Tunisias Johann Ladislav Pyrker's sämmtliche Werke (1/3)
Part 13
Hairaddin hörte des Kampf's grau'nvolles Getös' in dem Waldthal; Doch ihm scholl's erfreuender, als in dem silbernen Mondlicht Liebenden tönt Harmonikaklang und Harfengelispel. Vorwärts drängt' ihn der Muth und die Blutgier; aber er hielt noch, Bis er die Schanz', erbaut auf den Felsenhöhen, gewahrte, Und das eh'rne Geschütz, das weit in die Ferne hinüber Schleudert den Ball (Feldschlange genannt), in jene geschafft war. D'rauf begann er so, vor dem Meister des schweren Geschützes: »Bujukdur, Sohn Hafis, horch! wenn außer dem Oehlwald Schimmert die Fahne des Vorderzugs: dann feu're, verderbend, Nach dem Lager hinaus. Abdallah, der muthige Feldherr, Sey dir schirmend gesellt mit tausend erlesenen Kriegern.« Und nun führt' er das Heer, ihm tiefere Stille gebiethend, Durch den Olivenwald, dem Lager der Christen entgegen. Siehe, da jagte mit Kurd, auf schnaubendem Rosse, Toledo Näher. Es hing sein thränendes Aug' an den Höhen der Felswand, Welche die Gattinn ihm barg, und im rosigen Morgen die Scheitel Glühend erhob. Wie dort dem leidenerfahrenen Jüngling, Den ein feindlich' Geschick aus den Armen der liebenden Aeltern Riß, das Herz erpocht, so nach Jahren der schmerzlichen Trennung, Er, heimkehrend im Schiff von Amerika's wüsten Gestaden, Jetzo die Thürme der Vaterstadt in der Ferne gewahret, Jetzt sein väterlich Haus, und jetzo den Hügel und Anger Wieder erkennet, wo ihm die seligen Jahre der Kindheit Schimmernd entfloh'n: nur vorwärts strebt er, und weiter entfernet Däucht ihn das Ziel, als einst von des Meer's endlosen Gewässern: Also pocht' ihm die Brust, und eilender jagt' er das Roß hin: Schauend den Fels, der hell vom Morgenschimmer ihm winkte. Plötzlich hemmt' er das Roß, und starrte mit tiefem Entsetzen Vor sich hin, da er nun die raschvordringenden Scharen Nahe der Höhl' ersah. Kurd rief mit leisem Gelispel: »Kehr' in Eile zurück: dort nah'n unzählige Feind' uns!« »Kurd,« entgegnet er sanft, »ich sehe die Feind' an dem Felsen: Hin ist die Hoffnung -- Mathild' ist todt! Nun will ich im Kampf hier Sterben, dem Schicksal zum Hohn, den Tod des tapferen Kriegers.« Schnell entblößt' er den blinkenden Stahl, und flog auf das Blachfeld Muthig hinaus: da erfaßte noch Kurd das Roß an dem Zügel, Riß es gewaltig zurück, und rief dem Tobenden also: »Soll die unglückliche Frau vergehen in schrecklichem Jammer, Deiner beraubt? Sie ruht in der dunkeln Höhle geborgen. Lass' uns, des Ueberfalls Verkündiger, eilen in's Lager; Wecken die Brüder zum Kampf', und erretten im Sieg' auch Mathilden!« Hastig trieb er sein Roß, und mit diesem den Renner Toledo's Wieder zurück, der, tiefverstummend, die Augen zuweilen Gegen den Himmel erhob, und laut aufseufzte vor Herzleid. Aber in stürmischer Hast hinflogen die schnaubenden Rosse; Staub quoll auf in die Lüfte, der Wald, die Berg' und die Hügel Wichen im Fluge zurück, und die Helden durchbrausten das Lager.
Dort des Ueberfalls, des nächtlichen, denkend mit Unmuth, Hatte der Kaiser das Volk ringsher gerufen zur Heerschau. Rastlos schmetterten fort die eh'rnen Drometen; die Trommeln Wirbelten dumpf, und riefen verständliche Laute den Kriegern. Wie das unzählige Volk der Schwalben im sonnigen Spätherbst Rings mit lautem Geschrei, vorahnend die Stürme des Winters, Sich anschickt, entgegen zu zieh'n besonnten Gefilden: Meng' an Menge gedrängt, versammeln sich eilig die Scharen: Also vereinten sich hier die tapferen Krieger zur Heerschau. Ernsten, musternden Blicks, hinritt an den Reihen der Kaiser. Jegliche Fahne sank; die Feldherrn all', und die Führer, Hielten den Degen gesenkt zum ehrenden Gruße; das Fußvolk Schwenkte die Lanz' und das blanke Gewehr, und der Reiter den Säbel. Aber die Trommel scholl, und Drometengeschmetter ertönte. Jetzo hätt' er dem Heer gewichtige Worte gesprochen, Ruhm den Tapfern gezollt, und gerügt Verblendung und Saumsal; Aber da flog mit Kurd, im eilenden Laufe, Toledo Näher, und hielt, kampfdürstenden Blicks, an der Spitze der Seinen. Jener, dem Herrscher genaht, erhob tiefathmend die Stimme: »Herr, wie die Fluthen des Meer's im Hauch des stürmischen Nordwinds, Zahllos, Wog' an Woge gereiht, zum Strande sich wälzen, So vom Olivengehölz dir nahen die feindlichen Scharen!« Noch entfloh den Lippen nicht ganz die unfreudige Nachricht, Als von den Felsenhöh'n mit Donnergetös' und Gebrülle, Lastende Kugeln heran, in des Lagers Mitte geschleudert, Flogen: da sank in Reih'n und Gliedern, Jammer dem Anblick, Häufig der tapferste Mann! Schnell riß die zischende Kugel Diesem die Füße vom Leib, und warf sie, zerschmettert, zum Boden, Jenem den Arm, und dem Dritten das Haupt, entsetzlich und furchtbar Von dem taumelnden Rumpf', und es wälzten sich treffliche Rosse Dort mit dem Reiter, verwundet, im Blut. Unsichtbaren Fluges, Treffen des Todes Geschoss' aus den lautumdonnernden Schlünden: Weder Kraft, noch Muth errettet von grauser Vertilgung, Die aus der Fern' urplötzlich Bewehrt' und Wehrlose hinstreckt. Jetzo gebothen sogleich des Krieg's wohlkundige Führer Wechselnde Stellung, und vor- und rückwärts, schief, und gerad' hin, Wogte das Heer: das Ziel zu entrücken der feindlichen Obmacht. Aber der Kaiser sann. Er winkt'. Ihm nahte der Feldherr Lichtstein: denn er gewahrte den Blitz in dem Auge des Fürsten. »Lichtstein,« also sprach er, »du ziehst den engeren Thalweg Hinter dem Salzthurm fort, zu erstürmen die Schanze der Felshöh'n: Weder Medscherda's reißende Fluth, noch die schroffe Gebirgswand Hemme des Siegers Lauf! Vier tausend muthige Schützen, Tausend Reitern gesellt, genügen dir. Ist es gelungen: Dann bedrohe den Feind, nicht achtlos Unser, im Rücken.« Jener entschwand: ihm hob die Heldenseele des Herrschers Ehrender Ruf, und erkor in Eile die tapfern Gefährten: Oestreichs Reiter und Ungerns, die den tyrolischen Schützen Folgten im munteren Schritt, und des Spessarts Kriegern, und Hessens. Auch entboth er den Troß der fährschiffführenden Wägen, Rossebespannt zu folgen der Schar werkkundiger Brückner. Wieder begann der Herrscher, und rief mit leuchtendem Antlitz: »Fort in den Kampf! Voraus die Reisigen, welche Mendoza Heut' in dem Vortrab lenkt, zum Ruhme der hohen Cortezza. Ihnen folg' in gemessenem Schritt, im Trommelgewirbel, Und die Fahn' im Blick, Neapels muthiges Kriegsvolk, Jenem gesellt, das uns die erlauchte Roma gesendet. Ueber sie heischt Toledo's Blick die Leitung -- sie werd' ihm: Denn ihm winket des Sieges Preis in der Stille der Felsnacht. Aber die Ritter-Schar führt Garzia Lasso, und Alba, Flammenden Muth's, der Spanier schwergeharnischte Reiter Gegen den Feind; nur Eberstein verharr' in dem Lager, Ihm ein schirmender Hort, mit den treuverlässigen Deutschen.« Also geordnet, eilte das Heer in die stürmende Feldschlacht.
Neunter Gesang.
Wie der Heuschrecken Heere, gejagt aus Syriens Wüsten Von zerstörender Gier, anstürmen im Sommer, daß weithin Sauset die Luft, und die Sonne verlischt in der Helle des Mittags: Also schwebten auch jetzt in zwei gesonderten Haufen, Brausend, die Geister heran, und jeglichem eilten die Herrscher, Muhamed erst, dann Attila vor: zwei finsteren Wolken Gleich, die donnerschwer, in dräuender Stille heraufzieh'n. Unmuth gohr in dem wilden Blicke des hunnischen Königs; Auch die glühende Stirn' und Wange des Koran-Verkünders Zuckte vor Wuth: nicht die Christen all' im Kampf der Entscheidung Schauend. Lechzende Gier nach Blut erfüllte die Furchtbar'n. Muhamed rief: »Erblick' ich dort Arabia's Krieger? Wehe, denn weder an Muth, noch an Thaten sind sie mir ähnlich Mehr, die Feig'umschwärmenden! Jetzt, und hinfort mir ein Liebling Seye der Türk'. Aus Turkestans[54] sandiger Flur sich erhebend, Kam er, ein brausender Sturm, und säte des heiligen Korans Samen aus in die Welt, und lenkt' an die Keime den Blutstrom, Daß er erwuchs, und die Ernt' in üppiger Fülle sich fortmehrt. Hebe dich, luftige Schar: dem Christen errege die Gegner, Daß er besiegt hinschwind', und nie rückkehre zur Heimath!« »Tapfere Scythen, ihr!« rief laut der Hunnen-Beherrscher, »Die, nach Attila's Wink, den allverheerenden Flammen Aehnlich, im Garbenfeld der schmachgereifeten Menschheit, Wüthetet, als uns Rom auf den sieben Hügeln erbebte -- Byzanz neigte das Haupt: erhebet die luftigen Waffen, Weil, der sterblichen Hüll' entrückt, der Thaten Vollendung Nimmer den Busen uns labt, nicht der Sieg im Jauchzen der Mordlust; Auf, und dränget der Janitschar'n blutdürstende Rotten Rastlos vor zum Gewürg' in volkzermalmender Feldschlacht!« Jauchzend vernahmen des Herrschers Ruf die luftigen Scharen; Aber so laut und so mächtig sie schrie'n -- es zischte nur leises, Schwaches Geflister herab. Wohl starrt' in der eilenden Heersmacht Mancher der Krieger empor; doch leer ihn dünkte der Luftraum.
Leise, mit weitvorstrebendem Fuß, die klirrenden Waffen Pressend im Arm, und das Roß, daß es schweig', an den wallenden Mähnen Streichelnd, nahte der Feind in täuschender Stille vom Wald her. Doch als jetzt von den Felsenhöh'n das wichtige Zeichen Donnernd erscholl, und fern in des Lagers Mitte Verderben Säte der eherne Schlund: da jagten die listigen Scharen All', im geflügelten Lauf, im Getös' empöreter Mordwuth, Allah! Allah! brüllend, heran an des Lagers Umwallung: Denn urschnell und in wilder Verzweiflung sollte der Christen Schlummerndes Volk, so wähnete Hairaddin, Jammer ereilen. Siehe, und als dem Wald, wie am wetterverheißenden Morgen Zürnende Bienen dem Korb', entströmte sein lärmendes Kriegsvolk, Führt' ihm Mendoza, der Held, im Blitze des Waffengeschmeides Schon entgegen die reisige Schar: er selber den Kampfpreis Heischend vor ihm, und kühneren Blick's vorstürmend zum Angriff! Wie, wenn lechzend nach Blut, der schreckliche Tieger im Dickicht Leises Geräusche vernimmt, und dort, nur scheue Gazellen Suchend, den Leu'n, den langvermied'nen, gewahret, da wankt' er Vor dem entsetzlichen Feinde zurück, und denket der Flucht schon; Doch bald kehrt ihm die Wuth: er senkt die Brauen ergrimmter Nieder, und fletschet die Zähn', ihm den letzten der Kämpfe zu biethen: So mit staunendem Blick sah Hairaddin jetzo die Gegner Kommen im Feld, die er, würgend, vom Schlaf zu erwecken gedachte. Aber er säumte nicht, trieb, und jagte die Zögernden vorwärts, Und der Geister aufjauchzendes Heer flog brausend hernieder, Nahte den Kriegern, und schrie in das Ohr dort Jeglichem: »Vorwärts!« Wie der Bremsen erboßter Schwarm in der Stunde des Mittags Rasch auf die Heerde des trägeren Hornvieh's, dann auf der Rosse Munt'res Gestütt' sich wirft, und all' in rasendem Taumel, Brüllen, wiehern, und flieh'n: denn, ob ein schwindliger Abgrund, Oder die tobende Fluth tief unten dräuet -- sie stürzen Unaufhaltsam hinab; so drängten die luftigen Geister Hairaddins Volk an die Feind', und furchtbar tönte der Schlachtruf.
Siehe, die Reiterschar der Araber tauchte vor allen, Spornend das feurige Roß, und vorgebeugt aus dem Sattel Bis zu den Mähnen, die Spitze des hochaufragenden Speeres Dort in Mendoza's Reih'n. Da fiel Segorbia's Kampfheld, Aguillar, und mit ihm Morillo, den Murzia sandte, Fahnenjunker im Heer, mit dreißig erlesenen Kriegern, Und in dem Waffengemeng' erbebte Hispania's Jugend, Die zum ersten Male des Kriegs betäubendem Schrecken, Hier in dem Feld, entgegen sich warf, und dachte der Flucht schon. Doch jetzt nahte mit Sturmes Flug vor seinen Gefährten Hermann heran: ihn lockte des Kampfs erwachender Donner Fernher. Aehnlich dem Aar, der tief im schattigen Thalgrund Beut' ersehend, sogleich in sausender Schnelle herabfährt: Also fuhr er herab, und rief dem edlen Mendoza: »Sollten die Jünglinge flieh'n, ihr Ruhm ist gefährdet für immer. Schau in die Vorwelt auf, wie dort der Heldengebiether Hermann, den flüchtenden Kriegern zur Schmach und Wiederbesinnung, Muthig den Schild ergriff, vordrang, und so, mit den Scharen Wiedervereint, sich herrlichen Siegsruhm über des Varus[55] Drei Legionen errang in dem eisernen Felde der Waffen: Also mögest du jetzt den jüngst geworbenen Kriegern, Kämpfend, ein Leitstern seyn auf dem grau'numnachteten Schlachtfeld!« Glühende Röth' umzog Mendoza's Wangen; er dachte Seines errungenen Ruhms Verdunkelung; schrie, und begann so: »Spanier, kühn mir nach: nicht täuschet der edeln Cortezza Hohes Vertrau'n, die euch sandte zum Heer; nicht gewahre der Herrscher Euch unkriegerisch, feig; mir nach! Eh' treffe der Tod mich Selber durch Feindeshand, eh' hier die Schande mich treffe.« Jauchzend flog er dahin, und voll kühner Todesverachtung Sprengten die Reiter ihm nach. Entscheidend für kommende Zeiten Lenkt ein Held im Gefecht den neugeworbenen Krieger: Denn nicht weicht er, und fällt, besiegt, im rühmlichen Tod nur: Stets erfüllt ihm die Brust die erhabene Heldengesinnung. Jetzo die stürmende Lanz', und jetzt des sausenden Säbels Blitz und Schlag ereilte der Araber dichte Geschwader Mordend; es sank das Volk, und es sanken die Rosse getödtet.
Assad riß sich hervor, der Emir. Einst Beduine,[56] Zog er in Syriens Wüsten umher, und häufte sich Reichthum, Dort der Karavan' auflauernd im einsamen Hohlweg. Deß' sich zu freu'n, wohnt' er zu Tunis im stolzen Pallast nun: Seinem Volke verhaßt, dem stets das Leben in Zelten, Draußen im Steppengefild des Menschen würdiger dünket. Jetzo im sausenden Ritt Mendoza genaht, und vertrauend Eiserner Kraft, dacht' er, mit dem blinkenden Speer ihn zu tödten; Doch Mendoza riß an dem Zaum: sein mächtiges Streitroß Setzt', im kreisenden Sprung', ihn schnell an die Seite des Emirs, Und er jagt' ihm das Schwert mit festnachstürmender Rechten Tief in die Brust: er sank vom Sattel, und stöhnt' in dem Tod noch. Aber ihm naht' Abulkassem, sein Sohn, ein furchtbarer Rächer. Stöhnend vor Wuth durchrannt' er Mendoza's Arm mit dem Säbel, Als er, gewendet, die Reih'n aufboth zum stürmenden Angriff. Wieder erhob er den Stahl, und hätt' ihn getödtet, da sprengte, Rettend, Alonzo Cueva heran, der tapfere Hauptmann, Schrie, und scheucht' ihn zurück. Er barg sich schnell im Gewimmel Seines Volk's, das jetzt, des Feldherrn Wunde gewahrend, Muthiger vorwärts drang, und laut aufbrüllte vor Mordlust. Aber dem Schlachtengemeng' entrissen die Krieger den Helden; Eilten in's Lager zurück, daß dort heilkundig der Arzt ihm Stille das Blut, und träufle den weh'einschläfernden Balsam. Und er ermahnete scheidend noch mit blässerem Antlitz, Alle, zu folgen dem Wink des Helden Alonzo Cueva.
Heißer entbrannte die Schlacht. Wie im Süd- und Norden empöret Donnerstürme sich nah'n, und, vermengt, zur Erde Verderben Speien im Flammengezisch und im schrecklichen Hagelgeprassel: Also prallten die Araber an, und zugleich die Hispaner: Diese von Rach' entflammt ob ihres verwundeten Führers, Jene, voll Muths vorstürmend, und lautaufjubelnd im Vortheil. Als sich gemengt im Feld die Wüthenden trafen, da tönte Schrecklich der Mordausruf und das Schmettern der Waffen, dem Donner Eherner Schlünde vereint, und Blut beströmte den Boden. Schon warf zweimal der Christ des Mahoms Verehrer, im Sturmritt, Drängend, zurück; schon jauchzt' er des Sieg's aufstrahlender Hoffnung; Aber da warf, ergrimmt, auf Alonzo Cueva, den Dränger, Abu-Sa-id den Dolch, und durchbohrt' ihm den Hals und den Nacken, Solchem Kampfe geübt; er sank, und verhauchte das Leben. Siehe, den endlos Trauernden faßt' am dämmernden Morgen, Vor des Kampfes Beginn, heut' ahnungentsprossene Schwermuth So, daß ihm Jeglicher staunt'. Ach, seines erblindeten Vaters Greisengesicht, und das wankende Haupt, wie schneeiger Tauben Dunen, so weiß, schien ihm noch immer zu dräu'n ob dem Frevel Stürmischer Jugendzeit: da er leis'annahend, des Vaters Händen den Stab entwand, und der zürnende Greis, an der Schwelle Stolpernd, kopflangs stürzt', und blutete -- Jammer zu schauen! Immer trübte die That ihm jegliche Freude des Lebens Seither. Aber der Vater horcht, vor dem Haus' auf der Bank sich Sonnend, dereinst begieriger auf, wenn kehrender Sieger Jauchzen, der Waffen Geklirr, und das Wiehern der Rosse herantönt; Ringsum Hast und Getös' die Heimgebliebenen aufregt, Und die Straßen entlang: »Willkommen uns in der Heimath!« Jubelnden Rufs erschallt in mancherlei Stimmen des Alters. Vor vom Sitze gebeugt, horcht er: ob endlich des Sohnes Gruß er vernehm', und harrt, hinzitternd, der frohen Umarmung: Ach, umsonst: ihm sank der Theuere kämpfend vor Tunis! Schrecken befiel die wiederverwaiseten Krieger: dem Unglück Bebt' ihr muthiges Herz, nicht den wildaufrasenden Gegnern. Also, verschüchtert, wichen sie nun, und ihnen im Rücken Brauste der Feind, und häuft' im Felde die blutigen Leichen.
Sieh', welch tapferes Häuflein kommt, die schnaubenden Rosse Spornend, heran? Hell sprüht der zierliche Helm und der Harnisch Hüpfende Funken umher; vom hochaufragenden Speerschaft Blitzet der tödliche Stahl, und es blitzen die Augen der Männer. Fünfzig sind's der Edlen. Sie führt auf der rühmlichen Laufbahn Garzia Lasso, der Held, und Hispania's lieblichster Sänger. Jetzo, dem Feinde genaht, und vorgebeugt aus dem Sattel, Senkten die Kühnen den Speer, und warfen im sausenden Eilflug Fünfzig der Feind' in den Staub: da floh'n die entlasteten Rosse Wiehernd zurück: weit gähnte die Kluft im dichten Geschwader. Wie, wenn brückendes Eis auf dem breiten Rücken der Donau, Oder des Rheins, das heut' am Morgen noch eiserngefroren, Unter der Wucht des schweren Gespanns und der lastenden Wägen Drönete, nun ergriffen vom schmelzenden Hauche des Westwinds, Krachend zerbirst, und zertrümmert im Schwall der finsteren Fluthen Schwindet, daß links am Gestad', und rechts das schimmernde Landeis Aufragt: also standen die Reih'n, im entsetzlichen Durchbruch Weitgeschieden im Feld': sie blickten erstarrt in den leeren, Scheidenden Raum: ihr Mordruf starb auf den bebenden Lippen. Aber nicht rasteten dort die Scharenzertrümm'rer: sie würgten, Was entgegen sich warf, in siegbeflügelter Hast noch. Auch der Jünglinge Schar flog nun, um nimmer zu weichen, Wieder im Felde heran, und vereint den siegenden Rittern, Uebt' ihr blitzendes Schwert vergeltende Rach' an dem Gegner, Der, von Schrecken betäubt, mit verhängtem Zügel den Läufer Rückwärts trieb zu Hairaddins dichtannahender Heersmacht.
Unabsehbar herab vom Olivengehölz auf das Blachfeld Lenkt' er die Janitschar'n und fünfzig numidischer Horden Wimmelndes Volk zum Kampf, als hier die Zersprengten dem Vortrab Nahten. Er biß sich die Lippen vor Wuth; dann, eilig sich wendend, Hieß er die Janitschar'n mit ausgebreiteten Armen, Trennen die mittleren Reih'n, und erretten die flüchtenden Scharen, Jene gehorchten dem Wink: mit rückwärtsstrebenden Fersen Schwenkten die Reihen sich links und rechts: geräumigen Durchgang Oeffnend dem flüchtigen Volk. So, wie, gehemmt in den Schleußen Ruhet der brausende Strom, ein See, bis früh an dem Morgen Oeffnen sie heißt der Schwemm' erfahrener Meister: da stürzen Wog' auf Wog' und Schwall auf Schwall, im Gebrause des Donners, Zur verschlingenden Kluft die langegehemmten Gewässer: Also stürzten, gedrängt, und drängend, mit wildem Getümmel Durch den geöffneten Raum zugleich die erretteten Scharen: Denn nachjagte der Feind, und rastete nicht; in dem Rücken Sauste des Säbels Schlag und der Lanz' einstürmender Mordstoß. Aber die Janitscharen, die erst, sie schirmend, im Rückschritt Wichen, kehrten zurück, und heischten, geordnet, den Angriff. Hairaddin flog die Reihen entlang, und schrie im Getös' hin: »Söhne des großen Propheten, des Muths und der flammenden Kühnheit, Denket, welch' ihm die Erde, besiegt, gleich niedrigem Schämel, Unter die Ferse gestellt: sie lag, und schmiegte sich duldend Ihrem Druck. O dessen gedenkt! Ihr sehet die Gegner Seines Nahmens vor euch; vernichtet sie, würgt sie gesammt hin.« Muhamed, der ihn stets umschwebte mit liebender Sorgfalt, Hörte mit Lächeln es an, wie er ihm vor gläubigen Moslems Ruhm und Ehre gezollt; er selber, die Pfade des Lichtreichs Fliehend, warnete nicht die Verblendeten, lächelte stolz noch! Doch nun sah er erstaunt, daß Attila selbst, vor Entsetzen Bebend, ihm nahte mit Sturmes Flug', und rief ihm entgegen: »Haben die furchtbar'n Mächte gesiegt? Soll Schreckliches kommen, Fallen vom Himmel der Mond mit den glänzenden Sternen; die Sonne Ausgebrannt hinschwinden in ewige Nacht und Zerstörung, Spurlos? Attila bebt, der nie zu erschütternde Krieger? Jener wiegte das struppige Haupt, und als er noch einmal Nach den felsigen Höh'n aufsah, entgegnet' er grimmig: »Sieh', dort fleugt ein Mann g'en Hairaddin! Angst und Verzweiflung Trägt er im Busen: er kommt, Unheil zu verkünden dem Herrscher. Willst du vernehmen die That, die entsetzliche, der ich erbebte?«