Tunisias Johann Ladislav Pyrker's sämmtliche Werke (1/3)
Part 19
Sieh', da nahten die Feind' unzählig herüber von Tunis, Hairaddins drohendem Blick und schrecklichem Rufe gehorchend! Wie auf dem Stillen-Meer des Sturms erbrausender Odem Weit die Fluthen empört, und endlosstarrende Wogen Fort zum entferneten Welttheil wälzt -- sie stürzen gedrängt hin: Zahllos so, herübergejagt von dem furchtbaren Herrscher, Nahten die Moslemim: denn im Gemüth nicht Tausender Leben Achtend, däucht' es ihn leicht, die schmählichverlorene Festung, Jetzt im nächtlichen Ueberfall dem Feind' zu entreißen. Grimmig verlacht' er darum die Worte der Späher: ihm stehe Dräuend entgegen der Feind, und ordne die Scharen zum Kampf schon; Dennoch drängt' er den Sporn in die Seite des ächzenden Rosses, Das ihn im Staubgewölk und im sausenden Donnergalopp hin Bis an die Vorhuth trug. Dort hielt er, und sah, vor Erstaunen Starr, die Gerüsteten: Wuth und Verzweiflung engte die Brust ihm. Wie die Wetterfahn' im Hauch des wechselnden Windstroms, Bald nach Osten, und bald nach Westen gewendet, umherfleugt: Also schwankte sein Geist, im Sturm und Drange des Herzens, Unentschlossen, umher: denn schnell, mit dem Blicke des Adlers, Heeraufstellender Kunst und Angriffs kundig, gewahrte Sein umspähendes Auge das Heer des mächtigen Gegners Trefflich beschirmt, und ihm entfloh'n die Stunde des Angriffs. Schweigend kehrt' er zurück, und rief den Scharengebiethern, Frohsinn heuchelnd, und Muth, weil Angst ihm füllte den Busen: »Preist den Herrn der Welt und seinen erhabnen Propheten, Der uns herrlichen Sieg verheißt, und dem Feinde Verderben Sendet! Die Nacht entsinkt dem Sternengefilde; nicht kämpfen Heut' wir mehr: denn hör't! Nur tobenden Muthes Getümmel, Sang und Klang ertöne vom Lager; unzählige Feuer Mögen die dunkle Nacht umwandeln zur Helle des Tages, Und enthüllen das Heer, das schon an dem kommenden Morgen, Gleich dem Sturm vorbrausend im Feld, hintilge die Christen. Abu-Sa-id, dich ruft vor jeglichem Führer dein König Heute zur That! Zeuch hin mit zwanzigtausend Erwählten, Sonder Geräusch, entlang die felsigen Ufer Medscherda's, Nach Buschatter, um dort zu umgehen das feindliche Lager; D'rauf, den flammenden Blitz des Donnerrohrs und der Büchsen, Schauend in dämmernder Früh', und des Kampf's erwachtes Getümmel Hörend, erklimme die Höh'n, und stürze dich, ähnlich dem Gießbach, Der im zerstörenden Lauf fortbraust nach unendlichem Regen, Rasch in das Lager hinab, daß uns die flüchtigen Scharen, Seiner Wälle beraubt, dann all' erliegen im Schlachtfeld. Denke des herrlichen Zugs, und der Beut' unsäglichen Werthes!« Sagt' es, und Abu-Sa-id ging stolzumschauenden Blickes, Seinem harrenden Volk und dem nahen Verderben entgegen. Doch, auf Hairaddins Wink, des furchtbar'n Mannes, erwachte Jetzt Aufruhr, und Lärm, und Getös' in dem wimmelnden Lager: Denn des Kessels schmetternden Klang hier mengten die Einen -- Dort des Horns Gebrüll die Andern (mit schwellenden Backen Und vorquellendem Aug' erzwingend des Erzes Gewaltton) Furchtbarer stets, in das laute Geschrei der rasenden Krieger So, daß die schlummernde Welt vor Angst aufschauderte ringsum! Und in den hellsten Tag verwandelte, prasselnd, des Reisigs Mächtige Lohe die Nacht. An den Zelten der Völker hinunter Trugen ragende Pfähl' unzählbarflammende Kessel, Leuchtend, empor: ihr fächelnder Schein durchblitzte die Gegend Endlos, immer geweckt von des Harzes aufwallenden Fluthen. Raschelnd wogte vor Hairaddins Zelt die _Heilige_ Schlachtfahn' -- Also dem Volke genannt, in die Lüfte. Die türkische Tonkunst Feierte dort ihr Fest: die Trommel polterte; Teller Zischten mit ehernem Laut; hell klingelten Schellen und Glocken; Pfeifchen gellten mit Zink- und Hörnerklängen vereinet. Doch vor des Bascha Zelt, vor jeglichem rings in dem Lager, Stand das düstre Panier, von des Rosses buschigem Schweifhaar Zwei- auch dreifach erhöht: die Würde des Orta-Gebiethers Kündend. Also durchwachten die Nacht die empöreten Völker.
Abu-Sa-id entschlich, dem wildaufspürenden Weidmann Aehnlich, dem Heer', und eilte Medscherda's Fluthen hinunter, Mit erlesenem Volk, ihm Stille gebiethend, zum Ziel hin. Lange noch hört' er des Lagers Getös', und freute der List sich. Aber da lag auf des Felsens Höh'n, im Kreise der Schützen, Salis, der tapfere Hort, und sah nach den Sternengefilden Schweigend empor. Er bebte, daß dort, millionen von Meilen Ueber dem glänzenden Sirius noch, das Aug', mit des Fernrohrs Zaubermacht bewehrt, aufdrang, und dennoch kein Ziel fand; Zahllos über ihm noch die Sonnen wandeln, und zahllos Erden und Monde sich dreh'n im Raum des unendlichen Weltalls: Das erfüllt' ihm die Brust mit Schauern der nahen Vernichtung! Weinend senkt' er den Blick zum niedrigen Staube hinunter -- Dachte sich selber nur Staub im wehenden Hauche der Allmacht. Sieh', da flog, auf des Lüftchens Fittigen säuselnd im Nachtgrau'n, Eilender Schritte Getös' und klirrender Waffen Getümmel Ihm an das horchend' Ohr. Mit dem spähenden Auge des Falken, Der aus Wolkenhöh'n im dunkelen Grase den Raub sieht, Forscht' er rings in den Thälern umher, und sah an Medscherda's Ufer annahendes Volk. Schnell ahnt' er, besorgt in dem Herzen, Feindlichen Ueberfall, und, gedenkend entscheidender Abwehr, Flog alsbald, gesendet von ihm, Ruinard in das Lager, Von dem Kaiser verstärkende Macht zu erfleh'n: und sie ward ihm. Bald erklommen die Höh'n noch tausend erlesene Schützen, Löwenbeherzt, und froh der feindabwehrenden Arbeit.
Aber am Strande des See's, wo im Lager die Scharen der Christen Ruheten, war nicht Getös' auftobenden Volkes zu hören. Nicht erleuchtete Flammenschein (so wollt' es der Herrscher) Dort die dunkele Nacht, daß in ihrem Schleier geborgen, Fest vertrauend dem Muth in der Brust und der leitenden Weisheit, Lächle der Tapfre getrost des schreckenvollen Getümmels, Das die Verzweiflung gebar, nur feigeren Seelen zur Täuschung. D'rauf erquickte nur Brot die Lagernden, heute zum Spätmahl Kärglich gespendet; sie löschten den Durst nur am Born, und gedachten, Scherzend, des reichlichen Mahls zu Tunis, am kommenden Abend. Aber der Kaiser ging im Kreise der schmausenden Krieger, Zögernden Schrittes umher, und sagte mit Lächeln dem Einen, Und dem Ander'n ein freundliches Wort, beim Nahmen ihn nennend: Da in dem zahllosen Heer' kein Tapferer fremd ihm geblieben. Doch nun rief ihm der Reisige, Horst, der früher des Kaisers Dienender Mundschenk war, da er ging, im heiteren Scherz nach: »Carolus, unser gebiethender Herr,« so spöttelt' er, winkend Noch mit den Augen, ihm nach, »vermisset mit trauerndem Herzen, Heute wohl auch die erlesene Menge der Speisen im Prunksaal, Wo er dem Tisch sonst naht in traulicher, lieber Gesellschaft: Denn nicht dampfen aus China's buntem Geschirr ihm die Brühen Würzig entgegen, und nicht das Fleisch gemästeten Rindes, Mancherlei Brühen gesellt, nicht das zarte Gemüse, des Rehes Saftiger Rücken, des Wildschweins Kopf, mit grünenden Sträußchen Zierlich umhüllt, nicht der Braten von zahm- und wildem Geflügel. Auch das feine Gebäck, so vielfachgestaltet aus Rohrmehl, Das uns die Neue Welt hersendet in schimmernden Kegeln, Reitzt nicht heut' ihm den Gaum, nicht das Obst, erzwungen im Treibhaus, Oder weit schöner gereift von Gottes gewaltiger Sonne. Weder des Rheinweins Gold, noch Malaga's dunkler Gewürzsaft, Und des Tokayers Gluth weckt ihm aus silbernen Bechern Heute mehr Lust. Erwünscht nun wäre mir selber der Speisen Abhub, der uns Dienenden ward nach vollendetem Gastmahl; Aber getrost: uns winkt aus Tunis der freundliche Wirth schon!« Also sprach er im Scherz, und laut auflachten die Krieger. Abgewandten Gesichts horcht' ihm der edelste Kaiser; Doch nun wandt' er sich schnell, und lächelt' ihm, als er den Finger Gegen ihn drohend erhob. Dem Scheidenden folgte der Krieger Jubelgeschrei, noch weit zu seinem erhellten Gezelt hin.
Sieh', jetzt kam ein christlicher Sclav' im nächtlichen Dunkel Eilenden Lauf's zur Vorhuth; stand, und streckte zum Himmel, Dankend, die Händ' empor; dann rief er: »Erkennet ihr Hugo? Ich bin's! O, wer führt mich schnell zu dem waltenden Herrscher?« »Hugo?« so rief Toledo im Schlaf, und riß sich vom Boden, Lautaufstöhnend. Er lag, der äußersten Scharen Gebiether, Dort entschlummert im Feld. Nun küßte die bebende Hand ihm, Auf die Kniee gesunken, der Greis, und schluchzete sprachlos; Aber Toledo hing mit schrecklicherblassendem Antlitz Ueber dem weinenden Greis', und tief aus den Tiefen des Herzens Seufzend, sah er ein strahlendes Bild hinschwinden im Nachtgrau'n: Dann noch dunkler das Leben umher; er stürzte zum Meer fort. Hugo, bebend vor Angst, vernahm von den Kriegern Mathildens Trauergeschick und Toledo's herzzermalmenden Jammer, Und im wechselnden Kampf erblutete jetzo die Brust ihm: Denn bald sah er die Flucht des unglückseligen Gatten, Bald vernahm er im Ohr Wehklag' und Geschrei nach Errettung Tausender, die ihn gesandt aus den scheußlichen Höhlen des Todes; Doch, was höher ihm schien, und galt im redlichen Herzen, War ihm Gesetz. In Hast eintretend zum Herrscher, begann er: »Herr, kein Fremdling vor dir, erscheine ich heut' ein Gesandter Zwanzigtausend in Noth und Jammer verschmachtender Christen! O, ich habe den Jammer geseh'n, und wäre gestorben, Hätte nicht himmlische Huld mich bewahrt bei dem gräßlichen Anblick! Allerbarmend ist Gott, er lenkte die Seele Medelins Wieder zurück auf die Wege des Heil's, die er treulosen Sinnes Abschwur, und erboßt, den Christensclaven ein Henker, Wüthete. Sieh', er kam, und löste den armen die Fesseln -- Löste sie mir, dem Draguts Rache den schrecklichsten Tod sann, Daß ich dir künde zuvor: verschließen wird er der Hochburg Eiserne Thore des Wüthrichs Macht, die entfesselten Sclaven Waffnen, und harren des Wink's zum Verein mit dir, und den Deinen! Als ich der Höhl' entfloh, da tönte herauf aus dem Abgrund Freudengeschrei und Gerassel der sinkenden Ketten, daß alsbald Mir erstarrte das Blut in den Adern vor Angst und Entzücken. Wahrlich, mich leitete jetzt der Himmlischen einer in's Lager Her, in der dunkeln Nacht, Medelins Worte zu künden: Herr, der Rettung gedenk': denn furchtbar wäre das Säumen!« Hastig enteilt' er jetzt, die Spur zu erforschen Toledo's. Aber mit pochender Brust, mit thränenumflossenen Wimpern Blickte der Kaiser ihm nach, und rief den tapferen Radburg, Dann auch Römhild auf, die Führer der Bayern und Schwaben: »Eil't, ihr beide, vereint, mit tausend erlesenen Kriegern Jeglicher, nach der Felsenburg; im nächtlichen Dunkel Führt euch Hugo, der Greis, und dort eröffnet Medelin Euch die Thor', aus welchen noch heut', o Wonne, der Christen Eiserngefesselte Schar auszieht in seliger Freiheit! Haltet die Veste besetzt, bis wir im schallenden Sieg'sruf Nah'n, und die armen all', entfloh'n dem Kerker, uns danken.« Also geschah's: denn schnell entbothen die muthigen Führer Ihr erlesenes Volk, die Burg zu erreichen im Nachtgrau'n.
Draußen am Meeresgestad', am schwindligen Rande des Felsens, Stand Toledo gebeugt, und sah mit erblassendem Antlitz Starr in die schimmernde Fluth. Ihm schwand dort die Erd' und der Himmel: Denn jetzt horcht' er, verwirrt, dem fluthenden Geistergelispel -- Stöhnete dann, und horchte wieder: die wechselnden Wellen Sanken, stiegen, und schienen allein in dem frostigen Meergrund Für sein brennend Weh' ihm labende Kühlung zu biethen. Also fand ihn der Greis! er hob die Händ' und die Augen Weinend zum Himmel empor, und bethete leise für sich hin: »Der du, ein guter Hirt in der Wüste das irrende Schäflein Suchtest, und so das Gefundene, liebendumfaßt, auf den Schultern Heimtrugst: laß auch ihn nicht verloren seyn, du Erbarmer!« Dann umfaßt' er ihn schnell; bedeckte mit brennenden Küssen Ihm den Nacken, und rief mit leisem Gewimmer: »Mathilde!« Lautaufstöhnt' er dem Wort', und wandte sich, starrend in Hugo's Thränendes Aug'; doch jetzt ergriff er die Hand des Getreuen, Preßte sie heftig, und floh nach dem Lager zurücke. Der Wogen Dumpfes Rauschen erfüllte noch fern ihm die Seele mit Schauder.
Zwölfter Gesang.
Hairaddins Völker umfing noch bleierner Schlaf und Betäubung. Wie aus dem dämmernden Saal, nach lautem Gelage der Fastnacht, Schleicht ermüdetes Volk; das schimmernde Licht von den Leuchtern Schwindet; Tanz und Getöne verstummt, und Getümmel verhallet; Also verhallte der Lärm in dem weitumkreisenden Lager Hairaddins; doch, vom Schlummer erquickt, und zum Kampfe gerüstet, Harrten die Christen schon des donnernden Zeichens zum Angriff.
Siehe, der Morgen erhob die Stirn' an dem östlichen Himmel, Rosenumkränzt, und sah mit schüchternerröthenden Wangen Nach der Erde herab, die, sich des nächtlichen Grauens Arm entwindend, aus Wolkenhöh'n mit dem Jubel der Lerchen, Und in den Fluren rings mit schimmernden Thränen ihn grüßte! Jetzt, in des Morgens Hauch, zum Kampf entbiethend die Scharen, Schwang der Kaiser das Schwert in die Luft. Des Winkes gewärtig, Eilte der Wurfschütz vor, und senkte die Lunte mit Vorsicht Hin an des Zündrohrs dunkelen Rand: aufflammte das Pulver. Erst nur ein weniges vor -- dann eilender wieder zur Stelle Rollte der eherne Schlund, und warf im Donnergetümmel Durch die Lüfte den Ball nach dem feindlichen Lager hinüber. Einst, wie zum Weltgericht die Posaun' erschallt in dem Luftraum, Schnell die Gebein' aus Staub und Moder zum Leben sich regen, Und in schaudernder Hast, dem Rufe folgend, die Todten Alle ersteh'n: so scholl, in der heiligen Frühe, des Schlachtrufs Donnergetümmel dem Feind'. Alsbald ergreifend die Waffen, Stürzeten alle zugleich mit Lärm und Getös' in die Reihen. Rings in die Umwelt flog auf den Fittigen säuselnder Lüftchen, Donnergetön, und traf in dem fernentlegenen Waldthal Abu-Sa-ids aufhorchendes Ohr. Er wähnte: begonnen Wüthe die Schlacht -- besiegt von Hairaddin, fliehe der Fremdling Schon, dem er den schirmenden Wall zu entreißen herankam. Schnell entboth er sein Volk, und klomm an der ragenden Bergwand Aufwärts, keuchend vor Hast, und triefend von Schweiß an den Gliedern: Denn ihn drängte nach Beute die Gier, die Hairaddin gestern, Träumend von Siegen, ihm both. Er hieß die folgenden Scharen Leis' erklimmen den Berg, und winkte mit Augen und Händen; Zischt', und pressete fest an die Lippen den dräuenden Finger, Daß sie den wehrlosen Feind erwürgten im plötzlichen Anfall. Aber nicht achtlos saß auf dem buschigen Saume der Felshöh'n Salis, der Held. Im Kreise der ringsumspähenden Schützen, Sah er hinschwinden die Nacht, und jetzt vernahm er vom Wald her Nahender Laute Gezisch: denn unter den eilenden Füßen Rauschte das Laub, und verrieth die Kommenden. Muthigen Herzens Fuhr er vom Boden, und rief dem Volk: »Gebt Acht!« und die Schützen, Beugend das rechte Knie', an die Wange pressend des Rohres Zierlichen Schaft, mit gespanntem Hahn, scharf zielenden Augen Harrten des »Feuer!« gebiethenden Ruf's. Da faßte der Feldherr Selber den kunstgezogenen Lauf, den er auf dem Herweg Kaufte für blinkendes Gold von dem tridentinischen Meister, Stand, und zielete. Jetzt, in des dunkel'n Waldes Umlaubung, Schauend Abu-Sa-id, der stolz vor den Seinen daherkam, Ließ er erkrachen das tödliche Rohr. Die schmetternde Kugel Röthete schnell ihm die Stirn', und sterbend sank er zu Boden. Also birgt sich im Schooß des hundertjährigen Ahorns, Lauernd, der Luchs, da im Lauf hereilt der muntere Rehbock; Aber er fahet ihn nicht: denn drüben erkrachet des Hirsches Sechzehnendiger Krone bereits der hemmende Hochwald, Und er stürzt sich jetzt auf den harmlos Nahenden, Blutgier Athmend, herab, und zernagt den Hals und den Rücken des armen, Im verzweifelten Lauf, bis ganz ermattet er hinsinkt: Salis erlauerte so vor allen den Führer des Volkes, Abu-Sa-id, und warf ihn entseelt hinunter am Abhang. Schreckenbetäubt, nicht ahnend woher die entsetzliche Kugel Brausete, stand sein Volk, und starrt' umher in dem Dunkel; Doch als endlos fort vom Gebüsch der Büchsen Geschmetter Tobte; nach jeglichem Schuß Gejauchze des Schützen ertönte, Der, scharfzielend, durchbohrte die Brust des einmal Erkornen; Als die schreckliche Wucht entrollender Steine, des Berges Saum entlang, wo in dunkeler Nacht sie häuften die Schützen, Donnernd die Reihen begrub, und Reihen verwundet umherwarf: Da scholl Jammergestöhn' verwundeten -- Lärm und Getümmel Flüchtenden Volk's, das schnell hinunter den stäubenden Abhang Stürmt' und von Schrecken gejagt, im Thal forteilte g'en Tunis. Stille herrschete rings, und so, wie berstende Wolken Brausen vom Hochgebirg in das Thal, die entwurzelte Waldung Schwindet, und kahl aufstarrt das Gefild: so brausten die Mauren, Flüchtend, im Waldthal fort, und rings verstummte die Gegend.
Freudig erscholl fernher das Schmettern der Büchsen des Kaisers Horchendem Ohr; doch freudiger noch ihr schnelles Verstummen: Denn er ahnte den Sieg auf den Höh'n, und führte die Scharen Eilender vor. Da flog, vom schnaubenden Rosse getragen, Guasto, der Greis, ihm entgegen, und rief, ein Flehender, also: »Herrlich dämmert dein Siegestag, erlauchter Gebiether; Laß dieß grauende Haupt mit dem schönsten der Kränze geschmücket, Kehren vom Kampf, so ich heut', beherrschend den muthigen Vortrab, Dir bereite die Bahn zu dem Sieg voll ewigen Nachruhms!« Als ihm des Herrschers lächelnder Blick die Bitte gewährte, Spornte das Roß Del-Guasto, und flog, wie Wettergewölk fleugt, Von dem Sturme gejagt, an die Spitze des muthigen Vor-Zugs, Wo des Fußvolks Reih'n, fünftausend erlesener Wälschen, Oestreichs tapferen Reitern gesellt, mit Jubel ihn grüßten. Jene lenkte Toledo zum Kampf, und die Reisigen Lichtstein: Beide Söhne des Ruhms, erzogen im Felde der Waffen. Wie in dem Sternenzelt, verherrlicht vor allen, des Morgens Glänzender Stern aufschwebt: so kam an dem Flügel zur Linken Ludwig, der siegverherrlichte Held, neuntausend der Krieger, Die aus Brabant, und mit ihm her aus Lusitanien zogen, Vorzuführen im Feld. So folgten zur Rechten die Deutschen Ebersteins Panier, der kühn, wie ein Eber des Waldes Sich auf den Gegner warf im Gefecht; wie ein Fels in dem Meergrund Stand im wilden Tumult umdräuender Todesgefahren, Und in dem Busen (den Edelstein) das edelste Herz trug. Hunyady eint' ihm die Macht roßtummelnder, kühner Magyaren Hier, voll Muths vorstürmend im Feld; dort nahte mit Ludwig Alba heran, der stets ein Schrecken der Feinde, der Heimath Schwergeharnischte, reisige Schar, entflammte zu Thaten. Doch, wie Sterne der Mond, den Mond, aufstrahlend, die Sonne Schnell verdunkelt an Pracht: so ragte der edelste Kaiser Vor in der Mitte des Heers. Ihm folgten aus jedem der Völker Tausend Erwählte zum Kampf, daß jegliches, gleich in Gefahren, Gleich in des Ruhms hochlohnendem Glanz, sich freue des Vorzugs. Aber im Nachhalt stand Aurel mit den Tapfern von Malta, Und, den Rittern gesellt, den furchtbarn, standen die Reiter, Die Hispania's Cortes entsandt' im rühmlichen Wettstreit: Doria's Heldenkraft vertraute der Kaiser die Scharen.
Jetzo herauf und hinunter im Feld, die Reihen zu mustern, Jagt' er das feurige Roß, und es streute vom blanken Gebisse Schneeigen Schaum, und wieherte stolz in dem sausenden Ritt hin. Doch nun hemmt' er, zur Mitte gekehrt, den schnaubenden Läufer, Hob vom Haupte den Helm, und wandte sich gegen die Krieger. Siehe, da fuhr an des Himmels Rand' im Osten die Sonne, Rosigschimmernd, herauf, und weckte den lieblichsten Morgen, Der sich je zur Erd' auf goldenen Fittigen senkte! Ringsum jauchzt' ihr entgegen die Welt: denn wonnige Kühlung Hauchte das Meer und der See von Tunis herüber, des Kriegers Busen erfüllend mit dauernder Kraft, und am blaueren Himmel, Dem erhabnen Altar des Herrn des kreisenden Weltalls, Schwamm ein zartes Gewölk umher, gleich duftendem Weihrauch, Der zum Dank aufwallt in der heiligen Stunde der Andacht. Als er entblößte das Haupt, da hellte die strahlende Sonne Ihm die erhabene Stirn'; er bethete laut vor den Scharen: »Herr, nun stärke dein Volk! Nicht trieb uns im dunkelen Schiffsraum Gier nach Beute heran; nur deinen Bekennern die Freiheit -- Frieden dem raubgefährdeten Meer zu erkämpfen im Schlachtfeld, Ziehen wir freudig das Schwert. Von dir kommt Sieg und Errettung.« Dann aufschwang er den Stahl mit der Rechten; er barg mit der Linken Schnell das Haupt in den Helm, und rief, erschütternd, den Kriegern: »Golgotha's Hügel herab entströmte des sterbenden Mittlers Kreuze die knechtschafttilgende Huld: sie bracht' uns Erlösung. Christen, des Kreuzes gedenkt, und errettet die schmachtenden Brüder!« All' aufjauchzten dem Wort mit thränendem Blick, und im Sturmflug Ihres empöreten Muths erscholl ihr brausender Zuruf: »Fort, in die blutige Schlacht! Nicht allein auf dem Felde vor Tunis Streite dein Volk; auch fern an Jerusalems heiligen Mauern Stirbt es den Heldentod für dich, zu erringen der Kronen Erste dem edelsten Haupt. Jetzt hin, wo im Donnergetümmel Blitzt das würgende Schwert; wir schmettern die Feinde zu Boden!« Also erscholl's in dem Heer. Da flammte plötzlich der Luftraum Auf; die Wolken floh'n; laut rauschten des Meeres Gewässer, Und es erbebte die Erd', als sollte zerstieben das Weltall: Denn aus den glänzenden Höh'n der endlosen Räume des Himmels Kam Eloa herab: von den streitenden Heeren der Geister Wilden-Muth-empörende Schar zu entfernen. Sie bebten, Als er das flammende Schwert aufschwang, und mit dräuendem Blick rief: »Hör't, daß Keiner aus euch den Völkern: nicht diesem, nicht jenem, Nahe mit thatenerweckendem Hauch: denn selber bewähren Soll sich der Muth, der hier den Sclaven erringet die Freiheit!« Nun, da er fern' im bläulichen Aethergefilde dahinschwand, Sah'n sie trauernd ihm nach. Ihr Herz erfüllte die Sehnsucht Nach dem seligen Land: des Friedens ewiger Heimath. Dann, gesondert im Kreis', auf schimmernden Wolken sich lagernd, Ruheten all' umher, und blickten herunter auf's Schlachtfeld. Muhamed floh mit den Seinen davon: ihn schreckte des Seraphs Dräuender Blick, und Gram entflohener Hoffnung ergriff ihn.