Tutti Frutti, Erster Band (von 5) Aus den Papieren des Verstorbenen

Part 2

Chapter 23,685 wordsPublic domain

Sobald hierauf noch der Duft zwei ächter Havannah-Cigarren verraucht war, (denn auch dieses Laster habe ich an mir) suchte ich die Ruhe mit meiner lieben Staatszeitung in der Hand, wo ich denn auch kaum gelesen hatte, daß ein russischer Courier angekommen, der Theaterkassirer sein Jubiläum gefeiert, wobei die Gesellschaft Heil Dir im Siegerkranz gesungen, und der Hofschneidermeister Dürre mit dem allgemeinen Ehrenzeichen decorirt worden sey, als ich sanft und selig entschlief.

Schon mochte ich wohl ein paar Stunden lang in jenem seltsamen Traumlande geruht haben, das uns wahrscheinlich das Leben der Thiere auf ihrer untern Stufe abspiegelt, als ein sonderbares beängstigendes Gefühl mich langsam erweckte.

Mit Mühe schlug ich die Augen auf und glaubte schaudernd +noch+ zu träumen -- denn eine alte fahle Frau in aschgrau alterthümlichem Gewande, einen großen Bund Schlüssel an der Seite hängend, und einen einzelnen, noch größeren Schlüssel in der Hand haltend, stand, mich wehmüthig anblickend, an meinem Bette.

In dumpfer Betäubung starrte ich hin und sah sie eine, eben im Verlöschen begriffene Lampe mit der andern Hand langsam nach mir empor heben, deren aufflackernder Docht zuweilen, wie mit schwachen Blitzen, das erdfahle Gesicht hell erleuchtete, während die vermoderten Züge gleich darauf wieder in noch grausenhaftere Dämmerung zu verschwimmen schienen.

Ich war wie gelähmt -- ob vor Schreck, oder durch übernatürlichen Einfluß, noch jetzt wäre es mir unmöglich dies zu entscheiden -- doch ermannte ich mich nach einigen Secunden und wollte mich eben gewaltsam aufreißen, um das räthselhafte Wesen vor mir zu ergreifen, als das Gespenst mit halbtrauriger, halb eifriger Miene den großen Schlüssel bedeutungsvoll mir darreichte, und als ich unwillkürlich zurückschauderte, ihn drohend und wie im höchsten Unwillen plötzlich an meinen nackten Hals drückte. Die Berührung des kalten Stahls durchzuckte mich wie ein Dolchstich, und für einige Augenblicke muß mir alles Bewußtseyn geschwunden seyn, denn als ich wieder aufblickte, war Gestalt und Lampe verschwunden. Das alte Dunkel füllte wieder meine, vergeblich sich hineinbohrenden Augen. Scheu wandte ich endlich den Kopf gegen die Mauer, da schien es von Neuem, als entferne sich allmählig durch sie hin ein blasses Licht. Nein! das ist zu toll! rief ich, mich nach und nach fassend und zum lauten Lachen zwingend; kann man so albern träumen! Also hat dich doch auch einmal der Alp gedrückt, fuhr ich, noch immer schaudernd, fort, denn -- soll ein vernünftiger Mensch solchen Unsinn anders erklären? -- Ich tappte nach dem Waschtische, trank ein großes Glas Wasser, ging, mit den Händen sorgsam um mich fühlend, ein paarmal in der kalten Stube auf und ab, und als ich hierauf, vom Frost, und vielleicht auch noch von der ausgestandenen Angst geschüttelt, wieder nach dem warmen Bett verlangte, wickelte ich mich in meine Decken und schlief endlich nach niedergekämpfter Geisterfurcht, ferner nicht mehr angefochten, glücklich wieder ein. Als ich erwachte, war es heller Morgen. Mit dem Tageslicht verschwand die unheimliche Spannung der Nacht gänzlich; ich bestärkte mich leicht in der Ueberzeugung, nur lebhafter als gewöhnlich geträumt zu haben, fand es aber doch sonderbar, als ich gleich beim Erwachen noch immer einen, auch später wiederkehrenden stechenden Schmerz am Halse zu fühlen glaubte, ja diesen selbst leicht geschwollen fand -- doch achtete ich später nicht weiter darauf.

Meine Toilette (genau nach Göthe’s Vorschriften für den Mann von 40 Jahren eingerichtet), war kaum zur Hälfte fertig, als Cathinka mit dem Kaffee erschien. „Aber sage mir“ rief ich ihr schon von weitem entgegen: „was für allerliebste weibliche Besuche menagirst Du den Gästen hier in Deinem alten gothischen Neste?“

„Herr du meine Güte!“ stammelte sie erblassend, und ließ fast die dampfende Kanne auf den Boden fallen; „gewiß die Rentmeister Rasiussin!“

„Was Teufel willst Du mit der Rentmeister Rasiussin? --“

„Ach mein gnädigster, liebster Herr! die Freude über Sie hat mich die Stube ganz ausser Acht geben lassen, in die ich Sie gebettet. Ja es ist nur zu wahr: es ist dort nicht geheuer! Doch seit Jahr und Tag hatte sich der Spuk nicht mehr sehen lassen und muß nun grade Sie erschrecken!“ --

„Nun, nun!“ erwiederte ich, etwas an meiner Eitelkeit gekränkt, „der Geist hat sich vielleicht den wenigst Schreckhaften ausgesucht; -- aber was ist denn mit diesem silbernen Spuk?“ --

„Ach Gott! freveln Sie nur nicht und hören Sie mich aufmerksam an. Wer weiß! vielleicht sollen Sie der seyn, der den Schatz findet: die Krone und das Kreuz und Alles zusammen!“ --

„Gute Cathinka! welche Thorheiten! Einen alten Schatz fand ich zwar schon hier an Dir wieder; aber bei solchen Schätzen, die aus Geld und Geldeswerth bestehen, hatte ich mein Lebelang kein Glück. Eher, fürchte ich, bin ich dazu geeignet, welche zu verlieren, als zu gewinnen. Doch setze Dich her, trinke Deinen Kaffee mit mir und erzähle.“

Dieß ließ sich Cathinka nicht zweimal sagen. Schnell hatte sie mir gegenüber Posto gefaßt und nachdem ich selbst erst ihr mein Abentheuer noch weitläuftig zum Besten gegeben, begann sie, wie folgt.

„Im Anfang des vorigen Jahrhunderts regierte hier der reiche Graf P...., von dem Sie gewiß oft gehört zu haben, sich erinnern werden. Der besaß fast alle die großen, jetzt vielfach getheilten Herrschaften in der Provinz und lebte meistens auf seinem Jagdschlosse in der Nähe, wovon noch die Ruinen im Walde zu sehen sind, in Herrlichkeit und in Freuden. Er zeigte sich aber auch immer gut und großmüthig gegen die Armuth, so daß alle ihm von Herzen zugethan waren. Wie er nun schon die Fünfzig passirt hatte, verliebte er sich mit einemmale noch gewaltig in ein Bürgermädchen hier aus der Stadt, einen wahren Ausbund von Schönheit und Lieblichkeit, wie man erzählt, die aber, obwohl nur eine arme Spitzenklöpplerin, doch allen seinen Verlockungen herzhaft widerstand. Und so entschloß endlich der Graf sich kurz und gut, sie ohngeachtet ihres niedrigen Standes zu heirathen. Seine großen Herrschaften waren indeß alle Lehngüter, und der einzige noch übrige Lehnsvetter, ein gewissenloser Mensch vom schlechtesten Rufe, dem das natürlich nicht gefallen wollte, bewegte also Himmel und Erde, um diese Absicht des reichen Vetters zu hintertreiben.“

„So standen die Sachen, als der Graf, eines Tages von der Jagd zurückkehrend, nach dem Genuß einiger Erfrischungen jähling erkrankte, nicht ohne einen dunkeln Argwohn, daß sein präsumtiver Erbe Antheil daran habe. Dieser war zwar selbst zu der Zeit nicht gegenwärtig, aber schon längst hatte das Publicum ein strafbares Einverständniß zwischen ihm und dem gräflichen Rentmeister Rasius zu bemerken geglaubt, einem finstern, harten Mann, den man, und noch mehr seine böse, in der ganzen Gegend gefürchtete Frau, jeder Uebelthat fähig hielt. Dem sey nun, wie ihm wolle, genug, der Graf starb zwar nicht, schien aber, seit er vom schweren Krankenlager erstanden, seines Verstandes nicht mehr recht mächtig zu seyn.

In tiefe Melancholie versunken, saß er Tage lang einsam, im dunkeln Zimmer, und sprach von nichts als seiner geliebten Marie, welche während seiner Krankheit, durch Gott weiß welche Mittel, aus dem Orte plötzlich verschwunden war.

Erst hatte er bei dieser Nachricht getobt und gerast, später aber war er mit einemmal ganz ruhig geworden und erwartete sie nun jeden Tag geduldig, die Umstehenden immer versichernd: morgen werde sie gewiß von ihrer Reise zurückkehren, von der er ja nun recht wohl wisse, warum sie sie habe antreten müssen. Dabei bestand denn des armen Herrn einziges Vergnügen darin, daß er für die Abwesende fortwährend prächtige Gewänder und kostbaren Schmuck aller Art ankaufen ließ, was er dann in seiner Verstörung um sich her aufzustellen befahl, und ein ausgeschnittenes, auf plattes Holz gezogenes Oelbild des jungen Mädchens, das mitten in seiner Stube stand, und noch jetzt auf einem fürstlichen Schlosse in Schlesien vorhanden seyn soll, unter kindischen Liebkosungen an- und auszog, und bald mit diesen, bald mit jenen Juwelen zu schmücken pflegte, oft sich einbildend, die kalte Holzfigur habe wirklich Fleisch und Blut, und sey sein wiedergekehrtes liebes Mädchen selbst geworden.“

„Verwunderlich war es, daß von dem Augenblicke seiner Verwirrung an der Graf den Rentmeister Rasius, dem er früher seine Abneigung nicht selten durch harte Begegnung fühlbar gemacht hatte, zu seinem Liebling erkor, sich gar nicht mehr von ihm trennen konnte, oft mit ihm sich einschloß, und ihm auch in der Führung seiner Geschäfte ein ganz unbedingtes Vertrauen schenkte. Ihm auch hatte er den täglich sich mehrenden Juwelenschatz des Holzbildes in Verwahrung gegeben, den nur selten noch ein anderes Auge erblickte. Rasius allein mußte ihn bringen, wenn der Graf darnach verlangte, und ihn dann Abends eben so geheimnißvoll wieder mit hinwegnehmen, so daß es doch am Ende auch nur ein unverbürgtes Gerücht und eine Sage blieb, was unter die Leute kam, von der unbeschreiblichen Pracht der glänzenden Steine, und wie besonders eine Krone darunter hervorstrahle, gegen welche die des Königs von Polen nur Theaterplunder sey, und ein Kreuz von Rubinen, das viele Jahre der Revenüen des reichsten Edelmannes nicht bezahlen könnten.“

„Doch es dauerte nicht sehr lange, so fing man an, von gerichtlicher Untersuchung wegen des Herrn bedenklichem Zustande zu sprechen, und daß er der weitern Verwaltung seines Vermögens wohl gar für unfähig erklärt werden würde, als ganz unerwartet auch sein eben angelangter böser Neffe erkrankte und nach wenigen Tagen starb.“

„Da nun in Ermangelung weiterer männlicher Erben die Lehne sämmtlich dem Könige zufallen mußten, so wurde des Grafen Ruhe von dieser Seite, durch begehrliche Erben wenigstens nicht ferner gestört, und unter ihm regierte von nun an, völlig unumschränkt, der gefürchtete Rasius. Das soll eine schreckliche Zeit für die armen Unterthanen gewesen seyn! Auf seinem Jagdschloß, wie gefangen gehalten, sah man den Herrn nie mehr öffentlich erscheinen, und man wußte kaum mehr, was aus ihm geworden sey. Endlich nach vielen, wahrscheinlich in immer überhandnehmendem Wahnsinn und harter Behandlung zugebrachten Jahren, wurde mit einemmal sein Tod bekannt gemacht. Nur als Leiche und auf dem Paradebett, sahen seine bekümmerten Unterthanen ihren geliebten Grafen, welcher sich ihnen in alter Zeit so oft als Vater und gütiger Herr gezeigt, zum letztenmale wieder, und allerlei unheimliche Gerüchte gingen im Schwange über sein ganz verändertes Aussehn, und daß, als Rasius an das Paradebett getreten, er die Augen wieder aufgeschlagen, so daß man sie ihm kaum habe wieder zudrücken können.“

„Königliche Beamte übernahmen bald darauf die Güter, da kein Erbe mehr da war; einiges baare Geld ward mit denselben übergeben, von den Schätzen des Bildes aber -- wie man sie im Schlosse nannte -- hörte man nichts weiter, und doch blieb Rasius wider alles Vermuthen unangetastet. Er selbst entsagte indeß binnen Kurzem freiwillig seinem Dienste, kaufte das alte Klosterhaus, worin jetzt mein Gasthof ist, richtete sich nach und nach reich und prächtig ein, schien aber seines Geldes nimmer recht froh werden zu können. Jedes Jahr hatte er überdies regelmäßig einen Todesfall in seinem Hause, bis, eins nach dem andern, alle seine vier Kinder gestorben waren. Da wurde er ganz menschenscheu, verschloß seine Thür Einheimischen und Fremden, und lebte fortan ungesehen und einsam mit seiner bösen Frau allein. Meine Großmutter hat diese Frau selbst noch recht gut gekannt und mir oft von ihr erzählt, daß sie gar keinen Schlaf gehabt habe und, gleich der Königin in der Komödie, immer wie mondsüchtig in den langen Gängen umhergeirrt sey. Aus dem Seitenhause, wo meine Großmutter wohnte, konnte sie allnächtlich ihre Lampe hell leuchten sehen, und ein großes Schlüsselbund, sagte sie, habe sie immer klirrend an der Seite getragen; überhaupt beschrieb sie ihren Anzug grade so, wie Sie, guter Graf Carl, und viele Andere schon vor Ihnen, sie seitdem in dieser Stube gesehen haben wollen. Und was das Seltsamste ist, grade an Ihrem Bett, wo Sie das Licht haben durch die Wand verschwinden sehen, da ist der ehemalige Eingang zu der Alten Zimmer gewesen, den mein Mann schon vor zwölf Jahren zumauern ließ, um dem Gerede über ihr Umgehen den Mund zu stopfen. Aber was hilfts! solche Art Leute, du meine Güte! die gehen durch eine Mauer eben so leicht, als durch eine offene Thüre!“

„Doch, um zu meiner Geschichte zurückzukehren, die Ihnen ohnedies wohl schon zu lang vorkommen mag, so will ich nur noch sagen: Sterben müssen wir einmal Alle, Gute und Böse, und so ging auch endlich Herr Rasius +dahin+, wo ich ihm nicht folgen mag; und seine Frau blieb nun ganz allein von der Sippschaft übrig. Nun aber fing sie erst recht an, die ganze Nacht herumzuziehen! Sie trieb es aber nicht mehr lange, und als endlich auch ihr letztes Stündlein schlug, so hatte sie, wie gesagt, weder Kind noch Kegel mehr, ihrer liebreich zu warten und nur noch eine einzige entfernte Schwester am Leben. -- Nach der schickte sie nun Boten über Boten und wollte ihr mit Gewalt noch Etwas entdecken. Einen großen Schlüssel ließ sie aber Tag und Nacht nicht aus der Hand und rief immer angstvoll nach der Schwester, und soll schreckliche Worte ausgestoßen haben: ob sie denn ganz umsonst in die Hölle fahren solle, und sich dann selber verflucht, und solche abscheuliche Reden mehr gehalten haben, daß meine selige Großmutter immer, nach alter frommer Weise, ein Kreuz über das andre machte, wenn sie davon erzählte.“

„Die Schwester kam aber nicht -- und so hat die Frau Rasiussin mit dem Schlüssel, noch fest in die krampfhaft geschlossenen Hände geklemmt, begraben werden müssen; denn Jeder fürchtete sich, ihn gewaltsam heraus zu reißen, weil die Leiche ihn wie mit eisernen Krallen fest hielt, und so entsetzlich dabei ausgesehen haben soll, daß auch dem Herzhaftesten die Haare davor zu Berge gestanden.“

„Es hat nachher auch Niemand gewußt, wo der Schlüssel eigentlich hinpasse, denn zu allen Thüren im Hause, auf dem Boden und im Keller, ist Alles richtig da gewesen. Aber nirgends fand man dort weder Geld noch Kostbarkeiten, nur munkelte man später, daß der Apotheker hier daneben, der immer reicher wird, man weiß nicht wie, im tiefen Brunnen in seinem Garten, der sonst mit zu meinem Hause gehörte, viel altes Silber, alles noch mit dem Wappen der P....e gezeichnet, heraufgezogen haben soll. Ob er nun auch den übrigen Schatz gefunden, das mag freilich der Himmel wissen; ich glaube es aber jetzt bestimmt +nicht+, weil die Frau Rentmeisterin wieder umgeht, was seit sieben Jahren nicht mehr der Fall gewesen ist. Damals sah sie mein Mann, wie er freilich schon ein bischen blödsinnig war, dort eben durch dieselbe zugemauerte Thüre gehen und am Ende des Ganges hinter ihrer Stube plötzlich verschwinden. Wie er aber selber so weit hat durch die Mauern sehen können, ist doch wohl nicht recht zu begreifen, und ich dachte daher oft -- Gott verzeih’ mir die Sünde! -- es sey Alles nur dummer Schnack; aber nun kömmt Einem der Glaube wohl in die Hände, und nach dem, was Ihnen heute Nacht begegnet ist, lasse ich mich jetzt darauf todt schlagen, daß der Schatz noch da ist. Ich will auch selber auf der Stelle nachgraben lassen; denn wer von uns armen Menschenkindern kann denn wissen, was ihm vielleicht noch hier für Dinge beschieden sind! Freilich ungerechtes Gut gedeiht nicht! -- Das ist wohl wahr -- und da mag es doch am letzten Ende der Teufel lieber behalten. Was meinen Sie, gnädiger Herr?“

„Ja wohl,“ erwiderte ich, „mit solchen großen Herren, wie Satanas, ist nicht gut Kirschen essen!...“

... „Herr Jesus!“ kreischt es da vor mir -- noch ein gellender Schrei und -- voll Entsetzen, seh’ ich Cathinka leichenblaß zur Erde sinken. Mechanisch wende ich mich um -- da gewahre ich ein Wesen, ganz dem ähnlich, welches ich in der Nacht gesehen, das mit aufgehobenem Schlüssel in der Hand, mich furchtbar freundlich angrinst. Es sehen, zuspringen und es nicht sanft bei der Brust fassen, war diesmal Eins; doch das Fleisch und Blut, welches ich beruhigt fühlte, kühlte mich bald ab und ein trauriges Gewimmer von Seiten der Gefaßten löste schnell meine Hand. „Wie kömmst Du hierher? -- Was willst Du hier?“ schrie ich ihr zu, noch über meinen eignen Schrecken erzürnt. -- Doch keine Antwort erfolgte, nur ein unverständliches Gemurmel und neues Emporhalten des Schlüssels. -- Cathinka schlug jetzt die Augen wieder auf, starrte eine Secunde lang die graue Unbekannte an, und plötzlich aufspringend, stammelte sie mit wiederkehrender Farbe: „Nein, Liese! Ist es möglich? Bist Du es, und bringst mir meinen verlornen Gartenschlüssel? -- Nein, so was ist doch zum Schlagrühren! hätte ich doch bald den Tod vor Schreck gehabt! Aber wie ist die Tolle denn so heimlich hereingekommen? Und was kann sie nur die Nacht hier im Zimmer gemacht haben?“.....

Und nun begann sie mehrere Zeichen, wie zu Taubstummen zu machen, die das Ungethüm noch viel schneller eifrig erwiederte. Ich konnte jedoch bald bemerken, daß es die letzte Frage beharrlich zu verneinen schien.

„Unbegreiflich!“ sagte Cathinka, „ich habe die taubstumme blödsinnige Liese wiederholentlich gefragt: ob +sie+ die Nacht hier gewesen sey? sie behauptet aber standhaft +nein+; sie habe eben erst meinen vorgestern verlornen Gartenschlüssel, für den ich vier Groschen Belohnung hatte aussetzen lassen, weil es doch fatal ist, wenn einem Fremden so was in die Hände kömmt, in einem von den Löchern, die zum neuen Zaune gegraben worden sind, gefunden, die Nacht aber ruhig auf ihrem Boden geschlafen, den ich ihr aus Mitleid eingeräumt habe. Wie sie aber jetzt hereingekommen, hätten wir, sagt sie, gar nicht auf sie achten wollen, und so habe sie sich endlich hinter Sie gestellt und den Schlüssel in die Höh’ gehalten, der mich so abscheulich erschreckt hat, daß ich noch am ganzen Leibe davon zittere und bebe.“

„So muß die Liese eine Nachtwandlerin seyn!“ -- fiel ich ein; aber bei genauerer Besichtigung fand sich doch die Kleidung, ja selbst die Form des Schlüssels ganz anders; und gesetzt auch Liese wäre als Somnambule im magnetischen Schlafe bei mir erschienen, -- wo hätte sie die alterthümliche Lampe herbekommen, die ich doch so deutlich gesehen -- und wie wäre sie gar zuletzt mit ihr durch die Mauer gewandelt? -- Verdrießlich! denn im ersten Moment glaubte ich schon die natürliche Aufklärung meines nächtlichen Abentheuers gefunden zu haben und sah mich jetzt wieder in neue Zweifel verstrickt.

So blieb mir denn nichts andres übrig, als mir wiederholt einzureden, daß ich selbst eine Art von schlafwachendem Traum gehabt; denn anzunehmen, ich habe wirklich ein übernatürliches Wesen gesehen, dazu bin ich doch viel zu aufgeklärt und meine Leser ohne Zweifel noch viel mehr.

Es war indeß Zeit für mich geworden aufzubrechen. Ich beschenkte die arme Liese, um meinen unsanften Griff wieder gut zu machen, reichlich, und nachdem ich von der alten Freundin herzlichen Abschied genommen, mir auch zugleich den Weg nach dem ehemaligen Jagdschlosse des Grafen P...., wo er gestorben, genau hatte bezeichnen lassen, verließ ich das omineuse Städtchen in einer ziemlich sonderbaren Stimmung. -- Es war ohngefähr eine solche, wo man nicht weiß, soll man weinen oder lachen, und wo man mit dem „guten Ritter“ ganz geneigt ist, jede Windmühle für einen Riesen anzusehen.

So fuhr ich eine ganze Zeit lang sinnend weiter und spann einen Faden der Speculation nach dem andern ab, als mich das gewaltige Geschnatter einer Heerde Gänse neben mir aufstörte und zwei graue Gänseriche sich eben zum ernstlichsten Kampfe anschickten, denn Frühjahrsliebe mochte im Spiele seyn. Mir aber kamen die barocken Gestalten wie Ritter vor, in helle Federpanzer gehüllt, welche die roth lakirten Lanzen eingelegt, eben gegen einander ansprengen wollten, um auf Tod und Leben zu kämpfen, während rund umher aus dem Kranze der Damen vom hohen Balkone melodisches Stimmengewirr, leises Flehn, süßes Flüstern, bald für Diesen bald für Jenen den Sieg vom Himmel zu erbitten schien.

Und ich bewunderte die tapfern Prinzen, die immer neue Gänge begannen, so ungleich manchen +unsres+ Geschlechts, welche ihre Zwiste nur durch andre Gänseriche auszumachen pflegen, die auch gutmüthig genug sind, sich für ihr Interesse todt schlagen zu lassen. Diese gefiederten Prinzen zahlten wenigstens mit ihrer Person. Ich aber nahm mir vor, mit höherer Macht begabt, jetzt wohlthätig ihren Streit zu schlichten und dann gelegentlich ihre Tapferkeit mit ihren eignen Federn zu schildern; denn bin ich nicht auch eine Art Federritter? ein Edler des neuen Faustrechts, welches den Kiel statt des Schwerdtes führt, und wahrlich in geschickter Hand keine geringeren Wunden, als jenes einst versetzte, auch heute noch zu schlagen weiß. Ja seltsam genug ist es, daß die einflußreichsten und gefährlichsten Federhelden unsrer Zeit sogar denselben +Namen+ wieder führen, als ehemals die mächtigen Schwerdthelden; ich meine die Ritter Burggrafen in Deutschlands Gauen, welche „~Advocati~“ hießen.

Nun nahm ein weiter Wald mich in seine einsamen Schatten auf. Scheues Wild knisterte hie und da durch die Zweige, der Kukuk ließ sein geheimnißvolles Frühlingswort bald da, bald dort, wie Koboldsruf erschallen, und froh ward mir wieder die Brust, alle nächtlichen Schauer schüttelte ich von mir ab: denn in mir und außer mir fühlte ich mich von neuem lebhafter und inniger im Tempel Gottes, in den Armen der ewigen Liebe und der erhabnen Natur.

Freilich verlassen wir eigentlich diesen Tempel nie: doch werden wir nicht immer uns desselben mit gleichem Entzücken bewußt, da, wo des Menschen einseitiges Walten seine Spinnengewebe darüber hingezogen hat.

So gelangte ich, nach ziemlich mühsamem Suchen und schwierigem Vordringen auf verlassenen Pfaden, in das reizende Revier, wo auf einem Hügel, langsam verfallend, die Ruinen des Jagdschlosses stehen, in dem der unglückliche Graf sein schmerzliches Leben beschloß. In reizendem Contrast mit diesem trüben Bilde war die romantische Umgebung. Hundertjährige Fichten faßten hier mit ihrem schwarzen, faltigen Mantel blumige Wiesen ein, junge Birken mit den zarten sprossenden Blättern bedeckten das tiefe Thal, und durch das Erlengebüsch raschelte, wie unzählige Eidechsen, in hundert phantastischen Krümmungen, das kleine Bächlein, welches unter den noch übrig gebliebenen Mauern des alten Schlosses sich verlor.

Wie schön, wie herrlich, dachte ich mit frommem Gebet, ist doch deine Schöpfung, o Gott! -- und welches verhängnißvolle Geheimniß ist es, das nur den Menschen allein so oft ausschließt von jenem allgemeinen Genuß. Warum quält nur er sich im Staube, und sorgt, und rollt ewig den Stein des Sisyphus, während doch alle Vögel so freudig singen und die Blumen so harmlos duften, unbekümmert um den folgenden Tag. Ja! theuer bezahlen wir die höhere Erkenntniß, theuer die genossene Frucht vom verbotenen Baume, dieses chemische Wissen, welches Alles in seine Bestandtheile zersetzt und darüber das Ganze verliert. Und wer weiß, wie oft schon auf dieselbe Weise die Niederlage sich erneute, welche die zu viel Erforschenden -- die himmelstürmenden Giganten -- wieder in das Dunkel der Tiefe herabwarf.

So dacht’ ich bei mir und fühlte herben Schmerz und doch auch seligen Genuß; denn unergründlich sind die Schachten unsrer Seele! Ich mußte mein Entzücken über Gottes herrliche Natur an irgend etwas auslassen, irgend einem lebenden Wesen liebkosen, und da sich nichts andres vorfand, so streichelte und küßte ich meinen herrlichen Rustan, meinen Lieblingsgaul, einst das Leibroß eines fanatischen Wechabiten -- jetzt Pegasus im Karren eines christlichen Philosophen.