Tunisias Johann Ladislav Pyrker's sämmtliche Werke (1/3)

Part 17

Chapter 173,341 wordsPublic domain

Sinams Riesenkraft rang dort den Stürmern entgegen. Ihm war Hannibal brausend genaht: denn mächtig erschreckt' ihn Drüben das Stürzen der Wäll' und das Jauchzen der kommenden Sieger, Ringsum. Listengeübt haucht' er ihm jetzo den Rath ein: »Ha, nun gilt's mit festausharrendem Muthe des Feindes Wuthandrange zu steh'n, und nicht entehrender Feigheit Heute zu opfern den Ruhm entschwundener Jahre! Wohlan, horch! Schafft der gewichtige Ball, vom Donnerrohr in die Haufen Wimmelnder Feinde geschleudert, schon entsetzliches Unheil: Welch' entsetzlicher's noch ersähst du mit staunenden Blicken, Wenn, umhüllt von geplättetem Eisen, die Büchsengeschosse Mit zertrümmertem Blei in die nah'anstürmenden Gegner Wütheten? Auf, und gebiethe den Mord und die grause Vernichtung!« So rief Hannibal; doch nun sah, voll Zorn in dem Busen, Hermann zugleich, wie schnell, dem listigen Gegner gehorchend, Sinam die Donnerrohr' in der Breite des gähnenden Wallbruchs Pflanzen hieß, daß im kreuzenden Feuer der gräßliche Hagel Tilge des Feindes Reih'n. Er jammerte laut und begann so: »Schmacherfindende Zeit! Daß nichts mehr gelte des Tapfer'n Eigene Kraft; daß nimmer das Aug' in das Auge des Gegners Schleudre des Todes Blitz', und, heimgekehret, der Krieger Nimmer weise mit Stolz dem grauenden Vater, der Mutter, Oder der Gattinn die ehrende Narb' an der Brust und der Scheitel, Und erzähle zugleich, wie solche der Feind ihm geschlagen Dicht im Gemeng', wo jener ihm sank, in dem Kampfe getödtet -- Nein, daß er dort: ob feig', ob tapfer, ein elender Krüppel Arm- und beineberaubt, umhinke, den Seinen zur Trauer, Hast du das Scheusal erzeugt, die Würgerinn heißend Kartätsche!«

Sieh', Ursini der Greis, flog hin, wie ein feuriger Renner Fort auf der Rennbahn fleugt, zu erringen dem Reiter den Wettpreis: Hoch von dem Nacken ihm flattert die Mähn', und vom blanken Gebisse Ueberschneiet der Schaum ihm die Brust; er schnaubet, und sprühet Gluth aus der starrenden Nas', und ihm blitzen die spähenden Augen Feuriger stets, da er jetzt mit lauterem Hufesgerassel, Sprung auf Sprung, im Galopp vorbraust zum winkenden Ziel hin; Fern ihm folgen, gespornt von den Reitern, die schwächeren Rosse: Also strebte der Greis im edelen Muthe des Herzens Gegen den Wall, wo Darjuh, an Giaffars Stelle der Aga, Nach den Gefahren des Kampf's und glänzenden Thaten sich sehnte. Als er den Greis ersah, da entriß er das mächtige Schießrohr, Doppelhaken genannt, den Händen des Kriegers, und jagte, Schmetternd, verdoppeltes Blei in die Stirne des tapferen Feldherrn. Lautlos sank er zur Erd': ihm färbte das silberne Haupthaar Quellendes Blut. Ach, nimmer bewirthet der freundliche Greis mehr Fremd' in seinem Palast, die aus nahen und fernen Gefilden Heilige Sehnsucht trieb, der ewigen Roma zu nahen, Und im Schutt noch die Wunder zu schau'n gewaltiger Vorzeit: Denn er stürzte verwundet zur Erd', und verhauchte das Leben. Aber Ludewigs Schar rang dort am zertrümmerten Seethor, Schnell zu erklimmen den Wall, wo, empört durch Attila's Ingrimm, Und durch Hannibals Muth, das Volk in grausamer Nothwehr Wüthete. Pech, noch siedend, und Oehl, noch wallend der Flamme Goß, erbittert, der Feind auf die Stürmenden -- wälzte der Mauer Lastende Blöcke herab, und solch' unrühmlichem Tod, ach, Sanken die Tapfersten schon! Auch tödtete Manchen der Speerstahl, Manchen das krachende Rohr, wenn, kühnerhöhend, die Leitern, Sie aufrangen zum Wall aus der Tiefe des dunkelen Grabens. Doch weit schrecklicher noch, und entsetzlicher, scholl vor Buschatters Thor Mordruf und Gewürg', wo Deutschlands herrlichvereinte, Siegsruhmdürstende Schar, im Auge den Heldengebiether -- Muth und Gluth in der Brust, und des kreuzenden Feuers nicht achtend, Vorwärts drang. Schon dreimal flog, mit dem kühnen Geschwader Brandenburgs, dort Siegfried hinan, den Wall zu erklimmen, Und er kehrete stets erbitterter, ähnlich dem Rüden, Der, vom Jäger gedrängt, dem verwundeten Bären genaht ist -- Doch bald flieht, bald kehrt: denn immer scheuchen die Klauen Und das Gebrülle des Thiers ihn fern: so wüthete jener. Jetzt, im erneueten Lauf, durchbohrte das muthige Herz ihm Schmetterndes Blei, und er sank. Auch blutete neben ihm Hinkmar, Strebend mit matter Hand, den Pfeil aus der Lunge zu reißen. Eberstein sah dort hinsinken die tapferen Helden Brandenburgs; alsbald entriß er die Fahne dem Junker, Schwang sie empor in die Luft, und rief hellleuchtenden Blickes: »Jetzo mir nach, wem deutsches Blut in der Ader und Kampfgier Glüht in der männlichen Brust! Wir löschen das feindliche Feuer, Das entsetzlich die Unser'n tilgt aus der grausen Kartätsche, Nur mit des Feindes Blut; mir nach! Nie sterben die Tapfern!« Sagt' es, und drang, wie ein Pfeil, in sausender Eile zum Wall hin. Aber Stollberg zog mit kräftiger Rechten den Helden Wieder zurück, und rief: »Nicht dir -- uns werde die Stelle!« Also jubelten laut wohl tausend Stimmen auf einmal. D'rauf, erklimmend den Wall, und durcheilend die Tiefe des Grabens, Drangen mit Lärm und Getös' Germania's tapfere Völker Ein in den Mauerbruch, wo erlesene, muthige Gegner Standen zur Gegenwehr, der sinkenden Brüder nicht achtend, Und zu sterben bereit, ein Jeglicher -- alle für Einen. Wenn dem Donnergewölk' entstürzen die Fluthen, und plötzlich Ueberschwemmen die Stadt, daß laut in den engenden Gassen Brauset der Strom, aufschäumt die Wog' an die Fenster: da flüchtet Volk auf die Berge hinaus, und Volk auf die luftigen Zinnen: Also erklommen auch hier die muthigen Deutschen die Höhen -- Stollberg allen zuvor; dann Scharen auf Scharen, und würgten, Racheschnaubenden Grimm's, die Kämpfenden rings auf der Mauer. Sinam entfloh. Nicht mied er zuvor des wüthenden Kampfes Schrecknisse, fest, wie ein Fels, die Stirn' darbiethend den Feinden; Doch, als jetzt im Sturm eindrangen die Deutschen: da wankte, Bebte der tapfere Greis, und floh, das heimliche Pförtchen Oeffnend am Damme des See's, mit tausend Gefährten nach Tunis. Dorther naht' ihm unzähliges Volk, von dem Herrscher gesendet; Aber mit Thränen im Blick, erhebend die Rechte, geboth er Allen errettende Flucht aus den Händen des schrecklichen Feindes.

Schon war Siegesgejauchz' am Seethor, schon an dem Wallbruch Dort, wo Wälsch' und Hispaner im Sturm erstiegen die Mauern, Wo ringsher Mordruf ertönete -- rings in den Straßen Strömte das Blut, bis jetzt, zu den Füßen des Siegers gesunken, Bleich, mit verstörtem Gesicht, der Feind erflehte die Schonung. Nun verklang das Getös'; nur Jubel des Kriegers ertönte, Der von den Wällen herab in den Graben den finsteren Roßschweif Warf, und dort aufpflanzte mit Stolz die Fahne der Heimath. Lieblich flog sie umher in dem Abendwind, und erregte, Ruhmausstrahlend, in jeglicher Brust noch höhere Wonne. Durch das hallende Thor, umjauchzt von unzähligen Stimmen, Kam in die Veste der Kaiser herauf. Stets enger, und enger Schloß sich der Lärmenden Kreis um ihn her, und, als sie verstummten, Hob er die Händ' empor zu dem Himmel, und stimmte das Loblied: »Herr, dich loben wir!« an. Ein heiliges Feuer entflammte Jegliches Herz. Erschütternd zu schau'n: wie aus Tausender Augen Stürzen die Thränen zugleich; wie Tausender Hände zum Himmel Fleh'n, und zu hören erschütternder noch: wie Tausender Stimmen Wirbeln empor in die Luft, und sie all' Dank rufen im Einklang.

Hassan, der König, erschien. Er war an dem dämmernden Abend Gestern gelandet, und barg sich scheu in der einsamen Herberg, Die Zafrano ihm both, von schattenden Cedern umfangen. Weder gerüstetes Volk, noch Mundvorrath, in des Krieges Zehrenden Tagen ersehnt, bracht' er dem Bundesgenossen: Denn er lauerte nur, ob Hairaddin, oder der Christen Mächtiger Herrscher erringe den Sieg? in den Mauern von Kabesch. Tief sich beugend zuvor, begann er jetzt vor dem Herrscher: »Gott ist mit dir, und Segen die Fülle: des herrlichsten Sieges Ruf verkündet es bald den fernsten Völkern zum Staunen. Ach, nicht bieth' ich dir Mundvorrath und tapferes Hülfsvolk, Wie ich's verhieß! Nicht horchte der Muselman mehr dem König, Der sich dem Christenvolke verband: hier steh' ich als Bettler!« Und er sank auf die Knie'; da sah der edelste Kaiser, Wie der Mond, umflort vom Regengewölk auf den Hügel Heftet den Schwermuthsblick, nach dem Flehenden trauernd hinunter, Hob ihn empor, und rief ihm mit trostverheißendem Lächeln: »Sieh' eröffnet des Reiches Thor, das Hairaddins Herrschgier Dir entriß;[68] dein sey's mit jeglichem Segen des Himmels!« Hassan stammelte Dank; laut zollt' ihn der Kaiser den Helden Allen umher, die im Sturm errangen die trotzende Festung. Aber zu Stollberg sprach er dann mit lohnendem Blick so: »Werde Goletta's Hort und Vertheidiger; ordne der Mauer Feind'abwehrenden Bau; doch jetzt gebiethe mit Sorgfalt, Daß die Verwundeten all' errettender Hülfe sich freuen! Morgen am Tage des Herrn, das Denkmaal unseres Heiles Feiernd, gedenken wir auch, zu bestatten die Todten, und dankbar Ihnen die Maale des Ruhm's zu erhöh'n für die kommende Zeit noch.« Jetzo führt' er die Scharen zurück in des Lagers Umwallung, Sie zu erquicken durch Rast; doch Stollberg ging, daß er übe Alles und Jedes sogleich nach dem Willen des gütigen Herrschers. Und die Schatten der Nacht umhüllten den schlummernden Erdkreis.

Eilfter Gesang.

Hairaddin stand auf dem Söller der Burg, aufhorchend im Zwielicht Sinkender Nacht. Von Goletta heran vernahm er des Feldzeugs Rastlosdonnernden Sturm, dem die Erd' erbebte, die Fenster Klirrten, und drönte die Wand zu dem untersten Grunde der Mauern, Und, wie im Abendwind die Welle des fluthenden Weihers Nun sich hebt, nun sinket: so wechselte Furcht und Verzweiflung Oft mit der Hoffnung des Sieg's in seinem zerrissenen Herzen; Aber er horcht' umsonst noch gieriger jetzt, nach Goletta Wendend das Ohr, nicht athmend, die starrenden Blicke zum Boden Heftend. Nicht donnerten mehr die entsetzlichen Schlünde; verhallt war Drüben der Mörser Gebrüll und das Schmettern des Feuergewehres. »Sie ist verloren!« so rief er, stampfte den Estrich, und eilte Schnaubend herab. Dann schritt er im hellerleuchteten Saal hin, Kehrete wieder, und stand, und horchte, die Bothen erwartend. Immer vernehmlicher wähnt' er Getrab anstürmender Rosse -- Wähnte verwirrtes Geschrei heimflüchtender Krieger zu hören: Aehnlich dem sturmentmasteten Schiff, das fern auf dem Weltmeer Wechselnde Strömung entrafft, und endlos dreht auf dem Irrpfad, Schwankt' er umher, im Gemüth nicht Dieß', nicht Jenes beschließend. Bald erhob sich Suleymans Grimm wie ein nächtlicher Unhold, Dräuend, vor seinem Blick; bald lächelte Muley Hassan Hohn ihm entgegen im Glanz der wiedergewonnenen Herrschaft. Ihn umnachtete rings nur wilde Verzweiflung: den Schimmer Seines errungenen Ruhms auf immer erloschen zu schauen. »Ha,« so rief er ergrimmt, »eh' solche Schande mich treffe ... Schande?« Er faßte den Dolch; nach dauerndem Schweigen begann er: »Fiel Goletta, erstürmt, so werden sie kommen, mir Algiers Und Telmessans Thron, und den Zepter von Tunis zu rauben; Werden mich stürzen hinab in den Staub, daß sich krümme des Glückes Liebling, ein Sclave, voll Angst, an des Siegers zermalmenden Fersen. Ha, nicht des Tages Licht gedenk' ich fürder zu schauen: Denn es enthüllte nur Schmach! D'rum fort -- hinab in das Dunkel Ewiger Nacht, zu entgeh'n der Qual, die jetzo mir droht! ... Doch Soll ich verschleudern das Ein', und Einzige, das ich erkenne? Schwand mir völlig die Hoffnung dahin? Ist Alles verloren? Drängt nicht Hunderttausende noch mein Wink in die Feldschlacht, Heute -- sogleich? Zurück in die Scheide, geschliffener Mordstahl: Nur dem Gegner, nicht mir, zerfleische das Herz in dem Busen!« Sagt' es, und barg in den Gürtel den Dolch. Mit schüchternen Blicken: Denn er scheut' Eloa's Zorn, war Muhamed jetzt ihm Wieder genaht. Er hörte die zagenden Worte des Herrschers, Ballte die Faust vor Wuth, und kam, der schrecklichsten Thaten Allerschrecklichste noch, in die gährende Brust ihm zu hauchen. Wie auf des Südens Meereiland der scheußliche Vampyr[69] Ueber dem Schlummernden schwebt, und, mit weitgebreiteten Flügeln Fächelnd, den Schlaf ihm mehrt, das Blut zu entsaugen der Ader: Also schwebt' auch Muhamed leis' auf Hairaddin nieder, Schaudernd und bleich, der Fluchthat selber erbebend: er hauchte Höllenfrevel ihm ein, und floh durch die finstere Nacht fort. Hairaddin stand, und sann: ihm rollten die feurigen Augen, Aehnlich dem Blitz im Gewittergewölk, in den finsteren Wimpern.

Jetzo die Straßen herauf ertönte des eisernen Hufes Schmetternder Schlag; in dem Hofraum scholl absitzender Krieger Rufen. Nicht lang, so trat der tapfere Sinam mit Dragut, Muhamed Temtes, und Abu-Sa-id, tieftrauernden Blickes, In den erleuchteten Saal, den zürnenden Herrscher zu söhnen. Rasch ging dieser umher vor den Bebenden, und nur zuweilen Traf sein verachtender Blick vor Sinams Füßen den Boden; Doch nun stand er, und rief, durch die festgeklammerten Lippen, Stöhnend, das Wort: »Ihr Feigen!« und lächelte grimmig für sich hin. Stolzer erhob nun Sinam das Haupt, und sagte verweisend: »Welch ein Wort, Gewaltiger! floh dir, scheu, von den Lippen, So die tapferen Männer zu schmäh'n? Wir feig in der Feldschlacht? Zahllos jammern daheim die Verwaiseten -- jammern die Bräute, Wie auch die Gattinnen, bald, und auf immer die Lieben vermissend, Die, zu Hügeln gehäuft, wir tödteten rings um den Wall her. Galt es, mit Sterblichen nur in die Schranken zu treten: wir hätten Herrlich gesiegt. Doch heimlich vereint mit den Geistern der Hölle, War der bebende Grund mit jeglichem Schrecken des Luftraums Aufgestürmt um Goletta: wir wichen den furchtbaren Mächten, Aber nicht feig', da wir zu dem blutigsten Kampfe bereit steh'n.« Also der tapfere Greis; da höhnete Dragut den Helden: »Armer, du schwärmst vor Angst! Auch uns erklangen die Ohren, Als der brüllende Donner erscholl; mit dem bebenden Boden Wankten auch wir; uns schlug nicht minder der prasselnde Regen. O, daß ich fern' war! Nein, nie hätte den Geistern der Hölle Dragut gebebt, von dem das Volk sich erzählet: er würde Selber den Satan besteh'n in nie zu erschütternder Kühnheit.« Sinam schwieg; doch Hairaddin trat den Hadernden näher, Faßte den Dolch, und sprach mit zornausblitzenden Augen: »Denket der Trauer nicht mehr, weil uns die Veste geraubt ward, Die mit wuchernden Blutes Gewinn ein herrlicher Sieg uns Wieder erringt. Zum Kampf denn! Am Morgen ertöne der Schlachtruf -- Töne so schrecklich, so laut, daß umher die Gefilde des Todes Schauern vor Angst. Doch hört, was dringend erheischet die Vorsicht, Und die Rache gebeut ob Giaffars Fall, und Goletta's. Unter den Kerkern der Burg, wo in Banden die christlichen Sclaven Liegen, und all', im thörichten Wahn: der tapfere Moslem Falle dem Christen so leicht, nun harren des kommenden Retters, Häuften im ringsdurchhöhleten Grund die Söldner des Zündstaubs Furchtbare Last. Entflammt aufschleudre sie jetzo die Hochburg -- Schleudre zerschmettert die Sclaven all' empor in den Luftraum So, daß nicht einer entrinne dem Tod und dem grausen Verderben. Also gescheh's, noch ehe der Morgen im Osten heraufglänzt!« Sinam erblaßt'; auch Abu-Sa-id und Muhamed Temtes Zitterten; doch noch frecher begann der schreckliche Dragut: »Wahrlich,« so rief er, »nur Gott, und sein erhabner Prophet nur Gab den Gedanken dir ein: ich beuge mich tief vor Erstaunen! Alle zugleich! So möge mit Jenen der heuchelnde Graukopf, Der mir Mathilden entriß, zerschmettert, verhauchen das Leben: Denn ich sann ihm entsetzlichen Tod: er fahre zur Hölle!« Grimmig lächelt' er nun. Da wandt' ihm, von Schauder ergriffen, Sinam den Rücken, und sprach zu Hairaddin schmeichelnden Lautes: »Mächtiger, wie, du solltest den Ruhm errungener Lorbern Heute durch solch' entsetzliche That auf immer beflecken, Die von der Feigheit gezeugt, und Verzweiflung geboren, zum Abscheu Allen, Suleymans Huld dir entzöge für jetzt und auf immer? Wie der Morgenstern vor jeglichem strahlt an dem Himmel, Also zieret sein Herz der Tugenden schönste, die Großmuth. Was vermöcht' in der Felsenburg der wehrlosen Sclaven Fesselbelastete Schar? Sie mög' in festlichen Reihen, Nach vollendetem Krieg, den Siegeswagen dir schmücken!« Aber der Wüthrich schwieg. Noch kämpfte die Furcht mit der Mordlust, Ob Suleymans Zorn, in seinem beklommenen Busen; Endlich obsiegte die Furcht. Er sprach, tiefsinnenden Blickes: »Ha, wenn Reue mir würde dereinst, der klügelnden Weisheit Sinams gewichen zu seyn! Ich bebe der dunkelen Ahnung, Die mich ergreift. Wohlan, ich weiche dir! Eilt in das Lager, Dort zu erregen das Heer; ich entwaffne die Freunde des Hassan Hier in der Stadt, die mich verriethen im Kampf der Entscheidung.« Jene, gehorchend dem Wort, enteileten; aber der Wüthrich Zog in den Straßen umher mit Gefolg, das Volk zu entwaffnen. Wie in der Schreckenszeit volktödtender Seuche, der Hauptstadt Einsame Straßen entlang, nur leichensammelnder Träger Fußtritt schallt, und mit Angst erfüllet die Herzen der Menschen, Die sich, verborgen daheim in der Kammer, ergeben der Hoffnung, Dort zu entgehen der scheußlichen Pest: so flüchteten, bebend, Jetzt die Tunisier heim in der Nacht, als rings mit Getümmel Hairaddins Würgerschar durchtobte die hallenden Straßen.

Trauernden Blickes saß auf der Zinne der luftigen Hochburg Regulus: denn er sah, wie jüngst der grausame Wüthrich Unter den Kerkern umher, die Last des schrecklichen Zündstaubs Häufen ließ, die Sclaven gesammt urplötzlich zu tödten. Muhamed brauste heran, der grau'nerregenden Unthat Zeuge zu seyn, die er Hairaddin erst einhauchte voll Arglist. Auf der Zinne der Burg den Einsamen schauend, begann er: »Stets entfernt von der Heldenbahn, der rühmlichen Vorzeit Nicht gedenkend, nur Hülf' und Errettung sinnend dem Volk hier, Das nicht deines Geschlechts, nicht deines Glaubens sich rühmet, Irrst du umher, Verblendeter! Bald vernimmst du mit Schauder -- Schauest mit Schrecken es an, wie die Lunt' ein kühner Geselle Hin zu dem Zündstaub senkt, die Flamm' auffleugt zu dem Himmel, Donner erkracht, und der Berg, aus seinen berstenden Vesten Taumelnd vor Angst, empor in den sturmbewegeten Luftraum Schleudert unendlichen Wust, und im Wuste die christlichen Sclaven, Die dein Herz erkor, zerschmettert entschwinden dem Erdkreis. Jammere dann! Nichts half dir all dein wüstes Beginnen.« Rief's, und entschwand. Doch Regulus sah nach Medelin: er horchte Von dem Erker der Burg in die Nacht. Vor dem kommenden Sieger Schwieg das Gefild umher, und der Lärm verhallte zu Tunis. Bald des Siegers gedacht' er mit Angst: denn schändlich verrathen Hatt' er sein Volk, und für Trug verschmähet die heilige Wahrheit; Bald umgaukelten ihn die Bilder der lieblichen Heimath, Dort die fröhliche Jugendzeit, verlebt in dem Umgang Holder Gespielen, und dort die liebende Mutter in Jammer Ob des Sohnes Verlust -- in Trauer die Freund' und Verwandten. Gleich dem starrenden Eis, das schnell des laueren Westwinds Odem schmilzt, begann ihm die Wuth in dem Busen zu schmelzen, Und sein Aug', das lange nicht mehr des reuigen Herzens Sanftere Thräne gekannt, erhellten schimmernde Perlen. Regulus schwebte herab, umschlang den Nacken Medelins, Daß er in seiner Brust entflammte des himmlischen Mitleids Glimmende Funken, und regt' ihn auf in dem Seelengelispel: »Hast du dem Vaterland, den Lieben daheim und dem Glauben Deiner Väter entsagt, und geopfert für schändlichen Reichthum Ruh' und Glück? Doch sieh', nicht bringt dir solcher hienieden Jemals Gewinn: denn bald, in entsetzlicher Stunde der Nothwehr Wenn nicht Sinam es hemmt, der mildergesinnete Feldherr, Schleudert des Wüthrichs Grimm die Sclaven, und schleudert dich selber, Flammenumbraust, in die Luft. O, rette die armen: dem Mitleid Oeffne dein Herz, und der Reue, zu sühnen den schändlichen Undank!« Schaudernd vernahm im Geist die schrecklichen Worte Medelin; Stieg die Stufen herab, und Regulus blickte, vor Wonne Bebend, ihm nach: er ging, die Brüder zu retten, entschlossen. Jetzt urplötzlich umstrahlt von seelenentzückender Klarheit, Und vernehmend den Ruf unendlicher Lieb' und Erbarmung, Fuhr der Geist verklärt empor, in lichteren Räumen Seliger stets, der Himmelshuld entgegen zu harren. Doch schon stand Medelin umringt von den Christen im Kerker; Riß sich das Kleid entzwei; zerschlug sich die Brust und die Hüften, Lautaufjammernd, und rief mit thränenumhülletem Blick so: »Wehe mir schändlichem Mann: den heiligen Glauben verläugnet Hab' ich für schnöden Gewinn, verkauft dem falschen Propheten Ruh' und Glück; doch über das Haupt des schändlichen Räubers, Hairaddin, komme der Fluch! Ihr all', o Frevel der Hölle, Solltet jetzt, in die Luft geschleudert, zerstieben im Zündstaub, Den er gehäuft im Fels tief unter den Kerkern! Nur Sinam Hemmte den Wüthenden noch, und siegt'. Mir schwand die Verblendung Schnell vor den Augen: ich schwur, dem Gräuel erbebend, euch Rettung, Und, wenn Reue noch frommt, so wird erbarmende Huld mir. Hör't, nur tödt' euch die Freude nicht, hör't! Euch Freiheit zu schaffen, Rückten die Christen mit Heer'smacht an; im Sturme bezwungen, Liegt Goletta im Staub; die goldenen Zinnen von Tunis Beben dem Sieger; der Wüthrich flieht, und der schimmernde Halbmond Sinkt vor dem heil'gen Panier, das unser'n Erlöser getragen.« Rief's, und, als er die Bande gelöst von den Händen und Füßen Hugo's, da sprach er zu ihm, mit thränenerhelleten Augen: »Eile zu unserm Gebiether und Herrn, dem Kaiser, und künd' ihm, Was hier eben gescheh'n. Die eisernen Thore der Hochburg Will ich verschließen vor Hairaddins Wuth, die entfesselten Sclaven Waffnen, und harren des Wink's zum Verein mit ihm und der Heersmacht; Aber er eile heran: denn furchtbar wäre das Säumen.« Als er geendet, da scholl um ihn her entsetzliches Rufen, Weinen, und Jauchzen des Volk's, daß er selber in bebenden Schauern, Wonn'entseelt, hinsank, und stöhnete. Freudig enteilte Hugo des Kerkers Nacht, dem Kaiser die Kunde zu bringen.