Tunisias Johann Ladislav Pyrker's sämmtliche Werke (1/3)
Part 14
Doch was kündet der Bote voll Angst? ... Daß der tapfere Feldherr, Lichtstein, glühenden Muths, die Schanz' auf dem Felsen erstürmte. Schon durchzog er zuvor die schaurigen Pfade des Waldthals, Leis' nur, wie es der Kaiser geboth: nicht Trommelgewirbel Kündigte ferne den Zug, nicht schmetterten Lust die Drometen Heut' in dem eilenden Ritt dem Reiter und Roß in die Ohren; Doch, als jetzt Medscherda, mit lautaufrauschenden Wogen, Ihnen am Felsengestad' entgegen sich dämmte, da hoben Eilig die Brückner die Fähren herab von den knarrenden Achsen; Warfen sie all' in die Fluth, versenkten die zackigen Anker, Gegen den Strom mit Tau'n sie festigend, und in des Bogens Krümmung einete Fähr' auf Fähr' die gesonderten Ufer. D'rauf hinreihend das lange Gebälk', und quer auf die Balken Breitend die Bohle, besiegten sie schnell die hemmenden Fluthen. Unter des Rosses Huf und den Füßen der eilenden Krieger Drönete fort und fort die schwankende Brück' auf dem Strom hin. Aber drüben vom schroffen Gestad' erhob sich die Felsbahn Schroffer noch himmelwärts. Der Reisige stieg aus dem Sattel, Führte das Roß am Zaum', und keucht', und strauchelte häufig, Ganz unkundig des Kletterns, und fremd in der hehren Gebirgswelt. Aber es klomm, wie die Gemse, der Schütze Tyrols an der Felswand, Tapferen Hessen vereint, und Spessartern, auf zu den Höhen. Also errungen waren sie jetzt, und die Scharen geordnet. Lichtsteins Ruf erscholl: »Hinan, tyrolische Männer! Spessarter, vor mit den Hessen! Euch folge das Reiter-Geschwader Dann, in gemessener Fern', entscheidend zum blutigen Angriff.« Jauchzend, im Sturmlauf ging's an den Wall. Kaum trauend den Augen, Sah der staunende Feind den Scharen des Feindes entgegen. D'rauf erhob er Geschrei, und hieß des eh'rnen Geschützes Donnergebrüll' mit dem Schmettern der Büchsen erschallen, und säte Saat der Vernichtung. Da fiel Arnulf, der kühne Passeyer, Der sich am Ortheles einst, dem felsaufklimmenden Steinbock Folgend, verstieg, wo ihm bald der Strahl der Lebenserrettung Völlig erlosch. Erhob er die Blicke: da wölbte die Steinwand Ueber ihm thürmend sich auf, und senkt' er sie nieder, mit Vorsicht Fassend den zackigen Fels: da bebt' er, vom Schwindel ergriffen, Zitternd wieder zurück: denn weit hinaus auf den Abgrund Bog sich die Wand, und eingekrümmt entschwand ihm die Mauer. Kaum erspähte sein Aug' des Waldstroms Schimmer; verhallt war Ihm sein Gebraus', und verstummt das Leben im einsamen Luftraum. Dort sich mit reuigem Sinn, zum Hungertode bereitend, Sah er schon zweimal des Tages Licht aufdämmern im Osten, Zweimal erblassen im Abendroth; doch sieh', ihn vermißte Jetzo der redliche Freund! Er wagte den Gang auf dem Felsgrath Muthig, und schrie, und Geschrei vernehmend, senkt' er das Bastseil Nieder vom jähen Geklipp', und rettete so den Gefährten. Wie der Fischer empor zum Gestad', der Ruth', und des Fadens Leises Zucken gewahrend, schnellt das zappelnde Fischchen: Also entriß er den Freund, lautjubelnd, dem schrecklichen Tod dort, Den er dahier nicht mied, durchbohrt von der schmetternden Kugel. Neben ihm sank auch Eberhard, der erste der Schützen: Nie verfehlt' er das Schwarz' in der kreisenden Scheib', und er both sich Selber dahier zum Ziel', in des Herzens Mitte getroffen. Feuriger: denn der Getödteten furchtbare Rächer, bestürmten Ihre Gefährten den Wall, und rastlos krachten die Büchsen, Rastlos tönte Geschrei, zu wecken den Muth der Entscheidung. Weder die Spessarter, noch die gleichgewaltigen Hessen Weileten fern', einmüthig rang dem Helden der Held nach. Wo die sternnachbildende Schanz' im engeren Vorsprung Ragt', aufdrangen zuerst die muthigen Führer der Deutschen, Werner und Wittekind, vom Graben. Erbebend der Kühnheit, Wichen die Feinde zurück: da both Abdallah, des Bollwerks Hort, im drometenden Ruf Stillstand, und rief im Getös' her: »Stillstand bieth ich euch an: wir räumen den Wall und die Schanzen Eurer Gewalt, so ihr Abzug gönnt in würdiger Freiheit; Oder, wollen wir erst den Wink der Herrscher erkunden?« »Hör't,« schrie Lichtstein auf, »euch täusche die feindliche List nicht! Muthig hinan: ihr kämpfet hinfort um den leichteren Sieg nur!« Rascher eilten die Reih'n auf Reih'n jetzt vor, und erstiegen Kämpfend den Wall: denn schrecklich erwies sich der Feind in der Nothwehr. Werners Arm erlag Abdallah, der Schirmer des Bollwerks; Aber ihm bohrte zugleich ein Derwisch, Fluch und Verwünschung Brüllend gegen das stürmende Volk, den Dolch in den Nacken So, daß dem Sinkenden schnell das Blut und das Leben entströmte. Schwer vermißt ihn daheim die liebende Mutter, in Kummer Lebend, seit ihr der Gatte versank in den Fluthen des Mainstroms, Wo er vom berstenden Eis lautjammernde Menschen gerettet. Nur ihr Einziger war ihr Trost in der schrecklichen Trennung Von dem Gemahl, und Ernährer: denn stets heimbrachte der Sohn ihr, Frommgesinnet, den Sold, und küßt' ihr die Hände mit Ehrfurcht: Dankbar sorgend für jene, die ihn mit Schmerzen geboren, Oft den Schlummer entbehrt', und viel herznagenden Kummer Duldet' um ihn mit Lieb', in hülfebedürftiger Kindheit. Ach, nun harrt sie umsonst des Guten! Ihn tödtet' ein Derwisch Hier auf dem Wall. Doch Wittekind ereilte den Meuchler Schnell; erhob den Degen, und traf ihn mit kräftiger Rechten Tief in's Genick, daß er röchelnd sank, und im Blute sich wälzte. Ihn umhäufeten bald, ringsher, die tapfersten Krieger. Rasch umlenkend das Roß, aufschwang der Scharen Gebiether, Lichtstein, jetzo das Schwert: verständlich blitzt' es dem Volk' auf. Alsbald rief die Dromet' in hellerklingenden Tönen Roß und Reiter zum Sturm, und zugleich, dem Sporn in den Seiten Stöhnend, flogen die Läufer gestreckt an den Graben. Sie setzten Ueber ihn hin, und klommen, daß fest an dem Hals' und den Mähnen Pochte des Reiters Brust, an dem sandgehügelten Wall auf. Dort war jetzt ringsum Gewürg', und Gemetzel, und Wuthschrei: Denn nicht der Hagel prasselt so laut aus berstenden Wolken Nieder auf's Breterdach (der Wandrer bebt vor Entsetzen, Der sich unter ihm barg, zu entflieh'n dem grausen Gewitter) Als der sausende Stahl, entlang den Wällen, auf Stirnbund, Tulban, Harnisch, und Helm herrasselte, mordend die Scharen.
Mechmet entrann. Nun beugt' er die Stirne vor Hairaddin dreimal Tief in den Staub; dann stand er, und wollte beginnen, vermocht's nicht. Hairaddin faßt' ergrimmt, des Zögernden Stirne zu spalten, Schon den Säbel; da rief der bleichaufathmende Krieger: »Herr, stets glänze dein Ruhm, wie, strahlend, die Sonne vom Aufgang Glänzet zum Niedergang, und mögen die Feinde, vernichtet, Schwinden vor ihm! Doch weh'! Entsetzliches muß ich dir künden -- Zittern vor deinem Zorn. Vernimm's! Die Schanz ist erstürmet. Keiner der Unsern lebt; ich allein entrann dem Gemetzel, Dir zum Wohl: denn siehe, dein Sclav' entriß sich dem Kampf nur, Daß du es hörest von ihm: dir nahen die Feind' in dem Rücken!« Und er stieß sich den Dolch in die Brust. Da floß an den Wangen Hairaddins wohl die Thräne herab, als dort in dem Sandstaub Jener verhauchte den Geist? Ach, niemals hoben sich Thränen Ihm aus der Brust empor zu den grimmgerötheten Augen; Ihnen entstrahlte kein Mitgefühl, kein himmlisches Mitleid! Schweigend starrt' er umher; dann, so, wie ein Blitz in der Sturmnacht Durch das finst're Gewölk hinfleugt, umröthete plötzlich Tiefaufgährender Zorn ihm die blässergewordenen Wangen, Und er rief, daß Muhameds Aug' erglänzte vor Wonne, Grimmig den Janitschar'n entgegen, und schrie im Getös' hin: »Mögen sie immer im Rücken uns nah'n. Nicht eher verlassen Wir die dürstende Heide, bis satt mit feindlichem Blut wir Sie getränkt, und genügend ihr tischten das schreckliche Schlachtmahl.« D'rauf, wie dort in des Waldthals Schlucht, aus berstenden Wolken Niedergestürzt, ein Strom entgegen sich dränget dem ander'n, Laut mit wildem Geräusch', und im schrecklichen Wogengewirbel, Tief aus dem Grunde gewühlt, die Vesten der Berge versinken Links und rechts: da rollen die Felsen, da stürzen die Wälder Gegen einander hinab in den brausenden Schaum der Gewässer: Also stießen auch hier die feindlichen Heere zusammen.
Eilend vor Alba's Reiterschar, flog Garzia Lasso Jetzt mit den Rittern heran. Des Fußvolks treffliche Reihen Folgten dem Kaiser selbst, dem stattlichen: kühn den Gefahren Stehend im Kampf', und stolz im Gefühle des sicheren Sieges. Furchtbar donnerten schon die mächtigen Schlünde; zugleich flog Lastendes Eisen, im Bogenwurf sich kreuzend im Luftraum, Hin, und daher gesandt, entsetzlichen Jammer zu schaffen. Fort und fort, im Gekrach der rastlosfeuernden Büchsen, Prasselte Kugelsaat auf den Feind; laut kreischte der Säbel, Zischte der Pfeil, ersausten die Speer' und die Lanzen, und ringsum Strömte das Blut: stets grimmiger wüthete Mord und Empörung. Rechts, wo Hairaddins Heer, entfaltend die Flügel, der Mauren Reisiges Volk aufwies, zog Alba, und Garzia Lasso Links an die Araber, die voll Grimms gluthschnaubende Rosse Tummelten, ihm entgegen zu steh'n im Gemenge der Waffen: Denn im sausenden Flug' umschwebte sie Muhamed selber, Mit dem ergrimmten Gefolg ringsher anstürmender Geister, Rastete nicht, und haucht' empörende Gluth in die Herzen. Listengeübt ersann er jetzt dem Garzia Lasso Schnelles Verderben. Er sah, wie er, senkend den Speer, an die Gegner Spornte das Roß; er eilet' ihm vor, und empörte die Natter,[57] Die, in dem Munde des Volks die Königsschlange gepriesen, Gleich dem regen Gewürm die rührigen Hörner bewegend, Sich in dem Sande vergräbt, dort schlau zu berücken die Vögel, Daß sie ihr selbst, harmlos annahend, zur Beute sich böthen. Zischend fuhr das grimmige, sandaufschnellende Giftthier Vor dem Roß in die Höh', und es schnob im taumelnden Aufsprung. Dann, nicht achtend des Schmeichelworts, nicht des hemmenden Zügels, Flog es hinüber, und trug den edelen Herrn an den Feind hin. Dort, von den Seinen getrennt, und dem sicheren Tode geopfert, Seufzt' er im Geist: »Nun stirb -- doch nicht unrühmlich, ein Feiger!« Und den blinkenden Speer fortschleudernd, riß er das Eisen Sich von der Hüft', und hieb den ersten vor allen, Kilikdar, Emir des Steppenvolks, vom Sattel: er regte sich nicht mehr. Also blitzte sein Schwert nach jeglicher Seite, verderbend; Doch, nun jagten wohl Hunderte her, den Ruhm zu erringen: Daß sie die tapferste Brust mit dem tödlichen Stahle durchbohrten. Hermann sah's, in der Luft herschwebend, welche Gefahr ihm Droht'; er schwang sich herab, und rief dem Kaiser mit Hast zu: »Schaue von Feinden umringt den tapferen Garzia Lasso: Rett' ihn beherzt! Was schön und groß sich erweiset auf Erden, Führet des Liedes Macht auf goldenen Schwingen zur Nachwelt. Nur ein Schwall im Strome der Zeiten, entschwindet das Leben; Aber der Sänger hascht im Fluge die zartesten Strahlen, Die vom eilenden Schwall sich heben, ätherischer Schönheit, Eint, und hägt sie in treuer Brust, und rettet mit Sorgfalt Sie noch dem fernsten Geschlecht' in ewiglebenden Tönen.« Also sprach er in Hast, und winkte den Lüftegenossen, Mutheinhauchend, den Christen zu nah'n: sie jauchzten ihm Beifall, Schwingend den Speer und den Schild, aus schimmerndem Aether gebildet. Aber des Kaisers Brust erpocht' im hohen Gefühl jetzt, Retter zu seyn des schwert- und liedergewaltigen Mannes. Links, rechts, gab er dem Pferde die Sporn': ihm wichen die Reihen; Ihm nachjagte Gefolg', nicht forschend, nicht lange besinnend; Nur Del Guasto erblaßt'. Er hob die Hände vor allen Ueber das grauende Haupt empor, und jammerte laut auf: »Stirb, unglücklicher Greis, eh' brechend dein Auge des Jammers Fülle gewahrt! Wagt also ein Herrscher das edelste Leben? Nichts gilt Weisheit mehr, nichts warnenden Alters Erfahrung. Auf, ihr Tapferen, auf, und rettet den Kaiser! Auch Alba Lenke die Reiter heran, zu erringen den herrlichsten Kampfpreis.« Also geboth er dem Volk. Im Sturmlauf brachen die Scharen Gegen den Feind. Hinflog auf dem schnaubenden Rosse der Herold, Gomez, des Feldherrn Wort zu künden dem Heldengebiether, Alba, und sieh', nun schwebte der Angst umnachtendes Dunkel Ueber dem Christen-Heer', in des furchtbar'n Kampfes Entscheidung!
Ha, schon fiel der Rappe Garzia Lasso's, getödtet. Mühend entwand er das Bein dem lastenden Thier, und ihm selber Warf jetzt Abu-Sa-id den blinkenden Speer in die Schulter, Daß der erhobenen Faust, bluttriefend der Degen entschlüpfte, Ihm einbrachen die Knie', und die Augen umhüllete Nachtgrau'n. Wieder erhob Scheik Roßlan das Schwert, ihm die Stirne zu spalten; Aber da flog aus der Rechte des nahenden Kaisers der Wurfspieß: Roßlan röchelt' im Sand', und schnell, noch ehe der Ritter Kommende Schar das Weiß' im Auge des Feindes gewahrte, Fiel noch Jusuff, und Ismail Beg, und Haroun, der Emir, Seines mordenden Stahls Blutgier und der Rechte Gewalthieb. Nahend im Flug, und lautaufjauchzend den Thaten des Herrschers, Rächten die Ritter zugleich den schwerverwundeten Führer. Doch, wie ein mächtiger Schlag des lauterkrachenden Donners, Der von des Himmels Rand' auftobte zum finsteren Nordpol, Wieder von Osten zurück mit tiefempöretem Ingrimm Kehrt, und aus Wolkennacht herrollet im dumpferen Nachhall: Also erscholl aus der Ferne heran der mächtigen Rosse Donnernder Huf: denn Alba kam mit den Reitern geflogen. Und, wie die stürzende Last der Gewitterfluth auf dem Saatfeld Plötzlich die goldenen Halme zerschlägt: nicht im Windesgesäusel Wogen sie mehr; sie liegen zerknickt, und zerschmettert im Staub dort: Eben so ritt hier Mann und Roß das eisengehüllte, Kräftige Reitervolk, andalusische Hengst' an die schlanken, Zartgestalteten Rosse der Araber, spornend, zu Boden. Lautes Geheul erscholl jetzt unter den stampfenden Hufen; Ringsum Waffengeklirr und tödlicher Büchsen Geschmetter.
Drüben rang in dem heißeren Kampf Del Guasto, des Fußvolks Eiserngeschlossene Reih'n entgegendrängend dem Anfall Wüthender Janitschar'n. Jetzt hin, dann wieder herüber, Wie in der felsigen Bucht sich drehet die wirbelnde Brandung, Wogten die Kämpfenden. Sieh', und er wäre gewichen! Da brachen, Fliehend vor Alba's blitzendem Schwert, Arabias Völker Durch die Reihen der Janitschar'n; sie schufen Verwirrung Rings, und erfüllten Hairaddins Brust mit Wuth und Verzweiflung. Furchtbar glühte sein Aug'; er ballte die Faust an der Stirn' hin, Hing aus dem Sattel vor, und sann entsetzliche Thaten; Doch, von geworfenen Haufen umdrängt, und der Rettung gedenkend, Führt' er die Scharen zurück: ihm brauste sein flüchtendes Volk nach. Nicht der Sorge vergaß für Garzia Lasso der Kaiser. Blutend lag er im Staub, und lehnte das Haupt an den Rücken Seines getödteten Thiers. Als nun der Retter vor ihm stand, Strebt' er noch den zerschmetterten Leib von dem Boden zu heben, Sah durch Thränen ihn an, und lächelte. Jetzo begann er: »Herrlich hast du gesiegt, und errettet den Sänger. Von nun an Töne mein Saitenspiel nur dir, ruhmwürdiger Herrscher, Daß im entzückenden Klang vernehme die staunende Nachwelt: Wie du, erhabengesinnt, nach der Bürgerkrone dich sehntest, Die, in dem Schlachtengefild', einst Rom dem Retter des Kriegers Aus umdrängender Noth um die Heldenstirne geschlungen!«[58] Sprach's. Da wandte sich jener behend, die Thräne zu bergen; Winkte zugleich, und sanft erhoben die Krieger den Helden, Ihn zu entreißen dem Sturm der Geschoß', und eilten in's Lager, Daß er, mit Liebe gepflegt, sich freue der holden Genesung. Aber auch allen umher den Verwundeten, sagte der Kaiser Tröstende Wort', und geboth, was Aller Rettung erheischte: Ehrend den Menschen im hohen Gemüth, der vielfachen Jammer Duldet, des Vaterlands erhabenem Rufe gehorchend. Jetzt ersah er mit Lust, wie schnell die Krieger Toledo's Ihm nachbrausten im Feld, des Sieges Preis zu erringen; Blößte das Schwert, und rief dann laut dem tapferen Feldherrn: »Dort des See's Gestad' entlang beschirme des Heeres Rücken mit Muth, und halte dich fest an dem Felsen, dem Fels gleich, Den die zürnende Fluth umbraust mit eitelm Getümmel. Herrlich strahlt aus dem Sieg das leidenlohnende Ziel dir.« Mächtig erschüttert hob die flammenden Augen Toledo Nach dem gütigen Herrscher empor, der, ahnend des Herzens Schreckliche Qual, mit erhabenem Sinn ihm lindernden Balsam Träufelte; ging, und führte sein Volk am Strande des See's hin. Wie auf dem Meer der kehrende Schiffer, den in der Sturmnacht, Nahe dem schirmenden Port', ein Donnergewitter ereilet, Mitten im lauten Gebrüll der hochaufschäumenden Wogen, Und in des Todes Grau'n, das rings sich lagert, der Hoffnung Sehnsuchtsblick stets fest auf die strahlende Flamme geheftet Hält, die hoch auf dem Leuchtthurm nährt die sorgliche Seestadt: Also haftete jetzt sein Aug' an den ragenden Felshöh'n, Als an dem sicheren Port, in welchem sein Alles gerettet, Und geborgen ihm schien, nach dauernden Stürmen des Lebens.
Ach, und hatte die Dulderinn noch des bitteren Kelches Letzte Hefen geleert; noch sterbend vernommen den Donner Von dem Hügel herab; der Höhle vorüber den Hufschlag Feindlicher Ross', und Eil' und Hast unmenschlicher Räuber; D'rauf die wilde Losung des Mords, Wuthschrei der Besiegten, Jauchzen der Sieger, Geheul Verwundeter, Sterbender Röcheln? Doch nur am tauben Gestein, am dunkeln Gewölbe des Grabes, Hallte der Jammer hin -- dem Ohre der Todten nicht hörbar. Dort, geborgen durch Treu' und Liebe des redlichen Greises, Lag sie auf schwellendem Moos', in der hehren Stille der Mondnacht. Schneidend' Weh und dumpfes Bangen drängte sich wieder Ihr durch Mark und Gebein: denn oft verging sie in Ohnmacht, Wachte wieder, und litt. Ach! keine mitleidigen Seelen Nähern sich hülfreich ihr in der Stunde der Angst und des Jammers? Siehe, und Roma's Stolz, Cornelia,[59] Mutter der Gracchen, Schwebte heran! So wie durch leuchtende Scheiben des Fensters Dringet der Sonnenstrahl; so dringt ätherisch der Geist auch Durch das dichte Gestein. Sie hörte die Jammernde, bebte, Forscht' in Hast ringsher: ob hülfekundig ein Wesen Athme, ihr Rettung zu bringen? Umsonst! Des Tages Geräusch' war Lange verhallt, entfernt die Stadt, und still das Gehölz her. Knieend hielt sie das Haupt der Leidenden, und, so verlassen, Suchte sie, leidengeübt, ihr Muth in dem Herzen zu wecken. Jetzo entwand sich in Weh'n dem Schooße Mathildens ein Knäblein. Aber sie legt' ihn matt an die todbleichschwebende Brust hin; Griff nach der rieselnden Fluth, und taufte mit zitternder Rechten, Ihn in dem heiligen Nahmen des Ein-Dreieinigen Gottes. Dann noch fühlte sie tief, im eisigen Schauer des Todes -- Fühlt' es, mit liebendem Blick nach Oben: ein Himmlischer löse Sanft und mild das Band des irdischen Lebens. Ihr Herz schlug Immer leiser und leiser. Es stand, und regte sich nicht mehr. Schwebend über dem Fels, im hehren Flug zu des Himmels Strahlenbahn, noch einmal senkte zur irdischen Heimath Sie den verkläreten Blick, und sah am verblichenen Leichnam Liegen ihr wimmerndes Kind, und suchen vergeblich um Nahrung Dort an der bleicheren Brust umher. Da entstürzten die Thränen Ihrem Aug'; doch Thränen der Wonn': im himmlischen Eden Harre der zarten Knospe Gedeih'n und Fülle der Nahrung, Daß sie entfaltet blüh' in nievergänglicher Schönheit, Frische, und Kraft: denn jetzt verlosch auf dem ruhenden Herzen, Aehnlich dem Abendstrahl, das mattaufflimmernde Leben. Doch, wie ein glühender Docht, der Flamme genahet, sich wieder Eilig entflammt: es hüpft die fächelnde Lohe nach ihr hin: Wie die getrennte Fluth der bergentsprossenen Quelle Schnell den blumigen Hügel umfließt, den sinnig der Gärtner Jüngst in dem Lusthain schuf: die beiden Arme, gesondert, Streben sich wieder zu einen, und flieh'n im schöneren Lauf fort: Wonne, so flog an die Brust der überseligen Mutter Nun ein Engel, ihr Kind; umschlang den glänzenden Hals ihr, Holdauflächelnd, und lallt' ihr entzückt Willkommen und Gruß nach! Aber sie hob ihn empor; sie jauchzte hinauf in den Himmel, Eilt', und flog, wie ein Stern hinschwindend im glänzenden Aether, Nach dem Gezelt, wo ihr Gatte, versunken in tödlicher Schwermuth, Saß, und nach ihr sich sehnt' in unaussprechlicher Rührung. Nah' ihm schwebte sie leis': ihr pochte das Herz in dem Busen Ob der Erinnerung ihres einstigen Glücks und der Leiden, Die sie erduldeten beid', in der Zeit entsetzlicher Trennung; Legte den einen Arm um den Nacken ihm, legte das Söhnlein Ihm an die Brust. Er stöhnt', und blickt' in schaudernder Ahnung Um sich her: ihn ergriff die Näh' unsterblicher Seelen. Sieh', ihn herzte das Kind, mit sanftumschlingenden Händchen Hängend an seinem Hals, und pressend die Wang' an die Wangen! Doch sie sprach ihm leis' an die Seele die Worte des Trostes: »Gottes Friede mit dir! Der seligen Wiedervereinung Stunde ist nah': denn bald, verhauchend das tapfere Leben, Eilst du mir freudig nach in die Segensgefilde des Himmels, Wo kein Scheiden mehr ist, kein feindliches Schicksal, kein Tod mehr Glückliche Herzen trennt; wo jegliche Thräne versieget, Jede Klage verstummt, und Mathild' dein harret mit Sehnsucht.« Lispelte so. Sie küßte die thränenumflossenen Augen, Leis'erbebend, ihm noch im innigen Kusse der Seelen, Und entschwand, mit dem Engel im Arm, noch häufig herunter Schauend, verklärt, und strahlender stets, wie ein Blitz in den Lüften.
Dort von des Felsens Höh'n ihr folgten Cornelia's Augen. Weinend hob sie die Händ' ihr nach, und sagte beklommen: »Vieles duldet' ich einst: mit ehernem Muthe getragen Hab' ich den Tod der Söhn', wie es heischte die Würd' und der Ahnen Beispiel. Im Busen erglühte mir heiß die Liebe des Nachruhms: Mutter der Gracchen zu seyn, und zu heißen der römischen Frauen Erst' in der Gegenwart und spät in der kommenden Zeit noch, Und mich ehrte mein Volk; doch, sah, bewundernd, ein Aug' hier, Welche Qualen sie litt, und wie, in der einsamen Felsnacht? Nur das hohe Gesetz des göttlichen Lehrers ihr Leitstern; Seine Lieb' ihr Trost; ihr Ziel das bessere Leben. O daß ich fern ihm wandelte -- fern, auf dem düsteren Irrpfad!« Süßer als Harfengetön im Zauber der nächtlichen Stille Scholl aus dem Luftraum ihr der sanfteinladende Zuruf: »Schweb' empor, Cornelia! Einst tönt dir aus den Himmeln, Wonnig-ersäuselnd, der Born unendlicher Huld und Erbarmung!« Wie des Morgens Strahl auffleugt am rosigen Himmel, Flog sie empor, auf einem der flammenden Sterne zu weilen, Welche, dem Lichtreich nah', im schöneren Laufe dahinzieh'n.