Tunisias Johann Ladislav Pyrker's sämmtliche Werke (1/3)

Part 10

Chapter 103,394 wordsPublic domain

Aber welch' Getümmel erschallt an dem Strande des Meers jetzt? Gegen Zafrano hinaus, auf Bona's lieblichem Vorland, Thürmt ein Cedernwald die dunkelen Wipfel g'en Himmel. Noch in dem kühleren Hauch des sanftaufdämmernden Morgens Schifften auf Ruderbooten dahin, von Guasto gesendet, Tausend, des Zimmerwerks wohlkundige Krieger: zum Schanzbau Stämme zu fällen. Da scholl in der hehren Stille des Morgens Drüben des Beils dumpfschmetternder Schlag vom tönenden Stammholz: Sausend entstürzte der Wald. Jahrhunderte sah er der Umwelt Wandelbare Gestalt; er stand, und hob sich noch immer Höher empor: nun streckt' ihn die grausame Schärfe des Eisens Nieder: in Trauer gehüllt aufragte das kahle Gebirgsland. Aber sogleich ersah'n die feindlichgesinneten Geister, Schwebend vor Muhamed her, und Attila, welche Gefahren Ihren Erwählten der Christ bereitete: Schauder ergriff sie. Siehe, da flog Ellack, des Hunnenkönigs Erzeugter, Näher, und rief dem Vater zugleich, und dem heuchelnden Seher: »Schauet die Riesenschlange dort im Schatten der Felskluft Liegen: Unsterbliche selbst erbeben dem schrecklichen Anblick. Weck't sie vom Schlaf, und, empört, hintilgt sie die kühnen Gesellen!« Muhamed sann umher; dann rief er den Zagenden also: »Hebe dich, Muhameds Volk! Erhebt euch, Attila's Scharen; Fahr't in des Unthiers Bauch, und erreg't dem Feinde Verderben!« Jetzo im sausenden Flug hinstürzten die stürmischen Geister, Schrie'n, und fuhren zugleich in des Scheusals umringenden Bauch ein. Tief in der Felsenkluft, zum furchtbarn Knäuel verschlungen, Lag die gräßliche Schlange (dem Rad, das, weichend des Bergstroms Riesengewalt, den Mühlstein dreht, im Kreise nicht ungleich) Schlummernd, und barg ihr Haupt in des Knäuels Mitte mit Vorsicht. Nur im Dunkel der Nacht, nur selten im Lichte des Tages, Kroch sie lauernd hervor, um ein sorglosweidendes Hausthier, Rasches Gewild, und auch Menschen zu fah'n; da hieß es: ein Berggeist, Hausend im Felslabyrinth des schauerumhülleten Waldes, Habe verschlungen den Raub, und der Iman heulte Gebet' auf.

Als die stürmende Schar, des Herrschers Winken gehorchend, Im unleidlichen Drang die furchtbarn Ringe des Scheusals Füllte: da hob es in zitternder Wuth das gräßliche Haupt auf, Warf es im Bogenwurf in der Höhl' umher, und ihm zischte, Flammengeröthet, die Zung' aus dem weiteröffneten Rachen. Schrecklich erglühte sein Aug' aus den giftgeschwollenen Kreisen, Und, gebläht, erfüllet' es ganz die räumige Felskluft. Doch, als jetzo die Schar erboßtumtummelnder Geister Selbes noch wüthender drängt', und stachelte, froh der Empörung: Da durchfuhr's die entsetzliche Höhl' im sausenden Eilflug -- Attila bebte zurück mit Muhamed: denn an dem Felsen Stand es, emporgethürmt, hoch über dem Haupte der Cedern. Heulend entstürzte die Schar holzhauender Krieger dem Dickicht, Eilte zum Strand', in dem Ruderboot zu entfliehen dem Tod noch; Aber nicht allen gelang's. Den Flüchtenden jagten die Geister Jetzo das Ungethüm nach, und es warf sich ergrimmter zum Boden. Weithin bebte der Grund; rings schwankten die luftigen Cedern, Welche die schnellhingleitende Schlange berührt', und das Berggras Welkte vor ihrem Flammenhauch, da Felsengeröll' ihr, Stäubend, nachrauschte vom Berg; doch dort, vom Strande des Meeres, Fest mit dem Schweif umschlingend die weitnachbeugende Ceder, Schwang sie sich über die Fluthen hinaus. Ihr bläulicher Rücken Blitzt' in dem Sonnenlicht, als, längs dem spiegelnden Meer hin, Schlängelnd, ihr Schatten flog, und sieh', da erhaschte sie pfeilschnell Eines der Boot', und warf's, mit schüttelndem Grimm, in den Abgrund! Nichtigem Spielwerk gleich, das zürnend der Knabe zertrümmert, Flog des Schiffes Gebälk mit lautem Gekrach aus den Fugen. Trümmer und Leichen bedeckten des Meer's aufwirbelnde Fluthen; Aber sie sank, ermattet, zurück, und rollt' an dem Stamme, Ringelnd, sich auf: wie ein Seil umringelt den kreisenden Wellbaum, Wenn von des Meeres Grund die gewichtigen Anker sich heben. Und die Ceder erbebte der Last des lauernden Unthiers.

Staunend vernahm der Kaiser den Lärm an Zafrano's Gestaden, Blickte nach Ludwig hin, und dieser enteilte gewaffnet, Rasch dem Gezelt; dann schifft' er auf Dorias herrlichem Fahrzeug Eilig hinüber zur Bucht, wo, lauernd, das Scheusal der Ceder Säul' umschlang. Er hielt, und sann, wie er solches bezwinge. Sieh', und, brausenden Flug's, naht' ihm der edelste Römer, Regulus: denn, begrüßend den ruhmverkläreten Schauplatz Seines, der Weltstadt Rom heilbringenden Todes, gewahrt' er Attila's Hohn, und Muhameds -- auch des gestachelten Unthiers Wüthenden Grimm, und des Jünglings Angst! Da rief ihm der Geist zu: »Denke des Regulus doch, der einst durch Schleudergeschosse Hier die Schlange besiegt, und dem Volk Errettung gebracht hat!«[47] Und es erhob sich sogleich das Bild des edelsten Römers, Schimmernd, vor seinem Blick: denn laut entboth er die Krieger: »Windet die Wucht des ehernen Donnerrohres an Tauen Auf an den Bord; scharf ziele der fernhintreffende Wurfschütz, Und zerschmett're das Haupt des unheilbrütenden Scheusals.« Also geschah's. Wohl zielte der fernhintreffende Wurfschütz, Wendend den ehernen Schlund mit dem leichtbeweglichen Richtkeil, Senkte die Lunt', und wandte sich. Laut, mit Donnergetümmel, Sauste die Kugel hinan, und riß den Wipfel der Ceder Krachend vom Stamm: er bebt', und still verharrte das Unthier, Daß es die Schiffenden näher gelockt, erhaschte; doch Ludwig Sann hochrühmlichen Kampf. Ihm funkelten heller die Augen: Denn er geboth dem Steuermann urplötzliche Landung, Schwang sich hinaus, um dort, auf die Kniee gesunken, zum Himmel Flehenden Blickes zu schau'n, und sieh', ein Glanz, wie im Nachtgraun Flammt der Blitz, erhellete jetzo den schimmernden Luftraum; Goß ihm freudigen Muth in das Herz, und hieß ihn nicht achten Seines Volkes Geschrei; und als er den schrecklichen Degen Hoch aufschwang: da glühte die Spitze des Eisens, wie nächtlich Glühet die Wetterstang' im Gewölk, wenn rings in den Lüften Gährender Donner wogt! Er drang auf das Scheusal beherzt ein. Schauder erfüllte die Welt. In dem ödverstummenden Blachfeld Scholl nur leises Gezisch des Lauernden. Jetzo dem Gegner Flog's in schlängelndem Blitzesflug' entgegen, und strebte Ihn zu erhaschen. Er wich ihm behend' nach jeglicher Seit' aus, Stets abwehrend mit blinkendem Stahl des offenen Rachens Dräuende Wuth; doch jetzt in die Luft aufschwang er den Degen, Hieb, und trennte das Haupt von dem Rumpfe des scheußlichen Unthiers, Der, entsinkend dem Stamm, mit Blut umhüllte den Boden. Heulend vor Schrecken und Angst, entfloh'n die Geister, und eilten Muhamed nach, und Attila: fern in ätherischen Höhen Größeres Unheil noch zu ersinnen dem Heere der Christen. Ludwig kehrte gepriesen, zurück: da liefen die Männer, Jubelnd, zum Strand', und sah'n das kühnzerschmetterte Scheusal Liegen im schwärzlichen Blut, und zucken, und schauern im Tod noch, Schaudernd sie selbst: denn gräßlich war es noch immer zu schauen. Dann mit des Waldes Raub belastend das räumige Fahrzeug, Eileten sie, zu erbau'n die vest'umzingelnden Schanzen.

Wohl von den Reihen beschirmt gewaffneter Brüder -- nicht achtend Dicht im Donnersturm' hersausender Feindesgeschosse, Grub an den Schanzen das Volk, und, wo in dem sandigen Boden, Hügelnd, kein Damm sich hob, und den kreischenden Spaten des Aufwurfs Sinkende Last stets wieder ereilte: da fügten die Krieger Stämm' auf Stämme, dem Wall zur dauernden Stütze. Den Weiden Raubeten andre ihr schlankes Gezweig, und flochten die Schanzkörb', Welch', erfüllet mit Sand, und erhöht auf dem Damme, den Wurfschütz Und die Donnerschlünde zugleich beschirmten im Feuer. Also erbauten sie drei, verderbendräuende Schanzen An Goletta umher, in Gestalt des wachsenden Mondes, Wenn er, silbergehörnt, hinschwebt am sternigen Himmel. Rechts an den Oehlbaumwald, und links an den felsigen Meerstrand, Stieß ihr Horn, und umkreiste nur halb die trotzende Festung: Denn auf dem Meer' umfing sie, dem silbergehörneten Mond gleich, Wieder die Schiffheersmacht: aus ihres verehrten Gestirnes Bild, ihr kam der Jammer gesandt, und die grause Vernichtung. Aber das ehrne Geschütz, von schnaubenden Rossen gezogen, Rückte zögernd heran; die Räder, im Sande versinkend, Knarreten unter der Wucht, und Schaum bedeckte die Rosse.

Guasto, im Ehrengefolg zu Thaten gerüsteter Feldherrn Nahend, rühmte des Werk's ersehnte Vollendung, und sagte: »Dreißig eherne Schlünd' und zehn bomb'schleudernde Mörser Schirmt Alarkon, der Held, in der mittleren Schanze voll Thatkraft, Und ihm gehorche die Schar viertausend hispanischer Krieger; Aber, nicht minder an Zahl, erfüllen die Schanz' an dem Meerstrand', Niederländern gesellt, Lusitania's Krieger: ihr Hort sey Ludwig, der tapfere Fürst; doch jen' an dem säuselnden Oehlwald Sey fünftausend Wälschen vertraut, und mein ist des Volkes Schirmende Huth. Das ehrne Geschütz, in jeder an Zahl gleich, Und an verderbender Macht, entsende zur Veste Vernichtung.« Aber nicht dacht' er im Ernst die Schanze der Wälschen zu schirmen: Denn er versuchete nur den tiefverwundeten Helden Sarno, den er der Feigheit zieh im unseligen Walten Raschauflodernden Zorns, und nimmer lächelte seither Sarno's trauerumflossenes Aug'. Empört in dem Busen Trat er nun aus dem glänzenden Kreis', und sagte zu Guasto: »Wolltest du mir, erlauchter Gebiether, die Stelle vertrauen Dort am Olivengehölz, zunächst dem feindlichen Andrang: Daß sich erweis' in der That, ob ich feig' erbebte dem Gegner?« Guasto's Aug' umwölkte die Thrän'; er sagt ihm dagegen: »Edler, die Schanz' am Olivengehölz, dem feindlichen Andrang Näher, sey dir vertraut zum Gewinn unsterblichen Ruhmes. Ha, nicht des Wortes mehr, des unseligen, das in dem Zorn mir Jüngst entfuhr, gedenk': den Tapferen ziere die Großmuth!« D'rauf both er ihm noch freundlich die Hand, und eilte von dannen: Denn schon füllten den Raum der vest'umzingelnden Schanzen Treffliche Völker im Freudengejauchz', und rings von den Wällen Gähnte der ehernen Schlünd' entsetzendräuende Mündung. Aber vor allen ereilten, im hurtigen Laufe die Krieger Sarno's ihr Ziel: sie erhob des wiedererheiterten Feldherrn Siegverkündender Blick, den lange die Trauer umhüllte. Dort auf des Wall's vorspringendem Horn erhöht' er voll Hast nun Seines Volkes Panier, das blutroth auf in den Lüften Flatterte; sah vom gehügelten Wall, mit steigender Sehnsucht, Nach der Pläne hinaus, zu erspäh'n die feindlichen Scharen. Tausende sollten ihm nah'n: er hatte beschlossen zu sterben.

Jetzo wäre der Donnerrohr' und der ehernen Mörser Schreckliche Wuth um Goletta erwacht; doch, sausenden Rittes, Sprengte der Kaiser heran; ihm folgte der tapfere Alba, Diesem die Heldenschar zweihundert Reiter, und schimmernd Wehte das Friedens-Panier vor den Eilenden: denn in dem Busen Schlug ihm das Herz voll Huld und menschenfreundlicher Schonung. Nahend den Feuerwerkern im Flug', erhob er die Stimme: »Haltet ein! Nicht ertöne des Krieg's entsetzlicher Mordruf, Der in dem blindumwüthenden Grimm so vielfach des Jammers Opfer häuft, und so viel schuldlose Herzen zermalmet, Eh' denn Alba gekehrt aus dem feindlichen Lager. Wir biethen Auf errungenem Feld, zu furchtbarer Rache gerüstet, Ihm versöhnend die Hand. So er, taub, und rasend im Unsinn, Von sich stieße die Hand, und verschmähte des Friedens Bedingniß: Dann auflodere ringsumher die Flamme des Krieges.« Sieh', und den stachelnden Sporn in die Seiten des Rosses versenkend, Flog nun Alba davon mit seinem erlesenen Häuflein -- Flog, wie ein Sturm die Heide durchtobt! Doch jetzt, von Goletta Kommend, scholl ihm Getös' und Waffengerassel im Rücken. Sinam war's, der schnell mit tausend maurischen Reitern Nahete: denn er sah in dem Wind das schneeige Fähnlein Flattern: des Friedens Bild, den er ersehnt' in dem Busen Ob der Schätze daheim besorgt im grauenden Alter. »Hemmet die Roß', ihr Christen,« so rief er, »den sühnenden Herold, Wenn mich das Auge nicht triegt, gewahrt' ich in eurem Gefolg dort! Kündigt er uns, wohlweise berathen, die Worte des Friedens?« »Ja,« sprach Alba beherzt, »wir bringen euch heute den Frieden; Nehmt ihn getrost: denn besseren Rath ersinnet ihr nimmer!« Jener lächelte Hohn; doch hing in dem brausenden Ritt oft, Seitwärtsblickend, sein staunendes Aug' an dem christlichen Feldherrn, Der im schimmernden Waffenschmuck, ein trefflicher Reiter, Eisern im Sattel saß, und stolzverstummend dahinflog. Jetzo die Straßen entlang von Tunis, im Donnergalopp fort Jagte die Schar, und das wimmelnde Volk lief ihr mit Geschrei nach: Denn wie im sonnigen Lenz, wenn voll von duftenden Blumen Pranget der Hain, und pranget das Feld und der zierliche Garten, Zahllos summen in würziger Luft die geschäftigen Bienen: Diese, mit goldner Last an jeglicher Seite beladen Kehren, im Korb zu erbau'n die künstlichen Zellen; die andern, Ihm entschwirrend in Hast, fortzieh'n, auf den blühenden Matten Lieblichen Honigseim mit zart eindringendem Stachel Aus dem duftenden Kelch zu saugen, und kehren, und ziehen Sonder Rast: so war des unzähligen Volkes Gewimmel.

Ueber der lärmenden Stadt, in Barda's[48] Zaubergefilden, Wo die herrliche Sommerburg die goldenen Zinnen Aus dem dunkelen Grün umsäuselnder Hain' in die Wolken Thürmt, verweilte Hairaddin jetzt, und ordnete kundig Heeraufstellung und Kampf, im Kreise der horchenden Feldherrn. Dort im luftigen Saal, auf schwellende Pfühle gesunken, Sprach er mit Salek, und sprach mit Dragut und Muhamed Temtes, Eifernd, als Pferdegetrab in die Ohren ihm scholl, und die Nachricht Kam: ein Friedensboth' erscheine der christliche Herold. Sieh', ein Wink fuhr ihm, wie ein Blitz, aus den finsteren Wimpern, Und im Waffengeklirr aufkrachten die Thüren; des Vorhangs Purpur flog zur Seite gerollt: denn plötzlich umringten Hundert Janitscharn, geführt von Hassan, dem Aga, Schirmend des Herrschers Thron, und sah'n, verschlingenden Blickes, Hin nach dem Fremdlinge, der an Sinams Seite herankam, Und dem Throne genaht, erhob die muthige Stimme: »Dir, großmächtiger Herr, entbiethet der Kaiser der Deutschen, Und Hispania's König, durch mich, den Herzog von Alba, Freundlichen Gruß, und sendet, noch ehe der würgende Schlachtruf Tunis Gefilde durchtobt, dir sanfte Worte des Friedens, Daß unzähliger Völker Glück dem deinen vereint sey! Nicht gedenket er, dir zu entreißen die Krone von Algier; Aber er heischt, zum Ersatz, für Hassan jene von Tunis, Die er, erst jüngst, mit heiligem Eid, ihm wieder zu schaffen Schwur, aufbiethend unendliche Macht. Auch sollst du in Freiheit Ziehen mit deinem Volk; entführen die Schätz' und die Waffen, Wenn du zuvor den Christensclaven die Bande gelöset, Und gelobet ihm hast, zu entsagen der schrecklichen Willkühr, Die nur auf Menschenraub und Plünderung gründet die Herrschaft. Frei ist das Meer: ein Bild der ewigen Vorsicht, umher, rings, Hält es die Erd' umfaßt! Auf seinen unendlichen Bahnen Fliege des emsigen Kaufmanns Schiff, mit schimmerndem Fittig, Schnell von Port zum Port, im völkerverbindenden Handel Freudig den Segen der einen Welt der andern zu spenden; Willig trag' es, wenn Noth es erheischt, ein muthiges Kriegsvolk, Das sich erhob, des Wüthrichs Macht zu begegnen -- zu wehren Unterdrückung und Schmach, im blitzebewaffneten Bollwerk Hin zum sicheren Sieg; doch mög' es, empört, in den Abgrund Schleudern das Schiff und den Räuber zugleich, der schnöden Gewinns froh, Seine Fluthen entweiht, der Knechtschaft Opfer zu häufen! Unsere Losung sey: des Meers allsegnende Freiheit!« Dunkelröthliche Gluth flammt' auf in den Augen des Wüthrichs, Als er die Worte vernahm; er schwang auf dem purpurnen Pfühl sich Rasch herum, und ballte die Faust, und knirscht', und begann so: »Ha, verwegener Christ, so trotzest du mir in das Antlitz? Fluch sey dir, und auch ihm, der dich gesendet! Hinweg -- stirb!« Jetzo ereilt' ihn der Tod auf hundert blitzenden Säbeln, Rief nicht Sinam dem Volk: »Vergreife dich nicht am Gesandten!« Alsbald bebt' es zurück. Da stand voll ruhiger Hoheit Alba, und starrte mit festem Blick dem Wüthrich in's Antlitz, Der, erblassend dem Blick, verstört zum Boden hinabsah. Stille herrscht' in dem Saal, und lange noch starres Entsetzen. Aber der Milde bedacht, sprach Sinam: »Erwählter des Himmels, Seiner Gläubigen Hort, und Liebling des großen Propheten, Schone des Herolds: denn wie die Laute mit tönenden Saiten Lautlos schweigt, bis ihr, nun frohe, nun traurige Weisen, Wechselnd, des Künstlers Hand entlockt: so hat er auch jetzo Nur getreu verkündet das Wort, das Herrschergewalt ihn Sprechen hieß. Nur den verfolg', ein furchtbarer Rächer, Der ihn gesendet zu dir, so er stolz verschmähte den Frieden, Welchen du noch aus dem Born reichströmender Huld ihm gewährest.« Hairaddin rief: »Wohlan, vernehmet es, was ich beschlossen! Erst schafft ihr in Banden herbei den schwarzen Verräther, Muley Hassan, der, Ungläubigen selber zum Spott nur, Feig der Rach' entrann. Auch hundert der größeren Schiffe Möget ihr ohne Verzug uns geben als rettende Sühnung, Daß ihr noch frei heimkehrt, und entflieht der grausen Vertilgung. Säumtet ihr, dann Weh' euch: denn Hunderttausende harren, Voll blutlechzender Gier, der schrecklichen Losung des Mordens Nur, und ihr werdet vor ihnen wie Spreu vor dem Sturme zerstieben!« Und er entließ ihn jetzt mit schnödem Winke der Rechten; Blickte nach Dragut dann, und wieder nach Muhamed Temtes, Lächelnd. Er that, als acht' er ihn kaum, und ihm bebte das Herz noch Wegen des todverachtenden, mutherhelleten Blickes, Der ihm die Tiefen der Brust, gleich flammenden Blitzen, durchbohrte. Aber noch weilte der Held, und sprach zu dem Herrscher noch einmal: »Gönnet mir gnädig Gehör! Die Gattinn des edelsten Feldherrn Schmachtet, seiner beraubt, in Draguts harter Gewahrsam; Doch er gebe sie frei; die Lösung heischend nach Willkühr, Daß sie des Wiederseh'ns unnennbare Wonne vereine.« Schnaubend vor Zorn erhob sich Dragut, und rief ihm entgegen: »Ha, du biethest mir Gold für sie, die schön ist wie Houris[49] -- Gold, das mir zur Beut' Europa gespendet? Ich wähnte, Kommen wird der Gemahl, das Weib zu ersiegen im Zweikampf. Liegt ihm Tunis zu fern? Erzähl' uns, ist er so furchtsam?« Alba, des Spötters nicht achtend, ging. Der edlere Sinam Folgt' ihm schweigend, und gab, an dem Thor, die maurischen Reiter Ihm zum Geleit, fern über Goletta hinaus zu dem Wall hin. Hairaddin hob sich ergrimmt von dem Pfühl, und sagte den Feldherrn: »Eilt an das blutige Werk, und sucht im stürmischen Angriff, Heimlich und offenbar, in der Kühle der Nacht und des Tages Menschen- und thier'ermattender Gluth, dem Feinde zu schaden, Bis die vereinte Macht unzähliger Bundesgenossen Uns auf das Schlachtfeld ruft, zum schrecklichen Kampf der Entscheidung!« Jeglicher eilte zum Heer; doch Dragut, empört in dem Busen Flog zu Mathilden heim, zu Toledo's unglücklicher Gattinn.

Ach, sie duldete dort jetzt unaussprechlichen Jammer! Wie die Rose, dem wonnigen Lenz entfaltend die Knospen, Rings Entzücken weckt, und freudiges Staunen: so war sie; Aber, der Lilie gleich, da auf ihre, noch sprossenden Blüthen Sengender Mehlthau fiel, hinschwand die zarte Gestalt nun, Nahe dem Leidensziel', in des Lebens herber Vollendung: Denn nicht ahnte sie noch in der Stund' entsetzlicher Trennung Von Toledo, die größere Qual: dem Kranken nicht ungleich, Der in des Fiebers Gluth, von Schreckgebilden umgeben, Noch die Schmerzen nicht ahnt, die bald, nach der Wiederbesinnung, Seinen, vom Fieber entfesselten Leib empfindlicher stacheln. Erst in Draguts Gewalt, des Wüthrichs, gewahrte sie, bebend, Fülle der Schmach, wo seine, nach ihr verlangenden Augen Sprachen, sein Mund ihr rief: sie werde, des Kindes genesend, Lagersgenossinn ihm seyn. Da schwand ihr plötzlich der Hoffnung Letzter, leitender Stern vom graunumnachteten Himmel; Furchtbar gähnte vor ihr der Abgrund; schauderergriffen, Bebte sie matt und matter zurück, und Ströme von Thränen Kühlten das brennende Weh' in ihrer zerrissenen Brust nicht.

Hugo, der Treue, gewahrt', und hörte den Jammer Mathildens. Völlig war ihm gebrochen das Herz vor lastender Wehmuth; Dennoch log sein Greisengesicht stets heiteren Trost noch: Daß nicht dem wankenden Stamm die einzige Stütze geraubt sey; Doch als nun der Kaiser mit Heeresmacht vor Goletta Stand, den Regulus ihm als Retter verheißen: da schien ihm Blauer die Luft, die Sonne viel glänzender, grüner das Erdrund; Da durchzuckt' ihm das Herz der Freude verjüngendes Feuer, Und er stürzte herein, und rief der Dulderinn also: »Segen mit dir! Erheitere schnell dein trauerndes Antlitz: Draußen am Strand erschien der Christen unendliche Heersmacht, Hairaddins Frevelgewalt zu vernichten im Kampf der Entscheidung, Und wo Siegsruhm winkt, auf dem Felde der Ehre, da sollten Wälschlands Helden nicht seyn? Nicht mit ihnen der edle Toledo? Hört' ich es -- hört' ich es nicht: er sey zugegen? Er ist es. Himmlische Wort', o möchten sie Muth und freudige Hoffnung Wecken in deiner Brust! Dem Jammer mußte sein Ziel steh'n; Kränze des Sieg's reicht euch, erbarmend, die ewige Vorsicht Nun am Ziel, in der Wonne der seligen Wiedervereinung.« Staunend erst, dann zürnend vernahm Mathilde des Greises Jubelnde Worte. Sie wähnte betrübt: unwürdigen Scherz nur Sinne der Greis; doch jetzt entzückenstrahlende Wahrheit Schauend in seinem Gesicht, ergriff sie vernichtender Schrecken. Bleich entfuhr sie dem Stuhl, ihr bebten geöffnet die Lippen, Wankte näher, und stand, und hielt den pochenden Busen, Aechzend; wankte zurück, und starrte durch quellende Zähren. »Wie, und du weinst?« sprach Hugo erstaunt, »das gönnt' ich dir endlich: Denn oft stillet die Thrän' unendliches Weh' in dem Herzen; Aber nicht Thränen der Freud' ersieht mein Aug' in den deinen, Die es zu sehen gehofft, und ach, vergeblich gehofft hat!« Und sie begann: »Nicht Thränen der Freud' erblickst du für jetzt noch, Redlicher; doch versiegen wird nun jene des Kummers! Nein, ich weine nicht mehr: denn soll ich den Ewiggeliebten Wiederseh'n, o, dann, dann werden die heißesten Wünsch' all' Mir in dem einen gewährt: daß ich sterb' an dem Herzen Toledo's!« »Ach,« so schluchzte der Greis, »den Tod ersehntest du jetzo? Heimwärts schiffet ihr bald, und spät im grauenden Alter Schlummert ihr beide beglückt zum schöneren Leben hinüber!« Aber sie schüttelt' ihr Haupt, und begann in sinnender Schwermuth: »Wie die unschuldige Taube, verscheucht, und im Fluge gemordet Von dem schmetternden Blei, ihr Nestchen verödet zurückließ: So aus der öden Brust entfloh mir die Hoffnung für immer; Nie kehrt sie mehr zurück. Des Ewigen Wille geschehe!« Und noch hellere Fluth entstürzte den Augen Mathildens.