Trotzkopf's Brautzeit

Part 7

Chapter 73,787 wordsPublic domain

Er zog seine Uhr heraus.

„Nein, es ist schon viel zu spät,“ entgegnete er kurz. „Ich kann keinen Kaffee mehr trinken; es ist höchste Zeit, daß ich gehe. Adieu.“

Ohne Ilse die Hand zu reichen und Nellie den üblichen Abschiedskuß zu geben, ging er fort. Ilse sah, wie der jungen Frau eine heiße Blutwelle ins Gesicht stieg und ihre Augen sich mit Tränen füllten. Sie näherte sich ihr voller Mitleid und umschlang sie. Aber Nellie schob sie sanft zurück und eilte ihrem Gatten nach. Sie macht sich rein zu seiner Sklavin, dachte Ilse erbittert. Nun bittet sie ihn wohl gar noch um Verzeihung; ich begreife sie einfach nicht.

Nach kurzer Zeit kam Nellie zurück, und in ihrem vergnügten Gesicht sah man keine Spur von Erregtheit mehr. Sie nahm Ilse gegenüber Platz, welche am Fenster saß.

„Arme Ilse,“ sagte sie schelmisch, „du hast dir heute mittag gewiß recht gemopst mit uns langweilige Menschen; sei nicht böse.“

„Wie sollte ich böse sein, Nellie? Ich fasse nur nicht –“ hier stockte sie und sprach nicht weiter.

„Was fassest du nicht?“ fragte Nellie.

„Nun, ich fasse nicht,“ sagte Ilse, „wie du dir so viel gefallen lassen kannst von deinem Manne. Das ist mir rein unbegreiflich.“

„Du bist noch eine kleine unverständliche Person,“ gab Nellie zur Antwort. „Du wirst auch noch lernen zu schweigen, wenn dein Mann mal bös ist.“

„Das werde ich nie, niemals!“ beteuerte Ilse lebhaft.

„Du wirst,“ fiel ihr Nellie entschieden ins Wort. „Fred hat oft viel Ärger mit die Jungens in der Schule und wenn er nach Hause kommt, darf ihn sein kleine Frau nicht auch ärgern. Heute hat er so große Verdruß gehabt, das arme Mann. Du bist noch so jung, Kindchen, du verstehst noch nix von die Ehe, von das Benehmen der Frau gegen ihre Mann.“

Ilse lachte! „Das ist himmlisch! Du bist gerade zwei Jahre älter als ich und tust immer, als wenn du meine Großmutter wärst.“

„O, ich habe Erfahrung,“ rief Nellie, „und kenne die Welt mit die Menschen besser als du, Baby.“

„Ja, du bist meine einzige kluge Nellie,“ sagte Ilse, sie umschlingend. „Aber wenn dein Mann mal wieder böse gegen dich ist, bekommt er es mit mir zu tun.“

Nellie hatte sie durch ihre Worte zwar nicht bekehrt, und sie gab ihr nicht recht, denn sie wollte nicht die Sklavin ihres Mannes werden, aber im Grunde ihres Herzens bewunderte sie doch die Freundin und ihre Selbstbeherrschung.

* * *

Seit dem Besuche bei Flora war wieder eine Woche verstrichen. Das Doktorpaar hatte schon nach einigen Tagen einen Gegenbesuch gemacht, und Floras Mann hatte Ilse außerordentlich gut gefallen. Er war klug und liebenswürdig und hatte ein ruhiges, sicheres Benehmen. Bei Floras überschwenglichem Unsinn schwieg er meistens, und es erschien dann in seinem Gesicht ein Ausdruck, als ergebe er sich in das Unvermeidliche, das zu ändern er aufgegeben hatte.

„Wie kam nur der nette Mann dazu, sich in Flora zu verlieben, Nellie?“ fragte Ilse. „Ich begreife das nicht.“

„O,“ meinte diese, „Florchen wird sein Herz mit ihre schöne Liebesgedichte gefangen haben. Wir müssen ihr gelegentlich über ihre Verlobung ausforschen. Mich tut der arme Mann leid und die kleine Baby; Flora macht ihnen kein Glück, weil sie nichts wie dummes Zeug im Kopf hat.“ –

An einem Sonntagmorgen saß das junge Althoffsche Ehepaar mit Ilse gemütlich am Kaffeetisch, als das Mädchen einen Brief für Nellie hereinbrachte.

„Eine große Neuigkeit!“ rief sie, als sie ihn gelesen hatte. „Ratet, ich sage nix,“ und geheimnisvoll sah sie zu Ilse hinüber, deren Blicke ängstlich fragend auf ihr ruhten. Was mochte der Brief für eine Nachricht enthalten, von wem mochte er sein? Ihr Herz pochte in heftigen Schlägen, und wieder tauchte die Hoffnung in ihr auf: es ist vielleicht eine Nachricht von ihm, und er meldet sein Kommen an. Die erwartungsvolle Aufregung, in der sie die erste Zeit hier verbracht hatte, war nach und nach einer bitteren Ruhe gewichen. Sie zerfloß nicht mehr in leidenschaftlichen Tränen, wenn Briefe von den Eltern eintrafen, die nichts von Leo enthielten, und sie schreckte auch nicht mehr bei jedem Klingeln zusammen. Nur abends, wenn sie im Bette lag, scheuchten noch häufig angstvolle Gedanken den Schlaf von ihren müden Lidern, und sie wälzte sich dann manchmal ruhelos auf ihrem Lager umher. Schwarz wie die Nacht erschien ihr dann die Zukunft, sie kam sich einsam und verlassen vor und schlief unter Tränen ein. –

Ilse wagte nicht, Nellie, welche sich mit ihrem Manne herumneckte, nach dem Inhalt der Karte zu fragen.

Doktor Althoff, der nach langem Hin- und Herraten, das ihm jedesmal ein lakonisches „Falsch“ von seiner Frau eingetragen hatte, ungeduldig geworden war, nahm schließlich Nellie den Brief aus der Hand.

„O, was seid ihr Männer neugierig,“ sagte sie lachend. Er las den Brief und warf ihn dann auf den Tisch.

„Wenn es weiter nichts ist,“ sagte er mit enttäuschter Miene, „ich dachte Wunder, was der Brief enthielte! Also Pastors wollen uns heute besuchen, das ist die ganze interessante Neuigkeit. Na, das wird einen heiteren Sonntag geben,“ setzte er mit sauersüßer Miene hinzu.

Ilse hatte gespannt auf jedes seiner Worte gelauscht, sie war von neuem enttäuscht, und doch löste es sich wie ein Alp von ihrer Brust.

„Ilschen,“ wandte sich Nellie jetzt zu ihr, „die artige Rosi mit ihre Pfarrersmann wird uns heute besuchen. Freust du dich nicht?“ Sie nahm den Brief wieder an sich und las ihn nochmals. „Durch Flora hat Rosi von dein Hiersein gehört und freut sich riesig dich wiederzusehen,“ teilte sie Ilse mit. „Sie fahren mit der Kutsche, schreibt mich Rosi, um acht Uhr von den Dorf weg; wann sind sie also hier, Fred?“

Sie mußte ihre Frage wiederholen, denn er las in der Zeitung und hatte nicht zugehört.

„Um acht Uhr fahren sie fort,“ berechnete er, – „vielmehr sind sie fortgefahren, da werden sie gegen elf Uhr hier sein.“

„O, dann haben wir noch viele Zeit,“ meinte Nellie, „dann können wir in Ruhe Vorbereitungen zu Ehrwürdens Empfang machen. Hilfst du mir, Ilschen?“

„Natürlich, Nellie! Ich bin riesig gespannt, Rosi wiederzusehen. Sie ist gewiß eine unterwürfige Frau, eine demütige Magd, wie sie im Buche steht, geworden.“

Die Kaffeestunde wurde heute abgekürzt, denn Nellie mußte für das Frühstück und Mittagsmahl sorgen. Geschäftig eilte sie mit dem Schlüsselkörbchen klappernd hin und her, bald war sie in der Küche, bald im Zimmer. Jetzt kam sie mit einem Pack Tischzeug herein, legte dasselbe auf den Eßtisch und fing an zu decken. Ilse stand mit verschränkten Armen daneben und sah ihr zu.

„Nellie, weißt du noch, wie ungeschickt ich mich in der Pension benahm, als ich zum ersten Male den Tisch decken sollte? Jetzt mache ich solche ‚Dienstbotenarbeiten‘ ganz gern; so geschickt wie du bin ich natürlich noch nicht und werde es auch nie sein.“

„O, _darling_,“ erwiderte Nellie, „wenn du erst ein kleines Hausfrau bist, wirst du alles schön machen, viel schöner als ich es –“

Ilse ließ sie den Satz nicht beenden. Das Wort Hausfrau hatte sie peinlich berührt und machte sie verlegen. „Nein,“ rief sie schnell, „nie, nie! Ich bin ein ungeschicktes, plumpes Bauernmädchen gegen dich.“

„O, o,“ sagte Nellie, indem sie bei diesen übertriebenen Worten erstaunt aufblickte, „wie kannst du dich unterstehen, eine liebe Freundin von mir so schlecht zu machen, das verbitte ich mich. Komm, hier hast du eine Obstschale und hier den Obst von dem Büffet. Da sind auch einige Weinblätter noch, du mußt ihr malerisch zwischen die Früchte gruppieren.“

„Ich will versuchen, ob ich die Blätter malerisch gruppieren kann,“ lachte Ilse.

„O du kannst,“ entschied Nellie, „du hast ein groß malerisch Sinn.“

Der Frühstückstisch war fertig, und die Obstschale prangte in der Mitte. Nellie überschaute alles noch einmal mit prüfendem Blicke.

„Wir haben unser Sach gut gemacht,“ sagte sie befriedigt zu Ilse, „wir dürfen uns dieser Lob spenden. Vor artig brave Rosi dürfen wir uns aber auch keine Bloßheit geben.“

„Das ist klassisch: Bloßheit geben. Blöße meinst du wohl, Nellie?“ verbesserte Ilse heiter. „Du hast oft Ausdrücke zum Totlachen, aber sie klingen in deinem Munde furchtbar niedlich und süß!“

„O, du furchtbar niedliches Ilsekind,“ neckte Nellie, „du mußt nicht über mich lachen, wenn ich falsch spreche, du mußt mir ausbessern.“

Es war eine kleine Koketterie von der jungen Frau, daß sie sich oft nicht die Mühe gab, die richtigen Worte zu finden, weil sie genau wußte, wie drollig und komisch es klang, wenn sie so gebrochen deutsch sprach.

Nellie verschwand jetzt eiligst, um ihren hellblauen Morgenrock mit einem Hauskleide zu vertauschen.

„Du mußt mir rufen, wenn du den Wagen kommen hörst,“ rief sie Ilse noch zu, die sich ans Fenster gesetzt hatte und nun nachdenklich auf die Straße hinabschaute.

Mit gemischten Empfindungen sah sie Rosis Ankunft entgegen. Sie freute sich, die Pensionsfreundin wiederzusehen, aber der Gedanke, daß sie wieder peinliche Fragen nach ihrem Verlobten über sich ergehen lassen müsse, wie bei Flora, beunruhigte sie schon im voraus. Sie kam sich wie eine Schuldige vor, die ihre Schuld vor der Welt verbergen mußte, und dieses Gefühl war ihr schrecklich. Gegen elf Uhr hörte sie fernes Wagenrollen und schnell rief sie nun die Freundin herbei.

„Das Landpastorkutsch erregt große Aufsicht,“ sagte Nellie und wies auf die Fenster der Nachbarhäuser, die mit Neugierigen besetzt waren, welche das herannahende Wagengebäude in Augenschein nehmen wollten. Langsam bewegte sich dasselbe vorwärts und unterbrach jäh die sonntägliche Stille durch das Gerassel, welches es auf dem holperigen Straßenpflaster verursachte. Zwei schwerfällige dicke Gäule wurden von dem Kutscher durch Zureden und Peitschenhiebe angetrieben, ohne daß es ihm gelungen wäre, sie aus ihrem Phlegma aufzurütteln. In unregelmäßigen Schwankungen bewegte sich der große, über und über mit Schmutz bedeckte Wagen, dessen ehrwürdiges Alter nicht zu verkennen war, vorwärts; die einstmals wahrscheinlich blauen, jetzt bis zur Unkenntlichkeit verschossenen Gardinen waren zugezogen, und umsonst reckten sich die Hälse der Neugierigen krampfhaft aus, in dem Bemühen die Insassen zu sehen. Diejenigen, welche dem Althoffschen Hause gegenüber und dicht daneben wohnten, harten es bequemer; denn als der Wagen hielt, konnten sie ohne Genickverrenkung erkennen, wer ihm entstieg.

Also Althoffs bekommen Besuch, das war ja höchst interessant! Leider konnte man seine Neugierde nicht genügend befriedigen, denn die zwei Personen, welche den Wagen verließen, wurden nicht, wie man erwartet hatte, draußen an der Pforte in Empfang genommen, sondern verschwanden sogleich hinter der Haustüre. Man hätte sich die beiden so gern erst genauer betrachtet, gerne gewußt, welches Kleid die Dame unter ihrem Mantel trug, und den Schnitt desselben geprüft. Auch konnte man unter dem dichten Schleier, den sie vor das Gesicht gezogen hatte, nicht erkennen, ob sie jung oder alt, hübsch oder häßlich war. Kurz und gut, man war enttäuscht, wie die verwitwete Frau Sekretär, welche Althoffs gegenüber wohnte, durch das ärgerliche Zuschlagen ihres Fensters deutlich bewies.

„Komische Moden führt die junge Frau da drüben ein,“ sagte sie zu ihrer verblühten Tochter. „Bisher war es Sitte, daß man seinen Gästen entgegenging; wie unpassend, ihnen nicht mal beim Aussteigen behilflich zu sein! Na, wie ich das finde!“ Sie begleitete ihre Worte mit einem mißbilligenden Kopfschütteln und setzte sich wieder an ihren Nähtisch.

„Ja, das kommt mir auch merkwürdig vor,“ pflichtete das älteste Mädchen bei. „Übrigens kann es uns ja ganz egal sein, was die da drüben machen und tun.“

Und doch war es ihr nicht gleichgültig, was „die da drüben“ taten, denn sie war eine scharfe Beobachterin ihres Gegenüber. Das glückliche junge Ehepaar weckte so oft ein geheimes Sehnen in ihrem Herzen, mancher Seufzer entstieg dann ihrer Brust und voll Bitterkeit dachte sie, daß ihr, der alten Jungfer, niemals ein solches Glück erblühen würde. –

Drüben war die Begrüßung vorüber, und Althoffs saßen mit ihren Gästen bereits am Frühstückstisch. Die beiden Ehepaare waren im lebhaften Gespräch, und Ilse hatte daher Muße, sich ihre Schulfreundin und deren Mann gründlich zu betrachten. „Genau, wie sie Nellie geschildert hat,“ dachte sie in ihrem Innern. Rosi hatte sich wenig verändert, nur strenger waren ihre Züge geworden, und die Haare glänzten vielleicht noch heller als früher in ihrer Glätte. Tadellos wie immer war ihre Haltung und von fast klösterlicher Einfachheit ihr Anzug. Das schwarze Kleid sah doch recht trist und altmodisch aus, und wie steif war der weiße Strich am Kragen, den die goldene Brosche zusammenhielt, welche schon in der Pension aller Entsetzen gewesen war. Auch der Herr Pastor im langen, schwarzen, tabakduftenden Rock wurde von Ilse einer eingehenden Prüfung unterworfen, ihrem scharfen Blick entging nichts. In dem gutmütigen Gesicht berührte ein liebenswürdiger Zug äußerst angenehm, aber über den schüchternen Ausdruck in seinen blauen Augen mußte Ilse unwillkürlich lächeln. Und wie unbeholfen waren seine Bewegungen, als er sich jetzt mit der Hand über seine dünnen blonden Haare strich und dann die goldene Brille zurecht rückte.

Rosi riß Ilse endlich aus ihren Betrachtungen.

„Liebe Ilse,“ sagte sie freundlich, „ich freue mich, dir nun mündlich noch zu deiner Verlobung gratulieren zu können. Ich nehme den wärmsten Anteil an deinem Glück. Wann heiratet ihr denn?“

„O, noch lange nicht,“ stieß Ilse hervor und wurde blutrot, denn sie bemerkte, daß der Pastor bei diesem Gespräch zu ihr herüber blickte, wahrscheinlich wollte auch er seinen Glückwunsch hinzufügen. O, diese Wünsche für ihr Glück erschienen ihr wie der bitterste Hohn, und die Heuchelei, die Verstellung, mit der sie dieselben hinnehmen mußte, widerstanden ihrer ehrlichen Natur.

„Ach, ich dachte, ihr würdet schon bald heiraten! Nellie, sagtest du mir nicht, die Hochzeit sollte im Frühjahr oder Sommer sein?“ fing Rosi das peinliche Verhör wieder an.

Ilse saß wie auf Kohlen, verstohlen blickte sie zu Nellie hinüber, welche diesen flehenden Wink auch verstand und ihr zu Hilfe kam. Rosis Frage scheinbar überhörend, nahm sie eifrig einen Teller mit Aufschnitt vom Tisch und reichte ihr denselben hin.

„Bitte, iß noch, Rosi,“ nötigte sie lebhaft, „denn wenn wir nachher in der Stadt umherlaufen und Besorgungen machen wollen, mußt du dir erst tüchtig satt essen.“

„Ja, liebe Frau,“ wandte sich der Pastor jetzt an sie, „was meinst du, ich denke, du machst deine Besorgungen mit Frau Doktor und Fräulein Ilse, und wir treffen uns nachher im Ratskeller, wo wir beiden Herren einen Frühschoppen trinken wollen.“

Rosi sah ihren Mann mit so erstaunten Augen an, daß er ganz verlegen wurde, sich einige Male räusperte, wobei er die Fingerspitzen auf den Mund legte und schließlich nach einer kleinen Pause die Worte hervorstotterte:

„Doktor Althoff machte mir nämlich den Vorschlag.“

„Frau Pastorin,“ fiel dieser ihm in die Rede, „Sie haben wirklich einen ganz durchtriebenen Gatten. Jetzt schiebt er alle Schuld auf mich, während er es war, der mich zum Frühschoppen verleiten wollte.“

Rosi verzog bei diesem Scherz keine Miene.

„Ich denke, wir bleiben besser zusammen,“ sagte sie entschieden zu ihrem Mann, „und dann, du weißt doch, in Wirtshäuser gehe ich grundsätzlich nicht.“

Ilse sah verwundert zu ihr hin. War das denn die sanfte, fügsame Rosi von früher?

„O,“ rief Nellie, „du armes Rosi, wie bedaure ich dir, denn in der Kneip ist es zu schön. Oft gehe ich mit Fred und einige gute Freunde ins Wirtshaus, und dann trinken wir Bier zusammen. O, das ist fein! Und das Comment hat mir Fred auch gelehrt, ich kann es gut – paß auf!“

Sie sah Rosi mit schelmischer Herausforderung an, erhob ihr Glas und hielt es dem Pastor entgegen.

„Herr Pastor, trinken Sie auf mein Wohl, dann werde ich mir _a tempo_ löffeln,“ rief sie lustig.

Er wurde über und über rot wie ein junges Mädchen, aber dem lieblichen Gesicht der jungen Frau konnte er nicht widerstehen. Er nahm sein Glas und stieß mit ihr an. Er wollte auch etwas sagen, aber das Wort blieb ihm in der Kehle stecken, als er einen verstohlenen Blick auf seine Frau warf.

Sie stimmte nicht mit ein in das fröhliche Lachen Althoffs und Ilses, sondern richtete sich noch steifer auf, und ihre Züge blieben unbeweglich. In ihrem Innern dachte sie mit Unwillen: „Nellie ist doch recht burschikos.“

„Ich denke, wir brechen jetzt auf, lieber Adolf,“ sagte sie sanft aber bestimmt und stand auf. „Wir haben eine Menge Besorgungen; es möchte sonst zu spät werden.“

Die andern erhoben sich pflichtschuldigst.

„Kommen Sie mit in mein Zimmer, Herr Pastor,“ sagte Althoff. „Bis die Damen fertig sind, wollen wir eine Zigarre rauchen.“ Der Pastor begrüßte diese Aufforderung mit großer Freude, denn er fürchtete jetzt ein Alleinsein mit seiner Frau.

Nellie war in die Küche gegangen, um für das Mittagessen noch einige Anordnungen zu treffen. Ilse hatte Rosis Sachen vom Vorplatz hereingeholt und belustigte sich nun über die Umständlichkeit, mit der die Frau Pastorin ihren Hut vor dem Spiegel aufsetzte.

Sie war doch noch ganz die pedantische Rosi aus der Pension! Die Bänder des Kapothutes wurden zu einer streng symmetrischen Schleife zusammen gebunden, dann feuchtete sie die Fingerspitzen mit der Zunge an und strich mit denselben über den Scheitel, damit jedes sich vorwitzig hervordrängende Härchen in seine Schranken zurückgewiesen wurde. Eine innere Unruhe ergriff Ilse bei diesen Anstalten. Wie konnte man nur beim Anziehen so langweilig sein. Wenn sie sich ihren Hut aufsetzte, blickte sie nur flüchtig in den Spiegel, um zu wissen, ob er schief oder gerade saß, und damit Punktum! Endlich war Rosi fertig, und die Reise konnte nun losgehen.

Als alle zum Ausgehen gerüstet auf dem Vorplatz standen, nahm Rosi eine Tasche vom Kleiderständer herunter und hing sie sich über den Arm.

„O, dieses entsetzliche Tasch nimmt sie mit,“ flüsterte Nellie Ilse zu und betrachtete das Ding mit mißtrauischen Augen.

Schön war die Tasche nicht, das konnte man nicht behaupten, aber desto größer, von grober grauer Leinwand, worauf mit lila Wolle in Kettenstich die Worte gestickt waren: „_Bon voyage_“.

„Willst du den Sack mitnehmen, Rosi!“ machte Nellie ihren Gefühlen Luft. „Du brauchst nicht,“ fügte sie freundlich hinzu, „die Kaufleute schicken gern alle Ware ins Haus.“

„Einen Sack brauchst du diese Tasche nun nicht gerade zu nennen, Nellie, wenn du sie auch nicht schön findest,“ erwiderte Rosi gereizt und zog die Geschmähte noch fester über ihren Arm.

„O, sei nicht böse, ich kenne in der deutsche Sprach noch oft nicht die richtige Worte“, entschuldigte sich die junge Frau, und der Schalk lachte aus ihren Augen.

„Das scheint so,“ meinte Rosi kühl und ging voran.

Verschiedene Einkäufe waren schon besorgt und die Pakete in die verpönte Tasche gewandert, die sich behaglich in die Weite und Breite dehnte.

„Hier möchte ich noch eine Arbeit für meinen Mann zu Weihnachten kaufen,“ sagte Rosi leise zu den beiden Freundinnen und blieb vor einem Stickereiladen stehen.

„Lieber Adolf,“ wandte sie sich zu ihrem Manne, „du bleibst wohl hier so lange vor dem Laden stehen; ich möchte etwas kaufen, was du nicht sehen sollst. Sei auch so gut und halte die Tasche so lange.“

Sie wollte ihm damit die lila ‚_bon voyage_‘ in die Hände geben, aber Ilse riß sie ihm fast fort. Sie fand Rosis Zumutung ihrem Manne gegenüber empörend.

„Bitte, Herr Pastor, lassen Sie mir die Tasche,“ bat sie, als er sie ihr fortnehmen wollte, „es würde doch zu lächerlich aussehen, wenn Sie das Ding hielten.“

„Sie sind zu gütig,“ stammelte der Pastor, „aber Rosi möchte doch gern, daß ich die Tasche hielte; bitte, geben Sie.“

Ilse war jedoch schon hinter der Ladentüre verschwunden und gesellte sich zu Nellie und Rosi, welche bereits eifrig mit dem Ladenfräulein verhandelten.

Hilflos sah ihr der Pastor nach.

„Ob es Rosi wohl recht ist, daß ich die Tasche hergab?“ sagte er halblaut, und sein ängstlich fragendes Gesicht war so komisch, daß sich Doktor Althoff abwenden mußte, um nicht laut aufzulachen.

„Wollen wir nicht ein wenig auf und ab gehen,“ sagte Althoff, als sie eine Weile gewartet hatten, „die Damen scheinen lange zu wählen; ich kenne das schon von meiner Frau her.“

„Wenn Sie meinen, Herr Doktor,“ entgegnete der Pastor zaghaft. „Nun ja, wie Sie wollen. Ich hoffe jedoch, die Damen werden bald fertig sein.“

Er trat an die Ladentüre heran und sah durch das Fenster. Die drei Damen schienen noch nicht ans Fortgehen zu denken. Auf dem Ladentische vor ihnen lag eine unendliche Menge Sachen ausgebreitet, unter denen die Wahl recht schwierig sein mochte, denn sie wanderten von Hand zu Hand und wurden eingehend besichtigt, worauf die drei Köpfe zu einer eifrigen Beratung dicht zusammenrückten. Der Pastor überzeugte sich, daß die Damen wohl noch lange nicht fertig sein würden, und ging deshalb auf Althoffs Vorschlag ein. Langsam spazierten die beiden Herren auf und ab und jedesmal, wenn sie an dem Laden vorbei kamen, warf der Pastor forschende Blicke in das Innere desselben.

„Es dauert recht lange, bis die Damen fertig sind,“ meinte er.

„Ja,“ lachte Althoff, „das kenne ich schon, wenn Frauen einkaufen, muß man Geduld haben. Übrigens da fällt mir ein, ich möchte Ihnen gern das Rathaus zeigen, dessen Renovierung jetzt sehr fortgeschritten ist. Es wird wirklich hübsch, kommen Sie.“

Er faßte den Pastor unter den Arm und zog den halb Widerstrebenden mit sich fort.

„Ja, ich sähe es gern, aber Verehrtester, wenn wir dann unsre Frauen nur nicht verfehlen.“

„Aber ich bitte Sie, in diesem kleinen Nest kann man sich ja gar nicht verfehlen.“

Nach einigem Zögern willigte der Pastor ein.

Das alte Rathaus im neuen Schmuck gefiel ihm und mit Interesse betrachtete er alle Giebel und Türmchen des gotischen Baues.

„Und innen müssen Sie es auch besichtigen,“ sagte der Doktor, „die Vorhalle ist sehenswert. Jetzt sind die Fresken an den Wänden auch bis auf einen kleinen Teil fertig.“

Sie stiegen die Steintreppe empor, betraten den mit Fliesen ausgelegten Fußboden der großen Vorhalle, unterwarfen die neuen Gemälde einer eingehenden Kritik und schritten dann weiter. Die ausgebauten Erker mit den Butzenscheiben und den Holzbänken ringsherum waren nicht verändert und die bis zur Hälfte der Höhe mit Eichenholz getäfelten Wände hatte der Pastor auch schon früher bewundert. Nur auf den Gesimsen, die mit alten Krügen und Gläsern besetzt waren, entdeckte er manches noch nicht gesehene Stück und blieb davor stehen. Althoff kam es vor, als betrachte er die schweren Humpen nicht einzig und allein mit dem Interesse des Kunstkenners, und da er sich dabei auf seinen eigenen durstigen Gedanken ertappte, fragte er scherzend:

„Was meinen Sie, Herr Pastor, wollen wir nicht einen solchen Humpen auf das Wohl unserer Frauen leeren?“

Erschrocken sah sich der Angeredete um.

„Wir haben es hier nämlich sehr bequem,“ fuhr Doktor Althoff fort, „wir brauchen nur diese kleine Treppe hinunterzugehen und können uns unten an einem herrlichen Frühschoppen laben.“

Der Pastor stand noch immer unschlüssig da.

„Ja, aber meine Frau,“ warf er ein, „sie weiß dann nicht, wo ich geblieben bin, und darum möchte ich es lieber nicht tun.“

„Ich schicke einen Kellner mit einem Zettel nach dem Laden, wo die Damen sicher noch sind,“ beschwichtigte ihn Althoff, „kommen Sie nur. Es gibt hier ein famoses Spatenbräu.“

„So?“ sagte der Pastor und zeigte sich bei dieser verlockenden Aussicht schon geneigter, mitzugehen; „ach ja, gutes Bier habe ich lange nicht getrunken. Wir trinken abends stets Tee.“

Dabei fiel ihm seine Frau wieder ein, und er war wieder voll Zweifel, ob er mitgehen sollte.

„Wenn es meiner Frau nur recht ist,“ sagte er unentschlossen.

„Ihre Frau Gemahlin wird sich freuen, daß ich Sie zu einem Glas Bier überredet habe.“