Trotzkopf's Brautzeit

Part 9

Chapter 93,675 wordsPublic domain

Herr und Frau Gontrau waren über den plötzlichen Entschluß wohl etwas verwundert, aber Herr Gontrau billigte ihn vollständig und fand es sehr lobenswert, daß er Ilsens Abwesenheit zu dieser Reise benützte. Frau Annes kluge und diplomatisch abgefaßte Briefe an Gontraus ließen keinen Argwohn in ihnen aufkommen. Sie bestellte ihnen Grüße von Ilse, entschuldigte ihr Schweigen auf die beste, glaubhafteste Art und vertröstete sie immer von neuem auf einen baldigen Brief, dessen Ausbleiben sie dann wieder durch alle möglichen Ausflüchte erklären mußte; Ilse hatte nämlich auf ihre Anfrage, ob sie Leos Eltern, die so viel und oft nach ihr fragten, nicht einmal schreiben wolle, geantwortet, daß ihr dies unmöglich sei. Und Frau Anne dachte, es wäre am Ende auch besser, wenn sie nicht schriebe, denn das Gezwungene, was ein Brief unter diesen Verhältnissen haben würde, mußte die Eltern Leos, denen sie stets eine kindliche Liebe entgegen gebracht hatte, und die mit so großer Zärtlichkeit an der Schwiegertochter hingen, doch befremden.

Leo reiste fort, nachdem er sich zuvor noch von seinen Schwiegereltern verabschiedet hatte. Seit jenem Abend war er nur selten bei ihnen gewesen. Zwischen seinem Schwiegervater und ihm war eine Spannung entstanden, denn Herr Macket konnte es ihm nicht verzeihen, daß er seinem Liebling nicht nachgereist war und ihn wiedergeholt hatte. Frau Anne war es zwar gelungen, ihren Mann davon zu überzeugen, daß Leo über Ilsens kühnen Streich nicht mit Leichtigkeit hinweg gehen könnte, aber die Sehnsucht nach seinem Kinde packte ihn oft zu heftig und dann konnte er einen heimlichen Groll gegen Leo nicht ganz unterdrücken, wenn er schließlich auch einsah, daß derselbe ungerecht war.

Leo hatte seit jener Nacht nicht wieder mit seiner Schwiegermutter über Ilse gesprochen, und auch sie erwähnte sie nicht. Frau Anne teilte Nellie mit, daß Leo nach Paris gereist wäre. „Was wird Ilse dazu sagen?“ schrieb sie. „Ich fürchte, sie wird mit dieser Reise wenig einverstanden sein. Ich aber halte eine Zerstreuung, eine Ausspannung für Leo notwendig, denn er ist blaß und ernst geworden, und ich lese in seinem Herzen, wie schwer der Kummer auf ihm lastet. Wann wird dieser Zustand ein Ende nehmen? Ich hege die besten Hoffnungen für Ilses Bekehrung, aber manchmal zage ich doch, und dann denke ich voll Angst und Zweifel, wenn sie nun ihren Trotz nicht bricht, was wird dann? Leo gibt diesmal nicht nach, das weiß ich, denn an einem einmal gefaßten Entschluß hält er mit eiserner Beharrlichkeit fest. Sollen die beiden jungen Menschen eines unglückseligen Mißverständnisses wegen für ihr ganzes Leben unglücklich werden? Es wäre schrecklich, und diese Strafe zu hart für Ilsens Unbeugsamkeit. Auf Sie, liebe Frau Doktor, baue ich am meisten und ich glaube, daß es Ihnen am besten gelingen wird, unser Kind auf den richtigen Weg zurückzuführen. Sie haben einen großen Einfluß auf Ilse, welche Sie schwärmerisch liebt, und darum hoffe ich innig, daß Sie es vermögen, ihren Trotz zu brechen. Ich leide sehr unter den jetzigen Verhältnissen und mag das meinem Manne nicht zeigen, dem die Trennung von Ilse ohnedies so schmerzlich ist. Darum komme ich zu ihnen, kleine Frau, und schütte mein Herz aus und hole mir Trost bei Ihnen! Der Himmel gebe, daß sich noch alles zum Besten wende!

Ihre mütterliche Freundin Anne Macket.“

Und Nellie verstand es, Trost zu spenden. Sie schrieb Frau Anne umgehend wieder, und in ihrer drolligen gemütvollen Weise schilderte sie ihr die Beobachtungen, welche sie bei Ilse anstellte.

„Es geht schon besser mit sie,“ hieß es in dem Briefe, „sie versinkt in eine tiefe Nachdenken und tut Fragen an mir, bei denen ich in ihr Inneres schaue. O, zagen Sie nicht, Ilschen liebt ihren Bräutigam noch, und wenn man sie in Ruhe läßt, wird sie eines Tages eine Einsicht haben und seine Verzeihung erbitten. Von der Reise nach Paris sage ich ihr nix, denn ich glaube auch nicht, daß sie dieser Reise gern sieht!“ – –

* * *

Bei Flora war große Gesellschaft! Die Gäste waren schon zum Teil versammelt, als Althoffs mit Ilse eintraten. Sie wurden von Flora stürmisch begrüßt, und dann stellte sie Ilse vor, deren neue Erscheinung mit Neugierde gemustert wurde. Eine Dame in mittleren Jahren in steifem hartblauem Seidenkleid und grellrosa Rosen im Haar und vor der Brust, die ihre nicht mehr jugendliche Gesichtsfarbe unvorteilhaft hervorhoben, näherte sich Ilse sofort und überhäufte sie mit einer Menge Fragen, so daß das junge Mädchen kaum zu Atem kommen konnte und nicht imstande war, sie alle zu beantworten. Sie hatte auch gar keine Lust dazu, denn die Neugierde dieser Dame war ihr zu unangenehm, und sie wunderte sich, daß Nellie, welche daneben stand, oft statt ihrer in der liebenswürdigsten Weise die gewünschte Auskunft gab, und als sie von der Dame für einen der nächsten Nachmittage zum Kaffee eingeladen wurde, bereitwilligst zusagte.

„Da gehe ich aber nicht mit,“ dachte Ilse. Zu Nellie sagte sie später leise: „Wer ist denn eigentlich diese schreckliche Frau, die alles wissen muß? Ich hätte ihr an deiner Stelle keine ihrer neugierigen Fragen beantwortet.“

„O, wär ich ein dummes Ding,“ entgegnete Nellie mit schlauem Lächeln, „denn diese Dame ist die Frau vom Direktor, hat viel Einfluß auf ihr Mann, und wenn ich unfreundlich bin gegen ihr, muß arme Fred büßen. Ich mag ihr auch nicht, aber ich bin klug.“

„In ihren Kaffee brauchen wir aber doch nicht zu gehen, nicht wahr?“

„Natürlich, _darling_, da müssen mir hin und uns fein brav benehmen,“ neckte Nellie die Freundin.

Ein junger Mann trat in diesem Augenblick zu den beiden und reichte Ilse den Arm, um sie zu Tisch zu führen. Es war der Assistent von Floras Mann, Doktor Andres, dessen liebenswürdiges Benehmen und kluges, vornehmes Gesicht Ilse schon vorhin bei der Vorstellung aufgefallen war.

Im altdeutschen Eßzimmer stand die lange gedeckte Tafel, die Ilse schnellen Blickes überflog. Zwei Lampen, deren schwaches Licht durch rosa Lampenschirme noch mehr gedämpft wurde, standen zu beiden Enden des Tisches. In der Mitte prangte ein phantastisch aufgeputzter Tafelaufsatz, mit Blumen und Früchten in wirrem Durcheinander gefüllt, der sein Haupt bedenklich nach der einen Seite neigte. Das war Florchens Werk, man sah es auf den ersten Blick. Jeder fand auf seinem Platz einen von Flora verfaßten Vers, in einem Blumensträußchen versteckt. Mit strahlenden Augen erntete sie jedes Lob ein, das ihr über ihre dichterische Begabung gespendet wurde; freilich die spöttischen Mienen dabei bemerkte sie nicht. Ilses Verschen besang in überschwenglicher Weise die junge Braut. Sie las den Zettel und legte ihn dann errötend neben sich hin. Ihr gegenüber saß Flora mit dem jungen Referendar, den sie damals getroffen hatte, als sie ihren ersten Besuch bei Flora machte. Er hatte eben das zusammengefaltete Papier aus seinem Blumenversteck hervorgezogen und las mit lächelnder Miene den für ihn bestimmten Vers. Erwartungsvoll sah ihn Flora an und ließ sich dann mit vielem Behagen seine süßlichen Schmeicheleien gefallen. Das war ein Scherzen und Lachen, Flora schien während der ganzen Zeit bei Tische nur Auge und Ohr für ihren Nachbar zu haben. Wie unvorteilhaft sah die junge Frau heute wieder aus! Überladen mit Spitzen und Blumen war ihr Anzug. Unwillkürlich mußte Ilse an Floras griechische Haarfrisur denken, damals als sie in der Pension die erste Tanzstunde mit Herren hatten. Es war doch zu komisch gewesen, wie sie da alle vor der Tür standen und die mutwillige Grete dem klassisch frisierten Haupt einen Stoß gab, daß es gegen die Türe flog. Ein vergnügtes Lächeln huschte bei dieser Erinnerung über Ilsens Gesicht.

„Sie scheinen an etwas sehr Angenehmes zu denken,“ unterbrach die Stimme des jungen Arztes ihre Gedanken, während er die jugendlich frische Mädchengestalt im einfachen weißen Kleide mit Wohlgefallen betrachtete.

„Natürlich, Herr Doktor,“ rief Flora über den Tisch herüber, „Fräulein Ilse denkt an etwas sehr Schönes, an ihren Bräutigam nämlich.“ Und der Referendar hob sein Glas in die Höhe und hielt es ihr entgegen.

„Der Glückliche soll leben,“ sagte er. Eine heiße Röte stieg in Ilses Wangen, zögernd nahm sie ihr Glas und stieß mit ihm an. Der helle Ton der beiden Gläser tönte wie ein schriller Mißklang in ihrem Ohre, und der Blick, den ihr der junge Mann dabei zugeworfen hatte, war so durchdringend, als suchte er in ihrer Seele zu lesen, was sie in diesem Augenblick bewegte. Verlegen schlug sie die Augen nieder, aber selbst durch die gesenkten Lider fühlte sie seine brennenden Blicke auf sich gerichtet.

„Gnädiges Fräulein, darf auch ich mir erlauben, auf das Wohl Ihres Herrn Bräutigams anzustoßen?“

Wie liebenswürdig klang diese Bitte ihres Nachbars! Ohne Scheu sah Ilse auf und blickte in ein Paar ruhige ernste Augen, denen sie nicht auszuweichen brauchte.

„Ich danke Ihnen,“ sagte sie leise und griff nach ihrem Glase.

Doktor Andres glaubte ihr nichts lieberes erweisen zu können, als wenn er in dem Gesprächsthema fortfuhr; denn wovon konnte man eine Braut besser unterhalten, als von ihrem Bräutigam? Er fragte, wie lange Ilse schon verlobt wäre, wann sie heiraten würde und was ihr Verlobter wäre. Sie hätte ihm vielleicht unbefangener geantwortet, wenn sie die Augen ihres Gegenüber nicht unablässig auf sich ruhen gefühlt, wenn sie nicht empfunden hätte, mit welcher Aufmerksamkeit jedes ihrer Worte drüben belauscht wurde.

„Ich habe unter meinen Studiengenossen einen sehr lieben Freund,“ sagte der Arzt zu Ilse, „der auch Jurist war und jetzt schon längere Zeit wohlbestallter Assessor ist. Vor ungefähr zwei Jahren bekam ich seine Verlobungsanzeige, und er kündigte mir dabei mit wenigen Zeilen einen ausführlichen Brief an, der bald eintreffen sollte, aber bis heute noch nicht erschienen ist. Die alten Beziehungen scheinen zu erkalten, wenn man verliebt und verlobt ist, wahrscheinlich nehmen die Liebesbriefe zu viel Zeit in Anspruch. Sie müssen das ja aus Erfahrung wissen, gnädiges Fräulein. Ich bin von Heidelberg, wo wir einige Semester zusammen studierten, nach Berlin gegangen und seit einem halben Jahre bin ich hier am Hospital Assistent des Doktor Gerber. – Mein Freund wird sich wundern, wenn ich nächstens von hier aus einen Angriff auf ihn ausüben werde, denn ich möchte gern mal wieder etwas von ihm hören. Vielleicht ist er schon in den Hafen der Ehe eingelaufen und ein biederer, solider Ehemann geworden. Ich kann ihn mir als solchen nicht vorstellen, er war ein urfideles Haus, ein famoser Korpsbruder, der gute Gontrau.“

Es war ein Glück, daß er sich eben jetzt zur Seite wandte, weil ihm seine Nachbarin eine Schüssel reichte, und daß er deshalb nicht bemerken konnte, wie Ilse bei der Nennung dieses Namens zusammenfuhr und blaß wurde. Und wieder begegnete sie den forschenden Blicken des Referendars, der wie auf der Lauer zu sitzen schien und dem, trotz der lebhaften Unterhaltung mit Flora, nichts von dem Gespräch des ihm gegenübersitzenden Paares entging. Ilses Zusammenschrecken bei dem bewußten Namen interessierte ihn augenscheinlich aufs höchste. Was für eine Bewandtnis mochte es damit haben? Plötzlich überflog ein triumphierendes Lächeln seine Züge, er beugte sich zu Flora hinüber und fragte sie, wie der Bräutigam von Fräulein Macket hieße. Trotzdem er leise gesprochen hatte, hörte Ilse doch seine Frage, und voller Angst, daß ihr Nachbar Floras Antwort vernehmen könnte, richtete sie schnell einige gleichgültige Worte an ihn. Erleichtert atmete sie auf, als gleich darauf die Tafel aufgehoben wurde und der junge Doktor sie in das andre Zimmer führte. Sie hätte so gerne Nellie gesprochen, aber die Freundin hatte ihr mit einem innigen Händedruck freundlichst zugenickt und saß jetzt neben einer alten Dame, mit der sie sich eifrig unterhielt. So mußte sie sich denn bis später gedulden und kam der Aufforderung eines jungen Mädchens, neben ihr Platz zu nehmen, gerne nach. Die Herren hatten sich zum Teil in das Rauchzimmer zurückgezogen, und Flora hüpfte von einem zum andern. Sie wollte durchaus die liebenswürdige Wirtin spielen, was ihr aber schlecht gelang, denn durch ihr fahriges Wesen versetzte sie ihre Gäste mit in Unruhe.

„Sie müssen uns etwas vorsingen,“ wandte sie sich jetzt an das junge Mädchen neben Ilse, die jedoch gegen diese Zumutung eifrig Einsprache erhob, da sie ganz heiser wäre und so lange nicht gesungen hätte. Mit diesen üblichen Ausreden suchte sie sich frei zu machen, aber Flora ließ nicht locker.

„Sie müssen, Liebste,“ entschied sie schließlich kurzweg und ging in ein kleines Nebengemach, wo ein Klavier stand, das sie öffnete. Nachdem sie noch die Lichter angezündet und aus einem Schrank einen Stoß Noten hervorgeholt hatte, den sie auf das Instrument warf, kam sie zurück und zog die junge Dame, die ihr wie ein Opferlamm folgte, mit sich fort. Eine geraume Zeit stöberten die beiden in den ungeordneten Noten herum, und als sie endlich etwas Passendes gefunden hatten, ertönte ein lauter Akkord, der energisch um Ruhe zu bitten schien. Die Unterhaltung im Damenzimmer verstummte denn auch sofort, und die Herren in Doktor Gerbers Zimmer dämpften ihre Stimmen. Einen Genuß konnte man die nun folgende musikalische Aufführung nicht nennen, denn die gänzlich ungeschulte Stimme war nur dünn und klein, und der ebenso mangelhafte Vortrag konnte dafür nicht entschädigen. Man brauchte ja nur das junge Mädchen mit der schlechten Haltung und der eingefallenen Brust anzusehen, aus der unmöglich ein freier Ton hervorquellen konnte. Die Damen hatten ihre Plätze verlassen und sich in dem Musikzimmer im Halbkreis dicht hinter der Sängerin gruppiert, was dieselbe vollends befangen machte und aus der Fassung brachte. Sie kam denn auch mehrere Male aus dem Takt, und es erklangen infolgedessen solche Disharmonien, daß einige der Zuhörerinnen das Taschentuch vor den Mund nahmen, um ihre Heiterkeit zu verbergen. Ilse fand den Gesang abscheulich, und da sie sich dabei langweilte, schlich sie sich leise von der offenen Türe, in welcher sie gestanden hatte, fort und trat an ein kleines Tischchen, das neben dem Blumentisch stand und mit Büchern und Bildern bedeckt war. Dorthin setzte sie sich und blätterte mechanisch in den Büchern.

Es war ihr sehr erwünscht, jetzt nicht sprechen zu müssen, denn der Gedanke, daß der junge Mediziner ein Freund Leos war, beschäftigte sie unaufhörlich. Sie entsann sich jetzt auch, von Leo den Namen Andres öfter gehört zu haben. Gerne hätte sie sich bei Tisch noch von ihm erzählen lassen, ihn nach manchem gefragt, aber der scharfe Beobachter gegenüber lähmte ihre Zunge. Der Gesang hatte jetzt auch teilweise die Herren herangelockt, nur Floras Mann ließ sich in seinem lebhaften Gespräch mit einem Kollegen nicht stören, und er mußte es sich daher gefallen lassen, daß seine Frau ihn zur Ruhe verwies.

„Dieses ewige Fachsimpeln von dir ist schrecklich,“ sagte sie halblaut und scheinbar im Scherz. „Du solltest doch auch für höhere Genüsse zugänglich sein, lieber Ernst.“

„Du weißt, Kind,“ antwortete er freundlich, „ich bin nun einmal ein Musikbarbar. Weil ich absolut nichts davon verstehe, habe ich auch kein Interesse dafür.“

„Ja, leider,“ sagte Flora, ihm verdrießlich den Rücken wendend, und ging wieder in das andre Zimmer.

„Es ist traurig,“ sagte sie mit einem vielsagenden Blick zu Herrn Lüders, „wenn alle Poesie, alles Höhere in dem Materiellen und Nüchternen untergeht. Mein Mann hat für nichts weiter Sinn als für seine Kranken.“

Der Referendar gab ihr eine zerstreute Antwort, er hatte jetzt Wichtigeres zu sehen und zu hören, als Flora mit ihrem Klagelied. Scheinbar ganz in die Musik vertieft, saß er auf einem Sessel und hatte den Kopf in die Hand gestützt, als wollte er sich von nichts ablenken lassen, was ihm den köstlichen Genuß stören könnte. Durch seine Finger aber sah er unverwandt nach dem kleinen Tisch hinüber, wo Ilse sich eingehend mit Doktor Andres unterhielt, der sich eben zu ihr gesetzt hatte. Ilse war heimlich darüber erfreut gewesen, denn nun bot sich vielleicht die Gelegenheit, ihn nochmals nach Leo zu fragen, und sie sann darüber nach, wie sie das Gespräch auf ihn bringen könnte, ohne daß er es auffällig fände.

„Sie lieben wohl die Musik nicht, gnädiges Fräulein?“ richtete der junge Mann das Wort an sie. „Ich vermute dies wenigstens, weil diese Bücher Sie viel mehr zu interessieren scheinen, als der Gesang.“

„O doch,“ erwiderte Ilse schnell, „aber offen gestanden, diese Stimme und der Vortrag sind doch zu schlecht, finden Sie nicht auch?“

Er nickte lachend.

„Übrigens ist mein Urteil gänzlich unzulänglich,“ meinte er dann, „denn ich habe es nur bis zu den Kneipliedern gebracht und selbst diese sang ich falsch; ich habe deswegen auch von meinen Heidelberger Freunden manchen Spott ertragen müssen.“

Ilse bebte vor innerer Erregung; jetzt konnte sie ihn wohl nach Leo fragen, ohne daß er Argwohn schöpfen würde.

„In Heidelberg ist es wohl sehr schön?“ fragte sie unbefangen.

„O,“ rief er entzückt, „wenn es ein paradiesisches Stück Erde gibt, so ist es Heidelberg. Sie müssen es sehen und kennen lernen und werden mir recht geben. Wenn ich mich mal verheiraten sollte, dann würde ich meine Hochzeitsreise entschieden nach Heidelberg machen.“

„Diesen guten Rat können Sie ja ihrem Freunde geben,“ unterbrach ihn jetzt Ilse, „von welchem Sie mir vorhin erzählt haben, der verlobt ist und dem Sie nächstens schreiben wollen. Wie hieß er doch, Gontring? Verzeihen Sie, ich habe den Namen wieder vergessen.“

„Gontrau,“ verbesserte er.

„Richtig, Gontrau,“ wiederholte sie leise und schlug die Augen nieder, damit diese ihm nicht verrieten, welche Heuchlerin sie in diesem Augenblick war.

„Gontrau und ich,“ fuhr der Doktor fort, dem man die Freude an diesem Gespräch auf dem Gesichte las, „haben eine herrliche Studienzeit in Heidelberg verlebt. Er war ein ausgelassener lustiger Mensch; wie viel tolle Streiche haben wir zusammen ausgeführt! Gontrau ist ein hübscher Kerl, und die Heidelberger Schönen waren nicht blind dagegen, sondern machten ihm förmlich den Hof.“

„Ach?“ fragte Ilse etwas zögernd. Diese Eröffnungen waren ihr ja höchst interessant! Bisher war sie nie auf den Gedanken gekommen, daß auch andre Mädchen sich in Leo verliebt haben könnten und umgekehrt.

„Hat Ihr Freund den jungen Damen auch die Kur geschnitten?“ forschte sie weiter.

„Nun natürlich,“ antwortete er mit Lachen, „ein flotter schneidiger Student wird doch für die Huldigungen der Damenwelt nicht unempfindlich bleiben, noch dazu in Heidelberg, wo es so reizende Mädchen gab, als wir dort studierten. Gontrau stellte uns immer in den Schatten, bei Bällen, Partien, Schlittenfahrten, überall war er die Hauptperson. Den einen Winter hatte er sich sterblich in eine junge Amerikanerin verliebt, welche die Freundin einer Professorentochter und bei dieser zum Besuch war.“

Mit der gespanntesten Aufmerksamkeit hörte Ilse zu, und als er schwieg, fragte sie schnell:

„Sagen Sie mir, bitte, wirklich richtig verliebt war Ihr Freund in das junge Mädchen?“

So eindringlich war diese Frage, und in ihrer Stimme klang ein leises Beben, daß der junge Mann sie verwundert anblickte.

Sie merkte es und bezwang sich, wieder ruhig zu erscheinen.

„Bitte, sagen Sie,“ wiederholte sie möglichst unbefangen, aber mit schwer unterdrückter Neugierde, denn es brannte ihr auf der Seele, das weitere zu wissen.

„Ja, wirklich richtig verliebt war er.“ Doktor Andres gebrauchte Ilses eigene Worte und sprach sie mit Betonung aus, innerlich belustigt über ihre kindliche Frage. „Er hat ihr die schönsten Blumen geschickt, und wir hatten ihn sogar in Verdacht, daß er ihr Gedichte gemacht hat.“

Gewiß sind das dieselben, die er mir nachher geschickt hat, dachte Ilse, und ein Gefühl eifersüchtiger Abneigung gegen diese Nebenbuhlerin stieg in ihr auf. – Leo hatte dieselbe nie erwähnt, – warum nicht? Ob sie wohl hübsch war?

„Wie sah denn das junge Mädchen aus?“ fragte sie laut. „War sie schön, blond oder dunkel, groß oder klein? Bitte, bitte, beschreiben Sie mir dieselbe!“

Wieder mußte der junge Arzt lächeln, denn Ilses Neugierde kam ihm so echt weiblich vor; er konnte ja nicht wissen, daß hinter dieser ‚weiblichen Neugierde‘ ein berechtigtes tiefes Interesse versteckt war.

„Sie fragen aber gründlich,“ sagte er lachend. „Man merkt, daß Sie eine Juristenbraut sind. Hier haben Sie die Personalbeschreibung der jungen Dame, also: sie war mittelgroß, zierlich und graziös. Sie hatte dunkle Haare und wundervolle schwarze, wahrhaft phänomenale Augen –“

„Also wirklich schön,“ unterbrach ihn Ilse.

„Ja, auffallend liebreizend, dabei klug, aber etwas kokett. Sie war sich zu genau bewußt, wie verführerisch sie war.“

„Ihr Freund lag ihr natürlich zu Füßen?“

„Wenn Sie das wörtlich meinen, gnädiges Fräulein, so habe ich Gontrau in dieser Situation allerdings niemals gesehen; aber es ist wohl möglich, denn er war ein feuriger Anbeter.“

Hätte der junge Mann nur eine Ahnung gehabt, welchen Sturm seine Worte in dem Herzen seiner Nachbarin hervorriefen, er hätte gewiß geschwiegen. Aber es plauderte sich zu angenehm über alte Erinnerungen, besonders da Ilse eine so eifrige Zuhörerin war. –

„Liebte denn das junge Mädchen Ihren Freund auch?“ fragte sie weiter.

„O, natürlich! Der begeisterte Verehrer gefiel ihr sehr gut, das haben ihm ihre schwarzen Augen oft genug verraten. Es würde mich nicht gewundert haben, wenn sie sich verlobt hätten, aber die Amerikanerin reiste dann wieder fort, und ‚aus den Augen, aus dem Sinn‘. Er hat sie jetzt gewiß längst vergessen, diese seine Studentenliebe. Daß seine Zuneigung keine ernstliche war, beweist ja schon seine Verlobung mit einer andern.“

Ilse war aufgestanden, denn sie konnte ihre immer wachsende Aufregung nicht mehr verbergen.

„Mir ist es auch unbegreiflich, daß sich Ihr Freund nicht mit jener Dame verlobt hat,“ sagte sie mit blitzenden Augen. „Wie konnte er es wagen, sich mit einer andern zu verloben? Das ist doch merkwürdig, das ist unrecht! Er hätte seiner ersten Liebe treu bleiben müssen; warum hat er es auch nicht getan? Gewiß ist er doch jetzt recht, recht unglücklich geworden?“

Ihre Stimme erstickte unter hervorbrechenden Tränen, und sie stützte zitternd die Hand auf den Tisch.

Doktor Andres sprang nun ebenfalls in höchster Bestürzung auf.

„Aber, mein Fräulein,“ rief er ganz ratlos und erschrocken, „was ist denn geschehen? Ich verstehe Sie nicht, erklären Sie mir doch Ihre Aufregung! Habe ich Sie beleidigt? Ich bitte Sie, so sprechen Sie doch,“ drängte er, als Ilse ihm keine Antwort gab und noch immer mit den Tränen kämpfte. Sie antwortete nicht.

„Habe ich Sie denn beleidigt?“ fragte er nochmals mit verzweifelter Miene, ohne jede Ahnung, was er angestiftet hatte.

Sie schüttelte schweigend den Kopf.

„Kennen Sie denn das junge Mädchen, oder vielleicht meinen Freund Gontrau?“ fragte er endlich, denn er hatte sich überlegt, daß zwischen ihr und einer dieser Personen doch irgend eine Beziehung sein müßte.

Von seinem Platze aus hatte der Referendar das Gespräch der beiden belauscht, nichts war ihm davon entgangen, und er benutzte diesen Augenblick, um näher zu treten.

„Dachte ich es mir doch, als ich Sie mit dem gnädigen Fräulein so eifrig im Gespräche sah, daß von Assessor Gontrau, dem glücklichen Bräutigam des Fräuleins, die Rede sein würde,“ sagte er scheinbar harmlos und unbefangen, aber ein häßliches Lächeln umspielte seinen Mund.