Tunisias Johann Ladislav Pyrker's sämmtliche Werke (1/3)
Part 16
Jetzo wäre noch mehr des schrecklichen Frevels geschehen; Aber schon kam, und schrie Lusitania's Zierde den Scharen: »Brüder, hört! So ihr feig nicht rächet den schändlichen Frevel, Welchen der Feind verübt', entsag' ich dem Stabe des Feldherrn Jetzt, und hinfort, den mir der edelste Herrscher vertraute, Euch zu lenken im Waffenfeld zu Thaten des Ruhmes. Ha, willkommen der Tod, wo Schande, nicht Ruhm, mir zu Theil wird!« Alsbald stürmt' er vor, und hieb mit dem sausenden Mordstahl Ein in die Scharen, daß links und rechts die Getödteten sanken. Wie in dem dunkelen Forst, im Gebell verfolgender Rüden, Schnaubend daher ein Eber fleugt: er suchet des Dickichts Rings umschattende Nacht, und mäht mit den schrecklichen Hauern Nieder die schlanken Stämme -- dem Wüthenden sinket der Wald hin: Also stürzete Mann auf Mann des Heldengebiethers Würgendem Schwert. Sein Volk, vernehmend den schrecklichen Vorwurf -- Schauend den Helden im Kampf, schnob Rache. Nicht Büchsengeschmetter, Sausen des Säbels und Speers war jetzt zu vernehmen: die Krieger Faßten den Lauf des Feuerrohr's, und schlugen, und drängten, Mordend, die Feinde vom Wall. Sie floh'n, und Sterbender Röcheln Scholl aus dem Graben herauf. Doch bebte das Herz in dem Busen Giaffars nicht; er einte die Fliehenden schnell, und gedachte Jetzt verderbender noch in den Schanzen des spanischen Volkes, Wüthend im Ueberfall, den ehernen Schlünden zu nahen. Siehe, da schwebt' aus Wolkenhöh'n im brausenden Flug' ihm Attila näher, und schalt im Geistergelispel ihn also: »Trotzest du nicht auf Kraft und Stärk' in dem Heere vor allen? Aber nur eitelen Trotz, nicht Thaten gewahrte das Heer noch. Kehre zurück, und ford're die tapfersten Gegner zum Zweikampf: Ob nicht der Feldherr selbst, im glühenden Muthe der Jugend, Dir sich stellt, und erliegt, und zur Sonne dein Nahme sich aufschwingt?« Giaffar stand, und sann: »Heut hol' ich,« so rief er, »den Tod mir, Oder den herrlichsten Ruhm. Drometer, gebiethe den Stillstand!« Fröhlich ertönte das Erz, und Ludewig, kundig der Ritter- Sitte, horchte dem ehernen Ruf', und hemmte die Seinen. »Wer sich von euch,« schrie Giaffar laut, »im Heere vor allen Tapfer erwies, der trete hervor, und stehe zum Kampf mir, Einzeln dem einzelnen Mann, so wie einst in der schöneren Vorzeit, Schild auf Schild, nah' an, die muthigen Helden sich trafen, Eh' noch Pulver und Blei, o Schmach, aus der Ferne den Tapfer'n Tückisch zu Boden schlug, und dem Feigeren schonend vorbeiflog! Keiner besorge mir Trug und Hinterlist. Ehre gewinnen Will ich nach Ritterbrauch: deß ruf' ich Allah zum Zeugen.«
Grimmig schritt Alfred, der niederländische Hauptmann, Gegen ihn vor, deß' Riesenkraft in dem Heere gerühmt war -- Stand, und führte den Streich: doch Giaffar schlug ihm das Eisen Aus der erstarrenden Faust, daß es blitzend am Sande dahinfuhr. Raubet' er jetzo vielleicht dem wehrlosen Christen das Leben? Nein: denn edeler Stolz erfüllt' ihm die Seele mit Großmuth. Schnell barg er das blitzende Schwert in die Scheid', und es faßten Beide Kämpfer zugleich mit festumklammernden Armen Eisern sich an, und beugten einander gleich ringenden Bären, Pressend die Brust an die Brust, zur Rechten, zur Linken, daß beiden Knirschte der Rücken, und Schweiß von den Gliedern in Strömen herabrann. Jener gedachte der List, und schlug von hinten dem Türken Rasch mit der Ferse die Beuge des Knie's: ihn niederzustürzen; Aber Giaffar stand wie die Eiche so fest auf dem Boden. Jetzo, der Uebermacht sich bewußt, und zürnend der Arglist, Hob er den Gegner empor, und drückte mit eisernen Sehnen Ihn stets fester zur ehernen Brust, daß er, odemberaubet, Dort verhauchte den Geist: aus seinen eröffneten Armen Fiel er, langgestreckt, auf den Sand. Wie im Schimmer des Abends, Lauernd, die Riesenschlang' vom Wipfel des Baums, auf den Tieger, Der ihm vorüberzieht, urplötzlichen Flugs sich hinüber Schwingt, ihn schnell umringelt, und dann zum schütternden Stamm zieht; Wie er auch brüllt, und sich mühet, der klemmenden Reife nur einen Fest mit den Zähnen und Klau'n zu fassen -- umsonst: sie erwürget Ihn an dem Stamm', daß ihm laut zerkrachen die Knochen: so würgte Giaffars mächtiger Arm den Gegner, und streckt' ihn entseelt hin. Ganz unduldbarer Schmerz ergriff des tapferen Ludwigs Brust: er schrie laut auf, und stürzte dem Türken entgegen. Sieh', da nahte, gelockt von des Kampfes Getöse, der Kaiser, Und erstaunte, wie dort Lusitania's herrlicher Sprößling Kühn in die Schranken trat mit dem stärkeren Gegner! Ihm schwebte, Angstgeweckt, auf die Zung' ein Laut, der muthige Krieger Hätte gerufen zum Kampf und zur Rettung des trefflichen Jünglings; Aber er hemmt' auf der Zunge den Laut, daß unrühmliches Mißtrau'n Nicht mit giftigem Zahn, wie der Borkenkäfer im Hochwald Sprossende Bäume zernagt am Mark, daß sie, trauernd, verdorren, Ihn verwundete. Doch wie erblick' er den Stahl in den Busen Seines Lieblings versenkt, und dampfend vom Blute des Theuern? Dennoch beherrscht' er die Angst, und sah vom gehügelten Erdwall Nach dem Waffengefild', ein Sinnender, schweigend hinüber.
Giaffar, stolz des sicheren Sieg's, gewahrte den Jüngling, Lächelnd: er pries nun Gott, und dankte dem großen Propheten, Der den blühenden Fürstensohn ihm entgegengeführt hat; Doch, da er jetzt, wie ein junger Leu dem stärkeren Panther Kühn entgegen sich wirft, im schimmernden Felde der Waffen, Ueber den blanken Helm den Degen erhebend, daherkam, Und sein Blick, mit des Todes Schrecken bewaffnet, ihn faßte, Ha, da pocht' ihm das Herz, ergriffen von heimlichem Schauder! Nun das glühend' Aug' auf das Auge des Gegners geheftet -- Vorwärts stemmend den rechten Fuß im knisternden Sandstaub, Strebten die beiden, ergrimmt, die tödlichen Streiche zu führen, Und es erbebte die Luft dem rastlos sausenden Mordstahl. Da von dem Helm, und dort von dem Stirnbund, Panzer, und Leibrock Wußte der Kämpe, gewandt, die Waffe des Kämpen zu fernen: Jetzt auffangend den Hieb, und jetzo vereitelnd den Herzstoß. Und so hätte die sinkende Nacht allein, in dem Dunkel, Heute die Helden getrennt, nicht des Sieg's entscheidender Vortheil; Doch als Giaffars Arm zum schrecklichsten Schlage den Säbel Hoch aufschwang: da kreischete Ludwigs blitzender Degen Laut, an des Säbels Kling' abgleitend; da bohrte den Mordstahl Sein nachstürmender Arm ihm tief in die pochende Brust ein. Rücklings stürzte der stattliche Held; hoch spritzte der Sand auf, Als er sank, von der Hand des tapferen Jünglings getödtet. Aehnlich der Fichte lag er, die erst die nächtliche Windsbraut Krachend dem Boden entriß; der Weidmann schauet am Morgen Forschend nach ihr, die rings ihm diente zum leitenden Merkmaal: Denn sie ragete hoch, vor allen Bäumen des Waldes, Schon Jahrhunderte lang; nun liegt sie zertrümmert am Boden: Also lag er im Staub, und erschütternde Stille war ringsum. Attila schüttelte grimmig das Haupt: denn seinem Geflister Horchte der Kühne zuvor. Er floh, umschart, in der Luft fort. Als ein lohnender Ruf den Lippen des Kaisers entfloh'n war, Und den Sieger umjauchzte sein Volk: da brachen die Gegner Furchtbar heran, und Gebrüll, und Fluch, und Verwünschung ertönte Schrecklicher noch als der Säbel Geklirr und Geschmetter der Büchsen.
Hoch von Goletta's Wall gewahrte der tapfere Sinam, Wie sein muthiges Volk, erstürmend die Schanze des Feindes, Dort zerstörte das eh'rne Geschütz, und er hüpfte vor Lust auf; Doch als Giaffar wich; zum Zweikampf rief der Drometer -- Rief zu Giaffars Fall: da hob er die Hände vor allen, Himmelempor, und schrie den versammelten Kriegesgefährten: »Weh, unseliger Muth, der, treulosen Feinden entgegen, Giaffars Seele gereizt! Hinaus, durch jegliches Thor fort, Drüben aus grauser Noth den tapfersten Mann zu erretten!« Also geschah's. Da brausten die Wüthenden näher: so brausen Stürme vom Nord, und schleudern die schäumende Fluth zu dem Meerstrand. Zwar nicht rettet' ihr Muth den Tapferen: denn auf dem Boden Lag er gestreckt im Blut, von Ludwigs Rechter getödtet; Aber sie stürzten, zur Wuth entflammt, und entsetzlicher Rachgier, Eilig daher an den Wall, und gräßlich ertönte der Mordruf.
Jetzo ersah das streitende Volk vom fernen Kairwan[65] Und Constantina[66] herauf, des wildempörten Hamaddans Dräuenden Flug, und bebte. In tausend gewirbelten Säulen Eilte die Wüst' ihm vor: im Knistern des Feuergewölkes Deckend des Himmels Bläue mit Grau'n und Entsetzen. Die Sonne Blinkete trauernd aus ihr, und goß nur düstere Dämm'rung Ueber die Welt. Ein flammendes Meer aus den schwärzlichen Lüften, Und dem Boden nah', anstürmend, der prasselnde Gluthstrom, Drohte den Lebenden rings urplötzliche, schnelle Vernichtung. Doch zu den Kriegern gewandt, rief laut der erhabene Kaiser: »Sollt' uns der Samyel nah'n, der flammende Menschenerwürger, Da gedenket des warnenden Winks: zur Erde geworfen, Hüll't in Gewande das Haupt, und harr't an dem Boden, nicht athmend, Einige Zeit. Bald tobt der Unhold vorüber -- ihr lebet.« Dann noch rief er, den flehenden Blick zum Himmel erhebend: »Allmacht fleugt vor deinem Hauche daher, du Erbarmer; Nah' uns mit Huld, und errett' uns jetzt vor des Samyels Wuth dort!« Und aus dem Aethergefild flog nun, dem strahlenden Blitz gleich, Seraph Eloa herab, den Christen zur Rettung gesendet. Sonst sein Auge so mild wie des Himmels Bläu', und die Stimme Sanft wie Harfengetön, war jetzt entsetzlich zu hören, Furchtbar zu schau'n. Er rief dem Samyel: »Halt, und entweiche!« Und der Schreckliche floh. Auch kehrten die wirbelnden Säulen, Seinem Winke gehorchend, zurück in die einsamen Wüsten. Dann auf Muhamed, der zuvor in dem furchtbaren Gluthwind Nahte, voll heißer Gier, die Christen vernichtet zu schauen, Warf er einen der Blicke herab, der thürmende Felsen Hüb' aus den Vesten der Erd', und aus Nachtabgründen die Meersfluth. Jener entwich. Wie dürres Laub, verweht von dem Sturmwind, Schwindet: so schwand er mit seinem Volk. Auch Attila folgte, Schreckenbetäubt, ihm nach; aufheulten die flüchtenden Scharen.
Sinam drängete zweimal schon die Christen vom Blachfeld Bis an des Grabens Rand, und so oft, nur schrecklicher warf ihn Ludwig wieder dahin, wo, umhügelt von starrenden Leichen, Giaffar lag, und im Blutbad schwamm: denn heißer entflammte Dort des Getödteten Schau in dem Busen der Seinen des Mordens Schreckliche Gier, daß sie standen im Kampf der Entscheidung, und furchtbar Wüthete jetzo der Tod auf der siegverherrlichten Stelle. Als der Samyel erst, des Seraphs Stimme gehorchend, Heim in die Wüste floh, da weckte sein brausender Odem Hoch in der Luft und im Schooße der Erd' Aufruhr und Empörung. Plötzlich thürmte Gewittergewölk am bläulichen Himmel Furchtbar sich auf, und goß ein mitternächtliches Dunkel Ueber das Waffenfeld, daß der Gegner dem Gegner entrückt schien. Nur das Blitzen des Feuerrohr's erhellte zuweilen Noch das umnachtete Volk, entflammte des starrenden Kriegers Aug', und Harnisch, und Helm, und wies auf dem Feld des Entsetzens Leichen auf Leichen gehäuft. Nun schwankte, den Wellen des Meer's gleich, Unter den Füßen des Kriegers der Grund; des Kampfes Getümmel Schwieg, und »Erdbeben!« scholl's die zitternden Reihen hinunter. Grau'nvoll rauschte das Meer; das Schmettern der Schiff' an die Schiffe Tönete schrecklich, vereint dem Geheul aus der Veste, dem Brüllen Aus dem Gehölz, und rings dem Kreischen des kleinen Gevögels, Das dem erschütterten Wald entstürzte mit kläglichem Angstruf. Jetzt aufflammte der Blitz, und zerriß, von Osten bis Westen Strahlend, die finstere Wolkennacht: der furchtbare Donner Rollt' auf ehernen Rädern ihm nach, und krachte zum Abgrund Dumpf, und dumpfer hinab, an des Himmels drönendem Rand hin. Brausend erhob der Sturm die sandige Fläche; die Fahnen Haucht' er zum Himmel empor, und riß auch die Zelt' in dem Lager Von dem ragenden Pfahl, und wälzte sie fort auf dem Flugsand. Schreckenbetäubt entfloh der Feind; doch Ludewig folgte, Unerschütterten Muth's, dem flüchtenden nach bis Goletta.
Guasto aufathmete tief; er hielt, von dem Sturme gewendet, Jetzo des Mantels flatternden Saum, und sagte dem Kaiser: »Wie, du weilest noch hier, unbändigen Sinnes, und achtlos All der Gefahr, die uns heut' aus den hellaufflammenden Lüften, Und aus dem Schooße des Abgrunds dräut? Auch stürzet des Regens Prasselnde Fluth nun bald aus dem berstenden Wettergewölk her; Eile nach deinem Gezelt: es trotzte dem schrecklichen Sturm noch, Festeren Bau's; schon fliehen die Feinde vor deinen Erwählten.« Weder der donnererweckende Blitz, noch der schwankende Boden Zog des Kaisers sinnenden Blick vom Kampfe der Helden Ab. Er lächelte sanft auch jetzt, und sprach zu Del-Guasto: »Laß mir den Frieden, o Greis! Ein Gleiches erduldet ihr Tapfer'n Alle mit mir. Wer schirmt vor Gefahr, die hoch aus den Lüften, Tief aus des Abgrunds Nacht uns dräut', als Er, der Erbarmer? Sein ist die Macht! Mir wohnt der Fried' im vertrauenden Herzen.« Doch nun flammte sein Blick, nun bebt' ihm die Rechte; den Harnisch Hob ihm die pochende Brust, und furchtbar scholl's, da er sagte: »Donner und Blitz sind mir die Stimme des Herrn, daß ich eile. Hebe dich nun, mein tapferer Held, an's Werk der Entscheidung: Lenke die Völker heran. Laut brülle sogleich von den Schanzen -- Brülle vom Meer das Donnergeschütz zum endlichen Wallbruch, Daß wir jetzt in dem Sturm erringen die Veste Goletta!« Schaudernd blickte der Greis in die flammenden Augen des Herrschers, Horcht' ihm, schweigend, und ging, nun Jedes in Eile zu ordnen.
Schon entströmte der Wolkennacht unendlicher Regen, Prasselnd durch Windesgeheul und Gebrülle des rollenden Donners, Und umfloß, ein See, die Füße der triefenden Krieger. Aber er löschte den Staub, und fesselte mächtig den Flugsand. Wie in des Frostes Hauch der fluthende Weiher gefesselt Starrt, daß auf ihm, lärmfroh, die muntere Jugend der Eisbahn Räume durchfleugt: so erstarrte der Sand, und brachte den Christen Frohen Gewinn: denn geübt, im ermattenden Sande zu laufen, Nahte der fliehende Feind den Thoren der Veste Goletta. Ihm nachbrauste der Sieger im Flug', und Sinam gewahrte, Bebend vor Schrecken und Angst, im nah'umzingelnden Vorsprung, Hier den Gedrängten vermengt die Dränger zugleich, und er rief nun, Rettung gebiethend, dem Volk'. Aufkrachten des mächtigen Thores Flügel, und d'rauf, wie ein Bergstrom braust, wenn hoch von dem Gletscher Niedergerollt, ein Block erfüllet die engere Thalschlucht, Bis er des Bergs Abhang, mit steigendem Grimme, durchwühlend, Bahn sich bricht, und die langgehemmten Fluthen zum Abgrund Wälzet in schäumender Hast: so stürzten die flüchtenden Scharen Sinams durch das geöffnete Thor, mit Lärm und Getümmel. Doch nun sandte der Feind, dem also die Rettung gelungen, Hagelnde Donnergeschoss' und befiederte Pfeile vom Wall her, Jubelnd, und warf aus der Schar der raschnachstürmenden Christen Manchen Tapferen todt in den Staub. Da dachte des Heimzugs Ludwig, der Held, und hieß im drometenden Rufe die Krieger Kehren. Nicht folgte des Feldherrn Ruf Diego Davila, Fahnenjunker im Heer, entsprossen aus Lissabons Mauern, Trotzend auf Jugendkraft, und kühnerer Thaten sich freuend. Als er das Jubeln der Feinde vernahm: da ergrimmt' er im Herzen, Eilte zurück, und klomm, ein kundiger Kletterer, jauchzend Auf an dem Wall', und erhöhte die Fahn' auf den Zinnen der Festung. Jene wehrten es nicht, von erstarrendem Staunen gefesselt; Doch bald wühlten in seiner Brust unzählige Lanzen. Sinkend faßt er die Fahn', und warf sie herab von der Mauer, Sie zu entreißen dem Feind'. Er rief dem getreuen Gefährten: »Albin, rette die Fahne! Sie stand erhöht auf dem Wall hier: Herrlichen Siegesruhm winkt' euch ihr wehender Schimmer; Rette sie kühn, und jenseits noch dir dankt es Davila!« Sieh', er lächelte sanft, und freute sich sterbend der That noch! Aber der Muthige kam, ergriff, von sausenden Kugeln Rings umstürmt, die Fahn', und brachte sie freudig in's Lager. Diesem entströmten jetzt die Tapferen, herrlich geordnet. Rechts hin führete Guasto die Macht hispanischen Fußvolks, Wälschen vereint, und Eberstein, in der Mitte, die Heerschar, Die er in Deutschland warb, nun endlich zu Thaten gerufen. Aber die Macht lusitanischen Volks und brabantischer Scharen, Führete drüben der Held, der Giaffarn siegend erlegte.
Laut erkrachten die Schlünd' und Mörser zum endlichen Wallbruch. Furchtbar wüthete zwar der Sturm und das grause Gewitter Noch, und der röthliche Blitz, im Gefolg des schrecklichen Donners, Zischt' umher im Gewölk, erhellend die sinkenden Fluthen; Aber entsetzlicher noch, mit den Schrecken der Lüfte vermenget, Scholl das Krachen der Schlünd' umher an der Veste. Der Wurfschütz Rührte des Brändchens Rohr mit der Lunt': im bläulichen Rauch flog Flamm' empor; zurück, dann eilender wieder zur Stelle Rollte der eherne Schlund, und warf durch Feuer und Flammen, Donnernd, im Bogenwurf, die Kugel zur Veste hinüber. So von den Schanzen, und so von dem Meer hinsausten die Kugeln; Aber nicht minder zurück von dem Wall der trotzenden Festung, Sausten im Donnerlaut die schrecklichen her, und hinüber. Rings erbebte der Grund, als sollten die Vesten des Erdballs, Von den Orkanen der ewigen Nacht erschüttert, versinken, Und die Gefild' umher nachstürzen in wüster Zertrümmrung. Drüben umfing sie am Meer, dem silbergehörneten Mond gleich, Doria's wogende Macht. Aus ihres verehrten Gestirnes Bild ihr kam der Jammer gesandt, und die grause Vertilgung. Immer entfuhr die _Volle Lage_[67] dem Raume des Schiffes, Das sich der furchtbar'n, eiserne Last, aus Rauch und aus Flammen Schleudernden Donnergewalt nachbog, und mit sinkendem Rand noch Streifte die Fluth. Die sanftergossene Fläche des Meeres Rauscht' aufbrandend empor. Bald schäumten die bläulichen Wogen, Bald erglühten sie tief im Glanze des röthenden Feuers, Welches im Flug durchzuckte die Luft. Die Mauern erkrachten -- Sanken in Schutt, und dumpf ertönte der Steine Gerassel. Sieh', die Malta gesandt, die nächsten dem felsigen Ufer, Schleuderten sonder Rast nach dem Thurm, der hoch aus dem Vorgrund Ragte, Verderben! Er neigte das Haupt, sturzdrohend, ein paar Mal; Zitterte jetzt, und sank mit grausem Gepolter zusammen: Staub flog auf, und Geschrei, wehklagend, und jubelnd ertönte. Aber der Kaiser rief: »Verdoppelt das Feuer!« So riefen Guasto, und Rogendorf, und jeglicher Schanze Gebiether, Und noch schrecklicher tobte die Wuth des ehernen Feldzeugs. Doria brach von dem Meer' her donnernd, das eiserne Seethor So, daß des Feindes Geschütz dort schon auf dem Walle vernichtet Lag, und verstummt'. Dann öffnete dicht am Thor von Buschatter Ludwig aus seiner Schanz', urplötzlich nach jenem, den Wallbruch, Weit, daß ein Wagen durchfuhr, der heim die Garben vom Feld führt; Aber die breitere Kluft, daß zwanzig der Krieger, gereihet Aneinander, sie leicht durcheileten, sah nach dem Oehlwald, Gähnend hinaus: eröffnet mit Macht aus der Schanze der Wälschen, Die von Toledo verwaist, nun Guasto's Winken gehorchten. Vorwärts stürzte der Wall und die Mauer, und ebnete weithin Dort die ersehnete Bahn den Stürmenden, füllend den Graben.
Nun verstummte zugleich am Himmel das grause Gewitter, Nur an des Erdballs drönendem Rand noch murrte der Donner Dumpfer hinab, wenn dort der Blitz die feurigen Schwingen, Fächelnd, erhob. Aus zerriss'nem Gewölk sah bläulich der Himmel Her auf das regenerfrischte Gefild, und die scheidende Sonne Goß aus dem rosigen Duft des Abends Schimmer herüber, Und erhellte gar wunderbar die belagerte Festung. Lauter pochte die Brust des edelsten Kaisers; ihm rief nun Ahnend das Herz: schon sey die entscheidende Stunde gekommen. Jetzt erhob er das Schwert, den Feldherrn Thaten gebiethend, Und sie gehorchten dem Wink'. Auf dem Land und im wogenden Schiffsraum Schwieg, verhallend umher, der ehernen Schlünde Getümmel. So an dem felsumstarreten See verhallet des Waldhorns Klang, den fern im Ruderschiff erweckte der Künstler, Horchenden Freunden zur Lust: nun da, nun dort am Gebirg hin, Tönt er im Wiederhall, bis er dann, stets leiser, dahinstirbt. Aengstliche Stille herrschte rings, und beklemmendes Schweigen. All' aufmerkten dem Wink: da zogen in brausendem Eilflug Scharen auf Scharen dahin, und jauchzten der rühmlichen Arbeit. Dort an den Mauerbruch, der weit aufgähnte zum Oehlwald, Eileten Wälsch' und Hispaner, zum Thor von Buschatter die Deutschen; Doch Lusitania's Volk, den Niederländern und Malta's Muthigen Kriegern vereint, erreichte das eiserne Seethor. Tausend ergriffen bei jeglicher Schar die ragenden Leitern: Kühneres Volk, zu erklimmen den Wall im stürmenden Anlauf.
Welches der Völker kam dem andern zuvor in dem Wettlauf? Erst das hispanische; d'rauf nachdrangen den Wälschen die Krieger Portugalls und Brabants. Wie, stürmten die tapferen Deutschen Nicht vor allen zuerst? Sie hemmte der kühne Cherusker, Hermann: denn, sein edeles Volk vor Tücke zu wahren, Schwang er in Hast nach Eberstein sich herunter, und rief ihm: »Hemme den rascheren Lauf, vorschauend, und Tücke vermeidend: Weit durchhöhlte der Feind, vor deinem Ziele, des Erdreichs Dunkelen Schooß; ihm nahet die Lunt', und donnernd erhebt sich Bald entsetzlicher Rauch, und Feuer, und wilde Zertrümm'rung.« Jener hemmte sein Volk. Zwar ächzte der Krieger, und Thränen Netzten sein glühendes Aug', im Vorsprung schauend die Fremden; An dem Gewehr' ihm bebte die Faust, und die strebenden Fersen Bohrten tiefere Spur unwilliger Rast in den Sand ein. Doch nun schwankte der Grund: aufflog, die Lüfte verfinsternd, Qualmender Rauch, und Loh', und Wust des berstenden Erdreichs Ueber den Flatterhöhlen umher, die rings an dem Wall sich Kreuzten, erfüllt mit der Last des entflammenden, schrecklichen Zündstaubs. Bebend stürzten die Reihen zurück; aus den Augen der Krieger Glänzte dem Feldherrn Dank, der so sie entriß dem Verderben. Aber er wandte sich nun, und rief mit gewaltiger Stimme: »Dort das herrliche Ziel, wo Siegespalmen dir winken, Schaue, mein edeles Volk -- nicht des Todes gähnenden Abgrund! Schwer ist die That; die Stelle gefahrvoll; aber uns ehrte Deutschlands edelster Hort, da er Deutschen das Höchste vertraut hat. Tapferer Radburg, vor mit den muthigen Bayern, und Stollberg Vor mit den Sachsen zum Sieg! Du, Römhild, entflamme die Helden Schwabens, und jene aus Brandenburg ermuthige, Siegfried, Jetzo dein Ruf. Vereint erringet den Preis der Entscheidung.« Hermanns luftige Schar aufjauchzte des Heldengebiethers Worten, und kam, und mehrte den Muth ruhmdürstender Männer, Dort zu erstürmen den Wall, wo am blutigsten winkte des Sieg's Preis.