Tunisias Johann Ladislav Pyrker's sämmtliche Werke (1/3)

Part 6

Chapter 63,276 wordsPublic domain

Doria lenkte sein Schiff dem Borde der hohen Karthago Näher, und rief dem erhabenen Herrscher mit leuchtendem Antlitz: »Gönn' es, erlauchtester Herr, daß hundert feindlichen Segeln Fünfzig der unsern entgegen sich reih'n; daß hier auf der Meerfluth Doria kämpf', und siege, wie du auf dem eisernen Schlachtfeld!« Aber da schwang aus der bläulichen Luft sich Hermann herunter. Hell wie Sterne der Sommernacht ihm flammten die Augen, Als er dem stattlichen Kaiser genaht, ermuthigend, ausrief: »Wie, du wolltest, ein Held, nicht selber verlangen des Sieges Lorbern? Lenke die Schlacht: so wird unsterblicher Ruhm dir!« Also bestürmt' er das Herz des leis'aufhorchenden Kaisers, Der, erschüttert im Geiste begann: »Wie hebt sich der Mißgunst Schmachgebährender Streit in meinem bewegten Gemüth' auf?« Schnell erkämpft' er den heiligen Sieg, der edlere Seelen Krönt in dem Kampf g'en Trug und Bethörungen niedriger Selbstsucht, Und sein schützender Engel sank in hoher Verklärung Ihm an die Brust. Doch Hermann sah in dem Herzen des Edlen, Staunend, den hehren Sieg: er sah die himmlische Klarheit Leuchten um ihn, und floh betroffen zurück' in den Luftraum: Denn nicht durft' er schau'n den Himmlischen. So nach des Sommers Heiß entschwundenem Tag', seh'n wir den zuckenden Blitzstrahl Flammen im Sternenzelt, und sprechen: der glühende Himmel Kühle sich ab -- nicht hörend den fernverhallenden Donner: Also entwich, von dem hehren Glanze geblendet, der Geist hier. Aber der Kaiser sprach zu Doria lächelnden Blickes: »Zwar ersehnte mein Herz, die Schrecken der stürmenden Seeschlacht Hier zu besteh'n, und die Kraft zu versuchen in neuen Gefahren; Aber nicht Sorg' um des Herrschers Haupt erschlaffe die Schwingen Deines erhabenen Muths, und das siegerringende Schiffsheer Reiche nicht ihm den Kranz, der dir umwinde die Scheitel.« Sieh', und mit Thränen im Blick', entschiffte der treffliche Seeheld Jetzt an dem Borde des doppelten Aars, deß Fittig' er liebend Wählte, sich aufzuschwingen zum Glanz' unsterblichen Ruhmes. D'rauf erlas er, behend', aus den schimmernden Reihen der Schiffe Fünfzig, bemannt mit tapferem Volk, das oft auf dem Meer schon Lorbern errang: die Schiffe der furchtbar'n Räuber besiegend. Wie der mächtige Aar, ausbreitend die rauschenden Flügel, Schnell hinfleugt in dem Wind, so flog die erlesene Schiffsmacht Fort auf der schimmernden See: denn rechts entfaltete Ruyter Fünfzehn flandrische Flaggen, und links, der kühne Moncada, Mit Hispania's acht, Lusitania's sieben vereinend, Fünfzehn. Doch zu Wälschlands Ruhm, dem feindlichen Andrang Muthig entgegen zu steh'n in der Mitte des Heldengeschwaders, Pflanzte Genua's Flagg', und zugleich, die Rom und Neapel Einte der Heeresmacht, an zwanzig trefflichen Schiffen, Doria auf. Jetzt allen umher verständliche Zeichen Donnernd, erscholl vom Bord sein rüstunggebiethender Aufruf. Wie Gewitterstoff von der kreisenden Scheibe des Glases, Prasselnd, durch saugendes Messingrohr einströmt in der Flaschen Dunkelen Schooß, und ein Mann, die leitende Kett' in der Linken, Reichet dem Nachbar die Recht', und dieser dem Nachbar, und so trifft Hunderte dann erschütternder Schlag urplötzlich, auf einmal, Wenn der glimmende Funk' aufflammt am entladenden Kolben: Also bewegte die Führer zugleich des Schlachtengebiethers Donnerruf, und, nahe dem Maste die rühmliche Stelle Wählend, geboth ihr Schrei dem Volke die Rüstung. Am Mastbaum Kletterten Schiffer empor, und ordneten eilig die Segel, Während die Krieger in Reih'n ihr Feuergewehr auf dem Schiffsbord Luden. Sie gossen zuerst entflammendes Krot in des Zündlochs Pfanne; schmetterten Krot und Lot, mit dem glänzenden Ladstock, Fest in das Rohr, bis auf er hüpfte vom klemmenden Läppchen, Und umspannten mit fröhlichem Schlag' es am kräftigen Kolben. Auch in die furchtbar'n Donnerschlünd' eindrängte der Wurfschütz, Dann mit dem Krote, die Wucht der eisernen Kugel; er bohrte Kundig das Brandrohr ein, und facht' an der Lunte die Gluth an. Aber mit tieferem Ernst' und erhöhtem Vertrau'n in den Augen, Sah der Kaiser vom Bord dem schlachtanbiethenden Volk nach.

Jetzt aufrauschte das Meer: es nahten die Feinde. Wie Nebel, Vom Herbstwinde gejagt, weithin verhüllen der Sonne Liebliche Bahn: so flogen der Feind' unzählige Segel Her auf der See. Doch Al-Mansor ergrimmte des Gegners Minderzahl, und Wuth, und Hohn verzerrte sein Antlitz. Doria's Stimme geboth vom Bord' in donnernden Lauten: »Jegliches Schiff erwähle sich zwei der feindlichen -- trenne, Muthig, des Gegners Macht,« und stürmte, der erste, zum Angriff. Jetzt, wie zwei Sandhosen, gerafft vom Hauche des Aethers, Schweben im Luftraum hin, durchblinkt von der trauernden Sonne, Bis, von dem stürmenden Ost und West sie plötzlich vermenget, Stürzen zur Erde zugleich, und dort mit Orkanengetümmel Wüsten die Fluren umher, und die wimmelnden Städt' und die Dörfer So, daß bald nur Entsetzen und Grau'n die Gefilde verhüllet; Wie der feurige Blitz, im nächtlichen Donnergewitter, Weitgesonderte Häuser der Stadt entzündet auf einmal: Furchtbar hebt sich der Rauch; hoch lodert die prasselnde Flamme: Denn unbändig herauf, unbändig hinunter, im Eilflug, Wüthet das Feuer die Straß' entlang; stets näher und näher Wälzt sich der Gluthenstrom entgegen dem kommenden Gluthstrom; Bald -- schon sind sie vereint, und schlagen entsetzlich zusammen: Also trafen sich hier die feindlichen Schiffe. Gehorchend Doria's Ruf', erkor ein jeglicher Führer der Christen Zwei der Gegner zum Kampf'. Und jetzt aus dem donnernden Schiffsraum Flog durch Rauch und Flammen der Tod in die feindlichen Reihen -- Flog vom hohen Verdeck hinüber der schmetternden Büchsen Tödliche Saat. Weit deckte der Rauch die Fluthen, und weithin Hallte Geschrei der Gedrängten und Dränger im Donnergetümmel. Leichen schwammen umher, von den Wogen geschaukelt, und trieben Näher an's Land; zerrissene Segel flogen im Wind hin; Berstende Mast' entstürzten dem Bord'; aufrauschte die Meersfluth, Als sie die Maste verschlang, und schäumend wieder heraufstieß.

Sieh', Abdallah gelang's, der drüben, dem Feinde zur Linken, Lenkte die Schlacht, das Schiff des kühnvordringenden Ruyters Schnell zu umzingeln! Doch er harrt' auf dem Borde, der Gegner, Glühenden Muth's, wie ein Leu, der fern' ein paar Elephanten, Durch aufqualmenden Staub, mit furchtbar dräuenden Rüsseln Kommen sieht, zu rächen die jüngst gemordeten Jungen; Nicht erbebt ihm das Herz: genaht wuthfunkelnden Blickes, Sträubt er die Mähnen, und haut um sich mit den schrecklichen Klauen: Also bestand er die Menge. Da fiel, an der Stirne zerschmettert, Neben ihm Otto, sein Freund und Waffengefährt'. In der Kindheit Gold'nen Tagen vereinte sie schon des liebenden Herzens Mächtiger Zug. Nun sah er ihn kaum. Ein schmerzlicher Ruf drang Ihm aus der Brust; er drängte die Thräne zurücke; nur Eines Galt dem Tapferen jetzt; des heiligen Kampfes Entscheidung. Schnell, mit siegender Kraft, durchbrach er der feindlichen Schiffe Ringsumzingelnden Kreis, und bohrte noch zween in den Abgrund, Rechts und links abfeuernd das Donnergeschütz aus dem Schiffsraum. Doch g'en Doria hielt, ausdauernden, schrecklichen Muths noch Al-Mansor: denn Attilas herzblutdürstende Geister Drängten sein Volk mit stets empörterem Grimm' in das Feuer Mordender Schlünd' und Gewehre. Nicht rauschten die Wogen der See mehr, Leichen- und trümmerbedeckt, und vom gährenden Blute gesättigt. Und schon wankte der Sieg wie das Zünglein schwankt mit der Wagschal', Gleichem Gewichte zum Spiel. Dreimal erhob sich der Kaiser, Schauend die wankende Schlacht, den Seinen errettend zu nahen; So oft bezwang er sich wieder, und sah, dem Helden vertrauend -- Ehrend sein tapferes Volk, in die grau'numnachtete Schlacht hin.

Doria's Wurfschütz traf, wohlzielend, den Sarg mit dem Zündstaub, Der von der Wucht unzähliger Bomben und Kugeln umhäuft war. Jetzt aufflammte die Welt. Ein Brand, entsetzlich und furchtbar, Hob sich von Al-Mansors entzündetem Schiff' in den Luftraum. Gleich dem feurigen Luftgebild, dem Völker erbeben, Blutigen Krieg weissagend, und Pest, und schrecklichen Hunger, Flog das berstende Schiff, und schwand in den höheren Räumen Fern mit lautem Gezisch. Nur spät, nur langsam, und einzeln, Sank zertrümmert' Gebälk, und sanken zerschmetterte Leichen, Jetzo entfernt, jetzt nah' in die dumpfaufplätschernden Fluthen. Stille herrschte umher: da schien des kreisenden Weltalls Odem gehemmt, des Windes Fittig erschlafft, und des Meeres Wogende Fluth erstarrt: da sah'n die Krieger am Schiffsbord Starrend sich an, und lalleten unverständlichen Laut nur. Doch nun hob sich die Wuth im Busen der feindlichen Führer; Einer dem andern rief's mit schrecklicher Stimme: »Wir entern!« Und, alsbald mit dem sausenden Seil fünfklauige Haken Schleudernd, stürmten sie an, die Gegner in wilder Verzweiflung Niederzuschmettern, und laut erhob sich des Kampfes Getümmel.

Schaudernd sah'n die Geister zuvor der wüthenden Seeschlacht Grauen empört. Nun sprach zu Hannibal Regulus also: »Dort in des Erdballs Nacht, wo wir Jahrhunderte schwinden Sah'n, erfüllet von Gram, und von Banden gefesselt des Unmuth's, Sagten umwandernde Geister uns oft von dem schrecklichen Zündstaub Wunder, der, dem Blitz und dem furchtbarn Donner nicht ungleich, Tod und Vernichtung sä'et, und traun, sie redeten Wahrheit; Doch, wie schmählich ereilt den Helden der Tod in dem Kampf jetzt, Wo er die Brust ihm wehrlos beut, und von ferne besiegt fällt!« Siehe, da ließ sich Regulus schnell vor Doria nieder, Ihn zu erregen gesinnt, und lispelt' ihm leis' in die Ohren: »Trenne des Feindes Reih'n: so stritt der kühne Spartaner Xanthippos in dem Kampf mit Regulus, nahe vor Tunis. Ach, er fiel ihm besiegt: du erringst unsterblichen Ruhm dir!« Doria griff an das Herz, das laut dem kühnen Entschlusse Pocht', und heller flammte sein Aug', da er jetzo den Degen Hoch in die Luft aufschwang, und die Führer durch wehende Flaggen Schnell zum Sturmgang rief: denn all' aufmerkten den Zeichen Mitten in grau'numhülleter Schlacht. Die siegenden Flügel Wichen zurück', und plötzlich, zum spitzigen Keile gestaltet, Brach nun Doria's Schiffsheersmacht des Feindes Geschwader, Stürmend, entzwei, daß Mast' an Mast', und Segel an Segel Schlugen im wilden Gekrach, und dumpf ertönte der Schiffsraum. Aber, von Rach' entflammt, vordrang der kühne Moncada, Jetzo zuerst: ihm tödteten jüngst algierische Räuber Nächtlich am einsamen Ufer den Freund. Er traf im Gemeng dort Wüthend auf Abdul selbst, der Sarno, den Helden, gefesselt Barg im Raume des Schiffs, und rasch bestürmten sich alsbald Beide vom Bord zum Bord', im Kampf der wilden Verzweiflung, Daß ringsher der Lanzen Geklirr' erscholl, und die Leichen Schwammen im Blut. Doch, glühend vor Zorn, erfaßte Moncada Eines der Tau', und schwang sich behend' zum feindlichen Bord' auf, Dort zu erringen den Sieg. Ihm folgten der kühneren Krieger Sieben, jauchzenden Ruf's, zum schreckenvollen Gewürg nach. Aber, geschmiegt an den Mastbaum, stand, und wehrte sich Abdul Gegen die Sieben zugleich, und rannte den Speer in Moncada's Heldenbrust, da er, kühn vordringend am schirmenden Mast', ihm Blößte die Seit': er sank, und röchelte sterbend. Nicht länger Freute sich jener der blutigen Rach': ihn erlegte der Tapfer'n Heilige Schar, mit dem Volk, das kämpfend das Leben verschmähte.

Doch aus dem Raume des Schiff's drang nun die flehende Stimme Sarno's den Kriegern an's Ohr: sie lösten die Bande dem Helden, Zitternd in freudiger Hast. Er drückte den kühnen Gefährten Schweigend die Hand, und erhob die thränenden Blicke zum Himmel. Als er zum hohen Verdeck aufstieg, und in seliger Freiheit Himmel, und Erd', und Meer, lautjauchzend, begrüßte: da blinkt' ihm Aus dem blutigen Wust sein treffliches Schwert in die Augen, Das ihm der Räuber entriß. Nicht der pflanzenkundige Wand'rer Freut sich so sehr, da er oben in Wolkenhöhen der Alpen Blühende Matten durchspäht, und dort die seltenste findet, Als der Held sich erfreute, sein Schwert auf dem Boden gewahrend. Eilig rafft' er es auf, und schwang es empor in den Luftraum, Gegen den Feind urschnell die tödliche Waffe zu kehren. Doch schon war errungen der Sieg, und des Feindes Geschwader Strich die Segel vor Doria's Macht. Wie dort auf dem Thronstuhl Sitzend im herrlichen Prunk, der neugekrönte Beherrscher Ringsher schaut das versammelte Volk, und jetzo mit Ehrfurcht, Mann für Mann, die Erwähleten nah'n, die Hand ihm zu küssen, Huldigend: so in des Sieges Glanz' ihm huldigt' in Demuth, Ueberwunden der Feind. Da jauchzten unzählige Menschen Rings von den Zinnen der Stadt, von den Warten der Berg' und der Hügel -- Jauchzten umher vom Gewölk die feindlichgetrenneten Geister. Doch, der einst Karthago's Ruhm zu den Sternen erhöhte, Hannibal, sah voll Zorn, wie Regulus erst dem Gebiether Doria Hülfe erwies: da erwachten der düsteren Vorzeit Trauergebilde in seinem Gemüth', und zürnend begann er: »Wie, der Römer, und ich, vereint in dem Kampfe der Helden? Nimmer gescheh's! Eh' soll das zitternde Lamm an der Wölfinn Saugen -- der brausende Bach zurück zur Quelle sich heben, Ehe der Pune dem Römer sich eint. Er nah' ihm als Feind nur! Jetzt in Eile hinaus nach Karthago's Jammergefilden, Daß mich erneut empöre der Rach' unendliches Drängen, Die ich ihm schwur: ein Feind dem Freund', den er sich erkoren.« Also rief er den Seinen, ergrimmt, und flog in den Lüften Schnell g'en Süden hinab. Ihm folgten die stürmischen Geister. »Lenkt,« rief Doria jetzt, »die Schiff' in den freundlichen Hafen, Daß die Verwundeten all, und auch die gefangenen Gegner, Sorglich gepflegt, der menschenehrenden Milde sich freuen.« Rauschend wogten die Schiffe zum Strand. So manche des Siegers Mißten den Mast und die Segel; so manche, durchbohrt von Geschossen, Tauchte der Fluth einströmende Last. Viel tapfere Christen Both, aufschäumend, das Meer als Beute den gierigen Fischen.

Jetzt, annahend im Boot', erklomm mit Gefolge der Kaiser Doria's glänzenden Bord, und schloß ihn mit heißer Umarmung Lang' an das Herz: hochehrend vor allem Volke den Helden. Siehe, da flog auch Sarno heran! Mit leuchtenden Augen Sah er den Sieger belohnt, und sprach zu dem Herrscher sich wendend: »Heil und Segen mit dir, Erlauchtester, daß du den Helden Hoch vor allen erhebst, der mich aus schmählichen Banden Rettete; doch nun sollen für mich die tapfern Gefährten Zeugen: nicht hab' ich durch eigene Schuld die Bande getragen!« Aber ihm zürnete, seit dem Sieg' auf dem Felde Bicoccas,[36] Guasto, der tapfere Greis: dort hemmt' er des feurigen Jünglings Stürmische Hast, und sogleich stieß dieser verwundende Wort' aus. Jetzo mit finsterem Blick' erhob er die tadelnde Stimme: »Wahrlich, der Feind erhascht' ein träghinsegelndes Fahrzeug, Weil es ein Feiger lenkt', und ihn nicht tapfer bekämpft hat!« Todesbläss' umzog, und flammende Röthe bedeckte Sarno's Wangen im wechselnden Flug'. Er faßte des Degens Griff in zitternder Hast, trat vor ... da hemmt' ihn des Kaisers Ernster Blick, der, Guasto's ergrauete Haare betrachtend, Ruhe geboth. Ihm sank die ermattete Rechte vom Griffblatt. Schweigend stand er im Kreis', und an seiner Wange herunter Glänzte die Thrän'. Alsbald bezwang Del-Guasto des Busens Leichtaufwallenden Zorn, er seufzte vor innigem Herzleid, Trat vor Sarno, und reicht' ihm, versöhnend, die Hand, und der Edle Nahm sie versöhnt. Doch bald umwölkt der nächtlichste Kummer Sein verwundetes Herz, und schwindet im rühmlichen Tod nur. Jetzt aufboth der Kaiser sogleich die versammelten Feldherrn: »Gott, deß mächtiger Arm, die Feinde zerschmetternd, uns Ruhm gab, Leit' uns beglückt zum Ziel'! Entfaltet dem Winde die Segel, Daß in des Sieges aufstrahlendem Glanz wir, landend vor Tunis, Ernten noch schöneren Ruhm: die Wonne der Christenerrettung.« Also geschah's. In Eil' auf die schimmernden Fluthen des Meeres Wogten die Schiffe hinaus; das Geschütz erdonnerte rastlos, Und in dem sausenden Wind' entschwand g'en Tunis die Heersmacht.

Fünfter Gesang.

Schon entschwebten dem Meer des heißersehneten Welttheils Küsten im Abendduft; schon thürmten im rosigen Westen Berge sich auf, ringsher umlagernd den Gürtel des Atlas, Dessen schneeiges Haupt anstaunt die glühende Sandwüst', Als in die Reih'n des meerdurcheilenden Heers ein Geschwader Vier schnellsegelnder Schiffe noch kam, von dem felsigen Eiland Malta gesandt. Aurel, die erlesenste Zierde des Ordens, Führte der Christenheit verherrlichte Kämpen am Schiffsbord: Hundert Rittern gesellt, zweitausend tapfere Krieger. Ihnen zu Eigen gab der erhabene Kaiser das Eiland, Als sie von Rhodus Suleymann vertrieb, der, rings von den Leichen Seines Volks umhügelt, den Greis, und Heldengebiether, Villiers Lisle Adam,[37] dort ehrte mit würdigem Lobspruch. Grüßend mit Donnergetön' und wehender Flagge den Herrscher, Schifften sie freudiger fort im Verein des mächtigen Heeres. Jetzo, der Küste genaht, hinstarrten die Krieger, vor Sehnsucht Glühend: den Palmenhain in den fremden Gefilden zu schauen, Oder das seltene Thier im Gefild', und die Hütte des Menschen. Doch bald hüllte das Land sich rings in des sinkenden Nachtgrau'ns Düsteren Schleier, und barg dem staunenden Fremdling sein Antlitz.

Attila war im Gefolg des Geisterheeres im Eilflug Afrika's Fluren genaht. Wie an trüberen Tagen des Winters Endlos, Schwärme der Kräh'n und der schwarzbefiederten Raben, Laut vereinten Geschrei's, vor dem Schneegestöber heranzieh'n: Also nahten im Grau'n der Nacht die empöreten Geister. Attila stand, und forscht' in den Herzen der Landesgebornen, Welchen die Küste umher zur Huth von dem Herrscher vertraut war; Aber sie ruheten all' an dem Strand, vom Schlummer gefesselt. Zürnend sprach er darum den leis' aufhorchenden Geistern: »Weckt entsetzliche Träume sogleich, aus dem Schlafe zu rütteln Dieß entnervte Geschlecht, und donnert: »Es nahet der Feind uns!« Ihm in die Ohren, daß rings auf den luftigen Höhen und Warten Lodre die Flamm' empor, und schrecke die feindliche Schiffsmacht. Selber erreget die brausende Loh', und zeigt euch des Königs Würdig, dem, als der Geißel Gottes, erbebte der Erdkreis.« Also rief er: da fuhr sein Volk, wie der brausende Sturmwind, Ueber die Schlafenden hin. Sie sah'n im Traume die Meerfluth Wildempört; sie hörten aus ihr Scheusale des Abgrunds Heulen: »Es nahet der Feind!« und taumelten auf von dem Boden. Erst, mit seitwärtsgewendetem Ohr' im finsteren Nachtgrau'n Horchend, standen sie all', und hörten Geräusche (die Wellen Klatschten am schwärzlichen Kiel) dann, laufend umher an dem Meerstrand, Sah ihr, geschärft vor Gier umspähendes Aug' in den Lüften Näher und näher heran den Wald hochthürmender Masten Schweben, und jetzt mit den flatternden Wimpeln unzählige Segel, Von dem Winde gebläht, anstürmen im freudigen Eilflug. Aber mit lautem Geheul erklomm die bebende Volksschar Jäh' am Gestade, die Felsenhöh'n: der Drohung gedenkend, Die jüngst Hairaddins Grimm aussprach, des schrecklichen Herrschers, Und erweckte die Gluth im knisternden Reis, auf des Felsens Hochaufragenden Warten umher. Den Feigen im Rücken, Brauste die Geisterschar, und, als der schlummernde Nachtwind Noch den geschüreten Brand nicht in Flammensäulen empörte, Fachten die Geister, vereint, mit starrvorquellenden Augen Und gebläheten Backen, erhellt vom Feuer, die Gluth an. Siehe, und bald erhob sich die wirbelnde Loh' auf den Höhen, Hellte die Nacht, und warf, urschnellfortrollenden Schimmer Ueber die schwankenden Fluthen des Meers. Weit brannte der Abgrund Unter dem Wogenpfad der völkertragenden Schiffe. Endlos schien der Brand auf den Höh'n: denn, leuchtendem Blitz gleich, Hüpften vor jedem umher die Flammengestalten der Geister. Solches vermögen sie noch, und necken den Wand'rer die Nacht durch, Mit Irrlichtern vereint am Moor', und feurigen Männern. Leise geweckt entfuhr der Hängematte der Kaiser, Stieg auf das hohe Verdeck, und sah nach dem leuchtenden Meerstrand, Lächelnden Blick's, hinüber. Er hieß den sorglichen Guasto, Der ihn gewarnt, annahend im Schiff, zur Ruhe sich legen: Denn er kannte die List des täuschungsinnenden Feindes. Aber nicht senkte der liebliche Schlaf mit fächelnden Schwingen Auf sein Auge sich mehr: er sah nur Kampf und Errettung.

Als im rosigen Duft der heilige Morgen heraufstieg, Himmel und Erd', und Meer der freundlicherwachenden Sonne, Schauernd vor Lust, entgegen streckten die Arme: da flogen Eilig die Krieger im Frühwind hin, umkreisten den Vorberg Gomert:[38] Apollo's vordem genannt, und blickten nach Bona's Halbeiland, das einst dem schirmenden Hermes geweiht war, Und in die spiegelnde See sein Klippengestade hinausdehnt. Nun Buschatter genaht, wo mächtig in Tagen der Vorwelt Utika stand, aufseufzete laut der edelste Kaiser; Sah, mit Trauer im Blick, nach dem kühnaufstrebenden Helden Ludwig, und sagte zu ihm, noch tiefbeklommen im Busen: »Weh'n nicht der Vorzeit heilige Schauer dich an aus den Mauern Dort, wo Kato, der Knechtschaft zu groß, in das eigene Schwert sank? Achtung gebeut sein hohes Gemüth, und die Liebe zur Freiheit, Der er gelebt, unwandelbar stets. Doch, dünket sein Tod dir Beifallswürdiger als ein Sieg, dem feindlichen Leben Abgerungen durch Kraft ausdauernden, muthigen Strebens? Frommt' es dem Vaterland, dem langentarteten, etwa, Daß er, der Vorzeit Sitte getreu, verfolgte den Einen, Der mit mächtiger Hand das, mitten im Brausen der Sturmfluth Leckumtreibende Schiff vom Bruche zu retten vermochte -- Daß er den schrecklichen Dolch in die Hand des Sohnes gegeben? Schwer, ach, büßte die Welt den Mord des Edeln: er bahnte Furchtbarn Wüthrichen nur den Weg zu frecher Verachtung Jeglichen Rechts. Und wurde nicht strenge Vergeltung den Mördern? Brutus kannte die Ruhe nicht mehr; nicht erquickte der Schlummer Mehr sein Aug'; auch wachend sah er Gespenster, und immer Hört' er die Wort': »»Auch du, mein Sohn?«« in zermalmenden Tönen.«