Tunisias Johann Ladislav Pyrker's sämmtliche Werke (1/3)

Part 21

Chapter 213,490 wordsPublic domain

Hugo nahte voll Angst. Nicht erspähte sein Auge Toledo's Schimmernden Helm in dem Vorderzug, nicht das blitzende Schwert mehr, Dem die Feinde gebebt; doch jetzt gewahrt' es ihn blutend -- Todt in dem Staub, und neben ihm Kurd, den treuesten Freund auch. Gleich zween säugenden Leu'n, die ein grimmiger Panther erwürgte, Als entfernt nach Beut' umirrte die sorgliche Mutter, Lagen sie dort; und, wie die Kehrende heulet, und wehklagt Um die Lieben, daß rings, mittrauernd, die Wälder erschallen: So wehklagte der Greis, und rief zu Toledo gebeugt hin: »Mußtest du sterben dahier im fern entlegenen Welttheil, Ferne der Heimath: den Lieben fern, du Herzensgeliebter! Hugo kehret allein! Nicht schaust du vom kehrenden Schiff mehr Dort den hohen Palast, wo in unbehülflicher Kindheit Er dein erstes Lallen vernahm, auf den Armen dich wiegend; Nicht umfängt, aufweinend vor Wonne, der fürstliche Vater Dich Gelandeten dort, nicht die zärtliche Gattinn -- was sagt' ich? Sie ist nicht mehr! Schon floh der Engel zur besseren Heimath Wieder zurück: du folgtest ihm schnell in liebender Sehnsucht. Ruhet denn beide vereint, im nämlichen Grab, und es ruhe Neben euch dort im Frieden die Hülle des theuersten Freundes! Dann erhoben, auf seinen Wink, die tapferen Krieger, Die er so oft zum Kampf' und zum Siege geführet, den Helden Dort mit dem treuesten Freund' auf die Schultern, und folgten ihm, schweigend All', und mit Thränen im Blick, zum moosumwucherten Fels hin. Als er den finsteren Schlund der Höhl', entfernend den Steinwust, Selber enthüllt'; als jetzt an der Seite Mathildens Toledo Lag, zu dem Engel gewandt, der ruhend am Herzen der Mutter Lächelte, sah er sie lange noch an, und sagte mit Andacht: »Schlummert im Frieden dahier der Auferstehung entgegen, Bis der Posaunenruf euch dann zu dauernder Wonne Wiedererweckt. So sey's! Sie wandelten weinend, und sä'ten Saat der Verwesung; allein, bald kehren sie jauchzend, und tragen Freudig die Garben heim in die Scheuern des ewigen Lebens.«[85] Sieh', und als er auch Kurd, den redlichen Freund, an des Freundes Seite gelegt, und das Schwert ihm dort in die Rechte gegeben, Das er zur Rettung des Freundes gezückt: da stieg er beklommen, Und mit thränendem Blick noch oft zu den Todten sich wendend, Wieder zur Tageshelle herauf. Er winkte den Kriegern, Und sie wälzten sogleich den lastenden Stein an der Höhl' auf: Vor unheiligem Blick die Hülle der Edeln zu wahren. Aber er ging, und harrt' am Strand der ersehneten Heimfahrt.

Hairaddins Völker floh'n, durchbrausend die Straßen von Tunis, Und er folgte den Feigen voll Grimms; doch jetzo die Hochburg Schauend im Abendglanz, erwog er noch zweifelnden Sinnes: Ob er erklimme die Höh'n, und dort, die entfesselten Sclaven Waffnend, stehe zur Wehr', und fall' im rühmlichen Tod nur? Hastig spornt' er das Roß bergan, zu erklimmen die Höhen; Doch nun hielt er erstaunt. Ihm brausete Fluch und Verwünschung Schrecklich an's Ohr; hellschwirrende Pfeil' und schmetternde Kugeln Wühlten um ihn, entsinkend der Luft, im Staub, und die Mörser Spie'n mit Donnergetös' ihm zermalmende Kugeln entgegen. Und, o schreckliche Schau: es wehte die Fahne des Kaisers Hell von den Zinnen der Burg, die dort aufpflanzten die Deutschen! Jetzt ergriff er die Flucht. Entfaltend die nächtlichen Flügel, Rauscht' ihm Verzweiflung, Angst, und Todes-Grau'n in dem Rücken; Doch gewahrend im flüchtenden Heer' auch Sinam, des Nach-Zugs Tapferen Hort, ergrimmt' er sogleich, und schmähte den Greis so: »Ha, wer siegte mir ob mit tönender Zunge voll Arglist, Daß ich die Sclaven gesammt nicht erwürgen ließ in der Burg dort? Sey verflucht dein Rath -- verflucht du selber auf immer!« So vom Zorn entflammt, entriß er dem Krieger den Bogen, Zog die Sehn' an die Brust, und schoß nach den Zinnen der Hochburg, In ohnmächtiger Wuth, den breitbefiederten Pfeil hin; Dann entfloh er nach Bona hinaus, wo seiner die Schiffsmacht Harrt', und Sinam folgt' entfernt mit dem schweigenden Heer nach.

Als nun rings im Gefild' des Krieges Getümmel verhallt war, Herrschte, die Straßen entlang, in der meilenumkreisenden Hauptstadt, Grabesstille. Verstummt, und zitternd bei jeglichem Laut schon Saßen die Menschen daheim, und harrten des nahenden Feindes. Aber mit wankendem Schritt und thränenumflossenen Wimpern Traten, je zwei und zwei, die Greis' aus dem Thore von Tunis: Aelteste nennt sie das Volk, die am Markt und im wölbenden Stadtthor Sitzend, sprechen des Rechts Urtheil als kundige Richter. Fünfzig kamen der Greis'. Ihr Haupt von silbernen Haaren Spärlich umhüllt, erweckete Mitleid; Achtung geboth ihr Schneeiger Bart, der tief zu dem goldenen Gürtel herabfloß. Jeglicher trug in der Rechte herbei den grünenden Oehlzweig, -- Trug in der Linken Geschenk', und horcht', erbebend vor Angst, auf: Denn schon tönete laut, und lauter des eisernen Hufes Schmetternder Schlag: schon klang das Rasseln der blitzenden Waffen Näher; des Vor-Zugs reisige Schar herbrauste, dem Sturmwind Aehnlich, und drang in die Stadt, der bebenden Greise nicht achtend. Dort, noch glühend vom Kampf, und entrüstet in blutiger Arbeit, Würgt' ihr Schwert unseliges Volk, das thörichten Herzens Hairaddins Worten vertraut', und, dem Schrecklichen treu sich bewährend, Muthige Abwehr sann, und furchtbarer Rache gedachte.[86] Aber umsonst: bald floh die unzählige Menge zerstäubt fort.

Jetzt an der Spitze des jauchzenden Heer's, in eherner Trommeln Wirbelndem Ruf, im Drometengetön, und der flatternden Fahnen Sanftem Gesäusel, erschien der stattliche Kaiser. Die Feldherrn, Eberstein und Doria rechts -- links Guasto mit Ludwig Folgten ihm. Doria, groß und mächtig im Sturme der Seeschlacht, Sah ihn erringen den Sieg, und heftete seitdem die Augen Schweigend auf ihn; ihm pochte die Brust vor erschütternder Ehrfurcht. Als der Herrscher die Greise, gebeugt im Staube, gewahrte, Sprang er vom Sattel, und hieß sie mit sanftgebiethender Stimme Stehen, und sprechen vor ihm mit Muth und würdiger Freiheit. Siehe, da sprach El-Had, der hundertjährige Greis so: »Segen mit dir, gewaltiger Heer'- und Völkerbesieger, Der du mit Huld uns hörst! Nun herrsch' in Fülle des Glückes Ueber ein Volk, das jüngst im strafenden Zorne die Vorsicht Hairaddins Wuth preis gab, des grausamgesinneten Mannes! Ach, und wir haben doch einst viel bessere Tage gesehen, Als auf dem Thron von Tunis ein Fürst voll göttlicher Weisheit, Maula Mehemed, saß, deß' Staub der Segen des Himmels, Wie die Sommerflur der thauende Morgen, erquicke; Als des Siegers Schwert' erbebten die Gegner, im Frieden Blühte dieß Land, und rings auf dem weltverbindenden Meer noch Wogte sein Handelsschiff, des Segens Fülle verbreitend -- Sammelnd im frohen Verkehr! Doch zürne dem eifernden Greis' nicht, Herr: denn stets umschwebt ihn das Bild entflohener Zeiten, Und errette das Volk in den Mauern der zitternden Hauptstadt, Wo nach dem schrecklichen Kampf der rach'erfüllete Sieger Wüthet. Vielleicht, daß auch dir ein grauender Vater daheimblieb, Welcher im Gram des Tages gedenkt, an welchem du hingingst; Oder am Strande des Meer's die Mutter des blühenden Säuglings Deiner, des Gatten, beraubt, aufweint in trauernder Sehnsucht. Solches erwäg', und errette -- gebiethe dem stürmischen Krieger, Daß er den lüsternen Blick, voll heiliger Scheu, von des Harems Thüre verwende, und Leib und Gut dir opfert dein Volk dann!« Also der Greis, und mild, wie ein liebender Vater den Kindern Streichelt die Wange zum Trost, zur Ermunterung, nahte der Kaiser Jetzo dem flehenden Greis', und sprach mit erheiterten Blicken: »Ein, und derselb' erbarmende Gott ist über uns allen, Der den Sieg uns gab, und den frevelnden Räuber in Staub warf. Aber nicht mir und den Meinen, nur Muley Hassan, dem König, Huldige fürder dieß Land: ihm werde das Erbe der Väter, Ihm der entrissene Thron, die Lieb' und die Treue des Volkes. Möge die Zukunft ihm und euch im Segen erblühen!« Sagt' es, und nahm die Geschenk' an köstlichen Früchten und Blumen, Die, nach der Sitte des Land's, ihm die zitternden Greise verehrten, Nahend je zwei und zwei, und die Herolde hieß er, den Kriegern Einhalt thun mit gebiethendem Wort', in den Straßen von Tunis. Jene gehorchten, und bald verstummte der Waffen Getümmel.

Doch welch' dunkeler Strom ergeußt sich vom Felsengebirg her? Zahlloswimmelndes Volk entströmt den Thoren der Hochburg. Ha, die Geretteten sind's -- sie sind's, erschütternd zu schauen! Wie, zum Schwarme gereift, die unzählige Menge der Bienen, Summend, dem duftenden Korb entfährt am sonnigen Lenztag: Also entströmten auch hier wohl zwanzigtausend der Christen -- Jetzo nicht Sclaven mehr, den Kerkern der Stadt und der Hochburg: Bleich, ermattet durch Qual, durch Hunger und grause Behandlung! Glückliche, die nun zuerst umschlangen die Kniee des Kaisers, Knieend im Staub; auf die Hand ihm preßten die zitternden Lippen -- Netzten mit glühenden Thränen sein Kleid! Nur Stöhnen und Schluchzen Tönte noch ringsumher aus der angsterregenden Stille. Jetzt ein Weinen und Heulen erscholl, und jetzo mit einmal, Furchtbar, hallte Geschrei: »O Vater, Retter, Befreier!« Wie die Meeresfluth, vom nahenden Sturme gehoben, Erst nur leis' aufrauscht; doch bald im schrecklichen Aufruhr Heulet in Wolkenhöh'n, und braust in des gähnenden Abgrunds Tiefen, daß, schaudernd vor Angst, ihr die Erd' und der Himmel erdrönet: Also ertönte der Schrei der Glücklichen rings um den Kaiser. Tausender Händ' empor zu dem Vater im Himmel gehoben, Zeigten die Bahn, auf welcher des tieferschütterten Herzens Dank aufflog, und des Segens Füll' erflehte dem Retter.

Lauter ward das Getös', und bewegter die wimmelnde Schar dort. Einer dem andern sank an die Brust, und fragte noch zweifelnd: »Ist es gewiß: wir frei -- entronnen auf immer den Banden?« Einzeln, dann wieder vereint, dann immer gewaltiger scholl's nun: »Werd' ich dich wiederseh'n, o Vaterland -- in der Heimath Seh'n dich, väterlich Haus, wo mir der fröhlichen Kindheit Jahre entschwanden im Glück? Werd' ich den zärtlichen Vater -- Ich die liebende Mutter umfah'n -- die holde Geliebt' ich, Liebend und treu, und ich, den Freund, die Kinder, und Gattinn?« Also erscholl's aus dem brausenden Strom endlosen Entzückens; Aber der Retter stand im Kreise der staunenden Feldherrn, Von den seligen Scharen umjauchzt. Er blickte, verstummend, Ueber die Menge hinaus, in des hochaufwölbenden Aethers Schimmernden Raum empor (an seinen Wangen herunter Stürzte die Thrän') und als er nun senkte das Haupt, und voll Dankes Preßte die Recht' an das pochende Herz: da wandt' er sich lächelnd, Weinend, nach Eberstein, und sagte mit leiserer Stimme: »Stürb' ich doch jetzt: denn ach, mir wurde die Wonne des Himmels!« D'rauf mit erheitertem Blick begann er, und sagte zu Guasto: »Edeler Greis, vertraut sey dir die Pflege der Freien, Daß du mit Vaterhuld, und weis'umschauender Sorgfalt Stillest die Noth der Hungrigen, und bekleidest die Nackten! Heimwärts schiffen wir bald. In des Meer's freiwogenden Fluthen Rauschet der Kiel, und vom Mast erglänzen die Kränze der Sieger: Dort den Lieben zur wonnigen Schau. Doch nimmer entschwindet Uns das errungene Ziel hinfort; nicht welket der Kranz mehr, Der uns geworden: denn seht: er keimte hienieden, und blühet Unvergänglich fort in den hehren Gefilden des Himmels!« Jener führte die jauchzende Schar zu des Meeres Gestad hin, Sorgend für Aller Wohl nach dem Willen des edelsten Herrschers; Aber er trat voll Wehmuth ein in die Thore von Tunis!

Anmerkungen zur Tunisias.

Erster Gesang.

[1] Vers 27.

Nach der Schlacht von Zama, soll P. Corn. Scipio den Hannibal gefragt haben: wen er für den größten Feldherrn halte? Dieser nannte zuerst Alexander den Großen, dann Pyrrhus den Epiroten, und den dritten sich selber. Scipio, darüber empfindlich, sprach weiter: »und was würdest du erst gesagt haben, wenn du auch mich überwunden hättest?« -- »Dann« entgegnet' ihm jener -- »würde ich mich weit über jene Beiden gesetzt haben.«

[2] Vers 29.

Ludwig IX. (der Heilige), König von Frankreich, Sohn Ludwigs VIII. und Blanca's von Castilien (geb. den 25. April 1215), der durch seine Frömmigkeit, Weisheit in Regierungsgeschäften, und durch persönliche Tapferkeit sich allgemeine Hochachtung erworben hatte, unternahm zuerst einen Kreutzzug nach dem gelobten Lande; eroberte im Jahre 1249 Damiata, und schlug den Sultan von Aegypten zu wiederholten Malen. Allein durch Hungersnoth und ansteckende Krankheiten zum Rückzug gezwungen, verlor er die errungenen Vortheile mit der Freiheit, die er nur durch die Zurückgabe von Damiata, und durch ein großes Lösegeld für sein mitgefangenes Heer, wieder erhielt. Im Jahr 1270 unternahm er einen zweiten Kreutzzug, schiffte nach Afrika über, und eroberte die Veste von Tunis; doch auch hier, wie in Syrien, raffte eine ansteckende Krankheit einen Theil seines Heeres weg, deren Opfer er selbst, am 25. August desselben Jahres, geworden ist. (Siehe _dessen Lebensbeschreibung_ durch _Delachaise_ und des Abtes _de Choisi_.)

[3] Vers 40.

_Hairaddin_ (Chereddin) und Horuc-Barbarossa, von Mitylene, auf der Insel Lesbos, gebürtig, und, als Korsaren, der Schrecken des mittelländischen Meeres, bemächtigten sich des Thrones von Algier, wohin sie Selim-Euthemi, der König, gegen die Spanier zu Hülfe gerufen hatte. Chereddin übertraf seinen Bruder noch an Kühnheit, und begründete eigentlich das so lange, zur Schande Europa's, bestehende System der Seeräuberei an der Nordküste Afrika's. Nachdem er Constantina und noch andere Städte daselbst wegnahm, ernannte ihn Solyman II., oder _Prächtige_, zum Oberbefehlshaber seiner Flotten. Im Jahr 1535 bemächtigte er sich durch Verrath der Stadt Tunis; sammelte dort eine bedeutende Seemacht, und anstatt, wie im vergangenen Jahre, nur die Küsten Italiens zu plündern, ging er mit nichts Geringerem um, als Sicilien mit einer Menge Türken und Mauren zu erobern, wodurch er sich die Wege zu dem Throne Neapels zu bahnen gedachte. In demselben Jahre wurden seine unabsehbaren Plane durch Carls V. herrlichen Zug nach Tunis vereitelt. Doch Carls unversöhnlicher Feind, Franz I., König von Frankreich, ward Chereddins Verbündeter, mit dessen Macht vereint, er im Jahr 1543 Nizza wegnahm. Er starb im Jahr 1546 zu Constantinopel, -- im 88. seines Lebens. An dem Strande des Meeres zu Beschiktasch, am europäischen Ufer des Bosphorus, ist sein Grabmahl (wie Hofrath v. Hammer in seiner Verfassung des osmanischen Reichs Theil II., Seite 317, sagt), und erregt ernste Gefühle bei dem Geräusche der Wogen, die an ihm emporklimmen. (__Paul. Jov. in Elog._ I. 6. -- _Hist._ I. 33. 41. 44. -- _Thuan. Hist._ L. III._)

[4] Vers 55.

_Andreas Doria_ (geb. 1468) aus einem altadelichen Geschlechte Genua's, war früher französischer Admiral, wählte aber freiwillig Kaiser Carls V. Flagge, und blieb zur See in dessen Diensten bis zu seinem Tode im J. 1560. Er war der größte Seeheld seiner Zeit; gab Genua eine bessere Verfassung, und ward der _Vater und Befreier des Vaterlandes_ genannt, das er im J. 1528 vom Joche der Franzosen befreiet hatte.

[5] Vers 61.

_Muley Hassan_ (Maula-Hascen), Maula Mehemeds Sohn, König von Tunis. Er war der jüngste Sohn von zwei und zwanzig Geschwistern, unter welchen er seine Brüder, auf den Rath seiner unnatürlichen Mutter, theils blenden, theils tödten ließ, um also zum Throne zu gelangen. Sein älterer Zwillingsbruder, Al-Raschid, entfloh nach Constantinopel, bei Solyman Hülfe zu suchen. Er ward heimlich erwürgt, und der eben von dort absegelnde Chereddin eilte nach Tunis, und bekam bald, im Nahmen des todten Al-Raschid gebiethend, dem das Volk anhing, Goletta die Veste, und dann auch Tunis in seine Gewalt. Muley Hassan ward zwar durch den siegreichen Kaiser in sein ihm entrissenes Land wieder eingesetzt, wurde aber nach wenigen Jahren von seinem Sohn, Hamida, des Thrones beraubt, und geblendet. So kam er zu dem Kaiser nach Augsburg, nochmals um Hülfe zu flehen, und starb auf der Rückreise in Rom. (Siehe: __M. Cardonne Histoire de l'Afrique et de l'Espagne_ etc. T. III. _Paris_ chez Saillant_ 1765, und __Jov. Hist._ 33. c._)

[6] Vers 99.

_Solyman II._ (Suleyman, der _Prächtige_ benannt) folgte Selim I., seinem Vater, im Jahre 1520 in dem türkischen Kaiserreiche nach. Nie ist dieses Reich auf einer glänzenderen Stufe der Macht und des Ruhmes gestanden, als unter diesem, durch Herrscherweisheit und Thatkraft ausgezeichneten Fürsten. Im Jahre 1521 eroberte er Belgrad, und im folgenden Jahre die Insel Rhodus, von wo er die Johanniter-Ritter vertrieb. Im Jahre 1526 gewann er in der Schlacht von Mohatsch den Sieg über den König der Ungern, Ludwig II., der sammt seinem Pferde in einem Moraste zu Grunde ging, und, nachdem er einen großen Theil von Ungern in seine Gewalt bekommen hatte, rückte er im J. 1529 vor Wien, von wo er nach einer vergeblichen Belagerung, da der Kaiser, Carl V., mit einem Heere näher gerückt war, sich schnell nach Ungern hinabzog. Er starb daselbst am 4. September 1566, bei der Belagerung der Veste Sigeth, die Niklas Zriny, ein zweiter Leonidas, so heldenmüthig gegen ihn vertheidigt hatte, im 72. Jahre seines Alters, und im 46. seiner Regierung. (__Paul Jov. in Solim.__)

[7] Vers 105.

_Istambul_, Stambul, nennen die Türken die Stadt Constantinopel.

[8] Vers 406.

Die heiligen Urkunden sprechen von einem Orte der ewigen Seligkeit, wohin die _Guten_ kommen, und von welchem die _Bösen_ auf immer ausgeschlossen bleiben. Aus ihnen schöpfte die Allgemeine Kirche die Lehre von einem Mittelzustande, von jenem der _Läuterung_, durch welche der Uebergang zu jenem möglich wird. Ueber alle drei ist in dieser Kirche, seit der ersten Zeit ihrer Verbreitung bis zu dem heutigen Tage, ein, und derselbe Glaube geblieben, welchen sie bestimmt, und deutlich gelehret hat. In Bezug auf dieses dreifache _Geisterreich_, von welchem die Kirche Beschreibungen zu geben, weder konnte, noch wollte, ließ sie auch einige Stellen in den Briefen des Apostel Paulus unberührt, die mit jenem in Verbindung gebracht werden konnten. Dieß sind die Stellen, in welchen er von den, im Luftraum wohnenden Geistern spricht, und auf welche der Sänger der Tunisias, und des Rudolph von Habsburg, sein _Wunderbares_ im Epos, (nicht als Exeget, sondern als Dichter) gegründet hat. Im Brief an die Epheser VI. vom 11-13. Vers (»Ziehet an die volle Rüstung Gottes, damit ihr stehen könnet gegen die Nachstellungen des Versuchers: denn unser Kampf ist nicht wider Fleisch und Blut, sondern wider Fürstenthümer, Gewalten und Weltherrscher der finsteren Gegenwart: wider die bösen Geister im Uebersinnlichen«) ist von Geistern die Rede, die böser Natur sind, und gegen deren Einflisterungen der Christ zu kämpfen hat. Vorher, III. Cap. 10. V. (»Damit den Mächten und Gewalten, im Uebersinnlichen, durch die Kirche« -- die Bekenner der christlichen Lehre, »die mannigfaltige Weisheit Gottes bekannt werde«) spricht er aber von solchen, welchen auf dem Pfade der Läuterung ein Aufschreiten vergönnt zu seyn scheint. Besonders die erstere Stelle fände ihre Erläuterung in jener im I. Brief an die Chorinther XV. Cap. 24. V. &c., wo Paulus von dem _Weltende_ spricht: (»... Dann ist das Ende, wenn Gott die Fürsten, Mächte und Gewalten« -- im Uebersinnlichen -- »außer Wirksamkeit gesetzt haben wird. Das Letzte aber, was sein Ende erreichen soll, ist der Tod.«)

Daß diese Stellen in den Briefen des Apostel Paulus schon in den ersten Jahrhunderten der christlichen Zeitrechnung auf eine ähnliche Art ausgelegt wurden, beweisen die merkwürdigen Worte des größten Schriftauslegers aller Zeiten, des h. Hieronymus, der zu obiger Stelle im VI. Cap. des Briefes an die Epheser, sagt: _»Haec autem omnium Doctorum opinio est: quod aer iste, qui coelum et terram medius dividens, inane appellatur, plenus sit contrariis Fortitudinibus.« _S. Hieronym. Comment. in Epist. ad Ephes. Q. 3. c. 5.__

[9] Vers 465.

Die grundlose Beschuldigung, die der Sectenhaß so vielen, selbst ausgezeichneten Geschichtschreibern eingab, daß nämlich Carl V. nach der Alleinherrschaft in Europa gestrebt habe, ist dem Unpartheiischen wohl aus seinem ganzen Herrscherleben klar genug; doch findet er sie völlig widerlegt durch seine Lage nach dem berühmten Siege, den er bei Mühlberg (24. April 1547) über den Smalkaldischen Bund errungen hatte. Seine ergrimmtesten Gegner sanken dort überwunden zu seinen Füßen; seine spanischen Veteranen, mit vielen italienischen Scharen, standen ihm zu Geboth, und er -- begnügte sich dem frechen Uebermuth, der ihn nur als _Carl von Gent_ mehr gelten ließ, ein Ziel gesetzt zu haben, entließ seine sieghaften Scharen, baute auf Treu und Glauben: denn das hatte er wohl nie gedacht, daß sein Liebling, Moritz von Sachsen, den er an seinem Herzen groß gezogen hatte, so undankbar an ihm handeln würde, und gerieth, von diesem mit einem Ueberfall bedroht, schon fünf Jahre (J. 1552) nach jenem Siege, in solche Gefahr, daß er sich, von Gichtschmerzen gefoltert, in einem Tragsessel noch in der Nacht von Innsbruck fort über die Gebirge nach Kärnthen, als ein Flüchtender, mußte tragen lassen.

Zweiter Gesang.

[10] Vers 23.

_Ortilo_, dessen wichtige _Fragmente von den Babenbergern_, als Herrschern Oestreichs, Chrysostomus Hanthaler aufgefunden und bekannt gemacht hatte, sagt zu dem Jahr 1191 von _Leopold_ dem _Tugendhaften_, unter anderm: »Da der Herzog bei der Belagerung (von Ptolemais) so tapfer focht, daß sein ganzer Körper, mit Ausnahme jenes Theils, den der Leibgurt umgab, mit Feindes Blut bespritzt war, so hat in der Folge der Kaiser, Heinrich VI., den Schild Oestreichs, in dem bisher fünf Lerchen zu sehen waren, geändert, und zeichnete solchen durch ein _rothes Feld_ aus, das durch einen _weißen Querbalken_ mitten durchschnitten ist.« Ortilo war ein Zeitgenosse Leopold des Tugendhaften, und vier Jahre darauf, bei seiner Begräbniß in heil. Kreuz, gegenwärtig. Spätere Schriftsteller, wie Cuspinian, Lazius &c. &c. sind anderer Meinung über die Bedeutung dieses Wapens. (Siehe __Fast Campil._ T. I. pag._ 434, und __Recens. Dipl. Geneal. Arch. Campil._ pag. 196._)

[11] Vers 58.

In dem Werkchen: __Eutropii Diarium Expeditionis Tunetanae_ a. 1535_, die in der Sammlung »_Scriptores Rer. Germ. per S. Schardium_,« Gießen, 1673, enthalten ist, wird ausdrücklich gesagt, daß der Kaiser während seiner Abwesenheit die Regierung Spaniens seiner Gemahlinn, Isabella, übergeben, und sogar sein Testament hinterlassen habe: _»priusquam Madritio discederet, omnibus adhibitis solemnitatibus testamentum suum condidit,« pag. 321_.

[12] Vers 91.

_Hermann_, der Sohn des Cherusker-Fürsten, Siegmar (geb. 18 J. vor Chr.), ward in Rom erzogen, und im römischen Heere angestellt. Doch, er beschloß der Retter seines Vaterlands zu werden; vernichtete in seinem 26. Jahre die Legionen des Quintilius Varus in dem Teutoburger Walde, und nachdem er zwölf Jahre hindurch die Angelegenheiten Deutschlands geleitet hatte, besiegte er Marbod, den König der Marcomannen, zwei Jahre vor seinem Tode. Er soll, weil er nach Alleinherrschaft strebte, von seinen Anverwandten ermordet worden seyn. (__Tacit._ L. I. et II. _Annal.__)

[13] Vers 97.