Tutti Frutti, Erster Band (von 5) Aus den Papieren des Verstorbenen

Part 10

Chapter 103,570 wordsPublic domain

So vergingen drei Jahre, als bei Gelegenheit eines großen Festmahls Herr v. N....., ein angesehener Gutsbesitzer, den jungen Candidaten über Tisch folgendermaßen anredete: „Herr P....., wir Alle lieben und schätzen Sie. Wir Alle sind oft durch Ihre gehaltvollen Predigten erbaut worden, und erfreuen uns täglich an Ihrem musterhaften Lebenswandel. Ich selbst schmeichelte mir, von Ihnen als ein Freund angesehen zu werden, und wundre mich daher, daß Sie so wenig Zutrauen zu mir zeigen.“

Herr P..... wollte etwas erwiedern, aber Herr v. N..... fiel ihm ins Wort: „Vertheidigen Sie sich nicht! Schon seit sechs Monaten wissen Sie, daß eine der besten Predigerstellen in hiesiger Gegend, die ich zu vergeben habe, vacant ist -- und doch sind Sie der einzige unserer Candidaten, der noch mit keinem Worte sich darum beworben hat.“ „Ich sehe wohl“ setzte er lächelnd hinzu, „daß Ihr Fehler zu große Bescheidenheit ist, und thue daher gern den ersten Schritt, indem ich Ihnen hiermit die erledigte Stelle zu S.... mit Freuden selbst anbiete. Fürchten Sie nicht etwa, Ihrem Principal durch die Annahme zu nahe zu treten. Er ist mit mir einverstanden und freut sich gleich uns Allen, daß sich endlich eine Gelegenheit gefunden hat, Ihre Verdienste würdig zu belohnen.“

P..... ward blaß und roth, und schien in sichtbarer Verlegenheit. Nach einer kleinen Pause stotterte er einige nicht recht verständliche Worte, und bat endlich, wenn die Tafel vorüber sey, sich weiter expliciren zu dürfen. Alle waren über dieses Benehmen verwundert, ja Herr v. N..... in seiner getäuschten Erwartung etwas pikirt. Indessen ließ man vor der Hand die Sache fallen, doch blieb einige Verstimmung in der Gesellschaft zurück.

Nach dem Essen aber nahm Herr K....r seinen Hauslehrer von Neuem ins Gebet und machte ihm ernstliche Vorwürfe, eine angenehme Ueberraschung, die man ihm zugedacht, so hölzern und mit so wenig Empressement aufgenommen zu haben. -- „Mein Gott!“ erwiderte P.... „Sie wissen nicht, in welcher seltsamen Verlegenheit ich mich befinde.“

„Nun? woran fehlt es denn? -- Was kann Sie abhalten, die beste Stelle im Kreise anzunehmen, die Ihnen so ehrenvoll angeboten wird? Ist es Zuneigung zu meinen Kindern oder eine früher eingegangene Verbindlichkeit? Reden Sie!“ --

„Ach nein! So sehr ich meine Zöglinge liebe, so weiß ich doch, daß ich nicht immer bei Ihnen bleiben kann; aber -- kurz, es muß heraus:..... verzeihen Sie mir, ich habe Sie getäuscht; ich bin gar kein Theologe -- ich bin Jurist.“ --

„Ist es möglich! In der That, das ist überraschend; aber warum haben Sie sich denn in diesem Fall fortwährend geistlichen Verrichtungen unterzogen -- warum Jedermann in dem Glauben gelassen, daß Sie Theologe seyen? Seltsam! Indessen beim Lichte besehen, was schadet es? Was nicht ist, kann noch werden. Ihre Kenntnisse, Ihre Fähigkeiten qualificiren Sie ja, wie Wenige dazu. -- Gewiß, die Sache geht! Wir verschaffen Ihnen von Leipzig leicht die nöthigsten Zeugnisse; Sie lassen sich examiniren, Niemand wird besser bestehen, als Sie. Es geht! Lassen Sie mich nur machen; aber die Sache bleibt unter uns. Verstehen Sie?“ --

„Verehrtester Herr K....,“ begann P.... in immer größerer Verlegenheit von Neuem: „es geht +nicht+! Ich muß Ihnen noch mehr sagen. -- Erschrecken Sie nur nicht.... ich bin nicht nur kein Theologe, sondern auch.... kein Christ....“

„Kein Christ? -- Herr! sind Sie rasend?“ --

„Nein, rasend nicht, aber ein Jude.“

Im Anfang war die Sache Herrn K.... außer dem Spaß. Nach und nach besänftigte er sich jedoch, zeigte sich aber nichts desto weniger besorgt, nach dem Vorgefallenen, in einem bigotten Lande, wie Sachsen damals war, nun selbst aufs empfindlichste compromittirt zu werden. „Hier ist keine andre Hülfe,“ sagte er endlich, „als wir packen auf, reisen morgen früh nach Dresden und beichten dem Herrn Hofprediger +Reinhard+ Alles grade heraus, wie es sich verhält. Sie müssen sich taufen lassen, das versteht sich von selbst; es ist das Geringste, was Sie thun können, nachdem Sie so oft hier als christlicher Prediger fungirt, und Gesinnungen ausgesprochen haben, mit denen Sie kein Jude bleiben können.“

Gesagt, gethan. Man erschien bei Reinhard, erduldete einigen Sermon, erhielt Absolution, und P.... ward getauft. Des Himmels Segen folgte auf dem Fuße: denn wenige Tage darauf verliebte sich die reiche Wittwe B.... in den jungen Proselyten, ließ ihm durch Reinhard selbst ihre Hand antragen, und ward, da er keine Ursach hatte, diese eben so wie die Pfarrstelle auszuschlagen, in wenig Wochen seine glückliche Frau. Herr P..... ward durch diese heilsame Vereinigung des harten P mit dem weichen B, (wie es die Sachsen unterscheiden) Hofrath, ein Mann von Ansehn, und ist jetzt, nach gewonnener Muße, überdies noch ein beliebter Schriftsteller und Redacteur eines viel gelesenen Blattes geworden. Wie seltsam werden die Auserwählten geführt!

* * * * *

Da einmal vom Freyen die Rede ist, so benutze ich die Gelegenheit, als letzten Zettel aus meinem Topfe, folgende Betrachtung hervorzuziehen.

Zur Beherzigung reicher Mädchen.

In der Regel heirathen reiche Mädchen unglücklich, und in der Regel ist es ihre Schuld. Eine falsch verstandene Eitelkeit empört sich bei dem Gedanken, daß man sie ihres Geldes wegen heirathen wolle. Ihrer selbst willen soll es geschehen.

Unter diesem +selbst+ verstehen sie aber nicht etwa ihre Tugend, denn die kann erst die Folge zeigen und bewähren, sondern bloß ihre äußere Erscheinung, ihre Schönheit, ihre Grazie, ihre Liebenswürdigkeit. Sind dieß nicht Alles +äußere+ Dinge, die mit dem Reichthum vollkommen auf einer Stufe stehen, außer, daß sie weniger dauernd sind! Aber selbst Mädchen, bei deren Geburt keine einzige der Grazien gelächelt, die den Musen auch wenig zu verdanken haben, und denen selbst der gewinnende Ausdruck der Güte und eines liebenden Herzens fehlt, -- selbst solche sind mir vorgekommen, die mit zwei Millionen Mark, oder Franken, oder Thaler etc. um +ihrer selbst willen+ geliebt werden wollten!!

Ist dieß nicht über alle Maße lächerlich, und heißt es nicht: den einzigen reellen und sehr werthvollen Vortheil verkennen, um chimärischen und absurden Hoffnungen Raum zu geben? --

Ein Mann handelt niedrig, wenn er ein Mädchen, die ihm nicht behagt, bloß um ihres Geldes willen heirathet, aber er handelt nur vernünftig, wenn er dies Geld, als ein wichtiges Mittel zum Glück, mit in die Wagschale seiner Wahl legt.

Ein Frauenzimmer aber sollte sich wenig um die Motive kümmern, die ein Liebhaber haben kann, der um sie freyt -- sie wird +darüber+ von dem Schlechtesten, d.h. von dem gewandtesten Heuchler, am leichtesten betrogen werden -- sondern nur sich zu überzeugen suchen, erstens: ob seine Persönlichkeit +ihr+ convenire; dann, ob seine Sitten, seine Launen erträglich seyen; vor allem aber: ob er hinlängliche Charakterstärke und edle Gemüthsart besitze, +um sie würdig in der Welt zu stellen, und immer gut behandeln zu können+; fehlt ihm auch nur eins von beiden: +so kann er dies nicht+, wenn er sie auch aus der blindesten Liebe allein geheirathet hätte, denn das Wollen reicht nicht dazu aus. Arme reiche Mädchen! Ihr seyd übel daran und je länger ihr zaudert, jemehr Anwartschaft habt ihr darauf, aus zu großer Vorsicht alte Jungfern zu werden, oder nach langer Wahl die erbärmlichste zu vollziehen.

Liest eine von euch dieß, die noch ledig ist, und hübsch versteht sich, so rathe ich ihr sich um mich zu bewerben, vorausgesetzt, daß sie im unglücklichen Falle sich nicht zu sehr vor einem Korbe fürchtet und im glücklichen sich behelfen kann --

„Denn mein Haus ist klein, Vier Breter schließen’s ein!“

IV.

Scenen und Erinnerungen

aus meinen Tagebüchern.

Vom Congreß zu Aachen.

September 1818.

Die liebenswürdige Mad. +Gai+ und ihre schönen Töchter +Delphine+, Frankreichs Muse, und +Isaure+, damals das treueste Abbild eines ächt französischen Mädchens, ausgestattet mit aller Grazie und petillirenden Lebhaftigkeit ihrer Nation -- werden sich vielleicht noch einen Tag ins Gedächtniß zurückrufen können, wo wir mit mehrern andern Damen, ich weiß nicht mehr welche Ruine zu besehen, einen langen Spaziergang machten. Das Wetter war herrlich, ein crystallner Herbsttag, ganz von jener vollkommnen und dennoch etwas melancholischen Klarheit, die nur dieser Jahreszeit eigen ist, und der geistigen verglichen werden könnte, die bei uns im reiferen Alter eintritt. Die +Erinnerung+ spiegelt sich darin ab, ohne freudige Erwartung, aber nicht ohne eine süße unbestimmte Sehnsucht. Anders ist es im Frühling, und in der Jugend, wo aus dem blauen Himmel und der grünen Erde die +Hoffnung+ auf tausend Neues, Nahes, Erfreuliches uns blühend entgegentritt, und die Vergangenheit uns noch wenig beschäftigt.

Wir waren demohngeachtet diesmal in der heitersten Laune, die noch dadurch vermehrt wurde, daß wir uns auf dem Rückweg total verirrten und nun querfeldein wandern mußten, wobei denn die Damen allerlei Scherz trieben und sich unter andern auch im Ueberspringen verschiedner Feldgräbchen zu übertreffen suchten. Eine Freundin der Mad. +Gai+, Mad. +Gail+, eine Frau von großem Talent und sehr originellem Wesen, trug in diesen gymnastischen Uebungen den Sieg über alle davon, worüber die erstere in komischen Zorn ausbrach. „~Consolez vous, Madame~,“ sagte ich, „~elle a un l~ (~une aile~) ~de plus que vaus~.“ „~Ah l’horreur!~“ rief Mad. +Gai+ aus, „~on me prend mon calembourg~.“

„~Je vous jure, que je n’y connaissais pas vos droits~“ versicherte ich, „~mais les beaux esprits rencontrent....~“ und in demselben Augenblicke stolpere ich über einen Stein und falle ziemlich plump meiner liebenswürdigen Antagonistin in die Arme. „~Mais Monsieur, ce n’est pas ainsi au moins, que le beaux esprits se rencontrent.....~“ „~Madame, mille pardons~,“ stotterte ich ganz beschämt, „~c’est pourtant la loi de l’attraction seule qui m’a ainsi entrainée, et vous vous êtes malheureusement trop bien appercue -- qui je n’y ai pas cedé _legérement_~.“

„~Allons~,“ erwiederte Mad. +Gai+ lachend, „~pour un Allemand vous ne vous tirez pas trop mal d’affaire~;“ und da wir unterdeß unsere Wagen erreicht hatten, wo sich die Gesellschaft trennte, hob ich die genannten Damen in meine barutch, setzte mich auf den Bock und fuhr sie mit vier stattlichen Engländern ganz stolz zur Stadt zurück.

Wir stiegen bei Mademoiselle +Lenormand+ ab, um uns wahrsagen zu lassen, und trafen daselbst noch einige Bekannte an. Die berühmte +Pythia+ war ein häßliches altes Weib mit ziemlich gemeinen Manieren, schmutzigen Händen und noch schmutzigern großen Karten darin. Ich erinnere mich von der ganzen Exhibition nur noch soviel, daß sie einem jungen Russen sagte: ~qu’il serait pendu~; worauf dieser sehr kaltblütig antwortete: „~au cou d’une jolie femme, j’espère~.[24]“ Mir prophezeihte sie, daß ich in einiger Zeit in den Orient kommen, dort durch irgend eine Begebenheit eine große Celebrität erlangen, aber auch in einem von Wasser rings umgebenen Orte daselbst sterben würde.

Ich hörte nicht sehr auf das Weitere, da mein Fuß allmählich in einen colossalen Pelzschuh gerathen war, der unter dem Wahrsagertische für alle sonstigen Gäste bereit stand, und eben ein allerliebstes kleines Weiberfüßchen dieselbe warme Stelle aufsuchte, was mich natürlich sehr zerstreute. Viel zu schnell für mich hatte daher die Wahrsagerin uns Allen ausprophezeiht.

Wir mußten aufbrechen, und da es schon spät war, beschlossen wir den Rest des Abends bei Mad. +Gai+ zuzubringen. Die gefeierte Madame +Recamier+ schmückte diesen Cirkel, der geistreiche +Koreff+ unterhielt ihn in seiner besten Laune, unsere Wirthin übertraf sich selbst, der General +Maison+ erzählte schlicht, aber interessant von seinen Campagnen, ein viel versprechender Neffe des großen +Alfieri+ musicirte mit Mad. +Gail+, kurz, die Unterhaltung brach keinen Augenblick ab, und mischte fortwährend ~utile dulci~.

Endlich verschwand jedoch leise einer nach dem andern. Ich blieb zuletzt. „Wissen Sie wohl,“ sagte jetzt die Frau vom Hause, „daß meine Freundin weit besser wahrzusagen versteht, als Mademoiselle +Lenormand+?“

„In der That? o bitte,“ wandte ich mich an Madame +Gail+, „commentiren Sie mir also der alten Zauberin Räthsel durch eine neue Kartenlegung.“ „~Volontiers~“ erwiderte die stets Gefällige, man brachte Karten und die Session begann. Sie vertiefte sich ganz in die starren bunten Bilder, und sagte nur von Zeit zu Zeit etwas ziemlich Unbedeutendes. Da schlug es Mitternacht. Sie horchte auf den Klang, blickte auf die Karten, erblaßte, warf sie alle unter einander, und brach zu unsrem größten Erstaunen in lautes Schluchzen aus. „Mein Gott!“ rief ich ganz erschrocken, „was ist Ihnen? sterbe ich vielleicht noch heut Nacht, und danke Ihrem Mitleid diese rührenden Thränen?“ --

~„Non,“ dit elle, „tranquillez vous, ce n’est pas _votre_ mort, que j’ai vu dans les cartes -- c’est la _mienne_.“~

Wir wollten lachen, es ging aber nicht recht. Madame +Gail+, die mit ihrer Freundin in demselben Hause wohnte, verließ kurz darauf das Zimmer in heftiger Bewegung, auch unsere Verstimmung blieb, und als ich bei hellem Mondschein nach Hause ging, war es mir, als würde ich von unheimlichen Geistern begleitet.

Einige Tage darauf frug mich der Staatskanzler, ob es wahr sey, daß ich den Gesandtschaftsposten in Constantinopel wünschte. Gott bewahre, versicherte ich, Mademoiselle +Lenormand+ hat mir nur vorgestern dort den Tod im Wasser prophezeiht, und ich ziehe vor, hier auf dem Trocknen zu bleiben. Der Kanzler lachte, und es war von der Türkei zwischen uns nicht mehr die Rede.

Drei Monat später schrieb mir Madame +Gai+ von Paris: ~Notre pauvre amie n’existe plus. Une fluxion de poitrine l’a emportée en trois jours. Elle s’est souvenue de vous plus d’une fois sur son lit de mort. A minuit précise elle a rendu le dernier soupir.~

Oktober.

Eine Dame, bekannt durch ihre geistreichen Verse, sehr gesellig, eben so tief denkend als lebhaft, eben so gelehrt als liebenswürdig, gab heute ein Fest, das die Souveraine mit ihrer Gegenwart beehrten.

Mein Patriotismus erfreute sich an unsrem König. Er sah so schlicht und einfach, und dennoch wie der Herr aus. Nach ihm fiel mir der Fürst +Metternich+ auf, dessen Eigenthümlichkeit mich immer und von jeher, selbst als ich, noch sehr jung, ihn in Dresden seine große Laufbahn als dortigen Gesandten beginnen sah, immer anzog, besonders aber dann am meisten frappirte, wenn ich ihn in Gesellschaft Höherer, als er selbst ist, beobachtete. Es ist unmöglich, sich dann nicht zu sagen, daß ein Mann wie er zum Dirigiren geboren sey, wo er auch stehe. Und wahrlich, er versteht es wie Wenige. +Dieser+ ist kein Ideologe, aber Deutschland hat ihm mehr zu verdanken, als es annoch vielleicht einsieht. Weit höher als +Kaunitz+ wird ihm die Geschichte einst seine Stelle neben einem +Richelieu+, +Cecil+, und andern +wahrhaft+ großen, ihre Zeit fördernden, wenn gleich zuweilen im Antagonismus mit ihr erscheinenden Ministern nicht versagen können.

Es ist gewiß die größte Thorheit, von einem solchen Manne zu verlangen, sich nach allgemeinen Theorieen zu bequemen.

Der Fürst +Metternich+, in Frankreich, in England, in Preußen würde überall ein ganz Anderer scheinen, in Hinsicht auf sein äußeres Wirken, und doch immer er selbst bleiben, d.h. mit kurzen Worten: ein +seine Stellung verstehender+ Mann.

So ist er auch jetzt in Oestreich nur das, was er dort seyn kann und muß -- aber eben deßhalb mögen sich Andere wahren, wenn einmal Oestreichs Interesse mit dem ihrigen in Collision kommen sollte.

Uebrigens weiß der Fürst +Metternich+ ebensowohl der Eitelkeit zu schmeicheln, als die Arroganz zu demüthigen, oder ihr zuvorzukommen. Hierüber theilte mir heute früh ein Freund folgende kleine charakteristische Scene mit.

„Bei der Art von Cour, die der Fürst Abends hält, sagte er, ließ er gestern zwei vornehme Russen von Einfluß, und aus der nächsten Suite des Kaisers, über eine Stunde lang antichambriren, obgleich wir Alle recht gut den immer mit Absicht handelnden Fürsten in seinem Kabinet, dessen Thüren halb offen standen, sehen konnten, wie er mit Kunstgegenständen beschäftigt, darin gemächlich auf- und abgieng, und sogar zuweilen auf den Boden niederkniete, um selbst Gemälde aufzurollen, während ein daneben stehender Künstler ihm dies und jenes dabei zu erklären schien. Schon hatten die Russen viele Zeichen beleidigter Ungeduld gegeben, da trat der kleine Graf M. herein, sah sich flüchtig im Saale um und wollte eben wieder umkehren, als einer der russischen Generale ihn zurückhielt, und nicht ohne sichtliche Empfindlichkeit bat, doch den Fürsten auf +ihre+ Gegenwart aufmerksam zu machen. Der Graf ging, und es dauerte abermals eine fast eben so lange Zeit, ohne daß die Scene im Cabinet sich irgend merklich geändert hätte. Endlich erschien er wieder, und mit jener übertriebenen Höflichkeit, die man höhnisch nennen könnte, erschöpfte er sich in Entschuldigungen, daß der Fürst untröstlich sey, durch die wichtigsten Geschäfte heute abgehalten zu werden, die Ehre des Besuches der Herren annehmen zu können. Mit Sturmschritten eilten nun, nach wenigen bittersüßen Phrasen, die nordischen Krieger entrüstet davon, und ich ihnen nach, da ich nur, um den Ausgang des interessanten Vorfalls abzuwarten, so lange geblieben war. Ich mag es nicht leugnen, mein deutsches Herz fühlte eine kleine Schadenfreude darüber, denn, dachte ich bei mir, hätten wir einen deutschen Kaiser, sein erster Minister brauchte wahrlich nicht...... doch warum soll ich weiter sagen was ich dachte. Gedanken sind zollfrei, aber sie dürfen noch nicht die Grenze passiren.“

Der Herzog von +Richelieu+ fiel ebenfalls durch die Würde und Eleganz seiner Manieren, und überdem noch durch ein aschgraues Gesicht auf, dem alles Blut aus den Wangen gewichen zu seyn schien, ein Aussehn, was für den damaligen Premier-Minister Frankreichs recht gut paßte. Man mußte übrigens oft unwillkürlich an des Herrn von +Talleyrand+’s Wort denken: ~C’est l’homme de France, qui connait le mieux les affaires d’Odessa~, denn alle Augenblicke sprach ihm Jemand von diesem Orte, um sich angenehm zu machen, ohne daß diese Affectation dem Herzog aufzufallen schien.

Der Kaiser von Rußland war ungemein herablassend. Er nahm verschiedenen Damen die Theetassen ab und entzückte Alles durch seine Affabilität. Die ihn umgebenden Russen ahmten mit Glück dem hohen Vorbilde nach. +Capo d’Istrias+ machte hiervon die einzige Ausnahme. Dieser schien fast für sich allein stehen zu wollen.

Was ist die Ursach, daß Niemand nach Oestreich kommen kann, ohne ein Gefühl zu haben, als sey es Sonntag, wie kömmt es, daß Niemand, kein Deutscher wenigstens, den Oestreich’schen Kaiser sehen kann, ohne sich ihm herzlich und ehrfurchtsvoll zugethan zu fühlen? Es ist ein eigner Zauber über Herr und Land dort ausgebreitet, der sich in der Geschichte gar sehr und oft bemerkbar gemacht hat, den man aber dennoch vielleicht schneller fühlt, als definiren kann. Die Persönlichkeit thut viel dabei, aber bei weitem nicht Alles.

Viele Blicke zog der Herzog von +Wellington+ auf sich. Damals glänzte er noch im militairischen Lorbeerkranz allein, die Civildornenkrone war noch nicht auf diesen gedrückt worden. Er sah stolz und vornehm aus. Sein Gesicht verrieth Nachdenken und Kraft, aber wenig Genie, eine zwar ganz ausgefüllte, aber enge Peripherie.

Lord +Castlereagh+, blaß und kummervoll lächelnd, glich einem Vampyr, dem die Nahrung ausgegangen ist, der Staatskanzler +Hardenberg+ neben ihm, einem edlen, feinen und genialen, aber bereits große Spuren der Schwäche verrathenden, Greise. Sein Anstand war zwar ganz der eines vollendeten Weltmannes, aber im Vergleich mit dem des Fürsten +Metternich+ weniger gebietend und ungezwungen, ja manchmal fast timide zu nennen.

Eine wahre antike Gruppe bildete der alte, sich damals in Ungnade befindende, General +Benningsen+ mit seiner Frau. Schon beinahe ganz blind, mit schlohweißem, gelocktem Haar, groß, imposant, leidend und abgemagert, erinnerte er, von der schönen jungen Polin geführt, lebhaft an Belisar. Er erweckte auch außerdem noch manches ernste Nachdenken. -- Seine Conversation entsprach jedoch diesem ausdrucksvollen Aeußern wenig. Er redete von nichts, als Pferden und der Schlacht von Eylau, wo es doch grade nur an ihm lag, wie Viele behaupten, daß +Napoleon+ nicht schon damals eine complete Niederlage erlitt. Der vortreffliche Rath des preußischen Generals scheiterte an seiner Aengstlichkeit.

Jetzt setzte sich Madame +Catalani+ ans Fortepiano. Der russische Kaiser, stets dienstfertig, rückte ihr das Notenpult zurecht. Sie begann: ~God...~ in dem Augenblick erschallte ein Posthorn dermaßen schmetternd unter den Fenstern des niedrigen Hauses, daß, nicht ohne einiges verbissene Gelächter der Umstehenden, die erhabene Sängerin einhalten mußte. Die Deligence fuhr vorüber, und sie begann von neuem: ~God save....~ aber weiter kam sie wieder nicht, denn der Beiwagen mit einem gleich musikalischen Postillon war seiner Prinzipalin nachgeeilt, und leider ertönte das zweite Posthorn noch falscher als das erste. Jetzt war an keinen Ernst mehr zu denken, Alles lachte laut, und die bestürzte Sängerin mußte erst wieder eine Rhabarberwurzel kauen (welche Madame +Catalani+ stets bei sich führte), ehe sie von neuem intoniren konnte. Diesmal gelang es ihr jedoch, ohne weitere Unterbrechung, ~God save the king~ vollständig heraus zu bringen.

Ich nahm beim Nachhausefahren einen Grafen mit, dem seine Grafschaft abhanden gekommen war, und der die Verlorne auf dem Congresse wie eine Stecknadel suchte, einstweilen aber, außer seiner altholländischen Uniform, nichts mehr sein nannte. Es war ein komischer Alter, dem das Unglück wenig von seinem ~Embonpoint~ genommen hatte, denn die abgetragene Uniform saß noch so prall über seinem dicken Bauche, als hätte, wie bei einem unserer verstorbenen Gardemajors, ein eiserner Faßreifen sie zusammen gehalten.

Er machte sich über viele der eben von uns verlassenen Carricaturen nicht ohne Laune, zuweilen sogar mit Bitterkeit, lustig. Es gab aber auch wirklich seltsame Wesen darunter! Der Lady C.... gebührte vor allen der Rang. Ihre Toilette, ihre Figur, ihre Conversation, alles war aus einem Stücke. Mit ihrem tiefen Organ, ihrer colossalen Gestalt, ihrem ungeheuren Busen, ihren, bei jedem Wort nickenden Straußfedern auf dem Haupte, erschien sie zu gleicher Zeit wie der Champion, und auch wie die Amme von Altengland. Ich habe schon früher einmal erwähnt, daß sie gewöhnlich das Hosenband ihres Mannes als Trophäe auf der Stirn trug. Wer ihr aber vollends im Negligee, in zwei bis drei Ueberröcke gehüllt, ein großes, rothes Tuch um den Mund gebunden, und einen breitkrämpigen Hut auf den Kopf gestülpt, früh zu Pferde begegnete, hätte darauf geschworen, den verkleideten Falstaff in den lustigen Weibern zu Windsor in eigner Person vor sich zu sehen.

Deutsche Damen gab es wenig in Aachen, die wenigen waren aber ein Muster der Liebenswürdigkeit. Ich nenne nur die Fürstin von Thurn und Taxis und ihre reizende jüngere Tochter. Damit es aber doch auch hier an einem lächerlichen Elemente nicht fehle, (so gut hatte die erfahrne Wirthin für Alles gesorgt) declamirte +Elise Bürger+, roth und weiß angestrichen wie ein Perückenstock, mit schauderhaftem Pathos:

Da unten aber ist’s fürchterlich! Und der Mensch versuche die Götter nicht, Und begehre nimmer und nimmer zu schauen, Was sie gnädig bedecken mit Nacht und Grauen.

Aus neuerer Zeit.