Tunisias Johann Ladislav Pyrker's sämmtliche Werke (1/3)

Part 2

Chapter 22,976 wordsPublic domain

Da, wo in engerer Bahn, an Siciliens Felsengestaden Und Calabriens Klippen vorbei, sich die salzige Meerfluth Strömend ergießt: traf jetzt mit sanften, melodischen Tönen, Brausender Wogen Gebrüll' und wirbelnder Fluthen Getümmel Sein aufhorchendes Ohr, und seine erheiterten Augen Hafteten sehnsuchtsvoll an der dampfenden Kuppe des Aetna: Denn, nur eben entrückt dem mildbefreundeten Leben, War ihm die Erde noch stets die liebe, die trauliche Heimath. Doch auf den schwindligen Höh'n, wo Stille herrscht, und des Wand'rers Ohren kein Laut erschallt, wenn dort nicht der einsame Gemsaar, Von dem mittleren Raum, mit kreischender Kehle, sich aufschwingt; Wo in des Frühwinds frostigem Hauch nur gelbliches Steingras Rauschet, und gleißt, und am Felsenkamm kein Rasen ergrünet: Dort erblüheten jetzt rings her die erlesensten Blumen -- Nickten, und trugen die beiden vereint auf den schimmernden Kelchen Sanft von der Erd' empor, und verbreiteten Düfte des Himmels. Doch der Unsterbliche sank auf die Knie', und sah zu dem Lichtreich Flehenden Blickes empor, die Stimme des Herrn zu vernehmen. Und sie erscholl leis' erst, wie ein Frühlingslüftchen die Blüthen, Lispelnd bewegt; dann ähnlich dem Sturm, der hoch zu den Wolken Stäubet die Felder, entwurzelt den Forst, und empöret den Waldstrom, Daß er mit schwellendem Grimm' ausbricht in die Fluren und wüstet Thäler und Hügel umher, zu trauererregendem Anblick; Wie der furchtbare Donner, der des umnachteten Himmels Eh'rnes Gewölb, weithin, durchbrüllt, und mit krachenden Schlägen Dumpf fortrollt, und murrt, daß die Vesten erzittern des Erdballs: Also, Vernichtung drohend, erscholl's dem sinkenden Fremdling, Als der Ewige sprach; doch jener vernahm's mit Entzücken. Wie der leis' Erwachende horcht, wenn nächtliche Lüftchen, Flisternden Hauchs, die Saiten der Aeolsharfe durchsäuseln, Und der entzückende Klang in den stillen Räumen dahinstirbt: Also horchte der Himmlische. Doch nun hob er den Fremdling Liebend an seine Brust, und drückte die rosigen Lippen Dann mit erweckender Gluth an seine geschlossenen Wimpern. Staunend blickt' er umher: er sah durch Thränen der Wonne, Fest an den Busen des Holden geschmiegt, die Gefilde des Himmels Plötzlich enthüllt, und stand verloren in seliger Anschau. Wie in des eisigen Winters Zeit, wenn düstere Nebel Lange die Thäler umher, dicht lagernd, verhüllten, der Ostwind Sausenden Flugs anstürmt, und die lästigen ferne verscheuchet: Da glänzt herrlicher noch der hochaufwölbende Luftraum, Und der bereifte Wald erhebt von den starren Gebirgshöh'n, Schimmernd, das Haupt -- hell glühet der Strom im sonnigen Thal fort: Also zerfloß auch hier, vor den Augen des staunenden Fremdlings Leise die Wolkennacht, und er sah ... wer wagt' es zu sagen, Was er geseh'n, gehört, und gefühlt in den Tiefen des Herzens? Nur in dem Augenblick, wie er uns auf Erden entschwindet, Wurden die hohen Gesicht' ihm enthüllt: im duftigen Goldglanz Schwanden sogleich vor seinen Blicken die Räume des Himmels. Aber er stand, und starrte noch immer, erschüttert, vor sich hin, Wie der Wand'rer im strahlenden Blitz die nächtliche Gegend Plötzlich erhellet schaut, dann blind hinstarrt in die Sturmnacht. Und der Unsterbliche rief ihm jetzt ermunternden Blickes: »Sohn des Staubes, o nie vergiß der Huld des Erbarmers, Die zu Gefilden dich hob, wohin kein sterbliches Aug' noch Drang. Lobsinge dem Herrn, dem einigen Lenker des Weltalls! Hier auf den dampfenden Höh'n verkünd' ich dir seine Beschlüsse, Wie erst zuvor mein Ohr sie vernahm in unsäglicher Wonne. Er durchschaute dein Herz, das heiß für unzähliger Völker Wohlfahrt schlägt, und jetzt den Sclaven Errettung bereitet. Schön ist der Kampf für Recht und des Menschen heilige Freiheit; Gottgesegnet der Muth, die schmähliche Kette zu brechen, Die der freche Tyrann, im Wahnsinn höhnenden Stolzes, Jenen ersann, die Brüder ihm sind, und Erkor'ne des Himmels. Herrlichen Sieg gewähret dir Gott; erkenne dieß Zeichen Seiner unendlichen Huld und der beifallwinkenden Allmacht.« Jener beugte die Stirne zum Staub'; erhob sich, und sah dann Freudig empor: sein Aug' erglänzte von Thränen des Dankes. Jetzt ergriff er die Hand des Himmlischen, starrte verwundert Noch in die Lüfte hinaus, und sprach mit leiserer Stimme: »Ringsum sah ich die Luft von Scharen unsterblicher Geister Wimmeln, und dort die Wege der Sterblichen gierig erforschen. O, verhehl' es mir nicht: was sollen die hohen Gestalten, Die, verdunkelt, nicht dir, nicht mir, dem Fremdlinge, gleichen?« Und der Unsterbliche rief mit ernstumwölketen Augen: »Erdebewohner, du wolltest erschau'n des unendlichen Weltalls Tiefen und Höh'n; dich kühn auf der Stufenleiter der Wesen Schwingen hinauf und hinab, und erkennen, wie Glied sich auf Glied dort Reih' an der Kette, mit dem die allmächtige Rechte des Ew'gen, Alles, was athmet, und lebt, und was nicht lebet, noch athmet, Liebend umschlungen hält? Du sänkest zurück' in den Urstaub Vor dem Geheimniß des All's, dem selbst der Cherub erbebte. Sieh', in des Himmels Höh'n ist Seligkeit; tief in des Abgrunds Höllengefilden ist Qual: auf immer dort dem Gerechten Unaussprechlicher Lohn, hier Strafe verhärteten Frevlern! Aber inmitten der scheidenden Bahn des Heil's und Verderbens Dämmert der Pfad der Läuterung noch: ihn wandeln die Seelen, Schuldig des leichteren Fehl's aus Irrthum, oder Verblendung, Dem auch jene Unglücklichen dort einst fröhnten auf Erden, Daß sie, gereint, der hohen Erbarmungen würdig erscheinen, Wenn in des Richters erhobener Hand, an dem letzten Gerichtstag, Furchtbar die Wag' ertönt. Sie wandeln den läuternden Weg noch.« Sagt' es, und jener begann voll Hast: »Wo weilen die armen? Ueber der Erd' umher, nicht ferne der Menschen Gemeinschaft, Oder fern' im Verborgenen?« Doch, die lichte Gestalt rief: »Als das »_Werde!_« erscholl: da brausten die endlichen Wesen All', erschaffen aus Nichts, von des Herrn allmächtigem Odem In den unendlichen Raum geschleudert, mit Donnergetös' hin! Aber im kreisenden Flug vereinte sich Sprödes und Weiches, Erd' und Gestein, und strebte hinaus, zur äußersten Rundung Sich zu dehnen. So ward im finstern Schooße des Erdballs Weitverbreitete Leer' umwölbt, die nimmer der Sonne Strahlender Blick erfreut, nie Sterngefunkel und Mondglanz. Dort verweilt nicht selten die Schar der trauernden Geister, Deren so manchen du erst in den schimmernden Lüften erblickt hast; Doch sie nah'n, zuweilen den nächtlichen Räumen entschwebend, Gerne dem Menschen als Freund', und suchen ihm Hülf' und Errettung, Kraft, und Muth, und, was sie noch sonst an edler Gesinnung Einst in dem Leben erhob, in die horchende Seele zu hauchen: Denn sie erkennen schnell der Seelen geheimste Gedanken, Sterblicher Hüll' entrückt; sie schauen des irdischen Lebens Reinern Gehalt, und ihr Herz erglüht in heiliger Sehnsucht Nach dem erquickenden Segensborn des Guten und Wahren. Bald in dem Schlachtengemeng', umschweben sie dich und die Deinen Hülfreich; aber du kennest das Wort des ewigen Lebens: Solchem vertraue allein mit nie zu erschütterndem Herzen.« Sprach's, und die Stimme des Holden erklang, wie Harfengelispel Tönt in des Mondes Zauberlicht, wenn alles entzückt horcht; Doch sie erscholl, wohl hundert vereinten Donnern nicht ungleich, Welchen die Erd' erbebt, als, über dem flammenden Abgrund Schwebend, er jetzt die tieferschütternden Worte hinabrief: »Geister, herauf! Euch winkt die ersehnete Stunde vor Tunis.« Und ein lautes Getös' erscholl in den Tiefen des Erdballs. Wie, vom stürmenden Wind' empört, sich Wogen auf Wogen Stürzen; Geheul und Gebrüll der schrecklichen schallt, und die Küsten Ringsumher dem wilden Tumult stets lauter erdrönen: Also erhob, und mehrte sich tief in der Wölbung des Erdballs Dumpfes Gemurmel zuerst, und sofort unendliches Jauchzen. Schauernd wogte der Grund; aufrauschten des Meeres Gewässer; Finsterer quoll der Rauch aus dem Schlunde des Berges; die Flammen Prasselten hoch in die Luft, und die glühenden Fluthen der Lava Braus'ten herauf und hinunter, im Flug durchwüthend den Abgrund.

Eilend erhob sich nun der Herrliche, der ihm der Geister Reich enthüllt', in die schimmernde Luft, und, leiseverhallend, Tönten vom Aethergefild noch die lieblichen Worte herunter: »Senke dich durch den Schlund, durch Qualm und flackernde Flammen Muthig hinab zur Höhl' im Schooße des dampfenden Aetna, Und erringe das Ziel nach der hehren Geistesverzückung.« Weinend hob nun jener den Blick zu dem seligen Freund' auf, Der, umstrahlt vom Glanz unsterblicher Seelengemeinschaft, Fern' in den Lüften schwand, und fuhr jetzt, brausenden Fluges, Nieder im finstern Schlund, durch Qualm und flackernde Flammen, Bis in dem Zwielicht weit vor seinen Augen der Eingang Klafft', und die Höhle sich wies in angsterweckender Anschau! Furchtbar wölbte die Felsenwand aus schwindligen Höhen Höher sich auf. Es jagte zuweilen der wirbelnde Zugwind Tief in den Riesendom die Flammensäule; sie hob sich, Züngelnd, die Wände hinan, und leuchtete hoch in die Nacht auf; Doch erflog ihr fernster Schimmer des nächtlichen Dunkels Hälfte noch kaum, das endlos herrscht' in des Felsens Umwölbung. Hier nicht weilet die Ruh', und athmet nicht liebliche Stille; Rastlos tobt -- aufbraus't im Sturm, der kochenden Lava Urstoff: Erz im Gestein, und Schwefel, mit dunkelem Erdharz Gährend, zur Wolkenhöh', an des Berges geöffneten Rachen. Donnernde Ström' entstürzen rings den Schluchten; sie rauschen Tief in des Abgrunds Nacht, und wälzen, dem berstenden Kerker Unten entfloh'n, zum Meeresgestade die finstere Fluth fort. Ihrem Sturz' erdrönet die Höhl', und vom eisigen Abgrund Fleugt Entsetzen, Frost, und Schauder in Windesgeheul auf.

Dorthin, kommend herab aus dem übersinnlichen Luftraum, War ihm Muhamed erst, umringt von Scharen der Geister, Die er entboth, voraus in die schaurige Höhle geflogen. Ueber der allbelebenden Luft, die rings an dem Erdball, So an dem Mond', und den endlos hin entflammten Gestirnen, Schwimmt umher, erhebt sich der übersinnliche Luftraum Dräuend in seiner Leer', und unwohnbar sterblichen Menschen: Denn, wie, umhüllt vom glockengestalten Glase, der Sperling Schnell das Leben verhaucht, wenn wißbegierige Forscher Schonungslos ihm rauben die Luft mit den künstlichen Pumpen Also würd' in des Menschen Brust urplötzlich das Leben Stocken, der in das Uebersinnliche kühn sich erhöbe; Aber des sterblichen Leibes beraubt, bewohnen die _Fürsten_, _Mächt'_, und _Gewalten_ des ewigen Feind's, auf Arges gesinnet, Solches mit Lust: Verworf'ne vom Herrn, die am letzten Gerichtstag Dann mit dem _Tode_ zugleich, dem _letzten_ der Uebel, vergehen.[8] Dorther schwang mit Gefolg sich Muhamed, glühenden Blickes, Jetzo herab. Er saß in der Höhl', auf dem ragenden Felsblock, Ueber die Scharen erhöht. Der dunkelröthliche Schimmer, Welchen der Flammenstrom entsandt' aus der Ferne des Eingangs, Schwebt' in flatterndem Flug' an seinem blässeren Antlitz. Feuer sprühte sein Aug'; in silbernkräuselnden Wellen Floß ihm der Bart in den Busen herab, und die luftigen Glieder Hüllet' in Schatten das Unterkleid und der wallende Kaftan. Jetzt erhob er die Recht' an des Stirnbunds Zier; mit der Linken Wühlt' er die Blätter des Korans auf: sie rauschten, den Stürmen Aehnlich im Herbst, da ihr Hauch die trauernden Wälder entblättert. »Hör' es, mein Volk,« so rief er, »was dir im nächtlichen Dunkel, Ferne vom spähenden Blick' uns feindlichgesinneter Geister, Meine Zung' enthüllt, und zeige dich würdig des Herrschers! Unheil droht von Hesperiens Küsten dem Lande g'en Aufgang -- Dieser erwählten Blum' im Kranz der Schöpfungen Gottes, Dieser Perle der Welt, und der Wiege des Menschengeschlechtes. Jüngst erhascht' es mein Ohr auf Deutschlands gährenden Gauen, Die der Neuerung Flamme durchtobt: es sinne der Kaiser Jenem ein schmähliches Joch, und sich weltherrschende Hoheit. Seh't, was mich, den heimlichen Forscher, nur Täuschung bedünkte, Fügt sich in Wahrheit schon! Er ruft, und rüstet die Völker Rings zum Kampf, von den schimmernden Höh'n zu Tunis den Halbmond Niederzuschmettern, und ha, fällt Afrika jetzo, gebändigt, Seiner Gewalt: dann lechzt er wohl gar nach Asia's Herrschaft, Daß er die heiligen Städt', und dort der gläubigen Pilger Freudiges Ziel, mein Grab, mit stolzer Ferse zerstampfe? Aber nicht also gescheh's! Wir zieh'n, des edelsten Welttheils Söhn', ihm entgegen, nicht scheuend den Trotz der Gegner im Luftraum, Welche zuvor des Erdballs Schooß' entschwebten, und uns stets Feindlichgesinnt, ihm bald mit thatenerweckendem Eifer Beisteh'n: denn auch Hairaddins Brust, des treuen Bekenners Meiner Lehre, will ich mit Kraft erfüllen und Kühnheit. Jetzo nach Tunis geeilt, und nie vergesset des Wortes: »Wer das Eine nur will, fest will, der wird es erringen!« Sagt' es, und hob sich empor. Ihm folgten unzählige Geister, Jauchzend; aber es zischt' ihr Schrei nur schwach im Gewölb hin. So, wie in dunkler Gewitternacht der einsame Wand'rer, Keuchend, die Leucht' in der Hand mit halbverlöschendem Flämmchen, Endlich die Höhle betritt im verborgenen Raume der Felswand: Ihm umschwirren sogleich die Fledermäuse, geblendet, Rings das Haupt, und er wankt erschrocken zurück nach dem Eingang: Also bebte vor Angst der leis'aufhorchende Fremdling Vor den flüchtenden Geistern zurück', und eilt', in des Tages Lichte Gefilde zu schau'n nach schrecklicher Nacht der Verbannung. Tief zerfleischte sein Herz, voll himmlischer Milde, des Sehers Haßverkündendes Wort. Er saß, und drückte die Augen Fest in die Hand, und sieh', es schwebten aus kommenden Tagen Dunkler Ahnung Gebild' ihm vor: das wilde Gebären Thatenschwangerer Zeit, und zerstörendes End' im Beginne! Schatten floh'n, und kamen, und eilten vom wechselnden Schauplatz; Aber, weit durchströmt von den schimmernden Fluthen der Elbe, Hüllte sich Mühlbergs Heid' ihm auf. Er horchte dem Siegsruf; Sah die ihn höhnten, besiegt, ihm die Knie' umfassen, und wähnte Schon die Deutschen vereint nach des Glaubens schrecklichem Zwiespalt: Wie, und er flieht dann bald im Grau'n der finsteren Sturmnacht, Wehrlos, alt, und krank, dem nimmergeahneten Undank Weichend, fort aus Tyrols, der Treue geheiligten Thälern? Und so bald versah er das Ziel weltherrschender Hoheit?[9] Aechzend erhob er den Blick: die trüben Gesichte der Zukunft Schwanden in Nacht; er floh, und kehrt' in die sterbliche Hülle.

Sieh', und es regte sich nun der schlummernde Kaiser! Ihm pochte Hörbar die Brust; sein Athem flog, und häufiger Schweiß rann Ihm von der glühenden Stirn'. Er blickte lange verwundert Rings in den Hallen umher, und sann, ein wachender Träumer. Jetzt ein dämmernder Strahl, und jetzt -- kaum wagt' er's zu denken, Was so erhaben und groß vor seinem Geiste dahinschwand, Und ihn entzückte zuvor: ihm drohte vernichtende Wonne, Und, was unerhörbar war den Ohren sterblicher Menschen, Barg für immer sein treues Gemüth. Nie lächelt' er wieder Und sein sehnender Blick hing stets an dem Bilde des Grabes. Doch nun kehrt' er heim in die Burg, und Stille war ringsum.

Zweiter Gesang.

Siehe, der Kaiser entboth im mitternächtlichen Dunkel Noch in die Königsburg Hispania's hohe Cortezza: Denn kein Schlummer umfing sein glühendes Auge; des Kampfes Nahender Augenblick und die drängende Sorge der Rüstung Scheuchten ihn fern': er sah, und hörte nur Sieg und Errettung! Jene harrten im prächtigen Saal des edelsten Herrschers. Nun, da er kam, entfuhren sie alle den schwellenden Pfühlen; Blößten vor ihm, verneigend, das Haupt, und deckten es wieder, Würdigen Ernstes voll, nach altherkömmlichem Vorrecht. Aber er schritt im Gefolg der Großen und Edeln zum Thron' auf, Deß' erlesene Pracht mit Staunen erfüllte den Fremdling. Schwarz aufragte vom Dach der Doppel-Aar, mit dem Zepter Und mit der Krone geschmückt, voll hellaufblitzenden Demant's, Den der Hindou dem Schacht' entriß, und der bataver Künstler Glättete, ringsumher verzierend mit schimmernden Kanten; Doch an dem Purpurtuch, vom Dach zu dem Sitze herunter Glänzten die Wapen, vereint, von Gott gesegneter Länder, Die er beherrscht': ein Meisterwerk kunstfertiger Nadel. Dreizehn Königreich', umschlingend Castiliens Kronen, Wies, vorstrahlend, das Tuch zum Ruhme der spanischen Herrschaft; Unter ihm Austria's Schild: den schneeigen Gürtel im Blutfeld, Der in dem Kampf rein hielt von feindlichem Blute den Panzer Leupold, des Tugendhaften, vor Ptolemais: sein Denkmahl![10] Rechts, im schönen Verein von sechs verbrüderten Reichen, Ungerns doppelten Schild; vier Ströme durchfluthen den einen -- Aber das Haupt der Karpathen hebt, dreizackig, im andern Ueber dem fruchtbar'n Land, das tapfere Völker bewohnen, Schimmernd, die Kron' und das Doppelkreutz, von Silber, zur Luft auf. Links, in dem rothen Feld Bohemia's silbernen Löwen: Eines löwenmüthigen Volks hochrühmliches Zeichen. Tiefer, im grünen Feld den flammensprühenden Panther: Stiria's eisenerzausschmelzenden Essen zu Ehren; Dann Carinthia's Leu'n und Pfeile, des trefflichen Landes, Wo das Blei ausbeutet der Bergmann: schrecklich ersetzte Tödlichschmetterndes Blei die Pfeil' im Felde der Waffen; Dann, aufstrebend zur Sonnenbahn, Carniolia's Adler -- Morawa's Aar, und Tyrols, der Treue geheiligter Länder. Aber der Löwe Brabants, im Schooß umgränzender Gauen, Zeigt uns im hehren Ruhm des edelsten Kaisers Geburtsland. Ihm zur Seite verschlingt Lombardia's Schlange den Mohren; Ihn umgibt Neapoli's Lilienglanz, und ihm huldigt, Jugendlich schön aus des Meeres Fluth aufschwebend, des Morgens Freundlicher Strahl, und erhellt Amerika's winkenden Meerstrand.

Dort die Stufen hinan, die ein niederländischer Teppich Hüllete, schön im Geweb' darstellend die Freude des Weidwerks, Schritt der Kaiser. Er stand, gewendet, im Glanze des Thrones; Blickte nach Allen umher, und, als er auf blähenden Purpur Nieder sich ließ, begann er mit sanfterglühenden Augen: »Edle des Reichs, und Räthe! Der Tag der Christenerrettung Ruft zu dem heiligen Kampf Europa's vereinte Geschwader, Und, entfaltend am Maste die Flagg' und die wehenden Wimpel, Harren die Völker, vereint, der Abfahrt donnerndem Wink nur, Daß sie im Felde des Ruhms, vor Tunis, am frevelnden Räuber Rächen die Schmach, und dem schrecklichen Joch' entreißen die Brüder. Laut ruft uns Barcellona's Gestad, wo dort auf des Meer's Höh'n, Nun gerüstet zur Schlacht, nun wehrlosen Küstenbewohnern Jammer dräuend und Noth, sein Raubgeschwader sich zeiget. Gottes Segen mit uns und dem Lande! Mein endlicher Wille[11] Liegt gefertigt im Schrank: so im heiligen Kampf' ich erläge, Und nicht wiederkehrte zu euch, zur liebenden Gattinn, Und zu dem Sohn, der einst, so Gott will, würdig den Zepter Führe nach mir, vor allen Hispania's Ländern zum Frommen. Eurer Sorgfalt, Treu', und Liebe vertrau' ich die beiden Jetzt, und scheide getrost: sie sind da trefflich geborgen.« Also der Fürst. Da quoll's von Thränen im Auge der Edeln; All' entfuhren der Bank, und streckten die Händ' ihm entgegen. Wie der Gießbach rauscht, der hoch vom dauernden Regen Angeschwollen, dem Felsenbett' entstürzet, und rastlos Rasselnde Kiesel wälzt, und Felsengerölle mit fortreißt: Also erscholl in dem Saal' ihr lauterbrausender Zuruf; Doch bald hier, bald dort ertönt' er vernehmlicher, lauter: »Kehre beglückt uns heim, und herrsch' in dem Segen der Völker, Allgeliebter, noch lange! Mit strahlenden Lorbern des Sieges Kommt Europa dir bald, dem Retter, entgegen, und jauchzt dir Lauten Triumph in der Glocken Getön' und des ehrnen Geschützes Freudigen Donnerhall: dein Ruhm erfüllet den Erdkreis.« Aber er stand, erschüttert, am Thron', und sandte nach Allen Heißen Dank aus der Himmelsbläue der glänzenden Augen, Eilte die Stufen herab, und ging. Aufflogen der Thüren Mächtige Flügel vor ihm; er schwand mit seinem Gefolg dann Fern' im Gang. Da kehrten zugleich die Großen des Reiches Nach der heimischen Flur, um dort in der einsamen Felsburg, Oder in menschenversammelnder Stadt noch heute zu fördern, Was zu dem Rettungskampf des Herrschers Wille gebothen.