze Oeffnung bestimmt schien, den entseelten Körper aufzunehmen. Einige heulten und wehklagten, Andere tranken aus den Schädeln erlegter Feinde. Seitwärts unter einer uralten Eiche standen Priester von grausem Ansehn, emsig mit blutigen Ceremonieen beschäftigt. Ein lautes, bei gewissen Zeichen, die sie gaben, periodisch wiederkehrendes Schlachtgebrüll übertönte das Schmerzgeschrei der unglücklichen Opfer, die dem Häuptling zu Ehren am rohen Steinaltar geschlachtet wurden.
Mit Abscheu wandte ich den Blick -- und allsogleich fiel dichte Nacht, wie ein Vorhang, vor mir herab, und Schlummer deckte meine Augenlieder.
Als ich wieder erwachte, hatte sich die Scene gänzlich geändert. Die wilde Gegend war freundlicher geworden, und mir gegenüber lag auf zierlich aufgeschichtetem Scheiterhaufen der entseelte Körper des römischen Abentheurers Mosca, den die Sage unsrer Chronik, als einst im Alterthum hierher verschlagen, anführt. Wohlgeruch köstlicher Specereien erfüllte die Luft, und anmuthig umher gruppirt standen in malerischen Gewändern die römischen Gefährten, nur hie und da mit einzelnen, schon halb civilisirten, Eingebornen gemischt. Auch hier waren Priester -- wo wären sie nicht? Auch hier fielen Opfer, doch nur der Thiere Blut röthete die Erde zu den Füßen bereits +vermenschlichter+ Götter.
Wieder erneuerte sich die Decoration. Wir standen jetzt inmitten jener feudalen, romantischen Zeit, welche die Dichter und Künstler lieben und die Freithümler hassen.
In voller strahlender Rüstung, das treue Schwerdt an seiner Seite, ruhte der kühne Gaugraf im Sarge. Sein Streitroß, schwarz behangen, der Trupp der Reisigen mit schwarzen Fähnlein, die schöne, weinende Burgfrau, von zwei blühenden Knaben begleitet, die wehmüthig zur Mutter auf, stolz zur Menge herabblickten, folgten zu Roß der Bahre. Der Heidenpriester im langen, weißen Gewande, hatte sich in ein braunes, wohlgenährtes Pfäfflein verwandelt, mit dem siegenden Kreuze hoch in der Hand, gemächlich auf einem frommen Esel reitend.
So zog, mit gedämpftem, kriegerischem Klange, der lange Zug an uns vorüber, der hohen Kirche zu, wo bald unter Posaunentönen die Gruft sich schloß über dem stolzen Ritter -- für immer.
Hier wars, als spränge, wie ein Prolog zu dem Kommenden, ein Hanswurst über die Scene; denn die neuere Zeit begann. Ich kanns nicht läugnen -- es war einer meiner eigenen Ahnen, den ich auf einem prächtigen Paradebett, auf seidnen Kissen vor mir liegen sah. Ein Ritter ist es noch, des heiligen Johannes von Jerusalem sogar; aber das rothe Röcklein, die kurzen weißen Hosen, von unmalerischen Stolpenstiefeln begleitet, erinnern schon mehr an moderne Schneider und Schuster, als an alte Ritter. Zwölf silberne Candelabres erleuchten den Leichnam Tag und Nacht bei verschlossenen Fensterläden, und seltsam genug ist der Ort gewählt, nach altem Brauch. Der Eßsaal nämlich ists, in dem die Leiche ruht.[10]
Schon grünlich gefärbt und übelriechend, tragen endlich um Mitternacht sechs adeliche Vasallen, +Rudera+ verschwindender Verhältnisse, den todten Grafen, beim Scheine von hundert Fackeln, im samtbehangenen Sarge zur Familiengruft. Da findet er große Gesellschaft -- ob sie sich aufrichten werden, die alten Bekannten, wenn kein irdisches Auge mehr wacht, und den neuen Gast bewillkommnen mit den Geheimnissen des Grabes?
Wer kann antworten, wer hat ergründet, wo das Leben denn eigentlich aufhört, wo der wahre Tod beginnt? Die Nachtseite der Natur ist uns verschlossen, die Tagesseite nicht minder ein Räthsel!
Woher das unbegreifliche Grauen vor den Todten, die kein Glied mehr rühren können, uns zu schaden -- woher die nächtlichen Schauer, woher die eisige Furcht vor dem, was einst Leben hatte, und uns wieder erscheint ohne Fleisch und Bein? -- Wenn man jung ist, will man alle Furcht besiegen. Ich ließ mir einst die Fallthür aufschließen, die mitten in der Kirche zu unsrer Ahnengruft hinabführt, schickte herzhaft den Küster fort und stieg um Mitternacht allein hinab.
Drei Särge hatte man schon vorher auf meinen Befehl geöffnet, und die Deckel lagen daneben. Es war eine unbeschreibliche Stimmung, in der ich mich befand. Nein, es war nicht Furcht, es war nicht Grausen noch Entsetzen, es war nicht Wehmuth -- aber als sey alles dies in mir zu einem unerklärlichen Zustande zusammen gefroren, als sey ich selbst schon ein Todter -- so war mir zu Muthe. Mein 86jähriger Großvater war der erste, den ich erblickte. Sein schlohweißes Haar hatte sich in der bleiernen Hülle wieder blond gefärbt. Sein Haupt lag nicht mehr in der alten Richtung auf dem Kissen, sondern hatte sich seitwärts mir zugewandt und seine weiß calcinirten Augen starrten mich an, wie zum Vorwurf, daß ich im jugendlichen Uebermuthe der Todten Ruhe gestört. Wieder auflebend, tröstete ich mich, würde der liebevolle Mann mir doch nicht zürnen. Er war zu milde, selbst zu freidenkend dazu. Ich ging vorüber.
Im andern Sarge streckte sich unter goldgestickten Lumpen ein langes Gerippe hin; es war einst ein mächtiger Mann gewesen: Feldobrist im dreißigjährigen Kriege und Landvogt im Markgrafthum Lusatia. Sein stattliches Bild hängt noch in meinem Ahnensaale, wie er eben, an der Spitze seiner Kürassiere unter Pappenheim auf fliehende Schweden einhaut. Ach! lange ist die ~laterna magica~ verlöscht, die jene hübschen Bilder erleuchtete -- eine der übrig gebliebenen Glasscherben nur lag vor mir!
Der dritte Sarg enthielt eine Frau, bei ihrem Leben die schöne Ursula genannt. Der kleine Todtenkopf hatte eine dunkelbraune, häßliche Farbe angenommen; der ganze übrige Körper war mit einem langen, wunderbar erhaltenen Mantel von feuerfarbner Seide mit silbernen Fransen bedeckt. Ich wollte ihn aufheben, doch er kam mir selbst zuvor, denn bei der ersten Berührung zerfiel er fast in Staub, und eine Legion Kellerwürmer, Gott weiß wie hier hereingekommen, wimmelten unter meinen Händen auf den zusammengebrochenen Knochen.
Ich setzte mich hin und betrachtete die lange Reihe Särge und die aufgedeckten Todten lange in dumpfer Betäubung; dann fiel ich auf meine Knie und betete, bis das Eis in meiner Brust in schmerzlich süße Thränen zerschmolz. Was von Furcht, Grausen und allen unheimlichen Gefühlen in mir gewesen, es verschwand vor Gott, und stille sanfte Wehmuth blieb allein zurück. Ich küßte ohne Abscheu meines guten alten Großvaters kaltes Haupt, schnitt eine spärliche Locke von seinem ehrwürdigen Scheitel, und hätte er in diesem Augenblick sich empor gehoben und meine Hand gefaßt, ich hätte mich nicht davor entsetzt. -- Wundervolle Macht des Gebets! -- Wahrlich der Werth der Frömmigkeit besteht nicht darin, daß sie in der Noth durch unser Gebet ein drohendes Unglück abwenden könne, -- Millionen Fromme verderben, ohne daß Gott ihr Flehen erhört -- sondern darin, daß es uns selbst kräftigt, jeder Noth zu widerstehen und sie zu ertragen, ja in der dadurch herbeigeführten innigern Gemeinschaft mit Gott etwas zu finden, was uns schon +an sich selbst+ über alle irdische Noth siegend hinweg hebt. -- Könnte eine so mächtige Wirkung Täuschung seyn? -- Wohl wenigstens dann dem Getäuschten!
Doch laß mich fortfahren in der Reihe meiner Begräbnißbilder -- die Vergangenheit habe ich ausgebeutet, nun noch einen Blick in die Zukunft! Ich begrabe mich selbst. -- Wie aber richte ich dies zeitgemäß wohl am passendsten ein? Die heutige Zeit spiegelt die factische Kräftigkeit der vergangenen in idealer Romantik wieder ab; aber diese Poesie ist stark mit metaphysischen skeptischen Elementen versetzt. +Vorrechte+ z.B. ist ein übel klingendes Wort geworden; von allgemeinen Menschenrechten soll es sich künftig nur handeln. Gleichheit lockt beinahe noch mehr als Freiheit, und schon ist im Wesentlichsten der Unterschied der Stände gefallen.
Also von meinen Vasallen, die bei dem bloßen Namen schon lächeln, lasse ich mich gewiß nicht zu Grabe tragen. Von der alten modrigen Gruft will ich ebenfalls nichts mehr wissen, seit ich sie schon im Leben gesehen; dem Zeitgeist gemäß bin ich auch schon zu gut polizeilich gesinnt worden, um unter der allsonntäglich vereinten Gemeinde verfaulen, und auch mein bescheiden Theil an der Ursache verschiedener Epidemieen auf mich nehmen zu wollen.
Nein -- von den guten, rüstigen Wenden, denen ich mein ganzes Leben hindurch das ihrige leidlich erhalten, durch die Arbeit, welche ich ihnen gab, so viel sie deren nur verlangten, von diesen, denen es als ein zehnfacher Arbeitstag gerechnet werden mag, will ich mich hinaustragen lassen auf die Berge, und einsenken an der Stelle, wo meine liebste Aussicht war. Dürfte ich dort in Feuer aufgehen, noch besser, aber ich glaube, die Kirche gestattet es nicht. Sie verbrennt nur Lebende; freilich auch diese schon lange nicht mehr, aber unsere Schuld ist dies, ihre gewiß nicht. Den Schein der Fackeln will ich auch nicht, sondern Sonne, aber Musik darf nicht fehlen; nur keine traurige, lieber moderne Kirchenmusik von Rossini aus Graf Ory z.B., oder, wie ich neulich, nach eben eingeführter neuer Agende, das Jäger-Chor aus dem Freischützen recht brav von der Schuljugend ausführen hörte. -- Warum auch Trauer? Gott lebt ja noch, wenn +wir+ auch todt sind, und also ist eigentlich kein Ende, sondern nur ein neuer Anfang -- kein Tod, sondern nur eine Geburt zu celebriren.
Ich protestire feierlich, wenn ich ausgestellt werden muß, gegen alle Fratzenkleidung unsrer Zeit, es sey nun eine zusammengeschnürte Uniform, die selbst einen Todten noch incommodiren könnte, oder das Unding eines modernen Fracks nebst Weste und Hosen. Sollte sich gar einer unterstehen, mir einen Orden anzuhängen, so gebe ich ihm im Voraus meinen Fluch dafür, daß er einen Leichnam noch so zu verspotten wagt. Es giebt meines Erachtens nur +eine+ zweckmäßige Art, Leichen zu bekleiden und diese ist: sie mit einem weißen Tuche zu bedecken -- wie der Himmel auch sein eingeschlafnes Jahr mit weißer Decke überzieht. Die Liebe mag das geheimnißvolle Tuch noch einmal lüften, die Neugier suche sich etwas Andres aus. -- Ja die Liebe! für die ist kein Tod! für die ist auch nichts entstellt, denn sie lebt immerfort im ewigen Reiche der Schönheit. -- Wärst du mir beschieden, o beneidenswerthes Loos! daß ein liebendes Herz noch über mir schlüge, wenn das meinige zu schlagen aufgehört, daß eine Thräne der Wehmuth auf mein blasses Antlitz fiele und eine zitternde Hand den letzten frischen Rosenkranz auf mein Haupt drückte -- ach! gewiß, ich würde sanfter, süßer davon schlafen! --
Und wieder sind nach meinem Tode hundert Jahre vergangen. Wie wird es nun wohl mit der Liebe stehen, wo die industrielle Zeit in aller ihrer Kraftentwickelung da ist, deren Morgenröthe schon während meines Lebens mit Dampf- und Geld-Regiment so hell hereinbrach -- wo die rohe, die classische, die romantische, unsre confuse und wiederkäuende Zeit -- alle vorbei sind, und die +nützliche+ allein die Menschen regiert?
Noch einmal berührt mit magischem Stabe mich der Zauberer. Ich erblicke die Fluren wieder, deren Verschönerung ich den besten Theil meines Lebens gewidmet. Was seh’ ich? Schiffbar ist der Fluß geworden, der meinen Park durchströmt; aber Holzhöfe, Bleichen, Tuchbahnen, häßliche, nützliche Dinge, nehmen die Stelle meiner blumigen Wiesen, meiner dunklen Haine ein! Das Schloß -- darf ich meinen Augen trauen? -- beim Himmel! es ist in eine Spinnanstalt umgeschaffen. „Wo wohnt der Herr?“ ruf’ ich ungeduldig aus. -- „In jenem kleinen Hause, das ein Obst- und Gemüsegarten umgiebt“, tönt meines Unsichtbaren Antwort. -- „Und gehört meinem Urenkel denn das Alles nicht +mehr+, was ich einst mein nannte?“ -- „O nein, das hat sich mit der Zeit wohl unter hundert verschiedene Besitzer vertheilt. Wie könnte Einer so viel haben und Freiheit und Gleichheit bestehen!“
Ich schreite auf das Häuschen zu, dessen Mauern sich meinem magnetisirten Auge alsobald öffnen, und sehe, wie der Tod schon wieder geschäftig gewesen. Verlassen in dem Winkel einer Kammer liegt der Herr des Hauses, still in seinem Bett. -- „Der Vater ist todt!“ höre ich eben den Sohn zu einem Andern sagen; „es ist kein Zweifel mehr, fahrt ihn hinaus.“
Ach lieber Leser, welch ein Begräbniß! Du fragst, wohin es mit der Leiche ging? -- Nun natürlich, wo sie am nützlichsten ist: -- aufs Feld als Dünger.
Nutzanwendung.
Ja, nicht allein irdische Wirklichkeit, auch ein Reich der Einbildung ist uns nöthig, nicht allein ewiger Fortschrit, sondern auch weise Beschränkung, nicht allein Religion, sondern auch ihre heiligen Gebräuche. Obgleich es, tief in unsrem Innern offenbart, für Jeden schon individuell etwas Höheres giebt, als die äußere Welt gewähren kann, so wird doch nur, wie Jemand schön sagt, „+die Kirche+, die einst Alle in +einem+ Glauben zusammenfaßt, den allgemeinen Versammlungsplatz auf des Lebensberges Mitte gewähren, zu dem die am Fuße Wohnenden zutrauungsvoll hinauf, und die auf der Spitze Thronenden demuthsvoll hinabwandeln können, zu jeder Zeit, wenn sie Trostes bedürfen aus dem himmlischen Reich.“
+Diese+ Kirche, die wahre und ächte, ihr Mangel ist es, der uns am meisten verwirrt, sie fehlt uns, sie allein sollten wir suchen, um aller Noth, allem Widerspruch ein Ende zu machen.
Ihr aber, meine Freunde, gebt nicht viel darauf, suchet und strebt nur nach +Freiheit+ und +Gleichheit+, und denkt: Das wird genügen. Ach, suchet lieber +Freiheit+ und +Liebe+! diese werden Euch weiter führen. Das wilde Streben nach Gleichheit, das nimmer hienieden Befriedigung erreichen kann, weil es Gott nicht gewollt hat -- es ist der zweite Apfelbiß, der uns aus dem Rest des Paradieses werfen wird. Manches Gute möget Ihr zwar anfänglich auf dem ersten Wege erreichen. Bald wird es keine Sklaven und keine Zwingherrn mehr geben, keine absoluten Monarchen und kein ihrer Laune unterworfenes Volk, keine übermüthigen Kriegsfürsten und keine zur Schlachtbank geführten Heere, keine von Prunk umgebene Aristokraten und keine mit dem Fuße zurückgestoßnen Bettler, keine grausame Hierarchie und keine verfolgten Ketzer. Also weniger herbes Leid gewiß, aber -- vielleicht auch unendlich weniger Genuß! denn wie viele herrliche Lichter werden zugleich mit jenen Schatten entfliehen! Alle Tugenden der Liebe, als: freiwillige Entsagung, Demuth, Opfer, kindlicher Gehorsam, uneigennützige Treue bis in den Tod, Edelmuth, zartes Ehrgefühl -- ich fürchte: sie werden alle auf dem harten Boden der Freiheit und Gleichheit allmählich verdorren, um dem strengen Recht allein, dem starren Egoismus Platz zu machen. Es wird dann nicht mehr Liebende und Freunde geben, sondern nur Compagnons, nach Umständen contractlich vereinigt zum Geschäft, oder zur Fortpflanzung des Geschlechts. An die Stelle der elterlichen Autorität wird die staatspolizeiliche treten. Statt der Könige wird man Präsidenten haben, statt der Ritter Bürgersoldaten, statt der Diener Miethlinge, statt unsres Herrn und Gottes endlich -- einen constitutionellen Weltregierer in abstracto. Poesie und Kunst, Pracht und Luxus werden gleichmäßig dahinschwinden in der allgemeinen nüchternen Zweckmäßigkeit. Jeder wird das unumgänglich Nöthige haben und keiner mehr den Ueberfluß. Der Ehrgeiz wird allerdings Niemand mehr plagen, da nichts mehr zu beneiden seyn wird, denn kein glänzendes Ziel steht mehr zu erstreben, kein Tempel des Ruhms, keine Höhe zu erklimmen, da, wo die hausbackne Nothdurft allein erreicht werden soll. Mit Einem Wort: keine brennenden Farben werden mehr das Leben umspielen, ein todtes Grau in Grau allein seyd Ihr bestimmt, liebe Nachkommen „in den sausenden Webstuhl der Zeit zu wirken.“ Es bekomme Euch wohl! Gern versinke ich vorher mit meiner lieben alten bunten Welt, wie der Katholik lieber unter dem Helldunkel der schimmernden Juwelenfenster seines geschmückten Domes ruhen will, als in der lichten und scheuerartigen Kirche einer reformirten Gemeinde. --