Tunisias Johann Ladislav Pyrker's sämmtliche Werke (1/3)

Part 15

Chapter 153,349 wordsPublic domain

Doch nun drang Toledo, der Held, dem Sturme vergleichbar, Der die Heide durchtobt in trüberen Tagen des Herbstes, Immer des See's Gestad' entlang zum Felsen hinüber. Freudig brausten die Scharen ihm nach. An dem edelen Feldherrn Hing mit Liebe das Volk, der, immer so kühn, in Gefahren Ruhm sich errang, und Ruhm und Ehre gewährte dem Krieger. Schon erblickt' er das Ziel; doch, ach, von Schauder ergriffen, Sah er zugleich unendliche Macht der feindlichen Reiter, Spähend, umstellen den Fels, geführt von dem schrecklichen Dragut! Lautaufseufzte der Held: er wähnte verrathen des Felsens Dunkele Höhl', und ihm entrissen das edelste Kleinod. Dragut gewahret' ihn auch, und sann: ob er dem Verhaßten Nahe, ob nicht? Doch schnell gedacht' er der List, und urplötzlich Jagt' er davon, zum Hinterhalte die Feinde zu locken. »Tapferer Greis,« so rief Toledo dem römischen Feldherrn, »Sey des Volkes leitender Hort! Verfolge die Gegner Rasch hin, bis ich die Gattinn erlöst' aus dem bergenden Fels hier, Und mit Kurd, dem edelen Freund, entsandt' in das Lager: Denn mich heißet die Pflicht noch fürder im Kampfe zu stehen.« Freudig gehorchte der tapfere Greis, Ursini. Des Jünglings Feuer beseelt' ihm die Brust: er eilte dem fliehenden Feind nach. Wie die Löwinn, die erst auf dem Lager die Jungen zurückließ, Hörend des Panthers Gebrüll fernher, schnell wieder zurückkehrt, Vor die Höhle sich stellt, und harret des kommenden Gegners: Denn sie vertrauet dem Muth und der siegenden Stärke: so muthig Blickte Toledo umher (nicht Tausenden wär' er gewichen) Sprang aus dem Sattel mit Kurd, und legte mit zitternden Händen, Nahe dem Felseingang, die blinkenden Waffen dann nieder; D'rauf, nicht ahnend im Geist die entsetzliche Nähe des Jammers, Half er dem treuen Gefährten, und hob, und wälzte vom Eingang, Stöhnend, den mächtigen Block, und räumete Schutt und Gesträuch weg. Weit aufgähnte die Höhl'. Er stieg: »Mathilde! Mathilde!« Rufend, hinab. O Jammer, da sträubten, wie Stacheln des Igels, Ihm von der Scheitel die Haare sich auf. Ein Schrei des Entsetzens Schmettert' aus seiner Brust; weit vorgebogen, und krampfhaft Faltend die Händ' an der Stirn', hinstarrt' er mit leblosen Augen -- Starrt', und sah die Gattinn entseelt auf dem Boden, und ihr gleich, Schlummernd an holder Mutterbrust den lieblichen Säugling. Leis' nur athmet' er noch, und sank erblassend zusammen.

D'rüben lag Ursini dem Feind, verfolgend, im Rücken. Unablässig erkrachte das Rohr, und säte Vernichtung Unter die fliehende Schar; doch plötzlich brach vom Gehölz her, Lauernd im Hinterhalte, der Feind auf den Sieger, und sandte Zahllosschwirrende Pfeile heran. Da wandte sich Dragut Eilig zu seinem Volk, und rief mit grimmigen Blicken: »Jetzt umzingelt sie schnell. Sie sollen den Frevel mir büßen, Den ihr Führer verübt'. Und, ha, nicht erseh' ich ihn drüben Unter der Schar! Hat etwa der Unsern Geschoß ihn ereilet, Oder, wich er feige zurück, weil Dragut ihm nahte?« Flugs umbrausten mit wildem Geschrei die maurischen Reiter, Dragut folgend, und flugs numidische Horden, die Christen. Aber der tapfere Greis, dem jetzt die feindliche Kugel Stürmend die Rechte durchfuhr, erhob mit der Linken den Degen, Ordnete schnell die Reihen, und rief den Geordneten: »Feuer!« Denn sie hatten gezielt: da feuerten alle mit einmal Ihre Gewehr' ab: sie krachten, durch Rauch und Flammen versendend Furchtbare Kugelsaat zur blutigen Ernte des Todes. Schnaubend prallten die Rosse zurück; der wilde Numider Wankte; von Schrecken betäubt, verweilte der maurische Reiter. Nun gedacht' Ursini der Flucht, der rettenden. Fliehend Drängt' in das Feuerrohr der Krieger des Todes Geschosse; Stellte sich wieder, ereilt, und trieb die stürmenden Haufen Mordend zurück. Doch wie der Staar' unzählige Scharen, Lüstern nach Traubenblut, die Rebenhügel umflattern: Weder der Hüther Geschrei, noch die rastlos tönende Klapper Scheucht sie völlig hinweg -- stets kehren die Lästigen wieder: Also umschwärmte der Feind die Fliehenden: Manchem das Leben Raubend mit tödlichem Stahl, und fernhin scholl das Getümmel. Dragut sah, erstaunt, die Waffen Toledo's am Boden Liegen. Er sprang voll Hast aus dem Sattel, und stieg in den Felsschlund Rachebeflügelt hinab. Sein spähendes Auge gewahrte Bald den Ersehnten im Grabesgewölb', und er jauchzte vor Wuth auf; Aber sein Flammenblick, den starrenden Blicken Toledo's Folgend, sah die entseelete Frau. Da faßte des Todes Schauer ihn an: der Laut erstarb auf den Lippen ihm; wankend Sucht' er des Tages Licht, und stöhnte noch laut vor Entsetzen. Schon braust' ihm sein Volk entgegen im schmählichen Rückzug, Von dem Feinde gejagt: denn Alba's siegende Reiter Brachten Ursini's umstürmter Schar ersehnete Rettung. Dragut schwang sich behend auf's Pferd, zu entkommen den Augen Hairaddins, daß er nicht feig ihn heiße, die blässeren Wangen Schauend im Waffenfeld: nicht ahnend, was ihn betroffen.

Muhamed, der die Wälschen umdrängt, in grauser Verfolgung Weichen sah, erregte den Muth des flüchtenden Herrschers, Hairaddin, kühn zu besteh'n des Kaisers anstürmende Heersmacht. »Wie,« so rief ihm der Geist, »du, Hairaddin, schrecklicher Krieger, Wendest den Rücken dem Feind'? Erschlafften des tapfersten Herzens Schwingen so ganz, daß es scheu vor Schlachtengetümmel zurückbebt? Auf, und versuch' erneueten Kampf: denn Siegesgejauchz' tönt Dort von des See's Gestad', wo Dragut, der Schreckliche, kämpfte!« Hairaddin horcht', und vernahm fernher Getümmel und Schlachtruf. Donnernd schrie er den Flüchtenden: »Halt!« und stellte die Haufen Gegen des Feindes Macht mit kampfanbiethender Stirn auf. Auch das Siegel von Gold, das hell an der tapferen Brust ihm Schimmerte, sandt' er an Dragut hin: ein furchtbares Zeichen Großer Gefahr, und des Ungehorsams dräuender Strafen, Daß er ihm eine die Macht. Wie auf Windes Flügeln enteilte -- Spornte das Roß Ben-Dar, der Araber, der ihm ein Liebling War vor allen im Heer' mit dem kühnvordringenden Kampfmuth. Aber vergebens spornt' er das Blut aus den Seiten des Renners; Hairaddin forschte nach Dragut umsonst: denn, fern von dem Schlachtfeld, Nahet' er schon im Flug den Thoren von Tunis, getrieben Von entsetzlicher Angst. Ihm keuchte sein bebendes Volk nach. Wie, verirrt auf Sibiriens schneeiger Heide, der Weidmann Aengstlich forschend sich müht, den ihm entschwundenen Heimweg Wieder zu finden, und jetzt am Rande des Himmels ein Wölkchen Leis' aufschwebt: da wähnt' er, getäuscht, die trauliche Hütte Sey es, und freut sich der Gattinn schon und der harrenden Kindlein; Aber das Wölkchen schwand, und trostlos kehrt ihm der Abend: Also getäuscht sah Hairaddin unmuthsvoll zu dem Seestrand Forschend hinaus: denn fern' ihm floh die ersehnete Kriegsschar. Sieh', und jetzt durchtobte zugleich das entsetzliche Schlachtfeld Lärmenden Sieges Getös', und Flucht und grause Verwirrung! Dort brach Lichtsteins Volk, des herrlichen Schanzenerstürmers, Jauchzend heran, und hier ihm brauste, dem wilden Orkan gleich, Alba's siegende Macht entgegen. Er blickte verzweifelnd Um sich her, und geboth den bebenden Scharen den Heimzug. Mordend folgten die Sieger ihm nach. Vom Blute geröthet Wies sich den Kehrenden weit die siegverherrlichte Laufbahn.

Nahe dem Felsenschlund saß Kurd. Er senkte die Augen Tief zur Brust, und schimmernde Thränen benetzten sein Antlitz, Als der Kaiser an ihm vorüberzog in dem Siegslauf. Dieser sprengte das Roß jetzt näher, und forschte mit Sorgfalt: Was ihn betrübt'? Doch Kurd erhob sich, und führte den Herrscher Ein in des Grabes Nacht, in die Wohnung unsäglicher Trauer. Dort erbebte sein fühlendes Herz des Menschengeschickes Nächtlichstem Bild. Er schwieg; doch dringender Hülfe gedenkend, Faßt' er Toledo am Arm, und stieg in die Helle des Tages Rasch mit dem Wankenden auf; dann rief er dem treuen Gefährten: »Kurd, erhebe dich schnell, und häufe die Trümmer mit Vorsicht Auf an dem Schlund: denn bald erhöh'n wir, als Sieger, Mathildens Denkstein, der ihr Trauergeschick verkünde der Nachwelt, Und an den Wechsel des Erdenglücks den Sterblichen mahne!« Also geschah's. Doch heim zu dem Zelte des gütigen Kaisers Schritt mit Toledo das trauernde Roß; er lenkte das eig'ne Sorglich ihm an der Seit', und sann voll Huld auf dem Heimweg, Wie er das leidenerstarrete Herz zum Leben erwärme? Und der ersehnete Abend sank. Die kehrenden Scharen Eilten mit Siegesgesang, vom Gewirbel der drönenden Trommel Und Drometengeschmetter umtönt, zurück nach dem Lager. Weithin dehnte sich schon der riesige Schatten der Krieger Und der Ross', auf dem Sand. Die Sonne blickte noch einmal Ueber des Meer's hellschimmernde Fluthen herüber, und sandte Scheidend, aus Rosengluth, auf den Fittigen säuselnder Lüftchen, Endlich die Labung dem Heer' in der mildumschmeichelnden Kühlung.

Zehnter Gesang.

Noch umhüllete Nacht mit finsterem Schleier Goletta's Schweigende Flur; nicht sanftaufdämmerndes Roth an des Ostens Duftigem Himmelsthor, nicht Geflister der lieblichen Sänger Kündigte noch das Erwachen des Tag's aus schauernden Zweigen, Als im erleuchteten Zelt der Kaiser mit seinen Erwählten, Doria, Guasto, und Eberstein, im wichtigen Kriegsrath Saß, und Jegliches ordnete, nun zu erstürmen die Festung. Näher gerückt war ihr das schanzende Volk, und gewahrte Jetzo gerechtes Ziel, die furchtbare Bombe zu schleudern. Mächtige Schlünde, den Kriegern genannt die »Mauerzertrümmrer«, Sah'n aus dem Schanzkorb schon zur Veste hinüber, und ringsum Lagen am Wall Sturmleitern gehäuft. Entlassend die Helden Aus dem Gezelt, sprach noch der erhabene Kaiser mit Nachdruck: »Segen des Himmels mit euch! Bald soll in heißeren Stunden Sturmdrometender Ruf vor Goletta's Mauern uns einen.« Doria eilte zum Meeresstrand, zur spähenden Vorhuth Guasto; nur Eberstein stand noch, und sagte bekümmert: »Nagender Gram erfüllet die Brust der Deutschen; sie klagen: Nur Hispaniens Söhn' und Wälschlands theilten Gefahren, Ruhm und Ehre mit dir; sie stünden vergessen im Lager, Minder geachtet im Heer und deines Vertrauens nicht würdig.« Lächelnden Blick's, doch sanft verweisend, entgegnete jener: »Häget des muthigen Volkes Hort den nagenden Unmuth Auch in der tapferen Brust? Nicht vorlaut tadle der Krieger, Was ich im ernsten Gemüth, auf Jegliches achtend, beschlossen. Spanier, Wälsch', und Deutsche, sie all' sind theuere Kinder Mir, und jen' errangen sich schon erfreuenden Siegsruhm; Aber noch höheren Muth erheischt, im Felde der Waffen, Winkend zu Thaten, das höhere Ziel. Bald sollt ihr ersehen, Ob ich dem Deutschen vertraut', ein Deutscher, und dankend mich ehren.« Freudigen Blick's enteilte der Held, den harrenden Brüdern Tröstend zu nah'n, und zu ordnen die Scharen zum Sturme Goletta's: Denn schon wüthete ringsumher des eh'rnen Geschützes Furchtbar donnernde Macht. Bald hier von den kreisenden Schanzen; Bald von dem Meerstrand dort, hinsausten die schrecklichen Kugeln. Aber nicht minder zurück vom Walle der trotzenden Festung Sausten im Donnerlaut die schmetternden hin und herüber: Bebend drönte die Erd', aufheulte der flammende Luftkreis.

Hannibal sah vom Gewölk die Christen im mächtigen Vortheil; Sah nach Goletta hin die Donnerschlünde gewendet, Ringsum Gedräng' und Hast, das herrliche Ziel zu erringen, Und erbebte vor Zorn. Der Kampferfahrne gedachte Jetzo der List, und flog nach der Veste hinüber, wo Sinam Erst auf dem Rasen des Walls entschlummerte, sorgenermüdet: Denn in dem nächtlichen Grau'n vernahm er Getös' in den Schanzen, Und entsandte die Späher sogleich. Nun sah er im Traumbild Rings versinken den Wall umher, und die Mauern Goletta's Stürzen, zertrümmert, in Staub, daß furchtbar gähnte der Abgrund. Krampfhaft faßt' er den Rasen, und stöhnt', als Hannibal jetzt ihn, Leise genaht, aufboth mit den mutherregenden Worten: »Sinam, du ruhest dahier, ein Träumender? Schande dem Trägen! Sieh' schon wühlte der Feind, wie im nächtlichen Boden der Maulwurf, Viel verzweigte Gänge sich bahnt, Laufgräben von Neuem, Gegen die Veste sich auf; er häufte die Schanzen, und führte Riesenschlünde heran, zermalmenden Donner zu wecken! Schwand dir völlig die Kraft, Abwehr zu ersinnen und Kriegslist? Wie, wenn Tapfere, nur das Geschütz zu verderben, entschlossen, Hastig am Zündrohr dort einkeilten den eisernen Nagel So, daß im weicheren Erz die scharf gehämmerten Kanten Hafteten, und der Entschluß Errettung schaffte den Eu'ren? Auf, und erwäge die That: dem Kühnen gesellt sich das Glück nur!« Sinam entfuhr dem Rasen voll Hast, und dachte verwundert: Ob er geträumt -- ob Gottes Prophete den kühnen Gedanken Ihm in die Seele gelegt? Doch als er die Späher vernommen, Flog er zu Giaffar hin, und sagte mit leuchtendem Antlitz: »Tapferer Aga, vernimm mit Staunen, was Gottes Prophet' erst Mir an die Seele gehaucht, im sinnebetäubenden Schlummer! Wieder gelang's, so melden die Späher, dem Feinde, Goletta's Mauern durch Schanzen zu nah'n: uns droht gewisses Verderben Heute noch, wo uns nicht rettet der Muth und entschlossene Kühnheit. Auf zu dem herrlichsten Sieg! In der glühenden Stunde des Mittags, Wenn, ermattet, die Fremdlinge ruh'n, bestürme die Schanzen Du mit erlesenem Volk. Das schwere Geschütz zu verderben, Hastig am Zündrohr dort einkeil' es den eisernen Nagel So, daß im weicheren Erz die scharfgehämmerten Kanten Haften, und uns hinfort die Vestezertrümmrer nicht schaden. Groß ist des Sieges Gewinn, und dein: unsterblicher Nachruhm!« Giaffar blickte mit Ernst dem stattlichen Schirmer Goletta's Lang' in die flammenden Augen, und sprach, als jener verstummte: »Nicht Unwichtiges sann, du Tapferer, jetzo dein Geist aus; Oder dir nahte der große Prophet, wie du sagtest, in Wahrheit, Sturm gebiethend, und dort das Vernageln des Donnergeschützes, Wo in den Schanzen umher unzählig die tapferen Völker Wachen! Aber, wohlan: nie bebte des Kampfes Gefahren Giaffar noch, und sollt' er im Sturm auch fallen, er bebt nicht!« Also enteilt' er sogleich, und rief die kühnen Gefährten, Jauchzend, zum Sturmgang auf; doch Sinam sah ihm erstaunt nach.

Schon entfloh'n die Schatten der Nacht; der freundliche Morgen Streuete Rosen umher an des hellaufstrahlenden Ostens Goldenem Thor, und mit glühender Stirn' erhob sich die Sonne, Froh zu durchlaufen die Bahn in des Weltalls endlosen Räumen; Aber nicht lange, so fleugt vor ihrem Blicke Verderben, Jammer, und Tod aus den furchtbar'n Gluthgefilden der Wüsten Ueber die Christen heran: denn schon empöret der Windstoß, Wirbelnd, den flimmernden Sand; weit gährt, und zischet die Meersfluth. Wer entflammte den Unhold dort, dem Heere der Christen Tödlich zu nah'n? Wer stand ein Rettender über dem Kriegsheer? Muhamed saß, ergrimmteren Blick's, auf dem goldenen Halbmond, Der von den Zinnen des Minarets, des wolkengethürmten, Ueber die mächtige Stadt hinschimmerte, Moslems zur Wonne. Wie Gewittergewölk auf das Hochgebirge sich lagert: Gährende Blitz' umröthen den Saum des finster'n, und furchtbar Droht in die Thäler herab sein bald erkrachender Donner: Also saß er erhöht auf dem Thurm. Die Schanzen gewahrend, Dacht' er Goletta's Sturz, und der Feind' unendlichen Sieg'sruhm -- Dacht' es, und knirschte vor Wuth, und wühlte mit zuckender Rechten Dann in dem Busen; die Linke zerkrümmte die Hörner des Halbmonds. Jetzt auffuhr er in Hast. Wie aus tiefen Träumen erwachend, Starrt' er umher, und winkte den ringsumschwebenden Geistern: Attila selbst, mit dem wilden Gefolg, dann seinen Erwählten; Jetzt auch Hannibals Schar: denn er umschwebte Goletta's Mauern, und harrte des Kampfs im schlündeverderbenden Anfall. »Mir nach,« rief er der Geisterschar, »Aethiopiens Scheusal Beut uns schreckliche Macht zur Rach', in des Feindes Vernichtung!« Und sie entflogen all' im Schrei des empöreten Ingrimms.

Ueber Zender und Gingir[60] hinaus, wo rings um den Erdball Sich der Gleicher[61] schlingt, gleich fern von dem Süd- und dem Nordpol (Denn so ersann der stern'erforschende Weise das Zeichen: Ahnend der Erd' Umschwung um die eigene Achse, mit jenem Schräg' an der Sonn' umher, in des Jahrs umrollenden Tagen) Dort in Afrika's Schooß, wo im öden Gefilde nicht, schattend, Säuselt der Baum, nicht liebliches Grün entzücket die Augen, Und von dem Flammenthron, senkrecht, versengende Strahlen Schleudert die Sonn' auf den kochenden Sand, der ewig der Wüsten Unermeßlichen Raum in des Todes Trauergewand hüllt: Dort umstarrt, gen Himmel gethürmt, ein Felsengebirg rings Ein entsetzliches Thal, wohl hundert Meilen im Umkreis. Nicht die Gems' mit dem eisernen Muth und den ehernen Klauen, Fänd', aufklimmend, Bahn an der steilaufragenden Felswand, Und aus der Tiefe herauf, die gräulich, vom Donner gespalten, Gähnet, erhebt sich ein Flammenmeer, und wirbelt, und brauset Auf zu des Kessels Rand, vom kochenden Schwefel und Erdharz Unversiegend genährt. Doch weh', wenn, übergefüllet, Ihm entstürzet die Fluth! Da erbraust urplötzlich der Luftraum; Weit erbebet die Erd'; aufhebt sich des Windes Vermögen: Säul' an Säule gedrückt, fortstürzt er im Flug um den Erdball. Wenn er vom Mittelmeer nach Hesperiens Zaubergefilden Fleugt: da glühet sein Odem noch, und erschlaffet die Menschen, Trübumwölkten Gemüth's. Umkreist er aus Süden des Nordpols Eisige Stirn: da deckt der glänzende Reif ihm die Schwingen, Und er schüttelt uns Schnee und den blütheverderbenden Frost her; Aber, im schnelleren Flug durchbrausend des rosigen Aufgangs Fluren, und d'rauf, heimkehrend im Sturm, von des Abends Gefilden, Haucht er den Regen heran, den dauernden, der aus dem Weltmeer Dunstgeboren sich hebt, und die schimmernden Lüfte verdüstert -- So wie im Gegenlauf, an des Altais[62] Höh'n, und des Urals[63] Oestlichem Rücken erfrischt, er die Regengewölke verscheuchet So, daß lieblich und kühl die Bläue des Himmels herabglänzt. Also kehret er stets nach den grau'numhüllenden Felshöh'n Wieder, an welchen er ruht, und die Lüft' umschwimmen im Gleichmaß.

Dorthin, glühend vor Hast, kam Muhamed jetzt mit den Scharen Zahlloser Geister, und hieß sie, mit drohendem Winke der Brauen, Schnell umringen den Saum des furchtbarn Felsengebirges; Aber er stand. Ihm leckten die dunkelgerötheten Flammen, Prasselnd, die Füß', und floh'n, und kehrten in wirbelnden Wogen. Finster blickte sein Aug', und glüht' im Glanze des Feuers Schrecklicher noch, da er laut erhob die gewaltige Stimme: »Seht, Erwählte des Ruhms, vor allen Scythia's Helden, Welchen des Südens Wundergebieth erst heute sich aufhellt, Hier im flammenden See den Samyel[64] -- Völker erbeben Schon dem Nahmen allein des todaushauchenden Unholds -- Lauern! Er mordet, geweckt, das Leben; im sausenden Eilflug Hebt er die Wüst', und stäubt sie empor in die Lüfte: sie wandelt Hoch in dem Wolkenreich, nun schnell, nun zögernder vorwärts Schreitend die Bahn, und deckt, entstürzend, mit thürmenden Bergen Weit die Gefilde. O seh't, o seh't, nach Sahara hinüber! Dort in dem Sandmeer wallt, verschmachtenden Herzens, seit Monden Schon Karawanengefolg' den heimischen Fluren entgegen; Weh', und Araber sind's, mein Volk! O, nimmer erblicken Sie das Heimathland! Von sinkenden Hügeln begraben, Schwinden sie all': ein Schauspiel noch entfernten Geschlechtern, Wenn verweht die Hügel entflieh'n, und die Starren enthüllt sind. D'rum jetzt Rache verübt, die schrecklichste, die noch verübt ward, Dort an der christlichen Heeresmacht, der zahllose Moslems Schon erlagen im Kampf für den welterleuchtenden Koran, Für errungenen Ruhm, und die völkerverschlingende Herrschaft. Stürzet vereint in den Flammensee, und empört der Vernichtung Gährende Fluth noch mehr, daß selbe nach Tunis hinüber Sende den Samyel, der, verschonend die tapferen Moslems, Tilge sogleich die Ungläubigen dort mit erstickendem Gluthhauch.« Siehe, da stürzten sich all', empört von dem schrecklichen Herrscher, Jauchzenden Ruf's in den Flammensee. Sie tauchten hinunter Bis in des Abgrunds Nacht, und fuhren herauf, und erregten Also die Fluth, daß Wog' auf Woge geschleudert dahinsank. So, wie der Schilfteich braust, wenn plötzlich auf ihn des Orkans Wuth Niederstürzt vom Gewölk, und rings die umufernden Dämme Ueberfluthend, ergeußt sein dunkles Gewässer: so stürzte Von dem Felsen die feurige Fluth. Entsetzlich zu schauen! Himmel und Erd', im furchtbar'n Wuthkampf ringend; die Sandwüst' Wandelnd in Wolkenhöh'n, und der todaushauchende Gluthwind Prasselnd im Sturmesflug nach dem Lager der Christen hinüber, Drohten der zitternden Welt die Schrecken des letzten der Tag' an.

Doch, auf Goletta's Wall stand Giaffar, herrlichgerüstet, Schon vor den Reihen der Janitschar'n. Sie staunten dem Hauptschmuck, Der von des Tulbans Bund herschimmerte, zierend des Reihers Schneegefieder, und gleich dem Fittig des Aars, sich entfaltend; Staunten des Säbels Gehäng', voll blitzenden Edelgeschmeides, Den Suleyman ihm both, der Prächtige, als er vor Rhodus Ruhm sich erwarb, im Sturm durchbrechend das eiserne Seethor. Nie gewahrt' ihn das Volk so reichgeschmückt in dem Feld noch. Jetzo mit leuchtendem Blick' erhob er die mächtige Stimme: »Hört mich, Söhne des Siegs! Schon oft erlagen im Schlachtfeld Eurem schrecklichen Arm die Ungläubigen; aber er wüthe Heute noch mehr, als dort im Süden der wilde Hamaddan,[64] Der im Feuergewölk auffleugt, und mit glühendem Odem Bald das Lebende tilgt. Auch tödte sie Gram und Verzweiflung, Jetzt in dem Ueberfall ihr Geschütz vernichtet zu schauen. Auf, und erringet des Sieges Preis, nicht der sinkenden Brüder Achtend! Falle wer muß: nur mögen die Seinen ihn rächen!« Also entflammt' er das Volk. Da scholl, wie brandender Wogen Rauschen im Meeressturm, und das Brausen im dunkelen Eichwald, Den der heulende Nord durchtobt, des stürmischen Volkes Wuthausruf, von Goletta's geöffnetem Thore; da rannten Alle voll Hast nach der Schanze hinaus, die Ludwig, als Feldherr, Strahlend in Jugendglanz, mit den niederländischen Helden Und Lusitania's tapferem Volk, krieg'skundig beschirmte. Dort war lautes Getös', war Rufen. Zur muthigen Abwehr Eilte das Volk; doch unaufhaltsam, die Schanzen entlang hin -- Nicht des hagelnden Donnerrohr's, nicht der sinkenden Brüder Achtend, drangen die Wüthenden auf, und ihr gieriger Aarblick Hing an den ehernen Schlünden allein. Ach, sieben umringten Sie, vorstürmend in Hast! Bald töneten schmetternde Hämmer An dem geflachten Kopf der eisernen Nägel: sie drangen Fest in das weichere Erz, des Zündrohrs Höhle verkeilend, Und zerstörend des Feldzeugs Macht mit den schneidenden Kanten.