Trotzkopf's Brautzeit

Part 8

Chapter 83,829 wordsPublic domain

„Nun ja denn, vielleicht freut sie sich,“ sagte er schließlich, obgleich er innerlich vom Gegenteil überzeugt war. Aber der Wunsch, mal wieder eine gemütliche Kneipstunde zu verleben, kam seiner Phantasie zu Hilfe, und er sagte nochmals, um seine Zweifel zu verscheuchen: „Vielleicht freut sie sich.“ Und doch folgte er dem Doktor die schmale Treppe mit dem Gefühl hinunter, als ob er auf verbotenen Wegen wandle. –

Rosi hatte nach langem Wählen ihren Einkauf beendet und war sehr vergnügt darüber, denn sie hatte gefunden, was sie suchte, nämlich ein Paar angefangene Morgenschuhe und einen geschnitzten Pfeifenständer, der noch mit einer gestickten Borte verziert werden sollte. Sie fand die Morgenschuhe besonders schön und konnte nicht begreifen, daß Nellie und Ilse ihr rieten, doch ein andres Muster zu wählen. Ihr gefielen diese roten Rosen, welche sie mit schwarzer Wolle ausfüllen wollte, ganz besonders gut. Als sie aus dem Laden auf die Straße traten, sah sich Rosi suchend um.

„Wo sind denn die Herren geblieben? Ich sehe sie ja garnicht.“

„Vielleicht ist dein Mann auch in eine Laden und kauft schöne Weihnachtsdinge für dir,“ meinte Nellie, „wir wollen die Straße hinuntergehen und in die Ladens schauen.“

Sie gingen weiter; aber die beiden Herren waren nirgends zu entdecken.

„Ich begreife das nicht,“ sagte Rosi kopfschüttelnd, „Adolf wollte doch bestimmt auf mich warten.“

„Dein Mann wird sich ja auch schon finden,“ meinte Ilse, welche sich über Rosi ärgerte, da diese ihre gute Laune durch den kleinen Zwischenfall schon wieder ganz eingebüßt hatte.

Rosi überhörte diese Worte, denn ihre Aufmerksamkeit wurde durch etwas andres in Anspruch genommen. Sie sah erwartungsvoll auf Nellie, der soeben von einem Jungen ein Zettel übergeben worden war, welchen sie eifrig las.

„O, das ist fein,“ rief sie und reichte Rosi den Zettel. „Unsre Männer sind im Rathauskeller und Alfred schreibt, wir möchten sie dort abholen.“

„Was,“ brauste Rosi auf und knitterte den Zettel zusammen, „Adolf sitzt im Wirtshaus, heute am Sonntagmorgen!“

Weiter sagte sie nichts, wurde aber blutrot und ging mit schnellen Schritten vorwärts. Nellie und Ilse wechselten einige verständnisvolle Blicke, und aus Nellies Schelmenaugen leuchtete etwas wie heimliche Schadenfreude über die angeführte Rosi.

„Hast du noch etwas zu besorgen, Rosi?“ fragte sie die aufgeregte Pastorin, „sonst können wir gleich nach das Rathaus gehen.“

„Ich begreife dich nicht, Nellie,“ gab Rosi unwillig zur Antwort. „Wir sind doch keine Studenten, daß wir in die Kneipe gehen können. Willst du deinen Mann abholen, dann tue es; bitte, entschuldige aber, wenn ich nach Hause gehe.“

„O, wir lassen dir nicht allein gehen, Rosi, natürlich gehen wir mit,“ entgegnete Nellie.

Eine rechte Unterhaltung kam zwischen den dreien nicht wieder zustande. Nellie und Ilse machten einige schwache Versuche, mit Rosi ein Gespräch anzufangen, aber sie antwortete kurz und einsilbig.

„Ich kenne unsre ‚artige Rosi‘ ja gar nicht wieder,“ flüsterte Ilse der Freundin zu.

„O, ich erstaune mich auch über ihr,“ gab diese ebenso leise zur Antwort, „was hat sie, daß sie ihr Mann nicht in der Kneip läßt? Sie ist eine Tyrann!“

Auf dem Nachhauseweg verbarg Rosi ihre Verstimmtheit hinter einer ungemütlichen Schweigsamkeit, aber man sah ihr an, wie es in ihr kochte und wie sie sich nur mühsam bezwang, ruhig zu erscheinen.

Desto gemütlicher war die Stimmung in dem Ratskeller, wo die beiden Herren in dichte Rauchwolken gehüllt in einer behaglichen Ecke saßen. Dem Pastor mundete das Bier nach langer Entbehrung herrlich, er war in eine redselige Laune gekommen und plauderte von alten Zeiten, als er noch ein fröhlicher Studiosus war.

„_Tempi passati!_“ sagte er mit einem leisen Seufzer. „Aber hier ist es auch gemütlich,“ fuhr er dann fort, indem er sich noch fester in seine Sofaecke zurücklehnte und in Erinnerungen versunken dem blauen Dampf seiner Zigarre zusah, wie dieser in die Höhe stieg und langsam zerrann.

„Nicht wahr, das Bier schmeckt Ihnen?“ fragte Althoff.

„O, das ist famos! Seit meiner Studienzeit habe ich es nicht so gut getrunken.“

Und er liebäugelte mit dem frisch gefüllten Glase, das vor ihm stand, und aus dem er dann einen tiefen Trunk tat. –

Der Doktor hatte öfter nach der Türe gesehen, da er noch immer hoffte, Nellie würde die Pastorin überredet haben, sie abzuholen.

„Ich dachte, Ihre Frau würde sich noch haben bewegen lassen, hierherzukommen,“ sagte er zum Pastor und fügte erklärend hinzu, als er dessen erstaunt fragende Augen auf sich gerichtet sah: „Ich hatte meiner Frau nämlich geschrieben, daß wir die Damen hier erwarteten.“

„So, so, das hatten Sie geschrieben? Werter Herr Doktor, meine Frau geht in kein Wirtshaus, sie sagte es ja noch heute morgen.“

„Das war doch nur Scherz,“ fiel Althoff ein.

„Nein, ach nein, in solchen Dingen scherzt meine Frau nicht.“

Ein bedauernder Zug glitt bei diesen Worten über die Züge des Pastors, von denen jetzt die ruhige Behaglichkeit verschwunden war. Der Gedanke an seine Frau machte ihn unruhig, er sah nach der Uhr und meinte, es wäre die höchste Zeit, daß sie gingen; energisch trieb er jetzt zum Aufbruch, an den er noch eben zuvor nicht gedacht hatte.

„Ich möchte doch meine Frau nicht warten lassen,“ sagte er, indem er sich seinen Überzieher anzog. Unterwegs schwärmte er noch immer von dem schönen Frühschoppen und erklärte scherzend, daß er bald mal wieder kommen würde, allein schon des guten Bieres wegen.

Als sie am Althoffschen Hause angelangt waren, überlegte er im stillen, wie er Rosi am besten beschwichtigen könnte und was er zu ihren Vorwürfen sagen wollte. Er stieg zögernd die Treppe hinauf und dachte: „Wie wird sie mich wohl empfangen?“ Aber Rosi empfing ihn besser, als er erwartete. Nellie und Ilse hatten es fertig gebracht, sie zu besänftigen, ihnen verdankte es der Pastor, daß er von seiner Frau zwar förmlich und gemessen, aber wenigstens ohne die erwartete Gardinenpredigt begrüßt wurde. Mit keinem Worte erwähnte sie, wo er gewesen war, und als Nellies Mann lebhaft bedauerte, daß die Damen nicht nachgekommen wären, schwieg sie auch. Der Pastor atmete erleichtert auf und setzte sich in bester Stimmung mit den übrigen zu Tische. Es schien, als erwarteten ihn heute lauter Genüsse. Doktor Althoff hatte einen feinen alten Wein aus dem Keller geholt und forderte lebhaft zum Trinken auf.

„Frau Pastor,“ sagte er zu Rosi, „Sie müssen aber besser trinken. Sie sind ja wahrhaftig noch beim ersten Glase. Nehmen Sie sich ein Beispiel an Ihrem Gatten, dessen Trunkfestigkeit ich heute morgen bewundert habe. Und zu spaßhaft ist es, daß er noch obendrein behauptet, er könne jetzt nichts mehr vertragen, als Student hätte er – nun, ich gebrauche die Worte Ihres Gatten – einen ganz anderen Stiefel vertragen können.“

Der Pastor rückte unruhig auf seinem Stuhle hin und her und sah seine Frau, die nicht von ihrem Teller aufblickte und kein Wort erwiderte, scheu von der Seite an. Warum schwieg sie heute nur so beharrlich? Es wurde ihm nachgerade unheimlich, da es doch sonst ihre Art nicht war. Wenn nur der Doktor auf ein andres Thema kommen wollte, aber immer wieder fing er an, alle möglichen Studentenfahrten zu erzählen, die der Pastor ihm diesen Morgen in fröhlicher Kneiplaune zum besten gegeben hatte. Die bedeutungsvollen Blicke, die er ihm zuwarf, schien er nicht zu verstehen, ja als er ihn mit dem Fuße anstieß, zog er den seinigen schnell fort, als wäre er aus Versehen dagegen gestoßen. Nellie und Ilse unterhielten sich köstlich und hörten aufmerksam zu, aber seine Frau verzog keine Miene.

„Wenn sie nur einmal ein Wort sagte,“ dachte er, ihre Ruhe kam ihm zu unnatürlich vor. Bis jetzt wußte sie noch nichts von allen seinen lustigen Streichen. Er hatte sie ihr wohlweislich verschwiegen, denn ihr pedantischer Sinn würde dieselben doch nicht begriffen haben. Und doch, wie schön war seine lustige Studentenzeit gewesen, wie übermütig hatte er damals sein können. Aber das war schon lange, lange her!

Zum zweitenmal heute wurden diese Erinnerungen lebhaft in ihm wachgerufen. Von seinen Jugendlieben hatte er dem Doktor leichtsinnigerweise auch erzählt; wenn er wenigstens davon schwieg, aber in demselben Augenblick schlug auch schon das Wort „Flammen“ an sein Ohr, und mit ahnungsloser Breite erzählte Althoff, wieviel reizenden Mädchen jener nachgelaufen wäre. Der Pastor senkte bei diesen Erzählungen die Augen wie ein junges Mädchen, denn er fühlte, daß jetzt Rosis Blick strafend auf ihm ruhte. Verlegen griff er immer wieder zu seinem Weinglas und stürzte einige Gläser voller Hast hinunter. Er suchte nach einem Ausweg, dem Gespräch eine andre Wendung zu geben. Ängstlich sann er darüber nach, stand dann plötzlich auf und schlug mit dem Messer an sein Glas. Als Rosi ihres Mannes gerötete Wangen und glänzende Augen sah, sprang sie auf und ging zu ihm.

„Bitte, lieber Adolf, setze dich wieder,“ sagte sie anscheinend sanft und legte die Hand auf seine Schulter. Da drehte er sich herum und wollte den Arm um sie schlingen, aber unwillig wich sie zurück.

„Ich wollte mich nur bei unsern liebenswürdigen Wirten für die freundliche Aufnahme bedanken, Röschen,“ sagte er lächelnd. „Für die wirklich reizende Aufnahme, die wir hier gefunden haben.“ Ohne sich von Rosis strengem Gesicht beirren zu lassen, fuhr er zu dem jungen Ehepaar gewendet fort: „Sie müssen uns auch recht bald besuchen, und dann kommen wir auch wieder zu Ihnen, denn es ist zu schön hier. Der Wein ist köstlich, das Essen schmeckt so gut und Sie, lieber werter Herr Doktor, sind ein so prächtiger Mann,“ hier erhob er seine Stimme, „und die Frau Doktor ist eine kleine famose Frau. Ach, so etwas haben wir nicht auf unsrem einsamen Lande. – Röschen, laß mich doch,“ wehrte er seine Frau ab, die sich ihm wieder genähert hatte und ihn zum Schweigen bringen wollte, „ich muß doch den guten braven Leuten danken! Komm Schatz, gib mir einen Kuß.“

Er breitete die Arme aus und wollte sie küssen, aber nun riß Rosis Geduld, sie stieß ihn unsanft zurück und lief zum Zimmer hinaus.

Der Pastor bemerkte kaum den Unwillen seiner Frau.

„Herr Doktor, die lustige Studienzeit soll leben!“ rief er, indem er Althoff sein Glas entgegenhielt, und in seliger Stimmung begann er das alte Burschenlied zu singen:

„_Gaudeamus igitur, Juvenes dum sumus._“

„O, wie dumm von sie,“ sagte Nellie halblaut, stand auf und ging Rosi nach. Sie fand sie im andern Zimmer, aufgelöst in Tränen.

„Was hast du?“ fragte Nellie, „warum weinst du?“

„Du fragst auch noch,“ schluchzte die Pastorin, „und weißt recht gut, warum ich weinen muß? Meinst du, es ist mir angenehm, daß sich mein Mann so beträgt?“

„O,“ gab ihr Nellie entschieden zur Antwort, „dein Mann hat ein gut Betragen. Was macht es, er hat ein klein Schwips und ist lustig, das schadet doch nix?“

„Wenn seine Amtsbrüder das sähen, er müßte sich ja zu Tode schämen!“

„Laß doch die dumme Amtsbrüder, sie wissen ja nichts davon. Komm Rosi, geh wieder hinein und tue, als wäre nichts geschehen. Es ist gewiß das klügste, was du tun kannst.“

Sie faßte die Weinende unter den Arm und wollte sie fortziehen, aber Rosi entwand sich ihr schnell und sagte beleidigt:

„Du denkst über solche Sachen eben anders, als ich, liebe Nellie; ich kann mich aber nicht so leicht darüber hinwegsetzen. Ich gehe nicht mit! Bitte, schicke das Mädchen nach unsrem Wagen, daß er sofort kommt; ich will nach Hause fahren.“

„O nein, du mußt noch bleiben,“ rief Nellie.

„Nein, auf keinen Fall,“ entschied Rosi kategorisch und achselzuckend schwieg Nellie. Sie ärgerte sich über Rosis Halsstarrigkeit und merkte, daß ihre Bitten nichts ausrichten würden. Im stillen glaubte sie auch, daß nach diesem Auftritt keine rechte Stimmung wieder aufkommen würde, und deshalb gab sie dem Mädchen den Auftrag, den Wagen zu bestellen, ohne Rosi noch weiter zum Bleiben zu nötigen.

„Es tut mir leid, daß du fort willst,“ sagte sie zu ihr, die mit dem Taschentuche ihre geröteten Augen trocknete.

„Ja, mir auch, Nellie, aber glaube mir, es ist das beste, wenn wir fahren; habe vielen Dank für deinen freundlichen Empfang. Und nun komm, ich will meinem Mann sagen, daß der Wagen gleich da sein wird.“

Den Pastor schien das Verschwinden seiner Frau nicht tief berührt zu haben. Er unterhielt sich lebhaft mit Althoff und hatte mit Ilse wiederholt auf das Wohl ihres Bräutigams angestoßen, was ihr jedesmal eine tiefe Röte in die Wangen trieb.

Rosi beherrschte sich und zeigte ein anscheinend ruhiges Gesicht, als sie ins Zimmer trat. Sie trug ihren Hut in der Hand und ihren Mantel über dem Arm und legte beides auf einen Stuhl.

„Lieber Adolf,“ sagte sie, zu ihrem Manne tretend, „willst du dich zurecht machen, ich habe den Wagen bestellt und er wird sogleich vorfahren.“

„Was, Röschen, geliebtes Weibchen, du willst schon fort?“ fragte er.

„Ich bitte dich, Adolf, komm, es ist die höchste Zeit, daß wir uns auf den Weg machen.“

Krampfhaft nahm sie sich zusammen, und unheimlich sanft klang ihre Stimme.

Aber Adolf hatte noch keine Lust zum Gehen. So heiter und fidel war er seit Jahren nicht gewesen. Lustig sang er:

„Nach Hause gehn wir nicht, Nach Hause gehn wir nicht, Nach Hause gehn wir lange nicht – –“

„Aber Adolf, Adolf, ich begreife dich nicht,“ unterbrach ihn Rosi, „so komm doch nur, ich will fort!“

„Bleiben Sie doch noch, Frau Pastorin,“ bat Althoff jetzt, aber ein verständnisvoller Blick seiner Frau bedeutete ihn, daß er seine Bitte nicht wiederholen solle. Rosi antwortete auch gar nicht darauf; voller Verzweiflung zupfte sie ihren Mann verstohlen am Ärmel und trieb fortwährend zum Aufbruch.

Aber alle Versuche, ihn zum Aufstehen zu bewegen, prallten an ihm ab.

„Nein, ich bleibe hier, du kannst allein fahren,“ erklärte er mit einer geradezu hartnäckigen Entschiedenheit und blieb sitzen. Rosi war außer sich und kämpfte von neuem mit den Tränen.

Der gutherzigen Nellie tat sie nun doch leid, sie schlang ihren Arm um sie und führte sie fort.

„Zieh dich deine Sachen an, dein Mann kommt dann schon,“ sagte sie und gab ihr den Mantel.

„Das kommt von dem Wirtshausgehen,“ fuhr die empörte Pastorin heraus, mit einer Miene, als hätte sie in dieser Beziehung schon die trübsten Erfahrungen in ihrer jungen Ehe gemacht.

Nellie lächelte, aber sagte nichts. Rosi war zu aufgeregt, in ihren Ansichten zu erhaben und halsstarrig, als daß sie ihr eine andre Meinung hätte beibringen können.

Ilse meldete jetzt, daß der Wagen vorgefahren sei. Von neuem ging Rosi zu ihrem Manne.

„So, ich bin fertig, willst du nun kommen?“

Er rührte sich nicht vom Platze.

„Aber Adolf,“ drängte sie wieder mit weinerlicher Stimme.

Lachend sah er sie an. Als er aber ihre heißen roten Wangen und ihre zornig funkelnden Augen bemerkte, erhob er sich endlich.

„Ich bliebe so gern noch bei den guten Leuten, es ist so reizend hier; warum müssen wir denn schon fort, Röschen? Was hast du denn für Eile?“

Unter solchen Beteuerungen und Fragen, die er fortwährend wiederholte, machte er sich zum Aufbruch bereit. Rosi verfolgte seine Bewegungen mit angstvollem Gesicht, es kam ihr vor, als ginge er unsicher die Treppe hinunter, als wäre sein Gang schwankend! Es war zu schrecklich, wie konnte er sich so weit vergessen! Sie war froh, daß es schon fast dunkel draußen war, da sah ihn wenigstens niemand.

„Röschen,“ sagte der Pastor unten zu ihr, „sage dem Kutscher, daß der Wagen aufgemacht wird, ich möchte beim Fahren in die Sterne sehen.“

Sie gab keine Antwort und riß die Wagentüre auf.

„Sage dem Kutscher, daß er den Wagen aufmacht, Kind,“ wiederholte er.

„Ich glaube, Herr Pastor,“ warf Althoff ein, „zum Fahren im offenen Wagen ist es heute abend zu kühl, Sie könnten sich erkälten.“

„Ich begreife überhaupt nicht, wie du auf diese Idee kommst, lieber Adolf,“ sagte Rosi unliebenswürdig, „wir sind doch nie im offenen Wagen gefahren. Aber bitte, nun beeile dich und steige ein, damit ich dir die Sachen zureichen kann.“ Sie drängte ihn zur Wagentüre. Er stieg aber nicht ein, sondern erklärte mit Bestimmtheit: „Der Wagen soll offen sein, sonst fahre ich nicht mit!“

„Herr Pastor, Ihre Frau hat recht,“ legte sich nun Nellie ins Mittel, die bei seinem Widerstand in Rosis Gesicht ein Ungewitter aufziehen sah, „es ist keine schöne Luft diese Abend, ein ander Mal können Sie der Sterne besehen.“

Sie sprach das erlösende Wort, denn der Pastor bestand nicht länger auf seinem Willen. Er ging auf Nellie zu und drückte ihr die Hand.

„Frau Doktor, vielen Dank, es war zu schön, zu schön,“ versicherte er voll Begeisterung. Und dann umarmte er Althoff, als nähme er Abschied, mindestens um nach Amerika zu gehen; dann übermannte ihn die Rührung, er konnte nicht mehr sprechen und stieg in den Wagen. Rosi sprang hinter ihm her, machte schnell die Türe zu, als hätte sie Angst, daß er wieder entschlüpfen könnte, und trieb den Kutscher zur Eile an. Sie sah noch flüchtig aus dem Fenster und nickte den draußen Stehenden zu, dann zog sie die verblichenen Gardinen dicht zusammen. Die schwerfälligen Gäule, durch einige Peitschenhiebe angetrieben, zogen langsam an, und die große Kutsche rumpelte von dannen.

Als die drei wieder im Zimmer waren, warfen sich Nellie und Ilse ungestüm ins Sofa und brachen in ein unbändiges Gelächter aus.

„Ihr seid doch noch recht alberne Kinder,“ sagte Althoff kopfschüttelnd. Aber Nellie sprang auf, hing sich an seinen Hals und drehte ihn im Kreise herum.

„Kein strenge Wort, Fred,“ rief sie lustig, „ich muß mir erst auslachen über den Pastoren-Ehepaar.“

„Ich finde, daß es hier nichts zu lachen gibt, Nellie,“ sagte er ernst. „Diese Szene zwischen den beiden war sehr peinlich, und ich habe mich über Rosi geärgert. Ich kenne sie nicht wieder; aus dem fügsamen sanften Mädchen ist eine herrische, anspruchsvolle Frau geworden, die mit ihren pedantischen, verkehrten Ansichten ihrem Manne das Leben schwer zu machen scheint.“

„Ich bin auch erstaunt, wie sehr sich Rosi verändert hat,“ sagte Ilse. „Sie hat ihren Mann vollständig unter dem Pantoffel.“

„O, wie wird es das arme Mann jetzt in die Gardinenkutsch’ schlecht ergehen,“ rief Nellie. „Ich möcht nicht in seine Fell sitzen, wie viel artige Redens wird ihn Rosi halten. O, und er war so lustig, er tut mich leid!“

„Rosi hat nicht nur töricht, sondern auch unrecht gehandelt; sie hätte mit Scherz über die Sache weggehen sollen, statt durch ihr Fortlaufen solche Ungemütlichkeit hervorzurufen. Nur durch ihr albernes Benehmen ist es so weit gekommen. Sie hat sich lächerlich gemacht. Es ist durchaus unwürdig von einer Frau, wenn sie stets ihren Willen durchsetzen will.“

Ilse war bei diesen Worten ihres früheren Lehrers nachdenklich geworden. Hatte sie bis jetzt auch stets ihren Willen durchsetzen wollen und dachte sie nicht, daß es in der Zukunft auch so sein müßte? Ja, Doktor Althoff hatte recht, es machte einen lächerlichen, unwürdigen Eindruck, wenn die Frau herrschte und der Mann sich fügte. Heute hatte sie sich davon überzeugen können. Ein Pantoffelheld, wie gräßlich, nein, den möchte sie nicht zum Manne haben. Und doch, wenn sich Leo jetzt und künftig immer ihrem Willen fügen sollte, würde er etwas anderes sein? Hätte sie nicht so gedacht, wäre es so weit gekommen? Wäre es nicht besser gewesen, sie hätte nachgegeben? Vergab sie sich dadurch etwas? Fiel es ihr unangenehm auf, wenn sich Nellie den Wünschen ihres Mannes in bereitwilligster Weise fügte und war sie deshalb eine untergeordnete Natur ohne selbständigen Willen? Nein, durchaus nicht, Nellie war nur klug, sie verstand es, fügsam zu sein, und erreichte durch ihr Nachgeben mehr, als durch eigensinnigen Widerstand; das hatte Ilse schon oft bemerkt. – Ein Gefühl der Reue wallte plötzlich heiß in ihr auf, und sie gestand sich, daß alles anders wäre, wenn sie nur das eine Mal nachgegeben hätte.

„Du bist ja so still geworden,“ sagte Nellie, „an was denkst du?“

„Ach, an gar nichts,“ gab sie ausweichend zur Antwort.

„Nellie,“ fragte sie dann nach einer Weile plötzlich, „nicht wahr, du magst es doch auch nicht leiden, wenn der Mann unter dem Pantoffel steht?“

„O, eine Pantoffelmann ist mich zum Totlachen, ich verachte ihn,“ rief die junge Frau. –

Ilse ertappte ihre Gedanken an diesem Abend noch oft bei Leo, und die ganze Nacht träumte sie von ihm. Sie war mit ihm zusammen, er sah aber ganz anders aus, als sonst, seine hohe Gestalt hatte etwas von der Unterwürfigkeit des Pastors, und zu allem, was sie sprach, sagte er: „Ja, ganz wie du wünschest, mein Kind.“ Das fand sie schrecklich und wurde schließlich ärgerlich, bis er ihr sagte: „Du willst ja, daß ich mich dir in allem fügen soll. Nur weil ich es nicht tat, hast du mich doch verlassen.“ Sein blasses, demütiges Gesicht brachte sie zur Verzweiflung, und sie flehte ihn auf den Knien an, daß er doch wieder anders werden möchte, so wie er früher war; sie wollte sich auch ändern und sie könnten dann wieder so glücklich sein wie früher. Als sie hierauf sehnsüchtig die Arme nach ihm ausstreckte, um ihn an ihr Herz zu drücken, griff sie in die leere Luft, – das Traumbild war verschwunden. Da quälte sie die Reue und entlockte ihr heiße Tränen, und als sie endlich aufwachte, fühlte sie, daß sie wirklich geweint hatte, und der Traum zog noch einmal beängstigend an ihrem Geist vorüber. Sie fragte sich, ob sie, wenn er jetzt käme, ihn wohl mit offenen Armen empfangen würde? Ja, ach wie gern, antwortete ihr Herz. – „Aber er kommt ja nicht,“ dachte sie traurig, „denn er liebt mich nicht mehr. Und doch wollte ich anders werden, käme er mich zu holen, aber mich so weit erniedrigen und ihn um Verzeihung bitten, nein, das kann ich nicht, das darf er nicht von mir verlangen.“ –

* * *

Leo litt unsagbar unter der Trennung von seiner Braut.

Wie Ilse hoffte, daß er ihr schreiben oder zu ihr kommen würde, so begrüßte auch er jeden neuen Tag in der Hoffnung, ein Lebenszeichen von ihr zu erhalten und jeden Abend ging er enttäuscht zur Ruhe. Eine rastlose Unruhe ergriff ihn schließlich, er versuchte sich durch eine angestrengte Tätigkeit zu betäuben, aber es fehlte ihm die Lust am Arbeiten. Er suchte Zerstreuungen, aber er hatte kein Vergnügen daran. Nichts half ihm, sein jetziges Leben erträglicher zu machen, die peinvollen Zweifel zu verscheuchen, die in ihm auftauchten. Sollte er sich in Ilse geirrt haben? Diese Frage quälte ihn unzählige Male, und doch, – nein, nein, das war ja nicht möglich, so zuversichtlich kann man nicht auf einen Menschen bauen, um dann getäuscht zu werden. Aber warum schwieg sie? Glaubte sie wirklich, daß er nach diesem Fall eine Versöhnung zwischen ihnen herbeiführen könnte? Er hatte fest darauf gerechnet, daß sie einsehen würde, wie unrecht sie ihm getan habe, und daß sie umkehren würde auf dem gefährlichen Wege, den sie beschritten hatte. Sie unterwarf seine Liebe einer harten Prüfung. War sie derselben so sicher, oder war sie ihr gleichgültig?

Sein verschlossenes, verändertes Wesen fiel seinen Eltern auf, doch ohne Arg, den wahren Grund nicht ahnend, schoben sie es auf sein angestrengtes Arbeiten, das er auf ihre besorgten Fragen vorschützte. Sie wären tief betrübt gewesen, hätten sie gewußt, was zwischen dem Brautpaar vorgefallen war. Leo hatte ihnen gelegentlich kurz erzählt, daß Ilse einige Zeit bei ihrer Freundin zubrachte und bei seinen seltenen Besuchen im Elternhause wußte er das Gespräch immer von seiner Braut abzulenken. Eines Tages erklärte er seinen Eltern, daß er sich einige Zeit Urlaub genommen habe, da er fühle, wie er der Erholung, der Auffrischung bedürfe. Deshalb habe er vor, für einige Wochen mit einem Freunde nach Paris zu gehen, der dort seine Studien fortsetzen wolle.