Tunisias Johann Ladislav Pyrker's sämmtliche Werke (1/3)
Part 11
Jetzt ertönte Geräusch, und Dragut, der Schreckliche, stürmte Hastig herein: sie erbebte vor ihm, und wandte sich seitwärts. Häßlicher noch von der Wund' im Gesicht', die gestern Toledo Ihm versetzte, begann er vor ihr mit grimmigem Lächeln: »Thränen umhüllen dein Aug', nun dir der zärtliche Gatte Nah' ist? Die Schulter durchrannt' ich ihm, kämpfend, erst; von dem Nacken Hätt' ich gehauen sein Haupt, und dir vor die Füße geworfen; Wär' er nicht feig entfloh'n vor dieser gefürchteten Rechten.« Flammende Röth' umzog die Lilienwangen der Edlen, Und sie erhob die, sonst zur Erde gehefteten Augen Ob des schmähenden Wort's nun stolz, und voll kühner Verachtung Gegen den Wüthrich, und schwieg. Da sprach er von neuem ergrimmter: »Wähn't ihr thöricht im Geist: wir sollen erliegen im Schlachtfeld Euerem Volk? Welch eiteler Wahn! Und sollt' es geschehen, Dann, ich schwör' es zu Gott und dem großen Propheten, erwürg' ich Dich mit eigener Hand, eh' dich dein Gatte mir raube!« Also droht' er, und ging. Mathilde erforschte den Treuen, Aengstlichen Blicks; sie rang die Händ', und sagte vergehend: »Seine Schulter durchrannt von Draguts tödlichem Eisen? Weh', er starb: nicht an seiner Brust verhauch' ich das Leben!« Hugo spähet' umher, und sagte mit leiserer Stimme: »Traue dem Lügner doch nicht. Toledo's blitzendem Degen Wär' er genaht, und lebete noch? Bald leuchtet der Vollmond Dir auf dem nächtlichen Pfad zur Felsenhöhle des Waldes. Staune nicht so: das Schiffchen harrt, und trägt dich, errettend, Ueber den See, Toledo's geöffneten Armen entgegen.« »Hugo, und du,« sprach jene bewegt, »willst du mich verlassen?« Unstät irrte sein Blick umher, dann sprach er im Abgeh'n: »Lauern des Wüthrichs Späher nicht auf? Nur diese zu täuschen, Harr' ich des Morgens noch, und werde dir, Gütige, folgen.« Sagt' es, und ging voll Hast, als drängten ihn wichtige Sorgen; Aber sie stand, und bebte: sie hatte den Treuen errathen.
Drüben im Lager vernahm der Kaiser von Alba mit Staunen Hairaddins Trotz: wie er ihm auf Tod und Leben den Kampf both. Ernst umwölkte sein Aug', und jetzt, erhebend den Degen, Hieß er beginnen den Sturm, von den Wällen umher, auf Goletta. Sieh', als wären der Hölle zugleich entronnen die Schrecken All', so wüthete Lärm und Getös' um die Veste! Der Wurfschütz' Rührte des Brändchens Rohr mit der Lunt': im bläulichen Rauch flog Flamm' empor; zurück, dann eilender wieder zur Stelle Rollte der eherne Schlund, und warf durch Feuer und Flammen, Donnernd, im Bogenwurf die Kugel zur Veste hinüber. So von den Schanzen, und so von dem Meer hinsausten die Kugeln; Aber nicht minder zurück von dem Wall der trotzenden Festung Sausten sie hin und daher, voll Grau'ns: denn hoch in des Himmels Bläulichem Zelt durchkreuzten sich oft die feindlichen; bebend Drönte die Erd' umher, und laut aufheulte der Luftraum.
Herrschend mit Allmacht saß die goldenstrahlende Sonne Nun auf ihrem mittäglichen Thron, und schleuderte rastlos Glühende Pfeil' auf Afrika's Sandgefilde herunter. Nicht die befiederten Sänger der Luft, nicht das zahmere Hausthier, Noch das Gewild, belebten die Welt; sie suchten des Hofraums Schatten, die Nacht der Höhl', und des säuselnden Waldes Umlaubung. Auch der Städter zugleich, und der niedrigen Hütte Bewohner Schlummerte sorglos jetzt in der Kühle der dunkelen Kammer. Aber nicht weht' in des Lagers Raum erfreuende Kühlung, Wo das luftige Zelt nicht schirmte den lechzenden Krieger Gegen den glühenden Hauch des Tag's, und nirgend ein Bäumchen, Nirgend ein Strauch ihm both die Zweige zum schattenden Obdach. Schweraufathmend und träg', umwandelten dort auf dem Walle, Und den Graben entlang, die Wachen; des blanken Gewehrs Last, Sonst dem Krieger ein Spiel, lähmt' ihm den Arm und die Schulter. Düster blickte sein Aug' aus den halbgeschlossenen Liedern Hinter dem glühenden Helm hervor; in gewichtigen Tropfen Rann ihm der Schweiß von der schmerzgefalteten Stirne herunter, Und die schmachtende Zung' erstarrt' an dem trockenen Gaumen. Deutschlands Söhne, vor allen zuerst, entnervte der Sonne Sengender Strahl: sie wähnten sich all' in der Fremde verloren. D'rum rief Siegmar jetzt, der Hesse, zu Walther dem Bayer: »Welch ein Geschick ereilt uns hier in dem Lande des Fluches: Wären wir nie ihm genaht! O Deutschland, edele Heimath, Schön vor jeglichem Land, das rings im kreisenden Umschwung Irgend die Sonne bescheint! Den Deutschen, der dich nicht ehrte -- Liebte vor jeglichem, ha, den treffe nur Schmach und Verachtung! Siehe, wie lästig dahier der ewigheitere Himmel Lächelt, und o wie entzückt mich dort des stürmischen Winters Ernste Stirn', umhüllt von schneebelasteten Wolken: Denn sie entschütteln die Last, und ringsum schimmert die Gegend Hell bei Tag und bei Nacht, im Sterngefunkel und Mondglanz. Eisern faßt mich am Morgen sein Hauch, und unter den Sohlen Knarrt der Schnee; mein Odem wallt, gleich Nebeln, um mich her. Bald ergreift mich die Lust, mit höherer Gluth auf den Wangen, Hinzugleiten auf spiegelndem Eis, das unter den Schlittschuh'n Ehern tönt; bald spann' ich mit Freuden das schellenbekränzte, Dampfende Roß an den Schlitten, und flieg' in dem windenden Thal hin So, daß das frohe Geklingel umher von den Bergen zurückhallt; Doch heimkehrend, erseh' ich, bewegt, wie im rosigen Abend Glühen die Berg', und fern' im Gefild vom lastenden Schneedach Wirbelt die Säule des Rauchs, der dort mich zu Freuden des Lebens Ladet im Kreise der Lieben, beim herzerheiternden Festmahl. Deutschland, edeles Land, stets sollst du vor jedem mir werth seyn!« Unmuthvoll ihm sagte darauf der mürrische Walther: »Froh gedenkst du des Schnee's, und der Freuden des eisigen Winters Nun; doch kühlest du mir die Gluth der schmachtenden Brust nicht.« So besprachen sich dort die tapferen Kriegesgefährten. Auch die muthigen Ross' erschlafften des heißeren Mittags Glühendem Hauch: sie beugten, und hoben ihr Haupt in die Luft auf, Rastlos; suchten, gedrängt im Kreis', des eigenen Schattens Kühl', und stampften, und scheuchten, gequält, die lästigen Fliegen Sich mit dem tönenden Schweif, von der Seit' und dem zuckenden Bauch fort; Aber nur gieriger summten sie auf, und kehrten erboßter.
Muhamed sah vom Gewölk, wie Salek, der listige Feldherr, Ordnend den Hinterhalt, von Goletta herüber im Hohlweg Mächtige Scharen barg, und mit tausend numidischen Reitern, Spähend den Wald entlang, herzog dem Feinde zum Unheil. Jetzt auf dem Wall erblickend die Wache besorgenden Christen, Hemmt' er, vor Angst erbebend, den Zug, und wäre geflohen. Doch, wie die lauernde Spinne hervor aus dem Winkel am Fenster Dorthin fleugt, wo im schwebenden Netze die Fliege, gefangen, Nun vergeblich sich müht zu entkommen den klebrigen Fäden: Denn sie ergeußt der Bande noch mehr, sie ganz zu umspinnen: Muhamed stürzete so zu Salek herunter, und nimmer Konnt' er entflieh'n, bethört von des Geistes verderbenden Worten. »Salek,« so rief er ihm zu, »die Söhne der Fremde besiegte Frühe schon Hitz' und Durst; erkämpfe den leichteren Sieg dir Heut' in dem furchtbar'n Hinterhalt! Du lockest des Feindes Tapferen Hort, der dort umwandelt in sinnender Schwermuth, Durch verstellete Flucht in des Hohlwegs tödliche Falle.« Also der Geist. Da flog, gehorchend, der Zögernde vorwärts. Sarno war's, der hoch auf dem Wall', in sinnender Schwermuth Wandelte. Jetzt, aufqualmenden Staub in der Ferne gewahrend -- Hörend der Pferde Getrab, entriß er der Scheide den Degen Halb, und stand, und harrte der Kommenden; aber voll Unmuths Drängt' er den Stahl in die Scheide zurück: denn viel zu gering' ihm Dünkte des Feindes Macht, und rief zu Belindo, dem Hauptmann: »Eile den Frechen dort mit hundert erlesenen Kriegern Muthig entgegen; sie flieh'n vor eurem zermalmenden Blick schon.« Jetzt, wie im dunkeln Forst der leis'auftretende Weidmann, Schauend die weidende Schar der Hirsch' auf den blumigen Matten, Die, an der Schnur gekoppelten Hund', entledigend, vortreibt: Diese entfahren mit lautem Gebell dem felsigen Abhang, Jene erheben ihr ästiges Haupt, und fliehen geschreckt fort: So, von Belindo geführt, entfuhren die tapferen Krieger, Brausend, dem Wall', und streckten mit mordenden Feuergewehren Aus der fliehenden Schar wohl dreißig, getödtet, zu Boden. Bald entschwanden sie all', und jauchzend kehrten die Sieger. Aber nicht lange, da kam, von mächtigen Scharen umgeben, Salek zurück, und rief die höhnenden Worte herüber: »Traun, nicht unhold ist's, dort hinter den schirmenden Wällen Ruhig im Mittagsschlaf die faulen Glieder zu dehnen; Hinter gethürmetem Bollwerk sucht der feigere Krieger Gerne sein Heil -- der tapfere Mann in dem eigenen Muth nur! Kommt, wir sandten die Reiter zurück, vor welchen ihr bebtet; Laßt uns in gleicher Zahl versuchen des Kampfes Entscheidung!« Sarno schrie ergrimmt: »Fünfhunderte mögen mir folgen!« Sagt' es, und stürzte vom Wall' -- ihm folgten die tapferen Krieger. Kaum entbrannte der Kampf; nur sparsam benetzte den Sand erst Maurisches Blut: da floh'n, ablenkend, die listigen Scharen Vom Olivengehölz zu dem trugverbergenden Hohlweg. Rastlos wüthete Sarno's Schwert dem Feind in dem Rücken, Und er häuft' ergrimmt die Leichen: dem Schnitter nicht ungleich, Der mit dem blinkenden Stahl die Garben häuft auf dem Saatfeld; Doch, da stürmte vom Walde heran, von Goletta herüber, Und aus den Tiefen herauf des schlauverborgenen Feindes Wimmelnde Meng' auf Sarno: er stand, und es bebt' ihm das Herz nicht, Das nur Schlachten ersehnt, und Gefahren des Todes gewollt hat.
Salek kam, wie ein Hagelgewölk im brausenden Sturmflug, Näher mit seinem Volk. Nie hatt' ihn das feurige Streitroß Also getragen: so schnell, so wild empört, und vor Ingrimm Schnaubend. Muhamed war's, der jetzt mit seinen Erwählten Jeglichen Reiters Pferd durch schreckende Gaukelgestalten Vorwärts trieb: denn solches vermögen die luftigen Geister. Salek ersah das Weiß' im dräuenden Auge des Gegners Schon, und riß sein wüthendes Roß zurück mit dem Zügel: Aechzend bäumt' es sich auf, und bog, umlenkend im Sandstaub, Gegen Sarno die Brust, der, eh' es den vorderen Huf noch Senkte, den blinkenden Stahl ihm tief in die Weiche des Bauches Stieß, daß es laut hinkracht' im Fall, und den Reiter herabwarf. Salek raffte sich auf, und schwang den blitzenden Säbel Ueber des Gegners Haupt; doch, ehe der tödliche Streich fiel, Bohrt' er auch ihm den rauchenden Stahl mit der nervigen Rechten Fest in die Brust. Sein Auge brach; die geöffneten Lippen Bebten ihm; bleich im Tod hinsank er, und regte sich nimmer.
Muhamed floh, und ihm heulte, bestürzt, sein luftiges Volk nach. Auch erstarrten die Mauren vor Angst: den sterbenden Feldherrn Schauend in seinem Blut; doch bald erwachte des Mordens Wüthende Gier in allen zugleich; sie schrie'n zu dem Himmel Fluch und Verwünschungen auf, und umbrausten den Sieger. Nicht anders, Wenn der Jäger im Hain, todsinnend dem kleinen Gevögel, Einen stattlichen Uhu mit List an den ragenden Lockbaum Aufstellt, wüthen die Vögel um ihn, und kreischen, und schreien, Rach'erfüllt: denn oft raubt' er im nächtlichen Dunkel, Von dem belaubten Zweig die Entschlummerten, oft aus der Felskluft; Aber er schaut, aus großen, der Sonn' erblindeten Augen, Ruhig umher, und scheuchet die furchtsamen hin und herüber: Also umdrängten auch hier den edeln Sarno die Gegner, Rache schnaubend, und links, und rechts sank Reiter und Fußvolk, Das ihm genaht. Auch kämpften um ihn die treuen Gefährten, Heldenmüthigen Sinns, und tilgten die feindlichen Haufen. Jetzt an des Todes grimmigem Fest, umhügelt von Leichen, Triefend von Schweiß und Blut, erwachte die Liebe des Lebens Mächtig in seiner Brust. Er wollte sich fechtend zurückzieh'n, Da er im rühmlichen Kampf, hier weichend der schrecklichen Mehrzahl Nur, so dacht' er, bewies: ihn schmäht' einst Guasto mit Unrecht. Sieh', und als er das Volk in dem Rückzug ordnend, sich wandte, Und verrätherisch sich vom Helm' der glänzende Harnisch Sonderte, da durchfuhr mit schmetterndem Schlage die Kugel Ihm das Genick; er sank, und röchelte sterbend am Boden! Feindliches Jauchzen erscholl, und es droht' ihm entsetzlicher Frevel; Aber Belindo sprang vor ihn hin, und rief den Gefährten: »Ewige Schande für euch, laßt ihr die Leiche des Helden, Feiggesinnet, dem Feind' zum Gespött' und frevelnden Unfug.« Schon umstürmt' ihn der Feind; doch so wie die säugende Bärinn Sich vor der Höhl' aufstellt, wenn rings die grimmigen Rüden Von dem Jäger gehetzt, ihr nah'n, und immer zurückschaut, Immer den nächsten erhascht, und mit furchtbarrüstigen Klauen Ihn umklammernd zerreißt, daß heulend die andern entfliehen: Also hielt er die tobende Schar von der Leiche des Feldherrn, Fechtend, zurück, bis zween, an Kraft gepriesene Krieger, Ihn, zur Erde gebückt, auf die Schultern erhoben, und heimwärts Trugen voll Eil' und Hast, nach den trefflich geschirmeten Wällen. Ihnen folgten am Fuß die schnellverwaisten Gefährten -- Auch von Belindo verwaist: denn ach, unzählige Lanzen Wühlten in seiner gewaltigen Brust, und, vom Rumpfe gehauen, Sollte sein edeles Haupt zur Schau dem gaffenden Volk seyn! Aber die Christen floh'n nicht feig' und in wilder Verwirrung: Denn sie wendeten oft die trotzige Stirne dem Gegner, Feuernd aus schmetterndem Rohr, entgegen. Da brausten die Scharen Wieder zurücke mit lautem Geschrei: wie die Hunde des Schäfers, Die den muthigen Stier mit Gebell verfolgen im Blachfeld, Heulend entflieh'n, so oft er, gesenkt, die furchtbaren Hörner Gegen sie wendet, und brüllt, und Sand aufschleudert zum Himmel.
Jetzt ersah'n vom Wall die wachebesorgenden Krieger Unheilkündenden Staub; dann näher die flüchtigen Scharen Ihres Volks, von dem Feinde gedrängt; sie hörten vernehmbar Kampfesgetös' -- o Jammer, sie sah'n und erkannten den Todten! All' entfuhren zugleich dem Wall, den theuren Gefährten Rettend zu nah'n, und es bebte der Feind den Dräuenden. Alsbald Wandt' er den Rücken, und floh nach Goletta's Mauern hinüber. Schweigend nahten die Krieger dem Wall. Zur Erde geheftet Starrete jegliches Aug': es blickte zuweilen mit Angst nur Nach dem Entseeleten hin, und goß dann hellere Tropfen Ueber die bebende Wang', auf die bärtige Lippe herunter.
Doch vor seinem Gezelt, auf zwölf, untadligen Schilden Lag er jetzt mit der Fahne des Ruhms, die er einst vor Pavia's Mauern errang, wo Frankreichs Stolz dem siegenden Kaiser Huldigte. Dort sollt' ihm ein Ehrenmaal sich erheben: Denn sie erhöhten den Schaft hochragender Speere: zum Haupt hin Zween, und zween zu den Füßen, gebohrt in den Rasen, im Viereck; Hingen zum Wappenschild gewehrdurchkreuzende Degen, Schimmernde Panzer und Helm', in der Mitte des ragenden Speers auf; Kehreten dann g'en Mitternacht, und kehrten zum Mittag, Auch zum Auf- und zum Niedergang des ehrnen Geschützes Dräuende Mündung hinaus. Er lag, das Antlitz zum Himmel Wendend; die Linke bedeckte die Brust, und den tapferen Degen Hielt die Rechte umfaßt, noch wie zu dem Kampfe gerüstet. Rings umstand ihn das Volk. Ein Tapferer rühmte mit Thränen Allen umher den Heldenmuth des edelsten Führers, Als Amino gesprungen kam, der treffliche Spürer Hochgewilds: sein Liebling, ihm treu, und ergeben, und wachsam. Winselnd roch er das bleiche Gesicht und die schneeige Hand ihm; Sah zu den staunenden Kriegern empor, und heulte dann laut auf, Und von neuem begann Wehklag' um den edelsten Feldherrn.
Achter Gesang.
Stets erschütternder scholl ob Sarno's Tod in dem Lager Lärm aufjammernden Volks: denn erst nur ein leises Geflister, Dann der Rache Geschrei flog schnell vom Zelt zum Gezelt hin Brausend. Wie der nahende Sturm das Laub in dem Hochwald Erst nur leise bewegt; dann bald, empörteren Grimmes, Schüttelt, und wüthender, Zweig' auf Zweig', und Wipfel auf Wipfel Schleudert, daß zwei, zur Reise gesellt, hineilende Wand'rer, In dem Gebraus', auch schreiend, nicht hören das eigene Wort mehr: Also erscholl Wehklag' und Lärm umher in dem Lager, Bis er erreichte des Herrschers Ohr, der, stehend am Eingang Seines Gezelts, dem nahenden Guasto voll Ungeduld zurief: »Haben die Feinde gesiegt? Uns irgend Verderben bereitet?« »Unser die Schuld!« sprach jener. »Vom Feind, in die Falle gelockt, starb Sarno den selbsterkorenen Tod; der tapfersten Krieger Fünfzig fielen mit ihm; Verwundete zählen wir hundert.« Und er kehrte zurück mit trauerndem Herzen. Des Helden Jammergeschick, den er im eifernden Zorne der Feigheit Zieh, schmolz nun sein starrendes Herz, und ihm thauten die Wimpern. Aber der Kaiser schwang sich rasch in den Sattel, und jagte Brausend zur Schanze hinaus, wo Sarno erhöht auf dem Schildbett Lag. Nicht erkühnte sich jetzt sein Volk, das, trauererfüllet, Ihn umgab, zum Herrscher den düsteren Blick zu erheben: Denn es erbebte der Schmach, den Lorber verwelket zu schauen, Der ihm die Fahn' umwand zum Lohn errungenen Sieges. Innig bewegt ersah der edelste Kaiser des Volkes Trauer; er lächelte mild, und rief mit ermunternden Blicken: »Wandelbar ist der Schlachten Geschick. Wer schildert den Unhold, Der es beherrscht, und oft von dem früheren Günstling das Antlitz, Schön und furchtbar zugleich, zu dem Letzterkorenen wendet? Aber ihn halte der muthige nur mit eisernen Sehnen Fest: er kehrt, und jauchzt mit donnerndem Schlund ihm den Sieg zu. Soll euch schmäh'n der Tapf're, daß ihr, gedrängt von der Mehrzahl, Und des Gebiethers beraubt, mit zögerndem Schritte gewichen? Ferne sey's! Doch jetzt versenket die Leiche des Feldherrn Schnell in das Grab; verhüllt es mit grünenden Zweigen und häuft dann Erde darauf, bis wir ihm erhöh'n ein dauerndes Denkmaal.« Eiliger ritt er zurück: da priesen die Krieger des Kaisers Unbegrenzete Huld, der statt verwundenden Tadels Worte des Trostes sprach, und den Tapferen Ehre gewährte. Und sie bestellten die Leich' alsbald, dem Herrscher gehorchend.
Aber es wüthete fort und fort des schweren Geschützes Donnernde Macht um Goletta: denn bald von den kreisenden Schanzen, Bald von dem wogenden Meer hinsausten die Bomben und Kugeln, Und nicht minder zurück von den Wällen der trotzenden Festung Sausten im Donnersturm die schrecklichen her nach den beiden. Stets verderbender warf die Macht der entsetzlichen Mörser Mauern und Schanzen in Schutt, und häufte zermalmend die Leichen. Dort in dem grausen Getös' umhagelnder Donnergeschosse Sprengte der Kaiser den Wall entlang, und erweckte die Völker, Ruh'ausstrahlenden Blick's, zu freudigem Muth in Gefahren. D'rauf, zu Guasto gekehrt, aufboth er ihn, scheidend, noch also: »Sieh', bald dämmert die Nacht: dann strebe, noch ehe der Vollmond Ueber die schlummernde Welt sein Strahlenantlitz heraufhebt, Durch Laufgräben[50] und Schanzenbau Goletta zu nahen, Daß sie uns neige das Haupt, erstürmt am kommenden Morgen!« Sieh', und als er jetzt zu dem Grab, das eben die Krieger Sarno erhöheten, kam, da däucht' ihn: ein Stöhnen und Aechzen Komm' aus dem schattenden Laub! Er sprang aus den stählernen Bügeln, Innigbewegt: denn einen verwundeten Krieger zu schauen, Wähnt' er, und, ach, ihm kroch, aufheulend, der treue Amino Sarno's entgegen, und leckt' ihm die Hand! Er streichelt' ihm freundlich Rücken und Haupt, und lockt' ihn fort, enteilend, und kehrend; Doch er schleppte sich langsam zurück, und senkt' auf die Pfoten Hin sein müdes Haupt; dann winselt' er sterbend am Grab noch Seines getödteten Herrn. Heiß rann an den Wangen des Kaisers Jetzo die Thräne herab; er kehrte beklommen in's Lager.
Abendlich zitterten schon die riesigen Schatten der Krieger Auf dem glühenden Sand; schon hauchte die schimmernde Meersfluth Kühlere Luft, und es blickte die scheidende Sonne noch einmal Ueber der Flammenbahn endloser Fluthen herüber -- Nickt', und sank in ihr Wogenbett im rosigen Westen. Aber sie hauchte noch lang, mit sanftverglühendem Antlitz, Purpurröthlichen Duft nach Osten: des kommenden Morgens Heitre verkündend, und, sieh', in langen Zügen der Hochlust, Sog ein jeglicher Mann im Heere die liebliche Kühlung Ein, und jubelte laut: denn schnell versiegte der Schweiß ihm Jetzt an seinen, vom Abendwind umsäuselten Gliedern! Diese besorgten das Mahl, unzählige Flammen empörend; Jene gruben die blitznachahmenden Weg' in dem Zickzack, Sonst Laufgräben genannt, die Erde zur schirmenden Brustwehr Gegen die Vest' aufdämmend, und dort, dem Ziele genahet, Gruben sie auch die Schanzen umher, und führten Geschütz ein. Furchtbarer drönte die Erd'; aufheulte der flammende Luftkreis: Denn von neuem begann der vestenzertrümmernde Donner.
Jetzt umhüllte die Nacht mit dunkelem Schleier die Gegend: Jene, so langersehnete Nacht, des lieblichen Vollmonds Stille Verkündigerinn, die jüngst, mit der Freiheit, Mathilden Himmelswonne verhieß, und, ach, voll Jammers dahinschwand! Sieh', in dem schattenden Laubengang des zierlichen Gartens, Der an des See's Gestad', von thürmenden Mauern umfangen, Lag, lustwandelte sie in des Abends heiliger Stille Täglich umher! Sie erzählete dort lautweinend den Bäumen All ihr Wehe: sie säuselten Trost, und den Blumen ihr Unglück: Ihr erglänzte die Zähr' aus dem duftenden Kelch, und ihr Wehruf Scholl, dem klagenden Laut der Nachtigall ähnlich im Lenzmond. Keiner der Männer betrat, die Straf' urplötzlichen Todes Scheuend, den Laubengang am dämmernden Abend; nur Hugo Durfte der Einsamen nah'n, dem Dragut vertraute vor allen. Aber es hatt' erst jüngst ein Fischer die dürftige Hütte Nahe der furchtbar'n Mauer erbaut aus duftendem Schilfrohr; Zog im Grauen der Nacht das weitumschwimmende Fangnetz Nach dem gleitenden Kahn, und both den kärglichen Vorrath Morgens, am Strande des See's dann feil, laut rufend, und rühmend. Nicht verdächtig erschien dort Kurd, der trauernde Fremdling. Emsig trocknet' er heute sein Netz am heimlichen Pförtchen, Das im dunkeln Gebüsch, in der Mauer der spähende Hugo Fand, und harrte mit Angst der Stunde der Flucht und Errettung; Doch von dem Minaret verkündete jetzt die ersehnte, Heiseren Ruf's, der finstere, stundausrufende Iman. Heftig bebte Mathild', als Hugo's eilender Fußtritt Näher erscholl. »Was pocht dieß trauernde Herz so gewaltig?« Sprach sie, und hielt sich die Brust, und schritt nun hin- und herüber Eilend, als sollte sie flieh'n. Dann rief ihr flehender Blick noch: »Lass' an des Gatten Brust es brechen, o ewige Vorsicht!« Hugo ergriff Mathilden am Arm, und führte sie schweigend Durch verschlung'nes Gesträuch zu dem leis'eröffneten Pförtchen, Sank auf die Knie', und drückte mit langem, mit innigem Kusse, Seinen Mund auf den Saum von ihrem wehenden Kleid noch. Aber sie stand todbleich, und faßte mit zitternden Händen Hugo's grauendes Haupt, und weint', und konnte nicht sprechen. Nun geboth er die Flucht, und eilte zurück in den Hofraum: Keiner gewahrte die Thrän' an seinen zuckenden Wangen.