Tutti Frutti, Erster Band (von 5) Aus den Papieren des Verstorbenen

Part 3

Chapter 33,646 wordsPublic domain

Das edle Thier, durch des Schicksals wunderliches Spiel, von den Ufern des rothen Meeres an die Ufer des schwarzen Schöpses verschlagen, weiß, wie alle die adeligen Rosse Arabiens, gleich treuen Hunden, sich seinem Herrn mit Liebe anzuschmiegen, und bewies mir nun seine Freude, indem es mich mit den schönen ausdrucksvollen Augen schalkhaft gutmüthig von der Seite anschaute, und scharrte, und den Schweif hob, und ganz melodisch schnarchte, und dann seine Nase gegen meine Hand drückte, mit der umgeschlagenen Lippe sie schmeichelnd zu fassen versuchend, als wolle es mir so deutlich, als es nur könne, sagen, es verstehe meine Zärtlichkeit gar wohl und theile sie.

Für solche Pferde kann man wirklich eine Art Leidenschaft fassen, und ich finde daher auch, daß man mit Unrecht in manchen alten, und selbst noch in neuen Romanen die Edelleute wegen ihrer Passion für Pferde und Hunde so sehr anfeindet. Es ist doch besser: +etwas+ zu lieben, als +gar nichts+; und was sieht man heut zu Tage, vom Adel wie vom Bürger, lieben, als -- jeden seinen Geldbeutel. -- Das hat die Zeiten allerdings industrieuser gemacht -- ob aber herzlicher und besser? -- Die Frage wollen wir hier unerörtert lassen; so viel ist indeß gewiß, bei den Arabern gilt ein Pferd mehr als ein Mensch, und wird auch für viel vornehmer gehalten. Wie auf der Insel, die weiland Gulliver entdeckte, bilden diese Thiere dort die wahre Aristokratie, und man führt dort, wie hier für unsre Souveraine, Kriege ihretwillen, die oft mit der Ausrottung mehrerer Stämme endigen. Wären die Pferde nicht zugleich auch so nützliche Thiere zum täglichen Gebrauch, so hätte man vielleicht gar schon eine Gottheit aus ihnen gemacht. Aber, wie gesagt, sie sind zu nöthig für Alle, um sie entweder dem Nichtsthun, oder den Priestern allein zu überlassen, in deren Hände sie, als göttlich, dann doch unfehlbar hätten gelangen müssen.

Dabei fällt mir ein französischer General ein, der die Expedition nach Aegypten mitgemacht hatte, und auf seinem Zuge zur weiland russischen ~partie de plaisir~ durch mein Gut marschirte, wo er mir, ~accompagné de plusieurs autres~, mehrere Tage die Ehre erzeigte, mein Schloß als das seinige anzusehen, und die Humanität so weit trieb, mich jeden Mittag regelmäßig zum ~diné~ in meinem eignen Hause einzuladen. Dieser brave Mann (er kam nachher auf dem Rückweg wieder und bettelte ~pour Dieu~ um einen alten Rock) erzählte viel von den arabischen Pferden und zum Theil recht Interessantes. So sprach er unter andern von einem Räuberhauptmanne, welcher zwei ächte Nedjyd, deren Stammbaum bis auf Abrahams Zeiten zurückgegangen sey, besessen und durch sie fast unangreifbar geworden wäre. Er und sein fünfzehnjähriger Sohn wohnten nämlich ganz allein in einer Art kleinen Burg, mitten in der Wüste, die ein tiefer gemauerter Canal von 16 Fuß Breite umgab. Keine Brücke führte zur Feste, aber bei jedem Ein- und Auszug trugen die Nedjyds ihre Herren mit Leichtigkeit über den Abgrund in das sichere Asyl, während der übrige Stamm außerhalb unter seinen Zelten im Sande lagerte.

Als ich wegen des Stammbaums, auf Burkhard gestützt, einige Zweifel erhob, rief der General ganz entrüstet: „~Comment, Monsieur, vous en doutez? -- Savez vous, qu’il n’y a pas un cheval de race parmis les Arabes, qui n’ait son extrait baptistaire?~“ --

„~Dans ce cas~,“ erwiderte ich, -- „~les Missionnaires ont été plus heureux en Arabie que dans l’Inde.~“

Er merkte nun seinen ~blunder~ und verbesserte ihn lachend; denn bei diesem liebenswürdigen Volke endet zuletzt Alles mit Lachen. Auch als ich später den armen Teufel aus meiner Garderobe neu equipirte, lachte er herzlich und versicherte: ~que la dernière campagne avait été diablement fraiche~, und versprach, mir das nächste Jahr meine ~générosité~ mit Interessen wieder zu bezahlen. Bei Großgörschen zog jedoch ein mächtigerer Mann, Herr von Rumpelmeier, einen Wechsel auf ihn, den er vergebens protestirte und ich verlor meine Interessen.

Wenn der Leser glaubt, daß mir auf dem einsamen Jagdschloß wieder etwas Absonderliches begegnet sey, oder ich dort gar eine Auflösung des Räthsels der vergangenen Nacht, vielleicht ein halb vermodertes Manuscript in einer Mauerblende, oder dergleichen gefunden, so irrt er sich leider sehr. Es blieb nur bei den eignen Phantasiebildern und da diese jetzt dem in Jugenderinnerungen Verlornen eine erneute Sehnsucht nach dem früher vorgesteckten Ziele einflößten, so machte sich demgemäß derselbe bald wieder auf den Weg.

Ich habe vergessen, Dir, geehrter Leser, zu melden, daß ich noch einen Diener mit mir führe, der aber nur ein stummer Mohr ist. Ließe es sich irgend mit dem Dienste vereinigen, so würde ich ihn auch blind und taub gewählt haben, wie die junge Italienerin in der Oper ihren Ehemann verlangt; denn für einen einsiedlerischen Phantasten, wie ich es bin, kann es nichts Unbequemeres geben, als die vielen aufpasserischen Sinne eines Bedienten. Ich selbst brauche überdies wenig mehr Bedienung, als ich mir zur Noth selbst gewähren kann, und außerdem höchstens solche, welche ich überall finde; die Pferde aber verständigen sich mit meinem stummen Schwarzen vortrefflich. Ich gab diesem jetzt die Zügel in die Hand und setzte mich behaglich zurück, um Gegend und Gedanken desto besser zu genießen. Wir passirten einige freundliche Dörfer. Die junge Saat und die blühenden Obstbäume, der himmlische Verjüngungshauch des Frühlings, der azurblaue Himmel und die linde, würzige Luft machten heute auch den minder begabten Erdfleck zum Paradiese. Ich überließ mich ganz so freundlichen Eindrücken, und ging dann innerlich -- in die Kirche; denn der liebe Gott ist ja überall zu finden, und in der That auch gar kein so geheimnißvolles, unsichtbares Wesen, als ihn manche Theologen darstellen und die Philosophen suchen. Er erscheint nur Jedem verschieden, aber auch das einfältigste Gemüth fühlt und erkennt ihn gar oft, wenn auch unter andern Namen und alt bekannten Formen; der eine in der Geliebten, jener in der Pracht der untergehenden Sonne, im majestätischen Laubdome des von tausend Sängern belebten Waldes, im Genusse einer guten That, in der Entsagung aus Liebe zum Rechten, ja auch im innigen Wohlseyn unbescholtener Jugend, in den Werken der Kunst und des Genies, in dem glücklichen Bewußtseyn einer eigenen gelungenen Schöpfung, in hundert andern recht sinnlichen Dingen noch -- aber in allen diesen Fällen giebt es +ein+ Kennzeichen, ohne welches Gott nie erscheint, und welches ohne ihn auch nie erscheint: -- +reine, selige Freude+. Nur aber laß Dir, armer Mensch, von Niemand einreden, daß Du diese Seligkeit nur mit Hülfe der Bibel oder des Korans, in der Kirche oder Moschee, bei Deinen Pfaffen oder Mollahs, finden könntest -- sie ist überall, wo Dein Geist sich zum Allmächtigen zu erheben versteht, wo Du gut bist, wenn Du auch nicht einmal Opfer brächtest; denn Kreuz und Leiden, Gerippe, Opferthier und Tod, gehören -- dem Himmel sey Dank! -- nicht nothwendig dazu, wohl aber Liebe, Liebe für Gott, seine ganze Schöpfung und sich selbst. Die +wahre+ Religion ist nicht schwer: sie ist +nur+ Trost und Stütze und Glück. Sie gönnt Dir jeden Genuß, den die Vernunft erlaubt und verdoppelt ihn noch durch +Heiligung+ auch des Geringsten. Unter welchem Bilde also, durch welche Mittler oder Offenbarung sie Dir aufgeht, dabei bleibe; ist es in irgend einer Kirche, so halte sie hoch; ist es im Tempel der Natur; so lasse diesen Deinen Tempel seyn.

In diesem letzteren Falle befindet sich nun meine Wenigkeit, und ich sang daher eben, mit der Lerche um die Wette, mein Lied zwischen Exordium und Predigt, als ich auf kahlem Hügel -- einen hohen Galgen und eine wogende Menschenmenge darum her erblickte.

Man erzählt von einem Schiffbrüchigen, daß er, an unwirthbarer Küste strandend, sich verzweiflungsvoll auf einer wüsten Insel glaubte, bis er eines Galgens ansichtig ward und nun entzückt ausrief: „Gott der Allmächtige sey gepriesen, hier ist Civilisation!“

Ich kann nicht sagen, daß mir dieser Civilisations-Verkünder eine eben so angenehme Ueberraschung verursachte, um so mehr, da ich nicht zweifeln konnte, er solle so eben functioniren. Ich hasse Executionen, seit ich in Bern einen 75jährigen Greis hängen sah, der vor 40 Jahren für 30 Batzen Wäsche von der Bleiche gestohlen hatte; ferner, früher als Kind dabei gegenwärtig war, wie in H.... ein armer Soldat auf Tod und Leben Spießruthen laufen mußte, weil er sich an einem unmenschlichen Lieutenant vergriffen, der jetzt ein angesehener General ist. Ich kann daher auch nicht umhin, mich immer für den leidenden Theil am meisten zu interessiren, und denke manchmal sogar, daß die, welche so leicht und unbefangen ihren Mitmenschen das Leben absprechen, auch nichts andres als Mörder sind, nur mächtige und patentirte, was allerdings einen Hauptunterschied macht.

Indessen ist es einmal einer meiner Grundsätze, keinen menschlichen Zuständen aus dem Wege zu gehen, die sich der Beobachtung darbieten; doch fiel mir der sonderbare Contrast auf, der mir bis jetzt auf meiner Ausflucht, statt herrnhutischer Stille, die ich bezweckte, nur Jugendsünden, Geister, Mörder, Galgen und Rad präsentirt hatte. Nicht ohne innere Bewegung stieg ich vom Wagen und mischte mich unter den Haufen der Zuschauer.

Es war wirklich +ein Mörder+, der hingerichtet werden sollte, und grause Umstände hatten die That begleitet. Ist es der Gerechtigkeit überhaupt erlaubt, so weit zu gehen, so war hier wenigstens Ursache genug dazu. Das Organ mußte bei diesem Unglücklichen sehr fehlerhaft seyn, denn schon als Knabe war er von seinem Schäfer fortgejagt worden, weil er dem treuen Hunde, der ihn und seine Heerde bewachte, die Beine abgeschnitten, die Augen ausgestochen und in diesem Zustande lebendig bis an den Kopf, den er mit Honig eingeschmiert, im Sande vergraben hatte. Man entsetzt sich vor solchem Gräuel -- ja, solche That kommt mir noch weit schrecklicher vor, als der einfache spätere Menschenmord aus Interesse, wenn gleich die menschliche Gesellschaft nur vom letztern Notiz nimmt, die Hunde aber keine Criminal-Justiz haben und auch die höhere Thierart nicht richten dürften, eben so wenig, wie +wir+ Engel und Dämonen, die vielleicht ähnliche Dinge mit uns vornehmen, von denen wir uns nichts träumen lassen. Aber würde bessere Erziehung, nicht nur der Kinder in der Schule, sondern auch der Erwachsenen durch bessere Staats- und Gerichts-Verfassung, der Menschheit nicht tausende solcher Verbrechen ersparen, und sollte diese daher nicht mehr noch darauf denken: sie zu verhindern, als zu rächen? -- Das letztere hilft, in Wahrheit, fast nichts. Stand der Aufklärung und Gesinnung sind der Boden, aus dem das Gute und Böse aufwächst. Die Axt haut wohl den verwachsenen Baum nieder, aber neue Sprößlinge treiben fortwährend aus der blutgedüngten Erde.

Es bleibt ohnedies keine Strafe auf der Welt aus, und die Menschheit selbst muß es endlich büßen, was sie an der Bildung des Einzelnen vernachläßigte. Noch schneller jedoch muß das Individuum die natürlichen Folgen seiner Handlungen tragen, und wer seiner doppelten Bestimmung als Mensch -- nämlich der: nicht nur sich, sondern auch Andern zu leben, folglich auch dem allgemeinen Gesetz, das der Staat als Repräsentant der Mehrheit ihm auferlegt, sich zu fügen -- nicht eingedenk ist, kann auf dieser Erde, selbst abgesehen von seiner individuellen Ueberzeugung, nie ruhig und zufrieden enden. Entweder erreicht ihn der Menschen rächende Hand direct durch Strafe, oder indirect durch Verachtung, Haß und Schmach; und entginge er auch den Folgen dieser, so wird ihn doch fortwährend, vielleicht noch bitterer, das drückende Bewußtseyn quälen, was wir Gewissen nennen, nämlich +die Furcht+: einer oder der andern Alternative verfallen zu müssen, wenn er entweder die Macht verlöre, die ihn vielleicht schützt, oder wenn offen da läge, was noch verborgen ist. Es giebt freilich überall Ausnahmsfälle; aber ein Mensch stehe auch noch so fest auf seiner Ueberzeugung: immer ist es ein gefährliches Wagstück, mit der allgemeinen Meinung den Kampf zu beginnen, und ganz gleichgültig wird ihm das Urtheil seiner Mitmenschen (wäre beides auch seiner Ansicht nach ungerecht und irrig) doch auf die Länge niemals bleiben. Denn der Mensch ist ein zur Geselligkeit bestimmtes Wesen und nur als solches muß er in jeder Beziehung leben und wirken, ja er findet sein vollendetes Daseyn, die wahre Erkenntniß seiner selbst zuletzt nur in der ganzen Menschheit. „Nur sämmtliche Menschen,“ wie Göthe schön sagt, „erkennen die Natur, nur sämmtliche Menschen loben das Menschliche.“

Ja wohl! und so erkennt auch nur das ganze Universum zusammengenommen +vollständig+ Gott und lebt in und mit ihm das Göttliche.

Der Verbrecher, dessen schweres Ende jetzt nahte, hatte im Verhör ganz unumwunden seine Mordlust gestanden und ausgesagt: daß, als er sich zum Tödten seines Kameraden (um eines neuen Rockes willen) entschlossen gehabt, und nun das Opfer schlafend vor sich liegen gesehen, die Zähne ihm vor Begierde bei dem Anblick zusammengeschlagen wären. Wohin verirrt sich die menschliche Natur! Gewiß könnte man mit Recht jeden Mörder und Selbstmörder zu den, wenigstens momentan, Verrückten rechnen.

Es war demnach unmöglich, ein solches Scheusal zu beklagen, und als ob ihm kein Laster fehlen solle, so erschien er in seinen letzten Augenblicken auch noch feig. Er hatte alle Fassung verloren, und der junge Prediger, welcher ihm die Stufen hinauf half, nicht minder. Dieser betete ihm das Vaterunser vor, dessen Worte der schon Halbtodte mechanisch nachplapperte, als wolle er sich zu guter letzt dadurch noch möglichst betäuben und sich selbst zu vergessen suchen. Die Wahl des Gebets war allerdings in diesem Augenblicke unpassend, und es hatte etwas furchtbar Ironisches, als der Mensch, der seinen Kopf in einer Minute verlieren sollte, mit heiserer Stimme rief: „Gieb uns unser täglich Brod!“ Die rohe Menge lachte, und einige greuliche Späße berührten mein Ohr; der Sünder aber, dem schon die Augen verbunden waren, lallte fort und fort die einzelnen Betworte emsig nach, so wie sie dem Munde des leichenblassen Seelsorgers entfielen, bis das letzte -- wie ein weher Klagelaut -- im herabstürzenden Haupte verklang. --

„Es ist doch eigen“, sagte ein alter weißhaariger Landmann neben mir, „es ist doch eigen, daß sie gestern wieder unter den sieben Linden getanzt haben!“

„Wie so, Alter?“ wandte ich mich neugierig zu ihm. --

„Ach, der Herr sind wohl fremd? Sehen Sie wohl, da gleich hier links den anderen Hügel, der wie ein Zwillingsbruder von dem aussieht, woraus wir stehen, und die Linden oben auf seiner Spitze?“ --

„Sehr genau,“ erwiderte ich; denn schon vorher hatte mich die seltsame Gruppe angezogen, wo sieben alte Lindenstämme schlangenartig in einander verflochten, nur +eine+ herrliche weite Krone über sich bildeten.

„Nun“ fuhr mein Berichterstatter fort, „seit ich mich besinnen kann, und das ist lange her, hat es immer geheißen: daß, wenn einer auf dem Richtplatz sterben soll, die Nacht vorher alle, die früher hier gerichtet wurden, unter den sieben Linden tanzen müssen, so lange die Thurmglocke im nahen Rosenau Mitternacht schlägt. Länger dauert der Ball nicht, aber die es gesehen, haben doch ihr Lebtage genug daran gehabt. Des Herrn Grafen Rattenfänger aus Rosenau, der hat ihnen einmal vom Anfang bis zum Ende zugeschaut, den Tag vorher, ehe der rothe Nickel gerädert ward, und gerne gab ihm jeder von uns einen freien Abendtrunk, wenn er die Angst erzählte, die er da ausgestanden.“

„Es war grade Mondschein zu der Zeit“, fuhr der Alte geschwätzig fort, „und so hell, daß man hätte eine Stecknadel auf der Erde liegen sehen können. Da kam Schuldmann -- so hieß besagter Kammerjäger -- eben von einer Dienstreise zu Hause und pfiff sich sein Ratzenliedchen. Es war nicht eben aus Lust, sondern mochte mehr aus Angst seyn vor dem verdächtigen Orte: denn der giftige alte Kerl hatte mancherlei Werg am Rocken, wie man zu sagen pflegt.“

„In der ganzen Gegend war er nicht zum besten angeschrieben, weil er seinen Einfluß beim Grafen immer nur dazu benutzt hatte, denen zu schaden, die er nicht leiden konnte. Solche sah man ihn denn Jahre lang ohne Erbarmen verfolgen, wie und wo er nur konnte, bis er ihnen irgend ein Leid angethan. Dabei war er nun noch überdies, wem er’s nämlich bieten zu können glaubte, ein gar grober Geselle, der alte Schuldmann, und obgleich er jetzt mitunter etwas altersschwach wurde, so blieb er doch noch voller Galle und bissig genug, um manche Furchtsamen ins Bockshorn zu jagen. Heute aber blieb ihm, wie Sie gleich hören werden, mit Verlaub zu reden, doch das Herz in den Hosen stecken. -- Also, wie gesagt, er sang sein Liedchen, wovon ich den Anfang noch recht gut behalten habe; -- so hieß es:

Manch Jahr schon regier’ ich die Ratzen, Und wenn meine Räthe, die Katzen, Recht beißen die Großen, wie Kleinen, Macht +mich+ das Erbarmen nicht weinen.

Doch Eines behalt’ ich alleine: +Vergebung+ allein mich betrifft; Großmüthig, doch nur zum Scheine, Vergeb’ ich sie Alle -- mit Gift.“

„Wohl denn; der Alte hatte sichs heute auf der Reise bei Tisch und Becher gut schmecken lassen, weils ihm nichts kostete; denn bei ihm zu Hause war in der Regel ein verteufelter Schmalhans Küchenmeister.“

„So humpelte er nun mit dem großen Kammerjägerschilde auf dem Rocke und den großen Stock in der Hand, mit seinen podagrischen Beinen langsam auf die Linden zu, wo ihn sein Weg dicht vorbeiführte -- da schlug die Glocke in Rosenau Zwölfe an, und kaum hatte der erste Klang die Luft erschüttert, als aus den dichten Lindenzweigen ein Kerl im Armensünderhabit herabsprang und wie ein Plumpsack grade vor Schuldmanns Füße hinstürzte -- aber wie ein Stehaufchen war er auch gleich wieder auf den Beinen, und hielt dem alten Rattenfänger seinen Kopf mit der Hand vors Gesicht, als wenn er ihm, wie mit einer Laterne, damit unter die Nase leuchten wollte. -- Schuldmann war mehr todt als lebendig vor Schreck, konnte aber, als sey er behext, kein Glied mehr rühren -- und schnell sprang jetzt wieder ein andrer aus dem Lindenknäuel herab, und wieder einer, und ehe noch der zweite Glockenschlag erscholl, tanzten schon sechs Paare dicht um ihn her -- greuliche, verzerrte Gestalten: die Gehangenen mit heraushängenden Zungen, vorstehenden blutrünstigen Augen und dunkelblauen Gesichtern; die Geköpften, ihre Köpfe in die Höhe schleudernd und wieder auffangend, wie es ehemals bei uns die französischen Tambur Maschors mit ihren Stöcken machten; und zuletzt kam noch ein Geräderter, allein abgesondert, der mit den herumschlotternden, zerbrochnen Knochen, wie ein Hampelmann, den andern vortanzte, wahrscheinlich noch den rothen Nickel zum baldigen Cumpan erwartend. Mit dumpfer und leiser Stimme sangen die Geister dann im Chor:

Schuldmann, Du bist jetzt unser Gast -- Doch fürchte nichts für Deinen Kopf, Verlieren kannst Du nicht, was Du nicht hast; Drum lebe hundert voll, Du Tropf! Doch dann erwarten wir Dich dort Für so viel gemarterte Ratzen, Wo in der Hölle Du, fort und fort, Dich hinter den Ohren sollst kratzen.“

„Und damit kam der Geräderte auf ihn zu, als daure ihm des rothen Nickels Abwesenheit zu lange, und als wolle er einstweilen mit Schuldmann zum Cameraden fürlieb nehmen. Aber dem waren nach und nach die paar noch übrigen Haare zu Berge gestiegen, als wären es Borsten. Statt des vorigen Liedes Fistelklang wand sich nur tiefes Grunzen noch aus seiner Brust, und in der höchsten Todesangst strengte er jetzt alle seine Kräfte auf einmal an, und gab Fersengeld, was die alten Beine nur vermochten. Das Entsetzen lieh ihm Flügel -- nur einmal noch, grade mit dem letzten Schlage der Glocke, warf er einen scheuen Blick der Todesangst hinter sich zurück und sah, wie der ganze Spuk unter fürchterlichem Geheul langsam in die Erde versank.“

„Solltet Ihr’s aber wohl glauben, lieber Herr, daß unser Schuldiger, denn so nannten wir ihn oft der Kürze wegen; nun, daß unser Schuldiger, sag’ ich, wirklich grade 100 Jahr alt wurde, noch einmal eine junge Frau heirathete, weil ihm die Geister doch versichert, er habe nichts für seinen Kopf zu fürchten, und nachdem er zweimal Jubiläum gefeiert, zwar ganz kindisch, und nur dann noch thätig blieb, wo eine kleine Bosheit auszuüben war, aber eben deßhalb immer in gleichem Ansehn, als wirklicher Ratzenfänger, in Amt und Würden selig verstarb. Sonst aber sind die Prophezeihungen des bösen Geistergesindels gewiß nicht in Erfüllung gegangen. Wir wissen zwar nicht, ob sein armer Kopf wirklich unbeschädigt geblieben, aber in die Hölle ist er +nicht+ gekommen. Wie uns der Priester versichert hat, ward er begnadigt und hämmert nur als Grobschmidt 500 Jahre im Fegefeuer, was doch nichts dagegen ist, die ganze Ewigkeit hindurch geschmort zu werden.“ --

* * * * *

Ich erlaube mir, den geneigten Leser ohne Weiteres in die Gaststube zu K. W. zu versetzen, wo ich mir mit einer sehr achtungs- und liebenswürdigen Dame ein Rendezvous gegeben habe. Es ist jetzt Mode, wenn man eine junge, hübsche Frau entführen will, sie erst eine kurze Zeit in eine herrnhutische Anstalt zu schicken, damit sie sich gleichsam präpariren und zur vorhabenden Reise sammlen möge. ~Le péché en devient plus piquant.~ -- Dies war aber mein Fall nicht. Die Dame meines Herzens ist zwar von sehr angenehmem Aeußern und, lebte sie in England, würde man sagen können, sie sey erst in das eigentliche Alter der Eroberungen getreten, welches dort bekanntlich mit dem vierzigsten Jahre beginnt. Sie und ich sind indeß schon seit langer Zeit die neusten Freunde, und sie erscheint mir überdies, schon durch Geist und Güte, alles Aeußere abgerechnet, hundert Jüngern vorzuziehen, ist aber noch außerdem durch etwas Kostbareres unschätzbar für mich -- nämlich durch +wahre+ Liebe, die sie für mich hegt; mit Einem Worte: es ist meine +Julie+. Doch so reich ihr Gemüth an Liebe ist, so hat es doch glücklicherweise auch seine liebenswürdigen Schwächen (denn nichts ist langweiliger auf der Welt, als Vollkommenheit), und diese benutzt, außer mir, besonders noch +ein+ Wesen, welches ebenfalls in ihrer höchsten Gunst steht, ein ~enfant gâté~, mit Namen ~Fancy~, ein Geschöpf eben so ~whymsical~, wie jene (~Fancy~ heißt Laune), eben so gracieus, aber auch zuweilen eben so furchtbar, wenn es +übler+ Laune ist. Dieser junge englische Gentleman, oder vielmehr Nobleman ist ein ächter Sprößling der edlen Marlborugh-Raçe von Blenheim, in dessen Schlosses Thorhalle ich selbst ihn kaufte -- denn mit Spaniels ist der Sclavenhandel in England dermalen noch verstattet.

Nicht ahnete mir damals, welche Schlange ich im Busen erwärmte, als ich mit der Zärtlichkeit einer Wöchnerin den unbehülflichen Baby mir selbst zum siegreichen Rivale auferzog. Sorgsam ward er über das weite Meer transportirt, mit merkwürdigen Fabrikaten, mehrern Engländern (ein Pferd mit kurzem Schwanz wird bei uns ein Engländer genannt;), nationalisirten Affen und Papagaien, auch einigen menschlichen Insulanern -- und alles dieses der geliebten Frau zugleich zu Füßen gelegt. Die Insulaner machten sich jedoch bald unnütz, so daß man sie zurücksenden mußte, die Pferde thaten ihre Pflicht und noch etwas mehr -- ein sicheres Mittel, wenig ästimirt zu werden -- Affen und Papagaien relegirte man in die Gewächshäuser, nur ~Fancy~ allein erlangte bald eine immer gesteigerte Intimität, ward erst, wie gesagt, verzognes Kind, dann Günstling, endlich Herr!