Tunisias Johann Ladislav Pyrker's sämmtliche Werke (1/3)
Part 9
Gleich dem brausenden Sturm flog jetzt der Römerbesieger, Hermann, mit seinem Gefolg', aus Amerika's Fluren herüber: Denn ihn lockte des Kampfes Getös' mit freundlichem Wohllaut. Wie der muthige Falk', auf Beut' erpicht, in des Himmels Blauem Gezelt nun auf sich schwingt, nun eilender abwärts Fleugt, im wogenden Gras' und im schaurigen Dunkel des Fruchthains Sie zu erspäh'n: so erforscht' auch Hermann das Lager. Sein Haupthaar Quoll aus dem duftigen Helm ihm golden herab auf den Nacken, Und des Ur's aufstarrende Mähn' umfing ihm die Schultern. Muthig schwang er die Keul', und aus trotzigbläulichen Augen Sah er herab, die jetzt, gleich flammenden Sternen, erglänzten: Schauend Germania's Volk und den schlummernden Kaiser, des Volkes Edelsten Hort. Er haucht' ihm, genaht, die erregenden Wort' ein: »Ruhig schlummerst du hier im Kreise der Helden, Erzeugter Meines gewaltigen Stamms! Von den fernen Meeren herüber Kommen die Bothen des Siegs dir spät. Ich künde den Sieg dir Nun zur Freud', und zugleich den Jammer der Wilden, zur Trauer. Dein ist die Herrschaft der Welt: nie wendet die leuchtende Sonne Mehr die Blicke von deines Reichs endlosen Gefilden. Schon dient Mexiko dir; nun bändigt Peru, das Goldland, Deß' unschuldiges Volk der Sonne Kinder sich dünket, Dein Pizarro.[42] Er nahm Atahualba gefangen, den Inca, Und erwürgt ihn vielleicht: nicht hunderttausende scheuend, Nicht Millionen Volk's, von wenigen Tapfer'n umgeben, Wild, und grausamgesinnt. O, hemme die wüthende Blutgier Jener Verblendeten, die in dem Wahn, Halbmenschen zu würgen, Also freveln! Ich sehe dein Herz erbeben dem Jammer, Den die Ferne dir birgt. Ein gottbegeisterter Priester Deines Volks,[43] der Kränz' erlesensten würdig, bewaffnet Sich mit erhabenem Muth, die armen, ein rettender Anwald, Kühn zu beschirmen: ihn höre: so wird unsterblicher Ruhm dir. Schlummere ruhig und süß, in dem Kampf dir nah' ich ein Helfer!« Dann aufschwang er sich rasch in die Lüfte: das tosende Lager Hier zu erforschen, und dort des Feindes gewaltige Heersmacht. Aber der Kaiser stöhnt' in dem Schlaf'; erhob von dem Boden, Staunend, das Haupt, und sprach halbleise die Worte des Kummers: »Künden, düsterer Ahnung vereint, auch Träume so schrecklich, Meiner Krieger unmenschliche Wuth? Führ't, günstige Wind', ach, Schnell das ernste Geboth der Schonung und christlichen Sanftmuth, Das ich gesandt in dem eilenden Schiff, zu dem fernen Gestad hin!« Lispelte so, und versank von neuem in lieblichen Schlummer.
Jetzt nach gehaltener Rast erhoben sich wieder die Krieger: Dürres Reis, und die Trümmer längstgestrandeter Schiffe, Tragend herbei, unzählige Flammen im Feld zu empören. Wie die Sternenheer' erglüh'n am nächtlichen Himmel, Glänzten die Lagerfeuer umher. Da knüpfte der Reiter Sorglich das Pferd an den Pflock, und both ihm den Hafer im Vollmaß; Oder er brachte vom rieselnden Born, in räumigen Kübeln, Ihm die erfrischende Fluth. Nicht enthob er ihm jetzo den Sattel, Wie daheim, als ihm versiegte der Schweiß nach dem Ritte: Denn in dem Felde gebeut des Augenblickes Entscheidung, Fertig zu stehen zur Wehr' und zum raschvorstürmenden Angriff. Andre besorgten den Brüdern das Mahl. Des eisernen Kessels Rußigen Bauch umschlang die Loh', und die emsigen Krieger Hatten das Reismus gar gekocht, die Hämmel gebraten, Und vertheilet den Wein mit dem wohlernährenden Kornbrot Jeglichem treu und gerecht. Bestrahlt von der freundlichen Flamme, Schmaus'ten sie dort, und wechselten stichelnden Scherz und auch Possen, Lautem Gelächter vermengt, und kriegerischtönenden Liedern. Also war auftobender Lärm und Getös' in dem Lager. Aber, gesondert im Kreis', kaum achtend des Mahles und Trunkes, Oder des herzerfreuenden Worts, ergaben die Einen, Heißerpicht auf Gewinn, sich dem trüglichen Locken der Würfel: Schüttelten erst in der hohlen Hand die klingenden lang' fort, Warfen sie dann querhin auf den weitgebreiteten Mantel, Sah'n, und zähleten laut die gewinnaufweisenden Augen. Andre langten die Karten hervor, vieljährigen Ansehns (Hätt' ein Fremder doch kaum den Buben vom König, die Grünen Kaum von den Rothen erkannt) vertheilten die klebenden Blätter, Netzend oft mit der Zunge den Daum, von der Linken zur Rechten, Allen umher, und spieleten Brand, und Bettel, und Mordbrand, Mit aufschlagender Faust und fröhlichem, lautem Gelächter.
Sieh', in dem einsamen Zelt, entfernt von fröhlichen Menschen, Lag Toledo, verwundet am Arm; doch blutet' ihm heißer Noch die Wund' in der Brust, versetzt vom grausamen Schicksal, Das ihn so furchtbar jüngst der edelsten Gattinn beraubte. Jen' empört' um ihn her die schwarzen Gebilde des Unmuths. Grimmig umdrängten sie ihn, und weckten in seinem Gemüth nur Angst und Verzweiflung: er lag, erblindet bei offenen Augen, Dort auf dem Lager, und starrt' in die Nacht, und stöhnte vor Jammer. Jetzt anlandete Kurd mit dem Kahn, und flog nach dem Lager, Eilenden Laufes, herab. Ein »Wer da?« scholl ihm entgegen: »Gut Freund« gab er zurück, und frug nach Toledo, dem Feldherrn. Aber gewahrend des Mauren Tracht, und feindlicher Arglist Denkend, führeten ihn zwei tapfere Krieger mit Vorsicht Nach Toledo's Gezelt. Nun, dort den Leidenden schauend, Wollten von seiner beklommenen Brust sich die Worte des Trostes Lange nicht lösen. Er stand, erschüttert, und leise begann er: »Hugo's Worte vernimm: »»Wenn hoch an dem Himmel der Vollmond Strahlt, da berg' ich in Grabesnacht, errettet, Mathilden!«« Und ich lenke dich dann zur Felsenhöhle des Oehlwalds.« Forschend irrte Toledo's Aug' an dem seltsamen Fremdling Auf und nieder: er sann, in düstere Träume verloren; Aber ein leuchtender Blitz auf des Jammers nächtlichem Irrpfad War ihm die Vollmondsnacht, der Fels, und die Höhle des Waldes. Stöhnend hob er sich auf, und hing am Halse des Fremdlings, Lautaufweinend. Ein Strom von glühenden Thränen benetzte Diesem die Brust; er floh zum Strand', im gleitenden Fahrzeug Heimzuschiffen, und dort der rettenden Stunde zu harren.
Sinam sah schon lang vom ragenden Thurme Goletta's Nach dem feindlichen Lager hinaus, und erbebte den Feuern, Welch' unzählig umher aufloderten. Wie auf des Meeres Sturmempöreter Fluth die, aus Wolken brechende Sonne, Plötzlich die Wogen entflammt, daß sie endlos, hüpfend, erblitzen: Also erschienen ihm dort die Lagerfeuer, unzählbar, Und er dachte für heut' auf keine entscheidende That mehr. Unmuthsvoll erforschte sein Herz der Hunnen Beherrscher Attila; flog um ihn her, und reitzt' ihn mit stachelnden Worten: »Sinam, unkriegerisch, träg, und feig', erbebst du den Feinden? Wie, ist dem furchtbar'n Ueberfall nicht günstig die Nachtzeit, Der, verderbender oft als blutige Schlachten, dem Gegner Jammer gebiert? Wie schwach erscheinst du dem Volke; wie haßt dich Hairaddins Seele hinfort, der dir vertraute mit Unrecht!« So vernahm, im Geist, die dräuenden Worte des Geistes Sinam, und blickte, verwundert, umher: wer also gesprochen? Doch er fand sich allein; besann sich der Angst, und es färbte Schnell sein blasses Gesicht der Scham hellröthendes Feuer. Jetzo murmelt' er leis': »Ich, Thor, vergrüble die Zeit hier Müßig. Wohlan, der kühne Gedank' -- er werde zur That jetzt!« Sagt' es, und kam, und sprach zu Giaffar glühenden Blickes: »Giaffar, stets entflammt dir die Brust die Heldengesinnung, Daß du nicht Tausende scheu'st, wenn rings umdrängender Gegner Schlachtruf schallt, und, empört, der Waffen Getümmel ertönet! Siehe, schon schwinden umher die Lagerfeuer des Feindes, Und schlaftrunken, vom Weine betäubt, hinsinken die Feigen! Auf, wir stürmen in Hast mit den Janitscharen das Lager, Und erwürgen das wehrlose Volk in dumpfer Betäubung!« Jener begann: »Ha, nicht unwichtige Thaten ersinnst du, Schlachtenerfahrener Greis! Bald tilgt, entsetzlich, im Nachtgrau'n Unser Eisen die Schlummernden. Zwar in der Helle des Tages Mir ersehnt' ich den Kampf, nicht auf nachtumhülleten Pfaden; Dennoch will ich dir folgen: gebieth', und ich ordne die Scharen.« Sinam geboth: aufflogen die mächtigen Thore Goletta's, Und die gerüstete Schar zehntausend muthiger Krieger Drang, von Sinam geführt, und Giaffar, eilenden Laufes, Jetzt an die Wälle heran. So weit, als ehrner Drometen Klang dem Horchenden tönet im Feld, noch waren die Krieger Von dem Lager entfernt: da duckten sich alle zum Boden (Sinam geboth's) und schlichen, gebückt, gleich listigen Füchsen Welch', einkrümmend die Ruthe, mit weitvorgreifenden Pfoten So, daß am Gras' ihr Bauch hinstreift, den stillen Gehöften Nahen bei Nacht, um dort die befiederten Schläfer zu fahen. Jetzo, der Vorhuth nah', aufsprangen die Scharen, und furchtbar Tönete Allah-Geschrei, entsetzlich der Stürmenden Schlachtruf, Und, dem Säbelgeklirr vermengt, das Schmettern der Büchsen. Aber nicht schliefen die Schützen Tyrols: sie wachten, der Pflicht treu, Als die erlesene Huth an dem Graben, und weckten im Lärmschuß Eilig, den Wall entlang, die kühnen Gefährten zum Kampf auf.
Giaffar stürmte der erst', und hieb dem kühnen Ramiro, Führer des Schützenvolks, die Stirn' entzwei mit des Säbels Sausendem Schlag: er sank, und verhauchte das Leben. In Trident Sah er im Handlungshaus, an der Seite des grauenden Vaters, Reichthum die Fülle gehäuft, der köstliche Waaren des Ostlands Vom venediger Freunde bezog, und versandte nach Deutschland; Aber ihn lockte zum Kampf gar mächtig der Kriegesdrometen Schmetternder Klang, auf Afrika's fernen Gefilden, und freudig Hofft' er, mit Siegeslorbern geschmückt, die heimischen Fluren Wieder zu schauen, und dort die Tage der schöneren Zukunft; Doch ihn ereilte des Todes Geschick, und lachenden Erben Wurden die Güter zu Theil des, in Gram hinschwindenden Vaters. Giaffars schreckliche Kraft, verstärkt von kühnen Gefährten, Würgt' auf dem Wall noch drei tyrolische Schützen vom Innthal -- Brüder, und stets in dem Heere genannt »das rühmliche Kleeblatt«: Denn, als Jörg, der jüngste, zu Freundsbergs[44] Fahne geschworen, Eilten auch Günther und Jost ihm nach, zu schwören den Kriegseid Vor dem Vater des Volks, Freundsberg, dem Jeglicher hold war. Immer hielten sie treu und fest zusammen im Leben, Und wo im eisernen Felde Gefahr den einen bedrohte, Bothen die andern die Brust zum Schilde dem Bruder, und dachten, Liebend, des Bruders allein. Am herrlichen Tag vor Pavia Knüpft' an die Heldenbrust der Tapfern ein ehrendes Zeichen Freundsbergs Hand; doch jetzt im nächtlichen Grau'n, an des Grabens Weitaufgähnendem Schlund verhauchten sie, kämpfend, das Leben. Also hätt' in dem Ueberfall noch viele der Christen Tod und Verderben ereilt, und der Feind erstiegen die Wälle; Aber da brach Hardwin, der tapfere Führer der Schützen, Hohes beschließend im Geist, durch Reihen der Gegner. Er hatte Sinam erseh'n, der vor- die Würgenden trieb. Ihn zu tödten -- So von den Brüdern zu fernen die Noth, vorbraust' er, und zückte Rasch auf Sinam das Schwert. Doch Giaffar, schauend des Feldherrn Grause Gefahr, entboth die Seinen sogleich, und sie flogen Jenem zu Hülf'. Zwar fiel der Schützen gewaltiger Feldherr, Salis, mit eiliggeordneter Macht dem Feind in den Rücken -- Drängt' ihn zurück von dem Wall, und häufte Leichen auf Leichen; Aber es wühlten in Hardwins Brust unzählige Säbel Schon: der Tapfere sank, und lächelte heiter im Tod noch.
Rogendorf, der stattliche Feldzeugmeister des Heeres, Hörte des Kampfes Getös'. Er saß in dem einsamen Kriegszelt, Trauernd noch stets um den Freund, den ihm entriß das Verhängniß; Doch, wenn Schlachtruf scholl, und ihn hieß, unzähligen Feinden Kühn entgegenzusteh'n: da blitzt' aus den finsteren Wimpern Ihm der Muth, da brachte sein Wink dem Feinde Verderben. Eilig erstieg er den Wall, und geboth dort jeglichem Wurfschütz, Fertig zu harren des Winks zu feuern, mit mächtiger Stimme: »Männer, vor allem gebeut uns die Nacht, dem Donnergeschütz erst Ein untrügliches Ziel zu ermessen im finsteren Blachfeld. Werf't aus dem Haubitzrohr Leuchtkugeln, sausenden Fluges, Ueber die Feinde hinaus, zu erhellen die Gegend, und furchtbar Wüthe sogleich das Donnerrohr in die wimmelnden Scharen.« Sinnig erfand erst jüngst die erleuchtenden Kugeln der Feldherr: Mengte den Salzen Harz, und Schwefel und Kohle dem Spießglas; Dann umhüllt' er mit Werg das Gemeng', und rundete solches. Jetzo des Brandrohrs Saum mit der brennenden Lunte berührend, Warf der Schütz aus dem Haubitzrohre die leuchtenden Kugeln Weit in die dunkeln Gefilde hinaus: sie erhellten, dem Mondlicht Aehnlich, die Nacht. Wie entzündete Luft, urplötzlichen Fluges, Schimmernden Sternen gleich, durchzieht den nächtlichen Himmel; Oder vom lärmenden Kreis' der Jünglinge, tönend dem Faustschlag, Ein gewaltiger Ball, den Rindesblase geschwellt hat, Stolz in die Luft sich erhebt, dann senket: so flogen die Kugeln Ueber dem Feinde dahin. Er staunte dem Wunder, und jetzo Faßt' ihn erschütternde Furcht, als rings erhellet die Nacht war, Die verrätherisch ihn preisgab nie geahntem Verderben. Doch schon winkete Rogendorf: da brüllten auf einmal Dreißig Schlünde vom Wall. In die wimmelnden Haufen geschleudert, Warf der Achtzehnpfünder entsetzliche Wucht aus den Gegnern Hundert zu Boden: die andern entfloh'n nach der Veste Goletta, Schreiend, in keuchender Hast, nicht hörend die Stimme der Führer -- Sinams Stimme nicht mehr, nicht Giaffars, die in dem Nachzug, Einend das kühnere Volk, dem raschverfolgenden Gegner Bothen die Stirn': denn Salis, der kühnen tyrolischen Schützen Tapferer Hort, nachbrauste den fliehenden Feinden, dem Sturm gleich, Der auf der Heid' im Herbst die bärtigen Disteln dahinjagt, Und er kehrte nur spät von der blutigen Feindesverfolgung.
Jetzt, vom Schlummer geweckt durch Kampfgetümmel und Schlachtruf, Sprang der edelste Kaiser voll Hast vom nächtlichen Lager, Nahte dem Wall, und sah, wie Rogendorf nach dem Feind hin Sandte des Todes Geschoss'. Er winkt' ihm lohnenden Beifall, Und begann vor Salis, und seinen Gefährten voll Huld so: »Eure Stirn' umkränze des Ruhms niewelkender Lorber! Muthig hab't ihr gekämpft: vor euren zerschmetternden Büchsen Floh'n in Eile die Feinde davon. Zum Lohne des Sieges Sollt' ihr auf jenen, so stolz sich erhebenden felsigen Höhen, Wo in Karthago's rühmlicher Zeit die mächtige Hochburg, Byrsa[45] stand, aufpflanzen die Fahn', und den Lagergenossen Stehen zur Huth auf der weitumschauenden Warte des Landes.« Und er kehrt' in das Lager zurück. Doch jauchzenden Rufes Klommen, von Salis geführt, die tapferen Bergebewohner Jetzo die Felsen hinan. Gern weilt der sinnige Bergfreund Auf den luftigen Höh'n, wo er all' dem niedrigen Treiben, Drängen, und Sorgen der Erd' entrückt, des Himmels Gefilden Näher, so frei und selig sich fühlt; wo das sehnende Herz ihm Höher im Busen schwillt: da er bald des wölbenden Aethers Dunklerer Bläue staunt, bald tief in den schwindligen Abgrund Starrt, und, mit Thränen im Blick des Waldstroms silberne Fluthen Eilen sieht, und des schnellentfliehenden Lebens gedenket. Ach, der Gebirgssohn hängt mit kindlicher Lieb' an der Heimath! Wie, den Alpen geraubt, hinwelket die Blume: so welkt er, Ihr entrissen, dahin. Stets sieht er die trauliche Hütte, Die ihn gebar, im hellen Grün umduftender Matten: Sieht das dunkele Föhrengehölz, die ragende Felswand Ueber ihm, und noch Berg' auf Berg' in erschütternder Hoheit Aufgethürmt, und glühend im Rosenschimmer des Abends. Immer schwebt es ihm vor -- verdunkelt ist alles um ihn her! Aengstlich horcht' er. Ihm däucht: er höre vom nahen Gehölz her Wieder das Muhen der Küh', und hoch von den Alpen herunter Glöcklein klingen. Ihn däucht: er höre das Rufen der Hirten, Oder ein Lied der Sennerinn, die, mit umschlagender Stimme, Freudig zum Wiederhall aufjauchzt Melodieen des Alplands. Immer tönt es ihm nach. Ihn fesselt der lachenden Ebnen Anmuth nicht; er fliehet der Städt' einengende Mauern, Einsam, und schaut, aufweinend, vom Hügel die heimischen Berghöh'n: Ach, es zieht ihn dahin mit unwiderstehlicher Sehnsucht!
Aber im Osten schwebte der Mond mit strahlendem Antlitz Ueber die Berg' empor. Auf des Meeres fernen Gewässern Schwamm sein zitterndes Licht; er hellte des säuselnden Waldes Dunkelen Saum, und goß den silbernen Schleier, aus Aethers- Dufte gewoben, umher auf den sanftentschlummerten Erdkreis.
Siebenter Gesang.
Drüben am östlichen Himmelsthor erglühte der Morgen. Schaurig wehte der Wind, und fuhr mit eisigem Odem Ueber das Heer. Von dem lockigen Haupt und dem Mantel des Kriegers Träufelte fort und fort der Thau gleich schimmernden Perlen, Und verwandelt' in Grau die dunkele Farbe der Rosse, Die, von Dampf umhüllt, mit schlotternden Seiten sich drängten: Denn so glühend die Luft sich bei Tag auf Afrika's Fluren Senkt, so ergreifend haucht sie den Frost aus der schwindenden Nacht her.
Dort nach dem Felsenhorst, den erst zum Lohne des Kampfmuths Sich errangen die Schützen Tyrols, erhob sich der Kaiser Jetzo mit Ludwig allein. Er schwieg. Die umdüsterte Vorzeit Schwebte ihm vor: denn, ach, er trat Karthago's Ruinen! Aermliche Dörfchen gewahrt' er nur: El-Mersa, und Melcha Näher dem Meer' -- entfernter: Sidji-Mosaid, und Darilschut, Ruhend, Oasen gleich, auf Karthago's wüsten Gefilden. Stille herrschte umher in den Hütten des flüchtenden Volkes: Denn o, furchtbar droht, und furchtbarer jede der Stunden Vor dem nahenden Feindesheer' in entsetzlicher Kriegszeit, Wenn, entrissen dem Schirm der väterlichwaltenden Obmacht; Hingegeben empörter Gewalt, unbändiger Willkühr, Und unleidlicher Schmach, der Mensch nach Rettung umherschaut: Jetzo der Gegenwart, dann wieder der nächtlichen Zukunft Schrecken ihn faßt, und vernichtende Angst ihm raubt die Besinnung! Als sie erklommen des Felsens Höh'n: da schwebte die Sonne Aus dem glühenden Meer mit rosenumhülletem Antlitz Freundlich herauf. Ihr hauchten die Fluthen, ihr dampften die Berghöh'n Lieblichen Opferduft empor; sie grüßten die Fluren, Funkelnden Blicks, und, freudigen Lautes, die Hain' und die Wälder.
Nicht, wie sonst, erfüllte des holderwachenden Morgens Schimmer des Kaisers Brust mit Wonne der seligen Geister: Denn beklemmt war heute sein Herz, und düstere Schwermuth Hüllt' ihm die Stirn' in Nacht: er dachte die Tage der Vorwelt. Sinnend irrte sein Blick von der steilabstürzenden Felswand Nach den schimmernden Fluthen hinaus; der säuselnde Frühwind Wiegt' am Nacken sein lockiges Haar, und wiegte des Mantels Wogenden Saum. Nun setzt' er, entfernt von des Lagers Getümmel, Sich auf den moosigen Stein, und sprach zu dem horchenden Jüngling: »Siehe, so ferne dein gieriges Aug' erforschet die Fluren, Rings den Felsen umher, wo Byrsa, die eherne Burg stand, Lag Karthago, hehr, weitherrschend und mächtig verbreitet! Aber nicht kündet der kärgliche Schutt, umwuchert von Mooswuchs, Wo die Herrliche stand, und mit Staunen erfüllte den Erdkreis. Wehe, sie sank, des blühenden Reichs gewaltige Hauptstadt, Sie, der eisernen Roma zum Trotz, noch die Zierde der Welt, sank! Blut durchströmte die Straßen umher; die prasselnde Flamme Wüthete rastlos fort: im Schutt versiegte die Wuth nur. Aber es lebt die Erhabene noch in der Kunde der Nachwelt. Hehre Begeisterung schwellt den Busen des Sängers; nicht fremd mehr Ist ihm des Helden Sinn, nicht die That, aus jenem geboren: Ihr ertönt sein Gesang in vielfachwechselnden Weisen, Die jetzt, brausenden Stürmen gleich, erschüttern des Hörers Pochende Brust, und jetzt, wie liebliche Lüftchen des Abends Säuselnd im Veilchenbeet, ihr sanfte Wonne gewähren. Ha, Karthago lebt, und ewig ertönet ihr Nachruhm: Meererforscherinn, Städt'- und Völkergründerinn heißend; Lebt durch Hannibals Ruhm, des mächtigen, eidesgeweihten, Furchtbar'n Rächer des Vaterlands, und blühet für immer Ob dem erschütternden Muth: verschmähend die schimpfliche Knechtschaft, Unterzugeh'n, auch im Falle noch groß, in würdiger Freiheit! D'rum erhebe dein Herz, dem Guten und Wahren dich weihend: Denn sie allein entführt der Zeit fortrollende Fluth nicht, Und, umschwebend die Welt in ewigdauerndem Kreislauf, Reichen sie dir zum Lohne den Kranz nie welkender Blüthen.« Jetzt erhob er sich schnell, nach dem Lager zu kehren. Auch Ludwig Säumte nicht; doch ihm quoll die Thrän' aus den blitzenden Augen: »Wohl ist es schön,« so sprach er, »im Lauf enteilender Zeiten Ueber der niedrigen Fluth, emporgehoben, zu stehen, Und zu erringen den Kranz gefeierter Helden der Vorwelt; Doch, ach, mich entreißt die sorgliche Liebe des Herrschers Jeder Gefahr, und ruhmlos schwindet mir Leben und Thatkraft!« Freudig erklang des Jünglings muthige Rede dem Kaiser, Und er entgegnet' ihm so: »Schon nahet die Stunde, wo, kämpfend, Du in dem eisernen Feld die Schrecken der Schlachten bestehen, Und als Sieger, umjauchzt von tapferen Kriegesgefährten, Kehren, oder im Kampf erliegen sollst für die Rettung Tausender: ein's wie das and're erhebt; doch leitet die Vorsicht Dich nach der Heimath zurück, dort blühet ein schöneres Feld dir Ewigen Ruhms: durch Herrscherweisheit im Segen zu walten Ueber ein glückliches Volk, und, also der Mit- und der Nachwelt Frommend, im Segen zu seyn den spätesten Menschengeschlechtern.«
Hannibal horchte mit Lust, wie ihn ehrte der mächtigste Herrscher. Seit er dem irdischen Leben entrückt, unmuthigen Herzens, Weilt' im dunkelen Raum des nachtumwölbenden Erdballs, Sah er zum erstenmal die trauten Gefilde der Heimath Wieder. G'en Zama[46] hinaus erhob er die glühenden Augen, Starrt', und ballte die Faust des Jammers Gebilden entgegen: Denn noch sah er die Miethlinge fliehn; durchbrochen die Reihen Seines Volks, und, empört, die schreckliche Schar Elephanten Wüthen im eigenen Heer -- entrissen auf immer den Sieg ihm: Sah's, und wandte sich schnell nach Karthago's Stätte hinüber. Aber wohin entschwand die Herrliche? Neidischverschlungen Hatte der Strom der Zeit auch die letzten Maale des Ruhmes. »War auch sie mit dem Römer im Bund'?« So seufzt' er, und hob sich Eilig den Felsen hinan. Dort hört' er unsterblicher Thaten Seelenentzückendes Lob aus dem Munde des edelsten Kaisers: Ihm von der Stirn' entfloh'n des Unmuths düstere Wolken; Heiterer blickte sein Aug', und der Groll, vom Römer empöret, Schmolz aus seiner besänftigten Brust, wie schimmernder Frühreif Schmilzt im sonnigen Strahl. Schon dacht' er, den Christen ein Helfer Künftig im Kampfe zu steh'n: da naht' ihm jener im Eilflug. Regulus sah auf den Felsenhöh'n um seinen Erwählten Hannibals dräuende Näh', und wähnte: verderbende Täuschung Sinn' er, ihm dort in die argloshorchende Seele zu hauchen. Wie aus dem sonnigen Thal der rauberspähende Kondur -- Er, der Riese des Geiergeschlechts, in sausender Schnelle Hoch empor sich schwingt zu dem Wolkennest, zu erforschen: Ob nicht Gefahr dort drohe den kreischenden Jungen? so naht' er, Jetzo dem Kaiser im Flug, und wachte mit liebender Sorgfalt, Wie er die Listen vereitle durch List, und vernichte die Täuschung. Hannibal schnob, erneut vor Zorn: mit dräuenden Blicken Schwebt' er davon, und sann dem Christenheere Verderben. Doch in die Zeltenstadt heimkehrte mit Ludwig der Kaiser.