Part 13
Der Jüngling reist zwanzig Tage. Nach zwanzig Tagen findet er die Höhle, nimmt das Halfter, das an der inneren Tür hängt, schwingt es einmal. Viele Tiere kommen und sagen: „Mein Held, besteige mich.“ Er besteigt keins davon. Danach kommt ein rotbraunes Pferd mit krummen Beinen und Krebs auf den Schultern. Er besteigt jenes Pferd und macht sich auf den Weg. Nach zwei Tagen steigt er an einer hohen Cypresse ab und legt sich schlafen. Auf einmal ertönt, während er schläft, eine Stimme. Er wacht von dieser Stimme auf, springt auf und sieht, daß ein Drache an dem Brunnen emporzuklettern im Begriff ist. Der Jüngling schießt den Pfeil, den er in der Hand hat, ab und tötet den Drachen. Da sagen die Jungen des Vogels, die sich auf dem Baum befanden: „Mein Held, unsere Mutter ist ein Raubvogel, sie wird dich töten. Geh, verbirg dich. Dann werden wir unserer Mutter in unserer Sprache es sagen. Was auch immer dein Wunsch sein mag, sage ihn ihr. Vielleicht kann sie dir helfen.“ Der junge Mann geht und verbirgt sich irgendwo. Nach einiger Zeit kommt der Vogel, der die Mutter der Jungen ist, und sieht, daß der Drache getötet ist. Die Jungen sagen ihrer Mutter: „Der Jüngling, der uns gerettet hat, hat sich an jener Stelle verborgen. Frage ihn, was ihm fehlt.“ Da geht der Vogel hin, nimmt den Jüngling in seine Krallen, trägt ihn auf den Wipfel des Baumes und sagt: „Fordere von mir, was du willst. Ich will dich erfreuen.“ Der Jüngling erzählt das, was ihm geschehen ist. Der Vogel antwortet: „Dein Vater pflegte sein Nachmittagsgebet hier zu verrichten. Das Pferd unter dir, ist das Pferd deines Vaters, damit wirst du deinen Wunsch erlangen. Aber wenn du in Not bist, rufe mich.“ Der junge Mann bricht von dort auf. Das braunrote Pferd sagt: „Schließe dein Auge und öffne es nicht.“ Der junge Mann schließt seine Augen. Nach einer Stunde sagt es: „Öffne deine Augen.“ Als er seine Augen öffnet, befindet er sich an einem Orte, dessen Leute und Sprache ihm unbekannt und dessen Menschen ihm nicht gleichen. Dieser Ort war die Hauptstadt eines Padischahs. Als er vor dem Schloß vorbeigeht, sieht der Padischah ihn und da er merkt, daß er den Leuten seines Landes nicht glich, schickt er einen von seinen Leuten hin, läßt ihn holen und fragt: „Woher kommst du und wohin gehst du?“ Er antwortet: „Wenn du damit einverstanden bist, will ich in deine Dienste treten.“ Der Padischah ist damit einverstanden und sagt: „Ich habe neunundzwanzig Vezire. Du sollst der dreißigste sein.“ Er nimmt das Amt des Vezirs an. Die anderen Vezire haben die Absicht, den jungen Mann zu töten und laden ihn mit Erlaubnis des Padischahs ein. Nachdem sie gegessen und getrunken haben, untersuchen sie ihn. Aus seiner Tasche sieht der Flügel eines goldenen Vogels hervor. Einer von den Veziren geht zum Padischah und sagt: „Dein neuer Vezir hat geprahlt: Diesen goldenen Vogel will ich lebendig herbringen.“ Der Padischah läßt den Vezir kommen und sagt: „Ich wünsche diesen Vogel lebendig von dir.“ Der junge Mann sagt: „Sogleich“ und ging hinaus zu dem rotbraunen Pferde. Das Pferd fragt ihn: „Was fehlt dir?“ Er antwortet: „Ich habe mir den Unwillen des Padischahs zugezogen. Er verlangt einen goldenen Vogel von mir.“ Das Pferd sagt: „Das ist etwas Leichtes. Besteige mich, schließe dein Auge. Ich werde dir helfen.“ Der junge Mann besteigt das rotbraune Pferd, schließt sein Auge und befindet sich sofort an der Stelle des großen Vogels, wo er vorher gewesen war. Der Vogel fragt den jungen Mann. Als Antwort bekommt er: „Der Padischah verlangt von mir einen goldenen Vogel.“ Der Vogel antwortet: „Geh, bringe die Tiere aus dieser Herde, koche sie und hänge sie an diesem Baume auf.“ Der junge Mann bringt die Tiere aus der Herde, kocht sie und hängt sie an einen Zweig. Nach einer halben Stunde kommen drei goldene Vögel zu dem an dem Zweige hängenden Fleische. Der andere große Vogel greift die goldenen Vögel an, verschwindet in der Luft und ist nicht mehr zu sehen. Der Jüngling geht auch. Der große Vogel hatte ihm nämlich auseinandergesetzt: „Sei an der Tür der Höhle, an dem und dem Orte anwesend und gib dir Mühe die Vögel zu fangen, wenn ich sie verfolge, bringe sie mit dir und sei nicht unachtsam wie dein Vater und laß den Vogel nicht entwischen.“ Deswegen war er — das heißt der Jüngling —, als der große Vogel die goldenen Vögel verfolgte und in die Luft geflogen war, auf sein Pferd gestiegen und zur Tür der Höhle gegangen. Auf einmal entsteht in der Luft ein Geräusch, der große Vogel bringt die goldenen Vögel herbei und treibt sie vor sich. Da der junge Mann nun persönlich anwesend war, gelang es ihm, mit größtem Eifer einen von den Vögeln, als sie in die Höhle gehen wollten, zu fangen. Danach verabschiedet er sich von dem großen Vogel, nimmt den goldenen Vogel, besteigt das erwähnte rotbraune Pferd und geht direkt in das Schloß des Padischahs. Der Padischah sieht, daß er den gewünschten goldenen Vogel gebracht hat. Daraufhin wurde die Liebe des Padischahs zu diesem Vezir groß, aber die anderen Vezire beneideten ihn und warteten immer auf eine Gelegenheit. Eines Tages luden sie wieder diesen Vezir ein, gaben ihm Wein zu trinken und machten ihn betrunken. Wieder ging einer von ihnen zum Padischah und sagte: „Dein neuer Vezir prahlte: ‚Ich will auf diese hohe Pappel steigen.‘“ Der Padischah rief ihn und sagte, als er kam: „Ich verlange, daß du auf diese Pappel steigst und mir Antwort bringst, was auf dieser Pappel los ist.“ Der junge Mann läßt sich auf Anweisung des rotbraunen Pferdes von einem Schmiede viele Nägel machen. Dann nimmt er einen Hammer in die Hand und schlägt einen Nagel in die Pappel. Auf diese Art schlägt er immer einen Nagel ein und steigt oben auf die Pappel. Oben auf der Pappel findet er einen goldenen Mädchenzopf, den ein Vogel gebracht hatte. Er steigt herunter und zeigt ihn dem Padischah. Der Padischah befiehlt ihm: „Ich verlange von dir dies goldhaarige Mädchen persönlich.“ Der junge Mann antwortet: „Zu Befehl.“ Darauf geht er zu seinem rotbraunen Pferde und sagt: „Der Padischah verlangt von mir das goldhaarige Mädchen.“ Das Pferd antwortet: „Besteige mich. Gott ist barmherzig. Schließe deine Augen und öffne sie, wenn ich es dir sage.“ Sofort befindet er sich auf einer Insel mitten im Meere und sieht, daß das goldhaarige Mädchen auf einem Throne schläft. Das Pferd befiehlt: „Nimm es mit dem Thron in deine Arme, aber schließe deine Augen und öffne sie nicht. Wollen abwarten, was Gott tut.“ Sofort nimmt der junge Mann das goldhaarige Mädchen in die Arme auf das Pferd, und schließt seine Augen. Da ertönt von der andern Seite eine Stimme: „Bruder, einmal hast du mich in dieser Welt mißachtet, dies zweite Mal habe Mitleid mit mir.“ Diese Stimme war nämlich die des zweiten Bruders des Pferdes. Dies rotbraune Pferd war nämlich ein Peripferd. Seinerzeit war der Vater des jungen Mannes hierher gekommen, um das Mädchen zu nehmen. Der zweite Bruder des rotbraunen Pferdes hatte es damals sich aus der Hand nehmen lassen. Auch diesmal hat er Mitleid, bleibt zurück und läßt zu, daß das goldhaarige Mädchen dem Padischah gebracht wird. Nun sagt das goldhaarige Mädchen: „Ich habe drei Aufträge. Wenn du sie annimmst, richte die Hochzeit zu und ich werde dich heiraten, sonst nicht.“ Der Padischah sagte: „Was dein Auftrag auch sei, sage ihn mir. Ich werde sehen, was sich tun läßt.“ Der erste Auftrag des Mädchens: „An dem und dem Orte ist ein Kayk [25] aus einer Haut, das lasse herbringen.“ Der Padischah trägt dem jungen Manne auf: „Geh, hole das Kayk, das da und da ist.“ Der junge Mann geht sofort zu dem rotbraunen Pferde und erzählt ihm die Sache. Das Pferd sagt: „Besteige mich und schließ deine Augen.“ Wieder befindet er sich auf einer Insel mitten im Meere. Das Pferd sagt: „Das Kayk, das der Padischah von dir verlangt hat, ist dieses, aber der Grund für deine Reise in diese Länder war eine Handvoll Erde. Diesen Platz hat weder deines Vaters Auge gesehen noch seines Pferdes Spur berührt. Geh hin, nimm eine Handvoll Erde.“ Daraufhin nimmt der junge Mann eine Handvoll Erde und steckt sie in sein Taschentuch. Danach nimmt er das Kayk in den Arm und schließt die Augen. Wieder ertönt wie vorher eine Stimme. Das war nämlich die Stimme des jüngsten Bruders des braunroten Pferdes. Das braunrote Pferd sagt: „Mein Bruder, du bist ein Jüngling. Habe Mitleid mit mir. Ich möchte dies Kayk mitnehmen und dem Padischah geben.“ Da hat er Mitleid und bleibt zurück. Der junge Mann bringt das Kayk dem Padischah und übergibt es ihm.
Der zweite Auftrag des Mädchens: „Im Meer ist ein eisenköpfiges Pferd, das bringe.“ Der Padischah befiehlt es dem jungen Manne. Der geht wieder zu dem rotbraunen Pferde. Dies sagt: „Schlage mir unter jeden Huf einen Batman [26] Hufeisen und lege mir auf den Rücken drei Ochsenhäute und klebe sie mit Pech an. Dann wollen wir sehen, ob sich die Sache machen läßt.“ Der Jüngling tut so, wie das Pferd es beschrieben hat. Danach kommen sie an das Gestade eines Meeres. Er läßt das rotbraune Pferd ins Meer. Nach zwei bis drei Stunden kommt es wieder heraus und hat das eisenköpfige Pferd am Halse gepackt. Er legt dem letzteren ein Halfter um den Kopf und besteigt das Pferd. Als er zum Palast des Padischahs kommt, schreit das Mädchen aus dem Schlosse: „Wärst du doch nie gekommen! Wohin gehst du?“ Da sieht sich der Jüngling um und sieht, daß vierzig Stuten aus dem Meer steigen und dort bleiben, als sie die Stimme des Mädchens hören.
Der Padischah sagte: „Auch dieser dein zweiter Auftrag ist ausgeführt. Sage deinen dritten. Wollen sehen, was sich machen läßt.“ Da antwortet das Mädchen: „Laß die Milch dieser Stuten melken und in jenes Kayk füllen. Dann habe ich nichts mehr zu sagen. Rüste die Hochzeit und ich will dich heiraten.“ Der Padischah befiehlt dem jungen Manne: „Geh, melke jene Stuten!“ Der junge Mann melkt die Stuten mit Leichtigkeit und füllt das Kayk mit Milch. Da sagt das Mädchen zum Padischah: „Du hast wahrscheinlich nicht die vorgeschriebene Waschung vollzogen. Wasche dich in dieser Milch.“ Wenn sie dem Padischah, statt sich in Milch zu waschen, gesagt hätte: „Geh ins Feuer“, so hätte er auch das getan, denn so beherrschte ihn die Liebesglut zu diesem Mädchen. Sofort zieht er sich aus und steigt in die Milch. Nun war aber die Stutenmilch giftig und der Padischah stirbt sofort. Nun kam die Reihe an den jungen Mann. Das Mädchen sagte: „Vorwärts, mein Jüngling, der Padischah verstand nicht den Kniff, sich zu baden, du kennst aber den Kniff. Bade dich und ich werde dich heiraten.“ Der Jüngling war zum Sterben in das Mädchen verliebt. Als er dabei ist, sich auszuziehen und hinein zu steigen, faßt das Pferd ihn mit den Zähnen am Kragen und zieht ihn zurück. Danach wendet es ein Mittel bei der Stutenmilch an, so daß kein Gift bleibt. Dann steigt der Jüngling in die Milch, badet sich und kommt heil wieder heraus. Als er herauskommt, nimmt er das schöne goldhaarige Mädchen in die Arme und tausend Küsse haben nur den Wert eines Paras [27] für sie. Schluß: Das Mädchen wird mit dem Sohne des Padischahs verheiratet und sie beide erreichten ihren Wunsch und bringen die Erde, die eigentlich der Zweck war, im Taschentuch in das Reich seines Vaters. Sie streichen die mitgebrachte Erde dem Vater auf die Augen. Er wird mit Gottes Hilfe wieder sehend und setzt das Mädchen und seinen Sohn auf seinen Thron. Alle erlangten, was sie wünschten. Hier hat die Geschichte ein Ende.
19. DER GRINDKOPF
Früher war in Stambul ein grindiger Junge. Der sagte: „Wenn ich fünf Piaster hätte, würde ich ein Kunststück vollführen.“ Ein Reicher hörte dies, ging hin und gab ihm sieben Piaster und sagte: „Vorwärts, Bursche, zeige dein Kunststück.“ Der grindige Junge nahm diese sieben Piaster und ging zum Scherbethändler und sagte: „Nimm diese vierzig Para und bringe um ein Uhr diesen Scherbet in das Bad von Tacht elqalà. Der Sohn des Padischahs von Indien hat sich in diesem Bade ausgezogen. Wenn er aus dem Bade gehen will, soll er den Scherbet trinken.“ Dann ging er hin und gab einem Pastetenbäcker sechzig Para und sagte: „Um 1½ Uhr soll das der Sohn des Padischahs von Indien essen, wenn er aus dem Bade von Tacht elqalà, wo er sich ausgezogen hat, herausgeht.“ Dann kaufte er Tabak zu zwei Piastern und vom besten Zigarettenpapier und wies einen Krämer an: „Um zwei Uhr bring dies in das Bad von Tacht elqalà. Der Sohn des Padischahs von Indien hat sich dort ausgezogen und soll ihn rauchen, wenn er das Bad verläßt.“
Er selbst geht um zwölf Uhr ins Bad, zog sich aus und verbarg seine schlechten Kleider irgendwo und setzt sich auf den Stein in der Mitte des Bades. Die Badediener sagen: „Grindiger Junge, geh nun endlich. Es ist Abend geworden. Wir wollen das Bad reinigen.“ Der grindige Junge sagte: „Langsam, langsam!“ Da schlugen sie ihn. Als er aus dem Bade gehen wollte, klopfte man an die Tür. Der Badebesitzer sagte: „Was ist da?“ Da sagte der Scherbetverkäufer: „Der Sohn des Padischahs von Indien hat sich hier umgezogen. Er wird diesen Scherbet trinken, wenn er aus dem Bade geht.“ Da wunderte sich der Badebesitzer, kam sofort und sagte: „Mein Herr, verzeihe das Versehen der Badediener. Wir kannten dich nicht.“ Während sie so sprachen, wurde wieder an die Tür geklopft. Als der Badebesitzer fragte: „Was ist das?“ Da wurde geantwortet: „Pasteten, die der Sohn des Padischahs von Indien essen wird.“ Da glaubte der Badebesitzer es wirklich. Man breitete ein schönes Handtuch über den Stein in der Mitte des Bades und ließ ihn sich dort hinlegen. Die Badediener rieben ihn mit dem Frottierlappen und führten ihn mit vieler Höflichkeit aus dem Bade auf das Lager. Als man ihn sich hinlegen ließ, wurde wieder an die Tür geklopft. Auf die Frage des Badebesitzers „Was ist das?“ hieß es: „Diesen Tabak wird der Sohn des Padischahs von Indien rauchen, wenn er aus dem Bade gehen wird.“
Sie drehen eine Zigarette und geben sie ihm. Der grindige Junge sagt zum Badebesitzer: „Mein Kawaß [28] wollte mir meine Kleider nachbringen. Ist er noch nicht gekommen?“ Da sagte der Badebesitzer: „Ist nicht nötig, mein Herr. Ich habe viele Kleider.“ Dann sagte er zu seinem Mohren: „Geh, meine Frau soll in die Festkleider in die eine Tasche Gold und in die andere Silbergeld stecken. Dann bringe sie her.“ Der Mohr ging hin und tat so. Der Grindkopf zog die schönen Kleider des Badebesitzers an. Als er das Bad verließ, gab er zwei Pfund den Badedienern, vier Pfund dem Oberaufseher und sechs dem Badebesitzer. Als er aufstand und weggehen wollte, sagte der Badebesitzer: „Bitte, mein Herr, bleibe heute als unser Gast.“ Sie standen auf und gingen in das Haus des Badebesitzers. Am Morgen sagt der Badebesitzer zu seinem Mohren: „Geh, sage dem und dem Hotelbesitzer, er soll wenigstens ein Zimmer zurichten.“ Der Hotelbesitzer und der grindige Junge gingen in das Hotel. Der Letztere blieb in einem Zimmer als Gast. Der grindige Junge rief den Hotelbesitzer und sagte: „Geh, miete mir vom Bazar zwei Diener. Der eine soll ein Mohr, der andere ein Weißer sein.“ Der Hotelbesitzer tat so. Darauf sagte er: „Geh, bringe mir schnell einen Soldatenrock und ein Martinigewehr.“ Der tat das auch. Der grindige Junge gab den Soldatenrock und das Gewehr dem weißen Diener und sagte: „Du halte Wache hier draußen vor der Tür. Wenn jemand kommt, sagst du: ‚es ist verboten.‘“ Der tat so. Dem Mohren sagte er: „Du bleibst bei mir. Wenn der Soldat draußen sagt: ‚es ist verboten‘, gehe du auch hinaus und frage: ‚Wer ist da?‘ Wenn der Mann draußen dann sagt: ‚Ich bin der Diener von dem und dem‘, komme zu mir und benachrichtige mich.“ Die taten so. Er sagte zu dem Mohren: „Kennst du den Läufer des Großvezirs?“ Der Mohr antwortete: „Ja, ich kenne ihn.“ Er antwortete: „Geh, rufe ihn mir.“ Der Mohr ging und rief ihn. Als er kam, sagte er zu dem Läufer: „Bist du der Läufer des Großvezirs?“ Der antwortete: „Ja.“ Dann sagte er: „Kannst du mir morgen gegen drei oder vier Uhr das Pferd des Großvezirs im Paradeschmuck bringen? Ich möchte etwas umherreiten und werde dir zehn Pfund geben.“ Der Läufer sagte: „Sehr wohl.“ Nachdem er gegangen war, sagte er zu dem Mohren: „Rufe mir den Läufer des Seraskers.“ Er rief ihn. Als er kam, sagte er ihm dasselbe. Auch der antwortete: „Sehr wohl.“ Am nächsten Tage legten die beiden Läufer den Pferden Paradeschmuck an und führten sie vor das Hotel. Er sagte zu dem Hotelbesitzer: „Suche ein gutes Pferd.“ Der antwortete: „Sehr wohl.“
Der grindige Junge bestieg das Pferd des Großvezirs, auf das des Seraskers setzte sich sein Soldat, auf das des Hotelbesitzers der Mohr. Dann ritten sie spazieren. Als sie während des Rittes vor dem Palast des Padischahs vorbeikamen, fiel das Auge der Tochter des Padischahs auf sie. Sie fragte den Posten vor der Tür: „Wer sind die? Frage einmal.“ Der Posten fragte den Diener: „Wer sind die?“ Der antwortete: „Das ist der Sohn des Padischahs von Indien.“ Inzwischen wurde es Abend. Als der Padischah in sein Schloß kam, sagte seine Tochter: „Vater, ist der Sohn des Padischahs von Indien gekommen?“ Der Padischah sagt: „Nein, wenn er gekommen wäre, müßte ich es erfahren haben.“ Sie antwortete: „Als er heute hier vorbeiritt, habe ich ihn gesehen und zum Posten gesagt: ‚Frage, wer das ist!‘ Der Posten fragte und sagte: ‚Das ist der Sohn des Padischahs von Indien‘“. Sie ließen den Posten kommen und sagten: „Du hast gefragt?“ Er antwortete: „Ja, mein Padischah, ich habe gefragt.“ Da sagte er: „Hast du gefragt, wo er wohnt?“ Er antwortete: „Nein, mein Padischah, zum Fragen war keine Zeit, sie gingen weiter.“ Da wurde der Padischah zornig und sagte: „Soviel Patrouillen und Geheimpolizisten haben wir, und die ahnen nichts davon, daß der Sohn des Padischahs von Indien gekommen ist?“ Er ließ schnell einen Menschen kommen und ließ den Sohn des Padischahs von Indien aufsuchen. Sie fanden das Hotel und sagen dem Padischah: „Er wohnt in dem und dem Hotel.“ Da sagte der Padischah zu einem seiner Adjutanten: „Geh, rufe ihn, er soll kommen und unsere Unaufmerksamkeit verzeihen.“ Als der Adjutant kam und nach oben gehen wollte, sagte der Posten: „Es ist verboten.“ Der Mohr kam heraus und fragte: „Wer ist da?“ Der Adjutant sagte: „Wenn es erlaubt ist, möchte ich den Bej [29] besuchen.“ Der Mohr ging hinein, der Prinz antwortete: „Nein, er soll nicht kommen.“ Der Adjutant ging wieder zum Padischah und sagte: „Er hat mich nicht hineingelassen.“ Der Padischah dachte: „Er ist zornig, weil wir ihm nicht entgegengegangen sind. Deswegen ist er ärgerlich.“ Er ging zum Großvezir und sagte: „Rufe du ihn, er möge kommen.“ Er ging, wurde aber wie der Adjutant nicht hineingelassen. Da sagte der Padischah zum Scheich ul Islam: „Geh du hin. Wenn er nicht kommt, werde ich hingehen.“ Der Scheich ul Islam ging hin. Wieder sagte der Posten: „Es ist verboten.“ Der Mohr kam und fragte: „Wer ist da?“ Da sagte er: „Ich bin der Scheich ul Islam. Wenn es erlaubt ist, möchte ich eintreten.“ Der ging und sagte dem Grindköpfigen: „Der Scheich ul Islam ist gekommen. Darf er eintreten?“ Der sagte: „Ja, er mag kommen.“ Der Scheich ul Islam trat ein. Der Grindköpfige stand auf. Der Scheich ul Islam ließ ihn sich hinsetzen, begrüßte ihn und fragte ihn nach seinem Befinden und sagte: „Wie geht es deinem Vater, ist er gesund?“ Er sagte: „Es geht ihm gut, er läßt euch grüßen.“ Der Scheich ul Islam sagte: „Dein Vater ist ein sehr guter Mann. Er war mein Schulkamerad.“ Nachdem sie sich gegenseitig nach ihrem Befinden erkundigt hatten, sagte der Scheich ul Islam: „Komm doch, bitte. Unser Padischah wünscht dich zu sehen.“ Da sagte der Grindköpfige: „Ist das bei euch so Sitte?“ Der antwortete: „Was verlangst du?“ Er antwortete: „Ich verlange eine Regimentskapelle und ein Regiment Kavallerie.“ Er ging zum Padischah und sagte es ihm. Der antwortete: „So soll es sein.“ Alle Vezire holten ihn mit Ehrenbezeugungen in den Palast. Sie unterhielten sich im Palast bis zum Abend. Alle Anwesenden entfernten sich. Als sie allein waren und nur der Padischah und der Grindköpfige allein waren, ging die Tochter des Padischahs spazieren. Sie war in den Grindköpfigen verliebt, nimmt ein Tuch und schickt es durch eine Sklavin zu ihrem Vater. Damals herrschte die Gewohnheit, wenn ein Mädchen sich in jemand verliebt hatte, so schickte sie ihm solche Zeichen. Der Padischah verstand, daß seiner Tochter der Grindköpfige gefiel. Der Padischah dachte nach. Da sagte der Grindköpfige: „Mein Padischah, woran denkst du?“ Der erklärte ihm die Sache. Dieser sagte: „Sehr wohl, mein Padischah, aber ohne die Erlaubnis meines Vaters und meiner Mutter geht es nicht.“ Der Padischah sagte: „Ich werde an deinen Vater und Mutter schreiben, um die Erlaubnis zu erlangen. Ich werde einen Brief mit der Post schreiben.“ Der antwortete: „Wenn ich nicht selber hingehe, ist es unmöglich. Nach drei bis fünf Monaten werde ich hingehen und die Erlaubnis holen und wiederkommen. Dann mag es sein, wie du gesagt hast.“ Der Padischah: „Es ist nicht nötig, daß du selber hingehst.“ Er schrieb einen Brief und gab ihn dem Tataren. Der stieg auf den Dampfer und fuhr nach Indien. Eines Tages kam er in Indien an, ging zum Padischah und gab den Brief dem Padischah. Der Padischah saß in der Versammlung, öffnete den Brief, sah ihn an, legte ihn wieder in den Umschlag und steckte ihn in die Tasche. Als er am Abend nach Hause gekommen war, las er ihn und lachte. Seine Frau sagte: „Was lachst du?“ Er sagte: „Irgend ein junger Mann ist zum Padischah gegangen, hat ihn überredet, daß er der Sohn des Padischahs von Indien sei. Der ist bereit, ihm seine Tochter zu geben. Der junge Mann hat uns als seine Eltern angegeben und gesagt, daß es ohne unsere Erlaubnis nicht anginge. Der Padischah hat deswegen an uns geschrieben. Was soll man da tun?“ Seine Frau sagte: „Das ist ja gut. Ohne uns zu sehen, hat er uns als Eltern angenommen. Deswegen wollen wir, indem wir sagen: ‚Sehr gut, wir sind damit einverstanden‘, morgen einen Brief schreiben und von dem, von meinem Vater ererbten Vermögen einen Dampfer ausrüsten und als Geschenk schicken.“ So taten sie. Das Schiff mag nun nach Stambul gehen! Unsere Geschichte kehrt jetzt zu dem Grindköpfigen zurück. Seitdem der Dampfer nach Indien gefahren war, hatte er keinen ruhigen Schlaf gehabt. Was sollte er machen? Er schlief nicht, in dem Gedanken: „Wenn sie sagen, der Sohn des Padischahs von Indien hat keinen Sohn, werden sie mich sofort töten.“
Der Dampfer kam nach Stambul, seine Pfeife ertönte. Der Grindköpfige wußte nicht, was er tun sollte, und ging ans Fenster indem er dachte: „Ich werde mich aus dem Fenster stürzen, dann bin ich wenigstens tot.“ Die Posten ließen ihn aber nicht an das Fenster. Der Tatar kam und gab den Brief dem Padischah. Der Grindköpfige stand Todesqualen aus. Der Padischah las den Brief und sagte: „Siehst du, dein Vater hat die Erlaubnis gegeben.“ Der Grindköpfige sagte: „Dann ist die Sache erledigt. Mein Vater hat zu befehlen.“ Der Padischah sagte: „Die Hochzeit soll stattfinden.“ Nachdem vierzig Tage lang die Hochzeitsfeierlichkeiten gedauert hatten, sagte der Padischah am Brautnachtsabend: „Fordere von mir, was du wünschest.“ Der Grindköpfige sagte: „Gib dem Badebesitzer in Tacht el qalà ein Paschalik, dem und dem Hotelbesitzer den Posten eines Majors und dem Mann, der die fünf Piaster gegeben hat, einen Posten.“ Der Padischah sagte: „Es soll sein.“ Der Grindköpfige wurde Schwiegersohn des Padischahs. Jetzt wollte der Grindköpfige mit seiner Frau nach Indien gehen. Der Padischah gab die Erlaubnis und sie gingen nach Indien. Als die Pfeife des Dampfers ertönte, fragte das Volk: „Was ist das?“ Man sagte: „Der Sohn des Padischahs ist gekommen. Es sollen Feste gefeiert werden und die Bevölkerung soll ihm entgegen gehen.“ Die alten Leute sagten: „Hatte der Padischah einen Sohn? Das ist nicht sein Sohn.“ Trotzdem gingen sie ihm entgegen und führten ihn ins Schloß. Dort lebten sie vergnüglich.
20. IM ALTER ODER IN DER JUGEND?