Tutti Frutti, Erster Band (von 5) Aus den Papieren des Verstorbenen

Part 4

Chapter 43,390 wordsPublic domain

Derselbe ist nun unbeschränkter Autokrat im Hause; wohl dem, welchem er zuwedelt, doppelt wehe dem, den er in die Finger beißt: denn solcher wird nicht nur gebissen, sondern auch noch dafür gescholten werden. Geschieht +mir+ aber dergleichen, so thue ich so, als sey es nur Spaß gewesen, und versichre, die blutigen Finger versteckend, und freundlich lächelnd: ~Fancy~ habe mich nur geleckt. -- Merke Dir diese Regel, lieber Kammerherr, sie kann Dir goldne Früchte bringen, auch wenn Du ein Starost oder Knes wärest.

Ich fand meine Freundin verstimmt und bekümmert. Das liebe Hündchen war im Herrnhutischen zu gut aufgehoben gewesen. Es ist nämlich besagtes Herrnhut das wahre Kuchenland zu nennen. Aus meiner frohen Kindheit erinnre ich mich noch, daß wir oft dort selige „Trinken“ oder sogenannte Liebesmahle hielten, wo wir mit jeder Tasse Kaffee ein größeres Stück des süßen Heilands in uns aufnahmen und in der Abendbetstunde wieder frommen Strietzel kauten.

Man sang damals noch folgende erbauliche Lieder, als z.B. das Jungfrauenlied:

Altes Herrnhutisches Gesangbuch

Nro. 2270. Vs. 1.

Ihr von dem Flämmelein Des Bräutigams der Gemein Brennende Döchtelein, Ihr Ehe-Vögtelein, Ihr Elieserlein, Ihr Vice-Christelein, Unsres Herrn Jesulein, Der Euch den Eheschrein Hat aufgeschlossen fein, Und Eure Gliedelein, So sündlich sie auch seyn, Besprenget und hält rein, Die Kreuz-Lust-Vögelein In Eurem Nestelein Fährt in die Gegend nein Als Wunderbienelein.

Oder Zugabe des 12ten Anhanges

Nro. 2163.

Gott Papa, Mama und Bruderlamm Das Dreieinigkeit ausspann, Werdet von der Ehmama Göttlich sigilliret, Bis den Bore der Papa Zu der Berje führet.

und Nro. 2268. Vs. 3.

Sollt es möglich seyn, daß wirs beschwiegen, Wenn wir solche schöne Nachricht kriegen Von Vice-Christen, Von der Ehetäublein Seitritznisten. Aber wenn das Herz zu Loch gekrochen In das Wündlein, das der Speer gestochen, Da zu hausiren, Mags der Ehherr selbst caressiren.

Oder das Hochzeitlied:

(Wir haben dies und das folgende mit griechischen, nach Erasmus Aussprache zu lesenden, Buchstaben drucken lassen, da es zwar als in einem gedruckten Gesangbuch stehend, zu den Merkwürdigkeiten seiner Zeit gehört, aber seines empörend gnostisch-mystischen Inhalts wegen sich nicht für das größere Publikum eignet.)

Das Hochzeitlied Nro. 1990.

Υιρδ εινε Γναδεν-Εσθηρ ȣνδ ναχ δεμ Λειβε σχȣεστηρ Δας βȣνδεσγλιεδ γεwἁρ· σω σχλιεσσεν σιχ διε σιννεν ȣνδ σιε ȣιρδ ἑιλιγ ιννεν, δαςς Γοττες σὡν ειν κναβε ȣαρ. Ἱρ εἱλιγεν ματρωνεν, διε ἱρ ιν εἑθρωνεν ȣμ ȣιζε-χρισεν σειδ, ἱρ ἑρτ δας θευρε ζειχεν, δαραν σιε χρισῳ γλειχεν μιτ ιννιγερ γεβωγενἑιτ. ῳ γεἑιμνισȣολλες γλιεδ δας διε εἑλιχεν σαλβεν Ιησȣ ἁλβεν εἱλιγ γιεβτ ȣνδ κευσχ εμφητ ιμ γεβητ, ιν δεμ ȣον δεμ ερζερβαρμεν σελβς ερφȣνδενεν Ουμαρμεν ȣενν μαν Κιρχενσααμεν σαητ, -- σει γεσεγνετ ȣνδ γεσαλβτ μιτ δεμ βλȣτ, δας ȣνσερμ μαννε δορτ εντραννε fὑλε εἱσσε ζηρτλιχκειτ ζȣ δερ σειτ διε fυρ λαμμς γεμἁλιν ωφεν σειτ δερ σπηρ ἱνειν γετρωφεν δας οβιεκτ δερ εἑλευτ.

Das Ehelied Nro. 2114.

Κνηβλειν, δειν μηννλιχες Υησεν ις μιρ αρμεν ζȣμ γενησεν, δαςς ιχ αλς ειν στρειτερ κναβε Θειλ αν δεινερ κινδἑιτ ἁβε, δεινε εἱλ’γε ερσε Υȣνδε σαλβε μιχ ζȣμ εἑβȣνδε, αȣφ δεμ γλιεδε μεινες λειβες, δας ζȣμ νȣτζεν μεινες Υειβες ȣνδ δας πȣρπȣρροδε ωηλε φλιεςς αȣς μεινερ πριεσερ ὁηλε, ȣνδ διε ρεχτ γεσχικλιχ μαχε ζȣ δερ πρωκȣρατορσαχε. Δασς ιχ μεινε Θευρε ριεβε μοεγ’ ȣμφασσεν μιτ δερ λιεβε, δαμιτ δȣ μειν Υειβ ȣμφαγγεν, αλς ες διρ ζȣρ σειτ’ αȣσγαγγεν· ζȣ δεμ βλȣτ’γεν λιεβες σχμερζε σεγνε ιχ μειν εἑἑρζε, ȣνδ δας βλȣτ δερ ερσεν Υȣνδε μαχτ δας ῳηλ βειμ εἑβȣνδε.

* * * * *

Glaubt man nicht zu hören die +neusten+ Frommen, Bei denen es selig zum Durchbruch gekommen?

Mein altes Gesangbuchs-Exemplar steht Liebhabern daher auch gern zu Diensten, wenn eine neue Auflage desselben zur Erbauung der Gläubigen irgendwo beliebt würde. Um den Inbrünstigen aber noch mehr Lust dazu zu machen, schließe ich mit folgenden zwei -- ~nec plus ultra~ -- Liedlein.

I. Nro. 1813. Vs. 6.

Gottlob! wir wissens nun, wer Gott ist, Es ist der Zimmermann Jesus Christ, Der am Kreuz gestorben zwischen den Schächern, Von dem es schallet auf tausend Dächern -- Seit einiger Zeit.

II. Anhang zum Gesangbuche XII.

Nro. 2021.

Nichts ist doch freundlicher, Als unser Herrgen; Nichts liebt sich doch so sehr, Als seine Närrgen; Nichts predigt kräftiger, Als Wunden Pfärrgen; Nichts singet lieblicher, Als Jesu Lerchen. Drum bleib’ ich gern verzückt Im Bund der Närrlein Und liebe ewiglich Der Närrlein Herrlein.

* * * * *

Also, um den Faden meiner Erzählung wieder zu ergreifen, so war auch meiner Freundin in dem gesegneten Gemeindegasthof heute dreierlei sehr appetitlich aufgestellter Kuchen zum Frühstück gebracht worden. „Der eine“ -- hatte der Kellner erklärt (welcher eben als Missionair, ich weiß nicht von welchem Pole, zurückkam, und von der wahrscheinlich schlechten Kost daselbst sehr mager aussah,) „der eine wird +vor+ dem Kaffee, der andre +zum+ Kaffee, der dritte +nach+ dem Kaffee genossen.“[5]

~Fancy~, der, wie seine Herrin sehr oft bemerkt hat, Menschenverstand besitzt, vernahm jedes Wort und befolgte des Missionairs Anweisung so gründlich, vor, zum und nach dem Kaffee, daß er jetzt, dem Platzen nahe, in Todesängsten lag, und eben aus der Hand eines mildthätigen Bruders, der Hundearzt in Nova Zembla gewesen, ein starkes Brechmittel hatte verschlucken müssen. Aus Furcht vor der Explosion war ihm einstweilen in einem Unterstübchen ein Feldbett aufgeschlagen worden, und von fünf zu fünf Minuten brachte der Jäger das Bülletin.

Eine bange Stunde war schon verflossen, und noch immer keine Wirkung da, als plötzlich der Jäger hereinstürzte, um mit triumphirender Miene zu melden, daß eine Crisis eingetreten sey. „So eben“ sagte er, „haben das herrnhutische Mittel, welches nach vorn intendirt war, auf die hintere Constitution gewirkt.“ Mit einem glücklichen Lächeln empfing man die frohe Nachricht; ich aber machte bei mir selbst ernste Betrachtungen. Ist es nicht klar, sagte ich zu mir selbst, daß künftig nichts mehr ohne Constitution bestehen kann? Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über, und hörten wir es nicht eben: Constitution ist schon ein Lieblingswort des Volks geworden, ja, wie die Kammern in obere und untere, theilt es auch schon die Constitutionen in vordere und hintere ein. Zu den letztern kann man ohne Zweifel allegorisch jene rechnen, welche auf sich warten lassen, oder unvollkommen gegeben wurden, denn sie liegen, so zu sagen, noch im +Hinter+grunde der Zeit, und auch in anderer Beziehung paßt die scharfsinnige Benennung, z.B. da, wo Stände existiren, die nur dem Namen, nicht der That nach da sind, denen ähnlich, von welchen der selige Feldmarschall K.... zu sagen pflegte: „sie kommen mir ganz so vor, wie mein H.... Beide haben Sitz und Stimme, aber beiden nimmt man es verdammt übel, wenn sie laut werden.“

Doch laßt uns in den Schoos der Gemeinde zurückkehren.

Da die Ruhe im Hause nun wieder hergestellt war, benutzte ich diese glückliche Conjunctur zu einer Ausflucht, nämlich um einen Besuch bei Brüdern und Schwestern en gros zu machen.

Wen erfreut und besticht nicht schon der äußere Anblick jener freundlichen, reinlichen und anspruchslosen Oertchen, welche von Herrnhutern bewohnt sind? Ich spreche jetzt ganz ernsthaft. Gewiß ist es ein sehr rühmliches Zeichen für sie, (man denke nun über ihren religiösen Cultus wie man wolle) daß Processe unter ihnen unbekannt und Verbrecher höchst selten sind; daß sie brüderlich zusammenhalten und daß sie von jedem Gutsbesitzer als Unterthanen sehr gewünscht und allen andern vorgezogen werden. Sie geben überall ruhig und ohne Anstand, was des Kaisers ist, und Gott, was sie ihm schuldig zu seyn glauben. Man wirft ihnen Heuchelei, Duckmäuserei u.s.w. vor. Was geht mich aber das an, wenn Jemand dabei nur alle seine Bürgerpflichten gegen mich erfüllt, und mit seiner Frömmelei weder in die Weltbegebenheiten einzugreifen noch irgend Jemand zu schaden sucht, sondern sie nur als ein Privatvergnügen treibt. Ich achte daher die Herrnhuter gar sehr, aber Komisches haben sie an sich, das ist nicht zu leugnen, und ich habe vorher erklärt, daß ich, (wirklich nach zu vielem Weinen) jetzt aus Lachen und Scherzen mein Handwerk gemacht habe, es indeß auch Keinem verdenke, der es mir reichlich wiedergiebt, wenn es nur eben so harmlos geschieht.

Die Brüder und das Knaben-Institut fand ich über die Erlaubniß cynisch. Man wurde überall, bis in den Eßsaal sogar, auf eine der Nase fast unerträgliche Weise daran erinnert, was das endliche Loos des besten ~Dinés~ auf Erden zuletzt seyn muß; die Farbe der Kleider war an den Kindern vor Schmutz kaum zu erkennen, und die Häupter der Knaben schienen überdies missionarische Insekten aus allen Zonen zu beherbergen. Das hat sich, hier, in K. W. wenigstens, gegen sonst sehr verschlimmert und verdient Rüge. Uebrigens rührte es mich ungemein, alles Andre noch so ganz beim Alten zu finden, denn hier in diesen heiligen Hallen kennt man, wie in China, die Neuerungswuth noch nicht. Jede kleine Nüance, jede Sitte, jede Eintheilung der Stunden war noch genau wie ehemals dieselbe, und auf der nahen Wiese sah ich auch wieder Ketta, das Lieblingsspiel meiner Kinderjahre spielen, und die frohe Jugend lustig, wie eine Heerde Schäfchen springend, zurückkehren; hinter ihnen der Lehrer mit zwei seiner liebsten Knaben, einen an jeder Hand führend. Auch das kleine Gärtchen, wo Jeder sein Beet hat, besuchte ich, und erinnerte mich, wie dort meine Gartenpassion zuerst erwachte, und ich stets darauf sann: meinem Beete eine neue Form und ein andres Ansehn zu geben. Einmal hatte ich das Unglück, in der Hast einen meiner Mitschüler, der sich eben bückte, mit der Hacke so schwer in den Kopf zu hauen, daß sein Blut auf meine Blumen strömte und mir die Gärtnerei lange verleidete. Der Arme war ein lieblicher Knabe, ein Graf H...., der, als er zum vielversprechenden Jüngling gereift war, sich aus unglücklicher Liebe -- erschoß. So schien sein rothströmendes Haupt, das mir noch immer vorschwebt, eine blutige Vorbedeutung! --

Ich wurde, nach dem bisher Gesehenen, angenehm überrascht, im Schwesternhause und der Mädchen-Anstalt, besonders im ersten, die musterhafteste Reinlichkeit und Nettigkeit, dabei aber auch ächt weiblich geheizte Zimmer, trotz der schon warmen Jahreszeit, zu finden. Die alte Vorsteherin sah ganz einer Aebtissin ähnlich und hatte, gegen die hiesige Sitte, etwas sehr Bestimmtes und Würdiges, so zu sagen, klösterlich Weltliches in ihrem Wesen. Auch ermangelte sie nicht, das Haus möglichst gelten zu machen, zeigte mir mehrere Säcke voller Lebensmittel und Sachen, die sie an eben abgebrannte +Nicht+herrnhuter schicken ließ, und machte mich darauf aufmerksam, wie alle Arten von Handwerken und Geschäften im Hause selbst betrieben, und nur allein Schuhe von außerhalb desselben bezogen würden. „Ja Alles“ -- wie sie sich in ihrer sechzigjährigen Unschuld komisch genug ausdrückte, „Alles, was wir brauchen, besorgen wir uns selbst, nur den Untertheil müssen wir den Brüdern überlassen.“

Die Schwestern sind nach ihrem Alter in verschiedene Stuben vertheilt, und da wir +auch+ von +unten+, ich meine: von den Aeltesten, anfingen, so war für steigendes Interesse gesorgt. In dem Zimmer der Fünfzehn- und Sechzehnjährigen fand ich einige allerliebste schmachtende Gesichter. Alle standen sogleich von ihrer Arbeit auf, so wie wir hereintraten, und nun frug die Vorsteherin, um ein wenig damit zu prunken: +wie weit her+ die Mädchen wären, die erste:

„Friederike, wo bist Du her?“

Knix: „Aus Otahaiti.“

„Und Du, Jettchen?“

Knix: „Aus Labrador.“

„Und Du, braune Amalie?“

Knix: „Aus Afrika.“

„Wohl vom Vorgebirge der guten Hoffnung?“ fiel ich ein; denn abgerechnet, daß sie der berühmten hottentottischen Venus in der Hauptpartie glich, so schien auch ihre übrige Corpulenz dem erwähnten Vorgebirge ganz entsprechend. Sie war aber noch weiter her: aus Madagascar.

„Du aber, mit den Flachshaaren?“ fuhr die unermüdliche Aebtissin fort.

„Aus Grönland.“ --

Das Ding kam mir fast wie eine Menagerie von hübschen Mädchen vor, und sie plärrten auch ihre Antworten so mechanisch, wie Papagaien, ab. Ich erkundigte mich bei mehreren, ob sie nicht zuweilen vom Heimweh geplagt würden; aber nur die Grönländerin, welche zugleich die reizloseste war, sprach sehnsüchtig vom Vaterlande. Wahrscheinlich hatte sie dort Fischthran, oder wohl gar ~Sperma ceti~[6] gekostet, welches, wie ich schon oft gehört habe, einen außerordentlichen Patriotismus einflößen soll. Man hat dies immer an den schwindsüchtigen Grönländerinnen bemerkt, die nach Petersburg kommen, um in dem dortigen milden Klima ihre angegriffenen Lungen wieder herzustellen.

In der Mädchenanstalt traf ich wieder mit Julie zusammen, die eine kleine, ziemlich unbändige, Verwandte dorthin brachte.

Schwester Kiebitz, ein freundliches, rundes, noch junges Persönchen, dem die Gutmüthigkeit aus den Augen leuchtete, führte uns dort herum. Der hübsche Ausdruck ihres Gesichts, verbunden mit einem gänzlichen Mangel an irdischer ~tournure~, machten ihre Erscheinung wohlthätig possierlich. Bei jedem Worte knixte sie nach hiesiger Art, wobei sie aber, um ganz sicher zu seyn, daß der Knix auch decent abliefe, immer vorher sorgfältig ein Bein über das andere setzte. Die sie begleitende junge Lehrerin war desto flinker und so herzlich, daß man alle Augenblick glaubte, sie sey im Begriff, Einem in die Arme zu fliegen. Beide waren gewiß die Güte und Unschuld selbst und dabei geschwätzig, wie kleine Elstern. Auch hier paradirten wieder verschiedene erotische Subjecte, aber diese so heterogenen Kinder schienen doch alle gleich seelenvergnügt -- das beste Aushängeschild einer Erziehungsanstalt. Unsere wilde, weltliche Hummel war im Anfang ganz scheu; es dauerte aber nicht lange, so hatte sie schon Freundschaften mit Individuen aller Climaten gestiftet, und als wir sie Abends wieder besuchten, war sie von neuem +zu Hause+. Glückliches Alter jener seligen Täuschung, welche die eigentliche Wahrheit ist.

Meine Freundin wartete noch auf Jemand, und wir gingen unterdessen in der Straße auf und ab. Mir sind immer die Scenen auf dem Theater unnatürlich vorgekommen, wo Geheimnisse, Liebesverständnisse u.s.w. auf der Gasse abgehandelt werden, hier aber sah ich die Möglichkeit vollkommen ein. Wir spazierten in der ungestörtesten Einsamkeit mitten in der Stadt und kam ja einmal ein Sterblicher daher, so wandelte er so leise, wie ein Schatten, an den Häusern hin, ohne die mindeste Notiz von uns zu nehmen.

Der belebteste Platz im ganzen Oertchen ist der Kirchhof, welcher den Herrnhutern als unentbehrlicher Belustigungsort dient. Nachdem mich meine Begleiterin verlassen, begab ich mich auch dahin. Ein elegantes, hellgrün angestrichenes Thor und eine lebende Dornenhecke schließen ihn ein. Auf dem Thore steht mit goldenen großen Buchstaben eine unbestreitbare Wahrheit:

+Ruhe mit Zuversicht.+

Innerhalb findet man Linden-Alleen und weiße Ruhebänke; die Grabsteine liegen ganz einfach reihenweis, alle von ein und derselben länglich viereckigen Form, so daß sie fast wie regelmäßig an beiden Seiten hingelegte Folio-Bände aussehen, auf denen das Titelblatt den Namen, Geburts- und Sterbetag des Verfassers der darunter liegenden Lebens-, Liebes- oder Leidensgeschichte anzeigt. Eine interessante Bibliothek gewiß für den, dessen Auge durch den Stein dringen und das verschlossene Buch entziffern könnte!

* * * * *

Einige Schwestern saßen, ruhig wie Statuen, auf den Bänken, und in Gedanken versunken wandelte ich selbst langsam auf und ab. Jetzt öffnete sich das Thor wieder und ein langer Mann trat herein. Als wir ein paarmal neben einander hingeschritten waren, redete ich ihn an, um meinen Beifall über den hübschen Kirchhof auszusprechen. „Verzeihen Sie,“ erwiederte er mit sächsischem Dialekt, „ich bin gar kein Herrnhüter; ich bin aus Dresen.“ Diese Naivität setzte mich wieder in gute Laune, denn der liebe Mann hatte offenbar geglaubt, ich habe den Kirchhof nur gelobt, um ihm damit ein schuldiges Compliment zu machen, und es daher als Fremder bescheiden abgelehnt, ganz wie der bekannte ehrliche Oesterreicher, der bei einer Predigt, wo Alles in Thränen zerfloß, allein nicht weinte, und als der größte Enthusiast unter den Zuhörern ihn unwillig fragte: „Und Sie, mein Herr, Sie bleiben ungerührt?“ ganz erschrocken antwortete: „Werden Euer Gnaden halter nur nicht böse, ich bin aus dem andern Kirchsprengel.“

* * * * *

Der Dresdner Kaufmannsdiener wurde aber zu guter letzt doch noch poetisch, und verglich die Leichensteine, weit passender als ich vorher, mit einem Sortiment weißer und grauer Tuchballen in verschiedenen Nüancen. „~Mon mari fait dans les draps~“ antwortete die Pariser Fabrikanten-Frau dem Kaiser Napoleon, der sich auf dem Ball des ~Hotel de ville~ nach dem Stande ihres Mannes erkundigte; -- wahrscheinlich arbeitete mein Begleiter auch in diesem Geschäft. Als er anfing über die schlechten Zeiten zu klagen, verließ ich ihn, denn seine komische Seite schien mir nun „+abgetragen+.“ Beim Hinausgehen bemerkte ich noch eine zweite Inschrift innerhalb des Thores. Der Worte erinnere ich mich nicht mehr ganz genau, aber der Sinn war folgender:

+Jetzt erst seyd ihr in der wahren Heimath.+

Diese Inschrift gefiel mir nicht. Ich kann alle religiösen Ansichten nicht leiden, die uns einbilden wollen, wir wären hier bloß da für eine andre Welt. In eine andre Welt und Existenz werden wir gewiß kommen, und gut für uns ohne Zweifel, wenn wir jede Station möglichst nutzen; aber hier ins Leben getreten, ist unsre Heimath jetzt auch +hier+ und nirgends anders. Die Natur ertappt man nie auf einer Lüge, sie spricht sich überall wahr und deutlich aus, und nur der Verschrobene versteht sie nicht mehr. Schlimm für das Kind, wenn es nur daran denkt, als Jüngling zu leben; es wird dann als Jüngling Mann, als Mann Greis seyn, und die Blume +aller+ Lebensalter verloren haben. Man sey nur recht im vollen und besten Sinne des Wortes Mensch dieser Erde, körperlich und geistig, und wird dann ganz gewiß sich für jeden andern Zustand, der folgen kann, dadurch am besten qualificiren, wenn man auch wirklich hier nie daran +gedacht+ hätte. Mir scheint selbst Christus dies letztere, bis auf den Inhalt einiger Parabeln, ziemlich unterlassen, wenigstens nicht viel Werth darauf gelegt zu haben, und so ist Christus auch recht für alle Zeiten der Lehrer des Menschengeschlechts +auf Erden+ geworden, wo das Himmelreich eben am nöthigsten thut, weil wir die Hölle hier leider auch in unsrer Gewalt haben.

Ein ganzes ausreichendes Leben ist immer und überall vollständig +da+, wo wir uns dessen bewußt werden, und wir sollten endlich das alberne Bild der irdischen Schule und des Schulmeisters über den Wolken droben, der nur auf die Ankunft der armen Seele daselbst paßt, um ihr Kuchen, oder die Ruthe zu geben, zu dem übrigen Plunder kindischer Zeiten werfen.

Alle Frische schwindet aus der Welt bei solchem krankhaften Schmachten und Fürchten, und es ist sehr die Frage: ob nicht selbst die grobsinnliche Beimischung in der katholischen Religion in der Zeit ihrer Blüthe, mehr Gutes in dieser Hinsicht, als Böses gewirkt hat. Aber schlimm und drückend ist immer +die+ Zeit, wo man weder mehr kindlich abergläubisch, noch wahrhaft gescheidt seyn kann. Ich dringe übrigens Niemand meine Meinung auf; jeder muß in solchen Dingen und in solchen Zeiten sich selbst am besten zu helfen wissen.

So perorirte ich, als Julie, mit der ich am Mittagstische saß, und der ich längst meine Reisefata erzählt, drohend den Finger erhob und sagte: „Carl, Carl! Du spielst manchmal den Freigeist; nimm Dich in Acht, daß Dir heute Nacht nicht wieder die Frau Rasiussin erscheint, und Deinen schwachen Sinnen den Glauben, auch an das scheinbar Unvernünftigste, dennoch in die Hände giebt. Denk an die Seherin von Prevorst, die klügern Leuten, als Du bist, den Kopf verdreht hat.“ -- Es ist wahr, erwiederte ich ein wenig betroffen, und zugleich bedenklich an meinen Hals fühlend, wo ich eben wieder einen heftigen Stich zu empfinden glaubte -- es ist wahr, wir sind alle schwache Menschen, jeder Täuschung unterworfen, und keiner unsrer Momente gleicht dem andern, aber doch nur nach den klarsten derselben dürfen wir uns richten. -- „Ja wohl,“ sagte die gute Julie; „aber glaube mir, Du hast Dich über +meine+ Schwäche, den armen Hund betreffend, so lustig gemacht, und hast doch selbst zehnmal mehr Schwächen; ja, wer nicht, wie ich, Dich bis ins Innerste kennte, der würde glauben müssen, Du seyst zehnmal des Tages ein Andrer und nicht jede Edition eben eine gute.“ „Amen!“ rief ich; die ewige Liebe habe Erbarmen mit uns Allen, und Gott Lob! daß sie das auch schon von vornherein gehabt hat: denn ohne sie wäre kein Leben, kein Lieben und keine aller der Seligkeiten, deren wir hier schon so vielfach theilhaftig werden. -- Es ist billig, daß ein Besuch im Herrnhutischen fromm schließe, ich übergehe daher alles Weltliche, was sonst noch vorfiel, nur +eines+ seltsamen Umstandes muß ich noch erwähnen. Er ist +buchstäblich wahr+, der Leser suche den Commentar dazu, wie er mag.

Kaum wieder auf meinem Landsitze angekommen, verfiel ich in ein hitziges Fieber, mit einem geschwollenen Halse verbunden, der mich zu ersticken drohte. Ich war größtentheils ohne Besinnung, doch schweben mir noch jetzt dunkel schreckliche Visionen aus jener Zeit vor, und besonders genau erinnere ich mich, daß mir wiederholt die grausige Alte aus Bocksberg, jetzt aber mit hohnlachender und feindseliger Miene erschien, und wieder den kalten Schlüssel auf die krankhafte Stelle legte, was jedesmal mit einem heftigen Erstickungskrampf begleitet war, bis endlich die Natur, der Arzt, oder bessere Geister, als meine Quälerin, eine schwierige und langsame Heilung glücklich bewirkten -- denn, daß ich, obgleich verstorben, eben an +jener+ Krankheit gestorben sey, will ich nicht behaupten, obwohl, wenn es mir so beliebte, ein rechtgläubiger Leser auch daran nicht zweifeln dürfte.

III.

Aus den

Zetteltöpfen eines Unruhigen.

Wahrheit ist ein Hund, der ins Loch muß, und hinausgepeitscht wird, während Madame Schooßhündin am Feuer stehen und stinken darf.

Shakespeare.

Thätet Ihr nicht besser, lieben Freunde, mich mit ernstern, wichtigern Dingen zu beschäftigen? Warum muß die Kraft, die an etwas Großem hätte mitarbeiten können, sich in Kinderspielen und Narrenspossen erschöpfen? -- Glaubt mir, es giebt Dinge, zu denen ich zu gebrauchen bin, ja, vielleicht solche, zu denen Meinesgleichen allein zu gebrauchen sind.

Doch Ihr habt Recht -- denn was im Leben ist wohl eigentlich wichtig, was ist Kinderspiel zu nennen? In welche dieser beiden Kathegorieen gehören z.B. wohl solche Haupt- und Staats-Actionen, wie sie eben vorgingen, als da sind -- das sanfte, friedliche Morden vor Antwerpen, nebst den Friedensgefangenen der Franzosen, und dem Incognito-Kriege der Engländer; das +Heldenthum+ des Königs von Holland und die +Freiheit+ der Belgier; oder die, gleich den olympischen Spielen, fast zu bestimmten Epochen wiederkehrenden französischen Revolutionen, oder ihre Duellherausforderungen zu 4000 Mann, oder die Frankfurter Enormitäten -- alles im grellen Gegensatz zu der stabilen Politik anderer Mächte, welche nur deßhalb ihre Völker durch ungeheure Armeeen langsam erdrücken, um -- den ewigen Frieden zu sichern! Treiben vielleicht manche Minister, manche Volksbeglücker, ja ganze Nationen auch nur Possen, als Narren, oder mit Narren? --