Tunisias Johann Ladislav Pyrker's sämmtliche Werke (1/3)
Part 4
Aber auch drüben an Wälschlands weitumkreisenden Ufern Wogten des Krieges Banner, erhöht, in dem Wind', und die Völker Harrten der Siegesfahrt. In Genua's äußerstem Hafen, Den im holden Gefild schon längst entschwund'ne Geschlechter Weihten der Liebesgöttinn zum Sitz,[21] einschiffte die Scharen Genua's -- auch Hetruriens und Lombardia's Krieger, Guasto, der tapfere Greis, des Fußvolks oberster Feldherr.[22] Finster blickte sein Aug'. Ergraut in den eisernen Waffen, Nährt' er im stetsumwölkten Gemüth' unziemliches Mißtrau'n Gegen die Welt: ihn scheuten -- nicht liebten die Waffengefährten. Jetzt von der einsamen Burg von Ischia rief ihn der Kaiser Wieder zum Kampf, nach erkorener Ruh' im grauenden Alter: Denn er kannte die Kraft des schlachtanordnenden Greises. Als er vom Meeresstrand' einschiffte die Völker: da nahte Eberstein,[23] zehntausend erlesene Krieger aus Deutschland Führend im freudigen Muth zu dem rühmlichen Kampfe der Rettung. Eine Ros' in dem Schild', enthüllete, schimmernd, sein Fähnlein -- Sie, des trefflichen Ahns Stammzier, den ehrend der Kaiser Heinrich, der Finkler genannt, zu der hohen Roma gesendet, Daß er der Völker Wohl mit dem Hirten der Kirche berathe. Dort an dem festlichen Tag, wo, Flammen gleich, von dem Himmel Sich auf die Jünger herab, der Geist, der _Heilige_, senkte, Ward ihm die Rose gereicht von dem Heiligen Vater, und Heinrich Pflanzte die Ros' in den Wappenschild des tapferen Ritters, Welcher die Freiheitsschlacht auf Mörsburgs sandigen Fluren Kämpfte mit ihm, das Volk zu erretten vom Joche der Ungern. Solchen Ahnen entsproß der Führer germanischer Völker. Aber er einte vor Mailand jüngst die kühnen Gefährten, Die er in Deutschland warb -- in dem Vaterlande der Helden: Denn in Schwabens freundlichen Gau'n, wo silbernergossen Schimmert der Bodensee, und die rühmliche Quelle der Donau, Unversiegbar, nährt des Schwarzwalds heiliges Dunkel,[24] Daß sie, ein Ries', auf siebenhundert Meilen entlang hin Netze den Bord unzähliger Städt', und Dörfer, und Vesten, Fröhlicher Traubengebirg', und erblühender Gärten und Wälder, Und in dem Schwarzen-Meer, des Schwarzwalds Höhen entsprossen, Stets nach Osten gewandt, vollende die herrliche Laufbahn: Dort begrüßten zuerst zwölfhundert erlesene Krieger, Lanzenbewaffnetes Volk, mit Römhild, dem tapferen Führer, Ebersteins Panier mit lautaufschallendem Jubel. Doch wo des Spessarts Grau'n, so wie auch des lieblichen Mainstroms Schimmer das Herz erhebt, im schönen Lande der Franken, Flatterte hoch in die Luft des Führers erhobenes Fähnlein, Werners: ihm folgte die Schar achthundert trefflicher Schützen. Also das muthige Volk der bergbewohnenden Hessen Folgete Wittekind nach, dem Helden: er zählte der Krieger Tausend um sich, und kam, ruhmdürstend, heran in dem Kriegszug. Und an den Ufern der Isar hinab zu dem freundlichen München, Reihte sogleich die Schar zweitausend gerüsteter Bayern Sich an den schwellenden Zug. Gedenkend der trefflichen Heimath, Schwur ein jeder ihr herrlichen Ruhm zu erkämpfen vor Tunis. Radburg führte sie an, des Herzogs tapferer Sprößling. Auch wo im Sande die Spree der brandenburgischen Hauptstadt Blässere Fluthen entgegenrollt, und die Oder des Landes Blühende Fluren durchströmt, ertönte der mächtige Heerruf. Schnell erhob sich die Schar von tausend erlesenen Kriegern, Löwenbeherzt, und folgete Siegfrieds winkendem Banner. Und wie folgte nicht, Stollberg, dir, im Muthe der Helden, Sachsens edeles Volk, das mächtig umher an der Elbe, So an der Pleiß' und der Ilm, ruhmwürdige Städte bewohnet; Wo den Musen ihr Kranz erblüht', und die forschende Weisheit Glänzende Höhen errang. Sie sendeten freudig nach Mailand, Ueber Tyrols Berghöh'n, achthundert gewaltige Krieger. Treues Tyrol, auch deinen Gebirgen und Thälern entströmte, Jauchzenden Muthes, die Schar gepriesener Schützen! Sie nahten, Tausend an Zahl, und, vereint fünfhundert muthigen Bündtnern, Führte sie Salis zum Kampf, Oestreichs hochherziger Feldherr. Ha, nicht weilten daheim die Helden des glücklichen Reiches, Das in dem Bruderbund' unzählige Völker vereinet, Und den Vereinten durch Weisheit, Mild', und Gerechtigkeit obherrscht: Denn es entsandte zum Heer fünfhundert geharnischte Reiter: Böhmens tapferes Volk, das, eisern, im eisernen Schlachtfeld Ausharrt, und im entscheidenden Kampf den Feind in den Staub wirft; Sandte der Ungern muthige Schar, die auf feurigen Rossen, In der gewaltigen Faust den blinkenden Säbel erhebend, Schnell, wie der Blitz, im Flug, die feindlichen Reihen zerschmettern. Jenen geboth Waldstein, und diesen Hunyadi's[25] Enkel, Der, Europa's Hort, die Macht der Osmanen gebrochen. Ihnen gesellt, annahte das siegsruhmdürstende Fußvolk, Das sich aus deinem Wall' und Fluren erhob, Vindobona, Austria's herrliche Kaiserstadt! Wer rühmte dich würdig? Ha, wie lieblich bespühlt die breitherrollende Donau Deinen erhabenen Sitz! Wie stolz dir winken die Berghöh'n, Säuseln die Hain' umher, und die lustaushauchenden Gärten! Herrlich umglänzt dich der Aehren Gold, des fröhlichen Weinbergs Labende Frucht; dir blüh'n rings Edens wonnige Fluren! Nun entbothst du die Schar fünfhundert erlesener Krieger. Aber noch dreimal die Zahl entsandten die trefflichen Länder, Welche die March, die Muhr, und die Drau durchströmet, und jenes, Das in dem freundlichen Schooß der Zirknitz[26] zaub'rischen See birgt: Wo in den Tagen des rollenden Jahrs bald emsige Fischer Jubeln der Beut' in dem Netz', und bald die Schnitter und Jäger Strecken die Halm' und das Wild auf dem fluthentblößeten Raum hin. Lichtstein führte dieß Volk. Hoch flattert' im Winde sein Fähnlein, Wo das purpurne Feld, vom güldenen Felde gesondert, Auf dem Schilde sich wies, und des Helms hochragender Fittig. Hinter den zahllosen kam, von schnaubenden Rossen gezogen, Näher die Wucht von hundert donnernden Schlünden und Mörsern. Rückwärts gähnet' ihr dräuender Mund, und jeglichem folgte, Rasch, mit der Lunt' an der Brust, der Wurfschütz -- folgten Gehülfen, Sonder Scheu, an dem Wagen, voll tödlicher Feuergeschosse. Rogendorf, der Feldzeugmeister im Heere des Kaisers, Führte des Feldzeugs Macht. Er hemmte zuweilen mit Vorsicht Sein gluthschnaubendes Roß, daß all' ihm folgten in Ordnung. Trauer erfüllte sein Herz. Ihm sank der Gefährte der Jugend, Salm, auf Wiens hochragendem Wall, wo beide, den Leu'n gleich, Kämpften gegen Suleymans Wuth.[27] Dort schwand ihm des Glückes Freundlicher Strahl: vom Grau'n des nächtlichen Kummers umgeben, Sah er schweigend hinaus nach des Lebens verödeten Räumen.
Also lenkte zum Meeresstrand die tapferen Völker Ebersteins Heerruf. Laut wirbelte, drönte die Trommel; Schmetternd erklang die Dromet', und das Wiehern der stampfenden Rosse Scholl aus dem Waffengeblitz herüber vom stäubenden Fahrweg. Doch nun rollt' er die Reih'n am tosenden Strande des Meers auf: Guasto's Feldherrnauge zur Schau. Sie jagten hinunter, Jagten herauf das muthige Roß, die herrlichen Scharen Musternd, und staunenden Blicks ersah der oberste Feldherr Deutschlands Heldenvolk, das, trefflichgerüstet, daherzog: Diese bewehrt mit dem Helm' und dem Panzerhemde von Eisen, Haltend die hochaufragende Lanze gelehnt an die Schulter; Jene, das Feuerrohr im Arm, dem krachend des Todes Kugel entfleugt, und fern' aus den Reihen die Männer in Staub wirft. Allen umhüllte die Brust der todabwehrende Koller, Von dem Felle des Elennthiers, und die eisernen Hauben Schirmten vor tödlichem Hieb ihr Haupt im Gemenge der Waffen. Aber die Reiterschar, gleich Flügeln umgebend das Fußvolk, Hob den blinkenden Stahl in der nervigen Rechte zur Schulter. Alle blickten nach Eberstein: Die rechts, und die Ander'n Links, wie er nun, zur Mitte gekehrt, vor den Scharen das Wort nahm: »Seht uns am Strande des Meers! Verkünden die thränenden Wimpern, Kündet die Stille mir, wie jetzt des herrlichen Anschau Euern Busen ergriff in spracherstickender Wonne? Endlos wogt es dahin, in des Himmels umwölbenden Busen Schwindend: ein Bild der allumfassenden Liebe. Gesegnet Sey uns die Fluthenbahn: nach dem fernentlegenen Welttheil Führe sie schnell die Helden zum Kampf für Rettung und Freiheit! Brüder, wir kämpfen ihn dort, als Deutsche, der heiligen Pflicht treu, Glühend von edelem Muth', und denkend des heimischen Ruhmes! Gott und der Kaiser mit uns, die stets den Tapferen hold sind!« Tausende schrie'n, aufjauchzte das Heer: »Gebiethe die Abfahrt: Gott und der Kaiser mit uns, die stets den Tapferen hold sind!« Hastig drängten sich alle zum Strand', und sah'n auf die Meer'sfluth, Schweigend, hinaus. Erschüttert bückte sich Dieser, und tauchte Freudig die Hand in die Fluth des schauererregenden Abgrunds; Jener staunte der Pracht der Kriegesschiff' und Galeeren -- Auch der Menge der Tau' und der Höhe des thürmenden Mastbaums. Rastlos fuhren die Boot' umher. Da schifften am Ufer Haufen sich ein; dort stiegen auf hänfenen Leitern die andern, Eiliger, auf zu dem Raum des hochgewölbeten Schiffbords. Aber die Reiter und Ross', Feldzeug und Geräthe des Krieges Faßte der breitere Raum der offenen, niedern Galeeren, Wo das muthige Roß, das erst, voll schnaubenden Ingrimms, Tobte, bezähmt, und zitternd stand, und den mähnigen Nacken Furchtsam erhob: zu schau'n die ringserhellten Gewässer. Jetzt erscholl der Abfahrt lauterdonnerndes Zeichen. Freundlich weht' aus Osten der Wind, und führte die Schiffe Auf die unendliche Fläche hinaus. Die Menge des Volkes Sah den herrlichen Zug von hundert Segeln, und jauchzt' ihm, Lange vom schwindenden Strand, die Wünsche der günstigen Meerfahrt Und des ersehnten Wiederseh'ns mit gewaltigem Laut nach. Abend nahte heran. In den weitvorstrebenden Segeln Säuselte sanfter der Wind; die goldenstrahlende Sonne Sank g'en Westen hinab: sie taucht' ihr breiteres Antlitz Leis' in die Spiegelfluth, und blickt' auf der flammenden Bahn dort, Scheidend, heran, die, im Wellengeblitz erzitternd, ihr nachflog, Und an des Himmels Rand' entschwand. Im rosigen Aether Flatterten Wölkchen empor, die an ihrem verglühenden Saum noch Lange den huldausstrahlenden Wink der Lieblichen zeigten. Aber die Krieger ergriff die süße Wonne der Wehmuth: Lautlos starrten sie hin, und dachten des lieblichen Schlafs nicht, Mahnte nicht Guasto's ernster Wink und die Stimme der Führer.
Siehe, der finstere Schleier der Nacht umhüllte des Heeres Fluthenbahn! Eintönig rauschten die schwankenden Wogen Jetzt an dem Kiele des Schiffs umher; scharf hauchte der Fahrwind, Und in Eil' entschwand die Heersmacht Genua's Küsten. Aber nicht achtlos sah der Christen ergrimmtester Gegner, Muhamed, her aus dem Wolkenreich: wie drüben die Völker, Lautaufjubelnden Rufs, entfalteten Segel auf Segel, Und vom hohen Verdeck die funkelnden Blicke des Kriegers Grause Vernichtung drohten dem Volk, das gläubig ihn ehret. Gierig forscht' er umher, ob nicht ein wüthender Sturmwind Fern' an des Himmels Rand' aufgährete? Doch in den Lüften Herrschte liebliche Ruh', und hell erglänzte die Sternflur; Forschte zugleich: ob Al-Mansors vereintes Geschwader Nahete, den erst jüngst aus Algier Hairaddin sandte, Daß er des Kaisers Macht hintilg' in brausender Seeschlacht? Aber der Schreckliche trieb noch fern' auf den Fluthen des Meers um, Das, Sardiniens Strand von Siciliens lieblichen Ufern Trennend, die Bahn ihm wies, wo bald (so wähnt' er vermessen) Ihm erliege, besiegt, der erhabene Herrscher der Christen; Dennoch entsandt' er erst heut zwei leichthinsegelnde Schiffe, Die, von Abdul beherrscht, vor Wälschlands schönen Gestaden Kreutzten, und spähten umher: wohin sich wende Del-Guasto? Abdul gewahrte des Heer's Abfahrt: denn zahllose Ruder Peitschten die See, und die Luft durchfächelten Segel auf Segel. Alsbald eilt' er nach Elba[28] hinaus, dem felsigen Eiland, Wo von dem Schacht, gehaltreich, schillerndes Eisen der Bergmann Fördert zu Tag', und steuerte, bald aus der dunkelen Felsbucht, Bald aus dem Eisenport, des Feindes Fahrt zu erkunden. Muhamed sah ihn ergrimmt, und naht' ihm, scheltenden Ruf's, so: »Bebend schaust du das Christenvolk die Meere beherrschen? Sinne vielmehr ihm Leid, ein schwacher dem stärkeren Gegner. Denke der List: denn sieh', wie dort ein zögerndes Fahrzeug Einsam die Wogen durchschifft! Ihm wirf dich muthig entgegen; Halte die Enterhaken bereit; mit der Sprache der Heimath Täuschend, raubst du dem Feinde noch heut den tapfersten Feldherrn.« Abdul blickte verwundert um sich: wer Worte des Muthes Ihm in die Seele gehaucht? und lenkte sein kühnes Geschwader Gegen das einsame Schiff, am Mast' erhöhend die Flagge Genua's, und entflammend zum Trug den listigen Korsen, Der, geboren ein Christ, dem falschen Propheten sich hingab.
Sarno, den tapferen Hort und Gebiether lombardischen Volkes, Trug das einsame Schiff: ein schlechterer Segler. Vor Ingrimm Ballt' er die Faust, daß nur er, der jüngste der Führer, zurückblieb. Wie vor dem rauheren Herbst der Störch' unendliche Scharen, Fliehend dahin durchsausen die Luft; doch einer aus allen Folgt aus der Ferne dem Zug (den Zögernden lähmte der Weidmann Jüngst auf dem Stoppelfeld) und schreit, da jene verschwinden: Also schwand ihm das Heer im Schleier der dunkelen Nacht hin. Jetzo vernahm er Geräusch' annahender Schiffe: die Wogen Klatschten, geschleudert vom Kiel', und laut ersausten die Segel. Ahnend Gefahr, aufboth der tapfergesinnete Feldherr Schnell sein muthiges Volk. Der Wurfschütz harrte des Winks nur, Gegen die Feind', im Donnerhall, Verderben zu senden. D'rauf rief er: »Wer naht?« So schrie'n die Krieger zugleich auf. Aber vom nahenden Bord begann der Korse voll Arglist: »Kennt ihr Genua's Flagge nicht mehr? Uns sandte der Feldherr, Daß in dem zögernden Lauf kein Gegner die eure gefährde.« Also stürmten die Feinde zugleich, auf beiden den Schiffen, Dieß, und auch jenseits an, und enterten, jauchzenden Rufes, Sarno's Schiff, an mächtigen Tau'n fünfklauige Haken Schleudernd: sie hafteten fest im Gebälk', und mit schrecklichen Blicken, Hoch in der nervigen Faust den blitzenden Säbel erhebend, Schwangen sie sich dann auf zum Bord. Doch Sarno, der Feldherr, Nahte, das Schwert in der Hand, nicht feige zu sterben, entschlossen. Erst dem Korsen durchstieß er das Herz, das falsche; zerschmettert Schnell an der Stirn', ihm sank Atha'r, und Ismail stürzte D'rauf, in der Lunge durchbohrt, die tapfersten Aga der Scharen: Orta genannt dem Muselman, die hundert und fünfzig Krieger vereint. Doch jetzt, unedel im Rücken bestürmte Jenen die Meng', und riß mit wildem Getös' ihn zu Boden. Wie der Waldurochs, den wüthende Rüden umdrängen, Rings mit lautem Gebell, ergrimmter die Stirne vor ihnen Senkt, und den einen durchstößt mit tödlichen Hörnern, den andern, Rasch mit den ehernen Klau'n zermalmt, und immer empörter Rache schnaubt; doch jetzt, an den blutenden Ohren verbissen, So an dem zottigen Halse zugleich und den kräftigen Schenkeln, Zerrt die tobende Schar, bis überwältigt er hinsinkt Vielen, allein: so stürzte der Held, und, schmählich gefesselt Ward er mit seinem Volk', aus Haufen erschlagener Gegner, Nach dem feindlichen Schiffe geschleppt. Sein eigenes trieb nun, Menschenberaubt, umher, als Beute den stürmischen Wogen. Dort im finsteren Schiffsraum lag der edelste Feldherr; Preßte die Stirn' an die Wand, und heißentquellende Thränen Perlten, fort und fort, an seinen Wangen herunter: Thränen, dem feindlichen Schicksal geweint, das jetzt, ihn der Freiheit Schnödeberaubend, der Bahn entriß, auf welcher die Brüder, Dürstend nach Sieg und Ruhm, forteilten nach Afrika's Küsten. Aber mit Freud' im Blick' und Stolz in dem Busen entschiffte Abdul zu Al-Mansor, der fern durchpflügte die Meerfluth.
Sarno's Jammergeschick nicht ahnend, flog in dem Nachtwind Guasto dahin, und siehe, von Ostia, wo sich der Tiber Vielgepriesene Fluth ergießt in des Meeres Gewässer, Und aus der Vorwelt, nun erhabenen, männlichen Sinnes Herzerhebendes Bild, nun namenloser Entartung Schaudergestalten uns weckt, daß wir, sie schauend, erbeben: Dorther führte der Held Ursini, altrömischen Stammes Edeler Zweig, ergraut im Kampf und Schlachtengetümmel, Sieben der Schiffe heran, mit tausend erlesenen Kriegern, Welche zu Guasto's Heer entsandte der Heilige Vater. Nahe dem westlichen Rand des meereinmündenden Stromes Thürmt sich, Warten gleich, ein Fels hoch über die Fluth auf, Und beschirmt g'en Wind und Wogen die herrliche Seestadt. Dort auf dem ragenden Fels, umgeben von wimmelnden Scharen, Stand im Feiergewand, mit den dienenden Priestern und Laien, Auch der erhabene Hirt in schauererregender Hoheit: Denn er harrte der Kommenden schon. Als endlich sie nahten, Theilend die Meeresfluth mit dem gleitenden Kiele, da hallten Donnernde Schlünd' umher; harmonischer Glocken Getön' klang; Liebliche Düft' aufhaucht' in die Luft das silberne Rauchfaß, Und weit brannte das Meer in zahlloslodernder Fackeln Mächtigem Wiederschein: denn Finsterniß deckte die Welt noch. Jetzt, ergreifend schnell mit der Linken den hirtlichen Krummstab, Den ihm der _Gute Hirt_ vertraut', zu des Heiles Gefilden Hinzuleiten die Heerd', in Treu' und liebender Sorgfalt, Hob er zugleich die Recht' empor, und segnete dreimal, Rufend zum Vater, und Sohn', und Heiligen Geist, die Erwählten Drüben, im Herrn. Hochfeierlich scholl der segnende Zuruf Auf die Gewässer hinaus, und jen', auf die Kniee gesunken, Senkten die Flagg' und Gewehr', und sandten ein stilles Gebeth auf. Aber die schimmernden Segel, geschwellt vom günstigen Fahrwind, Führten das jauchzende Heer im Eilflug fort nach Neapel.
Lichter wurd' es in Osten. Des Morgens schauriger Odem Flog auf den Fluthen heran. Am dämmernden Saume des Himmels Schwamm ein zartes Gewölk, das, erst nur dunkelgeröthet, Dann allglühend sich hob: der Sonne geflügelter Herold. Wonne, sie kam: die rosenumflossene Stirn' aus der Meerfluth Tauchend mit ernstem Hoheitsblick -- dann schnell, in Verklärung, Heller und strahlender stets, aufschwebend am bläulichen Himmel, Schön, wie ein Sieger geschmückt, zu durchlaufen die herrliche Laufbahn! Ringsum jauchzte die Welt. Die gleitenden Wellen erhoben, Hüpfend vor Freud', ihr Haupt, und, unabsehlich und endlos Flammten sie all' im hehren Glanz' ätherischen Lichtes. Aber mit pochender Brust, in stürmischer Seelenentzückung, Sah'n die Krieger hinaus auf die schimmernden Fluthen -- vor allen Jene, welch' erst jüngst dem Meer' als Fremdlinge nahten; Doch bald hob ein jeder den Blick zu dem Vater im Himmel, Der das Meer und die Sonne, so schön und so herrlich erschaffen. Fröhlich wähnten sie schon sich entrückt dem schrecklichen Unhold, Dem auch der tapferste Mann, seekrank, in schwindelnder Ohnmacht, Feig', auf dem niedrigen Lager erliegt; doch, als das Gesäusel Schiffentführender Wind' in heißerer Stunde des Mittags Leise verscholl, und schlaff an dem Maste das Segel herabhing; Als das geschaukelte Schiff auf unstättreibenden Wogen, Kreisend umher, nicht vorwärts kam: da fielen besiegt ihm Alle zugleich, die jüngst dem schwankenden Rücken der Salzfluth Sich vertrauten zur Fahrt. Sie dachten, zu sterben. Die Schiffer Sah'n, mit Lächeln, des Kriegers Furcht: denn wieder erhob sich Nun der günstige Wind, und trieb sie im sausenden Flug fort.
Aber vom Jauchzen des Volks und dem Jubel des eh'rnen Geschützes Freudig begrüßt, kam jetzt vor Neapolis schimmerndem Hafen Glücklich die Heersmacht an, und lud, mit gewaltiger Stimme, Jene zur Heldenfahrt, die dort der Kommenden harrten! Wie in dem Föhrengehölz, durchwühlt vom grausamen Wand'rer, Wimmelt ein Ameisennest von geschäftigem Volke: sie laufen Auf und nieder, voll Hast, zu schirmen die glänzenden Eyer; Oder sie bauen ihr thürmendes Haus von Neuem mit Sorgfalt: So lief hastig das Volk in dem Hafen umher: das Geschwader Rüstend, das an dem Bord dreitausend erlesene Krieger Zählte. Den Kriegern geboth Toledo,[29] Don Pedro's Erzeugter, Der, des Kaisers Vasall, statthaltend herrscht' in dem Land dort. Ach, unsäglicher Jammer zerriß des edeln Toledo's Heldenbrust, und stieß ihn schnell aus dem rosigen Morgen Täuschenden Erdenglücks in die Nacht endloser Verzweiflung! Jüngst erst reicht' ihm die Hand, am Altar, des salernischen Herzogs Einziges Kind, Mathilde, die trefflichste, schönste der Frauen, Und sie entfloh'n der Stadt, in Calabria's Zaubergefilden Suchend die meerbeherrschende Burg, in lieblicher, stiller, Seliger Einsamkeit die süßesten Stunden zu leben. Dort in dem Schatten umher des meerangrenzenden Fruchthains, Den im grünlichen Abendgold die säuselnden Lüftchen Wiegten, und rings durchtönte der Nachtigall wonniges Flöten, Dort lustwandelten, Arm in Arm, in Liebe verschlungen, Beide die glücklichen jetzt. Nur Hugo, ihr redlicher Diener, Folgt' entfernter, und band die Bäumchen, voll üppigen Wuchses, Die er im Herbste gepflanzt, an die stützenden Pfähle mit Bast an. Aber sie ließ, ermüdet, im schwellenden Grase sich nieder, Kehrend den Rücken dem Meer', und sah mit thauenden Wimpern, Wie der Gatt' im Orangengehölz die Zweige durchspähend, Fern hinschwand: denn immer die schöneren sucht' er mit Vorsicht Ihr aus der Fülle der goldenen Frucht, erlesend, zu pflücken. Wehe, da lag in der Felsenhöhle des hallenden Ufers, Von dem blühenden Genst und der Thränenweide verhüllet, Dragut, der freche Korsar, und harrte des nächtlichen Dunkels, Lauernd, im schwärzlichen Schiff'! Als fern', in dem schattenden Fruchthain, Forschend, Toledo entschwand: da brachen des Räubers Gefährten Plötzlich heran, und schleppten die schöne, die hohe Gestalt fort; Doch sie verstummte vor Angst, und verging vor Todesentsetzen. Wie die Schar ergrimmter Schakal', aus finsteren Höhlen Kommend, und dürstend nach Blut, die erschrockene, sanfte Gazelle Fahet im Lauf -- da fällt mit dem Unschuldsblick sie im Sandstaub Lautlos nieder: so sank die arm' am Borde des Schiffs hin. Hugo gewahrte den Jammer. Er schrie; flog hin zu dem Ufer, Stürzt' in die Fluthen, und schwang, ein rüstiger Schwimmer, zum Schiffsbord, Eines der Thau' umklammernd, sich auf. Da zückte der Wüthrich Dreimal den blitzenden Stahl, das grauende Haupt ihm zu spalten: Dreimal entsank ihm der Stahl: ihm brach des redlichen Dieners Treue das Herz. D'rauf hieß er ihn selbst, mit sanfterer Stimme, Wecken die holde Frau aus seelenumschattender Ohnmacht.