Tunisias Johann Ladislav Pyrker's sämmtliche Werke (1/3)
Part 7
Jetzt an dem Halbeiland, Karthago's verödeter Stätte, Wogten die Schiffe vorbei: beklemmende Schauer erfüllten Jegliche Brust, und Stille herrscht' am Bord und im Schiffsraum; Eileten erst an dem Salzthurm hin: von der reichlichen Salzfluth Also genannt, die im Schooß der thürmenden Mauer emporwallt, Dann an dem Wasserthurm, deß' silbernfluthende Kühlung Auch aus dem fernen Gefild' anlockt den dürstenden Wandrer.[39] Aber unzähliges Volk rann fort am Gestad', in der Rechten Schwingend den Speer im Geschrei der wildauftobenden Kampflust, Und schon sausten mit Donnergetös gewaltige Kugeln Her von dem Strand; doch, so wie, im garbenbeladenen Wagen Sitzend, die Schnitter fern' im Gebirg den strömenden Regen Schauen, mit lächelndem Blick, da im heiteren Glanze der Sonne Sie von dem Aehrenfeld heimführen den Segen des Sommers: So, nur lächelnd, ersah'n die Schiffenden, wie die Geschosse Harmlos sanken umher, von den schäumenden Wogen verschlungen. Doch, im Schooße der Bucht, die aus felsumstarreter Mündung Eint vor Tunis den See mit des Meeres Gewässern, erhob jetzt, Schimmernd im Morgenroth, ihr Haupt die Veste Goletta,[40] Und einhelliges Jauchzen erscholl von den Schiffen: die Krieger Sehnten sich lange nach ihr, dem Ziel' unsterblicher Thaten. Hoch in die bläuliche Luft aufragte die herrliche Festung, Und in die Fluth, die, sanftergossen, im Schimmer des Morgens Ruhete, sank ihr Bild, doch häuptlings hinunter zum Abgrund. Jetzo schwankt' es umher, da, erregt von den nahenden Schiffen, Kräuselnd, der Wellenzug nach dem Felsengestade sich wälzte, Und es ertönte zugleich der Feinde Geschrei aus den Mauern; Aber der Kaiser rief nach Doria selber hinüber: »Tapferer, send' alsbald auf zwei leichtsegelnden Schiffen, Wohlerfahrnen Führern gesellt, versuchtere Krieger, Dort zu erspäh'n die Lag' und die Stärke der Veste -- zu finden Günstigen Landungsplatz für den Reiter zugleich und das Fußvolk; D'rauf erschalle der Donnerruf zur stürmischen Landung!« Also geschah's. Weit vorwärts bog sich der Mast, und die Wellen Schäumten nach jeglichem Ruderschlag', in kräuselnden Ringen, Hinter dem eilenden Kiel. Wie zwei langhalsige Schwän' oft, Männchen und Weibchen, den silbernen Teich umrudern im Spätlicht: Jetzt, annahend dem Strand, wohlduftende Kräuter zu pflücken, Jetzo, kehrend zur Mitte des Teich's, die schimmernden Furchen Ziehen die Fluth entlang, und mit stolzergewölbeten Hälsen Ihr Gefieder, wie Schnee, den Lüftchen des Abends entfalten: Also erforschten die zween, bald nah', bald ferne dem Meerstrand, Jegliches so, wie zuvor der waltende Herrscher gebothen.
Hairaddin ging auf dem Söller der Burg, hoch über der Hauptstadt Tunis, sinnend umher. Nicht die würzigen Düfte der Blumen Ringsum schufen ihm Lust, nicht des Springborns holdes Gesäusel Reizte sein Ohr: er starrte, die Hände zum Rücken gefaltet, Stets mit trüberem Blick' auf den glänzenden Estrich vor sich hin. Wuth erfüllt' ihm die Brust: denn Omrah, der Räuber Areny's War ihm genaht an dem Abend. Ihm Siegesverheißung zu bringen, Sendet' ihn Al-Mansor; doch sah er noch fern' auf des Meers Höh'n, Wie er dem Feinde, besiegt, hinsank mit all dem Geschwader. Schnell erwürgt' er im Zorn den jammerverkündenden Bothen. Doch nun kam ein Sclav', und rief, zur Erde sich beugend: »Herr, die Christen sind da! Nicht nährt des ragenden Oehlwalds Grund der Bäume so viel', als feindliche Maste die See trägt.« Hairaddin schnob vor Wuth: »Hinweg du feiger Geselle, Eh' dich mein Fuß zermalmt! Die Furcht erschuf dir die Gegner. Hat ihr Schiff die Schwingen des Aars und die Sehnen des Straußes, Der auf dem Sand hinfleugt, und den Preis auch dem hurtigsten Rosse Raubet im Lauf? Nicht sollst du hinfort mir lügen: hinweg -- stirb!« Jener entfloh, und stürzte sich angstbetäubt in die Fluthen. Hairaddin ging nun hastiger hin auf dem Söller; er kehrte Nun ergrimmter zurück', und sah lautknirschend zum Himmel. Aber ein Zweiter begann: »Die Macht unzähliger Gegner Wogt an dem Vorgebirg Buschatters in Eile vorüber.« Und kaum war er entflohn, da kam ein Dritter, und sagte: »Sinam kündet dir, Herr: fünfhundert feindliche Segel Hab' er gezählt von den Zinnen der Vest', und nicht alle gezählt noch. Nah' an Goletta dem Feind die günstige Landung zu wehren, Stehe versammelt das tapferste Volk; doch mächtige Scharen Harren nur deines Geboths; du winkst: sie gehorchen in Demuth. Sende daher ihm noch die erlesensten Krieger, daß jenes, Minder an Zahl, nicht im Kampf' erliege der feindlichen Mehrzahl.« Hairaddin schrie: »Erliegen meinte der Feige? So meint er? Eile, bescheide mir Giaffar her, den tapferen Aga.« Jener gehorchte; doch Hairaddin sann, und rief in den Hofraum: »Hört! Die Feldherrn all' entbiethet ihr schnell nach Goletta; Aber daß keiner verzieh': denn traun, er würd' es bereuen!« »Wie,« so murmelt' er jetzt, ergrimmt, die Worte für sich hin, »Wie, sie kommen heran, mir zu rauben das edelste Kleinod, Tunis, dieß jüngst' und theuerste Kind? Nicht Telmessan, nicht Algier Acht' ich so hoch ... Den Frevel büßen sie einst in Europa Furchtbar, wo nicht der Greis, nicht das Kind in der Mutter verschont sey!« Dann aufschrie er: »Mein Roß!« Die Mauern des hohen Pallastes Drönten hinab zu dem untersten Grund', und die bebenden Sclaven Taumelten durcheinander vor Angst. Der stattliche Läufer Stand alsbald gesattelt im Raum des hallenden Thorwegs: Glänzend schwarz, von Arabia's edelstem Schlage; der Schneeschaum Flog von dem blanken Gebiß, wie er nagt' an dem Eisen, und rastlos Scharrt' in dem Sand; wie er schnob, und bald auf den hinteren Füßen Stand, erhebend die vordern, und bald aufwiehert', und ausschlug. Aber den Feurigen hielt der Sclav' am goldenen Zaum fest; Streichelt' ihm leise den Hals, und klopft' an die Decke von Purpur, Die den Sattel umhüllte, mit Gold und Perlen verzieret. Hairaddin hob sich im kreisenden Schwung' auf das Roß, und der Reiter Hundert jagten ihm vor, so viele ihm nach, in dem Eilflug. Fernhin tönte Geklirr' und Getrab', und es bebte der Boden Unter dem stampfenden Huf' -- aufflog der flimmernde Sandstaub. Jetzt durchbraust' er voll Hast die eröffneten Thore Goletta's, Und erstieg den gewaltigen Thurm, der nahe dem Meerstrand, Auch die Mündung des See's von Tunis, erhöhet im Viereck, Schirmt: denn landeinwärts, wohl vier gemessene Meilen Dehnt sich der See, am Rand des Olivengehölzes zur Stadt hin. Hairaddin rettete dort, besorgt, viel hundert der Schiffe Noch; er hieß die Mündung des See's mit lastenden Ketten Sperren, und pflanzte Geschütz, Abwehr ersinnend, am Strand' auf. Jetzt erklomm er die Zinne des Thurms, und sah nach der Gegend, Glühenden Blickes, hinab, wo unzählige Schiffe des Gegners Deckten die schimmernde Fluth, und zwei vordringende Segler Spähten: er sah's, und finsterer Groll zernagte die Brust ihm.
Aber schon lang' umflog, dem christlichen Heere Verderben Sinnend, Muhamed ihn, und hoffte der Wünsche Gewährung, Als er das Herz erwog des thatengewaltigen Mannes. So wie im düsteren Flug, den Ohren nicht hörbar, die Nachtschwalb' Ueber uns flatternd schwebt: so flog um Hairaddin jener, Forschend, und sah ergrimmt, wie jetzt ihm der feindlichen Heersmacht Furchtbare Schau das Herz erfüllte mit nagendem Kummer. Leise dem Ohre genaht des Sinnenden, sprach er ihm Muth ein: »Solltest du beben, Hairaddin, du, ruhmwürdiger Krieger, Deß' zermalmender Kraft die Völker erzittern? Nicht denkst du: Wer das Eine nur will, fest will, der wird es erringen? Heiß den Wurfschütz dort vernichten den feindlichen Späher, Der tollkühn vordrang, und erreg' in der hohen Versammlung Deine Feldherrn. Horch, dieß kündet der große Prophet dir!« Alsbald stieg, der muthempörenden Worte gedenkend, Jener die Stufen herab, und eilte hinaus nach dem Walle, Wo der Wurfschütz saß, und gehäuft die Donnergeschosse Lagen, unferne dem ehernen Schlund. Mit Zorn in den Blicken Und in dem Laut, rief er den bombenwerfenden Söldnern: »Memmen ihr! Auf trüglicher Fluth, die Freunden und Feinden Willig den Rücken beut, erblickt ihr die feindlichen Späher: Wie sie erkunden die Furt, die Macht und die Schwäche der Mauern, Euch, ihr Feigen, zur Schmach. Zertrümmert mir eines der Schiffe -- Jenes gleich, das dort vordringt, mit euren Geschossen.« Alle zugleich, gehorchend dem zürnenden Herrscher, erhoben Brennende Lunten, und senkten sie schnell an des furchtbaren Mörsers Zündrohr. Rauch quoll auf, und, durch Rauch und Flammen sich hebend, Flogen mit Donnergetös' empor die entsetzlichen Bomben, Fünfzig Mörsern entsandt, und Geheul des reißenden Luftraums Scholl weit hin: die sinkenden wühlten vom Grunde das Meer auf, Das, aufbrausend, schäumt', und wirbelnde Wogen umherwarf. Eine gewaltige Todeslast zerschmetterte Benno's Fahrzeug. Wie in der Jahr' umkreisendem Lauf sich ein Felsblock Still losreißt von dem Gipfel des Berg's -- alsbald in den Abgrund, Laut, mit Gekrach, herrollt, und unten die dürftige Hütte, Schmetternd, begräbt, daß weder die Spur der armen Bewohner, Noch der Hütte sich weist': denn Alles versinkt in dem Steinwust: Also vernichtete hier die entsetzliche Bombe den Helden Benno mit allem Volk'. Ach, vier unmündige Kinder Ließ er in Genua's Mauern daheim mit der weinenden Mutter! Dort, in dem Heldenverein die schwankenden Bretter besteigend, Drückt' er noch einmal die Hand der zärtlichbekümmerten Gattinn, Abgewandten Gesichts, daß selbe die Thränen nicht sähe; Aber den Kindern, die ihm umfaßten die Kniee, verhieß er Baldiges Wiederseh'n, und köstliche Gaben des Ostlands; Doch nicht sollt' er den Tag erblicken der fröhlichen Heimkehr, Nicht die Kinderchen mehr, nicht die liebenswürdige Gattinn: Denn ihn deckte die Fluth mit dreißig tapfern Gefährten. Aber im Nebenschiff', umhagelt von Todesgeschossen, Floh Ulloa zurück, der Spanier, ähnlich dem Schwan dort, Der, als, schmetternd, ein Ball ihm das Weibchen entriß auf dem Schilfteich, Einsam flieht: sich fern' im dunkeln Geröhre zu bergen. Hairaddin jubelte; warf handvoll des schimmernden Goldes Unter die Schützen, und ging, in der räumigen Halle die Feldherrn Anzufeuern zum Todeskampf. Sie spornten die Rosse Blutig im sausenden Ritt: wohl kennend den schrecklichen Herrscher, Und betraten die Hall' in drängender Hast und Verwirrung.
Erst kam Sinam, der Jud'. Entschlummert am Strande des Meeres, Lag er in Smyrna, als Jüngling noch: da raubt' ihn, gelandet, Sahir, der wilde Korsar, und zwang ihn, ein Räuber zu werden. D'rauf vertauscht' er, als Mann, des Moses für Muhameds Lehren, Nur für baaren Gewinn. Stets blieb er ein Jud' in dem Herzen, Schlauen Verkehrs. Doch füllt' ein seltener Muth ihm den Busen So, daß er bald durch Kunde des Kriegs, auf der blutigen Laufbahn Schätze errang, und ihn Hairaddins Blick erkor zum Gebiether Seiner erlesensten Schar. In staunenerregender Hoheit Trat er heran; ihm floß der Bart, gleich silbernen Wellen, Tief in den Busen herab, und Ernst umhüllt' ihm die Augen. Dragut kam, der Kilikier, der, ein Schrecken der Gegner, Nur der »Satanbändiger« hieß im Munde des Volkes. Stets in dem schwarzen Gesicht, dem häßlichen, dreht' er die Augen, Spähend, umher, und nagt' an seinen gedunsenen Lippen, Heimlichen Grimms, der auch an der zuckenden Wange sich kund that. Doch nun füllt' ihm die Brust noch heißere Wuth: für Mathilden Kam er entbrannt daher, Toledo's herrlicher Gattinn, Die dem edeln Gemahl, mit der himmlischreinen Gesinnung, Treu bis zum Tod, des Wüthrichs Gier gewahrte mit Abscheu. Ihm nachschritt der Bascha von Laodikea, Tobukes, Der das Fußvolk lenkt' in dem Heer'. Er haßte den Herrscher, Hairaddin, da er ihn minder geehrt als Sinam, und er war's, Der ihm ersiegte den Thron von Algier in blutiger Feldschlacht. Rache kochte sein Herz; doch treu dem falschen Propheten, Nahet' er jetzt, entschlossen die christlichen Völker zu tilgen. Salek brauste herein, der Ionier, der in der Heer'smacht Hairaddins reisigem Volk' obherrscht'. In Syriens Wüsten Lenket' er einst, als Scheik, raubsüchtige Horden, und häufte Fülle des Golds, Karavanen plündernd unseliger Pilger. Wohl, in dem heimlichen Ueberfall die Feinde zu morden, So wie im Grauen der Nacht Verwirrung zu schaffen, und Jammer, Hatt' er gelernt, und Hairaddin rief den Kühnen zum Kampf' auf. Aber auch Giaffar kam, der Aga der Janitscharen, Stattlichen Gangs. Die flammenden Augen erhellten sein Antlitz, Das ihm die Herzen gewann, voll blühender, männlicher Schönheit. Spielend, ein Ries' an Kraft, vermocht' er des brüllenden Stieres Haupt, mit dem sausenden Stahl', auf einmal vom Rumpfe zu hauen; Oder er faßt' ihn am Horn, erhob ihn, und warf ihn zu Boden: Tobt' er auch noch so ergrimmt. Er griff in die Speichen des Rades, Rollte der Wagen dahin, von feurigen Rossen gezogen -- Stand, und hemmte das rollende Rad, und hemmte die Rosse: Dennoch war er so mild, als tapfer- und edelgesinnet. Jetzo mit Abu-Sa-id, dem Scheik arabischer Reiter, Trat in den Saal der landesgebornen Numiden und Mauren Feldherr, Muhamed Temtes: voll List die freundlichen Mienen Heuchelnd: denn glühenden Haß, dem Türkenvolke geschworen, Nährten die beiden mit ihrem Volk' im verschlossenen Busen.
Rechts, in der Ecke des Saals, dem Ehrensitz für die Moslems, Setzte sich Hairaddin nun, mit untergeschlagenen Beinen, Auf den schwellenden Pfühl, und um ihn, auf gebreitetem Teppich, Saßen die Feldherrn all', ihm dort aufhorchend in Demuth. Eh' er begann, durchfuhr sein Flammenauge den Halbkreis, Forschend in jeglichem Blick', und der Kühnst' erbebte dem Furchtbar'n. Jetzt durchwühlt' er den röthlichen Bart, tiefsinnend, und jetzo Faßt' er des Tulbands Bund, des Kaftans glänzenden Zobel; Doch nun ruhte die Link' an des Säbels goldenem Griffblatt -- Ruhte die Recht', auf den Schenkel gestützt, und also begann er: »Ehre dem einigen Gott, Ruhm sey dem großen Propheten! Gott, der Gläubige schirmt, Ungläubige schnell in den Staub wirft, Wie, herbrausend im Donnersturm, der prasselnde Hagel D'raußen im Saatenfeld die wogenden Halme zerschmettert, Hat nun eurem entsetzlichen Schwert den mächtigsten Fürsten Unserer Gegner, am Bord viel hundert gerüsteter Schiffe Nahe gebracht, und ihn der Rache zum Opfer erlesen: Denn so will der Prophet sein Volk, nach seiner Verheißung, Jetzt verherrlichen, so schlug er den Gegner mit Blindheit: Daß er den Angriff wag' in diesen gefürchteten Monden, Wo in des Himmels Gluth auch die Landesgebornen verschmachten? Und ihm erläge der Fremdling nicht in der lastenden Rüstung? Sprech't, wie soll dieß feige Geschlecht, im Sande versinkend, Halten im blutigen Kampf die hochgepriesenen Reihen? Wie begegnen zugleich den Säbeln der Janitscharen Und dem mordenden Stahl der Araber, Mauren, Numiden, Welch' im Grauen der Nacht, in der Helle des Tages ihn drängen? Wir ersiegen uns bald ein unvergängliches Denkmaal Heldenruhms, wenn Carl, der größte der Christenbeherrscher, Büßend die Kühnheit, mit seinem Heer' in Stücke gehau'n wird, Oder, als ein Gefangener, uns erliegt auf dem Schlachtfeld. Hebe dich, Abu-Sa-id! Dir folg' auch Muhamed Temtes: Eil't, und verkündet den Euren, ein jeglicher freudigen Aufrufs, Daß sie, der Beute bedacht, zum entscheidenden Kampfe sich rüsten!« Aber die beiden erhoben sich schnell, und Muhamed Temtes Sprach, sich beugend zuvor, mit demuthheuchelnden Blicken: »Er, der Himmel und Erd' erschuf, verläng're dein Leben Fern' in die kommende Zeit. So wie die Sterne des Himmels, Wie der Sand an dem Meer, sey deiner Erzeugten Erzeugung, Und es erfülle dein Ruhm die fernsten Räume des Weltalls!« Jen' enteilten, und Hairaddin sprach: »Wohl kenn' ich die Falschen. Trugvoll ist ihr Gemüth, und keines ausharrenden Muthes, Fähig ihr Volk, das unzählige, das, uns feindlich gesinnet, Nur durch Verheißungen großen Gewinns zum Heere gelockt ward. Aber uns ziemt: die Krieger Suleymans, des Prächtigen, Großen, Welchem die Erde sich beugt, uns ziemt die Heldengesinnung, Kämpfend mit eisernem Muth', ihm hier zu erhalten die Herrschaft, Und zu erhöhen den Ruhm der Söhne des großen Propheten.« All' aufschrie'n, das Schwert von der Hüfte sich reißend, und riefen: »Gott ist Gott, und Muhamed sein erhab'ner Gesandter: Hairaddin sey die Treu' und dem Feinde die Rache geschworen!« Froh des dräuenden Schwurs, begann jetzt Hairaddin wieder: »Sinam, dir werde Goletta vertraut, dieß herrlichste Kleinod Unseres Reichs, und ruhig schlummr' ich, weil dir es vertraut ward; Dragut, Unwiderstehlicher, dir gehorche des Heeres Vorderzug, und dir, Tobukes, dem Schrecken der Gegner, Freudig, des Fußvolks Macht; doch du, Reih'nbändiger, Salek, Lenke die Reisigen kühn zum Sieg'! Ich führe den Nachzug. Sammelt die Scharen, vom Strand zu entfernen des Feindes Geschwader, Oder sogleich die Gelandeten dort zu erwürgen: denn wißt es: Wer sich zuerst die Stirn' umflicht mit dem Lorber des Sieges, Raubet oft dem Besiegten den Muth in dem Felde für immer!« Aufsprang Dragut, und rief mit lautumschallender Stimme: »Ha, nicht wehre dem Feind die kühnbeschlossene Landung: Leicht entflöh' er uns heut, geschreckt, auf dem rettenden Schiff noch!« »Eitele Furcht,« sprach Hairaddin, »o, dem christlichen Herrscher Schlägt ein tapferes Herz in dem Busen, und eiserner Starrsinn Drängt ihn fort auf erkorener Bahn: ihm wird er erliegen!« Jetzt erhob er sich rasch, und ging, sich in Eile zu rüsten; Aber die Feldherrn all', enteilten in's lärmende Lager.
Regulus schwebte herbei: er sann den Sclaven der Hochburg, Rettend, zu nah'n, und ließ in der wimmelnden Straße von Tunis Sich im Fluge herab. Da saß vor Draguts Behausung Hugo, und weinte vor Schmerz. Ihm war die Kunde gekommen, Freudig und furchtbar zugleich: daß heute der Kaiser mit Heer'smacht Vor Goletta erschien, und wie nun befreien Mathilden, Listig umstellt von Draguts stets auflauernden Spähern? Regulus haucht' ihm, genaht, alsbald den tröstenden Rath ein: »Treugesinnter, du weinst, und weißt nicht, die Gattinn zu retten Ihrem Gemahl? Wohl kam er heran, dem heiligen Aufruf Folgend des Vaterlands, und folgend dem Rufe des Herzens: Hier in dem Kampf, voll Muths, zu ersiegen die liebende Gattinn. Such' im Olivengehölz den einsamlebenden Fischer, Der, ein Christ, der Heimath entfloh, wo ihm Jammer zu Theil ward. Viele der Höhlen sind dort, einst Gräber berühmter Geschlechter, Als Karthago's Ruhm noch erfüllte den staunenden Erdkreis. Dort um die Mitternacht, in eine derselben geborgen, Möge Toledo sie wiederseh'n in beglückender Freiheit.« Schnell erhob sich der Greis, und flehte, mit thränenden Augen Schauend empor, um des Himmels Huld: in der That zu vollbringen, Was ihm so wunderbar vorschwebte -- die Rettung Mathildens: Denn er kannte schon lang den menschenfeindlichen Fischer, Der am Strande des See's, umschattet vom säuselnden Oehlwald, Wohnt' in der Grabes-Höhl', und die Beute der Netz' und der Angeln Ihm feilboth vor den Thoren der Stadt am dämmernden Abend. Jetzt gewann er die Höhl' auf seltenbetretenen Pfaden, Keuchend vor Hast, und sah in des Eingangs Felsenumwölbung Liegen auf dürrem Moos' den unglückseligen Fremdling. Drüben im Frankenland, von edeln Geschlechtern entsprossen, Sah in des Lebens aufdämmerndem Strahl der treffliche Jüngling Blühen holdselig die Braut, die liebende; preßte den Freund auch, Treu und warm an die Brust, und jauchzte dem zweifachen Segen. Siehe, da rief ihn das Vaterland in den Kampf, und er folgte Freudig dem Ruf! Doch, als er nach Jahren, mit ehrenden Narben -- Lohnenden Kränzen geschmückt, heimzog im Kreise der Tapfern, Trat im festlichen Zug die Braut an der Seite des Freundes Froh zum Altar'. Er eilt' aus dem brausenden Jubelgedräng weg, Fern in der neuern Welt ein Grab und den Frieden zu suchen. Doch auf Siciliens Meereshöh'n von Korsaren gefangen, Ward er nach Tunis geschleppt, und ein Räuber schenkt' ihm die Freiheit, Ehrend sein Jammergeschick, zum Hohne des schändlichen Undanks. Tief in der Brust den finsteren Menschenhaß und der Heimath Abscheu nährend, erkor er ein Grab zu seiner Behausung. Jetzt ihm genaht, sprach Hugo mit herzerschütternder Stimme: »Kurd dein Nahm', Unglücklicher? Ha, nicht gabst du des Korans Täuschung dich hin, ein Christ! D'rum wird, wie schmachtende Fluren, Säuselnd, der Regen erquickt, Mitleid mit himmlischer Wonne Laben dein blutendes Herz, und Gott, der über uns waltet, Allerbarmend, Lohn und Frieden dir geben. Vernimm jetzt Größeres Wehe denn dein's. Geraubt dem tapfersten Helden, Schmachtet sein edles Weib in Draguts grauser Gewahrsam. Kennst du nur eigenes Leid? Rechtfertige, Mensch, mit Ergebung Duldend, vor deinem Geschlecht die dunkelen Wege der Vorsicht, Neig' auch fremdem Jammer dein Ohr, und den eig'nen versüße Mitleid dir! Denn, horch, auf dem Meer mit unzähligen Schiffen Kamen die Christen heran, zu strafen den Räuber, und siegend Ihm zu entreißen den Herrscherthron, der Hassan geraubt ward. Bald erschallt Sieg'sruf -- erschallt geretteter Menschen Jubelnder Dank. Zieh' hin in das Lager der Brüder, zu treffen Dort Toledo, und sprich: »Wenn uns an dem Himmel der Vollmond Strahlt, da rettet in Grabesnacht ihm Hugo die Gattinn, Und du lenke den Liebenden her zur Höhle des Waldes.« Jener regte sich nicht, und starrte hinab in die Fluthen, Aehnlich dem Felsenriff, das starr aufragt an dem Meerstrand. »Kurd,« so sagte der Greis, »entfernt zehn Jahre der Trauer Bist du vom Vaterland; vergeudet wurde dein Erbtheil: Dürftig kommst du zurück', ein Bettelnder unter den Deinen; Sieh', er spendet, willfahrest du ihm, dir Goldes die Fülle, Dankbargesinnt, und freudig erblickst du die heimischen Fluren!« Aber noch finsterer starrete Kurd: da umschlang ihm der Greis dort, Weinend, die Knie', und rief mit leis'erbebender Stimme: »Hast du geliebt? Wie solltest du nicht, verstummender Dulder! Jammert die Gattinn nach dir? Welkt', ach, die Geliebte dir früh hin?« Jetzt aufriß sich vom Boden der Mann, der schrecklich geschwiegen, Taumelte wild umher, als sollt' er den Flehenden morden. Dennoch konnt' er nicht, tieferregt, von den Thränen des Greises Mehr verwenden den Blick, und die ewige Huld, die, erbarmend, Lenket des Menschen Sinn gleich fluthenden Bächen, zerschmolz ihm Nun durch Thränen das Herz, das, qualenbelastet, erstarrt war, Und ein glänzender Strom quoll ihm aus den Augen; er faßte Hugo's Recht', und sprach: »Du siegtest; ich stehe bereit dir.« Aber der Greis entfloh, von der Wonne der Rettung beflügelt.
Sechster Gesang.