Tutti Frutti, Erster Band (von 5) Aus den Papieren des Verstorbenen

Part 1

Chapter 13,518 wordsPublic domain

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Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der 1834 erschienenen Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und altertümliche Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert; fremdsprachliche Zitate wurden nicht korrigiert. Unterschiedliche Schreibweisen, insbesondere bei Personennamen, wurden nicht vereinheitlicht. Umlaute in Großbuchstaben (Ä, Ö, Ü) wurden im Originaltext mit Ae, Oe und Ue umschrieben; dies wurde hier beibehalten.

Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt; hiervon abweichende und besondere Schriftschnitte wurden in der vorliegenden Fassung mit den nachfolgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:

kursiv: _Unterstriche_ gesperrt: +Pluszeichen+ Antiqua: ~Tilden~

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Tutti Frutti.

I.

Tutti Frutti.

Aus den Papieren

des Verstorbenen.

_De mortuis nil nisi bene._

(Zur Beherzigung für alle Recensenten.)

Erster Band.

Stuttgart, Hallberger’sche Verlagshandlung.

1834.

Druck von W. +Hasper+ in Carlsruhe.

+Dem+

Königlich Preussischen

Ober-Kammerherrn und Staatsminister

Herrn Fürsten zu Sayn und Wittgenstein

in tiefster Verehrung gewidmet

+von dem+

weiland Verfasser.

Durchlauchtiger Fürst!

Es ist zwar nicht zu vermuthen, daß Hoch Sie, bei Ihrer hohen Stellung und Ihrem weiten Wirkungskreise, vorliegende Allotrien zu lesen Sich herablassen werden, gestatten Sie aber aus Nachsicht +mir+ die Freude, dem Drange der Ehrfurcht, der mich für Euer Durchlaucht beseelt, gleichsam eine Erleichterung durch diesen schwachen Ausdruck meiner Gefühle zu verschaffen, welche wenigstens uneigennützig sind, da ich, so unendlich fern und ohne alle Beziehung zu Hoch Ihnen stehend, weder durch Dankbarkeit, die ich Ihnen ja nicht im Geringsten schuldig bin, noch persönliches Interesse influencirt seyn kann. Nur die Liberalität Ihrer Handlungsweise, die Unpartheilichkeit, die Sie auszeichnet, der erhabne Charakter, den Sie, unter dem sanftesten und liebenswürdigsten Aeußern, stets an den Tag gelegt, konnte mir die Kühnheit einflößen, Ihnen diesen öffentlichen Beweis ungeheuchelter Verehrung zu Füßen zu legen, mit welcher letztern ich, unter allen Metamorphosen, denen wir Menschen unterworfen sind, stets bleiben werde

Euer Hochfürstlichen Durchlaucht

submissester A. Z.

Vorwort.

Die Geschichte lehrt uns, daß alle Menschen sterben können, ja höchst wahrscheinlich sterben müssen. Dieselbe lehrt uns aber auch, daß sie in manchen Fällen, wiewohl selten und nur bei großen Gelegenheiten, aus ihren Gräbern wieder auferstehen, oder auch wohl nur länger als sonst üblich, (z.B. 50 oder 100 Jahre, wie der alte Ueberall und Nirgends und andre beglaubigte historische Personen) schliefen, welches oberflächliche Beobachter dann in der Eile für den wahren bittern Tod ansahen. Es ist wohl möglich, daß es mit dem verstorbenen Verfasser dieses Buchs eine ähnliche Bewandniß habe. Sollten daher aufmerksame Leser im Verfolg desselben hie und da Anachronismen oder sonstige Anomalieen ausfindig machen, so wird es nicht ungereimt seyn, sie sich auf die angegebene Weise zu erklären. Dem sey indeß, wie ihm wolle, so viel ist gewiß, daß in Paris die Memoiren des Fürsten von +Pückler-Muskau+ erschienen sind, welche (und man kann sich meine Verwunderung darüber denken!) nicht ein Wörtchen mehr enthalten, als meine eignen posthumen Briefe; man müßte denn die seichten Noten des Uebersetzers für etwas mehr als nichts halten wollen. Dies hat mich um so mehr verdrossen, da ich aus einem eben so beliebten als verbotnen Buche ersehen habe, daß besagter Fürst nichts als ein verkappter Aristokrat sey, dennoch aber meine Briefe geschrieben haben soll, die Viele wiederum zu liberal und demokratisch finden. Ich kann aus diesem Wirrwarr selbst gar nicht mehr klug werden, und fürchte fast, daß, im Gegensatz von andern Leuten, die einen geisterartigen Doppelgänger entdeckten, mein Geist einen irdischen bekommen hat, welches denn natürlich niemand andres als derselbe gefährliche Mann seyn kann, den ich deßhalb auch ernstlich hiermit auffordere, sich nicht ferner in meine Angelegenheiten zu mischen, und wenn er Memoiren herausgeben will, seine eignen zu schreiben, aber nicht die meinigen. Ich glaube hierin alle Billigkeit und Gerechtigkeit so sehr auf meiner Seite zu haben, daß ich selbst aus die thätigste Unterstützung meiner gütigen Leser rechne, wenn dieser lebendige Mensch mich armen Abgeschiedenen noch ferner in meiner Ruhe zu stören beabsichtigen sollte. Ueberall compromittirt er mich. So war das Literaturblatt der Staatszeitung mir äußerst hold; mit einemmal hat es umgesattelt, weil es dem Fürsten von Muskau einfällt, in einem Briefe an den Buchhändler +Fournier+ in Paris zu sagen: „Er verdenke es keinem Franzosen, ja selbst einem Deutschen nicht, wenn er die Staatszeitung ungelesen lasse.“ Gleich muß dies der Verstorbene wieder entgelten und bald darauf im erwähnten Literaturblatt die angenehme Nachricht lesen, daß seine Briefe in Frankreich fast keine Beachtung fänden, demohngeachtet aber das dortige Publikum sich dahin ausgesprochen: dem Verfasser sey gar kein +politisches+ Urtheil zuzugestehen.

Was nun das erste betrifft, so wäre freilich nichts natürlicher, da aber mein Herausgeber zu derselben Zeit einen Brief von Herrn +Fournier+ bekam, in dem dieser ihm zu dem guten Abgange des Buches gratulirte, und den Autor sogar bat, noch mehr Briefe zu schreiben (was ich wohl bleiben lassen werde), so muß die Behauptung des Referenten in dieser Hinsicht doch wohl auf einem Irrthum beruhen.

Wie komme ich aber nun gar zum zweiten Tadel, ich, der nie, auch nur halb im Ernste, ein politisches Glaubensbekenntniß von mir gegeben habe. Daß +der erwähnte Fürst+ durch seine eben angeführte Aeußerung über die Staatszeitung hinlänglich bewiesen, daß +er+ kein politisches Urtheil besitze, muß auch dem Bornirtesten klar werden, aber wie komme ich dazu für ihn zu leiden? Ich liebe die preußische Staatszeitung und ihr Literaturblatt ganz ungemein, ja ich kann es mit einem körperlichen Eide bekräftigen, daß ich gar keine andre politische Zeitung in meinem kleinen Hause halte, und mir es sogar zu einer Art Gesetz gemacht habe, Abends nach des Tages Last und Hitze nie ohne dieselbe einzuschlafen. Wie viel Belehrung danke ich ihr aber noch außerdem. So las ich neulich in ihrem besagten Appendix, dem Literaturblatt, einen Artikel: +Nächtliche Blindheit+ betitelt, worin diese dem Einfluß des Mondes auf die Augen zugeschrieben wird, -- denn, setzt der Verfasser hinzu: „Viele Menschen schlafen +bekanntlich+ mit offnen Augen.“ Ich schämte mich meiner Unwissenheit, da ich gestehen muß, diesen Umstand bisher gänzlich ignorirt zu haben, vielmehr glaubte ich nur die Hasen dieses Kunststückes fähig. Es fällt aber nun wie Schuppen von meinen eignen Augen, und so manche politische Räthsel werden mir plötzlich gelöst! Kann man z.B. die Motive einer Regierung, eines Ministers nicht mehr begreifen, sieht man selbst ein ganzes Collegium wie Blinde handeln -- Was ist der Grund? Der so einfache +bekannte+: Sie schlafen mit offnen Augen.

Ich hoffe also, die Redaction des Literaturblattes, welche selbst gewiß nie mit offnen Augen schläft, wird in sich gehen und mich wieder zu Gnaden annehmen -- oder sollte die Sache vielleicht sich dennoch anders verhalten? Sollte es vielleicht Leute geben, die sich wirklich ein wenig vor meinem politischen Urtheil fürchteten und es gern mit guter Manier im Voraus entkräften möchten? Gott im Himmel weiß Alles -- ich aber zu wenig!

Um mich indeß für so viel Unbilden an dem Fürsten von Muskau doch einigermaßen zu erholen, werde ich jetzt wenigstens in so weit das Vergeltungsrecht üben, daß ich unbedenklich in dem vorliegenden Buche einen Theil +seiner+ Memoiren unter +meinem+ Namen herausgebe, wo er dann sehen mag, wie er dabei zurecht kömmt. Bei den Mitteln, die mir zu Gebote stehen, ist es mir, ohne zu prahlen, ein Leichtes, seinen Schreibtisch zu öffnen und heraus zu nehmen, was mir beliebt; ja es möchte ihm sogar schwer werden, mich wegen eines solchen Raubes zu belangen; denn so sehr auch unsre Justiz Prozesse liebt, hegt und pflegt, +die+ Klage gegen einen Verstorbenen, den keine Erben repräsentiren, müßte doch nothgedrungen per ~Decretum~ abgewiesen werden. Ich wollte zuerst aus Furcht vor französischen Redensarten, nicht Memoiren, sondern +Denkwürdigkeiten+ sagen, fürchtete aber, damit nur „noch mehr Rumohr zu machen“ und dann als doppelter Plagiarius zu erscheinen. Ich wählte daher einen italiänischen Titel. (weil im Deutschen ohnehin kein neuer mehr zu erfinden ist) und da es heißt: An deinen Früchten wird man dich erkennen -- so wirst Du, geliebter Leser, bald inne werden, ob die folgenden Blätter und Früchte wirklich von mir oder nicht von mir sind.

Geschrieben am 30. October auf dem großen Kirchhofe zu B..., als der Mond so hell schien wie am Tage, und viele Geister eben munter aus dem Sande hervorkrochen, um eine Raupach’sche Tragödie aufzuführen.

* * * * *

+Anmerkung.+ Daß in dem vorliegenden Buche die Orthographie nicht immer dem Recipirten gemäß ist, geschieht mit Absicht. Wenn ich z.B. Gebürge statt Gebirge schreibe, so habe ich meine ästhetischen Gründe dafür. Gebürge malt, meines Erachtens, den Gegenstand besser, die Hauptqualität, die ein Wort haben kann. Man sieht bei Gebürge, so zu sagen, dieses schon sich in seinen schönen Wellenlinien und Massen übereinander thürmen, während Gebirge dagegen etwas Enges, Gekniffenes hat, was nicht zu dem Bezeichneten paßt. Um die Etymologie aber bekümmere ich mich wenig.

I.

Sendschreiben

an den

Königl. Preußischen Geheimen Legationsrath,

Herrn Varnhagen von Ense,

Großkreuz und Ritter vieler hohen Orden zu Berlin.

Euer Hochwohlgeboren

sind mit dem (schon lange vor seinem Tode) verewigten +Göthe+ durch Ihre zu nachsichtigen Beurtheilungen meiner anspruchslosen Reiseberichte wohl allein daran Schuld, daß selbige seitdem, gleich einem alten Miethklepper, mit immer wechselnden Namen durch aller Herren Länder gejagt werden und bei jeder Metamorphose noch mehr Untugenden annehmen, als sie von Hause aus mitbrachten.

Die unerhörte Anzahl von Recensionen, die dieses arme Buch in mehreren Sprachen hat erdulden müssen, betragen wenigstens das doppelte Volumen seines Inhalts und sind eben so uneins über diesen, als verschiedene Aerzte über denselben Kranken zu seyn pflegen.

Obgleich ich selbst nicht allzuviele dieser Critiken gelesen habe, so sind mir doch einige seltsam genug vorgekommen. Wirft mir doch gar ein erzürnter Pastor vor, ich sey ein grausamer Liebhaber von Thierkämpfen und habe fremden Hunden die Zähne ausgebrochen, um sie von den meinigen nachher desto bequemer todt beißen zu lassen! Man sollte wirklich meinen, der arme Teufel, der zu solchen Mitteln greifen muß, um ein Buch zu beurtheilen, passe selbst nicht übel zu dem Bilde einer Dogge mit ausgebrochnen Zähnen, die, weil sie nicht mehr beißen kann, zum Heulen ihre Zuflucht nimmt.

+Sie+, mein verehrter Gönner, hat die Freundschaft blind gemacht, so wie Herrn +Börne+ der Verdacht meiner Vornehmheit.

Dieser große Champion der Liberalen hätte sich aber eben deshalb sagen können: Für einen Vornehmen ist der Verfasser der Briefe des Verstorbenen wahrhaftig noch freisinnig genug, und es seiner verwahrlosten Erziehung zu Gute zu halten, wenn er nicht so zu schreiben vermag, wie ich es anempfehle, nämlich so: „daß der Styl unter ihm bricht und er mitten im Kothe liegen bleibt.“[1]

Vielleicht hätte Herr Börne mich milder beurtheilt, wenn er mich gleich von vorn herein in der französischen Uebersetzung gelesen hätte -- nur würde er immer Unrecht gehabt haben, von mir zu verlangen: „daß ich als Verstorbener den Sterblichen überirdische Dinge mittheilen solle.“ Das erlaubt einmal schon die Discretion des Geisterreichs nicht, eine Eigenschaft, über welche sich nur Schriftsteller dieser Welt hinweg setzen dürfen; zweitens würde man ja aber auch solche Sprache hier unten gar nicht aufnehmen können. Es würde damit gerade so gehen, wie mit Lord Byrons Geist, der, wie Herr Börne uns ebenfalls selbst erzählt, „sich erst in ihm (Herrn Börne) niederlassen wollte, die Wohnung aber bald zu gemein für längeren Aufenthalt fand.“

Weit übler bin ich seitdem mündlich abgefertigt worden, als ich neulich unsere Freundin, die liebenswürdige, Geist sprudelnde +Orlanda+ besuchte. „Guter Verstorbener,“ rief sie mir schon von weitem zu, „ich habe Ihnen gestern in Gedanken einen langen Brief auf der Straße geschrieben, während ich den weiten Weg von S. heim ging. Wie ich aber zu Hause ankam und in Ihrem Buche las, da stimmte mich das wieder so herab, daß ich alle meine guten prophetischen Gedanken darüber augenblicklich verlor. Denn, wo ich allein über Sie nachdenke und Sie mir nicht selbst störend in den Weg treten, interessiren Sie mich sehr. Sie sind so einladend aride, daß ich mich gedrungen fühle, etwas aus diesem sterilen Boden hervorzurufen. Ordinaire Naturen ziehen überhaupt, selbst gegen meinen Willen, am meisten aus mir heraus -- eben, weil sie’s bedürfen.“

„Mit höheren Geistern habe ich weniger Berührung, denn wir gehen neben einander wie zwei parallele Linien. Die ärmeren dagegen verlangt mein eigner Reichthum unwiderstehlich zu durchdringen.“

Ich wollte, ganz verblüfft, einige Worte schuldigen Dankes stammeln....

„Still doch!“ rief sie, „immer müssen Sie doch von sich selbst sprechen, es ist zum Todlachen! Dennoch kann Einen auf der andern Seite diese Gutmüthigkeit wahrhaft rühren. Es ist für mich Ihr hübschester Zug, obgleich es nur in der unglaublichen -- nichts für ungut -- Dummheit des armen kleinen Gehirns (hier fühlte sie mir gleichsam den Puls an der Stirne) seinen Grund hat. Wissen Sie wohl, Theuerster, wie Sie mir vorkommen? -- Ganz wie der Vogel Strauß. Erstens verdaut Ihre Eitelkeit Stahl und Eisen trotz dem besten Straußenmagen und, wie dieser Vogel, sind auch Sie ganz überzeugt: kein Mensch durchschaue Sie, wenn Sie den Kopf nur unbefangen in den Strauch stecken. Ja selbst Ihr sogenannter gracieuser Styl gleicht auf ein Haar dem selbstgefälligen freundlichen Nicken und Brüsten Ihres Vogel-Ebenbildes, wenn es sich selbstgefällig überall umsieht, ob man es auch von allen Seiten gehörig beobachtet habe. Endlich besitzen Sie auch dieselbe Schnelligkeit wie der Strauß, denn Sie laufen sich alle Augenblicke selbst davon; ja oft denke ich: Sie haben sich gar schon aus allzugroßer Schnelligkeit in zwei Hälften getrennt, wovon der gute Mann zu Hause geblieben und der Thor in die Welt gelaufen ist.“

„Verstorbener!“ sprach sie in tiefem Tone, ihre kleine Gestalt hoch empor richtend und mich mit ihren brennenden Beschwörer-Augen anstarrend: „Verstorbener! holen Sie sich selbst ein, oder....“

+Euer Hochwohlgeboren+

jenseits und diesseits treu ergebener Wohlbekannter[2].

II.

Ein

Besuch im Herrnhutischen.

Ich bin unter den Herrnhutern erzogen. Mit dem 11ten Jahre verließ ich sie und vielleicht kehre ich mit dem 71sten wieder unter sie zurück. Weisheit ist Alter, sagt ein Sprüchwort, und dennoch schützt, wie ein zweites sagt, Alter vor Thorheit nicht!

Vor der Hand jedoch, wo ich kaum die Hälfte jenes Weges zurückgelegt habe, mache ich es noch wie alle Uebrigen, d.h. ich lache über die Thorheiten +Anderer+ und liebe meine eigenen; später hoffe ich auch über diese zu lachen, um wieder neue dafür einzutauschen -- denn für jedes Alter, Gott Lob! geben die Menschen etwas zu lachen, die Welt etwas zu genießen und die Thorheit etwas an sich selbst zu lieben.

In dieser seltsamen, drolligen Welt umherirrend, kam ich eben von Afrika zurück, wohin ich gegangen war, um den großen Pascha Mehemed Ali kennen zu lernen, und fand mich nun ~post varios casus~[3] zufällig und halb verwundert in der Heimath wieder, gleich jenem lustigen Bruder, der, nachsinnend, wie er sich ein recht raffinirtes Vergnügen verschaffen wolle, endlich auf den neuen Einfall kam: einmal eine Nacht zu Hause zu schlafen. Unter solchen Betrachtungen setzte ich mich denn eines Nachmittags auf meine Droschke, mit zwei arabischen Pferden bespannt, und fuhr über Stock und Stein, oder, um genauer zu sprechen, über Sand und Wurzeln, durch Kiefern und Tannen, dem stillen Oertchen K. W. zu. Mein Anzug war schwarz, mein Gesicht schwarz gebrannt, meine Haare orientalisch schwarz gefärbt, meine Rosse schwarz, und selbst meine Droschke schwarz beschlagen; denn ich liebe diesen Gegensatz der Farbe zu der Heiterkeit meines Innern, die, besonders wenn ich allein bin, mich selten verläßt. So glaubte ich also mich recht passend für den Zweck der vorliegenden frommen Irrfahrt equipirt zu haben. Man konnte mich entweder für einen eleganten reisenden Pastor oder auch für Mephistopheles halten, welcher, wie wir von guter Hand wissen, ebenfalls zuweilen den ~Doctor theologiae~ spielt.[4]

Nach einigen Stunden gelangte ich an ein angeschwollenes Flüßchen (es war am 3ten Mai und kaum erst der Schnee auf den Gebürgen geschmolzen), dessen schäumende Wogen die letzten Rudera einer gebrechlichen Brücke eben noch vor meinen Augen abrissen, und auf ihrem gekräuselten Rücken lustig forttanzen ließen. Slavische (seit der wohlthätigen Regulirung nicht mehr sclavische) Bauern waren sehr beschäftigt, sie aufzuhalten, und die ruhigere Breite des Wassers in der Ferne ließ mich hoffen, dort wohl eine Furth zum Hindurchfahren zu finden. „Wie heißt der Fluß?“ rief ich einem, mit den Händen in den zerrissenen Hosentaschen ruhenden, mich anstarrenden Wenden zu. „I schwarze Schöps!“ erwiederte er lakonisch, ohne sich zu rühren, noch durch den mindesten Gestus seinen Worten zu Hülfe zu kommen, die, meiner eigenen theologischen Schwärze mir bewußt, fast wie eine Anzüglichkeit klangen.

Mit Mühe brachte ich endlich von ihm heraus, daß der jetzt in zehnfacher Wassermasse strömende Fluß nirgends hier in der Nähe zu passiren sey, und ich mußte mich daher bequemen, seitwärts eine Straße einzuschlagen, auf der ich bald ein Landstädtchen erreichen sollte, wo man mir gutes Obdach versprach. Es verursachte dies zwar einen langen Umweg, wer aber so wie ich die Erde zu durchstreifen gewohnt ist, dem kömmt es darauf nicht an, er ist überall zu Hause und auf seinem Wagen am meisten; je unbekannter und ungewisser die Zukunft vor ihm, desto besser. Im Grunde freute ich mich daher mehr über das unvermuthete Hinderniß, als es mich störte, und meine leichten Thiere antreibend, erreichte ich das angesagte Nachtquartier auch glücklich noch mit einbrechender Dämmerung.

Eine freundliche, dicke Wirthin kam mir, den fremden lucrativen Zuspruch wahrscheinlich schon von weitem mit Kennerblick entdeckend, bis auf die Straße entgegen und half mir selbst rüstig aus dem Wagen, wobei sie schon im ersten Augenblick eine Suada entwickelte, die nicht wenig mit dem Lakonismus des Wenden am schwarzen Schöps abstach. Uebrigens schien hier +Alles+ unter dem Zeichen des Widders zu stehen, denn, wie ich auf Befragen erfuhr, hieß der Ort Bocksberg, und der Gasthof, ein klösterlich dunkles Haus, zum goldnen Lamm. Das Ebenbild des letzteren, welches in Stein gehauen, vielleicht früher zu religiöser Andeutung dienend, jetzt aber dem Weltlichen verfallen, nun statt der Vergoldung hellgelb angestrichen worden war, schaute in seiner Verstümmelung ganz kummervoll vom hohen Giebel auf mich herab.

Ungeachtet dieses wenig versprechenden Aeußern, wies man mir indeß eine recht gute und hohe Stube an, mit einem großen Kamin, einem riesigen Himmelbett, alterthümlichen Meublen, alles bequemer und reinlicher, als man es gewöhnlich in den kleinen Städten unsres lieben Vaterlandes anzutreffen gewohnt ist, und als ich die an den Wänden hängenden verblaßten Bilder musterte, bemerkte ich darunter mit Verwunderung das gut gezeichnete und sehr ähnliche Portrait eines Verwandten unsres Hauses, der einst das glänzende, wenn gleich eben nicht empfehlenswerthe Vorbild meiner Kindheit gewesen war.

„Wie kömmt dieses Portrait hierher?“ frug ich die mir noch zur Seite stehende Wirthin.

„Halten zu Gnaden! das ist der Starost B...., mein alter Herr und Wohlthäter, dem ich, oder (verbesserte sie schnell) der Frau Gräfin 21 Jahre lang als Kammerjungfer gedient habe; aus welcher glücklichen Zeit mir denn dies Bild noch übrig geblieben ist.“

„Ach, ich verstehe!“ lächelte ich, sie genauer fixirend, und wirklich auf dem runden, obgleich nun auch schon runzligen, Gesicht der gedienten Kammerjungfer waren immer noch einige ~beaux restes~ aus alter Zeit sichtbar; ja, je mehr ich sie betrachtete, erschien sie mir immer weniger fremd, und endlich blieb mir kein Zweifel übrig, daß ich -- wahrlich ich irrte mich nicht -- eine sehr gute Bekannte aus meinem 14ten Jahre vor mir hatte. Mehr als zwei Decennien waren freilich seitdem verflossen -- o Zeit! ich sah in der Alten Gesicht wie in einen Spiegel und fühlte rückwirkend deinen Stachel! -- Die gegenseitige Erkennungsscene wurde dennoch freudig von mir beschleunigt; denn ich bin noch immer so gutmüthig, mir einzubilden, alte Bekannte müßten sich eben so sehr freuen, nach langer Trennung +mich+ wiederzusehen, als ich +sie+ -- und diesmal wenigstens traf meine Voraussetzung ein.

Da die arme Cathinka keine vornehme Dame war, so hatte sie keine Ursache, mir, wie jene französische, dem unbequemen Mahner an längst vergangene vertrauliche Stunden, zuzurufen: „~Eh, Monsieur, appellez vous cela connaître?~“ -- Im Gegentheil, die Verleugnung hätte diesmal mit allem Rechte nur von meiner Seite statt finden können, denn Cathinka hatte schon längst die Sonnenseite des Lebens überschritten, ich -- noch nicht so ganz. Zum Lohne dafür überschüttete sie mich denn auch mit den ausgesuchtesten Schmeicheleien; ja selbst ein Hofmann hätte hier noch etwas lernen mögen. Als unter andern meine jugendliche Schönheit (es ist von damals die Rede, liebe Leserinnen) gepriesen wurde, und unter andern gesagt, daß auf jenem verhängnißvollen Maskenballe vor 24 Jahren (auf den ich ein andresmal zurückkommen werde) man kein reizenderes Paar gesehen, als die junge Gräfin von B.... und mich, und ich mit bittersüßer Miene erwiederte: „Ach Gott! die ist nun auch schon im alten Register, ja, ich fürchte fast, wir beide sind grade in denselben Jahren;“ versicherte Cathinka unbedenklich: „+damals+ sey es allerdings so gewesen, aber seitdem habe die Gräfin mich ohne Zweifel weit überholt.“ „Nun dem Himmel sey Dank!“ rief ich lached, „wenn Du eine +so glückliche Verschiedenheit+ für möglich hältst, kann Dein Glaube mehr als Berge versetzen.“

Unterdessen verlor ich, als ein Vielerfahrner, mein altes Princip nicht aus den Augen: ~qu’il faut faire flêche de tout bois~, ein Sprüchwort, dessen Lebensweisheit unerschöpflich ist; und da hier Liebe nicht mehr an der Tagesordnung war, wendete ich meine Gedanken nach der Küche, mich wohl erinnernd, daß Cathinka, selbst als sie noch hübsch war, schon ein bedeutendes Talent in dieser Region entwickelte, welches ohne Zweifel jetzt zu noch höherer Reife gediehen seyn mußte. Ich benutzte daher alle vergangenen Reminiscenzen, nur um +diese+ Kunst der Freundin von Neuem ins Feuer zu bringen. Man versprach, geschmeichelt und voller Freude, Wunder zu thun, und in der That, das ~soupé~ zeigte sich der Elevin eines berühmten Gutschmeckers und Bonvivants würdiger als der bescheidenen und christlichen Apparence des güldenen Lammes zu Bocksberg. Der nachsichtige Leser aber kennt schon durch Freund und Feind meine irdischen Dispositionen zu gut, um einen Augenblick zweifeln, daß ich auch von meiner Seite demselben alle mögliche Ehre erwies.