Tutti Frutti, Erster Band (von 5) Aus den Papieren des Verstorbenen
Part 11
In einem Buche, das viel gelesen wird, und manche ergötzliche Anekdote enthält, obgleich es untrügliche Zeichen an sich trägt, daß es nicht von einem Manne geschrieben ist, der in der großen Welt und in der guten Gesellschaft einheimisch war, vielmehr nur einem Verfasser angehört, „~qui a ecouté aux portes~“ wie der ~Abbé Voisenon~ es so treffend bezeichnet, -- in diesem Buche, sage ich, wird über die Geschichte eines dänischen Staatsgefangenen, des Baron +Müller+, absichtlich ein geheimnißvolles Dunkel verbreitet, und diesem Manne eine Wichtigkeit beigelegt, die er keineswegs verdient.
Da ich ihn gut gekannt und wider meinen Willen in Verhältnisse mit ihm gerieth, die ihn vollkommen charakterisiren werden, so mögen sie hier als Berichtigung einen Platz finden.
Herr von +Müller+ war nichts als ein vollendeter Avanturier, der sich überdies nur aus eigner Machtvollkommenheit zum Baron und Obristen gestempelt hatte, und wenn er in Dänemark als Offizier der Ehrenlegion aufgetreten ist, auch diese Decoration sich nur selbst ertheilt haben kann.
Er hatte allerdings ein imposantes Aeußere mit dem Anstrich eines Mannes von Welt, und da es ihm nicht an persönlichem Muth gebrach, (den er jedoch, wie die Folge lehren wird, nie +unnütz+ verbrauchte), so war es einer seiner Haupterwerbungszweige, durch Herausforderungen und Händelsuchen sich Ansehn und Geld zu verschaffen.
Ich war noch sehr jung und unerfahren, als ich ihn in der Schweiz kennen lernte, wo er sich an mich drängte, mir durch seine gravitätischen Windbeuteleien, die ich alle für baare Münze nahm, leicht imponirte, und während meines vierzehntägigen Aufenthalts in....., dort ziemlich auf meine Kosten zu leben wußte. Einige warnten mich zwar vor ihm, und sagten mir unter andern, daß er sich mit seiner Familie gänzlich überworfen habe, und diese wegen schlechter Streiche nichts mehr von ihm wissen wolle, da er indeß selbst dies Verhältniß gar nicht leugnete, ihm aber nur ganz andre, für ihn ehrenvolle Motiven unterlegte, so achtete ich wenig darauf, um so weniger, da ich in dieser Zeit selbst mit meinem Vater auf einem für mich höchst traurigen, gespannten Fuße stand, und gewissermaßen in einem freiwilligen Exil im Auslande lebte. Mit dem leichtsinnigen Vertrauen der Jugend theilte ich Herrn v. +Müller+ alle diese Umstände mit, und äußerte sogar einmal, daß ich mit dem Gedanken umginge, gegen die Versicherung einer lebenslänglichen Rente dem von meinem Vater gewünschten Familienbesitz ganz zu entsagen.
Er erwiderte mit Welterfahrung, daß ich dies ja nicht thun möchte, Zeit brächte Rosen, und ich würde eine solche übereilte Handlung später gewiß bereuen.
Bald nachher reiste ich ab und das Jahr darauf sah ich Herrn v. +Müller+ (damals noch nicht Baron) in Straßburg wieder, wo er bei des Kaiser Napoleons Durchreise diesem, mit einer Schweizerischen Miliz-Uniform bekleidet, die +kein+ Ehrenlegionskreuz schmückte, eine Petition überreichte, auf welche Napoleon jedoch keine Rücksicht nahm. Er befand sich angeblich dadurch in große Verlegenheit gesetzt, und gern würde ich ihm geholfen haben, wenn ich mich nicht selbst, wie er auch wohl sah, zu jener Zeit gleichfalls in sehr knappen Geldverhältnissen befunden hätte.
Viele Jahre waren seitdem verflossen und, wie man denken kann, eine so flüchtige Erscheinung, wie die des Herrn v. +Müller+, mir gänzlich aus dem Gedächtniß geschwunden.
Mein Vater war unterdeß gestorben und ich in den Besitz meines Vermögens getreten. Es war die Jagdzeit eben angegangen und mein Schloß mit mehreren angesehenen Fremden gefüllt, als ich folgendes lakonische Billet erhielt.
Theuerster Freund!
Wie freue ich mich, daß mein guter Rath so schöne Früchte getragen hat! Ich komme auf einige Wochen diese Früchte mit Ihnen gemeinschaftlich zu genießen, wo wir uns der alten ungünstigern Zeiten fröhlich erinnern wollen.
Ganz der Ihrige Baron v. +Müller+.
Vergebens zerbrach ich mir den Kopf über den Schreiber dieses Billets, ein theurer Freund, ein Baron v. +Müller+, der mir einen guten Rath ertheilt! Ich begriff durchaus nicht wer dies seyn könnte. Lächelnd zeigte ich der Gesellschaft an, daß unser kleiner Kreis in Kurzem durch einen räthselhaften Fremden vermehrt werden würde, der, obgleich er mein theuerster Freund sey, mir doch bis jetzt durchaus unbekannt bliebe, und las hierauf den empfangenen Brief vor. Einige hielten das Ganze für einen Scherz, Erfahrnere kamen der Wahrheit näher.
Am andern Tage, als wir beim Frühstück saßen, meldete man mir die Ankunft eines Fremden, der so eben über die Zugbrücke fahre. Neugierig ging ich ihm sogleich entgegen, und sah eine höchst seltsame altväterische Kutsche mit einem großen Koffer, aber ohne alles andere Gepäck noch Bedienten, und mit vier Postpferden bespannt, auf den Schloßhof fahren. Ich ging an den Schlag. Ein langer, mir ganz unbekannter Mann saß darin, der mich auch nicht erkannte und daher frug, ob der Graf..... zu Hause wäre? Er sey der Baron +Müller+. Jetzt erst dämmerte in mir die Erinnerung des schweizerischen Bekannten auf, der ganze Aufzug, wie die Person selbst machte aber einen so zweideutigen Eindruck auf mich, daß ich mich ihm zwar nannte, zugleich aber sehr kühl mein Bedauern zu erkennen gab, ihn hier nicht logiren zu können, da mein Haus ganz voll sey, und schließlich bat, im Gasthofe abzusteigen, mir aber das Vergnügen seiner Gesellschaft heut Abend um 7 Uhr bei Tisch zu gönnen, worauf ich mich schnell empfahl und nur einen Diener zurückließ, mit dem Befehl, den Postillon nach dem Gasthof zu geleiten.
Der Herr Baron verschluckte die Pille und erschien in etwas abgetragener, aber sonst eleganter Kleidung zum ~diné~, jedoch in sichtbar gereizter Laune, wie zu erwarten stand. Wir hatten unterdessen schon erfahren, daß die altvätrische Kutsche sammt dem leeren Koffer auf der nächsten Station, wo der Baron mit der ordinairen Post angekommen, nur um Effect zu machen, gemiethet worden war, und die etwas aristokratische Gesellschaft empfing ihn daher nicht zum besten. Ich hingegen, zufrieden ihn aus dem Hause entfernt zu haben, kannte meine Pflichten als Wirth zu gut, um ihn jetzt nicht mit gleicher Artigkeit, wie alle meine übrigen Gäste zu behandeln. Er spielte indeß die Rolle des Pikirten und Gekränkten fort, und nahm während Tisch jede Gelegenheit wahr, dies zu zeigen. Im Grunde konnte ich es ihm, mich an seine Stelle setzend, gar nicht verdenken, obgleich ich mir selbst schuldig gewesen war, so zu handeln, wie ich es gethan, und überhörte daher gutmüthig, was zu überhören war. Endlich aber ward es mir doch zu arg. Ich hatte viele englische Sitten in meinem Hause eingeführt, obgleich ich selbst noch nie in England gewesen war, und als über solche im Allgemeinen gesprochen wurde, bemerkte Herr v. +Müller+ höhnisch: es sey eine Lächerlichkeit, die ihm oft auf dem Continente vorgekommen sey, daß dortige Anglomanen Gebräuche einführten, die nur ihre Unwissenheit für englische Mode hielte, während Leute, die selbst England gesehen hätten, sich über dergleichen herzlich lustig machen müßten. -- Dies verdroß mich und ich erwiderte schnell: es käme noch immer darauf an, wer unter den beiden Theilen recht habe, da Viele England besuchten, die nicht geeignet wären, dort in die gute Gesellschaft aufgenommen zu werden, und daher ihre Erfahrung nur aus Kneipen und der Cameradschaft mit Glücksjägern, als ihnen allein bekannte Norm für englische Sitten, geschöpft hätten.
Die schon übel disponirte Gesellschaft lachte beifällig. Herr v. +Müller+ schwieg, verließ uns aber gleich nach aufgehobener Tafel ~à la française~, was uns Allen sehr angenehm war.
Am andern Tage ritt ich mit Frau von +Bothmer+, der Gemahlin des hannöverischen Gesandten in Dresden, spazieren, und ein demüthigender Zufall für Herrn v. +Müller+, fügte es so, daß wir ihm, der vor einigen Stunden erst abgereist war, in einem Fuhrmannswagen, auf Stroh sitzend, begegneten. Er zog zwar schnell die Mütze übers Gesicht, mußte aber die Ueberzeugung mitnehmen, daß wir ihn erkannt, obgleich wir Zartgefühl genug besaßen, ihm dies, einen augenblicklichen Ausruf des Erstaunens der Frau v. +Bothmer+ abgerechnet, nicht bemerkbar zu machen.
Acht Tage darauf bekam ich aus einer nicht sehr entfernten Stadt eine Ausforderung vom Herrn v. +Müller+. Obgleich mir nun sehr klar vor Augen lag, zu welcher Klasse Menschen er gehörte, glaubte ich mich doch noch nicht berechtigt, ihm die verlangte Genugthuung zu versagen, um so mehr, da es mir in der damaligen Zeit auf ein Duell mehr oder weniger eben nicht sehr ankam. Ich gab dem Baron also ~Rendez-vous~ an der preußischen Grenze, wo ich ein Gut besaß, und reiste sogleich mit zwei noch lebenden Freunden als Zeugen dahin ab. Wer aber nicht kam, war der Herausforderer, statt seiner erschien ein Brief, worin er erklärte, daß ihn sein Secundant im Stich gelassen, und er gegründetes Bedenken getragen, sich allein in meine Hände zu liefern.
Diese alberne Wendung war wahrscheinlich nur der Erfolg seiner Ueberzeugung, daß das Project auf meine Casse, welches ihn zu mir geführt, gänzlich gescheitert sey, und er es daher nicht mehr der Mühe werth hielt, sich noch einem Pistolenschuß auszusetzen -- denn mit der Hoffnung, etwas zu verdienen, würde er ihn nicht gescheut haben.
Wieder waren mehrere Jahre verflossen, als ich 1814 in der alliirten Armee als General-Adjutant des Großherzogs von W. dienend, nach Napoleons Abdankung mich in Paris befand. Ich ging eben über den Vendome-Platz, als ein Mann mir mit eiligen Schritten folgte und mir hastig zurief: „Ich komme jetzt, mein Herr Graf, mir die noch schuldige Genugthuung von Ihnen auszubitten.“ Es war Herr v. +Müller+. Ich erwiederte ihm ganz ruhig, er habe die einzige Gelegenheit dazu auf eine ehrlose Art versäumt, und möge sich jetzt eilig und auf der Stelle fortbegeben, oder ich würde ihn als einen Vagabunden, der er wäre, arretiren lassen.
Dies wirkte, und er ging, allerlei Drohungen murmelnd, seines Weges. Ich hielt es indessen doch für rathsam, mir einen so zudringlichen und ganz gemeinen Abentheurer nun für immer vom Halse zu schaffen, ging daher zu dem Feldmarschall +Blücher+, da mein Chef abwesend war, benachrichtigte ihn von dem ganzen Verlauf der Sache und bat um Verhaltungsbefehle. Der Fürst theilte meine Ansicht, und trug unserm berühmten Landsmanne, dem Grafen +Nostitz+ auf, die Sache zu beseitigen. Am nächsten Morgen schon erhielt ich den Besuch des französischen Polizei-Directors, der mir ankündigte, daß man das ohnehin des Spionirens verdächtige Subject eingesteckt habe. -- Zwei Monate später begegnete ich indeß wider Erwarten demselben Individuo abermals, und zwar in London auf der Treppe eines Gasthofes. Diesmal that er aber, als ob er mich nicht kenne, und ich deßgleichen. Bald nachher hörte ich, noch in England, von seinem, in diesem Fall ernster gewordenen, Duell mit dem schwedischen Grafen L.... und seiner definitiven Einsperrung in Dänemark, wo er, glaub’ ich, geendet, oder auch vielleicht noch lebt.
Es war, wie bei vielen dergleichen Leuten, Schade um ihn, denn die Natur hatte ihn wohl begabt. Aber Umstände machen den Menschen. Mancher Räuberhauptmann wäre auf dem Throne ein Alexander geworden, mancher verachtete Glücksjäger auch ein Mann von hohem Ansehn, wenn sich eben das liebe Glück nur zeitiger hätte wollen erjagen lassen!
Die Luftfahrt.
September 1817.
Ich war kaum von einer schweren Krankheit halb genesen, als Herr +Reichhard+ nach Berlin kam, und auch mir seinen Besuch machte, um sich Empfehlungen zu verschaffen.
Herr +Reichhard+ ist ein gebildeter Mann, und seine Erzählungen erweckten eine große Lust in mir, auch einmal im Reiche der Adler mich um zusehen.
Wir wurden bald einig, +er+ gab seinen Ballon her und +ich+ trug die Kosten, beiläufig gesagt, eine nicht ganz unbedeutende Ausgabe, denn sie kam mich auf 600 Rthlr. zu stehen. Das mir bevorstehende Vergnügen war aber wahrlich nicht zu theuer dadurch bezahlt.
Der Tag, den wir wählten, war einer der schönsten, kaum ein Wölkchen am Himmel zu erblicken. Halb Berlin hatte sich auf Plätzen und Straßen versammelt, und mitten aus der bunten Menge erhoben wir uns, sobald ich die Gondel bestiegen, langsam gen Himmel. Diese Gondel war freilich nicht größer als eine Wiege, die Netze aber, die sie umgaben, verhinderten jeden Schwindel, wenigstens kann ich nicht sagen, daß mich, ohngeachtet meiner Schwäche nach eben überstandener lebensgefährlichen Krankheit, auch nur das mindeste unangenehme Gefühl angewandelt hätte.
Wir stiegen so allmählig auf, daß ich noch vollkommen Zeit hatte, mehreren Damen und Herren meiner Bekanntschaft freundliche Winke und Grüße aus der Höhe zuzusenden. Nichts Schöneres kann man sich denken, als den Anblick, wie nach und nach die Menschenmenge, die Straßen, die Häuser, endlich die höchsten Thürme immer kleiner und kleiner wurden, der frühere Lärm erst in ein leises Gemurmel, zuletzt in lautloses Schweigen überging, und endlich das Ganze der verlaßnen Erde gleich einem Pfyfferschen Relief sich unter uns ausbreitete, die prächtigen Linden nur noch einer grünen Furche, die Spree einem schwachen Faden glich, dagegen die Pappeln der Potsdamer Allee riesenmäßige, viele Meilen lange Schatten über die weite Fläche warfen.
So mochten wir mehrere tausend Fuß gestiegen und einige Stunden sanft fortgeweht worden seyn, als sich ein neues, noch weit grandioseres Schauspiel +vor+ uns entfaltete. Rund umher am Horizont stiegen nämlich drohende Wolken schnell nach einander empor, und da man sie hier nicht, wie auf der Erde bloß an ihrer untern Fläche, sondern im Profil in ihrer ganzen Höhe sah, so glichen sie weit weniger gewöhnlichen Wolken als ungeheuren, schneeweißen Bergketten von den phantastischsten Formen, die sich alle über uns hinweg stürzen zu wollen schienen.
So rückten sie, ein Coloß den andern drängend, von allen Seiten uns umzingelnd, immer näher heran. Wir aber stiegen noch schneller, und waren schon hoch über ihnen, als sie endlich in der Tiefe zusammenstießen, und wie ein vom Sturm bewegtes, wogendes Meer, sich über und durch einander wälzten, und die Erde bald gänzlich unserm Blick entzogen. Nur zuweilen zeigte sich hie und da ein unergründlicher Schacht, vom Sonnenlichte grell erhellt, wie der Krater eines feuerspeienden Berges und schloß sich dann wieder durch neue Massen, die in ewigem Gähren, bald blendend weiß, bald dunkel schwarz, fort und fort hier sich hoch über einander thürmten, dort bodenlose Spalten und Abgründe bildeten.
Nie habe ich auf Bergen etwas ähnliches erlebt. Denn auf solchen Standpunkten wird man durch das große Volumen des Berges selbst zu sehr gehindert, und kann daher irgend Vergleichbares nur in der Entfernung oder einseitig gewahren, hier aber wird nichts von dem erhabnen Himmels-Schauspiel dem Auge entzogen.
Höchst seltsam ist auch das Gefühl totaler Einsamkeit in diesen, von allem Irdischen scheinbar abgezogenen, Regionen. Man könnte sich fast schon auf dem Wege hinüber glauben, als eine Seele, die zum Jenseits aufflöge. Die Natur ist hier ganz lautlos, selbst den Wind bemerkt man nicht, da man ihm keinen Widerstand leistet, und mit dem leisesten Hauche fortgeweht wird. Nur um sich selbst drehte zuweilen die kleine Wiege mit ihrem colossalen Ball sich, gleich einem Vogel Rock der sich im blauen Aether schaukelt.
Voller Entzücken stand ich einmal jähling auf, um noch besser herabzuschauen. Da bemerkte Herr +Reichhard+ kaltblütig, ich möchte das nicht thun, denn bei der Eile, mit der Alles gegangen, sey der Boden der Gondel nur angeleimt, und könne leicht abgehen, wenn nicht behutsam mit ihm verfahren würde.
Man kann sich denken, daß ich unter solchen Umständen mich fortan so ruhig als möglich verhielt. Die erwähnte Eile schien auch bei der Füllung obgewaltet zu haben, so wie bei der Ballast-Provision, denn wir fingen bereits an zu sinken, und mußten mehreremale von dem sparsam werdenden Ballast auswerfen, um wieder zu steigen.
So hatten wir fast unvermerkt uns in das Wolkenmeer getaucht, das uns nun ringsum, wie dichte Schleier umgab, durch welche die Sonne nur wie der Mond schien, eine Ossian’sche Beleuchtung von seltsamer Wirkung, die eine geraume Zeit anhielt. Endlich zertheilten sich die Wolken und schifften nur noch einzeln am wieder klaren, azurnen Himmel umher. Als sollte nun unsrer glücklichen Fahrt auch keins, selbst der seltensten, Ereignisse fehlen, so erblickten wir jetzt erstaunt auf einem der größten Wolkengebürge eine Art ~fata morgana~, das treue Abbild unserer Personen und unsres Balles, aber in den colossalsten Dimensionen und von bunten Regenbogenfarben umgeben. Wohl eine halbe Stunde schwebte uns das gespenstige Spiegelbild fortwährend zur Seite, jeder dünne Bindfaden des uns umgebenden Netzes zum Schiffstaue angeschwollen, wir selbst aber gleich zwei unermeßlichen Riesen auf dem Wolkenwagen thronend.
Gegen Abend ward es wieder trübe in der Höhe. Unser Ballast war verbraucht und wir fielen mit beunruhigender Schnelle, was Herr +Reichhard+ an seinem Barometer wahrnahm, denn der Empfindung ward nichts davon kund.
Ein dichter Nebel umgab uns eine Weile, und als wir nach wenig Minuten durch ihn herabgesunken waren, lag plötzlich von neuem die Erde im hellsten Sonnenschein unter uns, und die Thürme von Potsdam, die wir schon deutlich unterscheiden konnten, begrüßten uns mit ihrem freudigen ~Carillon~.
Unsere Lage war jedoch diesem festlichen Empfang gar nicht angemessen. Schon hatten wir beiderseits, um uns leichter zu machen, unsere Mantel herausgeworfen, so wie einen gebratnen Fasan und zwei Bouteillen Champagner, die wir zum Abendessen mitgenommen, und wir lachten im Voraus bei der Voraussetzung, welches Erstaunen diese Meteore bei den Landbewohnern erregen würden, wenn etwa einem oder dem andern auf dem Felde Schlafenden der gebratne Fasan ins Maul, oder der Wein vor die Füße fiele, oder gar auf den Kopf, wo der Champagner, statt heiteren Rausches, als vernichtender Donnerkeil wirken könnte.
Wir selbst aber waren, gleich jenen Gegenständen, im vollkommensten Fallen begriffen, und sahen dabei nichts weiter unter uns als Wasser (die vielen Arme und Seen der Havel) nur hie und da mit Wald untermischt, auf den wir uns möglichst zu dirigiren suchten. Der Wald erschien mir aus der Höhe nur wie ein niedriges Dickigt, dem wir uns jetzt mit größter Schnelle näherten. Es dauerte auch nicht lange, so hingen wir wirklich in den Aesten eines dieser -- Sträucher. Ich machte schon Anstalt zum Aussteigen, als mir Herr +Reichhard+ zurief: Ums Himmels willen! rühren Sie sich nicht, wir sitzen fest auf einer großen Fichte! So sehr hatte ich in Kurzem den gewöhnlichen Maßstab verloren, daß ich mehrere Secunden bedurfte, ehe ich mich überzeugen konnte, daß seine Behauptung ganz wahr sey.
Wir hingen indeß ganz gemächlich in den Aesten des geräumigen Baumes, wußten aber durchaus nicht, wie wir herunter kommen sollten. Lange riefen wir vergebens um Hülfe, endlich kam in der schon eingetretenen Dämmerung ein Offizier auf der nahen Landstraße hergeritten. Er hielt unser Rufen zuerst für irgend einen ihm angethanen Schabernak und fluchte gewaltig. Endlich entdeckte er uns, hielt höchst verwundert sein Pferd an, kam näher, und schien immer noch seinen Augen nicht trauen zu wollen, noch zu begreifen, wie dies seltsame Nest auf die alte Fichte gerathen sey. Wir mußten ziemlich lange von unsrer Höhe peroriren, ehe er sich entschloß nach der Stadt zurück zu reiten, um Menschen, Leitern und einen Wagen zu holen. Zuletzt ging Alles gut von statten, aber in dunkler Nacht erst fuhren wir in Potsdam ein, den wenig beschädigten, nun leeren Ballon in unsern Wagen gepackt, und die treue Gondel zu unsern Füßen. Im Gasthofe zum Einsiedler, der damals nicht der beste war, hatten wir leider reichliche Ursach, den Verlust unsres mitgenommenen ~soupé~’s bitter zu beklagen, da wir keine andre Würze des neuen, als den Hunger auftreiben konnten.
Acht Tage nachher brachte mir ein Bauer meinen Mantel wieder, den ich noch besitze, und fünfzehn Jahre darauf, als ich mit einem preußischen Postmeister in ein ziemlich lebhaftes ~pour parler~ gerieth, weil er mich über die Gebühr auf Pferde warten ließ, sah mich dieser plötzlich mit der freundlichsten Miene von der Welt an und rief: „Mein Gott, Sie sind ja der Herr, den ich aus dem Luftballon gerettet habe -- jetzt erkenn’ ich Sie an Sprache und Gesicht. Da mußten Sie noch länger auf Pferde warten“ setzte er lächelnd hinzu, „also beruhigen Sie sich jetzt nur.“ Was eine solche Erinnerung nicht thut! Der Mann, der früher auch den Befreiungskrieg mitgefochten, kam mir nach der gemachten Eröffnung nun höchst liebenswürdig vor, und von Erzählung zu Erzählung übergehend, warteten zuletzt die Pferde, jetzt durch meine Schuld, so lange, daß das ungeduldige Blasen des Postillons mich mehreremale mahnen mußte, ehe ich, dem biedern Veteranen die Hand drückend, wahrscheinlich den letzten Abschied von ihm nahm.
Ich glaube, lieber Leser, es ist aber Zeit, auch von Dir Abschied zunehmen, doch nur, bis wir im zweiten Bändchen uns wieder finden.
Bist Du mir gern bis hierher gefolgt, so versuchst Du es wohl auch noch länger. ~Nil desperandum! Cras ingens iterabimus aequor.~
Ende des ersten Bandes.
Fußnoten:
[1] Dies kann auch wohl nur der Grund seyn, warum Börne’s Briefe in den Preußischen Staaten verboten worden sind, wahrscheinlich auf Reclamation des Oberpostmeisters, dem bei einem so durchbrechenden Styl vielleicht für seine Schnellpostwagen bange geworden ist. Denn aus politischen Gründen sie zu verbieten, wäre wohl ein großer Mißgriff, es müßte denn aus Dankbarkeit geschehen seyn, um einem Buche, das offenbar im Interesse aller Legitimität geschrieben ist, einen noch bessern Absatz zu verschaffen.
[2] Ich habe alle Ursache zu glauben, daß obiger Brief vom Fürsten von Muskau geschrieben worden ist und suchte deshalb gerade diesen aus, weil mein Doppelgänger sich gewiß gehütet haben würde, eine so treffende Schilderung seiner selbst ins Publicum kommen zu lassen.
Das ist der Anfang meiner Rache. Es wird aber noch besser kommen.
Der Verfasser.
[3] Lateinische Brocken sind doch hoffentlich erlaubt, wenn man mir auch die französischen untersagt hat.
[4] Siehe Faust von Göthe und die Kirchenzeitung.
[5] Ein andrer Missionair, welcher, statt selbst zu essen, gegessen werden sollte, aber noch mit dem Scalpirtwerden davon kam, dichtete und sang, während dieser Operation, folgenden erbaulichen Vers:
Ich bin Jesu Korn, das er sich steckte, -- Und nun werd’ ich gemahlen. Würd’ ich ausgebacken, daß ihm’s schmeckte, Wär’ mein Glück nicht zu bezahlen.
[6] Meine Leserinnen werden sich diese beiden lateinischen Worte leicht von einem Hausfreunde übersetzen lassen können.
[7] Wo der große Comet wiederkömmt, und gleich große andere Dinge zu erwarten stehen sollen.
[8] Wie wir jetzt aus englischen Blättern erfahren, ist zwar die ganze Anhäufung dieses Vermögens jährlich regelmäßig gestohlen worden (von wem constatirt nicht). Dieß kann meinem Phantasiebild jedoch keinen Eintrag thun; auf diesem Felde erstatte ich dem jungen Manne Alles wieder, wie es sein Aelter-Vater ihm bestimmt hatte und darf dort weder raubsüchtige Advokaten noch untreue Vormünder für ihn fürchten.
[9] Ich weiß in Wahrheit nicht, ob dieser Gedanke von mir ist, oder von einem Andern in meinen Zettelkasten hineingesteckt wurde. Er sieht mir ganz, wie eine Reminiscenz aus, paßt aber, wie Jener sagte, vortrefflich in mein Trauerspiel, daher mag er in Gottes Namen stehen bleiben.
[10] In Dänemark stellte man sonst die Leichen vornehmer Personen gar auf dem +Eßtisch+ aus, gleichsam als ~surtout de table~, und hielt das Leichenmahl in dieser angenehmen Nähe.
[11] S. Verhandlungen der sächsischen Kammern über die Dachziegel, und den bei dieser Gelegenheit gemachten Antrag des H. v. Th., den Minister in Anklagestand zu versetzen, worauf sich dieser eine Zeit lang zurückzog.